Kopfstück Seite 83
Kopfstück Seite 83
Rio de Janeiro, den 8. Februar 1882.
Mein Herzens-Gretchen!
Da wäre ich denn wieder in der bunten, südlichen Stadt und mitten in ihrem Lärm! Gretel — schön ist dieses Rio, das muß man sagen, wunderbar schön und phantastisch, zumal von der Bai aus, wie ich es bei meiner Ankunft damals und jetzt wieder bei der Rückkehr von Petropolis erblickte.
Wie ein Feenmärchen entfaltet sichs da vor unsern unverwöhnten norddeutschen Augen! Terrassenförmig wird von Brasiliens Küstenbergen die Stadt in die Bucht hinausgehalten, bunt und prächtig, ein einziges Licht- und Farbenmeer, nur unterbrochen, oder besser, noch vermannichfaltigt durch die schlanken Palmen und die großblätterigen Bananen, die überall ihre Plätze gefunden. Nichts von unserm eintönigen roten Gemäuer oder der uniformen grauen Tünche — alles weiß oder bunt und in Brasiliens sattem Sonnenlicht schwimmend, sodaß selbst die kleinen Forts, die auf Inselchen vor dem Binnenhafen liegen, in ihrem Verstecke von Palmengruppen und Farben nicht wie grimme Verteidigungswerke dreinschauen, sondern wie reizende kleine Idyllen, die man für Wirklichkeit zu halten sich zwingen muß. Hier liegt auch die „Blumeninsel“,das erste Asyl für Auswanderer, wo es den armen Menschen zwar durchaus nicht beneidenswert ergehen soll, die aber in ihrem äußeren Anblick an die Idylle Dranmors erinnert, die sich in seinem Requiem findet:
„Ich weiß ein schönes Eiland, wie verlorenIm Stillen Ocean, ein waldbedecktes,In milden Sonnenstralen hingestrecktes,Wie ein Asyl, für Dichter auserkoren.Ein Eden, von der Trope Glut durchhaucht,Ein Eiland, wie ein Strauch von wilden RosenFür die Betrübten, für die HeimatlosenAus träumerischen Fluten aufgetaucht.“
„Ich weiß ein schönes Eiland, wie verlorenIm Stillen Ocean, ein waldbedecktes,In milden Sonnenstralen hingestrecktes,Wie ein Asyl, für Dichter auserkoren.Ein Eden, von der Trope Glut durchhaucht,Ein Eiland, wie ein Strauch von wilden RosenFür die Betrübten, für die HeimatlosenAus träumerischen Fluten aufgetaucht.“
„Ich weiß ein schönes Eiland, wie verloren
Im Stillen Ocean, ein waldbedecktes,
In milden Sonnenstralen hingestrecktes,
Wie ein Asyl, für Dichter auserkoren.
Ein Eden, von der Trope Glut durchhaucht,
Ein Eiland, wie ein Strauch von wilden Rosen
Für die Betrübten, für die Heimatlosen
Aus träumerischen Fluten aufgetaucht.“
Und drinnen in der Stadt erscheint’s auf den ersten Blick wie draußen: phantastisch, südlich, fremdartig und wunderbar reizvoll — nur eines gesellt sich hier noch außer dem betäubenden Lärm hinzu, was man draußen gern vermißte: der Schmutz und die Unordnung! Die Straßen sind eng und schlecht gepflastert — ich bineinMal in einer Droschke darüber gefahren undniewieder — die Trottoirs, besonders in der Geschäftsgegend, ebenso unsauber wie der Damm. Die Häuser sehen sich zwar recht lustig an mit ihrem Mantel von drei, vier und mehr Farben, aber es ist meistens nichts rein und vieles windschief daran vom Dach bis zur Schwelle. Alles erscheint uns strafferzogenen Norddeutschen nachlässig und die Menschen so — ja, ich weiß nichtwie— ich glaube:undiscipliniertwäre das Wort.
Hier steht eine Gruppe rauchender, spuckender Neger, dort hocken Negerinnen in den Thüren der Magazine und lesen Kaffee aus. Vielfach wird auch ein Teil des Trottoirs eingenommen von Negern, Negerinnen oder Mulattinnen mit ihren Tischen und Körben, die Orangen, Bananen,Kokosnüsse, Feuerwerk und allerlei sonstige Nichtigkeiten feilbieten. Sie würden, schon der Fremdartigkeit des ersten Eindrucks wegen, vielleicht den europäischen Käufer anlocken, allein ein Blick auf die Umgebung ihres Standes, wo Apfelsinenschalen, Streichhölzer, Papierfetzen, Cigarrenstummel etc. sich mit allerlei sonstigemrubbishum den Vorrang streiten, und worin die Schleppe (!) des hellen Mousselinkleides der Verkäuferin umherfegt, verscheucht ihn wieder. In sehr vielen Kaufläden des eigentlichen Geschäftsviertels, ja sogar in einzelnen der eleganteren Stadtgegend, sah ich auf dem Fußboden Stroh, Packpapier, Bindfaden, zerbrochenes Gerät etc. umherliegen; es schien aber Niemand etwas Ungewöhnliches darin zu finden. Der Brasilianer bringt dieser Art von Unordnung eine gewisse kindliche Harmlosigkeit entgegen, die fast rührend ist, und ich glaube, Grete, wir Europäer gewöhnen uns mit der Zeit wenn auch nicht an den Schmutz, so doch daran, ihn von den Anderen unbeachtet zu sehen.
An Läden habe ich nicht viel Schönes gesehen, und vor Allem nichts für dies Land Charakteristisches, ausgenommen ein Geschäft mit wunderhübschen Sachen, gefertigt aus den ungefärbten Federn der einheimischen farbenprächtigen Vögel; die vorhandenen Ballgarnituren waren ganz entzückend! Was Du aber sonst kaufst, ist fast ohne Ausnahme europäische Ware, und es dürfte außer den Rohprodukten des Landes kaum einen Gegenstand geben in den Geschäften, der nicht den atlantischen Ocean gesehen. Kleiderstoffe, Stiefel, Wäsche, Wollwaaren, Möbel, Beleuchtungsgegenstände, Kücheneinrichtung, Bücher, ja bis zum Papier und zur Stecknadel kommt alles aus Europa. Selbst die Kattunstoffe kommen dem Lande der Baumwolleaus Deutschland und Frankreich, wohin sie das Rohmaterial liefern, das sie selbst nur sehr mangelhaft in wenigen unbedeutenden Fabriken zu verarbeiten verstehen; und wenn sie hier weißen Hutzucker essen wollen, so läßt ihn sich das Land des Zuckerrohrs aus dem Lande der Runkelrübe kommen. Manche Dinge sind hier wunderbar! — In der rua d’ Ouvidor, so einem Mittelding zwischen feiner Geschäfts- und Bummelstraße, giebt es einige große Magazine mit eleganten Damentoiletten. Die kommen alle direkt aus Paris hierher und sind horrend teuer, doch werden sie von den reichen Brasilianerinnen mit Kußhand zu den höchsten Preisen gekauft für die „Saison“, d. h. für die Vorstellungen einer italienischen Operngesellschaft, zu denen die Damen in den Logen in ausgeschnittener Balltoilette erscheinen; Privatgesellschaften giebt es wenige außerhalb der Grenzen des diplomatischen Korps, und der Kaiser repräsentiert nicht, was wohl zum Teil seiner bekannten persönlichen Einfachheit entspricht, teils durch die ungemein niedrige Civilliste der Herrscher von Brasilien bedingt wird: nur bei der Prinzessin finden Theeabende statt. Der große kaiserliche Palast in Saõ Christovaõ, einer Vorstadt von Rio, ist ein mächtiges, ödes Gebäude, das zwar einige prachtvoll eingerichtete Zimmer enthalten soll, jedenfalls aber eine sehr häßliche Lage hat. Wenn ich der Kaiser von Brasilien wäre, baute ich mir eine graziöse, luftige Villa in Botafogo, der jenseitigen, entzückenden Vorstadt von Rio, und überließe Saõ Christovaõ seiner Nachbarschaft von Viehschlächtereien und ihren Hunderttausenden von Krähen!
Botafogo ist reizend; wie ein Kranz liegen die Villen mit ihren Gärten um die Bai gleichen Namens herum,hinten überragt von dem mächtigen Corcovado, vor sich in der Bai den merkwürdigen Paõ de Assucar, den Zuckerhutberg. Die Blumenpracht in dieser Vorstadt, wo nur vornehme, reiche Leute wohnen, ist bezaubernd! Die üppigsten Ranken von saftigem Grün überwuchern die Mauern, darinnen große, stralende, dunkelrote, lila, gelbe oder weiße Blumen. Mrs. Brassey, in ihrem netten Buche „A voyage in the Sunbeam“ hat ganz meine Empfindungen ausgesprochen, wenn sie sagt, in Brasilien seien ihr alle Blumenfarben weit satter vorgekommen, als irgendwo in der Welt, ja, selbst das Weiß schiene ihr dort intensiver zu sein. Diesen Eindruck hat man wirklich, und soweit die Natur mitspricht, ist hier alles bezaubernd!
Der Larangeirasberg, der Santa Theresaberg, kurz, alle Hügel der Stadt sind mit Villen besetzt und, besonders der Santa Theresaberg, vielfach von fremden Kaufleuten bewohnt, die ihre Geschäftshäuser unten in der Stadt haben.
Da ich mich bisher vergeblich um eine Thätigkeit hier in Rio bemüht habe, so habe ich mir die Stadt schon so ziemlich angesehen, aber es giebt nicht viel darin zu betrachten. Die Kirchen sind eine wie die andere, und keine ist durch besondere Kunstschätze interessant; das Museum (von dessen Existenz Viele hier gar nichts wissen und das die Wenigsten ansehen) ist, abgesehen von einer prächtigen Sammlung ausgestopfter, z. T. sehr seltener Vögel recht mäßig. Die Kunstakademie, die eine Gemälde- und Statuensammlung enthält, ist, was letztere betrifft, noch sehr in den Kinderschuhen, doch enthält sie einige sehr interessante Gemälde einheimischer Künstler, die mir ausnehmend gefielen an Farbengebung und lebendiger Anordnung. Ichlege die Photographie eines derselben bei, welches „die erste Messe in Brasilien“ darstellt, und bedauere nur, daß ich die einiger anderen nicht bekam, zumal die eines Kolossal-Schlachtenbildes von Meirelles. Im Ganzen ist es aber auffallend, wie wenig Sinn die Brasilianer zeigen für die bildende Kunst; zu verwundern ist es freilich nicht, denn die deklamatorischen Künstemüssensie ihrer Natur nach mehr anziehen. Der Brasilianer ist der geborene Redner, er deklamiert, sowie er nur einen längeren Satz spricht, und alle lieben sie schwärmerisch die Musik, und zwar die Italiener, dann französische Operetten und — Meyerbeer.
Noch schwächer als mit der Malerei sieht es mit der Bildhauerei und der Architektur aus. Die Stadt hat absolut keinen architektonischen Schmuck an Gebäuden, Brücken oder Thoren aufzuweisen, Prachtbauten fehlen gänzlich, wenn man nicht die immerhin ziemlich einfache fiskalische Druckerei dahin rechnen will, und an Denkmälern habe ich nur zwei entdecken können, wovon eins obendrein einen Heiligen darstellt. Diese Armut an Denkmälern hat wohl z. T. darin seinen Grund, daß das Land seit seiner Selbständigkeit nur eine äußerst kurze Geschichte, also wenig historische Erinnerungen hat. Das einzige Denkmal, welches außer jenem Heiligen (ich glaube gar, es ist Saõ Francisco) vorhanden ist, verherrlicht denn auch den bedeutungsvollsten Augenblick von Brasiliens Geschichte: es stellt nämlich den ersten Kaiser, den Vater des jetzigen, Dom PedroI.zu Pferde dar, wie er mit der Verfassungsurkunde in der Hand dahergesprengt kommt. Das Standbild ist von einem französischen Künstler, ist prächtig frisch aufgefaßt und mit jener Dosis von Pathos versehen, dieihm bei den Brasilianern den Erfolg sichert. Der Sockel trägt in Reliefs allegorische Darstellungen der vier Hauptströme des Landes, des Amazonas, Saõ Francisco, Orinoco und Madeira.
Natürlich war ich auch in den Gärten von Rio, dem sehr graziösen und so ziemlich in der Mitte der Stadt gelegenenJardim publico, wo neulich eine deutsche Kapelle Mendelssohn’sche Duette spielte, ferner in einem neuen, großartig angelegten Garten am Ende der Stadt undlast not leastin dem berühmten botanischen Garten mit seiner noch berühmteren Palmenallee. Ja, Gretel, interessant und sehenswert für den Fremden ist diese Allee jedenfalls, aber so sehr schön finde ich die langen kahlen Stämme gerade nicht, und außerdem ist diese berühmte Allee unausstehlich schattenlos. Dies Urteil ist aber wieder etwas, das ich Dir nur unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit überlassen kann, sonst steinigen mich die traditionellen Bewunderer dieser Allee hüben und drüben, sei’s auch nur mitbiscoitosNr. 3! Die Allee ist merkwürdig und darum auch schön — basta! Ich will versuchen, mir diese Meinung auch noch anzugewöhnen und fortan diePalmeals denAlleebaumpar excellenceanzusehen. Ob es mir gelingen wird?
Deine rebellischeUlla.