Libussa. Weshalb euch denn die Herrschaft auch gebührt?Doch wär' ich nun beharrlich so wie du,Und legte von mir dieses Landes Krone,Und ließe die Beharrlichen beharrenIn ihres Trotzes ungezähmter Gier?
Primislaus. O tu's, Libussa, tu's! Sei wieder jeneAls die du mir im Walde dort erschienst;Der Rasenplatz dein Reich, und deine KroneDu selbst, mit dir als Edelstein geschmückt.Hüll wieder dich in meiner Schwester Kleider,Dieselben die ich oft ans Herz gedrückt,Als freilich eines andern Körpers Hülle,Der minder schön, doch nahe mir wie du.Siehst du? wie hart ihr seid und karg und selbstisch?Ich gab dir alles was mein Eigentum,Mein treues Roß, der Schwester heil'ges Erbe(Das Geschmeide mit dem Fuße berührend.)Und ihr, ihr marktet um den blanken Tand,Der kaum ein Tausendteil von deinen Schätzen.
Libussa. Es ist des Vaters teures Angedenken.
Primislaus. Ich hasse deine Eltern, deine Schwestern,Die Wurzel und den Stamm—bis auf die Blüte.
Libussa. Wohl gar auch mich?
Primislaus. Auch dich, sagt' ich beinah.Weil ohne Worte du versprichst, und sprechendDer Sprache deiner Anmut widersprichst.
Und dennoch warst du mein, in meiner Macht,Als Zeuge nur die Luft und jene Bäume.Die Tat war ehrfurchtsvoll, doch die GedankenSie haben räuberisch an dir gesündigt.Als ich aufs Pferd dich hob, bei jedem StrauchelnDir Hilfe bot, da fühlt' ich deine Nähe.Den unberührten Leib hab ich berührt,Ich weiß wie warm die Pulse deines Lebens,Und wer dich freit, wer dich von dannen führt,Ich werd' ihm sagen: du bist nur der Zweite,Den Vorschmack deines Glücks hab ich gefühlt.
Libussa. Ich werde zürnen wenn du achtlos sprichst.
Primislaus. Du zürnst ja schon und hast gezürnt, und StrengeIst all dein Wesen, bis auf jenen Tag.Da warst du mild und lebst mir so im Herzen.
Als nun der Augenblick der Trennung kam,Da sprach ich bang zu dir: Neig mir dein Haupt!Und hing um deinen edlen Hals die KetteVon der ich mir den besten Teil geraubt,Das Kleinod das der Jungfrau Schmuck und Zier,Das Sinnbild erster, ahnender Begegnung.Jetzt ist es keine Kette mehr, die bindet,Ein Gürtel, den nur Weiberhand berührtUnd anlegt um der Herrin schlanke Hüften.Bis jener kommt, der bindet ihn und löstUnd dem ich weiche, wie einst aus dem Leben.
Libussa. Bleib hier! Ob stolz, sollst du mir dienstbar sein.Leg an den Gürtel, hier an seinem Platz,Und weh dem, der ihn noch nach dir berührt!(Mit erhobener Stimme.)Ihr aber, die gewärtig meines Winks,Herbei! Und seht was ihr begehrt erfüllt.
(Mägde, Wladiken und Landleute treten ein. Libussa zu den Dienerinnen.)
Ihr aber helft ihm, er ist ungeschickt.
Primislaus. Ich zittre ja.
Libussa. Nun denn zum letztenmal.
(Die Dienerinnen legen ihr den Gürtel vollends an.)
Ihr andern, die besorgt um euern Freund,Er ist hier sicher. Er ist mein Gemahl.Dient ihm wie mir, wenn nicht noch mehr als mir,Denn ich ich dien ihm selbst als meinem Herrn.Ich neige mich, folgt eurer Fürstin Beispiel,
(Indem sie Primislaus' Hand ergreift und halb das Knie beugt, das Volk aber kniet, fällt der Vorhang.)
Fünfter Aufzug
Ländliches Gemach von querliegenden Baumstämmen gefügt. Im Hintergrunde zwei Mägde Libussas, die ein breites Tuch ausgespannt vor sich hinhalten, indes eine andre am Boden kniend mit einem Griffel eine bezweckte Form daran abzumessen scheint. Im Vorgrunde rechts ein Stuhl mit einem darangelehnten Spinnrocken. Dobromila, als eben von der Arbeit aufgestanden, steht daneben und sieht den im Hintergrunde Beschäftigten zu. Zu beiden Seiten Türen.
Wlasta (zur Türe links eintretend).Ist eure Fürstin wach?
Dobromila. Ah, Wlasta, du?
Wlasta. Und ist sie hergestellt von ihrem Siechtum?
Dobromila. Der Anlaß war so schön, und der ErfolgBeglückt so überhoch, daß etwas Schwäche,Schon als Erinnrung selber ein Genuß.
Wlasta. Ihr habt euch hier recht ländlich eingerichtet.
Dobromila. Der Fürst durchzieht das Land, und seine GattinFolgt ihm auf jedem Schritt, so daß zur ZeitHier diese Hütte unser Königsschloß.
Wlasta. Und seid beschäftigt auch. O Dobromila!Du legtest kaum die Spindel aus der Hand.Ihr seid herabgekommen gute Mädchen!
Dobromila. Wir sind vergnügt.
Wlasta. Ich aber bin es nicht.Mir widert der Befehl aus niederm Mund.Drum ging ich zu den Schwestern deiner FrauAuf Wischehrad. Zwar wohnt dort Langeweile,Doch dient man gern wenn Hoheit heischt den Dienst.Kann ich Libussa sprechen?
Dobromila. Schau, sie selbst!
(Libussa kommt aus der Seitentüre rechts.)
Libussa. Ah, Wlasta, du bei uns! Was führt dich her?
Wlasta. Libussa, hohe Frau!
Libussa. Dein Aug' ist feuchtWas nur erpreßt der Starken diese Tränen?
Wlasta (zeigt mit Gebärde auf die umgebenden Gegenstände).
Libussa. Ja so, du weinst um uns? Wir sind dir dankbar,Man sagt kein irdisch Glück sei ungetrübt.Nimmst du die Trübsal nun, statt uns, auf dich,So freun wir uns um desto ungetrübter.
Wlasta. Der Abstand martert mich von einst auf jetzt.
Libussa. Ist dieser Abstand doch des Menschen Leben!Von Kind zu Jungfrau, bis zuletzt das: jung,Erst nur ein Wort, sich ablöst von der Frau:Der einz'ge Name treu uns bis zum Tode.
Wlasta. Du weichst mir aus; ein Zeichen daß du's fühlst.Mein Jammer ist, daß ich die Hohe, HehreMuß unterwürfig sehn dem Sohn des Staubs.
Libussa. Du sprichst von Primislaus? O gutes Mädchen,Wär' irgend Schmerz in meinem vollen Glück,So wär' es, daß mein Gatte jeden StrahlDer Hoheit rücklenkt auf mein eignes Haupt;Daß wie ein Träger anvertrauter Macht,Wie ein Verweser nur von fremdem Gut,Er nie sich fühlt als Herr und als berechtigt.
Wlasta. Doch scheint mir was geschieht ist meist sein Wille.
Libussa. Es ist so, ja. Doch weißt du auch warum?Er hat fast immer recht. Wir haben, Mädchen,Die Macht geübt zu eigenem Genuß.Wir pflückten ab die Blumen alles Guten,Er geht vom Stamm herab bis zu der Wurzel,Und schon des Samenkornes hat er acht.Wir fühlten in dem fremden Glück das eigne,Er liebt im fremden fast das fremde nur,Das Edle selbst, das wohltut höherm Sinn,Weist er zurück und duldet das GemeineWenn allgemein der Nutzen und die Frucht.Drum wo uns Widersetzlichkeit gedroht,Dort findet er Gehorsam. Jeder hilftTeilnehmend am Vollbringen, am Vollbrachten.Es ist so schön für andere zu leben!Lebt er für sie, warum nicht ich für ihn?
Wlasta. Doch deine Schwestern sind nicht gleichen Sinns,Sie fühlen noch die angestammte HoheitUnd es belästigt sie die neue Zeit.Im Walde, wo ihr Schloß, ertönt die Axt,Der tausendjähr'gen Eichen Stämme fallenZu niedrigem Gebrauch. Der Felsen InnresDurchwühlt der Eigennutz und sprengt die Fugen,Dem Licht verflossen seit dem Schöpfungstag,Um Steine sich zu brechen fürs Gehöft,Für seiner Herde schmutzige Umfriedung.Sie aber, deine Schwestern, wollen einsamUnd ungestört vom lauten PöbelschwarmDem geist'gen Anschaun leben, der Betrachtung.
Libussa. Ich sag es meinem Gatten, kehrt er wieder,Wenn irgend möglich, stellt er's hilfreich ab.
Wlasta. Wenn möglich nur? Was wär' der Macht unmöglich?
Libussa. Das Unvernünft'ge, Kind, und was nicht billig.
Wlasta. Bezweifelst du ihr Recht und ihre Hoheit?
Libussa. Ich zweifle nicht und liebe nicht zu zweifeln.All was sich selbst gemacht im Lauf der DingeDünkt als natürlich mir zugleich im Recht.Mein Gatte aber prüft und untersuchtUnd jeder Anspruch muß ihm Rede stehnAls allen nützlich in der Hand des einen.Allein mich deucht er selber kehrt zurück;Vereinen wir denn beide unsre Bitten.
(Primislaus kommt.)
Primislaus. Libussa, hohe Frau!
Libussa. Nimm als Entgegnung:Mein hoher Gatte; somit Herr der Frau.
Primislaus. Wir haben uns geplagt den langen Morgen,Der Tag ist heiß, fast fühl ich mich ermüdet.
Libussa. So sitz!
Primislaus. Hier ist kein zweiter Stuhl für dich.
Libussa. Wohlan denn: so befehl ich dir zu sitzen,Und du befiehl, daß ich hier steh bei dir.Nimm dieses Tuch, ich trockne dir den Schweiß.
Primislaus (der sich gesetzt hat und die Stirne trocknet).Wir waren früh am Werk und gingen rastlos,Ich und die Ältesten, rings durch die Gegend.Und sahen uns den Ort und seine Lage.Weißt du denn auch? wir bauen eine Stadt.Wenn du's genehmigst nämlich und es billigst.
Libussa. Sag mir vorerst: was nennt ihr eine Stadt?
Primislaus. Wir schließen einen Ort mit Mauern einUnd sammeln die Bewohner rings der Gegend,Daß hilfreich sie und wechselseitig förderndWie Glieder wirken eines einz'gen Leibs.
Libussa. Und fürchtest du denn nicht, daß deine Mauern,Den Menschen trennend vom lebendigen AnhauchDer sprossenden Natur, ihn minder fühlendUnd minder einig machen mit dem Geist des All?
Primislaus. Gemeinschaft mit den wandellosen DingenSie ladet ein zum Fühlen und Genießen,Man geht nicht rückwärts lebt man mit dem All;Doch vorwärts schreiten, denken, schaffen, wirkenGewinnt nach innen Raum, wenn eng der äußre.
Libussa. Doch sind die Menschen strenggeschiedne Wesen,Ein jeder ist ein andrer und er selbst;Die enge Nähe, störende GemeinschaftSchleift ab das Siegel jeder eignen Geltung,Statt Menschen hast du viele die sich gleich.
Primislaus. Was jeder abgibt geben auch die andernUnd so empfängt der eine tausendfach.Es ist der Staat die Ehe zwischen Bürgern,Der Gatte opfert gern den eignen Willen,Was ihn beschränkt ist ja ein zweites Selbst.
Libussa (die Hand auf seine Schulter legend).Wohl, ich verstehe das mein Primislaus,Und also bau nur immer deine Stadt.Allein warum denn hier, an dieser Stelle,Wo manchen sie belästigt und beirrt?
Primislaus (aufstehend).Siehst du, die Moldau, dieses Landes Ader,Die blutverbreitend durch den Körper strömt,Hier hat versammelt sie all ihre QuellenUnd breitet sich in weiten Ufern aus.Noch weiter unten fließt sie in die Alb,Mit der vereint sie durch die Berge bricht,Die scheiden unser Land vom deutschen LandUnd strömt mit ihr, so sagt man, bis ins Meer.Steht unsre Stadt nun hier, so baun wir SchiffeUnd laden auf des Landes ÜberflußAn Frucht, an Korn, an Silber und an Gold.
Libussa. So achtest du das Gold?
Primislaus. Ich nicht, doch andre,Und andern eben bieten wir es dar.So schafft uns Tausch was hier noch etwa fehlt.
Libussa. Genügsamkeit ist doch ein großes Gut!
Primislaus. Befriedigt ist das Tier nur und der Weise,Den Menschen, die gleich mir und gleich den meistenWard das Bedürfnis als ein Reiz und StachelVon ew'gen Mächten in die Brust gelegt,Bedürfnis das sich sehnt nach der Befried'gungUnd dort auch noch zu neuen Wünschen keimt.Hat auch das Land was ihm zur Not genug;An unsern Grenzen wohnen andre Völker,Die streben vor und mehren ihre Macht.Das Viel und Wenig liegt in der VergleichungUnd in der Truhe mindert sich der Schatz.Wer Hundert hat und sich damit begnügt,Er hat's nicht mehr, zählt jeder Nachbar Tausend.
Nebstdem ist dieses Werk nicht mehr mein eignes.Des Landes Älteste die mich begleitetAls wir umschritten rings den weiten Raum,Sie haben sich, einstimmend meinen Gründen,Gesamt erklärt für diesen selben Ort.
Libussa. So hältst du sie für weiser denn als dich?
Primislaus. Ich weiß nicht. Etwa nein. Allein, Libussa,Wenn wir das Ganze besser überschaun,Verstehn die einzelnen was einzeln besserUnd ihren Rat nicht acht ich ihn gering.Dann, glaubst du nicht, daß wenn sie eingewilligt,Mit Doppelkraft sie an die Arbeit gehn?Nicht nur den eignen Nutzen liebt der Mensch,Die eigne Meinung hat ihm gleichen Wert,Er hilft dir gern, sieht er im Werk das seine.
Ja selbst der Himmel, scheint's, stimmt mit uns ein.Wir gingen lang, ich und die Ältesten,Die zögernd folgten, Zweifel in den Blicken,Ihr ganzes Wesen ein vernehmlich: Nein,Da schallt mit eins der Wald von AxtesschlägenUnd einen Mann gewahren wir, der rüstigSich einen Eichbaum fällt mit voller Kraft.Wir fragen ihn wozu das Werkstück solle?Da sagt er: Prah! was in des Volkes MundeSo viel als Schwelle heißt, des Hauses Eingang.Daß uns nun beim Beginn des neuen WerksDie Schwelle gottgesandt entgegenkomme,Das fiel die Männer, wie von oben, an.Hier soll sie stehn, so riefen sie, die Stadt,Und Praga soll sie heißen, als die Schwelle,Der Eingang zu des Landes Glück und Ruhm.
Libussa. Die Schwelle, das ist gut.
Primislaus. Nicht wahr, Libussa?Ich seh es glühen hoch in deinem Auge,Wir stehn auf deines Geistes Machtgebiet.Man schelte mir die Vorbedeutung nicht!Wenn irgendein Gedanke, tatenschwangerUnd einer Zukunft wert, entsteht im Menschen,Dann sammeln sich nicht nur die eignen Kräfte,Daß Geist und Leib vereint im selben Punkt,Auch die Natur, die roh gedankenlose,Sie fühlt den Anhauch eines geist'gen WehnsUnd eilt als Mittel sich dem Werk zu fügen,Anteil zu nehmen an der edlen Tat.Was weit entfernt und scheinbar widersprechendEs nähert sich, gibt auf den Widerstand,Das Unerklärte schimmert von Bedeutung,Und eine Seele wird ihm der Gedanke,Um den sich schart was feindlich sonst und starr.Da mag denn auch, vorahnend was geschieht,Wie einer schweigend nickt wenn man ihn frägt,Die Körperwelt durch Bild und VorbedeutungAndeuten was erlaubt und ihr genehm.
Libussa. Ich sehe dich bekehrt zu meiner Meinung.
Primislaus. Ich bin es, ja, und war es immerdar.Schlecht ist der Ackersmann, der seine FruchtVon Pflug und Karst, von seinem Mühn erwartetUnd Licht und Sonne, was von oben kommt,Nicht als die Krone achtet seines Tuns.Es wirkt der Mensch, der Himmel aber segnet.
Und also vorbereitet, wirst du unsVersagen nicht die Huld um die wir flehn.
Libussa. Was ist es Primislaus was ihr begehrt?
Primislaus. Ich wünsche dieses Werk als Götterwille,Als einen Wink von oben angesehn.Wir haben einen Altar aufgerichtetUnd Opfer sollen weihen unsern Platz.Wär's dir genehm, nach deinem höhern Wissen,Der Feier vorzustehn in Priesterart?Vielleicht, daß die Betrachtung ferner ZukunftEin Wort dir eingibt, das den Mut befeuertUnd des Gelingens Hoffnung uns belebt.
Libussa. Es schweigt der Geist seit lang in meiner Brust.Ich bin nicht wie die Schwestern, deren AusspruchAus strengbewiesnen, sichern Quellen rinnt;Nur manchmal, wenn ich meines Vaters dachteUnd meiner edlen Mutter, die, ein Rätsel,Wie höhern Ursprungs, unter uns geweilt,Da kam mich an ein unerklärtes Schauen,Ich fühlte: also muß es, werd' es sein,Und siehe da! es war; ich weiß nicht wie.Doch scheint's, nicht nur des Körpers rauhe Gaben,Die edeln auch des Geistes brauchen Übung,Sonst schlummern sie auf weichen Kissen ein.Seitdem ich angewohnt, mich deiner Weisheit,Mich deinem tiefen Sinne zu vertraun,Entsteht kein Bild mir mehr in meinem Innern,Des Schauens edle Gabe scheint verwirkt.
Primislaus. Die Götter geben nicht auf daß sie nehmenUnd was du warst das bleibst du ewiglich.
Libussa. Auch bin ich schwach von meinem letzten Siechtum.Müßt' ich mich zwingen, steigern mit Gewalt,Der Leib ertrüg' es nicht, glaub, ich erläge.Obwohl's mich lockte, noch einmal, zum letzten,Hinanzuklimmen auf des Schauens Höhn,In Bild zu kleiden—schwerer Ahnung TräumeUnd zu verkörpern was noch wesenlos.Doch glaub ich, Primislaus, mehr als die Seh'rinLiebst du dein Weib. Ich will sie dir erhalten.
Primislaus. Du lehnst es ab, braucht's da noch weitern Grund?Und unsers Werkes Absicht auch mißfällt dir.Du bist die Frau in diesem weiten LandUnd ich der erste deiner Untertanen.(Zu einem Begleiter.)Bestellt die Feier ab und sagt den MännernDas Weitere erfahren sie demnächst.(Der Angesprochene geht.—Primislaus zu Wlasta.)Und nun zu dir!
(Libussa hat Dobromila einen Wink gegeben und entfernt sich während des folgenden, nur von dieser gefolgt, unbemerkt durch die Seitentüre rechts.)
Ich kenne deine Sendung.Ich weiß, daß deine Frauen, nur sich selbstUnd ihres Ursprungs dunklen Quell betrachtend,In unfruchtbares Sinnen tief versenkt,Mit Feindesaugen all mein Tun betrachten.Daß die Vermengung mit dem Menschenschicksal,Daß alles was gemeinsam sie verletztMich aber widert's an, als schlauer HirteZu weiden einer Herde gleich das Volk,Nur hoch, weil andre niedrig und beschränkt.Belästigt sie die laute Menschenmenge,Wir haben andre Schlösser noch im Land,Dort mögen sie mit ihrer Jungfraun ScharIn unnahbarer Abgetrenntheit weilen,Und das Gewohnte, weil es doch bequem,Starr wie sie selbst, für ew'ge Zeit bewahren.Wir wollen weiter, weiter in der Bahn,Ich und mein Volk, als Bürger und als Menschen.
So sagt' ich dir, wenn nicht Libussa selberMit ihren Schwestern diesmal einig dächte.Sie billigt's nicht, damit zerrinnt mein Vorsatz,Und deine Frauen mögen ruhig hausenVon mir und von der Wohlfahrt ungestört.
Wlasta. Die Kunde wird die Schwestern hoch erfreun,Zumal als Zeichen, daß Libussa freiUnd Herrin noch von ihrem Tun und Wollen.
Primislaus. Wer zweifelt dran? Ist nicht das Land,Bin ich nicht selbst ihr dienend zu Gebot?
Wlasta. Sie liebt und fügt sich, nennst du das wohl frei?
Primislaus. Wer frei sich fügt den nenn ich nicht gezwungen.
Wlasta. Wer seinem innern Wesen widersprichtDer ist gezwungen, ob durch sich, durch andre.Glaubst du, Libussa sei Libussa nochAls Ordnerin des Hauses, als die HerrinVon Mägden die die laute Spindel drehn?Hat darum Krokus unser hoher HerrSich einer göttergleichen Frau vermählt,Daß seine Töchter mit gemeiner Sorge,Mit engem Treiben um ein Nichts bemüht?Sie fühlt es nicht, allein ihr Wesen fühlt's.Wo ist der Blitz des Augs, das adlergleichDie Zukunft maß wie eine Gegenwart?Wo ist die Kraft, die hebend ihre Brust,Zu sich erhob was nah und was entfernt?Sie sehnt sich nach den Schwestern, glaube mir,Dort ist ihr Platz, hier ist nur ihre Stätte.
Primislaus. Und doch flieht sie der Schwestern Gegenwart.
Wlasta. Weil sie sich scheut vor ihren eignen Wünschen.Schon einmal sandte sie mich auf ihr SchloßUnd bat um Rückkehr in den Kreis der Ihren.
Primislaus. War später das als unsrer Ehe Bund?
Wlasta. Es war vorher.
Primislaus. Du sprichst dir selbst die Antwort.Umgeben ist sie hier mit aller Ehrfurcht,Vor ihrem Willen beugt sich jedermann.Selbst unsre Stadt, die wir schon Praga nannten,Wir gaben sie mit schwerem Herzen auf,Weil ihr die Absicht nicht, das Werk, gefiel.Sie ist Gebieterin.
Wlasta. Hier meine Antwort.
(Libussa kommt schwarz gekleidet, von zwei Dienerinnen gefolgt, aus der Seitentüre.)
Primislaus. Libussa, du, in Trauerart gekleidet?Wahrhaftig, du bist bleich.
Libussa. Wohl nur der AbstichDer dunkeln Kleider, dir seit lang entwohnt.So ging ich einst an meines Vaters Seite,So ging die Mutter, gehen meine Schwestern,Und soll ich sammeln mich wie sonst im Geist,Muß ich mich auch umgeben so wie sonst.Die Gabe, wenn sie frisch, braucht keine Hilfe,Doch wird sie schwach, so ist ihr selbst das ÄußreEin Notbehelf, ein Anker der sie hält.Und nun laß uns hinaus nur zu den Männern.
Primislaus. Was willst du?
Libussa. Euren Platz, die Stätte weihn.
Primislaus. Wir haben's abbestellt und aufgegeben.
Libussa. Um meinetwillen soll kein ReifbedachtesUnd vielen Nützliches zugrunde gehn.Die Sorge für das Volk ist meine Pflicht,Da schweigen billig kindische Bedenken.
Primislaus. Ich duld es nimmermehr.
Libussa (mit dem Fuße auftretend).Ich aber will es.—Verzeih mein Primislaus! Der alte GeistEr kam zurück mit diesen dunkeln Kleidern.Du mußt dich fügen, wie du dich gefügtAls wir noch kämpften—zwar ich ward besiegt.(Zu Dobromila.)Der Gürtel drückt, bind ihn mir loser.
Dobromila. Herrin,Er liegt schon locker jetzt.
Libussa (zu Primislaus).Kennst du den Gürtel?
Primislaus. Leg ihn von dir wenn er die Brust beengt.
Libussa. Er folgt mir bis ins Grab. Und dann, mein Gatte,Er bringt mir das Gedächtnis meines VatersUnd meiner Schwestern vor den dunkeln Sinn.Da wachen Bilder auf und gehn und kommen,Ich seh in ihrem Geist was trüb in mir.Nur jetzt!—Doch sind sie traurig. Fort mit ihnen!
Wlasta. Und glaubst du dich berechtigt ihn zu tragen?
Libussa. Mein Vater gab ihn mir, so wie den Schwestern.
Wlasta. Er gab ihn euch als Jungfraun, Unvermählten,Als unberührt von dieser Erde Harm,Als Zeichen eines höhern Stamms und Ursprungs.Du hast vermengt dich mit dem Irdischen,Bist ausgetreten aus dem Kreis der Deinen.Die Steigerung, die heilige Begeistrung,Dir sonst natürlich, ist nur noch ertrotzt,Erzwungen. Wag's nicht, du erträgst es nicht.
Libussa. Ich will nicht nutzlos sein im Kreis der Dinge.Kann ich nicht wirken in der Zeit, die neu,So will ich segnen—euch, das Volk und mich.Darum ans Werk! Bringt dunkles HarzUnd Bilsenkraut, StechapfelsamenUnd werft es in die Glut. Wir wollen's schlürfen,Mit Rauch umnebeln unsern matten Sinn,Daß er im Schlafe wacht und schläft im Wachen.(Da Primislaus sich ihr nähert.)Ich will's, ich will's! Schon hab ich euch's gesagt.Und endlich freut's dich doch, dient deiner Absicht.Hinaus, hinaus!(An der Türe stehenbleibend.)Und kehren wir zurück,So bin ich wieder dein gehorsam Weib. (Ab.)
Primislaus. Ich duld es nicht!(Er eilt ihr nach.)
Wlasta. Du wirst, du mußt dich fügen,Der Wurf geworfen, fällt das Los—und trifft.(Sie folgt.)
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Freier Platz mit Bäumen umgeben. Im Mittelgrunde, gegen die rechteSeite zu, ein Hügel mit einem Opferaltare auf dem ein Feuer brennt;daneben ein goldener Stuhl. Volk füllt den Hintergrund, darunter dieWladiken.
Lapak (nach vorn kommend).Das Fest ist abgestellt.
Domaslav. Um so viel besser!(Halblaut.)Was ist auch diese schlauentworfne StadtAls Schwächung unsers Ansehns, unsrer Macht?Wenn erst das Volk in großer Zahl vereint,Ist von uns jeder minder als er war,Der Mächt'ge kaum gewachsen so viel Kleinen.
Biwoy. Es bleibt der Mann ein Mann, das Schwert ein Schwert.
Lapak. Laßt uns nach Haus.
Domaslav. Doch seht, dort kommt die Fürstin.So will man doch—
Lapak (sich zurückziehend).Erwarten wir's in Demut.
(Libussa mit starken Schritten voraus. Hinter ihr Primislaus, Wlasta und Gefolge.)
Libussa. Hier ist der Ort und dort ist meine Stelle.(Gegen den Altar gewendet.)
Primislaus. Noch einmal bitt ich dich: Laß ab Libussa!
Libussa. Du hast den Geist in mir heraufbeschworen,Wie schwach er ist, doch drängt er jetzt als Geist.(Zu den Dienerinnen.)Legt Kräuter in die Flamme, die ich gabUnd Wlasta kennt; wir wollen rasch vollenden.
Primislaus. Laß uns den Bau beginnen, wenn du's billigst,Die Weihe sparen wir für spätre Zeit.
Libussa. Den Göttern ist der Anfang und das Ende,Was ohne sie beginnt, vergeht beim Anfang.
Du Primislaus leb wohl! heißt das: auf kurz,Bis wir uns wiedersehn auf lange—lange.(Sie hat den Hügel bestiegen.)Der Rauch steigt nicht empor, ein böses Zeichen,Indes in mir die sonst'ge Flamme Rauch.(Sie setzt sich.)Der Geist erloschen und der Körper schwach.(Ihr Haupt sinkt auf die Brust.)
Domaslav (zu Biwoy halblaut).Mir deucht sie schläft.
Primislaus. Libussa.
Wlasta. Laß sie, laß!Wenn du sie störst, gefährdest du ihr Leben.
Libussa. Gehütet hab ich euch dem Hirten gleich,Der seine Lämmer treibt auf frische Weide.Ihr aber wollt nicht mehr gehütet sein,Wollt selbst euch hüten, Hirt zugleich und Herde.So will's vielleicht der Gang der raschen Welt,Das Kind wird Mann, der Mann ein Greis—und stirbt.(Sich zurücklehnend.)Im Geiste seh ich einen schönen GartenUnd drin zwei Menschen beiderlei GeschlechtsUnd einen Göttlichen, das Bild der Güte,Der ihnen freigibt jede Frucht und jeden Baum,Bis nur auf einen, dessen Frucht Erkennen.
Ihr habt gegessen von dem Wissens-BaumUnd wollt euch fort mit seiner Frucht ernähren.Glück auf den Weg! ich geb euch auf von heut.Und eine Stadt gedenkt ihr hier zu baun;Hervorzugehn aus euern frommen Hütten,Wo jeder war als Mensch, als Sohn und Gatte,Ein Wesen das er selbst und sich genug.Nicht Ganze mehr, nur Teile wollt ihr seinVon einem Ganzen, das sich nennt die Stadt,Der Staat, der jedes einzelne in sich verbringt,Statt Gut und Böse, Nutzen wägt und VorteilUnd euern Wert abschätzt nach seinem Preis.Aus eurem Land, das euch und sich genug,Beglückt mit allem was das Leben braucht,Von Bergen eingeschlossen die sein Schutz,So daß wenn rings so Land als Meer verginge,Es für sich selbst bestünde, eine Welt,Wollt ihr heraus mit habbegier'gem TrachtenUnd heimisch sein im Fremden, fremd zu Haus.
Seht an den Bach, so schön in seinen Ufern,Wie alles blüht und lacht, wie froh er murmelt;Doch strebt er weiter, weiter bis zum Strom,Ergießt sein Wasser in die fremden Wellen,Dann wird er breit und tief und rasch und mächtig,Doch Diener eines andern, nicht er selbst,Nicht mehr der Bach mit seinen klaren Wellen.
Es lösen sich der Wesen alte Bande,Zum Ungemeßnen wird was hold begrenzt,Ja selbst die Götter dehnen sich und wachsenUnd mischen sich in einen Riesengott;Und allgemeine Liebe wird er heißen.Doch teilst du deine Liebe in das All,Bleibt wenig für den einzelnen, den nächsten,Und ganz dir in der Brust nur noch der Haß.Die Liebe liebt den nahen Gegenstand,Und alle lieben ist nicht mehr Gefühl,Was du Empfindung wähnst ist nur Gedanke,Und der Gedanke schrumpft dir ein zum Wort,Und um des Wortes willen wirst du hassen,Verfolgen, töten—Blut umgibt mich, Blut,Durch dich vergossen fremdes und von Fremden deines—Die Meinung wird dann wüten und der Streit,Der endlos, weil die Meinung nur du selbstUnd du der Sieger bist und der Besiegte.Löst endlich sich die Zwietracht auf in Nichts,Bleibt dir die Welt behaftet mit der Willkür.Da du so lange dich in Gott gedacht,Denkst du zuletzt den Gott nur noch in dir.Der eigne Nutzen wird dir zum AltarUnd Eigenliebe deines Wesens Ausdruck.Dann wirst du weiterschreiten fort und fort,Wirst Wege dir erfinden, neue MittelFür deinen Götzendienst, dem gier'gen BauchUnd der Bequemlichkeit zur eklen Nahrung.Durch unbekannte Meere wirst du schiffen,Ausbeuten was die Welt an Nutzen trägt,Und allverschlingend sein vom All verschlungen.
Nicht mehr mit blut'gen Waffen wird man kämpfen,Der Trug, die Hinterlist ersetzt das Schwert.Das Edle schwindet von der weiten Erde,Das Hohe sieht vom Niedern sich verdrängt.Und Freiheit wird sich nennen die Gemeinheit,Als Gleichheit brüsten sich der dunkle Neid.Gilt jeder nur als Mensch, Mensch sind sie alle,Krieg jedem Vorzug heißt das Losungswort.Dann schließen sich des Himmels goldne Pforten,Begeisterung und Glauben und VertraunUnd was herabträuft von den sel'gen GötternNimmt nicht den Weg mehr zu der flachen Welt.Im Leeren regt vergebens sich die KraftUnd wo kein Gegenstand da ist kein Wirken.Laßt mich herab! ich will nicht weiter forschen,Die Sinne schwindeln und der Geist vergeht.
Primislaus. Libussa komm zu uns! Ich seh's, du leidest,Und unser Werk—wir geben's auf von heut.
Libussa. Baut eure Stadt, denn sie wird blühn und grünen.Wie eine Fahne einigen das Volk.Und tüchtig wird das Volk sein, treu und bieder,Geduldig harrend bis die Zeit an ihm.Denn alle Völker dieser weiten Erde,Sie treten auf den Schauplatz nach und nach:Die an dem Po und bei den Alpen wohnen,Dann zu den Pyrenäen kehrt die Macht.Die aus der Seine trinken und der Rhone,Schauspieler stets, sie spielen drauf den Herrn.Der Brite spannt das Netz von seiner InselUnd treibt die Fische in sein goldnes Garn.Ja selbst die Menschen jenseits eurer Berge,Das blaugeaugte Volk voll roher Kraft,Das nur im Fortschritt kaum bewahrt die Stärke,Blind wenn es handelt, ratlos wenn es denkt,Auch sie bestrahlt der Weltensonne SchimmerUnd Erbe aller Frühern glänzt ihr Stern.Dann kommt's an euch, an euch und eure Brüder,Der letzte Aufschwung ist's der matten Welt.Die lang gedient sie werden endlich herrschen,Zwar breit und weit, allein nicht hoch noch tief;Die Kraft, entfernt von ihrem ersten Ursprung,Wird schwächer, ist nur noch erborgte Kraft.Doch werdet herrschen ihr und euern NamenAls Siegel drücken auf der künft'gen Zeit.Doch bis dahin ist's lang. Was soll ich hier?Ihr habt gelernt Begeisterung entbehren,Ihr fragt den Geist und gebt die Antwort selbst.Ich sehe meinen Vater, meine Mutter,Sie ziehen fort und lassen mich allein.Auch diese Flamme, seht nur, sie erlischt,Und statt der Glut umnebeln mich die Dämpfe,Sonst ungewohnt und nun belastend mich.
(Da die oben stehende Dienerin die Flamme anfachen will.)
Laß nur! Die Flamme lischt, ich fühl es wohl.
Primislaus. Laßt mit Gewalt sie uns vom Altar reißen,Ihr teures Dasein, fürcht ich, ist bedroht.
Libussa (aufstehend).Hört ihr? Das sind der Schwestern Wanderschritte.Ihr habt vom Wischehrad sie ausgetrieben,Sie ziehen fort und lassen mich allein.Was soll ich noch, die Eltern-, Schwestern-lose?Euch selber bin ich nur die Märchen-Kund'ge,Auf die ihr hört so weit es euch gefällt,Und handelt wie's euch eingibt eigne Lust.Ich aber rede Wahrheit, Wahrheit, nur verhülltIn Gleichnis und in selbstgeschaffnes Bild.
Da kommen sie die Schwestern, die Vertriebnen,Sie fliehn vor euch wie ihr vor ihnen floht.
(Kascha und Tetka, von ihren Jungfrauen paarweise begleitet, kommen über eine Anhöhe im Hintergrunde.)
Libussa. So zieht ihr fort?
Kascha. Nimm unsern Gruß zum Abschied.
Libussa. Wo aber hin?
Tetka. Ins Elend, in die Welt.
Primislaus. Sucht aus den Schlössern dieses weiten LandesIn Berg und Tal euch aus den künft'gen Sitz.
Kascha. Wir haben nichts mit dir.(Zu Libussa.)Gehst du nicht mit?
Libussa. Ich kann nicht, seht ihr wohl.
Kascha. Wir warnten dich.Warum hast du an Menschen dich geknüpft?
Libussa. Ich liebe sie, und all mein Sein und WesenIst nur in ihrer Nähe was es ist.
Tetka. Sie aber töten dich.
Libussa. Vielleicht.—Und doch:Der Mensch ist gut.—O bleibt noch, bleibt! Ich fühleWie eure Gegenwart den mächt'gen Geist,Der halb erloschen, neu zu Flammen facht.Der Mensch ist gut, er hat nur viel zu schaffen,Und wie er einzeln dies und das besorgt,Entgeht ihm der Zusammenhang des Ganzen.Des Herzens Stimme schweigt, in dem GetöseDes lauten Tags unhörbar übertaubt,Und was er als den Leitstern sich des LebensNach oben klügelnd schafft, ist nur Verzerrung,Schon als verstärkt, damit es nur vernehmlich.So wird er schaffen, wirken, fort und fort.Doch an die Grenzen seiner Macht gelangt,Von allem Meister was dem Dasein not,Dann wie ein reicher Mann, der ohne ErbenUnd sich im weiten Hause fühlt allein,Wird er die Leere fühlen seines Innern.Beschwichtigt das Getöse lauter Arbeit,Vernimmt er neu die Stimmen seiner Brust:Die Liebe, die nicht das Bedürfnis liebt,Die selbst Bedürfnis ist, holdsel'ge Liebe;Im Drang der Kraft Bewußtsein eigner Ohnmacht;Begeisterung, schon durch sich selbst verbürgt,Die wahr ist, weil es wahr ist daß ich fühle.Dann kommt die Zeit, die jetzt vorübergeht,Die Zeit der Seher wieder und Begabten.Das Wissen und der Nutzen scheiden sichUnd nehmen das Gefühl zu sich als Drittes;Und haben sich die Himmel dann verschlossen,Die Erde steigt empor an ihren Platz,Die Götter wohnen wieder in der Brust,Und Demut heißt ihr Oberer und Einer.Bis dahin möcht' ich leben, gute Schwestern,Jahrhunderte verschlafen bis dahin.Doch soll's nicht sein, die Nacht liegt schwer am BodenUnd bis zum Morgen ist noch lange Zeit.Die Kraft versiegt, mein Auge schwimmt im Dunkel.Fort alles was um mich noch Gegenwart,Die Luft der Zukunft soll mich frei umspielen.Fort dunkler Schleier und du teures Kleinod,Du drückst die Brust, belastet zentnerschwer.(Schleier und Gürtel von sich und den Hügel herabwerfend.)Nun ist mir leicht. Ich sehe grüne FelderUnd weite Wiesen, himmlisch blaue Luft.Die Erde schwankt, der Boden steigt empor,Doch immer weiter, größer wird der Abstand.Ein dunkler Schmerz er kriecht an meine Brust,Ich sehe nicht mehr die mir angehören.(In den Stuhl zurücksinkend.)O Primislaus war das dein letzter Kuß?
Primislaus. Libussa, meine Gattin, all mein Glück!
Kascha. Es stand dir nah, du stießest es zurück.Geliehen war sie euch und nicht geschenkt,Vertraun gehorcht, der Eigenwille denkt.Wir nehmen sie mit uns auf unsrer Fahrt,Bis ihr des Segens würd'ger als ihr wart.(Indem sie ihren Gürtel ablöst und zu dem auf dem Boden liegendenLibussas hinwirft.)Aus diesem Gold laßt eine Krone schmieden.(Mit Handbewegung nach dem Hügel und gegen den Boden.)Das Hohe schied, sein Zeichen sei hienieden.
(Während sie im Begriffe ist den Hügel zu besteigen und ihre Jungfrauen paarweise dieselbe Richtung nehmen, wobei Tetka ihren Gürtel gleichfalls ablöst und hinwirft, fällt der Vorhang.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Libussa, von Franz Grillparzer.