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Danach fühlt Heinrich Pestalozzi, wie alles in seinem Leben der Auflösung entgegengeht. Nach dem Winterin Richterswyl findet er sich nicht mehr in den Neuhof zurück; wohl hält er sich auch danach noch wochenlang dort auf, aber seitdem seinem Sohn eine Tochter Marianne geboren ist, die ihn zum Großvater macht, sitzt et nur noch wie ein Zuschauer dabei, wenn sie sich abends im Lichtkreis um den Tisch sammeln — es ist immer noch die Messinglampe, die ihm schon in Müligen geleuchtet hat und bis auf den Tag das Staatsstück des Hauses vorstellt. Er ist nun wieder viel und gern bei seiner Mutter, die noch einmal nach der kleinen Stadt hinübergezogen ist, wo sie mit einer Aufwärterin in zwei Stuben ihr einsames Wesen hat; denn auch das Babeli liegt bei St. Leonhard begraben nach seinem tapferen Leben. Sie ist nun in der Mitte der Siebziger, schlohweiß und eingeschrumpft; doch weiß sie noch immer, daß sie eine geborene Hotzin ist, und Heinrich Pestalozzi erfährt manchen Tadel, weil er nicht acht gibt auf ihre Ordnung und Reputation. Am liebsten hat sie, wenn er vom Bärbel und seinem Besuch in Leipzig erzählt und wie da alles in den Glanz des bürgerlichen Lebens gekommen ist, den sie entbehren mußte; es gibt Fragen, die sie schon hundertmal gestellt hat und deren Antwort sie doch immer mit der gleichen glücklichen Neugier abwartet. Auch ein paar dunkle Stellen sind da um den andern Sohn, wo sie den Kopf schüttelt und am Boden wie auf einer Landkarte den Verschollenen sucht; doch kennt Heinrich Pestalozzi die Brücken, um sie rasch hinüberzubringen in die sicheren Umstände ihrer Täglichkeit.
Eines Tages im März wacht sie nicht mehr auf aus ihrem Mittagsschläfchen; aber als er sie findet, liegtabgegriffen und weich, kaum noch wie ein Papier, der letzte Brief ihres Johann Baptista unter der Schürze, als ob sie ihn auch noch vor dem Tod ängstlich verstecken wolle.
Nun stehen wir vorn, sagt Heinrich Pestalozzi zu seiner Frau, als sie von dem Kirchhof bei St. Anna zurückkommen und abgesondert von den Leidtragenden in die leere Wohnung der Mutter gehen: wir beide sollten nun hier wohnen und auf den Herold mit der Sense warten! Aber Anna Schultheß, die auch schon achtundfünfzigjährig und eine rechte Großmutter ist, hat in den dreißig Jahren gelernt, daß nichts weniger als abwarten seine Sache ist: Wer weiß, sagt sie und lächelt ihn mit der Güte an, die über alles Schicksal ihr edles Teil für ihn geblieben ist: wer weiß, auf welchen Wegen wir noch gehen und den Herold abholen müssen!