Kopfstück Seite 56
Kopfstück Seite 56
Saõ Francisco, den 17. September 1881.
Ach liebste Grete, wenn Du wüßtest, wie sauer mir hier manchmal so ein Tag wird! Wie die Stunden schleichen, wie alles so schwerfällig erscheint! Die Kinder sind unartig, das Vehmgericht passiv, das ganze Haus laut, und man fühlt sich so allein, so unbeschreiblich vereinsamt! Zudem fängt die ganze Sache an, mich sehr anzugreifen. Die neuralgischen Schmerzen dauern fort, wenn auch Gottlob in vermindertem Maßstabe, und ich habe sehr oft Migräne, die ich besonders dem Lärm und der ganzen Unbehaglichkeit der häuslichen Einrichtungen zuschreibe. Die Nerven dieser Menschen müssen Stricke sein — leider! Sonst würden sie Rücksichten auf Andre kennen!
Stelle Dir einmal folgende Scene vor und dann appelliere an Deine eignen Nerven, ob sie es ertrügen.
Ich gab der kleinen Leonilla eine Klavierstunde in dem sogenannten Arbeitszimmer von Dona Alfoncina, denn die Kinder haben ihre Stunden nicht auf dem Flügel in dersalla de visita, sondern auf einem ehrwürdigen Tafelförmigen. Besagtes „Arbeitszimmer“ liegt so ziemlich in der Mitte des Hauses, und allerlei Räume münden in dasselbe ein, nämlich eine Vorratskammer, das Badezimmer, das Schlafzimmer der Kinder, das des Vehmgerichts, ein Kleiderzimmer und die Nähstube. Nun kannst Du Dir einekleine Vorstellung machen, wieviel Lärm in diesem angenehmen Raume schon unter normalen Verhältnissen gehört werden kann; heute aber war es gerade, als hätte der altegentlemansein Spiel! Man hatte nämlich Mäuse in der Vorratskammer entdeckt, und ohne Verzug kommandierte Dona Alfoncina zwei Negerinnen und einen Neger herbei, die den ganzen Raum leer machen mußten, damit man die Löcher finde. Während ich also an dem verstimmten Tafelförmigen resigniert meinun,deux,troiszählte und Leonilla mit Ausdauer immer dieselben Fehler machte, baute sich unter lautem Kommando von Dona Alfoncina rings um uns eine Wagenburg von Kisten, Fässern, Säcken etc. auf. Der Lärm, der durch diese Prozedur verursacht wurde, die lauten Kommandos und gelegentlichen Mißfallensäußerungen der Herrin waren an sich schon betäubend. Dazu stand neben dem Klavier die Thür zur Nähstube offen, von wo heraus wir die zwei Maschinen klappern hörten; in dem Nachbarraum schrie’s aus einem Bambuskorbe und dazwischen frohlockten Papageien und andre Vögel. Zum Schluß wurde noch eine kleine Mulattin, die Dona Gabriella lesen lehrt, durch die sich aufbauende Wagenburg aus ihrer Ecke, wo sie „studierte“, fortgetrieben und stand plötzlich hinter meinem Stuhl, eintönig ihr b — a ba, b — e be, b — i bi murmelnd! Das war zu viel! Wütend sprang ich auf, ergriff die Noten, rief Leonilla, mir in den Saal zu folgen und gab die Stunde da zu Ende. Man hat mir das furchtbar übel genommen und hältmichbei der ganzen Sache für die Rücksichtslose!
Ja, ja, wenn Menschen zu viel Nerven haben, ist es wohl schlimm, aber wenn sie garkeine haben, ist es noch peinvoller für Andre. Und so scheinen mir die Brasilianer geartet. Ich bezweifle, daß ich hier allzu lange mit meiner Gesundheit reiche! Schreibt mir nur recht oft, ich fühle mich sehr einsam und weltfern. Wenn ich doch nur wenigstens einmal ein deutsches Wesen zu sehen bekäme!
Deine armeUlla.
Uebrigens habe ich mit dem Zimmer gewechselt, da es mir in dem vorigen, sonnenlosen vor Feuchtigkeit unerträglich wurde, ich auch eines Mittags eine Schlange unmittelbar vor meinem Fenster sah — hu, die ekelhaften Tiere! Wir sehen oft welche.