Kopfstück Seite 138

Kopfstück Seite 138

Saõ Paulo, den 20. Juni 1882.

Mein Herzensgretele!

Ich schreibe in einer Atmosphäre von Pulverdampf! Wirf nur einen Blick auf das Datum oben, und Du wirst vielleicht von selbst darauf kommen, warum. Es ist nämlich gestern wieder der Tag des Täufers gewesen, (schon ein Jahr, seitdem ich Dir damals von Saõ Francisco aus schrieb!) und hier in der Stadt merkt man erst so recht, was das in Brasilien sagen will!

Schon seit einigen Tagen spukte der Heilige vor; jeden Abend wurde gefeuerwerkelt, und selbst dem hellen Sonnenlichte prasselte man lustig seine Raketen entgegen. An dem pomphaften Knall des Feuerwerks und seinem momentanen Scheinen und Blenden scheint der Brasilianer noch mehr Gefallen zu finden, als an seinem wässrigen Faschingssport, wenigstens schmuggelt er die Sitte, Feuersport zu machen, eigentlich durch das ganze Jahr hindurch, während er die Wasserfreuden doch auf die Karnevalszeit beschränkt. In Rio de Janeiro ist es uns an schönen Abenden öfters begegnet, daß wir aus dem Garten in das Haus flüchten mußten, weil in der Nähe gesportet wurde und es dem brasilianischen Feuerwerkler ganz gleichgültig ist, wohin er seine Rakete richtet, oder wem seine Leuchtkugeln um den Kopf fliegen, wenn’s nur gut aufsprüht und gehörig knattert und knistert. Auf dem Verkaufsstand jeder Negerin in den Städten kannst Du das ganze Jahr hindurch einfacheres Feuerwerk zum Verkauf ausliegen sehen, und jeder Muleque (Mulattenjunge mit der Bedeutung unseres „Straßenjungen“) der ein paarreissein eigen nennt, kauft neben den beliebten Süßigkeiten und Papier-Cigaretten gewiß sein Feuerwerkstengelchen oder seinencracker, um an dem Gespritze und Geknattere sein Herz zu erfreuen.

Die letzte und vorletzte Nacht habe ich kein Auge geschlossen: in allen Straßen, auf allen Höfen, in sämtlichen Gärten unsrer Umgebung knisterte, knatterte, puffte, knallte und zischte es in einer solchen Profusion und mit einer solchen Ausdauer, daß ich glaube, jetzt eine ungefähre Vorstellung davon zu haben, wie sich’s anhören muß, wenn man in einem heftigen Kleingewehrfeuer steht. Die ganze Stadt riecht nach Pulver, und mein Schlafzimmer, das wieder so ein Alcoven ohne direkte Lüftung ist, ist derartig solide eingeräuchert, daß ich wohl noch mehrere Nächte nicht in die Gefahr kommen werde, den heiligen Johannes zu vergessen.

Gestern war es geradezu gefährlich, die Straßen zu passieren. Am frühen Morgen begann der Sport, bei dem natürlich die Studenten die schlimmsten waren. Ein ganz besonderes Vergnügen fand man daran, anscheinend harmlos einherzuschreiten und dann plötzlich dem Begegnenden, zumal aber dem leicht erkannten Fremden, ein halbes Dutzend Knallerbsen auf einmal vor die Füße zu prasseln oder ihm eines der bekannten kleinen Handstengelchen von Sternfeuerwerk unter die Nase zu halten. Früher warendie Krone des ganzen Feuersports sogenannte Schlangen gewesen, die brennend auf der Erde umherkreisten, und die man demgemäß ein ebenso kindisches wie frevelhaftes Vergnügen gefunden hatte, weiblichen Personen gegen Füße und Kleider zu jagen. Der Spaß dauerte so lange, bis einmal ein allzu geschickter Musensohn das leichte Kattunkleid einer Mulattin in Feuer setzte, und diese selbst erhebliche Brandwunden davontrug. Da fand man es denn freilich an der Zeit, diesen Brunnen zuzudecken — ein wenig spät, sintemalen das Kind darin lag, doch muß man hier in Brasilien, scheint’s, in derlei Dingen für alles dankbar sein.

Du kannst Dir denken, Gretele, daß die Antiken völlig außer Rand und Band waren; mich wundert nur, daß sie uns nicht das Haus über’m Kopf angezündet haben! Daß der Gracche sich das Haar versengt und Plinius sich einen Finger gehörig angeschmort hat, gehört so sehr zu den Selbstverständlichkeiten, daß ich es kaum zu erwähnen brauchte; selbst Lavinia artete ein wenig aus und hat ein Kleid völlig mit Brandwunden bedeckt.

Der gestrige Abend war der Feuerwerksabendpar excellence, und Herr Costa forderte mich noch besonders feierlich auf, nach dem Abendbrot oben zu bleiben, sie wollten „ein wenig Feuerwerk machen“. Natürlich — es war ja auch bis dahin noch zu wenig darin geschehen!

Erstaunlicherweise hatte sich die Polizei zu einer Verordnung aufgerafft, daß an diesem Abend kein Feuerwerk in den Straßen oder zu den Straßenfenstern hinaus abgebrannt werden dürfe, und was noch mehr war, dem Verbote wurde nachgekommen! Ich glaubte daher in meiner europäischen Einfalt, Herr Costa würde in dem Gärtchen,das hinter dem Hause liegt und vom Eßzimmer zu übersehen ist, durch die Neger ein hübsch geordnetes Feuerwerk aufführen lassen: mit bengalischem Licht, kerzengraden Raketen, sanftglänzenden Leuchtkugeln und stralenden Feuerrädern, wie wir uns daheim ein solches Schauspiel ungefähr vorstellen würden. Bestärkt wurde ich in diesem Glauben durch die Anwesenheit von 10–12 Gästen, und so trat ich denn erwartungsvoll an eines der in die Höhe geschobenen Fenster heran. Aber Grete, ich habe Pech mit den brasilianischen Lieblingssports, denn.... ßßßscht! — begrüßte es mich, und entsetzt prallte ich zurück vor den letzten Sprühfunken einer mißleiteten Rakete, mit der ein geschickter Verherrlicher des umknallten und umzischten Heiligen die Richtung nach oben zu Gunsten unsrer Fenster verfehlt hatte. Mehrere Damen und Kinder, die mit mir zugleich herangetreten waren, sprangen lachend und kreischend zurück, ja, die ganze Sache erregte eigentlich geradezu einen entzückten Jubel bei ihnen, so daß ich ganz verblüfft in meine eigne innere Empörung blickte. Ist diese Gutmütigkeit richtig, sind wir etwa daheim gar zu „discipliniert“?!

Nun begann aber unser Vergnügen auch, und zwar bestand es zu meiner größten Enttäuschung darin, daß — wir selbst uns Feuerwerk vormachen sollten; die Brasilianer allerdings amüsiert das weit mehr als ein ruhiges Zusehen, und die Jungen zappelten schon vor Ungeduld.

Herr Costa hatte eine Unmasse von Feuerwerk eigens für diesen Abend aus Rio kommen lassen, das er nun auf das Freigiebigste verteilte. Lange Rohre mit Sprühregen und englischecrackersspielten dabei die Hauptrolle; jeder bekam, so viel er wollte. Die vier Fenster des Raumes waren dicht umdrängt, und aus jedem derselben ragtendrei bis vier solcher Sprühstöcke hervor, gehalten von braunen beringten Damenhänden oder den ungeduldigen Fingern der kleinen wilden Rangen, die gewöhnlich die noch unausgebrannten Rohre in den Hof hinunterwarfen, nur um schleunigst ein neues oder etwas anderes ergreifen zu können. Nach und nach füllte sich trotz der offenen Fenster das Zimmer mit dem abscheulichsten Pulverdampf, den die Sprühstöcke wahrscheinlich nicht bescheidentlich entwickelten, und den der Abendwind zu uns hereintrieb.

Die Scene hatte für den kaltblütigen Zuschauer etwas unendlich Komisches: diese buntgekleideten, goldbehangenen Schönen mit den qualmenden Stöcken in der Hand, die mit abgewandtem Gesicht und zugekniffenen Augen den — Rauch ihres Feuerwerks genossen, die lärmenden, aufgeregten Jungen, die mit heißen Köpfen wie toll im Zimmer umhersprangen und einencrackernach dem andern zu den Fenstern hinauswarfen, dem kein Mensch nachsah, so daß nur das Zerplatzen auf dem Steinpflaster des Hofes von seiner Ankunft meldete, dazu der unerschütterliche Ernst, mit dem der Hausherr sein Feuerwerk verteilte, und das Ganze eingehüllt in eine dicke Atmosphäre von Pulverdampf — ich gestand mir, daß ich ein derartiges „Vergnügen“ noch nicht mitgemacht hatte. Nach einer Stunde war für sechzig Francs Stoff verpufft, die ganze obere Etage des Hause für die Nacht und den nächsten Tag verpestet und zwei fremde sowie ein antiker Finger verbrannt, allein — die Hinterthür des Hauses, die Waschleinen auf dem Hof und der windschiefe Gartenzaun, hoffen wir’s, hatten sich amüsiert!

Plinio möchte seine verbrannte linke Hand zum Vorwand machen, um mit der rechten nicht zu schreiben, undwar höchlich aufgebracht, als mir das nicht ebenso sehr wie ihm einleuchtete. Ach ja, Grete, schlimm sind die Antiken, aber ich will Geduld haben; Mr. Hall meint auch, ich solle nur auszuhalten versuchen. Aber was Bormann betrifft — Du siehst selbst, Grete, daß er auf brasilianische Kinder mit republikanischer Erziehung nicht vorbereitet gewesen ist! Na, Kopf oben, er ist ja oben gewachsen!

Deine alteUlla.


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