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Heinrich Pestalozzi ist acht Jahre alt, als ihm eine Veränderung der äußeren Lebensumstände die Gedanken der Armut dennoch aufdrängen will. Seine Mutter, die immer noch die alte Wohnung gehalten hat, sieht sich genötigt durch die wachsenden Ausgaben für die Kinder, den Haushalt in der kleinen Stadt jenseits der Limmat bescheidener einzumieten. So lustig die Knaben mit dem Bärbel, das nun schon aus der Kammer in die Stube laufen kann, den äußeren Aufwand des Umzugs finden: so schmerzlich ist der Augenblick, als sie hinter dem Wagen mit ihrem Hausrat her — das Babeli trägt die Schwester auf dem Rücken, und die Mutter führt die Brüder an der Hand — am steinernen Rathaus hinübergehen auf die breite Bretterbrücke und in die kleine Stadt. Die ist freilich um den hohen Lindenhof herum gebaut, von dem die Schriften sagen, daß er schon in römischen Zeiten befestigt und der eigentliche Ursprung der Stadt gewesen wäre; aber darum lassen sie doch das Großmünster mit dem Haus Zwinglisdrüben, von wo der Zürcher Glaubensheld für seinen Gott in den Krieg und Tod gezogen ist. Überdies will ein Mißgeschick, daß am Hotel zum Schwert gerade ein fremder Herr mit drei Rossen vorfahren will und bei der Wendung in die Deichsel ihres Gefährtes gerät. Der Ruck ist heftig und bricht dem Tisch, der hinten mit abgesperrten Beinen aufgebunden ist, eins davon ab, das schief herunterhängt. Gleich gibt es zwischen den Fuhrleuten ein Geschimpfe, und weil der ihrige zu Fuß geht, der andere aber in einer stolzen Uniform auf dem Bock sitzt, auch der Wirt zum Schwert gleich seinem vornehmen Gast zu Hilfe kommt, bleibt der mit den drei Rossen Sieger, indessen sie mit ihrer Habe, verbellt von Hunden, demütig um die Ecke ziehen.

Es ist kein großer Schaden; sie müssen den Tisch nachher in eine Wandecke stellen, damit er ihnen beim Abendbrot nicht umfällt; doch liegt die Stimmung des verschimpften Auszuges aus der großen Stadt so jämmerlich auf ihnen, daß sie miteinander in eine Heulerei geraten. Die neue Wohnung ist sichtlich beengter als die alte; außer der Küche mit einem Alkoven für das Babeli und der gemeinsamen Kammer für die andern hat sie nur einen Raum, der fortab Besuch- und Wohnstube in einem sein muß: es ist die Lebensluft verschämter Armut, in die sie nun eingezogen sind. Mehr als die Mutter hat das praktische Babeli auf den Umzug gedrängt.

Die Mutter will auch da noch die geborene Hotzin bleiben; und wenn in der Folge eine Bekanntschaft aus den besseren Zeiten, da der Wundarzt Pestalozzi nochauf die Jagd oder fischen ging, oder gar einer aus der vornehmen Verwandtschaft vom See den Weg in die kleine Stadt findet, wird die Stube jedesmal mit allem Staat aufgemacht, den sie aus ihrer Mitgift gerettet hat. Auch hält die einsam verhärmte Frau ängstlich darauf, was sie als Stadtbürgerin an Ehrengaben zu leisten ihrem Stande schuldig ist; und ob sie manchmal dem letzten Gulden mit Ehrenfestigkeit zu Leibe geht, und ob das Babeli danach die Kreuzer zusammenkratzen und auf dem Markt das Billigste erfeilschen muß: nach außen soll alles den Anschein eines unabhängigen Bürgerhaushalts behaupten.


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