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Es geschieht so, wie Fellenberg prophezeit hat; nach einigen Monaten liest Heinrich Pestalozzi in der Schaffhauser Zeitung, daß der edle Kaiser Josef im neunundfünfzigsten Jahr seines Lebens und im fünfundzwanzigsten Jahr seiner Regierung gebrochenen Herzens gestorben sei. Damit ist der Rest seiner heimlichen Hoffnungen allein auf seinen Nachfolger Leopold gestellt, und im Herbst wagt er es, ihm mit einer Schrift durch den Grafen Zinzendorf seine Dienste anzubieten. Aber auch damit hat Fellenberg recht gehabt, der Brief bringt ihm nie eine Antwort ein, und während er nach Trostgründen sucht, stirbt der neue Kaiser seinem Bruder rasch hinterher.

Unterdessen ihm die Weltgeschichte diese Striche durch seine phantastische Rechnung macht, beeilt sich sein Sohn Jakob mit der Anna Magdalena Fröhlich von Brugg;im einundzwanzigsten Jahr macht er Hochzeit, und seitdem sitzt Heinrich Pestalozzi wirklich auf dem Altenteil im Neuhof. Seine Frau ist nun fast immer bei ihrer Freundin auf Schloß Hallwyl, und ihn treibt seine einsame Ruhelosigkeit nach Zürich, wo er den Rest seiner Freunde gelegentlich um neue vermehrt. Noch immer ist es die gelobte Stadt schwärmerischer Jünglinge, denen die Lage am See, der Ausblick ins Gebirge, dazu die gastliche Geselligkeit ihrer reichgewordenen Bürger und nicht zuletzt das durch Bodmer — den auch nun längst gestorbenen — begründete literarische Leben einen Zauber von freier Schönheit vortäuschen. Obwohl seine Schriften weder im Einklang mit dem Wesen der Stadt noch mit ihrem Ruf stehen, ist der Verfasser von Lienhard und Gertrud doch für manchen der fremden Jünglinge eine Bekanntschaft, die ihnen zugehörig scheint; und das Angenehmste, was Heinrich Pestalozzi von seinem Ruhm erlebt, wird ihm von ihnen gelegentlich in Zürich zuteil.

So trifft er einmal einen jungen Holsteiner namens Nicolovius, der mit dem Grafen Stolberg nach Zürich gekommen ist und sich — wie er Heinrich Pestalozzi sagt — seit Beginn der Reise darauf gefreut hat, ihn zu sehen. Die norddeutsche Kühle des jungen Mannes entspricht wenig dieser warmen Versicherung, und er erwartet eigentlich nicht viel, als er ihn einlädt, ihn einmal auf dem Neuhof zu besuchen. Wie er dann aber kommt, ist er ohne seinen Grafen viel weniger steif, und als sie erst einen Spaziergang miteinander machen übers Birrfeld und Müligen nach der Reuß hinunter, erschließter ihm bald sein Herz. Der Jüngling hat all seine Schriften mit glühendem Eifer gelesen und den Plan seines eigenen Lebens darauf gebaut. So erlebt Heinrich Pestalozzi ganz unvermutet an ihm das Glück einer wirklichen Jüngerschaft; in der Gedrücktheit seiner Lage wird das ein berauschendes Erlebnis für ihn, und wie er trotz Iselin und Battier niemals zu einem der Schweizer Freunde hat sprechen dürfen, so öffnet er diesem Jüngling sein Herz. Er kommt fröhlicher als seit langem heim, und darum fällt ihm die Traurigkeit so schneidend ins Herz, als um einer Besorgung willen sein Sohn ins Zimmer tritt und die beiden nebeneinander stehen, ziemlich gleich groß im Bau, aber der eine stumpf und von der Verbitterung seiner Krankheit mißmutig, trotzdem er das fröhlichste Frauenzimmer der Welt sein eigen nennt, der andere hell, klug und voll Schwung, ein junger Bach, in den er alle Trübheit seines Alters gießen könnte, ohne die gläserne Helligkeit zu trüben. Ach wäre es mein Sohn! schreit eine Stimme in ihm auf, wieviel leichter stände ich in der Welt, einen solchen Erben meiner Wünsche für die Menschheit zu haben! Und um nicht weinend über diesen Zwiespalt dazustehen, läuft er hinaus gegen den Wald, mit stürzenden Tränen wie in seiner Jugend.


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