Kopfstück Seite 210

Kopfstück Seite 210

Saõ Paulo, den 28. Dezember 1882.

Meine einzige Grete!

Ist das eine hübsche Weihnachtszeit mit deutschen Menschen, deutschen Liedern, deutschem Festtagskuchen! Nur daß die Tropensonne dreinleuchtet und sengt, als wolle sie sich rächen für unser Versenken in die Bräuche der kalten nordischen Heimat, und die Bananen draußen scheinen unzufrieden zu rascheln, und die Palmen schütteln die Häupter, wie wenn sie sagen wollten: „Wie könnt ihr bei unserem Anblick an düstere Tannen denken!“ Und doch — und doch, Grete! Dranmors „einzige, schneebehang’ne Tanne“, sie hat mich diese ganzen Tage über verfolgt, denn der Christbaum fehlte, wenn auch sonst alles weihnachtlich war, und man mit überreichen Gaben freundlich auf den Gast bedachte. Was doch an solch einem Baum für eine Poesie haften kann! Mein Bruder behauptete immer, ihm wäre nicht eher weihnachtlich zu Mute, als bis diverse Wachsflecke den Fußboden zierten und es durch alle Stuben nach versengten Tannennadeln röche. Ich wußte auch früher, daß er auf dem Grunde dieser immer halb spöttisch vorgebrachten Äußerung die Poesie der Weihnachtszeit mehr empfand, als er es je Wort haben wollte, aberwie viel daran war, merke ich erst jetzt, wo ich vergeblich den „Weihnachtsduft“ in den Zimmern suche.

Und selbst draußen — ach Grete, wie viel schöner ist doch solch’ ein weißer, schneeiger Platz in Berlin, auf dem in langen Reihen die Tannen stehen, als dieser sonnengetränkte südliche Garten mit seinen Rosen und Palmen...

Ich bin undankbar, wirklich, ich muß es sein, denn die Menschen sind so unendlich lieb zu mir, und das Land ist so märchenhaft schön, und dabei kann ich es nicht ändern, daß mir immer der Refrain des Liedes durch den Kopf summt, das wir neulich sangen:

„’S ist zwar schön im fremden Lande,Doch zur Heimat wird es nie!“

„’S ist zwar schön im fremden Lande,Doch zur Heimat wird es nie!“

„’S ist zwar schön im fremden Lande,

Doch zur Heimat wird es nie!“

Gestern war ich nämlich bei einer Erzieherin, die ein Klavier im Schulzimmer hat und ein deutsches Volkslieder-Album besitzt; wir waren im ganzen 6 deutsche Mädchen und haben das Album bis auf das letzte bekannte Lied durchgesungen, so daß ich heute noch heiser bin. O grüße es mir, grüße mir mein schönes Deutschland und seinen frohen Sang!

Den 29. Abends.Soeben komme ich von der englischen Familie, mit der ich zur Zeit meines klassischen Römertums bekannt geworden war, und die mich zum Christmas-Pudding eingeladen hatten. Mr. Hall hat mich nach Hause gebracht, denn er war auch da, wie er überhaupt sehr befreundet mit Emersons ist. Aber ich weiß garnicht, Grete, was mit ihm vorgegangen ist, seitdem er damals mit nach Santos hinunter fuhr: er hat kein Wort gesprochen den ganzen Weg über, so daß wir völlig stumm neben einander hergeschritten sind, denn ich sagte auch nichts.Und hier vor der Thür war er noch sonderbarer. Erst hielt er meine Hand eine Zeitlang fest und sah mich an (er hat wirklich bezaubernde blaue Augen!) als ob er etwas sagen wolle, dann ließ er sie rasch los, stieß hastig ein kurzes „Good night“ hervor und war so unartig, davonzulaufen, ehe ich die Thür aufgeschlossen hatte. Was sagst Du dazu, und was soll ich davon denken? Ob er verletzt war, daß ich garnicht gesprochen habe auf dem Wege? Aber es war doch seine Sache, von irgend etwas zu beginnen, und ich wußte auch wirklich nichts zu sagen, Grete. Es war ganz komisch; ich schwatze doch manchmal das Blaue vom Himmel herunter, aber vorhin fiel mir absolut nichts ein, was ich hätte sagen können, oder was mir einfiel, war dumm. Nun, die ganze Sache ist ja auch gleichgültig, und ich brauche ja nicht mehr daran zu denken.

Morgen sollte ich eigentlich mit Emersons nach dem Maschinenlager gehen, wo er uns einige interessante Sachen zeigen wollte, aber jetzt werde ichnichthingehen, sondern dafür mein verwichenes klassisches Altertum aufsuchen, von dem ich allerdings wohl nur die kleineren Heldinnen vorfinden werde; die großen werden wohl in dencollegiosgeblieben sein, die Brasilianer machen sich ja nichts aus Weihnachten.

Adieu für heute, mein Gretel.

DeineUlla.

P. S.,den 30. früh. Soeben bringt die Post aus Santos eine Einladung zum Sylvesterball in der dortigen „Germania“ für Fräulein Schaumann und Bruder und„Besuch.“ Das bin ich, und so ist das Blauseidene denn doch nicht vergebens von Saõ Sebastiaõ hierher gewandert! Wie drollig kommt mir’s vor, hier zu einem Ball und sogar zu einemdeutschenBall gehen zu können. Nur warm wird’s werden!


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