Kopfstück Seite 109

Kopfstück Seite 109

Saõ Paulo, den 20. März 1882.

Meine einzige Grete!

Heute bekam ich einen ganzen Haufen lieber freundlicher Briefe von Mr. Carson nachgeschickt, und ich wundre mich nur, daß sie alle angekommen sind! Du bedauerst mich so sehr wegen des „abscheulichen Collegio“, Du Gute, aber das sind ja glücklicherweise jetzt schon wiedertempi passati, wie Du siehst, und ich fühle mich dagegen hier in Saõ Paulo wie im Himmel.

Schon die Reise hierher war mir sehr interessant, da sie mich durch eine recht vielseitige Landschaft führte. Um neun Uhr Morgens installierte mich Mr. Carson in einem Coupé erster Klasse der Saõ Paulo Railway —ersterKlasse, Grete, nicht etwa aus Hochmut oder aus plötzlich eingetretener Kassenflut (im Gegenteil, Du weißt ja: Madame Victorine!) sondern weil es in diesem Lande überhaupt nur zwei Eisenbahnklassen giebt, und in der zweiten nur derniggeraller Schattierungen fährt. Mein Aufenthaltsort hatte auch wenig gemein mit unsern heimischen Coupés erster Klasse, mehr mit einem solchen dritter. Ungeteilt bot der Waggon mit seinen 24 Plätzen auf Sitzen von Rohrflechtwerk, seinen acht offenen Fenstern, die Wind, Sonne und Staub zugleich hereinließen, einen möglichstungemütlichen Aufenthalt. Es reisten fast nur Herren in dem Wagen, und Nichtraucher- oder Damen-Coupés, wohin ich mich hätte zurückziehen können, giebt es hier zu Lande nicht. Sobald der Zug sich in Bewegung setzte, holten die Brasilianer jeder ein großes weißes Laken hervor, das rings mit Franzen besetzt war und in der Mitte ein Loch hatte, durch welches sie den Kopf steckten, so daß das Laken um sie herumfiel. Diese Dinger nennt manponchos, und wärend die leichten gegen den Staub benutzt werden, so dienen wärmere, buntfarbige gegen Regen und Kälte.

Die meisten der Herren versanken sehr bald hinter die riesigen Blätter ihrerJornals de Commercio, und es dauerte nicht lange, da erinnerten sie sich auch zu meinem Entsetzen ihrer Cigarretten. War die Fahrt bisher nur mäßig angenehm gewesen, so wurde sie jetzt zu einer wahren Kreuzfahrt. Nicht wegen des Rauches; Du weißt, Grete, ich bin nicht so zimperlich, aber — für den rauchenden Brasilianer scheint die Welt um ihn her nichts zu sein als ein großesSpucknapf. Der offen zur Schau getragene Ekel der Fremden, ja, manche recht blamable Scenen in Restaurants und auf den englischen Küstendampfern haben bis jetzt nichts an dieser widerlichen Unsitte ändern können. Der Brasilianer sieht das fortwährende Umsichspucken für etwas ganz Harmloses an, worauf er in seinen Häusern auch auf das Gründlichste eingerichtet ist, denn neben jedem ihrer ungemütlichen Rohrsofas wirst Du zu beiden Seiten die schönsten, buntesten Spucknäpfe erblicken, immer gleich paarweise und so groß und schwungvoll, daß ich sie zuerst immer für Blumentöpfe hielt.

Ich machte den Versuch, mich meiner Umgebung einigermaßen zu entziehen, die sich gelegentlich um zwei und drei rauchende, schwatzende Schaffner vermehrte, indem ich aufstand, um mir durch das offne Fenster die Gegend zu betrachten. Aber mit diesem Einfall machte ich ein klägliches Fiasko. So ein brasilianischer Zug, wenn er einmal im Gange ist, rast mit unglaublicher Schnelligkeit, aber er wackelt auch ebenso unglaublich hin und her, und wenn man dazu noch seinen Fuß in der (natürlich unbefestigten und zerrissenen) Fußmatte verwickelt, so darf man froh sein, wenn man sich nach drei Sekunden mit einer Beule an der Stirn, im Übrigen aber mit heilen Gliedern auf seinen Sitz zurückgeschleudert findet. Diese Schnelligkeit des Beförderns zusammen mit so manchen Unzulänglichkeiten und Naivetäten hat Etwas, was sich am besten durch „ungebildet Civilisiertes“ ausdrücken ließe, Etwas, das unwillkürlich lächeln macht, ein Eindruck, den ich schon oft in diesem Lande empfangen habe.

Trotz alledem und alledem gelang es mir doch, die Natur rings im Großen und Ganzen aufzufassen und ihren Reichtum, ihre Großartigkeit und ihre Weite zu würdigen. Es ist alles großartiger als bei uns, es ist überall wie ein Überfluß an vorhandenem Raum, und es kommt mir immer so vor, als habe die Natur mit großem Griff Berg und Thal hier verteilt, um nur erst zu füllen, worauf sie’s dann freute, wiederum mit vollen Händen ihr Werk zu schmücken mit großblättrigen Bäumen und deren seltsamen Früchten, mit graziösem Strauchwerk, das hier aber auch immer Baum zu werden trachtet, und mit großen, intensiv gefärbten Blumen, wie um den kleinen Menschen über diesem phantastischen Schmuck ihre gewaltige Größe weniger drückend empfinden zu lassen. Berg und Thal wechselte fortwährend, und wir passierten dreizehn Tunnels, von denen der längste vier Minuten Fahrzeit in Anspruch nahm.

Hier auf dem Bahnhof holte mich Dr. Costa (natürlich„Doktor“) mit meinen beiden ältesten Zöglingen ab. Das Mädel von zwölf Jahren, Lavinia, machte mir gleich einen sehr netten, frischen Eindruck, und ich kann wohl sagen, daß ich sie seitdem schon wirklich lieb gewonnen habe. Überhaupt, Grete, fühle ich mich hier wie im Himmel, nachdem das Collegio wie ein wüster Traum hinter mir liegt. Zwar schütteln die Kolleginnen den Kopf über mein Entzücken und meinen, die Costaschen Jungen seien in der ganzen Stadt berüchtigt wegen ihrer Ungezogenheit, so daß siehierschon keine Erzieherin mehr bekämen. Ich mag aber vorläufig von nichts hören und bin froh, daß ich hier bin und mit Kolleginnen und andernMenschenverkehren kann.

Hier in Saõ Paulo sind ziemlich viele Deutsche, aber meistens Handwerker, und ich verkehre eigentlich nur im Hause des deutschen Apothekers, den ich zuerst in seiner Eigenschaft als Konsul aufsuchte. Das sind Prachtmenschen, sage ich Dir, Gretel! Hochgebildet und doch schlicht dabei, klug, liebenswürdig und gastfreundlich. Schon mancher deutsche Brasilienreisende hat in ihrem Hause ein paar frohe, anregende Stunden oder Tage verlebt, und selbst fürstliche Gäste haben sich wohl gefühlt in dem freundlichen Schaumannschen Hause. Ich bin am Sonntag zu Mittag dagewesen und lernte bei der Gelegenheit zwei sehr nette Kolleginnen kennen, Frl. Meyer und Frl. Harras, die ich Dir wohl noch öfter nennen werde; da ich außerdem schon die Bekanntschaft einer dritten, älteren Kollegin gemacht hatte, die schon seit Jahren die Vetternund Kousinen meiner Schüler erzieht, so siehst Du, daß es mir hier golden vorkommen muß gegen meine bisherigen brasilianischen Erfahrungen. Ich bin doch unter Menschen, ich bin doch nicht so entsetzlich allein!

Bei Schaumanns trifft man Gesellschaft aus aller Herren Länder, so daß doch auch einmal wieder von einer Unterhaltung die Rede sein kann. Da kamen neulich gegen Abend ein alter origineller dänischer Ingenieur und früherer Hauptmann, ein französischer Musiklehrer, ein deutscher Arzt und ein englischer Ingenieur, ein sehr netter Mensch, der sich fast ausschließlich mit mir unterhielt und sich über mein Englisch freute, das er sehr gut fand. Er heißt Mr. Hall und wohnt seit einem halben Jahr hier in Saõ Paulo, wo er die Vertretung einer großen englischen Maschinenfabrik hat. Er sieht aus wie — nein, doch nicht! Ich glaubte, eine Ähnlichkeit gefunden zu haben, aber er sieht doch eigentlich niemandem ähnlich. Ach Gretele, ich bin so froh, daß ich hier bin, so sehr froh!

Deine glücklicheUlla.


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