XXXXIII.Eine schlechte Erziehung.
Er verstand des eignen InnernTief geheime Warnung nichtRang mit seinem weichen Herzen,Rang in fruchtlos blut’gem Ringen,Um ihm Liebe abzudringenFür des Mannes greises Haar,Der der Unschuld Henker war.Franz Grillparzer.
Er verstand des eignen InnernTief geheime Warnung nichtRang mit seinem weichen Herzen,Rang in fruchtlos blut’gem Ringen,Um ihm Liebe abzudringenFür des Mannes greises Haar,Der der Unschuld Henker war.Franz Grillparzer.
Er verstand des eignen InnernTief geheime Warnung nichtRang mit seinem weichen Herzen,Rang in fruchtlos blut’gem Ringen,Um ihm Liebe abzudringenFür des Mannes greises Haar,Der der Unschuld Henker war.
Er verstand des eignen Innern
Tief geheime Warnung nicht
Rang mit seinem weichen Herzen,
Rang in fruchtlos blut’gem Ringen,
Um ihm Liebe abzudringen
Für des Mannes greises Haar,
Der der Unschuld Henker war.
Franz Grillparzer.
Franz Grillparzer.
Die Gerichte kamen, um in Beziehung auf die Leiche des Selbstmörders und auf dessen Hinterlassenschaft zu thun, was ihres Amtes war. Der erste Gegenstand der gerichtlichen Aufmerksamkeit und Sorge wurde der hülflose Lips Tullian, Schönknechts achtjähriger Sohn, der aber die Nachricht von dem Tode seines Vaters und von der Flucht seiner Mutter mit starrer Gleichgültigkeit anhörte.
Es fand sich nur wenig baares Geld, aber auchkeine Schuld vor; auch hatte die Einrichtung, welche für des Lieutenants Verhältnisse zu glänzend war, immer einen Werth von mehr als 2000 Fl.
Der speculative Friseur Blondell wollte, als Großvater von mütterlicher Seite, seine Ansprüche auf Lips Tullian geltend machen; er erklärte, seinen Enkel zu sich zu nehmen, und für dessen Pflege und Erziehung mit väterlicher Liebe zu sorgen, jedoch müsse ihm die Summe, welche aus dem Verkaufe der Hinterlassenschaft seines Schwiegersohnes erlöst werde, übergeben werden, damit er im Stande sei, ein sehr zinsreiches, von ihm bereits versuchtes, aber wegen Mangels an baarem Gelde aufgegebenes Handelsgeschäft wieder aufzunehmen wo er dann, als Disponent über solch ein Betriebs-Capital, reichliche Zinsen gewinne, und dadurch in den Stand gesetzt werde, seines Enkels Vermögen zu mehren.
Die Gerichte kannten den Friseur Blondell zu gut, um ihm das Vermögen seines Enkels zu übertragen; aber doch viel zu wenig, um sein Anerbieten der Aufnahme und Erziehung Lips Tullians zurückzuweisen. Man erbot sich, ihm für Lips Tullians Unterhalt und Bezahlung der Lehrer die Zinsen der erlösten Summe zu überlassen. Blondell willigte ein und Lips Tullian wurde ihm übergeben.
In schlechtere Hände hätte Lips Tullian nicht gegeben werden können. Blondell war nicht nur ein Taugenichts, der jede Arbeit wie die Pest floh, sondern der auch mit dieser Arbeitsscheu jedes Laster vereinte. Ein Heuchler gegen jeden, von dem er irgend einen Vortheil erwartete, ein Tyrann gegen Weib und Kind, dabei Kuppler, falscher Spieler, Trunkenbold und Diebshehler, jedoch alle Laster so geheim als möglich treibend, und bei den Meisten seiner Mitbürger den Schein der Rechtlichkeit behauptend, lebte er größtentheils in drückendem Mangel, da jeder Thaler, den er durch seine ehrlose Industrie gewann, auf dem Flecke verschwelgt wurde.
Das größte Fest wurde immer an dem Tage gefeiert, an welchem er die Zinsen von Lips Tullians kleinem Capitale erhob. Die Hälfte davon wurde im ununterbrochenen Schmause und im Zechgelage vergeudet, die andere auf die Seite gelegt, um in Winkelkneipen und geheimen Spielhäusern seine Parthie machen, und oft manchen Unerfahrnen durch falsches Spiel ausplündern zu können.
Dieser wackere Mann war Lips Tullians Erzieher, und die Erziehung auch ganz, wie sie unter solch einem Lehrer sein konnte.
Lips Tullian mußte, der öffentlichen Beobachtung und der gerichtlichen Aufsicht wegen, Schuleund Kirche fleißig besuchen; aber er wurde zu Hause nie gefragt, ob er in seinem Wissen etwas vor sich bringe, und wie er bete. Doch erhielt Lips Tullian, und zwar von dem Großvater selbst, täglich Privatunterricht in den freien Künsten, nämlich in denjenigen, wo man ohne Lehrbrief durchs Leben wandert, und meistentheils den Lohn ausgezeichneter Meisterschaft im Zuchthause oder auf dem Rabensteine erntet.
Es war einPrivatissimumim falschen Spiele, im heimlichen Wegkapern von Geldstücken auf dem Kegelplatze, im unbemerkbaren Oeffnen versiegelter Briefe, im schön stylisirten Betteln auf den Gastzimmern der Reisenden, im freundlichen Anerbieten zur Besorgung gefälliger Nymphen.
In diesen und noch vielen Gegenständen eines verbrecherischen Erwerbes unterrichtete der Großvater den Enkel, und schaute sehnsüchtig der Zukunft entgegen, wo er, auf seinen Lorbeern ausruhend, sorgenlos die reichen Früchte seiner gespendeten Lehren genießen werde, da sein würdiger Zögling durch gewinnende Heuchelei, durch einen hohen Grad von Kunstfertigkeit und durch seine sich täglich mehr entwickelnde Schönheit des täuschend ehrlichen Gesichtes und einer kräftig sich ausbildendenGestalt den Lehrer zu den herrlichsten Erwartungen berechtigte.
Mit jedem Tage, den Lips Tullian an Lebensalter gewann, fühlte er sich auch glücklicher. Quälte ihn auch oft der Hunger, wenn im Hause leere Küche war, und wurde er auch oft von dem betrunkenen, dann immer tyrannischen Großvater aufs grausamste mißhandelt, so würde er doch die Art seines Lebens mit keiner, noch so glänzenden Lebensweise vertauscht haben.
Der Schule entwachsen, und außer den oft lange unterbrochenen Privatstunden war er unbeschränkter Gebieter seiner Zeit und seines Willens.
Der Entschluß, bei einer Herrschaft von hohem Range einst Büchsenspanner, Laufer, Bereiter oder Kammerdiener zu werden, hatte sich fest in ihm gebildet. Daher trieb er sich auch ganze Tage in der Bedientenstube, auf der Gewehrkammer oder im Reitstalle des Grafen von Lodein umher, wo er mit der zahlreichen Dienerschaft schnell Bekanntschaft gemacht hatte.
Man sah den klugen, dienstfertigen, immer freundlich lächelnden Knaben sehr gern. Mit unermüdbarem Eifer und gefälligster Zuvorkommenheit besorgte er alle Aufträge, Gänge und sonstigen Geschäfte, die einer der Dienerschaft, vom Leibkammerdienerbis zum Stalljungen herab, nicht gern übernahm. Dafür wurde ihm manche gute Speise, manches Glas Wein, selbst manches Stück Geld zu Theil; er durfte die Pferde mit in die Schwemme reiten, sehr oft sogar an dem Unterrichte des gräflichen Bereiters, wie auch an dem des Läufers, der einige Knaben einübte, Theil nehmen, und den Büchsenspanner auf die Jagd begleiten.
Die beiden Söhne des Grafen hatten einen eigenen Fechtmeister. Es war ein wortkarger, unfreundlicher Mann, und doch wußte der schmeichelnde Lips Tullian ihn so zu gewinnen, daß er täglich von ihm eine Fechtstunde erhielt. Der flinke, gelehrige, fleißige Knabe ritt, lief, schoß und focht zum Erstaunen.
Auch von den Kammerfrauen der Gräfin blieb Lips Tullian nicht unbeachtet, und er wurde ihr Liebling. Die Aelteste darunter gefiel sich in der Rolle der Gouvernante des lieblichen Knaben. Wann die gräfliche Familie bei Tische oder irgend wo gebeten war, durfte Lips Tullian auf ihr Zimmer kommen. Demoiselle la Croix glaubte, jeder Mensch, der nicht französisch spreche, stehe auf der allerniedrigsten Stufe der Bildung. Da sollte ihr Protegé nicht stehen bleiben, sondern so hoch als möglich emporklimmen.
Sie gab ihm Unterricht im Französischen, und so lückenhaft dieser Unterricht war, so machte doch der talentvolle Knabe so rasche Fortschritte, daß er binnen einem Jahre mit großer Fertigkeit französisch sprach.
Sie lehrte ihn ferner Guitarre spielen, Singen, Frisiren, und das alles, wie sie zu ihrer Umgebung mit einem frommen Blicke zum Himmel sagte, aus purer Nächstenliebe und aus reinem Mitleiden, damit dieses arme Geschöpf sich bilde und dadurch einst für die Welt eigne.
Aber die gerühmte Nächstenliebe floß aus einer sehr schlammigen Quelle. Denn die alte, fromme Demoiselle la Croix wurde von ihrer Gräfin in einer höchst verrätherischen Lage mit dem dreizehnjährigen Lips Tullian überrascht, und auf der Stelle des Dienstes entlassen. Auch Lips Tullian durfte den gräflichen Palast nicht mehr betreten.