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Meine Anstalt ist ein Uhrwerk, klagt Heinrich Pestalozzi, als Schmid und Muralt nicht mehr in Ifferten sind, davon mir irgendwer den Stundenzeiger und das Schlagwerk fortgenommen hat: nun schnurren die Räder weiter, und der Minutenzeiger läuft unaufhörlich im Kreis herum, aber niemand weiß die Stunde! Umso eifriger ist Niederer; er hat nun endlich freie Hand, die Gewichte nach seiner Neigung aufzuziehen, und macht aus der Stunde siebzig Minuten, die Anstalt und die Methode vor den Angreifern zu retten.
Bisher haben die Gegner ihren Zorn nur in den Kantonsblättern auslassen können; der Aristokratenprofessor von Haller in Bern macht ihnen endlich im Ausland auf eine Weise Luft, die auch die Anspruchsvolleren befriedigt. Unter dem schützenden Mantel der Gelehrsamkeit — darin seit je die Bosheit ihren geliebten Schlupf hat — tritt er in den Göttinger Gelehrten Anzeigen auf, um dem harmlosen Deutschland die Augen über die gefährliche Revolutionsschule in Ifferten zu öffnen. Da kann der Haß gegen den Unruhestifter einmal dick ausfließen, und fleißige Schaufelräder bemühen sich allerorten, ihn ins Land zu leiten. Niederer, für den nun endlich die Methode aus dem Staub der Schulklassen in das Feuer der geistigen Prüfung kommt, schlägt mit dem Schwert seines Eifergeistes in den Brei, bis er selber in einem Berg von Schaum dasteht. Aber schon meldet sich von Zürich der Humanismus, der seit Agis Zeiten noch eine Abrechnung mit dem vorlauten Patrioten aus der Gerwe hat: in der viel gelesenenZürcher Freitagszeitung stellt der Chorherr Bremi drei Dutzend Zeitungsfragen, die sich mit gewandter Bosheit gegen den rasselnden Niederer richten, aber Heinrich Pestalozzi dem gebildeten Geschmack preisgeben. Er will nun selber antworten, aber weder die Zeitung in Zürich noch die in Bern nimmt seine Einsendungen auf, sodaß doch wieder Niederer das Wort nimmt, diesmal in einem zweibändigen Werk, das den Streit in den Untiefen der Dialektik entscheidet.
Die Aufregungen dieser papierenen Kämpfe machen aus dem Zähringer Schloß in Ifferten mehr eine belagerte Festung als eine Schule. Manchmal genug muß Heinrich Pestalozzi an seine Kattunfabrik und die Zurzacher Messe denken, wenn er zusieht, wie sich bei Niederer die Pläne jagen, wie im Handumdrehen ein Verlagsgeschäft, eine Buchdruckerei und eine Buchhandlung im Schloß eingerichtet werden, um besser für diese Händel gerüstet zu sein; doch liegt er nun fast immer an seinem Rückgrat in Schmerzen auf dem Bett und läßt es geschehen, daß ihm der Zielpunkt seines Lebens täglich mehr auf die Seite geschoben wird, als ob er um solcher Klopffechterkünste willen gelebt hätte.
Darüber kommt er durch einen törichten Unfall auch noch fast ans Sterben: als er eines Tages mit einer Stricknadel im Ohr bohrt, aber nicht recht aus dem Gehänge seiner Gedanken aufwacht, läuft er unversehens damit gegen den Kachelofen, so unglücklich, daß ihm die Nadel durch das innere Ohr in den Kopf hinein sticht. Trotzdem es ihm wehtut, scherzt er selber noch über sein täppisches Ungeschick, bis die Schmerzen nach einigenTagen heftiger werden, Fieber dazu kommt und ihm wie den andern die Gefährlichkeit ankündigt. Krüsi begleitet ihn nach Lausanne, aber da lassen ihn die Ärzte nicht mehr fort, weil nun schon das Fieber mit den Schmerzen um sein Bewußtsein kämpft und der Tod an seine Bettstelle treten will. Vier Monate seines Lebens kostet ihn die falsche Anwendung dieser Stricknadel, und manche Woche irrt sein Geist in Delirien hin, darin die Kämpfe der letzten Zeit in den Spuk früher Kinderträume tauchen, wo die Feinde mit greulichen Gesichtern und langen Messern heran schleichen. Namentlich ein plumpes Tier peinigt ihn lange, das dicht über seinen Augen schwebt und ihn erdrücken wird, wenn es sich niederläßt. Als seine Sinne heller werden, weil die Sonne durchs Fenster scheint und mütterliche Hände um seine Wiege sind, ist es der bunte Papiervogel, von dem er geschrieben hat, daß ihn die Appenzeller Mütter ihren Kindern übers Bett hängten, damit der suchende Blick daran den ersten Anhalt aus dem Unbewußten in die Menschenwelt fände. Endlich an einem Nachmittag erwacht er wieder in seine Greisenwelt, Anna Schultheß lächelt ihn an mit ihrem Faltengesicht, und der Vogel ist fort: aber die Erinnerung an seine Farben bleibt in ihm, wie wenn er aus dem Paradies gewesen wäre. Und noch einmal wird Heinrich Pestalozzi überwältigt von dem tiefen Sinn dieses Volksgebrauches: Mir löscht das Bewußtsein meiner alten Tage den Traum bald wieder aus, denkt er und liegt noch immer wie ein Kind in der Wiege lächelnd mit gefalteten Händen da; aber das Kind, das sich dieWelt mit seinen Sinnen erst aufbauen soll, sieht am Eingang den paradiesischen Vogel, und es wird immer diesen Kern von Wohllaut in dem Weltgebäude seiner Anschauung fühlen.
Mitten in diese Gedanken hinein muß er so herzhaft lachen, daß sich Anna erschrocken — das Fieber möchte wiederkommen — zu ihm hinunterbeugt. Es dauert lange, bis er mit den schwerfälligen Worten dem blitzschnellen Lauf seiner Gedanken nachkommen kann: Er hat von dem Papiervogel aus an das Bergwerk gedacht, darin die Seele im Verlauf einer Jugend von den Erfahrungen der Sinne begraben wird, und an die unendliche Geduld seiner Methode, sie mit der Ordnung einer wirklichen Weltanschauung wieder ans Licht zu bringen, auf einmal ist aber noch Niederer dagewesen mit dem Papierberg seiner Wissenschaft: Weißt du noch, kichert er und malt ihr mit dem Finger einen Vogel auf die Hand, wie mich der Henning aus Preußen neulich nach der Stelle in meiner Lenzburger Rede fragte, aus der Niederer ein gedrucktes Buch gemacht hat? Es wäre mir auch zu tiefsinnig, was ich da gedacht hätte, sagte ich: er müsse Niederer fragen!
Als aber Anna schon wieder in Ifferten ist und er noch immer geschwächt von seiner Krankheit daliegt, bleibt der mühsame Weg von dem Appenzeller Vogel bis zur Wortposaune der Lenzburger Rede der Strich, an dem er den Gang seiner Absichten auf der Bettdecke abtasten kann: Es geht schon arg über den Rand damit, sagt er kopfschüttelnd, und macht sich fast ein Spiel daraus, wie alles andre danach, der Professor Haller inden Gelehrten Anzeigen und der Chorherr Bremi mit den drei Dutzend Zeitungsfragen samt den Niedererschen Antwortschriften auf den Boden purzelt, wo sie das Turnier in ihrer eigenen Welt, nicht in der seinen abmachen.
Endlich nach fast vier Monaten kann ihn Anna im Wagen wieder holen; er möchte — wie er wehmütig scherzt — den Umweg über Ifferten garnicht mehr machen, da es über Burgdorf näher nach dem Birrfeld wäre. Und bei Cossonay muß ihn der Kutscher ein Stück gegen den Berg hinauf fahren, damit er ihr die Stelle seiner Rettung unter den Pferden zeigen kann. Es ist seit Januar Anfang Mai geworden, und die sonnige Luft hat ihn heiter gemacht; aber wie sie nachher durch das Sumpftal der Orbe hinunter fahren, fängt er bitterlich an zu weinen. Er hat an das Glück der Ruhe damals gedacht, und wie anders dies jetzt ist, in das er hinein fährt: Wo ist mein Jungbrunnen geblieben? klagt er unaufhörlich, sodaß Anna, die nicht an den Boden seiner Trauer gelangen kann, schon bitter zweifelt, ob die Nadel seinem Kopf nicht doch geschadet habe.