56.
Die Bauern auf dem Birrfeld sagen, daß dem Märki die schwarze Pestilenz als Teufel aus der Futterkiste erschienen wäre; aber so sehr sie dem Metzger denSchrecken gönnen, die Narrheit bleibt doch an Heinrich Pestalozzi hängen; und wie sie ihn danach bei Sonnenschein und Regen draußen herumlaufen sehen, bestätigt ihnen nur, daß ihm sein Unglück mit dem Neuhof und der Armenanstalt auf den Verstand geschlagen sei.
Er ist aber nur in eine Auseinandersetzung mit dem Ungetüm geraten, das nicht — wie es scheint — vom Überfluß, sondern von Mühsal und Armut lebt; denn die ihm zu fressen geben, sind die Schwachen, Leichtfertigen und Verzweifelten, die, irgendwie von der Bank unverdrossener Arbeit abgerutscht, ihr Letztes in Trunk und Geschwätz vertun, während der Wirt die ärmlichen Groschen einsammelt und also von dem Ungetüm lebt wie ein Savoyardenknabe von seinem Murmeltier. Er will es zum Helden einer Geschichte machen; und ob er somit den Kampf mit dem Ungetüm nur auf dem Tabellenpapier seines Erbahnen aufnehmen kann: mit einer Handlung, einfach und drastisch genug in alle Köpfe einzugehen, wird seine Feder, so hofft er, ihm doch eine gefährliche Waffe werden.
Diese Handlung aber vermag er lange nicht zu finden, weil er immer noch nicht von sich selber loskommt und sich stets wieder als vorwitziger Advokat allein auf der Bühne redend findet. Da hilft ihm unvermutet die tapfere Lisabeth aus der Not; als er sie eines Tages wieder bei ihrer Unverdrossenheit beobachtet hat, wie sie den Kreis der Ordnung Tag für Tag um ihren Mittelpunkt vergrößert, als er sich ausmalt, wie sie einem Mann anders als die meisten Bauernweiber an die Hand zu gehen vermöchte, von dem Ungetüm loszu kommen: da hat er endlich den Gegenspieler seiner Handlung gefunden, um dem hundertköpfigen Tier nicht mit den Mitteln fremder Hilfe, sondern mit den Waffen der Armut selber beizukommen. Er braucht der tapferen Person nur einen leichtfertigen Mann und Kinder anzudichten, wofür sie kämpft, und schon ist der Aufbau einer Handlung gegeben, die sich anders als die moralischen Erzählungen Marmontels in die Wirklichkeit einstellen soll.
Als ihm dann noch der Märki als Vogt und Wirt in seine Handlung kommt und er ihm um der Hummeläcker willen den Namen Hummel gibt, macht er eine Gertrud aus ihr, die als die Frau eines Maurers namens Lienhard den Kampf mit dem Vogt beginnt und schließlich das ganze Dorf von ihm und dem Ungetüm befreit. Er hat sich dessen nie für fähig gehalten: wie die Gestalten seiner Handlung von allen Seiten zulaufen, wie sich Gespräch und Tat verflechten, und wie aus der geplanten Belehrung eine Darstellung des Schicksals wird, die ihn selber oft genug zum Weinen erschüttert. In wenigen Wochen stehen die hundert Kapitel seines Buches da, als wären sie nicht erfunden, sondern ein Bericht aus dem Leben, wie es sich wirklich abgespielt hätte. Da weiß er, daß die Schriftstellerei mehr vermöge, als müßigen Leuten die Langeweile zu vertreiben, daß sie eine geheimnisvolle Gabe sein könne, die Erfahrungen des Lebens zu verdichten und Hunderten von Lesern die Wege des Schicksals aufzuzeigen, wo sie selber nur heitere oder traurige Vorfälle sehen.
Ehe er es gedacht hat, ist er nach Zürich unterwegsmit seinem Schatz, der diesmal ein handgreifliches Päckchen statt einem geträumten Luftschloß ist, obwohl Anna, an den Zusammenbruch so mancher mit Worten aufgebauten Hoffnung bitter gewöhnt, nur wehmütig über seine Begeisterung gelächelt hat. Füeßli ist nicht der Mann dazu, in Rauch und Feuer aufzugehen, auch sieht dies anders aus als die Schnurre von den ungekämmten Nachtwächtern; er weist ihn an den gemeinsamen Freund Pfenniger, der in den Dingen des literarischen Geschmacks sachverständig wäre. An die Literatur hat Heinrich Pestalozzi freilich nicht gedacht, als er schrieb, und erst garnicht an den gebildeten Geschmack, der, statt den geistigen Dingen zu dienen, mit anmaßenden Forderungen vor ihnen steht. Pfenniger findet die drei oder vier ersten Bogen, die er ihm vorliest, nicht übel, aber so voll unerträglicher Verstöße gegen den literarischen Geschmack, daß er ihm dringend die Umarbeitung des Buches durch einen Menschen von schriftstellerischer Übung empfiehlt und auch gleich einen theologischen Studenten nennt, der das literarische Handwerk ebenso beherrsche, wie es ihm fehle. Das Wort Lavaters von seiner Unfähigkeit, einen einzigen Satz richtig zu schreiben, hat er noch nicht vergessen, und kleinlaut überläßt er sein Buch den Ordentlichen, daß sie es für ihren Gebrauch zurecht machen: Ich will nur abwarten, sagt er bitter, ob es mir Unordentlichem einmal gelingt, ohne Euch richtig zu sterben!
Doch vermag er nicht, sich ganz von seinem Buch zu trennen; er läßt ihnen nur die ersten drei Bogen, damit er die Bearbeitung erst sähe, und geht für ein paarTage nach Richterswyl hinaus, wo sein Vetter, der Doktor Johannes Hotze, die Praxis des Vaters mit Klugheit verwaltet, während der jüngere Bruder mit dem Federhut richtig unter die Soldaten gegangen und bei den Österreichern schon General geworden ist. Er weilt gern dort, weil der Doktor Hotze ein Philanthrop von Einsicht und Willenskraft ist; aber als er ihm mit Andeutungen seines Buches begegnet, hält der es anscheinend für einen neuen Seitensprung und wehrt warnend ab. So kommt er demütig zu Pfenniger, seine Handschrift wie einen vom Lehrer verbesserten Aufsatz zurück zu erhalten; aber als er sein Naturgemälde des bäuerlichen Schicksals unter dem frömmelnden Firnis dieses Theologen wiedersieht und angesichts der steifen Schulmeistersprache, die seine Bauern darin reden, an seine Entdeckungsfahrten denkt, fällt die Demut erschrocken ab: Dann wolle er doch lieber mit Beulen und steifen Gelenken ein ungekämmter Stadtwächter sein, als ein derart gekämmter, sagt er zu Füeßli, der zugegen ist, läßt dem Pfenniger die gesäuberte Umarbeitung und macht sich auf den Heimweg mit seiner ungesäuberten Handschrift, die anscheinend ebensowenig in die ordentliche Welt paßt wie er selber!
Er ist schon in Baden, als er es nicht vermag, mit diesem Ergebnis heimzukehren, und entschlossen seine Reise nach Basel fortsetzt, um auch bei Iselin sein Glück zu versuchen, bevor er selber an seinem Buch zweifelt. Er darf ihm und seiner Gattin noch am Abend seiner Ankunft einige Kapitel daraus vorlesen; so inbrünstig seine Hoffnung insgeheim um ein günstiges Urteil geflehthat, auf einen solchen Erfolg rechnete sie nicht. Die Frau Ratsschreiber weint vor Rührung, und der Ratsschreiber selber geht mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab, bis er ihm die Handschrift aus den Händen nimmt, als ob er sich vergewissern müßte, daß dies alles auch wirklich dastände. Er lachte herzhaft auf, als er die Schrift in den roten Tabellen hängen sieht; und auch als er dann liest, schüttelt er immer wieder den Kopf: es sei nicht zu glauben, wie einer so etwas Herrliches ausdenken und zugleich solche Sprach- und Schreibfehler machen könne! So wie es dastände, wäre es allerdings ein ungekämmter Stadtwächter, aber den zu strählen, brauche es keinen Theologen, sondern einen Setzer, der deutsch könne. Er müsse freilich das Buch erst ganz lesen, aber nach dem, was er bis jetzt gehört habe, wüßte er nicht seinesgleichen.
Heinrich Pestalozzi bleibt drei Tage lang in Basel, und es ist eine Zeit für ihn, als ob Schlaf und Wachen ein einziger Traum geworden wären; so erlöst ihn der Beifall dieser klugen und herzlichen Menschen aus dem Gefühl seiner Unbrauchbarkeit. Die Schreibfehler in der Handschrift verspricht Iselin selber zu beseitigen; auch schickt er gleich einen Brief an den Verleger Decker in Berlin, ob er das Buch herausbringen wolle? Um ihm aber zu den vielen Tauben auf dem Dache doch einen Spatz in die Hand zu geben, offenbart er ihm zum Abschied, als er bis Liestal mit ihm gegangen ist und da auf die Post wartend im Ochsen noch ein Glas Wein trinkt, daß die Aufmunterungsgesellschaft zwar nicht ihm allein, aber doch ihm zu gleichen Teilen mit demProfessor Meister in Zürich den Preis von zwanzig Dukaten zuerkannt habe.
Es geht mir wie dem Mann, sagt Heinrich Pestalozzi, der am Sonntag zehn Louisdor verloren hatte und sich am Montag freute, weil er drei Kreuzer fand.