Kopfstück Seite 206
Kopfstück Seite 206
Saõ Sebastiaõ, den 5. Dezember 1882.
Meine liebe Grete!
„Das längste Zuckerrohr, das ich je gesehen“, steht in der Veranda in einer Ecke; das feierliche Herbeibringen des längsten Rohres ist hier, was bei uns der Erntekranz. Die Zuckerernte ist in vollem Gange und — alles klebt. Es ist scheußlich. Die Kinder kauen von Morgen bis zum Abend „canna“, das sie manchmal hübsch abschälen und in Stückchen schneiden lassen, gewöhnlich aber einfach aussaugen, so gut es die Rohrschale erlaubt, und die Reste um sich herum spucken. Die kleinen Neger konntest Du die letzten Tage absolut nicht anders erblicken, als mit Zuckerstöcken in den Mündern, über deren mögliche Bewältigung einen nur die Verhältnismäßigkeit ihrer Kauwerkzeuge beruhigte. Jetzt ist die rohecanna-Periode vorbei, und wir sind in das Zeichen des Syrups eingetreten, ein recht zweifelhafter Fortschritt.
Gestern wurde die Maschine aufgestellt, die das Rohr zermalmt und auspreßt, und heute Morgen vor dem ersten Frühstück brachten die Kinder mir triumphierend einen großen Becher Zuckersaft, wie er unmittelbar den ausgepreßten Stangen entquillt. Er ist dann grünlich, verhältnismäßig klar und dünnflüssig wie Wasser und schmeckt merkwürdigerweise lange nicht so ekelhaft süß, wie man vermuten sollte; Klein und Groß vertilgt ihn literweise.
Dieser Saft läuft durch Röhren in große Kessel, wo er gekocht wird und sich so zu Melasse verdickt, die, abgesehen von einem etwas feineren Geschmack, völlig unserem Syrup entspricht. Heute Mittag brach diese „Melado“-Periode an, wir hatten welchen zu Tisch mitcanjica(gekochtem Mais) zusammen, und seitdem sind die Kinder schon zwei Mal umgezogen worden. Alles schwelgt in der Zuckerernte, sogar, oder vor allem, die Schweine, die die ausgepreßten Rohre bekommen und dabei zusehends an Umfang zunehmen.
Die ganze Natur rings um die Fazenda riecht, aber nicht unangenehm, nach dem gekochten Saft. Wenn die Melasse dick genug ist, kommt sie in große hölzerne Behälter zum Krystallisieren, und damit dies schneller und besser vor sich gehe, wird sie mit — Kuhmist bedeckt! So wenigstens machen es die meisten kleinen Pflanzer, sagte mir Dona Maria Louisa; hier wird glücklicherweise statt dessen eine besonders fette Lehmsorte genommen, die sie auf der Pflanzung haben.
Im Großen wird die Zuckerbereitung in Brasilien eigentlich nur vom Staat betrieben, und in dem fiskalischen Etablissement sind die ganzen Einrichtungen auch modernerer Art; die Pflanzer bauen meistens nur, was sie zum eigenen Verbrauch benötigen, und wer die Rohrkultur in größerem Maßstabe betreibt, der verkauft gewöhnlich die rohecannaan den Staat.
Den 11. Wir sind in eine neue Zuckerphase getreten; die Melasse hat regelrecht ihre Metamorphose zum gelben Streuzucker durchgemacht, und dieser liegt nun in hellenHaufen auf Matten im Hofe aufgeschüttet, um zu trocknen. Grete, weißt Du, worüber ich mich bei der ganzen Sache am meisten freue? — Daß ich nicht immer dabei bin, denn sonst wäre ich wahrscheinlich nicht im Stande, hier noch irgend etwas Süßes zu genießen. Von den unzähligen Mosquiten, Fliegen, Wespen, Bienen und Ameisen, die sich ihr Scherflein von dem Zuckerhaufen holen, will ich noch garnicht einmal reden, aber da keinerlei Umzäumung diese süßen Berge schützt, so kommen auch Katzen und Hunde zu Gaste und wollen ihr Teil an der allgemeinen Zuckerfreude von Saõ Sebastiaõ. Diesen ersten, noch ziemlich dunkeln Zucker bekommen allerdings nur die Neger zu ihrem Kaffee, aber ich habe so meinen leisen Verdacht, als würde er zum Kochen doch auch für uns in die Küche geschmuggelt. Der für die Herrschaft bestimmte Zucker wird raffiniert, aber auch nur hier auf der Pflanzung und auf die ursprünglichste Manier. Ganz hell wird er überhaupt nicht, und absolut weißen Zucker sieht mancher Brasilianer nicht, so alt er wird. Du siehst auch in den besten Häusern hier keinen Brodzucker, und die Kinder amusierten sich neulich höchlich darüber, daß in ihrem französischen Lesebuch von einem „Stück“ Zucker die Rede war; sie hielten das für einen wunderbaren schriftstellerischen Lapsus. Weißt Du, Gretele, im Ganzen, glaube ich, können wir mit unserem Runkelrübenlande zufrieden sein — etwas appetitlicher scheint es mir denn doch da zuzugehen. Schließe sie mit in das bewußte Glas Bowle ein: Deutschland und — seine Runkelrübe!
DeineUlla.