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Längst hat Heinrich Pestalozzi angefangen zu unterrichten; anfangs ist er sich vorgekommen wie der alte Lehrer, zu dem ihn das Babeli brachte; auch so mit der Ungeduld seines Alters im Gedränge ihrer Wünsche und Fragen: wo es schwer wäre, mit einem Frager fertig zu werden, sind es Dutzende, und dabei sitzen die Trägen noch immer abseits in ihrer Untätigkeit. Doch merken sie bald, wenn er sich laut sprechend hinstellt, daß sie alle nur sein einziger Zuhörer sind. Er lehrt sie, seine Sätze im Chor zu wiederholen, und lockt Antworten heraus, die sie gemeinsam sagen können; täglich gewitzter in dieser Kunst, die auch die Unaufmerksamen in seinen Sprachkreis zieht, entdeckt er das Geheimnis der Klasse, die aus dem Vielerlei von Schülern ein Wesen macht, sodaß es gleich ist, ob ihrer drei oder dreißig dasitzen. Dabei nimmt er sich ängstlich in acht, etwas Fremdes in sie hineinzusprechen; immer lauert er, wo ihre Sinne und Gedanken sind, um sie für sich einzufangen. Irgendwo ist ein Riß in der Wand, der wie ein seltsames Tier aussieht, einen langen Schnabel wie eine Ente, aber Füße wie ein Maikäfer hat; ob sie wollen oder nicht, wenn ihre Blicke durch den Raum gehen, hängen sie daran fest: er fängt ihnen das Ungeheuerein in Sätze, die sie willig nachsprechen, weil sie von ihnen selber gefunden sind.

Einige haben Bücher, und ein paar können sogar ein weniges lesen; er zeigt den andern, wo diese Hexenmeisterkunst ihre Herkunft hat. Er läßt sie in den Worten die tönenden und zischenden Laute finden und macht ein lustiges Spiel daraus, ihrer zwei miteinander zu verbinden, jeden einzelnen durchs Abc hindurch; dabei schont er sich nicht, unermüdlich das ba, be, bi, bo mitzusprechen, bis ihm die Stimme in der Brust schartig wird; manchmal kommt er sich vor wie ein Hahn, wenn er schwitzend dasteht und mit ihnen kräht. Bis eine Stunde mit Minuten und ein Tag mit Stunden abgelaufen ist, läßt sich viel hineinfüllen, und Tag für Tag geht es verzwickter zu, vom bal, bel, bil, bol, bul zum balk, belk, bilk: immer anders marschieren die Soldaten aus ihrem Mund auf, bis ihnen alle Übungen, rechts- und linksum, kehrt und vorwärts marsch gleich geläufig sind. Und eines Tages läßt er für die Augen sichtbar werden, was solange nur durch Mund und Ohren ging.

Er hat ihnen keine Fibeln mitgebracht, nur einen Korb mit Täfelchen, darauf die Buchstaben einzeln mit ihren Häkchen und Schnörkeln wie Vögel mit ihren Schwanzfedern prahlen, und rastet nicht, bis jeder seinen Laut als Namen hat, sodaß er ihn nur zu zeigen braucht, und schon gibt ihm die ganze Klasse Antwort. Sie wissen nun längst, daß keiner die siebzig Einzelnen verstehen kann, wenn jeder nach seinem Einfall losschreit, und warten das Zeichen ab, das ihnen sein Finger gibt. Sie sind dann wirklich eine Klasse, einWesen, das hundertvierzig Ohren und Augen, aber nur einen Takt und darum nur einen Mund hat. Und manche Nacht, während sie schlafen und er allein in der Schlaflosigkeit des Alters wach unter ihnen liegt, bildet sich traumdünn die Ahnung einer Lehrmethode: daß es wie mit den Buchstaben mit allen andern Kenntnissen des Menschen sei, daß sie sich bauen ließen, Steinchen um Steinchen, bis eine Wand, ein Zimmer und schließlich das Haus einer Wissenschaft dastände.

Kühner aber, als jemals sein Kopf ein Gespinst machte, scheint ihm dies: daß auch alles andere, was einen Menschengeist mitsamt der Seele ausmache, seine Denkkraft, seine Fertigkeiten, sein Wille, seine Wünsche, seine Absichten, sein Glauben wie seine Taten, in einem solchen Takt einzufangen sei, und daß, wenn einer erst den Taktstock dazu finde, ihn hundert andere gebrauchen könnten, um überall die wildaufwachsenden Menschenseelen in den Wohlklang der Ordnung einzuführen. Er kann sich dann ein Zukunftsbild austräumen, daß es zwar reich und arm, jedoch nicht mehr die häßliche Anwendung davon gäbe, wo die Habsucht und Willkür des Reichen den Armen unterdrücke und ausnütze; denn das einzige Mittel dieser Geldherrschaft sei die Unwissenheit des Armen: erst einmal im Besitz seiner entwickelten Seelen- und Geisteskräfte, könne er nicht mehr das Opfer herrschsüchtiger Ausbeutung sein! Was jetzt allerorten geschähe, daß Reiche den Armen helfen wollten durch Wohltätigkeit, sei Täuschung und Selbstbetrug: der Reiche könne dem Armen garnicht helfen, er habe nichts als sein Geld, das auch im Wohltun dasZwangmittel ungerechter Herrschaft bliebe; erst wo Gerechtigkeit regiere, könne eine brüderliche Hilfe von Herzen wohltätig sein!


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