XII.Michael Hentzschel.
Nun, wenn es keinen andern Ausweg giebt,Mir kommt’s auf einen kleinen Mord nicht an.Th. Körner.
Nun, wenn es keinen andern Ausweg giebt,Mir kommt’s auf einen kleinen Mord nicht an.Th. Körner.
Nun, wenn es keinen andern Ausweg giebt,Mir kommt’s auf einen kleinen Mord nicht an.
Nun, wenn es keinen andern Ausweg giebt,
Mir kommt’s auf einen kleinen Mord nicht an.
Th. Körner.
Th. Körner.
Michael Hentzschel war der Sohn eines Schneiders, und wurde von seinem Vater dieser Profession einverleibt. Aber wer allenfalls glauben möchte, Hentzschel, aus einer Schneiderfamilie abstammend, sei als Knabe ein furchtsamer, demüthiger, sich schmiegender Böhnhase, als Mitglied einer Räuberbande höchstens ein Patron und nur als feiger Kundschafter zu gebrauchen gewesen, der möchte wohl etwas Bange haben, wenn dieser Hentzschel noch sein Wesen triebe, und ihm zu ungewohnter Zeit die Ehre eines Besuches erweisen würde.
Schon im Kinderröckchen war Hentzschel zu Steina, seinem Geburtsorte, der Popanz, den alleKinder nicht nur seines Alters, sondern selbst erwachsenere, fürchteten und flohen, und zwar wegen seines Raufsinnes und der Verwegenheit, womit er, der Einzelne, eine zahlreiche Schaar angriff und um sich schlug.
Als Hentzschel von seinem Vater zu einem Anverwandten nach Gubitz, einem Dorfe bei Döbeln in die Lehre gethan wurde, mußte ihn sein Lehrmeister schon nach einigen Wochen wieder in das väterliche Haus zurück schicken, da in ganz Gubitz kein Knabe war, den er nicht, ohne alle Veranlassung, angefallen und abgeprügelt hätte, wobei immer seine muthigsten Gegner am schlimmsten wegkamen, während er den Feigen sein Uebergewicht nur mäßig zu fühlen gab.
Kaum war sein Vater gestorben und Hentzschel im Besitze des kleinen Grundstücks, als die Begierde nach einem viel und lustig und frei sich bewegenden Leben ihn aus seinem beschränkten, mechanischen Seyn in die Welt hinaus trieb. Schnell war das Grundstück verkauft und Hentzschel wanderte fort, fest entschlossen, ein ziemlich großes Stück dieser Erde zu besehen. So lange der geringe Erlös aus dem kleinen Grundstück seinen Hang zum Wohlleben und zum Genusse sinnlicher Freuden befriedigen konnte, trieb er sich müßig umher; sobaldaber Geldmangel und Noth, die beten und arbeiten lehren, seinem Müßiggange entgegen traten, bequemte er sich zu einem Erwerbe, der darin bestand, daß er bald als Schneidergeselle arbeitete, bald als Hausknecht, als Lastträger, als Markthelfer sich gebrauchen ließ, aber nur immer so lange in Thätigkeit sich setzte, bis er so viel erworben hatte, um einige Zeit wieder müßig umher wandern zu können.
Auf einer solchen Wanderung, bei welcher Hentzschel mit losem Gesindel immer vertrauter und zum Gauner immer reifer wurde, machte er die Bekanntschaft eines Invaliden, genannt der Husaren-Bernhard, der mit seiner Tochter Johanna den größten Theil des Jahres umherzog, zum Scheine einen kleinen Handel mit Bildern und Spielzeug trieb, doch einen viel größern Erwerb aus seiner Gewandtheit im Stehlen und aus den Buhlerkünsten seiner Tochter, ihrem Gesange und Zitterspiele sich verschaffte.
Johanna, erst siebzehn Jahre alt, und eine jener Gestalten, die durch das Feuer des Auges, durch hohen, schlanken, üppig geformten Bau und leichte, rasche Bewegungen des leicht und verrätherisch bekleideten Körpers so sehr die Sinne aufregen, war eine so feine Buhlerin, als hätte sie die Schule der erfahrensten und geistreichsten Hetären durchgemacht. Damit vereinigte sie alle jene verderblichen Eigenschaften, die im Bereiche der Gaunerei sich glänzend und früchtevoll hervorthun.
Hentzschel, eingeweihet in die Kunst, Karten und Würfel zu seinem Vortheile zu benutzen, hatte einige Tage vor seiner Bekanntschaft mit dem Husaren-Bernhard in einer Waldschenke, mit deren Besitzer er höchst vertraut war, einen Pächter, einen Müller und drei Bauern, reiche Kumpane, betrunken gemacht, zum Würfelspiele verleitet, und ihnen eine baare Summe von 375 Thalern abgewonnen. Kaum hatte er Johanna gesehen und gesprochen, als er von dem heftigsten Verlangen nach dem Besitze dieses so lockenden Mädchens hingerissen wurde. Auf der Stelle bewirthete er Vater und Tochter mit Braten und Wein, machte ohne alle Einleitung dem Gegenstande seiner entzügelten Begierde einen Heirathsantrag, beurkundete die vollkommene Fähigkeit der anständigen Ernährung einer Frau durch seine gerühmte Geschicklichkeit in der Schneiderarbeit, sprach ohne Scheu von seiner Fertigkeit in betrügerischem, vortheilhaftem Gebrauche der Karten und Würfel, und schüttete, zur kräftigen Unterstützung seines Antrages, die reichlich gefüllte Geldgurte in Johannas Schoos aus. Noch am nämlichen Abend wurde Verlobung und Hochzeitgehalten, der aber die priesterliche Einsegnung erst nach einigen Monaten folgte.
So lange Hentzschels Thaler vorhanden waren, lebte die wackere Familie in Saus und Braus, ohne an einen Erwerb zu denken. Es herrschte unter ihnen kein Geheimniß mehr, und so war Hentzschel über die moralische Verdorbenheit seiner Angehörigen, die anfangs recht tugendhaft thaten, bald im Klaren; doch hütete sich Johanna, ihm zu vertrauen, daß sie seit ihrem vierzehnten Jahre das Gewerbe einer Buhldirne im Geheimen treibe. Hentzschel, mit vorherrschender Neigung zu einem müssigen, schwelgerischen Leben, und mit allen Anlagen, für die bürgerliche Gesellschaft ein höchst gefährlicher Mensch zu werden, reichlich ausgestattet, freute sich um so mehr über seine Verbindung mit so routinirten Leuten, als ihm dadurch Hoffnung ward, bei leichtem und beträchtlichem Erwerbe sich seinen Neigungen ganz hingeben zu können.
Husaren-Bernhard machte den Vorschlag, irgendwo ein Häuschen zu kaufen, dort im Winter das Schneidergewerbe zum Scheine zu treiben, in den günstigen Jahreszeiten aber mit einem Krame von Kinderspielzeug, Bändern, wohlriechender Seife und andern, besonders auf dem Lande gangbaren Artikeln weit und breit umherzuziehen, dabei abervorzüglich durch Freischupperei und Massematten[11]für ein herrliches Winterquartier recht thätig vorzuarbeiten.
Solch ein Häuschen zu finden, wäre eben nicht schwierig gewesen, aber die Flittertage dieser Titularehe hatten Hentzschels blanke Thaler bis auf wenige verschlungen. Doch diese Leute waren viel zu erleuchtet und ideenreich, um wegen Mangels an Baarschaft einem gefaßten Entschlusse zu entsagen. Nach kurzer Berathung trennte sich das tugendhafte Kleeblatt, um mit gefülltem Säckel sich wieder zu vereinen. Hentzschel zog mit dem Reste seines Geldes von einem Wirthshause zum andern und trieb Karten- und Würfelspiel. Husaren-Bernhard und Johanna wanderten mit ihren Waaren im Lande umher, stahlen und betrogen auf die feinste Weise, und Johanna’s Gesang und Zitterspiel lockten so manchen Lüstling in die gefährliche Nähe dieser Sirene, die aber nicht den Tod der Bezauberten, sondern nur ihre blanken Thaler wollte.
Nach viermonatlicher Trennung vereinigten sich unsere Wanderer wieder und hatten durch ihre lasterhaften und verbrecherischen Handlungen so viel Geld an sich gebracht, das Hentzschel zu Colmnitzein recht geräumiges, gut gebautes Haus, dazu das Recht zur Ausübung seiner Profession erkaufen konnte und noch ein hübsches Sümmchen zur bequemen Einrichtung übrig hatte. Nun wurde er auch mit Johanna copulirt.
Fünf Jahre hatte Hentzschel die Winter hindurch zum Scheine geschneidert, die übrige Zeit als wandernder Handelsmann mit betrügerischem Spiele, Schottenfellen[12], auch manchmal als Theilnehmer bei leichten Einbrüchen hingebracht, dabei aber in Colmnitz, wie auch in dessen weiter Umgebung für einen recht wackern Mann gegolten. Die Wiederkehr der Lerche war immer für Hentzschel der Aufruf, mit Schwiegervater und Weib zum verbrecherischen Erwerb aus dem scheinheiligen Stillleben hinzuziehen in das vielbewegte Treiben der Laster und der Verbrechen.
Das Lied der Lerche ertönte in milder Frühlingsluft und Hentzschel hatte sich zum Auszuge mit Weib und Schwiegervater bereitet, als am Morgen der Fortwanderung, da es noch fast dunkel und das Hentzschel’sche Kleeblatt schon zum Abzuge gerüstet war, zwei bewaffnete Gerichtsdiener rasch in Hentzschels Wohnstube eintraten, ihm und demHusaren-Bernhard Ergebung geboten, Stricke hervorzogen und Beide zu binden sich anschickten. Hentzschel und sein Schwiegervater, beim raschen Eintritte der Häscher sich gleich eines im verflossenen Herbste begangenen Raubmordes erinnernd, sahen gleich ein, daß die Gefahr für sie groß sei und rasch und kräftig abgewendet werden müsse. Nur ein Blick, der leiseste Augenwink und sie verstanden sich. In unglaublicher Schnelle, mit Riesenstärke hatte[13]Hentzschel die beiden Gerichtsdiener bei der Kehle gepackt und gewaltig an die Wand gedrückt, daß sie nicht zu schreien, auch keine Gegenwehr vermochten, sondern nur röchelten unter seiner würgenden Faust. Mit einem Sprunge war der Fanghund an Hentzschels Genicke, aber ein rascher Hieb mit der schweren, scharf geschliffenen Axt, von des Invaliden noch immer kräftiger Faust geführet, spaltete den Kopf des furchtbaren Hundes.
„Kaporet die Tschuckeln!“[14]— rief Hentzschel, ermattet von der Anstrengung, womit er die Gerichtsdiener fast bis zum Erdrosseln an die Wand drückte. Im Augenblicke sank einer unter dem tödtenden Streiche des Husaren-Bernhards, undschnell reichte Johanna dem Hentzschel ein scharfes Messer, das er bis an den Heft in die Brust des lautlos sterbenden Gerichtsdieners stieß.
Die Ermordung zweier Gerichtsdiener❏GRÖSSERES BILD
Die Ermordung zweier Gerichtsdiener
❏GRÖSSERES BILD
Schnell besonnen sprang Johanna an die Hausthüre und lauschte nach allen Seiten, ob Niemand in der Nähe sei. Die ganze Nachbarschaft war noch in tiefer Ruhe. Johanna verschloß die Thüre, und eilte, den Männern bei der Wegschaffung der Leichen eifrig zu helfen.
Gerade an der Stelle, wo der Mord geschah, war ein Strohlager bereitet, worauf bis zur Mitternacht ein befreundeter Gauner geschlafen und sich dann fortgeschlichen hatte. Das Stroh hatte alles Blut der Ermordeten aufgefangen. Um bei Hinwegschaffung der bluttriefenden Leichen keine Spuren zu hinterlassen, wurde nun jeder Körper in eine Strohschütte gebunden und in den Keller geschleppt. Noch war keine Stunde hierüber vergangen, als schon Hentzschel und sein Schwiegervater die Gerichtsdiener, nachdem sie selben Geld, Uhren und Waffen genommen, wie auch den Hund tief verscharrt und das aufgerissene Kellerpflaster mit aller Sorgfalt eingefugt hatten, während Stube und Hausflur von Johanna so sorgfältig gereinigt wurden, daß auch nicht das geringste Merkmal des begangenen Mordes aufgefunden werden konnte. Ebenso vorsichtig und unentdeckbar verbarg Hentzschel die den Gerichtsdienern geraubten Sachen.
Auf des Schwiegervaters Rath wurde die Fortwanderung verschoben, um jedem Verdachte, den das spurlose Verschwinden der Gerichtsdiener und ihres Hundes gegen die Hentzschel’sche Familie erzeugen könnte, so viel als möglich zu entgehen.
Hentzschel machte seinen Schwiegervater darauf aufmerksam, daß ihre vorgehabte Arretirung durch die Entdeckung irgend eines ihrer Verbrechen, zweifelsohne des jüngsten Raubmordes, veranlaßt worden, eine neue zu gewärtigen, und es daher klüger sei, ungesäumt auf immer von dannen zu ziehen und im Auslande einen sichern Aufenthalt sich zu verschaffen, als hier jeden Augenblick Verhaftung, Criminaluntersuchung, Tortur, und am Ende, wenn auch nicht den Galgen, doch langwährendes Zuchthaus erwarten zu müssen. Auch Johanna theilte ihres Mannes Ansichten. Doch Husaren-Bernhard, durch seine so vielen Verhaftungen und theils mittelst hartnäckigen Läugnens, theils durch Ausbrüche jederzeit erreichten Befreiungen, gegen Arretirung und Criminalproceß höchst gleichgültig, wußte Hentzschel und Johanna dahin zu bereden, daß sie sich entschlossen, wenigstens noch einige Tage im Hause zu bleiben.
So waren zwei Tage hingegangen, ohne daß in Hentzschels Hause das Mindeste vorfiel. Man erzählte sich im Dorfe, daß die zwei Gerichtsdiener des Freiherrlich von Hartitzschen Amtes, worunter Colmnitz gehörte, vermißt werden.
Hentzschel besuchte das Wirthshaus, welches er nicht nur aus Scheinheiligkeit, sondern selbst immer mit einem Vorrathe des besten Getränkes versehen, selten that, und lauerte vorzüglich darauf, ob Niemand sich äußere, die beiden Gerichtsdiener an jenem Morgen in Colmnitz gesehen zu haben.
Niemand hatte die Gerichtsdiener bemerkt, und unter den Leuten, die im Wirthshause zechten, sprach sich die allgemeine Vermuthung aus, sie seien in die Hände der Bande des rothen Peters gefallen, der gegenwärtig in der Nähe hause und, wie allgemein bekannt, den Gerichtsbeamten und Gerichtsdienern des Freiherrn von Hartitzsch den Untergang geschworen habe. Solch ein Wahn war für Hentzschel sehr angenehm. Mit ganz beruhigtem Gemüthe wollte er soeben das Wirthshaus verlassen, als die Thüre der Zechstube rasch aufgerissen wurde und er sich im Augenblicke von Jägern und Soldaten umgeben sah.
Ihr Anführer, der von Hartitzsche Gerichtsschreiber, winkte dem Amtsfrohne, und Hentzschelwurden die Hände so schnell und so fest auf den Rücken gebunden, daß er nicht im Stande war, den geringsten Versuch zur Gegenwehr, zur Anwendung seiner Riesenkraft zu machen. In der Mitte der zahlreichen Wache mußte er dem Gerichtsschreiber nach Hause folgen, wo er mit Entsetzen seinen Schwiegervater und sein Weib in Ketten, und das ganze Haus von Soldaten und Jägern besetzt sah. Als Hentzschel die Frage des Gerichtsschreibers, ob nicht vor zwei Tagen, noch in dunkler Morgendämmerung, zwei Gerichtsdiener des Freiherrlich Hartitzschen Justizamtes in diesem Hause gewesen seien, ohne die geringste Veränderung seiner Miene und in aller Unbefangenheit mit einem festen Nein beantwortet hatte, wurden Lichter angezündet, und nun ließ der Gerichtsschreiber das ganze Haus vom Giebel bis zum Keller in Hentzschels Beisein auf das Sorgfältigste untersuchen. Es wurde auch nicht das Geringste gefunden, woraus irgend ein Argwohn hätte geschöpft werden können.
Schon war der Wagen vorgefahren, worauf die Arretirten nach dem Amthause gebracht werden sollten, schon wurde Hentzschel von den Stricken losgemacht und mit einer Kette gefesselt, als der Amtsfrohn seinen Fanghund vermißte. Er rief, erpfiff; der Hund kam nicht. Einer der Jäger glaubte aus dem Keller herauf ein dumpfes Bellen zu hören. Der Amtsfrohn, in der Meinung, seinen Hund dort vergessen und eingesperrt zu haben, eilte in den Keller, kam aber erst nach einer Weile im raschen Gange herauf, nahm ein Licht, winkte dem Gerichtsschreiber, und eilte mit ihm die Treppe hinab. Erstaunt, aber gleich eine wichtige Entdeckung ahnend, sah der Gerichtsschreiber, wie der Hund in einer Ecke mit aller Heftigkeit scharrte, dann auf dem Boden umherschnoberte, knurrte, und wieder mit aller Mühe strebte, das Pflaster mit seinen Klauen aufzureißen. Unverzüglich mußte der Amtsfrohn aus den nächsten Häusern einige Leute mit Pickeln und Schaufeln herbeiholen. Als einige Steine losgemacht waren, bemerkte man schon, daß hier vor Kurzem jemand begraben worden sei. Die Neugierde spornte die Arbeiter zu solcher Thätigkeit an, daß sie vor Ablauf einer Viertelstunde die tief verscharrten Leichen ausgegraben hatten.
Im tiefsten und festesten Kerker des Hartitzschen Amtsgebäudes saß Hentzschel am fünften Tage nach seiner Verhaftung, und erschöpfte sich im Nachsinnen über die Möglichkeit, sich frei zu machen, als durch das hohe und dichte Gitterfenster seines Kerkers etwas Weißes zu seinen Füßen niederfiel. Er hobes auf und fand eine kleine, sehr scharfe Zeile, um welche ein Papier gewunden war, worauf kaum leserlich geschrieben stand: „Sobald Du Deine Ketten durchgefeilt hast, so bete das Vaterunser mit lauter Stimme. Doch darf dieses nicht eher geschehen, als eine Stunde nach der letzten nächtlichen Visitation.“ — Da es gerade um die Zeit war, wo täglich die Mittagskost gebracht und visitirt wurde, so verschluckte Hentzschel den Zettel, und verbarg die Feile in einer Ritze des Fußbodens.
„Woher kommt diese Feile? — wer will mich befreien?“ - Mit der Lösung dieser höchst schwierigen Frage quälte sich Hentzschel gar sehr ab; als aber die bezeichnete Stunde schlug, dachte er nur an die Erfüllung des ertheilten Auftrags, und, der gegebenen Anweisung gemäß, scholl sein lautes Gebet in die tiefe, stille Nacht hinein. Leise klirrten jetzt Riegel und Schloß der Kerkerthüre, ein Pst rufte den Kettenbefreiten an den Eingang, eine weiche Hand ergriff die seine, an welcher er im leisesten Schleichen durch die Dunkelheit des langen, gewölbten Ganges sich forttappte, dann durch ein halbgeöffnetes Pförtchen schlüpfte, und sich im Freien sah. Noch konnte er, der tiefnächtlichen Dunkelheit wegen, die Gestalt nicht unterscheiden, deren rettende Hand ihn hierher geleitet hatte. Es blieb ihm auchkeine Zeit zur genauen Beschauung, denn die Gestalt drückte ihm hastig einen schweren Bündel unter den Arm, eine Pistole, einen Säbel in die Hand, und schritt nun so eilig voran, daß Hentzschel, hier des Weges unkundig und bald durch einen Baum, bald durch ein Geländer in seiner eiligen Folge gehemmt, alles aufbieten mußte, in ihrer Nähe zu bleiben.
Die Bäume und die Geländer hörten auf, Sterne schimmerten durch die zerrissenen Wolken, bei deren sanftem Lichte Hentzschel die leitende Gestalt einem Walde zueilen sah, an dessen Saume es noch eine gute Strecke fortging.
Aus der Weichheit der Hand, die die seinige gefaßt hatte, und aus Gang und Haltung, welche er beim Sternenlichte zu beobachten vermochte, schloß er, daß diese Gestalt, trotz ihrer männlichen Kleidung, einem weiblichen Wesen angehöre. Von der Richtigkeit seines Schlusses überzeugte er sich, als die Gestalt sich jetzt unter einer Eiche niederließ, ihn an ihre Seite zog, und mit halblauter Stimme sprach:
„Hentzschel, ich habe Dich Deinen Ketten, Deinem Kerker und Deinem Tode auf dem Rabensteine entrissen, aber, recht aufrichtig gestanden, nicht, um an Dir ein Liebeswerk auszuüben, sondern ummeine Rachsucht zu befriedigen. Unser Amtsfrohn, der Nachfolger meines im vorigen Jahre verstorbenen Vaters, hat vier Jahre mit mir in vertrauter Bekanntschaft gelebt und mich zu ehelichen versprochen, wenn er, sollte mein Vater zum Dienste unfähig werden oder sterben, an dessen Stelle komme. Der Vater starb, mein Geliebter erhielt die Stelle und — heirathete meine Stiefmutter, weil sie, einige Wochen vor dem Tode meines Vaters, 600 Thaler geerbt hatte. Zur Beischläferin wäre ich gut genug, da ich aber seine wilden Begierden nicht stille, auch bei jeder Gelegenheit ihn meine tiefste Verachtung fühlen lasse, so mißhandelt er mich täglich unter den Augen meiner mich hassenden Stiefmutter auf das Grausamste, hat auch in der ganzen Umgegend mich als so ein arbeitsscheues, liederliches Mädchen ausgeschrieen, daß mir selbst der armseligste Dienst verschlossen ist. Vor einigen Tagen hörte ich von unserm Justizamtmann zu meinem Stiefvater sagen: „Rollinger, wenn Hentzschel, oder sein Weib, oder Husaren-Bernhard sich losmachen, so bist Du Deiner Stelle für immer ledig und kommst auch zwei Jahre ins Zuchthaus!“ — Von diesem Augenblicke an war Deine oder der Andern Befreiung von mir beschlossen, da ich aus vielen Fällen weiß, wie streng unser Justizamtmann ein gegebenes Wort erfüllt. MeinUnternehmen ist mir geglückt. Daß ich Deine Befreierin war, wird Niemand ahnen. Alle Schuld fällt auf meinen Stiefvater. Er hat sich erst vor Kurzem meiner schweren Nachlässigkeit in Verwahrung von Gefangenen schuldig gemacht, ist nun durch meine schlaue, muthige That rettungslos verloren, und meine heiße Rache befriedigt sein Untergang.“
„Nun sorge für Dich! Ich habe Dir die Freiheit, Waffen, und in diesem Bündel einen vollständigen Anzug gegeben. Was nun für Dich geschehen muß, überlasse ich Deinem Muthe und Deinem Kopfe. Lebe wohl!“ —
Verschwunden war das Mädchen, ehe Hentzschel im Stande war, seiner Retterin nur ein Wort des Dankes zu sagen. Eilig öffnete er den Bündel und fand darin einen vollständigen Anzug, eine Mütze und etwas Wäsche; schnell war sein Kerkerkittel abgeworfen und gegen die neue Kleidung vertauscht. Den Säbel unter dem Oberrocke verbergend, die Sackpistole in der Brusttasche, eilte Hentzschel fort, fest entschlossen, dem Wanderer, den er zuerst treffe, das Geld abzunehmen. Als der Tag zu grauen anfing, erkannte Hentzschel die Gegend und schlug gleich den Weg nach jener Richtung ein, die ihn an ein vertrautes Haus führte.Ein Bauer, der eine Kuh zum Verkauf trieb, mußte seine geringe Baarschaft an Hentzschel abgeben.
Nach drei nächtlichen Wanderungen — den Tag hindurch weilte er wohlverborgen in den Wohnungen gleichgesinnter Freunde — erreichte er die Gegend, wo, sicheren Nachrichten zufolge, Lips Tullian sich gerade jetzt umhertrieb. Willig nahm das gefürchtete Räuberhaupt den kräftigen, durch Worte und Aussehen sein Gewerbe ankündigenden Hentzschel auf, dessen Schlauheit und Muth ihm bald das Vertrauen seines Meisters und seiner Gefährten erwarb.
Nach einigen Monaten brachte ein Kundschafter die Nachricht, daß der Husaren-Bernhard durch das Rad hingerichtet, Johanna zum lebenslänglichen Zuchthause verurtheilt und Hentzschels Haus bis auf den Grund zerstört worden sei. —
Von diesem Augenblicke an ward Hentzschel der grausamste Wütherich. Justizbeamte, Gerichtsdiener und Frohnknechte waren die Gegenstände seines entmenschten Strebens. Mit einer Tollkühnheit, die nur die Geburt der Raserei, der höchsten Verzweiflung sein konnte, drang er in Amtsgebäude, in Frohnfesten und übte die schauderhaftesten Grausamkeiten aus.
Hentzschel war unter der schwarzen Garde der Verwegenste, der Unbezähmbarste, der Einzige, den selbst der schreckliche Lips Tullian in manchem Momente leidenschaftlicher Aufwallung fürchtete und der den Aufbrausenden nur mit Worten der Freundlichkeit und Sanftmuth zu beschwichtigen suchte, nie aber durch Strenge und Gewalt in die Schranken der Ruhe und Unterwürfigkeit zurück zu führen wagte.
[11]Betrug und Diebstahl.[12]In Kaufläden und auf Jahrmärkten stehlen.[13]Hierzu dieAbbildungin diesem Hefte.[14]„Bringt die Hunde um!“
[11]Betrug und Diebstahl.
[11]Betrug und Diebstahl.
[12]In Kaufläden und auf Jahrmärkten stehlen.
[12]In Kaufläden und auf Jahrmärkten stehlen.
[13]Hierzu dieAbbildungin diesem Hefte.
[13]Hierzu dieAbbildungin diesem Hefte.
[14]„Bringt die Hunde um!“
[14]„Bringt die Hunde um!“