75.
Die zweite Woche seit seiner Wallfahrt nach Luzern ist noch nicht ins Land gegangen, als Heinrich Pestalozzi eines Mittags durch Trommelwirbel aufgeschreckt wird. Wie er ans Fenster läuft, rücken die schweizerischen Soldaten, die gegen Engelberg und Seelisberg hinauf als Rückendeckung der Franzosen ausgestellt sind, eilig in Stans ein: die Österreicher kommen, heißt es und die im Uri geschlagenen Franzosen seien über den See zurück. Die Panik des Krieges ist wieder in Stans, bevor ein Schuß in den Nidwaldener Bergen fiel; wer noch bewegliche Habe hat, flüchtet sie in die Sennhütten hinauf, händeringende Weiber und trotzige Männer kommen, ihre Kinder zu fordern, und Heinrich Pestalozzi vermag nicht, sie zu halten. Als ob eine Mure vom Stanserhorn niederginge, läßt er die andern ihre Bündel raffen, zur Flucht bereit zu sein. Gerade hat er sieum sich versammelt im Arbeitssaal, da fällt ein Schuß; die Kinder schreien, einige laufen ihm zu, viele aber auch hinaus auf die Gasse, sich noch in die Berge zu retten.
Als danach alles still bleibt — die Alarmnachrichten waren falsch, und auch der Schuß ist nur einem hitzigen Sennbuben losgegangen — sitzt kaum noch die Hälfte seiner Kinder da. Zwar kommen im Nachmittag noch einige wieder, auch finden sie andere weinend irren, als sie gegen Abend den Ort absuchen: aber die Besorgnis bleibt über ihnen wie die schwarze Wolkendecke, die sich mit dem Abend vom Entlebuch herüberdrängt. Die Kinder schlafen sich schließlich in angstvolle Träume ein; Heinrich Pestalozzi bleibt wach: seit seiner Ohnmacht fühlt er, daß es in Stans zu Ende geht. Mit einer Kerze in der Hand wandert er um Mitternacht von Bett zu Bett; einigen, die sich stöhnend wälzen, legt er seine Hand auf die Stirn, daß sie, erwachend, ins Licht blinzeln und vor seinem Gesicht mit einem erlösten Lächeln um die Lippen einschlafen. Nachher sitzt er noch, bis das Licht niedergebrannt ist, streicht in seiner Liste die Schäflein an, die ihm fehlen, und denkt den einzelnen nach, wo sie wohl seien. Bald aber wandern die bekümmerten Gedanken auf einsamen Höhen, wo er mit seinem Werk allein ist. Was auch mit den Kindern geschieht, für keins — das fühlt er sicher — ist die Zeit vergebens gewesen: aber sein Werk, wenn er es jetzt abbrechen muß, ist verloren. Es ist ihm zumut wie einem Kundschafter im weglosen Dickicht; er hat sich durchgearbeitet, bis er eine getretene Fußspur fand, die ihn zum Wegführen muß: da reißt ein Bergbach die Schlucht vor ihm auf, und ob er drüben die Spur deutlich weiter gehen sieht, er kann nicht hinüber.
Andern Tags ist alles vorbei, als ob es nur böse Träume gewesen wären; die Bauern sind wieder bei ihrer Arbeit, und die Soldaten in den Quartieren singen Schweizerlieder. Die Sonne geht ihren strahlenden Lauf, als wolle sie es diesmal zwingen, über die Ermattung des Mittags fort in den unendlichen Himmel hinein zu steigen. Noch ein paar Kinder wagen sich unsicher wieder herzu, und als nach diesem Tag noch ein zweiter und dritter die weißen Sommervögel durch sein dickes Blau schwimmen läßt, fängt auch Heinrich Pestalozzi an, den Nacken zu heben. Am dritten Abend sitzt er scherzend und fragend mit ihnen bei der Hafersuppe, da ruft ihn ein Bote eilig zu dem Regierungsstatthalter Zschocke.
Der empfängt ihn mit einem Blatt in der Hand. Er habe Stafette bekommen, daß am frühen Morgen der General Lecourbe einrücken würde; er müsse Platz besorgen für einige tausend Mann und ein Hospital für die Verwundeten und Kranken herrichten, dazu habe er keinen andern Platz als das Waisenhaus. Obwohl Heinrich Pestalozzi beim ersten Wort weiß, daß ihm nun das Brett unter den Füßen fortgezogen wird, damit er noch über den Bergbach zu kommen hoffte, kämpft er wie ein aufgescheuchtes Tier für sein Nest und seine Brut. Aber nun ist er mit allem Ruhm seiner Bücher und mit der ewigen Absicht seines Werkes nur der Bürger Pestalozzi, der andere aber steht als Regierungsgewalt da und löst das Waisenhaus auf. Weil er nichtwie die Nidwaldener kämpfen und sterben kann, sondern dem Federstrich gehorchen muß, erfüllt er bitteren Herzens den Rest seiner Pflicht. Er teilt jedem Kind doppelte Kleidung, Wäsche und einiges Geld aus für das Notwendigste, rechnet mit dem Statthalter ab und übergibt ihm von den sechstausend Franken, die ihm das Direktorium bewilligt hat, den Rest mit dreitausend Franken — mehr hat er nicht gebraucht in den fünf Monaten mit all den Kindern. Noch eine Nacht geht er in seiner schlafenden Herde ruhelos umher, nimmt in der Frühe weinenden Abschied von ihnen allen, deren Vater er durch seine Liebesgewalt geworden ist, und am Nachmittag, als die ersten Franzosen einrücken, fährt er nach Stansstad hinunter mit dem, was er für bessere Zeiten retten will. Wieder einmal sitzt er auf einem bepackten Wagen, diesmal auf Säcken neben einem Knecht, der ihn gleichmütig in sein ungewisses Schicksal hinaus kutschiert; es ist ein Appenzeller, der den Pferden mit der Peitsche die Fliegen vertreibt und dazu mit halber Kehle seine heimatlichen Jodler singt, als ob es eine Lustfahrt wäre. Er fühlt die Schmerzen in seiner Brust heftiger und die brennende Angst fährt mit ihm, daß er nun sterben muß: dann ist alles umsonst gewesen, was er Unmenschliches in diesen Monaten ertrug; denn er allein weiß, daß er in Stans den Weg zur Befreiung der Menschheit entdeckt hat, kein anderer kann fortsetzen, was für ihn selber ein tastend beschrittener Anfang, aber darum doch das Ergebnis vieler Tausend fiebernd benützter Stunden ist.
Immer noch läuft eine letzte Hoffnung hinter demWagen her, daß die Luzerner Freunde mächtiger sein könnten als der Regierungsstatthalter; als er ankommt in der vieltürmigen Stadt, muß er erfahren, daß die Regierung der in tausend Nöten gefährdeten Helvetischen Regierung nach Bern ausgeflogen ist.