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Wenn die Morgenstunden seiner Schule zu Ende sind, geht Heinrich Pestalozzi bei gutem Wetter an die Emme hinunter, Steine zu suchen. Er kennt nur wenige Arten und wählt sie mehr wie ein Kind nach der schönen Farbe aus, doch schleppt er gern ein Taschentuch voll davon, wenn er zum Stadthauswirt Schläfli an den Mittagstisch kommt. Meist geht auch eins oder das andere der Appenzeller Kinder mit, und namentlich ein Knabe namens Ramsauer begleitet ihn gern. Wie er eines Tages mit dem im sonnigen Gestein sitzt — trotzdem ihm die Gehilfen tapfer beistehen, schmerzt ihn die Brust vom Sprechen — denkt er mit einer so traurigen Sehnsucht an sein verlassenes Waisenhaus in Stans, daß ihm die Tränen rinnen. Er weiß schon lange, daß ihn die Regierung nicht dahin zurücklassen will, aber er hat es nicht angeschlagen um seiner neuen Arbeit willen; nun läuft ihm die Bitterkeit der unbefriedigtenGedanken von allen Seiten zu. Es gerät ihm wie niemals vorher mit seiner Treppe der Menschenbildung, er hat den Schlüssel, alle Stockwerke zu öffnen, aber es sind doch nur die Bürgerkinder dieser wohlhabenden Kleinstadt, die davon Nutzen haben: Schlimmer als jemals ist die Not im Land, und ich habe in eitler Selbstgefälligkeit die Fremden durch meine Methode spazieren geführt. Als sie mich für einen Narren hielten, schrieb ich meine Schriften; jetzt, wo mir die Bürger gute Zeugnisse geben und ein Gehalt zahlen, bin ich Großvater wirklich ihr Narr geworden!

Als er bedrückt von solchen Gedanken, diesmal ohne Steine im Sacktuch, in die Stadthauswirtschaft kommt, sieht er Tobler schon wieder mit zwei Fremden dasitzen, einem rotköpfigen Pfarrer und einem Tirolerknaben, die erfreut aufstehen, ihn zu begrüßen. Er kann seinen Groll zu keinem freundlichen Wort zwingen, macht augenblicklich kehrt und läßt sein Mittagsmahl im Stich, obwohl Tobler gleich hinter ihm her ruft. Unterwegs tut ihm die Torheit leid, aber wie er dann an seinem Sorgenplatz unter der Linde steht, kommen ihm die drei hartnäckig in den Schloßhof nach, und nun muß er selber lachen, weil der junge Pfarrer niemand anders als der Freund Toblers, Johannes Niederer aus Sennwald ist, mit dem er seit Monaten im herzlichsten Briefwechsel steht. Den Tirolerknaben, der auf eigene Faust sein Schüler werden will, hat er zufällig unterwegs getroffen. So geht mirs, klagt er und schließt sie beide in die Arme: vor Gleichgültigen mache ich meine Kapriolen, und wenn Freunde kommen, rennt der Hase fort!

Er kehrt danach mit ihnen in das Stadtwirtshaus zurück, und es wird ein fröhlicheres Mittagsmahl, als er es seit Wochen hatte; denn seit dem Holsteiner Nicolovius ist ihm nicht mehr solche Liebe widerfahren, wie in den Feuerbriefen dieses kaum zwanzigjährigen Pfarrers aus Sennwald, der nun wie der Husarenkapuziner aus Stans neben ihm sitzt, so rotköpfig und so verbissen in seine Gedanken. Er ist zwar vorläufig nur zum Besuch gekommen, aber Heinrich Pestalozzi reißt wieder einmal gierig die Zukunft aus der Gegenwart los: Ihr seid die Jugend, die zu mir aufsteht, sagt er und halt ihnen sein Glas hin, als ob er alle Tage so schöppelte; nun will ich den Fischzug meines Lebens machen! Und weiß auf einmal garnicht, warum er sich bis zu diesem Tag geweigert hat, die Erbschaft Fischers ganz anzutreten: ein Schullehrerseminar, eine Musterschule und eine Pensionsanstalt hat der in Burgdorf gewollt, den nun in Bern der Rasen deckt, indessen er noch immer eigensinnig auf sein Waisenhaus in Stans wartet, als ob es diese oder jene Waisen und nicht die Treppe seiner Lehre gelte.

Noch in den Tagen, da Niederer wie ein Spürhund durch die Klassen geht und jeden Fund verbellt, verhandelt er mit der Regierung in Bern. Er fühlt, daß sich die Summe seines Lebens einsetzen will: was er als Landwirt, Armennarr und Schriftsteller auf dem Neuhof, als Waisenvater in Stans und als Winkelschulmeister in Burgdorf an Erfahrungen einbrachte, soll nun Erscheinung werden. Zwar haben die politischen Hagelwetter seinen Freund Stapfer als Minister verdrängt,aber noch in den letzten Wochen hat er ihm eine helvetische Gesellschaft von Freunden des Erziehungswesens gegründet, die ihm nun mit einem Aufruf an die Bürger aller Kantone beisteht. Zum andernmal nach einem Vierteljahrhundert rasselt seine Werbetrommel durch das Land, aber nun treten ihrer viele zu dem Bürger, dessen Ruhm im Ausland geklungen hat. Schon im November sind an die fünfzig Zöglinge im Schloß, nicht Bettelkinder wie im Neuhof, die ihren Unterhalt durch eigene Arbeit verdienen sollen, sondern Bürgersöhne und Töchter, deren Eltern den Aufenthalt mit gutem Geld bezahlen. Er löst die Burgdorfer Schule ab, und nur die von den Appenzeller Kindern bei ihm bleiben wollen, behält er um Gotteswillen; der Tiroler Schmidt ist auch darunter.

Heinrich Pestalozzi staunt, wie rasch ihm dies alles ins Kraut geschossen ist, aber der Erfolg macht ihn fröhlich, sodaß er dem Herbst und Frühwinter die Tage wie die Blätter eines Märchenbuches abliest. Darüber kommt Weihnachten, und er kann diesmal nicht in Neuhof sein, weil einige Kinder mit den Gehilfen bleiben, denen er als Vater das Fest bereiten muß. Zum Neujahr deckt ein dicker Schnee alles mit runden Kappen zu, und der Weg vom Schloß hinunter bis in die Häuser ist eine steile Schlittenbahn. Selbst seine Burgdorfer Freunde schütteln mißbilligend den Kopf, als sie ihn da mit den Kindern schlitteln sehen, und der Doktor Grimm sagt ihm, daß dies kein Geschäft für einen Großvater sei; er aber, der nichts Schöneres auf der Welt kennt, als wenn verschüchterten Kindern die Augen fröhlich aufgehen,nimmt einen Schneeball und wirft ihn, sodaß es — als die Knaben seinem Beispiel folgen — ein lustiges Gefecht um die Fröhlichkeit gibt, bei dem der Griesgram in die Flucht geschlagen wird: Das ist keine so einträgliche Schlacht für euch Doktoren, als wenn mit Bleikugeln auf Menschen geschossen wird, sagt er ihm einige Tage später, als er ihn bei Tauwetter wiedertrifft, aber sie macht rote Backen! Der Doktor schüttelt unwillig den Kopf: er habe ihm nur die Post mitgebracht, weil er doch zu dem Knaben müsse, der sich bei dem Spaß bös erkältet habe.

Es ist nur ein zierlicher Brief, von Frauenhand mit dünnen Buchstaben adressiert; er öffnet ihn gleich und liest, daß ihm die Tochter Lavaters den Tod ihres Vaters meldet, der am zweiten Januar seiner Verwundung nach langem Siechtum erlegen sei. Von ihm selber aber liegt ein Zettel dabei, den er als Abschiedsgruß noch auf dem Sterbebett an ihn geschrieben hat:

»Einziger, oft Mißkannter, doch hochbewundert von vielen,Schneller Versucher des, was vor dir niemand versuchte,Schenke Gelingen dir Gott! und kröne dein Alter mit Ruhe!«

Heinrich Pestalozzi ist so erschüttert, daß er den erstaunten Doktor ohne Wort auf der Straße stehen läßt und quer über die nassen Schneefelder zur schwarzen Rinne der Emme hinunterläuft. Dies ist genau so unvermutet wie in den Jünglingstagen, als Lavater ihm den »Emil« ins Rote Gatter brachte: Er war nicht mein Freund, überschlägt sein Gefühl, er hat mich nie recht gemocht, und nur ein paarmal hat uns das Leben nebeneinandergestellt; nun hat er wie Bluntschli vorGott gesessen mehr als ein Jahr, kaum, daß ich einmal an ihn dachte im Strudel meiner Dinge, und er schickt mir dieses Wort!

Nur die treue Erinnerung hat er aus dem Zettel gelesen, kaum die Sätze; doch wagt er nicht, ihn noch einmal vor die Augen zu bringen, so ehrfürchtig ist ihm zumute, weil er von einem Toten kommt: Wie dieser Bach im Schnee übereilen wir unsern Weg, sagt er und läßt seine Augen mit den Glattwellen laufen, bis sie hinter den schwarzen Büschen verschwinden. Nur an unsern Ufern sehen wir die Dinge, alles nur einmal im Gedränge, und kein Augenblick kann gegen den Wellenschlag zurück. Wenn wir unten sind, ist dies unser Leben gewesen; aber unser Wasser war es nicht. Das Wasser gehört der Welt, der kein Tropfen an irgend wen verloren geht; unser Teil ist, daß wir fließen. Durch ein paar Mühlräder können wir laufen unterwegs, aber nicht mehr sehen, wieviel von Gottes Korn damit gemahlen wird.


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