Kopfstück Seite 68
Kopfstück Seite 68
Saõ Francisco, den 22. Oktober 1881.
Meine liebe Grete!
Du fragst in Deinem letzten Briefe, ob ich denn nicht in der Nähe eine Kollegin hätte, mit der ich mich einmal aussprechen könne. Bestes Herz, ein „in der Nähe“ giebt es hier überhaupt nicht, die nächsten Pflanzungen sind alle 4–6 Meilen entfernt, und eine Stadt giebt es garnicht in erreichbarer Nähe. Zudem will mein Unstern, daß auf all den Pflanzungen, die allenfalls zu erreichen wären, nur erwachsene Kinder sind oder die Besitzer so einfach, daß sie keine „professora“ halten. So bin ich denn ganz allein in der Runde, die traditionelle einzig fühlende Brust; ich weine auch manchmal ganz furchtbar, aber das darfst Du auf keinen Fall meinem Mutting erzählen!
Ich möchte so gern einmal heraus hier, wenigstens nach Rio, um mir die Stadt anzusehen, die ich bei meiner Ankunft nur so flüchtig gesehen habe, und die mir doch so schön erschien; auch habe ich ja noch meine Empfehlungsbriefe an eine deutsche Familie dort und an einen Geschäftsfreund meines New-Yorker Onkels, der sehr reich ist;es würde mich so sehr beruhigen, nur irgend welchen Halt in diesem fremden Lande zu haben....
Aber verzeih mir, Gretel, wenn ich schon schließe: — ich bin totmüde und schwer, und wollte Dir nur einen Gruß senden.
DeineUlla.