XIX.Die Entdeckung.
Ach! welches Unheil schafft das Himmelsfeuer,Das die Natur in unser Wesen goß!Es macht aus Engelherzen UngeheuerUnd bricht der Tugend letzte Schranke los.Seume.
Ach! welches Unheil schafft das Himmelsfeuer,Das die Natur in unser Wesen goß!Es macht aus Engelherzen UngeheuerUnd bricht der Tugend letzte Schranke los.Seume.
Ach! welches Unheil schafft das Himmelsfeuer,Das die Natur in unser Wesen goß!Es macht aus Engelherzen UngeheuerUnd bricht der Tugend letzte Schranke los.
Ach! welches Unheil schafft das Himmelsfeuer,
Das die Natur in unser Wesen goß!
Es macht aus Engelherzen Ungeheuer
Und bricht der Tugend letzte Schranke los.
Seume.
Seume.
Banditen sind’s und ich — ich bin ihr HauptmannUnd Du — Du wirst nun eine Räuberfürstin.Th. Körner.
Banditen sind’s und ich — ich bin ihr HauptmannUnd Du — Du wirst nun eine Räuberfürstin.Th. Körner.
Banditen sind’s und ich — ich bin ihr HauptmannUnd Du — Du wirst nun eine Räuberfürstin.
Banditen sind’s und ich — ich bin ihr Hauptmann
Und Du — Du wirst nun eine Räuberfürstin.
Th. Körner.
Th. Körner.
Es war eine hübsche runde Summe, die Philipp aus den Händen seiner Freundin schon in der ersten Stunde ihres Wiedervereines empfing. Er dachte aber nun nicht mehr an seinen früheren Entschluß, sie um ihr Vermögen zu betrügen und dann die schändlich Getäuschte ihrem Schicksal zu überlassen. Der vertraute Umgang mit der wirklich sehr schönen, sehr feurigen Frau war ihm eine liebe Gewohnheit geworden.
Mariane — so hieß sie - war immer heiter, voll guter Einfälle, sehr klug, eine vortreffliche Köchin und so aufmerksam auf ihres Philipps leiseste Wünsche, daß er selbst nun sehr davor bangte, sich von ihr verlassen zu sehen, wenn sie, was wohl nicht leicht verhütet werden konnte, den Schleier seines innern Lebens lüfte und in dem Geliebten einen Verbrecher erblicke.
Mariane fragte den Geliebten nicht, warum er, statt seine Reise nach der oldenburgischen Grenze fortzusetzen, statt dort in einem Städtchen einen angenehmen Aufenthalt sich zu wählen, hier in einem abgelegenen, armseligen Wirthshause verweile, warum Philipp so oft mit Leuten von verdächtigem Aussehen im geheimen Verkehre sei. Sie schien nichts zu beachten, für nichts Sinn zu haben, als für ihr Streben, dem Geliebten, so viel ihr möglich war, das Leben immer in die Rosenfarbe des Frohsinns, der Zufriedenheit, einer ungetrübten Ruhe mit weicher Hand zu kleiden.
Täglich ließ sie das Beste, was man in weiter Umgebung an Wein und Lebensmitteln finden konnte, durch eigene Boten herbeischaffen, bereitete leckere Gerichte und bot alle ihre gute Laune, alles Feuer ihres liebenden Gemüthes auf, das größtentheilseinsame Stillleben in dieser wenig besuchten Schenke zu heitern Stunden zu gestalten.
Eines Morgens wurde Lips Tullian von seiner Schlafkammer in die Zechstube gerufen. Bald nach ihm kam auch Mariane herab und hörte von Philipp, daß er auf ein drei Meilen entferntes Dorf gehen werde, um dort einen Landsmann zu sprechen, der eben erst aus Oldenburg angekommen sei und ihm vielleicht einige Neuigkeiten von Bedeutung mittheilen könne.
Mit einem fast schmerzlichen Lächeln hörte ihn Mariane an, faßte seine Hand und bat ihn mit wehmüthiger Innigkeit, für sich recht aufmerksame Sorge zu tragen.
Das Auge voll Thränen, eilte sie fort. Befremdet blickte ihr Lips Tullian nach und in tiefem Nachdenken ging er an der Seite seines Gefährten hin.
Es war schon Nacht und er kehrte noch immer nicht zurück. Aengstlich harrend, die Trostworte der Wirthsleute nicht achtend, saß Mariane in der gästelosen Zechstube und blickte unter fallenden Thränen in die dunkle Nacht hinaus.
Der Hofhund schlug an, Tritte wurden hörbar und rasch ergriff sie das Licht, dem sehnsüchtig Erwarteten entgegen eilend. Sie öffnete die Hausthüre,sie starrte mit einem Schrei des Schreckens zurück; der Geliebte leichenblaß, ein blutiges Tuch um den Kopf, wankte am Arme seines Begleiters in das Haus. Mariane ergoß sich nicht in leere Klagen; mit Entschlossenheit und regem Eifer machte sie Anstalt, daß der Verwundete schnell auf seine Kammer und in das Bett gebracht wurde. Sie bat den Wirth, einen Boten nach dem nächsten Wundarzt zu schicken und verhieß die reichlichste Belohnung.
„Das wollen wir unterlassen, und zwar aus recht guten Gründen;“ — sagte der Wirth mit kaltem Gleichmuthe: — „Es wird nur so ein Fleischpuffer sein und den weiß meine Frau vielleicht besser zu behandeln, als ein Wundarzt. Sie hat sich in derlei Heilung recht tüchtig eingeschossen, und ich höre sie schon die Treppe herauf klappern. Gleich werden wir hören, was an der Sache ist.“
In diesem Augenblick trat die Wirthin in die Kammer, nahm Lips Tullian das blutige Tuch ab, wusch die Wunden aus, untersuchte sie genau und erklärte, daß keine gefährlich und dessen Blässe und Schwäche nur die Folge des Blutverlustes und des langen Ganges sei. Mit weicher, geübter Hand legte sie einen Verband auf und versprach sich von dem Schlafe, in welchen Lips Tullian während ihrer wundärztlichen Behandlung versank, die günstigsteWirkung. Sie ermahnte nun Alle, sich zu entfernen; Mariane erklärte, am Lager des Verwundeten zu wachen.
Schon nach einigen Tagen war Lips Tullian wieder hergestellt, doch sehr entkräftet. Auf die innig besorgte, jeden seiner Athemzüge belauschende Freundin sich stützend, ging er in’s Freie. Seine Stimmung war die eines Mannes, dessen Inneres von einem Geheimnisse unruhig bewegt wird, der nur durch Mittheilung dieses Geheimnisses wieder Ruhe finden kann und doch vor der Mittheilung bangt. In tiefem Schweigen und Sinnen vor sich hinstarrend, ging er an Marianens Arme langsam dem Gebüsche zu, wo er auf weichem Rasen, von lieblicher Kühle umflossen, sich mit ihr niederließ.
Da begann Mariane mit sanfter Stimme: „Ich weiß, was Dein Inneres so heftig beunruhigt; ich weiß, daß Du nicht der bist, als welcher Du früher mir entgegentratest. Klar wie eine ungetrübte Spiegelfläche ist mir Dein inneres und äußeres Sein. Offen gestehe ich Dir, daß Schrecken und Grauen mit kalter, tief verletzender Hand mich rüttelten, als die Nebelwolke, welche die Wahrheit Deines Lebens so dicht umhüllte, vor meinem scharfen, tief dringenden Auge zu zerfließen begann und die nackte, furchtbare Wahrheit mich anstarrte; abereben so offen sei Dir gestanden, daß meine Liebe zu Dir zu innig, zu unerschütterlich ist, um vor dieser gräßlichen Wahrheit zu fliehen. Ist es Dir möglich, den Pfad, den Du wandelst, zu verlassen, so werde ich täglich auf meinen Knieen und mit Thränen der süßesten Wonne dem Allmächtigen dafür danken; stehet es aber im Buche Deines Schicksals mit unzerstörbarer Schrift geschrieben, dieser Pfad müsse von Dir fortgewandelt werden, so kann mich nichts von Dir losreißen, und bis an den letzten Hauch ihres Lebens wird Deine treue, liebende Mariane Dir zur Seite sein!“
Lips Tullian glaubte zu träumen, als er solche Worte hörte. Es war ihm kein Zweifel mehr, daß Mariane mit seinen wahren Verhältnissen vertraut sei; sie selbst hatte ihn über die gefürchtete Stelle der Enthüllung seines Geheimnisses mit freundlicher Hand schnell und wohlthuend hinweg geleitet, und diese Sprache gab ihm die beglückende Ueberzeugung, daß die Liebe Mariane mit dem Muthe begeistert, ruhig und fest an der Hand eines Mannes zu wandeln, dessen Liebe nicht die Gefahren, nicht die Anstrengungen, nicht die grauenvolle Zukunft überwiegen könne, von denen sie sich nun an seiner Seite bei jedem Athemzuge umkreiset sah. Er fühlte sich so sonderbar ergriffen, daß er keine Worte hatte,sie aber mit Blicken betrachtete, aus welchen ihr seine Ueberraschung, seine Freude, sein Dank im freundlichsten Lichte entgegen schimmerten.
Frau Bieberich hatte mit ihrem Pseudogesellen Philipp seit dem Augenblicke, wo er ihr das oldenburgische Mährchen zum Besten gab, in dem allervertrautesten Verhältnisse gelebt. In einer schlaflosen Nacht sah sie aus dem Fenster, hörte die Hausthüre leise öffnen und sah eine dunkle Gestalt mit stillen, flüchtigen Schritten dahin eilen. Das konnte Niemand anders als Philipp sein, denn außer ihm, ihr und einer Magd hatte sie gerade jetzt keine Einwohner im ganzen Hause, und der Geselle lag schon einige Tage krank.
Die Furie der Eifersucht ergriff sie mit ihrer Schlangenfaust, aber selbst unter den schrecklichsten Qualen dieser Empfindung blieb die starke Frau an den folgenden Tagen in ihrem bisherigen Benehmen gegen Philipp sich ganz gleich; sie wollte den Treulosen in den Armen ihrer Nebenbuhlerin überraschen und sich dann furchtbar rächen. Jede Nacht lag sie am Fenster in männlicher, dunkler Kleidung, ein scharfes Messer in der Brusttasche.
So hatte sie einige Nächte geharret, als um Mitternacht die Gestalt sich wieder aus dem Hause schlich. Auch sie war im Augenblicke auf der Straßeund folgte dem Dahinschreitendem so leise und vorsichtig, daß er keinen Späher vermuthete.
Philipp, den sie bei der Biegung um eine Ecke, wo das Licht einer Laterne sein Gesicht beleuchtete, deutlich erkannt hatte, wurde in der Nähe einer Kirche von zwei Männern empfangen, mit denen er sich, so rasch und aufmerksam Mariane ihm gefolgt war, plötzlich verlor.
So ging es noch öfters, und jederzeit an einer Kirche war er ihren scharfen Blicken wie verschwunden.
Sie selbst, um dem Geliebten jede Bequemlichkeit zu bereiten, besorgte sein Wohnzimmer. Eines Morgens, als Philipp eben in dem Scheingeschäfte seiner Werkführerstelle ausgegangen und Mariane mit der Reinigung seines Wohnzimmers beschäftigt war, bemerkte sie, daß am Schlosse des Faches, worin er sein Geld und sein Bestes bewahrte, der Schlüssel stecke. Im Augenblicke kam ihr der Gedanke, dieses Fach genau zu durchsuchen, ob es nicht Briefe von irgend einer Nebenbuhlerin enthalte. Sie fand keine Briefe, wohl aber Stücke Gold, Silber, mehrere gute Steine und noch Manches, was deutliche Spuren trug, einer Kirche angehört zu haben.
Das schon länger umlaufende Gerücht von bedeutendem Kirchenraube, Philipps Ausgehen in tiefer Nacht, seine Zusammenkünfte, sein Verschwinden in der Nähe von Kirchen und diese Trümmer von kostbaren Kirchengeräthen — alles, alles war inhaltreich, war bezeichnend genug, um durch dieses die bis zur Ueberzeugung rasch sich gestaltende Vermuthung zu erregen: Philipp sei mit einer Räuberbande verbrüdert.
In der Folge fand sie in diesem Fache mittelst eines Nachschlüssels, den sie aus Neugierde sich verschaffte, Gold und Silberzeug mit gräflichem Wappen, das Portrait einer Dame in Brillanten gefaßt, werthvolle Hals- und Armbänder, mehrere Ringe mit Edelsteinen und erkannte unter diesen Gegenständen so manche als jene, die in dem öffentlichen Verzeichnisse der aus den gräflichen Palästen und den Kaufgewölben geraubten Gegenstände sehr kennbar bezeichnet waren.
War auch das innere und äußere Leben dieser Frau seit früher Jugend nicht ein Gebilde der reinsten Tugend, der unentweihtesten Sittlichkeit, des edelsten Zartsinnes, so hatte sie doch immer so gelebt, daß sie auf die Achtung, auf das Vertrauen guter Menschen Ansprüche machen durfte. Nie hatte sie sich den leisesten Wunsch nach ungerechtemBesitze fremden Eigenthums erlaubt; sie haßte nichts so sehr, als die Bevortheilung, die Beeinträchtigung eines Menschen, und durch sie war manche gewissenlose Rechnung ihres geldsüchtigen Gatten ausgeglichen.
Und diese Frau beherrschte so schnell ihr Erschrecken, ihren Abscheu, alle die schwer verletzten Empfindungen, welche sie bei der Ueberzeugung, Lips Tullian sei ein Räuber, schauderhaft ergriffen hatten. Nur Eine qualvolle Stunde bereitete ihr diese Ueberzeugung. Die Gegenwart mit dem schrecklichen Gefühle der tiefsten Selbsterniedrigung der verlornen Ehre, des sündhaften Vereines mit einem Diebe, mit einem Kirchenräuber, die Zukunft mit dem gräßlichen Bilde dieses Verbrechers im unterirdischen Gefängnisse, in klirrenden Ketten, auf dem Blutgerüste versanken immer tiefer in den Wogen ihrer unbezähmbaren Leidenschaft für diesen Mann, für den ihr ganzes Wesen zu einer unzerstörbaren Flamme der allerheftigsten Neigung geworden war.
Lips Tullians längerer Aufenthalt in dieser einsamen Grenzherberge, sein geheimnisvolles Treiben mit Leuten von verdächtigem Aussehen, ihre auffallend fremdartige Sprache, die Verwunderung und der Bündel mit Geld, silbernen Löffeln, Hutschnallenund einer goldnen Uhr, den Mariane in Philipps Rocktasche fand, sagten ihr zur Genüge, wie sehr Philipp das in Prag geübte Handwerk auch hier übe.
Und doch schauderte sie nicht zurück. Die Unglückliche war taub für jeden Zuruf des Gewissens, der Tugend, der Menschenwürde; sie hörte nur die Sirenentöne der Leidenschaft, der Sinnlichkeit, und, alles Bessere in sich zerbrechend, nicht vor den dunkeln Windungen der Zukunft bangend, gab sie sich mit entzügeltem Gemüthe dem wilden Strome ihrer Leidenschaft hin.
Lips Tullian, der mit einer wirklich sehr heftigen Neigung an dieser Frau hing, war nun unbeschreiblich glücklich, sie in sein Geheimniß eingeweihet und ihre Liebe zu ihm so tief gewurzelt zu sehen. Nun hielt ihn nichts mehr in dieser Gegend fest, um so mehr als Hentzschel und Lehmann von ihrem Kundschaftszuge nach Sachsen mit sehr günstigen Nachrichten zurückgekehrt waren. Sarbergs künstliche Feder und Siegelfabrikation wurden wieder in Anspruch genommen. Ein Paß, ein Trauschein gingen aus seiner betrügerischen Hand hervor, und als ein ehrbarer Bandkrämer mit seiner eben so ehrbaren Ehefrau zog Lips Tullian in das Sachsenland. —