Nacht
100.
Selten sind über das Birrfeld solche Schneemassen niedergegangen wie in der Februarnacht, da der Glarner im Roten Haus zu Brugg Heinrich Pestalozzi die erste Totenwacht hält; und erst am andern Nachmittag ist soviel Bahn gemacht, daß sie ihn mühselig genug im Schlitten nach dem Neuhof holen können. Da wird er bei Kerzenlicht in der Kammer aufgebahrt, wo die stummen Dinge seiner Gewohnheit eine Woche lang auf ihn gewartet haben; als ob er aus tiefem Schlaf erwachen wolle, liegt er im Sarg, und das Lächeln glücklicher Träume scheint sich in den Runzelfalten seines verwelkten Gesichtes zu verstecken. So ist er über Nacht geworden, erklärt Steinmann dem Pfarrer und gibt auch seine Dienerweisheit dazu: Der Körper freut sich, endlich die unruhige Seele los zu sein!
Am andern Vormittag begraben sie ihn auf dem verschneiten Dorfkirchhof; der Wind fegt eisig über das Birrfeld, und die Wege zwischen den Dörfern sind wie Maulwurfsgänge durch den meterhohen Schnee gegraben: aber die Schulkinder aus der ganzen Kirchgemeinde kommen, ihm ein Lied ins Grab zu singen, und die Schulmeister tragen den Sarg. Damit sie auf dem Kirchhof stehen können, haben die Bauern demKüster helfen müssen, einen Hof aus dem Schnee zu schaufeln, und die gefrorenen Erdschollen poltern gleich Steinen auf die Bretter: es ist ein anderes Begräbnis als vor elf Jahren, da sie Anna Schultheß im Schloßgarten zu Ifferten begraben. Das bäuerliche Dasein, aus dem er mit seiner Bitte an Menschenfreunde hervortrat, hat seinen Leib zurück gefordert, und bevor die Freunde im Land Und draußen seinen Tod erfahren, verweht der eisige Wind den einsamen Grabhügel schon mit neuem Schnee. Als ihrer dann einige mit dem Frühjahr kommen, staunen sie, wie das Mißgeschick ihm bis auf den Kirchhof folgte: er ist mit seinem Sarg unter die Traufe des Schulhauses geraten; der Regen, den das Dach von den Dorfkindern abhält, gießt auf seinen Hügel. Statt des Rosenstockes, der darauf steht, möchten sie ihm einen Stein setzen; aber der Enkel im Neuhof zeigt ihnen ein vergilbtes Blatt, darauf er sich selber den Grabschmuck wünschte.
Der Stock trägt weiße Rosen und wird mit den Jahren ein Busch, der im Frühsommer als ein schäumender Ball vor dem kleinen Schulhaus steht. Selten kommt dann ein Fremder, der sich nicht eine Blüte davon mitnähme; und an diesen Wallfahrten zu seinem Rosenstock merken die Birrfelder, daß etwas von Heinrich Pestalozzi lebendig geblieben sein muß.
Sein Sterbeteil ist längst vermodert, und die Seele Heinrich Pestalozzis ruht im Zeughaus des Lebens aus von der Ruhelosigkeit ihrer Tage; nur der Menschengeist,dem sie die schwingende Unruhe war, reitet sein Abenteuer in die Unsterblichkeit. Die Zeiten sind nicht danach, seinen Wahlspruch, Freiheit durch Bildung, beliebt zu machen, und das prophezeite Jahrhundert der Menschlichkeit will nicht anbrechen. Nach dem Traum der Befreiungskriege ist Europa wieder eingeschlafen, und die deutsche Jugend der schwarzrotgoldenen Burschenschaften wird hinter Gitterstäben von dem Traum kuriert. Überall hat sich der Geist der Väter auf die vergoldeten Stühle der alten Herrlichkeit gesetzt, und die Landreiter spähen, daß seine Hüte an den Stangen in der schuldigen Ehrfurcht gegrüßt werden. Darüber flackern die Menschenrechte, denen zuliebe soviel Köpfe abgeschlagen wurden, zum andernmal auf in einer Revolution, aber diesmal schlägt ein nasser Sack die Strohfeuer aus: Das Reich fällt noch einmal in einen bleiernen Morgenschlaf, und über den Ozean her leuchtet ein Morgenrot, dem die halbwachen Schläfer in Millionen zutaumeln.
Indessen so von den Luftschlössern der Freiheit nichts übrig bleibt als die Schwärmerei für Ruinen — selbst der neue Napoleon begnügt sich, von Gottes Gnaden auf dem angestammten Kaiserthron zu sitzen — ist aus den Zeiten Steins in Preußen der Eckpfeiler der Volksschule durch alle Schwierigkeiten pietistischer Bedrängung stehen geblieben, und im preußischen Lehrerstand reitet der Menschengeist von Heinrich Pestalozzi sein Abenteuer in die kleinsten Dörfer. Längst ist die deutsche Frage ein Rattenkönig geworden, da tut es bei Königgrätz einen scharfen Schlag, der die Schwänze blutigauseinander reißt: Preußen marschiert und ein geflügeltes Wort kommt auf, daß der preußische Schulmeister die Schlacht an der Bistritz gewonnen habe. Dann schmiedet Bismarck das neue Reich aus Blut und Eisen, wie es in den Ruhmesblättern heißt; aber er selber schreibt aus Versailles an seine Frau, daß Deutschland dem gemeinen Soldaten mehr als den Generälen den Erfolg in Frankreich verdanke.
Ich wüßte Einem, der mir folgte, eine Macht in Europa zu gründen, die mächtiger als Bonaparte wäre; und ich sage euch, wer es am ersten mit mir hält, dem wird die Herrschaft in Europa zufallen! hat Heinrich Pestalozzi zu den Stadtherren von Ifferten gesagt, als sie von der Audienz in Basel zurück fuhren: nun steht das Deutsche Reich mächtig in Europa da aus seiner Lehre.
Aber wenn der Armennarr vom Neuhof, der den Rockknopf des russischen Kaisers nicht zu fassen kriegte, danach seine dritte Reise machte, diesmal fröhlicher nach Berlin als damals nach Paris: er würde das goldblinkende Dach des Reichstags staunend von außen betrachten und in die zweite Volksschule nur aus dem Zweifel gehen, ob die erste mit ihren sauberen Klassen und dem peinlich umzirkelten Lehrplan nicht ein Blendwerk der Schulbehörde gewesen sei; er würde nach den Wohnungen der Armen fragen und aus dem Prunk der Linden hinaus wandern in die trüben Straßen, wo die Kinder in engen Höfen spielen; und unverdrossen mit den ärmsten bis in die letzte Dachwohnung steigen: Ichwill sehen, was die Treppe der Menschenbildung aus dem Haus des Unrechts gemacht hat!
Wohl würde er schaudern vor dem Haß des Klassenkampfes, aber er würde sich tapfer zu seinem Anteil bekennen: daß der Arbeiterstand die Gerechtigkeit nicht im Mist der Gnade verscharrt haben wolle, sondern — durch Bildung frei gemacht — Macht gegen Macht einsetze, sie zu ertrotzen. Er würde vor den Gewerkschaftshäusern und Konsumanstalten beklommen vor Glück dastehen, daß aus der Masse von einzelnen Schwachen soviel Stärke im Ganzen möglich wäre, und er ließe sich nicht mit der Verdächtigung schrecken, daß da die vaterlandslosen Gesellen ihre Kriegslager des Umsturzes hätten: Er hat es zu sehr am eigenen Leib gespürt, wie rasch die herrschenden Mächte mit der bedrohten Moral bei der Hand sind, wenn ihnen einer um der Gerechtigkeit willen widerstrebt! Wie er dem Pfarrer Lavater einmal schrieb, daß er leicht nach oben milder und nach unten strenger sei, als es sein Herr Jesus Christus gehalten habe!
Freilich, wenn Heinrich Pestalozzi, der es im Leben zu keinem Wohlstand brachte, der in schlechten Kleidern ging und auch so aß und wohnte, von seinen einsamen Gängen wieder in die Hauptstraßen zurück käme und den Aufwand der Schaufenster, die geputzten Menschen und die Marmorsäle sähe, die jeden Mittag und Abend gefüllt sind, als ob es ewig Feste zu feiern gäbe: er würde in einem tiefen Schrecken von neuem seitab irren in die dunkleren Straßen der unermeßlichen Steinwüste und den Plakaten folgend in eine der Versammlungen geraten, wo die Männer der Lohnarbeit einem jüdischenRedner zuhörten, der die Schlupfwinkel einer wirtschaftlichen Frage mit juristischer Dialektik ableuchtete. Sie würden erstaunt sein, wenn sich nachher der Greis mit dem blatternarbigen Runzelgesicht zum Wort meldete, und mißtrauisch seine seltsame Erscheinung betrachten, ob er ihnen nicht mit lächerlichen Einfällen Unfrieden stiften wolle? Auch bliebe Heinrich Pestalozzi selber im Anfang noch verschüchtert, wie wenn ihn der Schulmeister Dysli mit seinem Anhang unter den Hintersassen noch einmal aus der Stube schicken könnte; bald aber fände er in den feindlich abwartenden Augen eine Menschenseele, zu der er also spräche:
Lieber Bruder und Genosse — wie ihr euch nennt — meiner Seele ist es gegangen wie deiner, sie fand sich in eine Ordnung gestellt, die aus dem Unrecht der Gesellschaft gewachsen war, und seit den Jünglingstagen wallte mein Herz wie ein Strom, die Quellen des Elends zu verstopfen, darin ich das niedere Volk um mich versunken sah: aber wie mir die Methode nur das Mittel und nicht das Ziel war, so auch die äußere Wohlfahrt. Darum habe ich zwei Dinge nicht gekannt, die mir in diesen Tagen mehr, als es gut ist, begegneten: den Neid und den Haß. Warum, Bruder und Genosse, willst du den Reichen hassen, und um was willst du ihn beneiden? Er hat ja selber nichts als sein Geld und was er sich für sein Geld kaufen kann? Ist es aber dies, warum wir zwischen Geburt und Tod unser rasches Leben haben, und kann es unser Glück sein, daß unsere Frauen sich putzen können mit kostbaren Kleidern, und daß wir die edlen Weine trinken und Kapaune essen?
Ich weiß wohl und habe es bitter gefühlt wie du, daß ein Mindestes für jeden Menschen nötig ist: daß er im Winter nicht friere und im Sommer nicht hungrig sei, daß er Stunden haben möchte, wo er aus der harten Arbeit zu sich selber käme, und daß er um seines Lohnes willen niemandes Knecht zu sein braucht! Auch weiß ich wie du, daß dies abscheulich an unserer gesellschaftlichen Ordnung ist, wie sie am Geldsack hängt: aber geht nicht vieles, wie ihr es ändern wollt, geht es nicht auch nur im Gelüst auf jene Genüsse, die aus dem Geldsack kommen? Ist nicht in eurem Haß auf die besitzenden Klassen auch der Neid? Der Neid auf Güter, deren Genuß euch nicht weniger als der Mangel im Elend eines nichtigen Lebens ließe!
Eine gute Verfassung ist zwar von einer schlechten wie ein guter Acker von einem schlechten verschieden; aber du weißt, es wächst dir weder auf dem guten noch auf dem schlechten Acker etwas aus dem Acker allein, sondern aus der Arbeit und dem Samen, die du darauf verwendest! Wie aber kann deine Arbeit wertvoll für dich und die andern sein, wenn du doch wieder das alte Unkraut säst? Wie anders haben wir es damals von den Welschen gelernt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! nur laß es mich verdeutschen:
Es gibt vielerleiFreiheitauf der Welt: aber die Freiheit der Sau im Wald, die ihren Suhl hat, und die Freiheit des Reichen, der sich mit seinem Gold das Tischlein-deck-dich herzaubern kann, ist Knechtschaft der Begierden. Frei sein heißt nicht, tun dürfen, was du möchtest, sondern tun wollen, was du mußt; darumachte, daß du draußen wie drinnen keinen Herrn über dein Gewissen habest! Jesus Christus, der sich für die Mühseligen und Beladenen ans Kreuz schlagen ließ, war freier als Pontius Pilatus, der den Befehl dazu gab.
Es gibt vielerleiGleichheit, aber willst du dem Schlechten und Geringen gleich sein oder dem Besten? Soviel dir einer voraus hat in Gütern, Wissen und Fertigkeiten, im Selbstgefühl kannst du dem Reichsten und Klügsten gewachsen sein trotz all seinem Geld, seinen Künsten und seiner Wissenschaft. Vor Gott gleich sein, wie die Frommen wissen, heißt etwas anderes, als nichts vor seiner Allmacht zu bedeuten; denn frage deine Seele, ob du dich als Sandkorn von Meer und Wind verweht fühlen oder selber Meer und Wind sein willst? Vor Gott gleich sein, heißt aus dem Ungewissen ins Gewissen der Welt, heißt in die Allmacht berufen sein.
Es gibt vielerleiBrüderlichkeit; aber daß der Reiche im Wagen dich mitnimmt hinter seine Pferde, in sein Haus und an seinen Tisch: dadurch wirst du nicht sein Bruder, sondern sein Knecht, der Wohltaten empfängt. Und wenn er all das Seine mit dir teilte, gutwillig und gerecht: er würde vielleicht dein Bruder sein, du aber nicht der seine; denn Brüderlichkeit ist ein Geschenk, das nur gegeben, nicht empfangen werden kann; du aber willst empfangen! Es gibt nur eine Brüderlichkeit, die ist vor Gott — und ich meine nicht die Stündlisbruderschaft — ihr sind die Güter der Erde wenig vor dem Gefühl der Seele, aus dem Rätsel in das Menschenschicksal geboren zu sein und wieder in das Rätsel derWelt hinein sterben zu müssen. Allein vermöchten wir das Grauen, aus dem ewigen Weltall durch unser menschliches Bewußtsein für eine flackernde Sekunde abgesondert zu sein, nicht auszuhalten, wir würden vor Schreck daran verdorren: nur weil wir gleich den Halmen im Feld dastehen, können wir miteinander auf den Schnitter warten und uns doch wiegen im Wind und wärmen in der Sonne und den Saft der Erde trinken für unsere Frucht!
Wenn Heinrich Pestalozzi das gesagt hätte, würde er noch einmal in dem Saal dastehen, als ob er nach bestandenem Examen vor den andern Schülern das Vaterunser sprechen müsse, so zum Lachen würde ihn schon wieder eine Einsicht und ein Irrtum überraschen; und wie immer ginge auch diesmal seine Rede in einem Selbstgespräch zu Ende, das keiner der Männer in dem bleichen Gaslicht dieses Saales verstehen würde: Ich dachte, es wäre der Menschengeist von mir, der immer noch auf Abenteuer reitet, indessen sie meinen Körper unter die Dachtraufe und den Rosenstock legten! Nun muß ich sehen, daß er nur der Diener unserer Menschenbruderschaft und nicht das Leben selber ist, daß er die Worte setzt, damit eine Botschaft von meiner Seele in deine, Bruder und Genosse, käme; da beide sonst einsam im gemeinsamen Schicksal bleiben. Denn allein die Seelenkraft ist das Leben, darin wir alle eins und von Gott und also unverletzlich sind. Botschaft der Weltseele in unser irdisches Dasein zu bringen, ist das Abenteuer des Menschengeistes, dessen Tapferkeit sonstnur Ehrgeiz und Rauflust und vor der Ewigkeit ein windiger Spaß wäre, ein grausames Puppenspiel der Menschen für ihre Götter, wie es die Hoffnungslosigkeit der Alten dachte.