45.
Das Kind wird im August geboren; es ist ein Knabe, den sie Hans Jakob nennen. Obwohl der Bankherr noch einmal begütigt worden ist, weiß Heinrich Pestalozzi,daß sein Mißtrauen nur auf den günstigen Augenblick wartet, sich ganz zurückzuziehen. Die Sorgen und Kämpfe um die Rettung seiner Existenz haben ihn so täglich beansprucht, daß er mit Scham und Schrecken vor den Richterstuhl des Ereignisses kommt. Seine Mutter ist zur Pflege da; sie legt ihm das kleine Wesen, das aus dem Schoß der Geliebten ans Licht gebracht worden ist und erschrocken von dieser Reise mit seinem dünnen Stimmchen schreit, mit einem wissenden Lächeln in die Hände. Er vermag der Erschütterung nicht standzuhalten, gibt ihr in einer abergläubischen Furcht das Kissenbündel zurück und läuft in den sinkenden Sommertag hinaus. Seit seinem Unglück mit dem Bankherrn ist ihm zumute, als ob alles mißraten müsse, was seine Hände anfassen, und dies ist eine lebendige Seele.
Doch irrt er noch im Schatten seiner Bäume, als ihm eine Stimme aus dem Ungewissen Halt ruft: Ob er das Kind in seine Hände nimmt oder nicht, es bleibt sein Sohn, mit dem er gegen Gott und die Welt in eine neue Verantwortung getreten ist. Da gilt es andere Eigenschaften, als in feigem Aberglauben davon zu laufen. Indem er sich beschämt nach dem Haus zurück wendet, darin er sein Kind, seine Frau und seine Mutter in der Heiligkeit einer Menschengeburt verlassen hat, und in einem einzigen Aufblick die ewige Verantwortung seiner Vaterschaft fühlt, erkennt er auch, wie kläglich seine Sorgen und Kämpfe in den Monaten zuvor am Vergänglichen gehangen haben: Ein stolz gebautes Wohnhaus und blühende Kleefelder, Darlehen undKaufbriefe sind keine Dinge, die vor Gott wichtig stehen; er ist ein Narr der Täglichkeiten geworden wie tausend andere und hat keine Zeit mehr für seine Seele gehabt, die sich darum furchtsam verkriechen wollte, wo etwas anderes als Geschäfte an sie kam.
Die Frauen fürchten sich fast, als er wieder zu ihnen in die Kammer tritt, so sehr ist sein Gesicht von Tränen überströmt; auch verstehen sie seine Gebärde nicht, wie er das Kind aus der Wiege nimmt. Er macht es nicht recht, und seine Mutter springt ihm bei, daß er kein Unheil anrichte mit den kleinen Gliedern; dann aber muß sie lächeln, wie er in seiner Ungeschicklichkeit dasteht, die beiden Arme vorgestreckt, das Kissen zu halten, darauf das Neugeborene mit seinem struppigen Kopf liegt. Er läßt sich ehrfürchtig nieder mit einem Knie, wie wenn er es darbringen wollte, steht auch nicht auf, als ihm die Mutter das Bündel vorsichtig wieder abnimmt und in die Wiege legt. Darin hast du auch gelegen, sagt sie scherzend, um ihn nicht zu erzürnen, und bringt die Wiege leise tuschelnd in Gang, weil das Knäbchen schon wieder weinen will. Heinrich Pestalozzi, den die Scham fast tötet, als Kind, Mann und Vater im Geheimnis der Zeugung entblößt zwischen den Frauen dazustehen, hört es nicht; erst als Anna ihn ängstlich bei Namen ruft, hebt er die Augen wieder in die Welt und sinkt weinend zu ihr hin, wie wenn er ihr ein Unrecht angetan hätte, daß er sie aus ihrer einsamen Jungfrauenschaft zu einer Mannesfrau und Mutter machte. Sie aber, die nur das Glück der Erlösung darin empfindet, streichelt ihm vielmals dieschwarzen Haare, als ob er ihr Neugeborener wäre: Heiri, sagt sie, und ihre Stimme geht auf dem süßesten Grat der Liebe, nun muß unser Haus bald fertig sein!