Kopfstück Seite 215
Kopfstück Seite 215
Saõ Sebastiaõ, den 9. Januar 1883.
Greteherz — er war hier! Mr. Hall! Herr de Souza hat neue Maschinen gekauft, und da war er so gewissenhaft, selbst ihre Aufstellung zu überwachen. Ich war so überrascht und erschrocken! Aber ich muß Dir die ganze Geschichte erzählen, es war zu drollig! Wundre Dich nur nicht, wenn eine Melone die Hauptrolle in meiner Geschichte spielt — sie verdient es!
Wie ich von Saõ Paulo zurück- und in Santa Barbara auf der Station ankam, stand Cäsario schon da mit seinem Wagen. Ich wäre eigentlich lieber geritten, aber da ich Gepäck hatte, so mußten wir fahren. Santa Barbara ist berühmt wegen der prachtvollen Wassermelonen, die dort von nordamerikanischen Ansiedlern gezogen werden, und weil der Wagen nun doch einmal da war, so kaufte ich die größte, die ich bekommen konnte. „Die wiegt gut ihre 12 bis 15 Pfund“, grinste der Jüngling, von dem ich sie erhandelte, und der mir sie an den Wagen trug.
„Nun, Cäsario“, sagte ich, vergnügt über meinen famosen Handel, „wo bringen wir denn diesen zierlichen Gegenstand noch unter? Er ist für die Kinder.“
Cäsario kraute sich das schwarze Wollhaar.
„Hm, Senhora, es ist nirgend Platz.“
„Was“, rief ich, „ein ganzer Wagen und kein Platz für eine Melone — hier ist ja ein Kasten unter dem Sitz.“
„Darin ist Senhoras Handköfferchen und Fleisch aus dem Dorf und etwas Weißbrot, es geht nichts mehr hinein.“
„So nimm die Melone auf den Bock.“
„Ja, Senhora, gern, Senhora, aber sie wird hinunterfallen, denn ich habe die vier Maultiere und die Peitsche.“
„Nun, so wird sie stolz neben mir auf dem Sitz fahren, gieb her“, entschied ich, als in der That der Wagen keinen weiteren Raum für die schöne Frucht zu haben schien.
Das kleine offene Gefährt hatte auf einem höckerigen Rasenplatze hinter dem Stationsgebäude gehalten, aus dessen Höhen und Tiefen ihn jetzt wieder herauszuarbeiten, keine kleine Aufgabe war. Aber Cäsario wußte seine Tiere zu nehmen.
Er verfügt über eine erstaunliche Menge ermunternder Zurufe und illustriert sie auf das Geschickteste durch kleine geeignete Peitschenbewegungen. Die Maulesel faßten endlich einen Entschluß und zogen an.
„Hoho“, schrie ich zu gleicher Zeit, denn — die Melone war zum Wagen hinaus. Alles, was ich bei dem plötzlichen Ausbruch von Eselsenergie hatte thun können, war, meinen Hut auf dem Kopf zu behalten, meinen Regenschirm aufzufangen, als er eben auf seinem Wege zum Wagen hinaus war, und selber darin zu bleiben, was ich auch nur mit Hülfe der verwickeltsten equilibristischen Kunststücke fertig brachte... „Halt, Cäsario, meine Melone!“
Glücklicherweise lag sie unversehrt in einer der Untiefen des höckrigen Rasens; Cäsario kletterte vom Bocke herunter und brachte sie wieder heran. „’S ist schlimmdamit, Senhora“, sagte er, die große Frucht ratlos angrinsend. Aber ich war zuversichtlich: „O, ich werde sie jetzt schon besser festhalten“, behauptete ich, und Cäsario stieg wieder auf.
Die ganze Serie von Schmeicheleien, Drohungen und Ermunterungen für die Maulesel wurde wiederholt; als diese dann aber wiederum einen Entschluß faßten, brachten sie den Wagen mit seinem ganzen Inhalt, Regenschirm und Wassermelone eingerechnet, glücklich aus dem Bereich des fatalen Rasenplatzes heraus.
Eine mächtige Pfütze unter dem Schlagbaum, der das Bahnhofsterrain abgrenzt, brachte die glatte Frucht nochmals in nicht unerhebliche Gefahr, der sie nur dadurch entging, daß ich aufopfernd die rechte Seite meines Kattunkleides dem Einfluß der spritzenden Räder preisgab und der Melone beide Hände widmete. Aber nun sah der Weg vor uns friedlich aus. Ich versuchte es, die große grüne Kugel jetzt nur mit einer Hand zu stetigen und der Erfolg war zufriedenstellend, obgleich mir das Vergnügen, das große Ding vier Stunden lang festhalten zu sollen, bereits anfing, in zweifelhaftem Glanze zu erscheinen. Wenigstens wollte ich den Schirm aufspannen, ich brauchte mich wegen der dummen Melone doch nicht zum Mohren brennen zu lassen! Grete, ich sehe mich selbst noch, wie ich langsam, langsam den festen Griff, mit dem ich sie gepackt, ein wenig lockerte, dann vorsichtig die Hand emporhob und wachsam mit den Augen die Bewegungen der Frucht verfolgte, die unter meinen gespreizten Fingern immerhin noch mißtrauenerweckend genug wackelte. Aber es ging wirklich! Man konnte sie einen Augenblick loslassen!
Der Schirm war aufgespannt und die Melone sichselbst überlassen — wie erleichtert ich war! Nur beobachten muß man sie noch ein Weilchen... Ein Seitenblick: — alles in Ordnung.
Ob sie aber auch nicht nach vorn wegrutscht? Wieder ein Blick — nein, da ist sie ja auf derselben Stelle...
Aber sie konnte von der Seite unter dem Armgeländer wegschlüpfen... ein dritter Blick! Ach, da kann sie ja gar nicht durch....
In der Gegend, wo wir grade fuhren, wird die Landschaft sehr hübsch; einzelne Palmen auf den welligen Hügeln heben sich sehr malerisch gegen den südlichen Himmel ab und —nureine rasche Wendung nach links: ja, sie ist da — und dort die kleine Ansiedlung, das weidende Vieh — Herrjeh, die Melone! Ach was, sie ist ja auf derselben Stelle....
Da hast Du einen Begriff, wie mich das lästige Ding quälte, das ewige Hin- und Herdrehen des Kopfes war nicht zu ertragen, lieber hielt ich sie wieder fest!
Endlich kamen wir an eine Biegung, von wo aus, wie ich wußte, der Weg eine ganze Zeitlang sanft ansteigt — hurrah, jetzt war ich wieder Herr über beide Hände. — „Hierkannsie nicht fort“, jubelte ich, und ich glaube, ich habe meine glatte und doch so ungefüge Peinigerin ordentlich triumphierend angelächelt. Aber, aber, Grete, das war die Rechnung ohne den Wirt gemacht oder hier ohne die mutwillig erstandene Frucht! Das Ding hatte wahrhaftig die perfidesten Einfälle, die man gewiß je an einer Wassermelone wahrgenommen. Nach vorn konnte sie nun allerdings nicht wegrutschen, aber nun begann sie, in Übereinstimmung mit dem leichten Trab der Maultiere, mir in regelmäßigen Intervallen von 30 Sekunden gegen dieSeite zu prallen mit einer Vehemenz, die sich absolut nicht ignorieren ließ, und gegen die es einen passiven Widerstand nicht gab.
Ich war empört auf die Melone, auf mich selbst, auf den Jüngling, der sie mir verkauft und noch grinsend ihre 12 bis 15 Pfund Gewicht betont hatte; es war grade, als hätte er gewußt, wie sich das große Geschöpf benehmen würde. Ein Versuch, die Melone, ohne sie mit der Hand zu stetigen, vor mir auf dem Schooß zu balancieren, scheiterte an einer Serie urkräftiger, auf meine Magengegend gerichteter Püffe von Seiten der Melone — es war dem teuflischen Ding mit List nun einmal nicht beizukommen, sie war voller Ressourcen.
Ein besonders lebhafter Zornesausruf von meiner Seite veranlaßte Caesario zu dem Rat, den Plagegeist auf den Boden des Wägelchens zu legen und ihn mit den Füßen zu halten. Dies schien mir eine glänzende Idee! Aber es war auch nichts mit ihr. Die schwere Frucht rollte den sie einschließenden Füßen nach vorn weg, und als ich diese dann mit zorniger Energie heftiger anpreßte, glitt das unleidliche glatte Ding auf der einen Seite hinüber, und ich mußte wieder allerlei gymnastische Kunststücke vollführen, damit sie nur nicht unter die Räder kam. Einen Augenblick war mir allerdings der Gedanke durch den Kopf geblitzt, was für eine Erleichterung es gewesen wäre, sie los zu sein, aber dann wieder dachte ich auch: „Nein, nun erst recht nicht!“ und stellte die Melone von neuem, jetzt aber auf ihre Spitze, zwischen meine Füße. Das ging auch ein Weilchen gut, und ich dachte schon, ich hätte nun wirklich und endgültig den Vorteil über sie errungen, als plötzlich Caesario es für gut befand, das rechteRad des Wagens in eine tiefe Furche zu schicken, während das linke oben blieb. — Ja, da half kein Widerstreben! Zwar klammerte ich mich mit eigensinnig zusammengekniffenen Lippen an den Armstütz des Wägelchens, zwar suchte ich mit aller Kraft auch die Melone zu dem gleichen Beharrungsvermögen zu zwingen, allein, Grete, dem Ungestüm einer fünfzehnpfündigen Wassermelone, die entschlossen ist, ihren Willen zu haben, ist man nicht gewachsen: abwärts rutschten Fuß und Frucht, und hinaus zum Wagen war die tückische Melone und lag in empörender Ruhe im Wegestaub, ehe ich mich noch von dem Schrecken, beinahe mit aus dem Wagen geschleudert worden zu sein, erholt hatte. Caesario hatte bereits gehalten und überreichte mir die wiederum unversehrte Frucht mit dem gleichen verlegenen Grinsen wie das erste Mal, während ich meinem Grimm gegen dieselbe auf deutsch Luft machte. Allein, hatte ich mich so lange mit dem dummen Ding gequält, so wäre es doch thöricht gewesen, jetzt in der letzten Stunde die Geduld zu verlieren. Ich gab der Melone ihren alten Platz auf dem Wagensitz wieder und verdammte wiederum meine linke Hand dazu, ihre Fluchtversuche zu vereiteln.
Der Wagen stuckerte weiter.
Die Sonne war schon seit einiger Zeit hinter Wolken getreten, und einzeln, wie zögernd fielen endlich die ersten Regentropfen aus der Luft. Ich will es Dir nur gestehen, Gretele: ich war mittlerweile schon so ärgerlich und nervös geworden, daß ein zorniger kleiner Faustschlag die Melone traf, als sei sie unfehlbar auch an dieser Prüfung schuld, und der verzweifelte Ausruf: „Und dabei keinen Regenmantel!“ begleitete ihn, ohne daß beides jedochdie hartherzige Melone in ihrem aufregenden Wackeln und Rucksen irre gemacht hätte. Nur Cäsario ließ ein, dem deutschen Ausrufau hasardangepaßtes „Sim, Senhora“, hören.
Rasch wurde der Regen stärker, und mein wieder aufgespannter Entoutcas bedeutete sehr bald nur noch eine Traufe, die sich mir auf Schultern, Hut und in den Kragen hinein entleerte, je nachdem die Bewegungen des Wagens den Schirm dirigierten. Und zu alledem immer die Melone! Da lag das unförmliche Ding und triefte von Regenwasser, dem sich der aufgesammelte Staub liebreich gesellte und als Schmutz dem hellen Handschuh, der darauf herumzurutschen verdammt war, bald eine völlig undefinierbare Farbe verlieh. Ich hätte schließlich weinen können vor Zorn! Mit förmlichem Haß betrachtete ich die widerspänstige große Melone, erwägend, ob ich mich während der noch fehlenden Stunde Wegs mehr über etwaige neue Chikanen derselben oder darüber ärgern würde, wenn ich sie jetzt noch aus dem Wagen schleuderte. Ein plötzlicher heftiger Anprall des Wagens an einen Stein, der die Melone zu dem entsprechenden Angriff gegen meine Seite veranlaßte, entschied die Frage. Der unnütze Schirm wurde energisch zugeklappt, und mit beiden Händen ergriff ich die abscheuliche Frucht, um sie aus dem Wagen zu schleudern.
„Was wollen Sie denn mit der schönen Melone thun?“ fragte in demselben Augenblick auf englisch eine Stimme hinter mir und ich sah, mich umwendend, einen Reiter unmittelbar hinter meinem Wagen... Grete, ich hätte in die Erde sinken können vor Scham! Das war Mr. Hall, und ich in dieser Verfassung! Das Kleid bespritzt, totalverregnet, mit schmutzigen Handschuhen und mit dem zornigen Gesicht über der großen grünen Frucht — ich war versteinert vor Schreck und wünschte ihn, ja denke Dir, im Ernst, ich wünschte ihn lieber tausend Meilen entfernt, als gerade in dem Augenblicke vor mir! Er ritt langsam neben dem Wagen her, während ich ganz rot und verlegen auf die Melone starrte, die ich noch steif in Händen hielt. „Well?“ machte er und lächelte. Da sah ich ihn an, und da lachten wir beide.
„Das große Ding war auch zu unleidlich geworden“, sagte ich, begann jedoch unwillkürlich, ich weiß nicht warum, das „unleidliche“ Ding mit erneuter Sanftmut zu halten.
„Geben Sie her“, sagte Mr. Hall, „ich werde sie Ihnen für den Rest des Weges tragen.“
„Ah! — aber wie?“
„Hier in diesem Sack; den kann ich so an meinen Sattel hängen... Sehen Sie, so!“
„O danke!“
Grete, wenn ich nur nicht so zerzaust ausgesehen hätte! Ich freute mich förmlich, daß es nicht mehr weit war bis nach Saõ Sebastiaõ. Aber wo mochte Mr. Hall hinwollen, und wo kam er her?
Ich scheute mich, ihn zu fragen, aber ich hätte es zu gerne gewußt. Wir sprachen überhaupt wenig, aber ich hatte so eine Ahnung, alsmüsseer nach Saõ Sebastiaõ reiten.
Jetzt kam ein Seitenweg, da wollte ich es schon erfahren.
„Sie sollen um meinetwillen aber keinen Umweg machen“, sagte ich. Gretel, das war doch gewiß fein ausgedacht, und ich dachte, er würde nichts merken, aber er machte ein so drolliges Gesicht zu dieser Bemerkung undich wurde so rot dabei, daß ich sie augenblicklich zehntausendmal mehr verwünschte, als vorhin die Tücken der Melone.
„Ich reite meinen Weg“, lächelte Mr. Hall.
„Ja, wollen Sie denn auch —“
„Nach Saõ Sebastiaõ, ja, genau wie Sie; ich komme von der Fazenda Santa Catharina.“
„Aber was —?“
Es machte ihm augenscheinlich Spaß, mich neugierig zu machen, was er in Saõ Sebastiaõ wolle, bis er mir zuletzt die Maschinen-Angelegenheit erzählte. So kamen wir zusammen auf Saõ Sebastiaõ an. Du kannst Dir denken, daß Souzas nicht wenig erstaunt waren zu finden, daß wir beide uns recht — oder ziemlich — ich meine, daß wir beide uns schon kannten.
Er blieb nur einen Tag, aber diesmal war es so, als sei ich dazu bestimmt gewesen, mich einfältig zu betragen. Was mag er nur jetzt von mir denken!
Als er nämlich gegen Abend fortreiten wollte, kam er, um mir Adieu zu sagen, in’s Schulzimmer, wo ich allein war und sang. Ich stand auf vom Klavier und reichte ihm die Hand. Da hielt er sie wieder fest in der seinen, wie an jenem Abend in Saõ Paulo und sah mich ebenso an wie damals. Diesmal aber sagte er auch etwas — viel war es nicht — nur „Ulla“ — aber, Grete, mir war’s, als hätte ich meinen Namen noch nie zuvor gehört. Mir wurde einen Augenblick ganz wirr und betäubt zu Mute und dann — — bin ich dumme, ungezogene Gans davongelaufen und habe mich nicht wieder blicken lassen, bis er fortgeritten war. Werde ich denn ewig kindisch bleiben!
Deine unartigeUlla.
Er hat mir auch gesagt, Emersons wollten mich nächstens zum Ball einladen; ich freue mich schon furchtbar darauf — ein Ball ist doch ein entzückendes Vergnügen, meinst Du nicht auch, Herzensgrete?
Himmel, was er nur denken mag!