68.
Es geht Heinrich Pestalozzi mit seinen Nachforschungen in der großen Welt nicht anders als in der Enge seiner Zürcher Freunde; trotz seinem flehentlichen Schlußwort kommt kein Echo, und wenn alles ein blasser Unsinn gewesen wäre, könnte die Stille nicht peinlicher sein. Aber nun ist es zu Ende mit der Einsiedlerschaft und der Wartezeit seiner einsamen Mannesjahre: die Stube der Mutter hat ihn wieder in seine Vaterstadt gebracht, und von den Signalen seiner Jünglingszeit erfüllt, nimmt er teil an dem Handel mit dem aufrührerischen Stäfa, der auch den Gestrengen Herren in Zürich die Schicksalsstunde läutet.
Er hat den Anfang schon in dem Winter erlebt, als er seinem Vetter Hotze das Haus in Richterswyl hütete. Auch durch die Dörfer am See ist der Sturmwind der Menschenrechte geweht und hat in dem unterdrücktenLandvolk die Erinnerung an alte Gerechtigkeiten geweckt, an den Kappeler Brief und den Waldmannischen Spruch. Als die Urkunden sich in der Gemeindelade zu Küsnacht wirklich fanden, haben die Seebauern zu Küsnacht, Horgen und Stäfa, ein Memorial an die Gestrengen Herren in Zürich gesandt, ob diese Briefe noch zu Recht beständen? Das allein aber hat den Rädelsführern schon den Kopf kosten sollen, und nur der hinreißenden Beredtsamkeit Lavaters ist es gelungen, Bluturteile zu verhindern. Seitdem sitzen ihrer zwei aus den drei Orten gefangen im Wellenberg, und über dem Haupt des Ältesten, eines siebzigjährigen Greises aus Stäfa, namens Bodmer, ist auf offenem Markt das Schwert des Henkers geschwungen worden, zum Zeichen, daß sein Leben den Zürcher Herren verfallen sei.
Heinrich Pestalozzi hat damals selber im Verdacht gestanden, das Memorial verfaßt zu haben; als nun der Handel in einen Bürgerkrieg auszugehen scheint, indem das erbitterte Landvolk — von den Sturmnachrichten aus Frankreich mutig gemacht — die Aufhebung des ungerechten Urteils und die Freigabe der Eingekerkerten unter Androhung offener Gewalt verlangt, sodaß die Revolution in der Schweiz hier ihren Ausgang nehmen will: ist er der einzige Zürcher, der es wagen darf, in das empörte Stäfa zu gehen, um mit der Geltung seines Namens den blutigen Ereignissen entgegenzuarbeiten. Er hat es unterdessen auf sonderbare Weise noch einmal zum Fabrikanten gebracht: eine Seidenfirma Notz richtet auf der Platte in Zürich eine Fabrik ein und braucht einen Zürcher Bürger als Inhaber, um die Erlaubnisder Niederlassung zu erhalten; weil, wie er selber spottet, sein Name in den zweiundfünfzig Jahren das einzig Brauchbare an ihm geblieben ist, läßt Heinrich Pestalozzi sich den abkaufen. So führt er bürgerlich nur noch ein Schattendasein; aber mit Sendschriften und Flugblättern flackert sein landfahrender Menschengeist durch den wilden Handel. Zum erstenmal seit seiner Jünglingszeit kommt er dabei wieder mit Lavater überein, der — wie er in den Seegemeinden — in Zürich die Regierung von gewaltsamen Schritten abhält. Überall liegen die Waffen zur offenen Empörung bereit, Blut soll die verweigerte Gerechtigkeit auslösen, und die Verhandlungen zwischen den feindlichen Mächten sind abgebrochen: da überbringt Heinrich Pestalozzi einen offenen Brief Lavaters an den redlichsten Mann in Stäfa, in dem eine friedliche Freilassung der Verurteilten aufs bestimmteste in Aussicht gestellt wird. Und so ehrlich ist das Vertrauen der Landbürger auf die beiden Männer, daß die Waffen noch einmal ruhen.
Umso aufrührerischer aber tut das zugelaufene Volk, das sich eine Gelegenheit entschwinden sieht. Seitdem es sich herumgesprochen hat, daß in Stäfa der Handel des unterdrückten Landvolks mit den hochmütigen Stadtherren zum Austrag kommen soll, ist dort alles zusammengeströmt, was in der Zürcher Herrschaft und in den Kantonen rundum auf den Tag der Abrechnung wartet, sodaß die Wirtschaften und Scheunen in Stäfa voll sind von einer braunen wilden Menge: ehrlich Verbitterte, die auf Vergeltung lauern, und gewalttätiges Bettelvolk, das schon von einer Plünderung der reichen Zürichstadtträumt, alte Kriegläufer, die in der neuen Ordnung keinen Platz mehr gefunden haben. Sie haben ihr Hauptlager in einer leeren Scheune, wo sie die Zürcher Herren mit wilden Flüchen nach dem Pariser Vorbild an die Laternen hängen, obwohl sie vorläufig weder Laternen noch Zürcher dahaben. Im Vertrauen auf seine Geltung wagt sich Heinrich Pestalozzi mit dem Brief Lavaters auch dahinein; aber da wissen sie nichts von Lienhard und Gertrud und seinem Ehrenbürgertum, ihnen ist er nichts als ein Zürcher Spion, und so empfängt ihn in der halbhellen Scheune eine Schweigsamkeit, die nur höhnisch lachen, nicht mehr sprechen kann. Zu arglos in seinem Eifer fängt er an, gutmütig scheltend auf sie einzureden; aber als er schon denkt, sie zu rühren — so still ist es um ihn — tut einer einen Ruf, und gleich ist es, als ob sich rundum ihre Hörner senkten. Er hat noch ein Stück seiner Rede im Mund, da heben sie ihn wie eine Strohpuppe an den Beinen hoch und tragen ihn, die Marseillaise heulend, durch den Raum. Noch immer täuscht sich Heinrich Pestalozzi über die Gefahr und versucht, auf sie einzureden; aber je mehr er dabei in ihren Fäusten zappelt, umso höhnischer wird das Hetzgeschrei — bis ein Schuß fällt. Einer hat den Zürcher abschießen wollen wie einen Schützenvogel, aber gefehlt, und die Kugel zischt ins Gebälk. In der Verwirrung kommt er wieder auf den Boden; aber es wäre keine Rettung für ihn gewesen, wenn sich nicht ein stakiger Kerl mit einem alten Soldatenhut vorgedrängt hätte, der ihm gleich beim Eintritt durch das von feurigen Narben entstellte Gesicht und um einer Ähnlichkeit willen aufgefallenwäre: Heißt der Mann nicht Pestalozzi? Und als einige verblüffte die barsche Frage bejahen: Dann Brand und Pest, wer ihn anrührt! Er gehört mir, wir haben noch etwas miteinander auszumachen! Dabei hat er schon seinen alten Reitersäbel blank, und Heinrich Pestalozzi meint, sein Arm müsse unter dem Griff zerbrechen, wie er ihn durch das Gedränge schiebt und mit dem Fuß das klappernde Tor aufstößt: So, Heiri, sagt er, als er ihn draußen hat — und Heinrich Pestalozzi aus dem verwüsteten Gesicht den Ernst Luginbühl erkennt — jetzt schau, daß du weiterkommst!