Auf Golgatha, über dem Grabe Adams, richtete man den Baum der Erkenntnis auf und der Schädel des ersten Menschen ward zur Stütze des Kreuzes, an dem der Menschensohn hing.
Der Baum der Erkenntnis, den einst Satan gepflanzt, da Gott den Garten des Paradieses schuf, dessen Frucht den Menschen die Augen öffnete über Gut und Böse, dessen Zweig die tote Stirn Adams bekränzte, — er ward jetzt zum Baum des Heils, zum Kreuz des Erlösers.
Man schlug ihn mit Händen und Füßen an das Kreuz mit eisernen Nägeln, man kleidete ihn in ein grünes Hemd aus grünen Nesseln, man gürtete ihn mit Weißdorn, band ihn mit Hopfen und Binsen, durchstach seine Seite mit einem Speer, stieß ihm Weidenruten unter die Nägel und legte ihm eine Dornenkrone auf das Haupt.
Wo die Nägel eingeschlagen wurden, da floß das Blut. Wo man ihn gürtete, da floß Schweiß. Wo die Krone sein Haupt berührte, da flossen blutige Tränen aus seinen Augen.
Die am Kreuze vorübergingen, schüttelten die Köpfe und spotteten.
„Der du den Tempel zerbrichst und in drei Tagen wieder aufbaust! Hilf dir selber! Wenn du der Sohn Gottes bist, so steig herab vom Kreuz!“
„Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht helfen! Wenn du der König von Israel bist, so steig herab vom Kreuz, dann wollen wir an dich glauben!“
„Er hat auf Gott gehofft, so mag Gott ihm helfen, wenn Gott ihn lieb hat! Hat er nicht gesagt: Ich bin Gottes Sohn!?“
„Freue dich, König der Juden!“
Unzählige Scharen von Dämonen und dunkeln Teufelnkamen von Mittag und Mitternacht, von Ost und West nach der Schädelstätte geflogen, zum gekreuzigten Christus.
Wie weißer Schnee schmolz der weiße Mond, und Tränen verdunkelten das lichte Antlitz der Sonne, bis es sich endlich ganz verbarg.
Und es war Finsternis auf der ganzen Erde von der sechsten bis zur neunten Stunde.
Aus blutunterlaufenen Augen sahen die Dämonen in das gemarterte Antlitz des Erlösers, mächtige Pergamente rollten sie vor ihm auf, — da waren alle Sünden der Menschen vom ersten Tage bis zum letzten verzeichnet. Und kein Ende nahmen die Rollen, kein Ende die Sünden der Menschen.
Und alle diese Sünden wollte er auf sich nehmen.
Und es kamen von allen Enden, da sie von den schweren, blutigen Sünden hörten, schreckliche, erbarmungslose Engel: ihre Gesichter waren wutverzerrt, die Zähne ragten weit aus dem Munde heraus, die Augen waren wie Sterne, und ihr Atem war flammendes Feuer. Das waren die Engel, die nach den Seelen der Sünder kommen, um sie ins Reich der ewigen Qual zu führen. Unendlich war die Zahl dieser Engel, denn nicht zu zählen war die Menge der Sünden, — aller Sünden vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende.
Kein Ende nahmen die Sünden der Menschen.
Und alle diese Sünden wollte er auf sich nehmen.
Die Schächer, die rechts und links vom Heiland an ihren Kreuzen hingen, konnten die Qual nicht länger ertragen, und weil sie auf keine Rettung mehr hofften, machten sie sich in Schmähreden Luft und schalten den Gottessohn einen Betrüger.
Am Fuße des Kreuzes aber, vor dem mit Christi Blut besprengten Haupt Adams, klirrten schon die Folterwerkzeuge: Schwerter, Messer, Sägen, Sicheln, Pfeile, Äxte. Die furchtbaren, unbarmherzigen Engel rissen die Glieder des gemarterten Leibes auseinander, hackten die Beine ab, dann dieArme, machten sie wieder lebendig, um sie von neuem ans Kreuz zu nageln, rissen das festgeklebte geronnene Blut von den Wunden und leckten die blutigen Schwären mit salzigen Zungen.
Die Dämonen rollten die schwarzen Pergamente zusammen. Und einer von ihnen, ein Teufel mit Gänsefüßen und einem Schweinsleib ohne Borsten, kletterte am Kreuzesstamm hinauf bis dicht vor das Antlitz Christi und hielt ihm eine große Schale hin, gefüllt mit Bitternis bis zum Rand.
Und Christus trank die Schale leer bis auf den letzten Tropfen und schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“
Da erhob sich auf den Ruf des Verlassenen, der der Welt Sünde auf sich genommen hatte, von seinem Wolkenthron im Norden um die neunte Stunde Satan, der Fürst der Finsternis. Und sein schwarzmähniges Roß trug ihn, wie ein Falke, wie der Sturm, wie der Donner, wie der Blitz, zum Kreuz des Gottessohnes.
Auf flogen die Winde, wie Adler, hoch wirbelten sie den Staub auf den Straßen empor. Die Berge erbebten. Aufgewühlt wurden die Tiefen der Erde. Gewaltig wogte und brauste das Meer. Weit aus ihren Ufern traten die Ströme. Und in der Glut der Höllenflamme rollte der Himmel sich zusammen, wie ein Pergamentblatt. Und die Erde wallte und brannte, wie Eisen im Schmelzkessel.
„Freue dich, König der Juden!“ sprach Satan und trat vor das Kreuz hin.
Satan stand vor dem Kreuz und sah Christus an, und vom Kreuz, die schweren Lider mühsam hebend, blickte Christus auf Satan.
So blickten sie sich an, wie König und Sklave, wie Bruder und Feind, wie König und König, wie Bruder und Bruder, wie Feind und Feind, wie der Retter und der Verlassene. Und alle Kreatur sank nieder in bebendem Entsetzen in dieser Stunde des Grauens.
Und mit schnellen Schritten kam vom blauen Meer, aus unbekanntem Land, über weite Felder, über grünes Gras, über verwehende Spuren, über wogende Saaten ein schöner Jüngling — der sanfte Tod.
Ohne viel zu fragen, schob er das Eisengitter auseinander. Festen Schrittes stieg er den Hügel von Golgatha hinauf und trat vor den Gekreuzigten.
Leise nahm er das Haupt Christi in seine Arme.
Und Christus neigte das Haupt und verschied.
Abends kam zu Pilatus ein reicher Mann aus Arimathia, namens Joseph, und mit ihm Nikodemus, die beide heimliche Jünger Christi gewesen waren, und baten Pilatus, er möge ihnen den Leib Christi überlassen.
Und Pilatus gestattete es ihnen.
Sie nahmen den Leichnam Christi und hüllten ihn in reine, wohlriechende Tücher, und legten ihn im Garten in ein neues Grab. Dann wälzten sie einen Stein vor des Grabes Tür und gingen von dannen.
Und als die letzten Menschenschritte verklungen waren und die Kriegsknechte, die den Schächern die Knie gebrochen hatten, Golgatha verlassen hatten, und die Toten, die aus ihren Gräbern auferstanden waren, sich in den Straßen der Stadt verloren hatten, um die schlaflose Nacht mit Grauen zu erfüllen — da erhob sich ein wilder Lärm, Geschrei, Gestampf, Geheul, als wäre die ganze Welt toll geworden. Und der Garten, da der Leib Christi bestattet war, ward zum höllischen Abgrund, denn Satan selbst, der Fürst der Finsternis, hielt sich hier auf mit all seinen Heerscharen.
Mit höllischen Künsten blendete Satan die Augen der Menschen und aller Lebewesen, hüllte die Seelen in die Nacht des Wahnsinns, senkte sie in einen teuflischen Zauberschlaf, und der finstere Teufelszauber hielt die Welt zwei Tage undzwei Nächte gefangen und betörte sie mit grauenhaften höllischen Gesichten und Versuchungen.
Die Teufel stürzten sich auf den Leichnam Christi, rissen die Tücher herunter, zerteilten den reinen heiligen Leib: das Fleisch gaben sie der Erde, das Blut dem Feuer, die Knochen dem Stein, den Atem dem Wind, die Augen den Blumen, die Adern dem Gras, die Gedanken den Wolken, den Schweiß dem Tau, die Tränen dem salzigen Meer.
Es wogte und brauste das Meer von bösen Geistern. Wild wirbelten die Dämonen durcheinander, stießen sich, schrien, spotteten, grinsten und fluchten. Aus allen Tiefen waren sie emporgestiegen, liefen sie, hüpften sie, krochen sie, wälzten sie sich heran — schmutzig und übelriechend, krummbeinig und bucklig, dickbäuchig und spindeldürr. Und sie traten den Leichnam des Heilands mit den Füßen, zerrten ihn hin und her, beschmutzten und schändeten ihn . . .
Und um Mitternacht tat sich der Himmel auf und über der Erde stieg eine strahlende Sonne empor, wie die Welt sie noch nie gesehn hatte.
Die Dämonen zerrten den Leib Christi aus dem neuen Grabe und hüllten ihn in köstliche königliche Gewänder und trugen ihn auf den höchsten Berg und setzten ihn auf einen Königsthron.
Und vor den Thron stellte sich Satan hin und zeigte den Völkern der Erde — allen, die schon gelebt hatten, und allen, die noch kommen sollten — den Leichnam im königlichen Purpur und verkündete mit lauter Stimme:
„Sehet, das ist euer König!“
Und von der Höhe des Thrones blickten auf die wogende Menge von Köpfen, auf die flehend ausgestreckten Arme die großen bleiernen Augen des entseelten, verunstalteten Leichnams. Und im grellen Licht des plötzlich aufgegangenen Tages glaubte man sehen zu können, wie unter dem königlichen Gewand die starren Glieder auseinanderzufallen begannen.
Verzweiflung lastete über dem Weltall. Und das Maß der ganzen Erde schien nicht größer als vier Schritte — so lang, wie ein Grab sein muß.
Von Land zu Land, von Reich zu Reich, über Felder und Wiesen, durch Städte und Dörfer, mitten durch die unermeßlichen Menschenmengen aller Zeiten und Völker und Länder, jagte ein Wagen, von wilden Rossen gezogen, und in dem Wagen saß ein zähnefletschendes Gerippe mit einer Dornenkrone auf dem kahlen Schädel.
„Sehet, das ist euer König!“ sagte Satan und zeigte den Menschen das grauenhafte, zähnefletschende Gerippe.
Und dunkel wurden die lichten Gewänder der Völker. Das Lachen ward zum Weinen. Die Menschen fielen hin und starben, einer neben dem andern, der Bruder in den Armen des Bruders, das Kind auf dem Schoße der Mutter, die Mutter an der Brust der Tochter.
Von dem Geschrei und den Seufzern bog sich die Erde, spalteten sich die unfruchtbaren Steine, taten sich gewaltige Abgründe auf, und weinten das Meer und die Ströme und alle Tiefen der Unterwelt.
Da zeigte sich hoch über der strahlenden Sonne am Himmel als letzte Verheißung ein Kreuz und an dem Kreuz hing festgenagelt ein entstellter Leichnam.
„Sehet, das ist euer König!“ verkündete Satan stolz von seinem Wolkenwagen herab, und er blies das Kreuz an.
Und das Kreuz und der Leichnam wurden zu Staub.
Und die reine Luft der Erde ward vom Qualm aufgesogen, die Quellen vertrockneten, die Bäume verloren ihre Blätter, die Sonne erlosch und der giftige Hauch aus Satans Munde zerfraß die Rinde der Erde.
So wütete Satan zwei Tage und zwei Nächte lang und säte Aufruhr in die Herzen, flößte ihnen das Gift des Wahnsinns ein, erfüllte sie mit Angst und Verzweiflung.
Grausame, undurchdringliche Finsternis hüllte die Stadt in banges Schweigen.
Die Toten irrten in den Straßen umher, klopften an die Türen. Und wie in den Tagen des schwarzen Todes wagten die Menschen nicht, ihre Häuser zu verlassen. In den menschenleeren Gassen tauchten Reiter auf: ihre Gesichter konnte man nicht sehen und auch ihre Pferde nicht, man hörte nur die Hufe aufs Pflaster schlagen.
Und durch die schwarze Einsamkeit ertönte von der verödeten Schädelstätte her das Wehklagen der Gottesmutter.
Marias Herz bebt in bangem Entsetzen, ihr Kopf geht in die Runde, ihre Zunge redet irre. Und sie ist nicht imstande, die Augen aufzuschlagen.
„Steh auf, mein Sohn, erwache, hebe deine Augen auf, sag ein Wort! Fest schläfst du, tief ist dein Schlaf, nie wirst du erwachen! Ich trage Leid um dich! Meine Seele ist betrübt! Du hast dein Herz verhärtet, daß es dem Stein gleich ward, und nirgends sehe ich dich mehr! Steh auf, mein Sohn, erwache, nimm mich zu dir! Ich trage Leid um dich! Meine Seele ist tief betrübt!“
Und neben der Mutter Gottes stand auf dem Hügel von Golgatha, das Haupt an den Kreuzesstamm gelehnt, ein schöner Jüngling.
Und bis zum Morgengrauen des dritten Tages, da mit der auferstandenen Sonne der Engel des Herrn kommen sollte und den Stein von des Grabes Tür wälzen, bis zum lichten Ostermorgen ging er nicht fort von dem lebenspendenden Kreuz, der Unersättliche, der schöne Jüngling, der sanfte Tod.
Der Tod Christi ist das ewige Leben, die Gewähr des Heils.
Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!
„Sie wissen selber nicht, was sie wollen!“ sprach der einsame alte Juwelier, der hundert Jahre auf Erden gelebt und in seinem Herzen Generationen zu Grabe getragen hatte.
Zusammengekrümmt, ein richtiger Zwerg, ewig scherzend und spottend, schien er suchend um die Menschenherzen herum zu gehen und mit seinen langen dünnen Fingern nach den verborgenen warmen Lebensquellen zu graben. Er öffnete sie leicht und gewandt, wie seine mit Perlen und seltenen Steinen gefüllten Kassetten, und er schaute mit durchdringendem Blick in die Seele der Worte und Gedanken hinein, die tief im innersten Herzen versteckt saßen.
Tag und Nacht saß er über seinen Steinen; er wusch sie, streute sie auf Sammet- und Seidendecken aus und hielt sie gegen die Lumpen, die ihm als Kleidung dienten. Und seine sonst so winzigen Äuglein wurden dann groß wie Teller.
In dem Flimmern der winzigsten Schleifflächen seiner Edelsteine las er die Geheimnisse von Jahrhunderten. Und eines nach dem andern traten die Verbrechen und Schandtaten vergangener Zeiten vor ihn hin, stellten sich in Reih und Glied, und er spielte mit ihnen wie mit Bleisoldaten.
Und es gab keine Einzelverbrechen mehr, es war nur eine einzige große Schandtat, und die nistete in allen Zeitaltern, an allen Enden des menschlichen Lebens.
Aus allen Zeiten und allen Ländern kamen die kostbaren Juwelen zu dem Alten in seine elende, von Schimmel und Motten zerfressene Werkstatt, die sich in einer Kellerwohnung an der belebtesten Straße der Hauptstadt verbarg.
Seit langem schon träumte der Alte davon, hinauszuziehen in die Berge und sich dort einen festen Turm zu bauen, umvon dessen Höhe ungefährdet und unbemerkt die Welt zu beobachten.
Aber diesem Traum sollte keine Erfüllung werden.
Und doch war es eine bewegte Zeit und vieles wäre von der Bergeshöhe aus dem Turmfenster zu sehen gewesen.
Nicht eine einzelne Stadt, nicht ein einzelnes Dorf, — das ganze Land von Meer zu Meer war von einem wahnsinnigen Wunsche beherrscht.
Alle Sehnsüchte, Triebe und Wünsche eines schweren, trüben, qualvollen Alltags verflochten sich ineinander und wuchsen zu einer grausigen Geißel aus, und orkangleich schwang sich diese Geißel, schwer und blind, von Meer zu Meer, auf alles Schreien und Rufen mit dem einen wilden Schrei antwortend:
„Freiheit!“
„Wißt ihr denn, was Freiheit ist?“ fragte augenzwinkernd der einsame alte Juwelier, der hundert Jahre gelebt und in seinem Herzen Generationen zu Grabe getragen hatte.
Ein Menschenleben galt nichts mehr. Man spie es aus und trat mit dem Fuße darauf.
Man tötete die Menschen wie Flöhe. Man lauerte ihnen auf, fing sie und vernichtete sie sofort, wie man ein Ungeziefer auf dem Fingernagel zerdrückt.
Aus Barmherzigkeit trieb man die Verurteilten vom Schafott ins Gefängnis. Gnade war es, wenn man einem das Leben schenkte, damit er es in ewiger Kerkerhaft vollende.
Nie bisher war der Mensch so mißtrauisch gegen seinen Nächsten gewesen. Wenn zwei Freunde sich begegneten und einer dem andern die Rechte drückte, fühlte die Linke schon ängstlich nach dem Messer in der Tasche.
In dunkeln Winkeln, in muffigen Löchern lauerte der Verrat.
Und die letzten Stützen, die tiefsten Grundlagen des Lebens wurden unterwühlt.
Sprengstoffe wurden in ungeheuren Mengen angefertigt.Keine andere Ware ließ sich so leicht absetzen wie diese. Tagaus, tagein wurde sie in Massen verkauft und gekauft, wie in früheren Zeiten Streichhölzer.
In dunkeln Winkeln, in muffigen Löchern erwürgte und erstach der Freund den Freund.
Die blutgetränkten Straßen wurden überall neu gepflastert. Die glühende Sonne sog die blutigen Dünste aus dem Boden, und der berauschende, betäubende Blutgeruch erfüllte die ganze Luft.
Friedliche Gassen, vom Rausch gepackt, gerieten in Raserei und zerfleischten in tobender Wut Frauen und Kinder. Das Blut klebte an den Hufen der Pferde, und auch die Pferde wurden toll.
Draußen aber vor der Stadt auf den Feldern wogten rote Ähren, und es reifte ein blutgedüngtes Korn, das die Menschen vergiftete.
Hier und da tauchten Tote in den Straßen auf. Sie redeten ihre Bekannten an, mischten sich in das Alltagstreiben, als wären sie noch lebendig.
Die Lebenden aber verließen ihre Häuser, als wenn sie schon tot wären, und begaben sich nach den Friedhöfen und suchten Unterkunft im Reich der Toten, richteten sich in Grüften und Särgen häuslich ein.
Propheten verkündeten ein neues Reich und handelten schamlos mit ihrer Sehergabe.
Die Gläubigen aber verloren den Verstand und töteten sich und warfen der Welt ihr letztes bitteres Wort ins Gesicht:
„Es gibt keine Wahrheit auf Erden!“
Und die erbarmungslose, wahnsinnige Geißel schwang sich empor, blind und schwer, und flog sturmgleich von Meer zu Meer, und donnernd dröhnte ihr grausiger Schrei:
„Freiheit!“
„Wißt ihr denn, was Freiheit ist?“ fragte augenzwinkernd der einsame alte Juwelier, der hundert Jahre gelebt hatteund in seinem Herzen unzählige Generationen zu Grabe getragen hatte.
Am Vorabend jenes großen Tages, der die neue Freiheit zu bringen und die ganze Welt umzugestalten versprach, wurde der alte Juwelier in aller Frühe geweckt, in eine schwarze, wappengeschmückte Kutsche gesetzt, wie sie nur den hohen Würdenträgern des Staates zustand, und unter militärischer Bewachung nach dem königlichen Schlosse gebracht.
Durch die zugezogenen Vorhänge vor den Wagenfenstern fühlte der Alte das Bohren von hundert und aberhundert haßgeschärften Blicken. Es war ihm, als würde von diesen stechenden Blicken das Glas glühend heiß, als klirrte und surrte etwas unter den Rädern, was den Wagen in Stücke zu reißen drohte.
Da in den letzten Tagen von den allmächtigen Günstlingen des Herrschers, in deren Gewalt Städte und Provinzen, Leben und Tod des Volkes waren, zahllose Schandtaten begangen waren, so wurden derartige vornehme Geleitzüge stets von bösen Blicken verfolgt, und nicht immer nahm die Fahrt ein gutes Ende.
Aber der Juwelier war ein schlichter Mann. Ihm hatte niemand das Recht zu strafen und zu begnadigen verliehen; ihm war nur der Befehl geworden, die goldene Krone zu putzen, in der nach der Sitte des Landes die Könige vor das Volk traten, wenn sie, was selten genug geschah, dem Volke Regierungsbeschlüsse von außerordentlicher Wichtigkeit zu verkündigen hatten.
Wem anders als ihm, dem alten erfahrenen Manne, der es so gut verstand, seine scharfe Zunge im Zaum zu halten, konnte man die furchtbare, durch ihren Glanz blendende Krone anvertrauen?
Scherzend und kichernd stieg der Juwelier die goldeneSchloßtreppe empor, schloß sich in dem Saal ein, den man ihm angewiesen, und machte sich an die Arbeit.
Hier bot sich eine seltene Gelegenheit, Dinge zu sehen, die der Alte bisher höchstens hatte ahnen können.
So manchen Wunders Zeuge war er gewesen, mehr als einmal hatte das rasende Volk seine angestammten Herrscher gleich Taschendieben und Einbrechern davongejagt, aber immer war in solchen Fällen eine neue Krone für einen neuen Herrscher aufgetaucht, und der Alte wurde gerufen, sie in Stand zu setzen und zu flicken. Noch nie aber war aus den verstaubten Speichern des königlichen Schlosses ein so wunderbares Kunstwerk in seine Hände gekommen, von dem man kaum glauben konnte, daß es von Menschen geschaffen sei.
Wahrlich, der morgende große Tag barg Unerhörtes in seinem Schoße.
Mit größter Sorgfalt, zitternd, wie über einem Heiligtum, dem jeden Augenblick der eifersüchtige böse Feind etwas antun kann, nahm er die Steine aus der goldenen, mit Schmutz- und Lehmflecken bedeckten Krone, und, kaum sichtbar in dem Riesensaale, die dürren Schultern in ein zerfetztes wollenes Umschlagtuch gehüllt, wie es die Weiber tragen, fuhr er mit den langen dünnen Fingern über die Juwelen.
Er spielte mit dem Schatze — mit den märchenhaften Achaten, mit leuchtend blauen und blutroten und schwarzen Steinen, mit Frühling atmenden Türkisen; er drehte sie hin und her, er warf sie hin, er sog ihren Duft ein, als wären sie lebende Gewächse, er legte sie auf die gewandte Schlangenzunge, ließ sie über seine feinfühlende Handfläche rollen, stellte sie in Reihen auf, häufte sie aufeinander und bebte wollüstig im grünen, roten, blauen und schwarzen Schimmer.
Unzählige Menschengesichter tauchten vor ihm auf, unzählige Hände reckten sich nach ihm, Scharen von Menschen aller Art gingen nacheinander an ihm vorüber, sie füllten den ganzen Saal, sie bedeckten alle Wände von oben bis unten,und hoch unter der Sternenkuppel des Saales hingen sie und schwankten hin und her, ohne Arme, ohne Beine, und aus allen Ecken und Winkeln starrten ihn staunende Augen an . . .
Dem Alten verging der Atem, er ließ die Steine fallen. Sie klebten an seinen Lumpen, rollten über die Teppiche, den Brokat, den Marmor, und es war, als ob sie tönten wie dumpfe Glocken.
Dieser Glanz und diese dumpfen Töne ließen ihn die Augen weit aufreißen. Die winzigen Äuglein wurden groß wie Teller.
Er sah zugleich den ersten und den letzten Tag des menschlichen Daseins.
Er putzte die Steine in größter Hast, legte sie in der verschiedensten Weise zusammen, bis er die Verbindung gefunden hatte, die ihm für die Königskrone die schönste dünkte.
Er hatte sie erkannt, die alte Königskrone, die keine Gewalt auf Erden anzutasten wagt, die den Menschen unwiderstehlich zu sich lockt und Leichen auf Leichen häuft.
In der Dämmerung, als die Kronleuchter aufflammten und der Alte sich von seinem Platze erhob und, die Krone auf dem Kopfe, einem König gleich, mitten in den Saal trat, da strömte die Krone einen solchen Glanz aus, daß die unerschütterlichen Wände des Palastes erbebten.
So würde auch die morgende Freiheit, die die Welt von Grund aus umgestalten sollte, gleich am ersten Tage an diesem Glanz zugrunde gehen; zusammenknicken würden die Sklavenknie, und nur ganz im geheimen würde die dunkle Rache schwören, den Thron zu zerschmettern und die leuchtenden Steine der unzerstörbaren Königskrone über die Erde zu verstreuen.
„Sie wissen selber nicht, was sie wollen!“
Der Alte ging die goldene Treppe hinab, durch die Reihen dienernder Hofleute, begleitet von einem schmeichlerischen Lächeln, hinter dem sich schamlose Roheit verbarg und das bange Zittern kleinlicher Sklavenseelen.
Mitternacht war längst vorüber. Der neue Tag der Freiheit erwachte.
Der Freiheitstrieb, der so wahnwitzig, so schmerzvoll vorwärts gedrängt hatte, war stumpf geworden, und die wildrasende Geißel, blind und schwer, flog nicht mehr, schlug nicht mehr. Der Wunsch, von dem königlichen Versprechen betäubt, trieb die Menge auf die Straßen hinaus, drängte sie auf den Märkten zusammen, schmiedete alt und jung aneinander.
Und mit mißtrauisch schielenden Blicken gingen die tausendmal betrogenen Massen, finster, eng aneinandergedrängt, vorwärts, ohne zu wissen wohin, dumpfe Verzweiflung im Herzen.
Der Alte saß in seinem Keller, die dürren Schultern in sein wollenes zerfetztes Umschlagtuch wickelnd, und sah vor sich hin, und seine winzigen Äuglein wurden groß wie Teller.
Und in seinen entsetzten Augen glühte das Grauen, Angst und Hohn.
Am Kellerfenster aber zogen Tausende von Füßen vorüber, unsicher, wie trunken, trunken von Verzweiflung.
Und der Alte rieb sich die Hände und krümmte sich, wie ein Gepfählter, beim Gedanken an die heute geschenkte Freiheit.
Und er, der einmal aus der Tiefe der menschlichen Lebensmöglichkeiten das ganze Leben hervorgeholt hatte, der einmal dem ersten und dem letzten Tage ins Auge geschaut hatte, — er lachte und warf Spott- und Scherzworte in die freie Menge.
Und über der freien Stadt und dem freien Lande stieg die freie Morgendämmerung auf, und immer röter flammte ihr Schein, um blutig und wehvoll einem Zeitalterden Abschied zu geben . . .
Sascha ist im April drei Jahre alt geworden. Seit drei Jahren ist sie die Herrin des alten berühmten Schlosses von Sadory und des ganzen Olenowschen Landes mit der weiten Steppe, den Feldern, Wiesen und Wäldern bis zu Großmutters Kirschgarten in Gajewo, den Sascha auch zu ihrem Besitz zählt.
Drei Jahre brennt nun nach langer Zeit wieder Licht in dem einen Schloßturm, und tagsüber hallt der Garten wider von einer hellen Kinderstimme; abends aber guckt aus dem Turmfenster ein Mädchenköpfchen unter einer roten, goldgestickten Mütze heraus. Und alle, Groß und Klein, die Großmutter Euphrosyne Iwanowna, und der Onkel Andrej, und Tante Wera und Tante Lena, und die Wärterin Halka und das ganze Gesinde mit der Haushälterin Nadeshda, der Kuhmagd Fedoßja, der alten Zofe Polja und den jungen Tagelöhnerinnen Marja, Warwara, Fima und Katharina, und der Kutscher David und der Nachtwächter Taras und der Landmesser Becker, und der Gutsnachbar Bruch und dessen Tochter Manja und ihr Lehrer, der Student Michail Petrowitsch, und der Pfarrer, Vater Eutychios nebst dem ganzen Klerus, und der alte Jagdhund Kadoschka und die beiden Hofhunde Butzik und Mischka und das kleine Hündchen Dranka und endlich die Ziege Maschka, — mit einem Wort alle Bewohner des Schlosses und alle Nachbarn meilenweit herum bis zur Eisenbahn haben das Mädelchen als ihre Königin anerkannt und fügen sich demütig ihren Launen.
Einzig und allein die Tante Tatjana Afanasjewna, die in ihrem Stolz und Eigensinn keinen Willen über dem ihren gelten läßt außer dem Gottes und des Zaren, widersetzte sich lange Zeit, zuletzt aber gab auch sie nach, und zuWeihnachten hat sie Sascha einen goldenen alten Löffel geschenkt.
Und Sascha hütete dieses Spielzeug mit aller Sorgfalt. Sie verwahrte es ganz hinten in ihrem roten Schränkchen, wo es von dem kahlköpfigen Trommelhasen und zwei vom letzten Christbaum übrig gebliebenen goldenen Nüssen treulich bewacht wurde. Und Sascha sorgte für ihren kostbaren Schatz, so gut sie irgend konnte: sie badete den Löffel in ihrer kleinen Wanne zusammen mit den zwei glatten Steinen, dem schwarzen und weißen; und mit dem Kamel, dem grünen Aufziehfrosch, dem Radfahrer, dem Brummkreisel und den drei Puppen: der Katja mit dem Loch im Kopf, der armlosen Alexejewna, und der am heißesten geliebten Wera, die aus Lappen genäht war und überhaupt keinen Kopf mehr besaß, — warf sie den Löffel zum Fenster hinaus, damit die Ziege Maschka auch ein bißchen mit all den schönen Sachen spielen könne, wie sie auch Tantens klirrende Schlüssel zu den vielen, mit allerlei köstlichen Dingen vollgestopften Kisten und Truhen immer hinauswarf, damit sie sich draußen am schönen grünen Grase satt essen und etwas frische Luft schnappen.
In Saschas rotem Schränkchen gibt es unzählige kostbare Dinge. Von oben bis unten ist er vollgepfropft.
Wenn man Sascha fragt: „Wie liebst du?“ drückt sie gleich irgendeinen Teddy-Bären an ihr Herz oder den Springhasen, der keine Ohren mehr und nur noch zwei Beine hat, und sagt:
„So lieb ich!“
Jeden Tag wird das Schloß belagert: alle wollen die Königin von Olenowo sehen.
Und Sascha begrüßt alle gleich freundlich, spricht mit allen und schenkt denen, die sich ihrer besondern Huld erfreuen, den ganzen Inhalt ihres roten Schrankes. Später aber nimmt sie alles wieder zurück.
So ist nun einmal der Wille dieses weißen Mädelchens in der roten, goldgestickten Mütze, der Königin von Olenowo.
Sascha ist hübsch rundlich und ihre Backen sind dick und die Lippen auch, und über den Lippen guckt das Näschen frech in die Höhe. Wenn man’s sieht, kommt einen die Lust unwiderstehlich an, mal daran zu zupfen. Aber zugleich ist einem doch bang: so klein und weich ist das Stuppsnäschen. Sascha sagt: „Sie ist buttrig.“ Und wenn man sie an der Nase faßt, dann kneift sie die Augen zusammen und verzieht den Mund, und sieht aus wie ein kleines wildes Tier, ein Tierchen mit blauen, schlauen Äuglein.
Saschas Haare aber sind für ihr Alter zwar nicht zu kurz und nicht zu dünn, sie wachsen ganz ordentlich, wie sie wachsen sollen, aber einen Zopf kann man aus ihnen doch noch nicht flechten, — es sei denn einen ganz winzigen, wie ein Schwänzchen.
Sascha hatte sich angewöhnt, sich die Härchen auszuzupfen.
Und so oft schon war der Mohr gekommen, ganz schwarz, mit gefletschten Zähnen und hatte nach den ausgerissenen Haaren gefragt. Aber Sascha hatte gar keine Angst vor dem Mohren, im Gegenteil, sie machte ihn zum ersten Mann in ihrem Hofstaat und hörte natürlich nicht auf, sich die Härchen auszuzupfen, sondern tat es nach wie vor jeden Tag.
Der eine Finger war dran schuld, der Daumen an der linken Hand, — der hieß auch der Zupfer.
Und so ging es immer weiter, bis Sascha schließlich eine ganz kahle Stelle auf ihrem Kopf hatte. Da mußte Tante Lena auf den Rat desselben Mohren Sascha ganz kurz scheren. Und nun war Sascha ganz kahl mit winzigen Haferstoppeln auf dem runden Kopf. Aber es half alles nichts: auch diese Stoppeln wußte sie noch festzukriegen, als wären es ganz lange Haare: immer wieder rückte der Zupfer an und riß auch die kürzesten Härchen heraus.
Sascha hat ganz kleine Hände, wie Mama und Großmama, und Nägel wie Perlen, und da ist nun wieder ein Unglück: der Daumen an der rechten Hand ist auch ungezogen: immermuß er in Saschas Mund stecken, und Sascha saugt an ihm, wie ein Bär. Man versuchte es ihr durch allerlei Kunstgriffe abzugewöhnen, bestrich den Finger mit Senf und mit Chinin. Aber es half alles nichts: Sascha leckt den Finger ab, spuckt aus, und dann ist der Daumen gleich wieder im Mund.
Man holte den Mohren, glaubte, er würde sie zur Raison bringen, — aber es kam ganz anders. Es erwies sich, daß der Mohr auch lutschte und zwar mit Hochgenuß, denn — so erklärte Sascha — „der Daumen schmeckt noch viel schöner als Schokolade.“
Was war da zu machen? Nichts war zu machen. Es blieb nichts übrig, als die Indianer zu holen. Diese Indianer überfallen jene Buben und Mädel, die allein in den Garten schleichen und dort Erdbeeren mit Milch essen. Und solange die Indianer drohten, lutschte Sascha nicht am Fingerlein. Aber es verging einige Zeit, die Indianer verschwanden, es tauchte irgendein Zauberer auf, oder der Ägypter oder der Grüne Kater aus dem Theater, die Gefahr war vorüber — und Sascha machte sich von neuem an ihren Finger. Der Zupfer und der Lutscher sind eine wahre Plage. Und wie lustig Sascha ist, — so ganz ohne jeden Grund, bloß weil sie nicht anders kann. Und wenn sie lächelt, dann gibt ein dunkles Leberfleckchen über der Oberlippe dem Lächeln etwas ganz besonders Liebliches. Man möchte es immer nur anschauen und küssen, dieses Fleckchen, das an heißen Tagen immer etwas feucht ist.
„Sascha, ich fresse dich auf!“
„Was?“
„Ich fresse dich auf, weil . . . was soll ich denn mit mir anfangen, du bist so.“
„Makig?“ — und der kleine Mund mit den spitzen Zähnchen lächelt wieder.
„Grad so ein Leberfleckchen“, sagte Tatjana Afanasjewna und sah ihre schelmisch lächelnde Urgroßnichte scharf an,„hatte die Großtante Elisabeth Michailowna. Die verstorbene Gräfin Lydia Petrowna aber legte an dieser Stelle eine Mouche auf, — das bedeutete Leichtsinn. So ist sie auch gestorben.“
Von den Mouches redete die Tante sehr oft und immer mit großer Rührung. Sascha aber wollte dann sofort eine Mouche haben und beruhigte sich nicht eher, als bis man ihr eine lebendige Fliege gefangen hatte.
„Ganz die Mutter,“ sagte die Tante und erging sich weiterhin für sich allein in köstlichen Erinnerungen an ferne schöne Zeiten, die den jetzigen so gar nicht glichen.
Du magst die ganze Welt nach einem zweiten Mädel absuchen, das ebenso eigensinnig wäre, — du findest keins.
Was Sascha haben will, das setzt sie alles durch.
Und auch eine so wilde Hummel findest du nirgends mehr. Wenn es mal über sie kommt, dann gibt es kein Halten. Dann läuft sie die Hände waschen, und ehe man ihrer habhaft geworden ist, ist sie bis an die Schultern pitschenaß. Dann maust sie dem Onkel Andrej den Tabak und macht sich ans Zigarrettendrehen, — und natürlich ist in wenigen Augenblicken der ganze Tabak auf dem Boden verstreut.
Sascha geht gern in die Kirche zur Messe. Kaum hört sie die Glocken läuten, so hat sie keine Ruhe mehr. Sie wird von Mama begleitet. Oder von Tante Lena. Im Winter geht sie seltener, im Sommer öfter. Im Sommer bringt sie auch Blumen für Großvater auf den Friedhof.
Alle wissen, daß Sascha und der Pfarrer gute Freunde sind. Der Pfarrer, Vater Eutychios, schickt ihr oft eine Hostie, und zu Pfingsten bekam sie Blumen vom Altar. Als dann der Pfarrer am ersten Weihnachtstage mit dem Kreuz ins Haus kam, sang Sascha ihm den ganzen Weihnachtschoral vor und sprach alle Worte richtig aus.
Wenn Sascha das Abendmahl bekommen soll, passiert allemal was: entweder fängt sie irgend etwas zu erzählen an, undzwar so laut, daß man es in der ganzen Kirche hört, oder sie verlangt, daß der Priester zuallererst zu ihr komme, oder sie singt, aber nicht was vorgeschrieben ist, sondern was ihr gerade einfällt.
Singen tut Sascha überhaupt sehr gerne. Sie liebt es auch, wenn andere singen.
Und so singt das ganze Schloß von früh bis spät. Großmutter Euphrosyne Iwanowna muß singen, und Tante Wera und Tante Lena und Mama.
Wer aber wirklich sehr schön und sehr gerne singt, das ist der Onkel Andrej. Früher brauchte er bloß den Mund aufzutun, dann geriet alles in die größte Aufregung und bat flehentlich, er solle lieber nicht singen. Jetzt aber hat sich alles geändert, jetzt muß er singen was das Zeug hält, denn Sascha findet es sehr schön und will immer mehr haben.
Wie geht es aber erst zu Weihnachten her, wenn im Schloß der Christbaum angezündet wird und im Ofen das Stroh knistert und draußen der Wind heult und den weißen Schnee in dichten Massen gegen die Fenster treibt!
Dann hallt das alte Schloß von wehmütigen Koljadkas*wider. Schon fünfundzwanzig Jahre ist es her, daß der Vater Eutychios das Koljadkasingen streng verboten hat, aber insgeheim wird immer noch gesungen. Und der langgedehnte Refrain, der noch wehmütiger klingt, als das Lied selbst, verschmilzt in eins mit dem Sturmwind draußen:
„Heiliger Abend . . .“
Sascha setzt sich zu den Mägden und hockt unbeweglich da, ganz Spannung. Und es ist, als verstünde sie alles und sähe alles: wie die Muttergottes in der Schenke den Sohn in Windeln wickelt, und wie Christus gekreuzigt wird, und wie das falkenschnelle Roß Abschied nimmt . . .
„Heiliger Abend . . .“
* Volkstümliche Weihnachtgesänge, z. T. noch an heidnische Sonnwendgebräuche anknüpfend.
„Noch!“ verlangt die Königin und läßt die Sängerinnen nicht einmal zu Atem kommen.
Die Mägde sind schon ganz heiser geschrien, aber Saschas strenges „Noch“ und abermals „Noch“ hört nicht auf.
Auf die Koljadka folgt der Kasatschok. Fedorka tanzt famos. Und sie tanzt bis zum Umfallen, bis Sascha sich die Pfötchen wund geklatscht hat.
Zur Bescherung kommen auch die Nachbarskinder, die Bruchs, denn außer der Manja gibt’s da noch gute zehn Stück. Sascha macht mit ihnen, was sie will: sie läßt sie singen und tanzen und singt und tanzt selber mit, dann gibt sie ihnen ihre Geschenke und schickt sie nach Hause.
Zu Sylvester spricht Sascha den Segen.
„Heiliger Sylvester, liebster, bester, mach uns stark, gib uns Butter und Quark. Ist die Suppe weg, so gib uns Speck, gib uns Mehl und Honigseim, das tragen wir alles heim!“
So klingt es vom frühen Morgen bis zum Abend.
Am Neujahrstage aber, wenn Sascha „sät“, wird ebenso oft der Neujahrssegen wiederholt:
„Herr Gott im Himmel, segne die Saat, daß dein Volk was zu essen hat! Frohes Fest, glückliches Neujahr!“
Zu Weihnachten geht’s munter zu, — es ist eine „makige“ Zeit.
Die Großmutter spielt im langen Winter viel mit Sascha. Morgens fahren sie die Puppen im Saal spazieren und geraten bald ins Eßzimmer, bald ins Schlafzimmer, bald ins Kabinett, bald in die Bibliothek, denn es sieht im Saal immer so nach Regen aus. Und jedesmal werden die Fahrgäste ausgeladen und dann wieder in den Wagen gesetzt. Und dann muß das Essen für die Puppen bereitet werden und sie müssen alle abgefüttert werden. Die Puppen tanzen, gehen in die Schule, werden krank, laufen davon. Und überall muß man aufpassen, immer muß man zusehen, daß die Puppen zufrieden sind.
Kaum ist es draußen ein bißchen wärmer geworden und der Schnee im Garten beginnt sich grau zu färben, so bittet Sascha schon um Erlaubnis, auf der Heuwiese spazieren gehn zu dürfen, und dann träumt sie vom Sommer, wo — so meint Sascha — auch Großmutter ganz jung sein und im Garten herumhüpfen wird.
Mit Tante Lena spielt Sascha oft Heuernte: Tante muß sich auf den Fußboden setzen und ist der Heuschober, und Sascha läuft um sie herum und harkt das Heu zusammen.
Aber nun nehmen die Tage wirklich zu und die Sonne wärmt schon tüchtig. Und tagtäglich versichert Sascha, die Puppen wären draußen gewesen und hätten gesagt, es sei schon ganz trocken, und der Wind habe versprochen, ganz still zu sein und der Regen desgleichen.
Der Schnee schwindet immer mehr, nur noch hier und da sieht man ein weißes Fleckchen, an den gelben Narzissen zeigen sich schon große Knospen.
Und Sascha geht im Garten umher und erzählt lange Geschichten vom vorigen Sommer, wie Mama baden ging, und wo sie mit Lena gespielt hat, und wie sie den Krug in den Brunnen fallen ließen.
„Wenn der Schnee ganz weg ist,“ sagt Sascha, „holen wir ihn wieder, wir binden einen Lappen an einen Stock und holen ihn raus.“
So wartet man sehnsüchtig und ungeduldig auf den Frühling, auf die warme Zeit.
Und der Frühling zieht in Olenowka ein, mit Pflug und Egge, rote Blumen im Haar, strahlend und lachend, und bringt das Osterfest mit.
Alte Leute und kleine Kinder — der Unterschied ist wahrhaftig nicht groß. Die zwei gehören zusammen — Sascha und Tante Tatjana Afanasjewna.
Immer wieder verschwindet Tantens Krückstock, ohne densie kaum gehen kann. Tante will hinaus an die frische Luft — der Stock ist weg, als hätte die Erde ihn verschluckt.
Überall sucht man ihn, und Sascha sucht mit! Und nicht einmal lächeln tut sie dabei, der Schelm!
Tante weiß sich aber schon zu rächen: Saschas Spielsachen fangen an zu verschwinden.
Die Tante ist gern allein. In der Schummerstunde setzt sie sich in einen Winkel im Bildersaal, der schwarzäugigen Somowschen Kokette mit Löckchen und Bändchen gegenüber, und macht sich an ihr Geduldspiel: Ziegen und Schafe. Die hölzernen Ziegenböcke klappern im Takt, aus dem Rahmen lächelt die Kokette und die Tante lächelt auch, — wieviel lustige Bälle hat sie mitgemacht, und was gab es dazumal für Kavaliere, was für Walzer . . .
Wenn das Spiel der Tante überdrüssig wird, legt sie es fort und holt ein anderes heraus — den Bären als Schmied. Und der Bär schmiedet ihr die alte goldene Zeit neu.
Dann denkt die Tante nicht daran, daß sie doch bald ins Grab muß. Nein, sie ist sechzehn Jahre alt, vielleicht auch noch viel, viel jünger.
Sascha steht morgens ganz früh auf mit Großmama und der Tante. Nur das Zimmermädchen Polja steht noch früher auf.
Jeden Morgen begibt sich die Tante in den Saal, um vor dem wundertätigen Marienbild von Sadorino zu beten. Mit der linken Faust macht die Tante eine „Feige“, den bösen Geist abzuwehren, und die Faust fest an den Rücken gepreßt, fängt sie zu beten an. Sascha, noch nicht ganz angekleidet, nur in Strümpfen und Leibchen, kommt vom Turme auch in den Saal hinunter gelaufen um zu beten, bekreuzigt sich ungeschickt, beugt sich nieder und hascht mit der linken Hand nach Tantens zitternder Feige.
Mit Angst und Beben, ihr Gebet vergessend, sieht die Tante sich um: daß ihr Schutzengel nur nicht davonfliegt!
Und oft scheint es ihr, als flöge der Engel davon. Dannwird’s ein böser Tag, alle kränken die Tante, Tante kriegt ihren geliebten Nabel nicht.
Tante kennt nämlich kein schöneres Essen, als gekochten Hühnernabel. Und Sascha denkt ganz wie Tante. Mit dem Hühnernabel kann man viel erreichen: man kann Sascha dazu bringen, daß sie auch Suppe und Fleisch ißt und nicht bloß Milch ohne Brot; man kann sie dazu bringen, daß sie sich umkleiden läßt, ihr Frätzchen wäscht, — obgleich es dann mit dem Waschen nicht immer sein Bewenden hat: es kommt vor, daß Sascha verlangt, alle sollten sich waschen, und ohne jeden Grund. Aber ein Tag ist eben nicht wie der andere, und das Wichtigste ist doch, daß man Sascha mit diesem Nabel zwingen kann, nicht im Regen spazieren zu gehen.
Tante holt den Nabel von Saschas Teller weg und so geschickt, daß man sie gar nicht dabei ertappen kann. Eben war noch alles in schönster Ordnung, — und mit einemmal ist von dem Nabel nur eine harte Sehne geblieben.
„Man muß es auf einen andern Teller legen,“ sagt Tante Wera streng.
Aber Tante Tatjana Afanasjewna schaut ganz unschuldig drein. Sie hat den Nabel schon aufgegessen.
Mit dem Mittagessen hat man überhaupt sein Kreuz. Zu Mittag geht immer etwas schief.
Sascha wird auf das hohe Klappstühlchen gesetzt, man bindet ihr die Serviette um. Tante Lena fängt an, endlose Geschichten zu erzählen. Der Inhalt dieser Geschichten ist dem Alltagsleben entnommen, er ist ganz einfach und mit so klaren Details, wie man sie höchstens im Traum sieht. Da wird etwa erzählt, wie Manja Bruch in die Stadt ins Töchterpensionat kam. Manja, Onkel Andrej, der Nachbar Bruch, der Landmesser Becker müssen in jeder Geschichte vorkommen. Und nur wenn solche Geschichten erzählt werden, ißt Sascha ordentlich. Gott bewahre, wenn Tante Lena stecken bleibtoder auf eine der Zwischenfragen keine Antwort weiß! Warum? wo? wieviel? wann? Oder wenn sie auf das unaufhörliche: und dann? und weiter? nicht sofort einfällt. Dann gibt es ein Geschrei und Tränenströme, denen gegenüber selbst Manja, die im Sommer regelmäßig zur ersten Speise erscheint, ganz hilflos ist, und die kein Nabel, kein Pfefferkuchen stillen kann. Manchmal kommt es auch so: man setzt sich zu Tisch, und Sascha ist nicht da. Man hat sie eben noch gesehen, aber nun ist sie mit einemmal verschwunden, wie weggeblasen. Und alles macht sich auf die Suche. Man läuft durch den ganzen Garten, guckt in die Scheune, in Pferde- und Kuhstall, und wenn alle schon ganz außer Atem sind, kommt sie plötzlich aus dem Ofen herausgekrochen, schwarz, wie ein Mohrenkind, und lacht so, daß selbst ein Toter im Sarge mitlachen müßte, und die Lebendigen vor Lachen sterben möchten.
Auch in der Küche muß man sich vorsehen. Da wird der Teig ausgerollt, damit man die Brote in den Ofen schieben kann; alle Vorsichtsmaßregeln sind ergriffen; die Haushälterin Nadeshda hat die Tür verriegelt und eine Bank vorgeschoben, Halka singt Kosaken- und Zigeunerlieder. Was kann man noch mehr tun? Aber durch irgendeine Ritze ist Sascha doch durchgeschlüpft, und sie muß durchaus ein Brötchen mit ihren kleinen Pfoten formen. Und dann klatscht der Teig auf den Boden und wälzt sich im Staub und Schmutz, — und das soll nun gebacken werden!
Nur der Hund Kadoschka hat was davon — o dieser Kadoschka! Er läßt sich nicht anrühren, nicht aus dem Zimmer jagen. Kadoschka kriegt zuguterletzt alles.
Sadory war von je durch seine Gastfreundlichkeit berühmt. Seit aber Sascha da ist, ist dieser Ruf noch gewachsen. Nicht nur Kadoschka, — jeden, der ihr in den Weg kommt, muß sie füttern und tränken, ob er will oder nicht. Sie stopft es ihm einfach mit Gewalt hinein: iß und trink, bis du platzest. Und da hilft kein Weigern und Sträuben.
Sascha will alles selbst mit ihren eigenen Händen tun. Sie hat einen eigenen kleinen Besen aus Steppengras, damit fegt sie jeden Morgen die Stube. Der Besen macht mehr Staub, als daß er den Staub wegschaffte, — aber wieviel Mühe macht sich Sascha dabei! Unter jedes Bett kriecht sie, vor jedem Sofa bückt sie sich mindestens zehnmal.
Ordnung muß eben sein.
Nach dem Essen spielt Sascha mit Manja „Stöckchen gib acht!“, Versteck und Kuchenbacken.
„Stöckchen gib acht!“ wird so gespielt: man holt sich irgendwo aus einem alten Lattenzaun ein Stöckchen, stellt es senkrecht auf den Zeigefinger, sagt: „Stöckchen gib acht! Wieviel Stunden sind’s noch bis Mitternacht?“ und zählt dann, bis das Stöckchen vom Finger heruntergefallen ist. Bei welcher Zahl das geschieht, so viel Stunden sind’s noch bis Mitternacht.
Sascha bringt es immer zu sehr hohen Zahlen, denn sie zählt auf ihre besondere Art. Eins, zwei, drei, zehn, zwanzig, zehn, hundert. Außerdem mogelt Sascha: mit dem Daumen, dem Lutscher, stützt sie das Stöckchen heimlich.
Wie man Versteck spielt, weiß jeder. Verstecken kann man sich überall: im Kuhstall und in Drankas Hundehütte, — aber nur nicht lauern! Sascha versteckt sich hinter der Tür. Das ist ganz einfach, aber man kommt nicht so leicht drauf.
Das alles sind friedliche Spiele, aber beim Kuchenbacken gibt es oft Mißverständnisse. Sascha läßt die Möglichkeit nicht gelten, daß irgend jemand außer ihr etwa einen Baumkuchen aus Sand formen könnte. Und wenn Manja Bruch ihr ein Pralinee aus Sand überreicht, dann hätte sie’s lieber nicht getan!
Wird das Spiel draußen langweilig, geht man ins Zimmer. Dort „liest“ Sascha, das heißt, Tante Lena liest ihr vor. Aber Sascha weiß schon eine Menge auswendig und sie hört so zu, als wäre sie selbst der Struwwelpeter und der Hans-Guckindieluftund das schlaue Häschen. Und was sie für Gesichter dazu schneidet! Wo sie die nur alle her hat! Diesen Sommer hat Mama ihr eine Fibel geschenkt mit einem Mohr, einem Indianer und einem Ägypter. Und die Fibel ist jetzt Saschas Lieblingsbuch.
Bilder besehen macht Sascha immer Spaß. Sämtliche Jahrgänge der „Niwa“ sind schon durchgeschmökert. Jedes Bild wird in Zusammenhang mit dem Leben auf dem Schlosse gebracht, und wenn das garnicht angeht, so werden neue Geschichten geschaffen, die sich ebenfalls auf dem Schlosse abgespielt haben, und bloß nicht im Gedächtnis der Schloßbewohner haften geblieben sind.
Und immer muß Sascha fragen. Und wenn sie auch alle Fragen selbst auf ihre Weise beantwortet, so überschüttet sie doch jeden, der in ihre Nähe kommt, mit Fragen ohne Zahl. Wenn ein Lied gesungen wird, ein Märchen erzählt, oder überhaupt nur von irgendetwas gesprochen, dann kann man auf die Fragen gefaßt sein:
„Warum ist Herbst? Warum muß man essen? Warum muß man gesund sein? Warum muß man beten?“
Und das nimmt kein Ende.
Sascha kennt die russischen Dichter. Sie zeigt Puschkins Bild und nennt ihn Putzekin. Lermontow kann sie auch richtig zeigen, aber seinen Namen vermag sie nicht auszusprechen.
Wenn das Lesen und Bilderbesehen und Fragen erledigt ist, setzt sich Sascha an Tantens Klavier, läßt sich Noten aufs Pult legen und fängt an zu spielen. Die Notenblätter müssen umgewendet werden, die Hefte gewechselt, sonst wird Sascha sehr böse.
Sie wird überhaupt sehr leicht böse, sie ist grimmiger als der alte Landmesser Becker, den die Leute im Dorfe den Feuerspeier nennen.
So geht der Tag hin, man merkt es gar nicht, wie. DerAbend kommt heran. Nun geht man noch spazieren. Tante Lena, Manja und Sascha spazieren ins Feld hinaus.
Im Schlosse wird es still. Tante und Großmama spielen Schwarzen Peter, im Garten oder in der Küche wird Fruchtsaft gekocht, dafür sorgt Tante Wera.
Und gerade, wenn den Fliegen der süße Schaum über dem Kessel am schönsten schmeckt, wird es im Schlosse wieder laut und lebendig. Vom Felde bringt man Blumen, Kränze und eine Unmenge Geschichten: irgend jemand hat man sicher unterwegs getroffen, — natürlich nur von jenen Leuten, die bloß Sascha und dem Mohren, ihrem getreuen und ergebenen Kavalier, bekannt sind und nur von ihnen gesehen werden.
Wenn die Sonne sinkt, wird es für Sascha Zeit, zu Bett zu gehen.
Bei dieser Gelegenheit wird sie von den unglaublichsten Krankheiten heimgesucht. Am häufigsten tut ihr der Fuß weh. Sascha hinkt dann. Eine Zeitlang war man ganz unruhig, aber weder der Student Michail Petrowitsch, noch der Doktor Korotok konnten etwas Gefährliches entdecken. Wenn jemand der Fuß wehtat, so allenfalls nur der Großmama, die immer ihr Reißen bekommt, wenn das Wetter sich ändern will.
Ehe Sascha zu Bett geht, müssen alle Puppen zur Ruhe gebracht werden. Wenn sie fertig sind, kommt die Reihe an Sascha.
Vor dem Schlaf, auf dem Töpfchen, erzählt Sascha mit schläfrigen Lippen der Tante Lena, was sie Neues erfahren und gelernt hat, und wen sie heute gesehen und allerlei vom Sandmann und wie die Hunde bellen.
Wenn es am Tage gewittert hat, erzählt Sascha vom Donner; wenn es regnete, so berichtet sie Dinge vom Regen, die ein Erwachsener nur schwer versteht, — Tante Lena nicht ausgenommen, obgleich sie an Saschas Geschichten gewöhnt ist, mit ihr in einem Zimmer schläft und sie fast nie allein läßt.
„Der Donner wohnt über dem Himmel,“ berichtet Sascha,„wo auch die Wolken sind. Der Regen wohnt auf dem Dach. Da wohnen auch die Vöglein.“
Sascha schläft ein, und auch die Großmutter Euphrosyne Iwanowna schläft und die Ziege Maschka, damit Sascha morgen früh wieder frische Milch hat.
Nur die Tante Tatjana Afanasjewna schläft nicht. Die Tante legt Karten aus. Sie hat ihre besonderen Karten, die lügen nie. Da gibt es im Spiel eine Amazone und einen Spanier, auf die kommt es vor allem an. Die Karten werden in vier Reihen zu je neun ausgelegt. Und wie traurig kann die Arme sein, wenn plötzlich irgendein Astrolog oder die Sphinx oder die Kanone nicht da sind — alles Saschas böse Streiche.
Aus dem Wächterhäuschen kommt der Nachtwächter Taras mit seiner Klapper. Und Butzik und Mischka und Dranka bellen bald laut auf, bald sind sie mäuschenstill, bald heulen sie dreistimmig, daß es weit widerhallt.
Tags schläft der Sandmann, aber nachts wird er lebendig. Abends steht er von seinem Lager auf, und wenn es ganz dunkel geworden ist, kommt er ins Schloß. Er geht geradewegs die Treppe hinauf in Saschas Turm, und selten kommt er allein. Der Sandmann erzählt Märchen oder er nimmt Sascha an der Hand und führt sie aus dem Turm hinaus ins Feld spazieren, im Winter über das weiße Gras, im Sommer über rote Blumen. Der Sandmann kann gerade so, wie Mama, aus Malven Damen machen. Er reißt eine rosa Blüte ab, dreht sie um, bindet die Staubfäden mit einem Grashalm zusammen — und die Dame im Reifrock ist fertig.
Einmal gingen Sascha und der Sandmann über das Feld nach den Tatarengräbern — so nennt man in Olenowka die Hünengräber — und da kam ihnen der Wolf entgegen.
„Nehmt mich mit,“ sagte er, „ich will auch spazieren gehn.“
„Gut.“
Und so gingen sie. Alles war in bester Ordnung. Der Wolf kannte die ganze Gegend ausgezeichnet und führte sie zuden schönsten Plätzchen. Aber auf einmal verlor der Wolf seinen Schwanz. Und da wurde er ganz betrübt. Ohne Schwanz fühlt man sich ganz scheußlich, und nun schrie Sascha jede Nacht aus Furcht, sie könnte auch ihr Schwänzchen verlieren.
Tante Lena hörte das Geschrei und dachte, Sascha hätte Magenweh, und man schob die Schuld auf die Ziege und ihre zu süße Milch. Der Student Michail Petrowitsch erschien wieder, der Doktor Korotok untersuchte Sascha, beide verordneten eine Mixtur, alle zwei Stunden einen Eßlöffel voll. Sascha nahm die Mixtur und schrie nachts doch.
Gott sei Dank, daß die Boitschicha da war, sonst hätten sie das Mädel ganz zugrunde gerichtet.
Die Boitschicha ist ein ur-uraltes Weibchen im Dorf. Ihre Hütte ist dicht beim Schloß. Man erzählte, sie sei eine Hexe, die heilen und verzaubern könne. An sie wandte man sich.
„Der Wolf hat sie erschreckt,“ sagte die Alte. „Das läßt sich wieder gutmachen.“
Die Boitschicha kam in aller Frühe ins Schloß, als der Ofen eben angeheizt war. Die Hexe murmelte allerlei vor sich hin, trug Sascha durch das Zimmer, strich mit ihren erdigen, harten Fingern über die rosige Brust und den Rücken, dann nahm sie ein Büschel Bandgras und ließ den Schrecken sich ans Gras hängen. Das Gras aber warf sie sofort ins Feuer. Das Gras verbrannte — und alles war wieder gut. Wenn Sascha auch nur ein einziges Mal in der Nacht geschrien hätte. Wahrscheinlich war dem Wolf sein Schwanz wieder angewachsen, so daß Sascha sich jetzt nicht mehr zu fürchten brauchte.
Ein andermal brachte der Sandmann einen Mönch zu Sascha. So einen hatte Sascha schon auf Bildern gesehen. Ein ganz einfacher Mönch in einer schwarzen Mütze mit gekreuzten Armen. Der Sandmann stellte den Mönch vor Saschas Bett am Fußende hin und verschwand selbst.
Sascha machte die Augen auf und rief Tante Lena. Tante Lena stand auf, zündete das Lämpchen an, sah aber keinenMönch. Doch der stand immer noch da, wie der Sandmann ihn hingestellt hatte, mit gekreuzten Armen und starrte Sascha an.
Seitdem brennt im Turmzimmer nachts immer das Lämpchen.
Der Mönch aber mag das Licht wohl nicht, denn er ist nicht mehr wiedergekommen. Dafür brachte der Sandmann die Maka zu Sascha.
Maka gefiel der Sascha sehr gut, und auch Sascha gefiel der Maka. Und Maka gewann Sascha so lieb, daß sie zu jeder Zeit auch ohne den Sandmann bei ihr zu erscheinen begann. Sie tritt ganz dicht an Sascha heran und spricht mit ihr. Makas Stimme kann niemand hören außer Sascha, und was Sascha zu Maka sagt, das hören zwar alle, aber keiner versteht es, denn es sind ganz besondere Worte, keine russischen.
Wenn Sascha an irgendetwas besonderen Gefallen findet, sagt sie: „das ist makig.“ Mama ist makig, Tante Lena ist makig, die Ziege Maschka ist makig, und Onkel Andrej ist es, wenn er singt oder aus der Stadt Schokolade mitbringt.
Die Freundschaft zwischen Sascha und Maka ist einfach rührend. Die beiden sehen sich sehr oft.
„Lena,“ sagte Sascha und unterbricht ihr Spiel oder irgendeine interessante Geschichte, „ich muß zu Maka gehen.“
Und sie begibt sich nach dem zweiten Schloßturm, wo das Familienarchiv und die Bibliothek sich befinden und wo einst der Großvater Jurij Alexandrowitsch gewohnt hat.
Hier haust jetzt Maka.
Sascha ist drei Jahre alt oder dreitausend, oder vielleicht auch dreimal dreitausend. Sascha zählt ihr Alter nicht nach Jahren.
Sascha meint, sie hätte von Ewigkeit an im Schlosse gelebt, sie wäre die Enkelin nicht der Großmama Euphrosyne Iwanowna, sondern der Tante Lena; sie hält sich für groß und alt, älter als das ganze Geschlecht, das im Schloß gewohnt hat, älter als die Tante Tatjana Afanasjewna, denn die Tante istja nicht hundert Jahr alt, sondern erst sechzehn, oder vielleicht noch weniger.
Sascha steigt oft in Makas Turm hinauf.
Der Turm ist alt, und eine Unmenge von Mäusen haust darin: in der Bibliothek und im Archiv haben sie genug zu fressen, und man hört sie Tag und Nacht kratzen und krabbeln. Dort unterhält sich Sascha mit Maka, dort guckt sie nach den kleinen Mäuschen und freut sich, wenn eins ohne die geringste Furcht ganz dicht an sie herankommt und sich den Bart mit den Pfötchen streicht.
In Großvaters Kabinett hängen Bildnisse: eins zeigt Großvater als jungen Mann in Leutnantsuniform; auf dem andern ist er ganz alt und hat einen langen Bart und helle blaue Augen, ganz wie Saschas Augen.
Sascha kennt Großvater, sie hat Großvater gesehen: einmal nachts kam Großvater mit dem Sandmann an ihr Bett und unterhielt sich mit ihr, Großvater sagte zu Sascha, er werde nach anderthalb Jahren ganz zu ihr ins Schloß kommen. Und wenn Sascha jetzt in das Kabinett läuft, denkt sie immer, Großvater würde einmal da sein.
Mama erzählt Sascha ganz wunderschöne Märchen: von dem Fischer und seiner Frau und vom gestiefelten Kater und vom kleinen Däumling, vom Froschkönig und vom schlauen Fuchs.
„Willst du, Mama? Ich erzähle dir auch ein Märchen,“ sagt Sascha, als die Mutter mit ihrer Geschichte zu Ende ist.
„Erzähl’ mal!“
Und Sascha erzählt ihr Märchen:
„Es waren einmal zwei Bauern, die gingen ans Meer, um Fische zu fangen. Sie fingen aber nichts, und da gingen sie wieder nach Hause und legten sich schlafen.“
Damit ist das Märchen aus.
Sie hat noch ein anderes ebenso schönes Märchen vom Hahn und vom Bären, wie der Hahn den Bären auffraß.
Sascha hat es auch sehr gerne, wenn Mama erzählt, was sie alles gemacht hat, als sie, die Mama, noch klein war.
„Als ich klein war, war ich sehr unartig,“ erzählt die Mutter zum hundertsten Male. „Einmal kam ich in die Küche, als gerade alle hinausgegangen waren. Da stand der Samowar auf der Bank. Ich griff nach dem Krahn, drehte ihn um und blieb mit der Schulter am Samowar hängen, so daß er umfiel — gerade auf mich. Da fing ich furchtbar zu schreien an, denn ich hatte mir die Beinchen verbrüht. Großmama kam gelaufen und Großpapa und Tante und die Urgroßmama. Man legte mich ins Bett und holte den Doktor. Als der Doktor gekommen war, nahm man mir die Strümpfe ab, aber mit den Strümpfen ging auch die Haut ab. Das tat furchtbar weh und ich weinte und schrie. Lange mußte ich im Bett liegen, dann wurden die Beinchen allmählich gesund, eine neue Haut wuchs drüber.“
„Und dann noch eine?“ unterbricht Sascha die Mutter.
„Nein. Anfangs konnte ich nur kriechen. Ich hatte das Gehen ganz verlernt. Erst nach und nach lernte ich wieder fest auf meinen Füßen stehn.“
Sascha hört mit zusammengezogenen Brauen zu, und wenn die schöne Geschichte zu Ende ist, die Beine wieder heil sind und die Mama wieder laufen kann — dann strahlt Sascha über das ganze Gesicht und lacht.
„Noch einmal!“
Und Mama erzählt die schöne Geschichte zum zweitenmal.
„Aber als ich klein war,“ fängt Sascha dann an, „da lag ich mit dir im Kinderwagen, und dann zog ich dich an . . .“
Aber das ist schon so lange her, so lange, daß Sascha klein war! Und wenn Sascha ihrer Kindheit gedenkt, behauptet sie, daß sie wieder einmal klein sein werde.
„Wer wird dich liebkosen, wenn ich tot bin?“ sagte Sascha einmal, als sie wieder in Kindheitserinnerungen schwelgte und umarmte die Mama so innig, als wäre sie ihr Teddy-Bär.
Jeden Morgen nach dem Gebet begibt sich Sascha gewöhnlichmit der Tante zu Mama, um sie aufzuwecken, und dann geht es hoch her: sie kriechen als Bären auf allen Vieren, stoßen sich als wilde Kühe mit den Hörnern, stellen Gewitter, Sturm, Regen, Hagel dar. Und Sascha sucht der Mama Angst zu machen: sie bläst die Backen auf und sagt mit hohler Stimme, sie wäre nicht Sascha, sondern der Froschkönig. Und dann kratzt Mama Sascha den Rücken und die Schulter: Sascha hat das über alle Maßen gern.
Einmal sagte Mama zu Sascha:
„Weißt du, Sascha, ich habe Maka gesehn.“
Da drohte Sascha mit dem Finger, kletterte der Mutter auf den Schoß und flüsterte ihr ganz leise ins Ohr:
„Still du, Mama, das darf man nicht laut sagen.“
„Warum denn nicht?“
„Man darf nicht,“ wiederholte Sascha nun ganz streng und furchte die Stirn.
„Weißt du denn, wie deine Maka aussieht?“
„Sprich nicht so laut, Mama, sag es niemandem,“ flüsterte Sascha. „Maka ist ein ganz altes zahnloses Fräulein. Immer bittet sie um Zigaretten, und kann doch gar nicht rauchen, denn Maka hat keinen Mund, sondern bloß zwei Zungen.“
Und wie sie so von ihrer geliebten geheimnisvollen Maka erzählte, lächelte Sascha, und der dunkle Leberfleck auf der Oberlippe ließ dieses Lächeln unbeschreiblich süß erscheinen.