XXXXVII.Josephine.

XXXXVII.Josephine.

Liebe kann trösten, helfen, retten,Liebe zersprengt die stärksten Ketten,Stürzt die höchsten Mauern um.Kotzebue.

Liebe kann trösten, helfen, retten,Liebe zersprengt die stärksten Ketten,Stürzt die höchsten Mauern um.Kotzebue.

Liebe kann trösten, helfen, retten,Liebe zersprengt die stärksten Ketten,Stürzt die höchsten Mauern um.

Liebe kann trösten, helfen, retten,

Liebe zersprengt die stärksten Ketten,

Stürzt die höchsten Mauern um.

Kotzebue.

Kotzebue.

Der Abend war hereingebrochen, und eine Postchaise mit einem Reisenden rasselte an Philipp vorüber. Im Augenblicke hatte er sich auf das leere Packbrett geschwungen. Von seinem Sitze aus hörte er mit geheimer Freude, wie der Reisende den Postillon durch das Versprechen eines sehr guten Trinkgeldes zur schnellen Fahrt ermunterte, mit der Aeußerung, daß höchst dringende Geschäfte ihn bis zur Ankunft in Nancy nicht den kürzesten Aufenthalt gestatteten.

Vor der nächsten Poststation sprang Philipp vom Packbrette, eilte während des Umspannensvoran, schwang sich dann wieder auf seinen Sitz, und trieb es so bis vor die Thore von Nancy.

Unbemerkt schlich er, während der Reisende am Thore in Frage genommen wurde, an der Wache vorüber, und spähete nun begierig nach dem Aushängeschilde eines nahen Gasthofes, denn er hatte die wohlfeile Fahrt auf Kosten seines Magens gemacht und war von seinem steinharten Sitze so durchgerüttelt, daß er nur mit Mühe sich fortschleppte.

Auch im Auffinden eines für seine Lage geeigneten Gasthofes hatte ihn das Glück begünstigt. Der Gasthof war eine Kneipe der niedrigsten Art, wo der Wirth den Fremden nicht mit fatalen Fragen nach Paß oder Ausweisung molestirte, sondern jedes, auch noch so verdächtigen Zuspruchs froh war und seinen, oft von der Justiz etwas befeindeten Gästen durch Rath und That aus allen Verlegenheiten möglichst half, wenn er nur bei seinen Schützlingen klingende Münzen witterte.

Philipp sah in der Zechstube Gesichter, bei deren Anblick brave Leute die Hände nicht aus der Tasche gebracht hätten. Aber Philipp fühlte sich wohl und ruhig im Umkreise dieser Galgen-Physiognomien, deren ähnliche er größtentheils zu seiner vertrautesten Gesellschaft in den Straßburger Kneipengezählt hatte. Zufrieden setzte er sich an ein leeres Seitentischchen, forderte eine Flasche Wein, vom besten, der in diesem Hause sich finde, bestellte ein gutes Mahl, ein eigenes Zimmer mit Bett, und reichte dem Wirthe einen Doppel-Louis, mit dem Ansuchen, ihm Münze zu geben, da er damit nicht versehen sei. Beim Anblicke des blanken Goldstückes wurde der freundliche Wirth noch freundlicher und Philipp mit der größten Aufmerksamkeit bedient.

Auf seinem Zimmer vertraute er dem Wirthe, in Paris als Offizier bei der Garde gestanden, im Duell einen Kameraden niedergeschossen und deswegen die Flucht ergriffen zu haben; er sei, außer diesem Anzuge, ohne Kleider und ohne Wäsche, jedoch hinlänglich mit Gelde versehen, um reichlich zu bezahlen, wenn ihm nur das Nöthige schnell beigeschafft werde. Schon in einer Stunde sah sich Philipp im Besitze eines ganz neuen, vollständigen Anzuges und feiner Leibwäsche, auch, unter dem Namen Mengstein, mit einem Passe nach Brüssel versehen, den ihm der Wirth durch seine geheime Verbindung mit einem geldfeilen Sicherheitsbeamten verschafft hatte.

Alles dieses nahm eine bedeutende Summe inAnspruch, die aber für Philipp nur eine Kleinigkeit war.

Von seinem Raube bei der Wittwe Lehmann hatte er blos das Silbergeräthe an Blondell abgeliefert, gegen welchen er die Entwendung der Diamanten, Uhren und Goldmünzen verheimlichte und dessen Begierde darnach immer durch Verheißungen zu beschwichtigen wußte.

Er kannte sein Leben und die Gesetze zur Genüge, um zu wissen, daß er keine Stunde sicher sei, von der Hand der Gerechtigkeit erfaßt zu werden; er mußte jeden Augenblick einer schleunigen Flucht gewärtig und daher im Besitze der Mittel sein, unverzüglich und in ein fernes Land fliehen zu können. Daher trug er die geraubten Sachen immer bei sich, theils in seinen Unterkleidern eingenäht, in einem Ledergurte, den er um den bloßen Leib trug; nur einige der seltenen Goldmünzen hatte er, mehrere Stunden von Straßburg und auf verschiedenen Plätzen gegen Gold verwechselt, um sowohl für die gewohnte schwelgerische Lebensweise, als auch für den Fall einer schnellen Flucht mit baarem Gelde versehen zu sein.

Nur eine Nacht in Nancy zu bleiben, und dann nach den Niederlanden zu eilen, war PhilippsEntschluß, der aber an einem heftigen Fieber scheiterte, welches ihn eine Stunde vor seiner Abreise so plötzlich und mit solcher Gewalt ergriff, daß er ihm erliegen zu müssen befürchtete. Beinahe einen vollen Monat mußte er ärztliche Hülfe gebrauchen, und dann noch aus Mangel an Kräften zwei Wochen zur Erholung in dieser Schenke weilen.

Josephine, des Wirthes Stieftochter, ein schönes, sanftes, stilles Mädchen, pflegte des Kranken mit der liebevollsten Sorgfalt. Sie wachte, während des gefährlichsten Zustandes, ganze Nächte an seinem Lager, und als Philipp wieder fähig war, seine sorgliche Pflegerin genauer zu beobachten, überzeugte er sich mit einem recht angenehmen Gefühle immer mehr, daß diese Sorge um ihn, der thränenreiche Schmerz bei seinen Leiden, die herzliche Freude über seine herannahende Genesung, die innigen Blicke, mit denen ihr blaues, sanftes Auge stets auf ihm ruhete, das Zittern ihrer Hand, wenn er sie in die seinige schloß, und die Thränen, die, so oft er von seiner Abreise sprach, über die erbleichenden Wangen flossen, aus einem warmen, liebenden Herzen kamen.

Auch er fühlte von Stunde zu Stunde eine heißere Neigung für die schöne, sanfte, liebende Josephine. Philipp hatte die Blüthen seiner Unschuld in den Armen lüderlicher Dirnen abgestreift; aberer hatte noch nie geliebt. Josephinens keusche, schweigende Liebe goß auch in seine Brust dieses himmlische Gefühl, und eine bessere, immer lauter werdende Stimme sagte ihm, daß nicht Sinnlichkeit, sondern eine tugendhafte, innige Neigung zu einem unentweihten Wesen des Lebens höchstes Glück sei.

Er gestand Josephinen die Gefühle seines Herzens. Mit einem süßen Erröthen sank sie an seine Brust und das Geständniß ihrer heißen, treuen Liebe floß über die keusche Lippe der holden Jungfrau.

Die Liebe that Wunder. Philipp, von zarter Jugend an durch schlechte Erziehung, durch die Verführung und die verderblichen Beispiele eines lasterhaften Blondell, durch eigene, immer mehr erwachsende Neigung zum Bösen, schon in der Blüthe des Lebens ein Bösewicht, ein Verbrecher, ein höchst gefährlicher Mensch, begann nun, so oft er von Josephinens frommen, seelenvollen Augen hinweg einen Blick auf seine Vergangenheit warf, immer mehr vor sich selbst zurück zu schaudern. Er fluchte der Vergangenheit, er gab sich mit heiß bereuendem Gemüthe den tugendhaftesten Vorsätzen hin; er wankte am ersten Tage, da er das Krankenlager verlassen konnte, an Josephinens Arm in die Kirche, und der Verbrecher, der seit seinen Schülerjahren nie dasHaus des Herrn besucht, nie an Gott gedacht hatte, betete nun mit der tiefsten Inbrunst, und strömende Thränen verbürgten die Innigkeit seines Gebetes, seiner Reue, seiner frommen Entschlüsse. Mit noch nie gefühlter Ruhe seines Innern verließ er das Gotteshaus.

Je näher der Tag seiner Abreise heranrückte, desto schwermüthiger wurde Josephine. Laut weinend und heftig zitternd warf sie sich oft in seine Arme. Auch Philipp war bei dem Gedanken der Trennung von Josephinen außer sich; er fühlte ohne ihren Besitz nie glücklich werden zu können. Doch ward ihm immer klarer, daß nicht nur der Schmerz über das nahe Scheiden, sondern auch ein schwerdrückendes Geheimniß Josephinen so untröstlich, und das sanfte, stille Mädchen oft wie zur wüthenden Wahnsinnigen machte.

Dies war immer der Fall, so oft in ihrer Gegenwart der Wirth in Philipps Stube trat. Da erbleichte sie, hörbar schlugen ihre Zähne zusammen, gräßlich starrte sie nach dem Stiefvater hin, und schon einigemal hatte sie ein scharfes Messer gefaßt, mit einer Heftigkeit, mit so wilden, drohenden Geberden, die Philipp befürchten ließen, jeden Augenblick in ihr eine Mörderin zu sehen.

Aus diesem furchtbaren Hasse gegen den Stiefvaterahnte Philipp ein schreckliches Geheimniß; auch bemerkte er seit dem Tage seines ersten Ausganges, daß, sobald Josephine nur einige Augenblicke bei ihm war, der Stiefvater oder die Mutter, oder eine alte Base unter irgend einem Vorwande eintraten; er rechnete diese Störung des Vaters oder der Base blos einer tugendhaften Sorge für die Unschuld Josephinens zu.

In der letzten Nacht vor Philipps Abreise öffnete sich leise die Thüre.

Josephine schlich auf Socken an sein Bett, drückte ihm ein Billet in die Hand, einen langen, heißen Kuß auf den Mund, und schlüpfte aus dem Gemache. Philipp konnte den anbrechenden Tag nicht erwarten, er mußte gleich mit dem Inhalte dieses Billets bekannt werden. Eilig schlug er sich Licht an und las:

„Bei meiner heißen Liebe zu Dir, bei der Erhaltung Deines Lebens beschwöre ich Dich, nicht auf der von Dir hier so oft besprochenen Straße nach Brüssel zu gehen. Auf dieser Straße, im Walde von Sarlin, lauert man Dir auf, um Dich zu tödten und auszurauben. Diese Schenke ist die Herberge eines Raubgesindels, und mein verbrecherischer Stiefvater das Oberhaupt. Er hat in den Stunden Deiner Krankheit, wo Du ohne Besinnunglagst, Deine geheim bewahrten Schätze aufgespürt. Dich im Hause zu morden, wagt man nicht; Dein Tod ist im nächsten Walde an der Landstraße beschlossen. Um Gottes Willen, gehe nicht auf diesem Wege nach Brüssel, sondern auf dem entgegengesetzten. Würde ich entdeckt, die Geheimnisse dieses Hauses verrathen zu haben, so wäre grausamer Tod mein Loos. Auch ich fliehe, um nicht länger im Kreise dieser Unmenschen leben zu müssen. Schreibe vor Deiner Abreise nur den Namen des Ortes, wo Du Dich einige Zeit aufhalten wirst, auf ein Stückchen Papier und verbirg dieses im Strohe Deines Bettes. Nach einigen Tagen folge ich Dir, um mich nie wieder von Dir zu trennen. Ein Vermögen von 5000 Livres, welches ich von meiner Tante durch ein geheimes Vermächtniß erhalten habe, wird für den Anfang genügen, und Gottes Segen, Fleiß und Redlichkeit unsere Tage beglücken. Lebe wohl und vergiß nie, daß ich nur für Dich lebe. Der Himmel schütze Dich.“ —

Mit Entsetzen hatte Philipp den Mordanschlag gelesen. Er ging nun gleich mit sich zu Rathe, wie er den Mördern entrinnen könne. Da er mit dem Wirthe übereingekommen war, dessen Pferde bis nach Metz zu nehmen, und da er nun überzeugt sein durfte, daß der Fuhrmann ein Verbündeter derlauernden Raubmörder sei, so war es eine sehr schwierige Aufgabe, eine andere Straße einzuschlagen, ohne die Aufmerksamkeit der Verbündeten zu erregen, und zum Entwurfe eines neuen Mordplanes Veranlassung zu geben. Das Schlimmste war, daß er den Weg nach Metz gar nicht kannte, daher auch nicht wußte, ob der von Josephinen bezeichnete Wald nahe an Nancy liege.

Der Tag war bereits angebrochen, und Philipp zu keinem festen Entschluß gekommen. Er verließ das Bett, und sein erster Blick fiel auf eine Karte von Frankreich, die er schon so oft überschaut hatte, ohne daran zu denken, sich über seine Reiseroute zu orientiren. Rasch nahm er die Karte vor und fand zu seiner großen Beruhigung, daß der gefährliche Wald beinahe drei Meilen von Nancy entfernt, und dazwischen manches Dorf sei. Nun war er bald mit dem Plane zu seiner Rettung im Reinen.

Schnell barg er seine Kleinodien und Goldmünzen theils in dem Leibgurte, theils in seinem neuen Anzuge, steckte in die Seitentaschen ein Paar recht niedliche Taschenpistolen, die ihm Josephine geschenkt, aber im Hause zu verheimlichen gebeten hatte — nun errieth er die Bedeutung und den Zweck dieses Geschenkes — packte seine früher getragene Kleidung und die erkaufte Wäsche in einen kleinen,vom Wirthe erhandelten Koffer, und rief nach dem Frühstücke.

Der Wirth selbst brachte es, auch die Rechnung, die gegen Philipps Erwartung höchst mäßig war, aber doch eine bedeutende Summe betrug, da mit der Gasthof-Rechnung auch die für Arzt und Apotheke verbunden war. Bedeutende Auslagen voraussehend, hatte Philipp einige Tage vor seiner Abreise mehrere der seltenen Goldmünzen bei einem Juden um Silber-Münze umgesetzt. Er bezahlte die Rechnung, beschenkte das servile Hauspersonal großmüthig, und hätte den Wirth gern erwürgt, denn der Spitzbube geberdete sich beim Abschiede so demüthig und kriechend und heuchelte solch einen Schmerz über die Abreise des verehrtesten, unvergeßlichen Gastes, daß Philipp den Ausbruch seiner Wuth gegen den heuchlerischen Bösewicht nur mit Mühe bezähmte.

Josephine war nicht zu sehen. Schmerzlich vermißte Philipp den Scheideblick der holden, heißgeliebten Jungfrau, und mit einer recht wehmüthigen Empfindung bestieg er die alte Kutsche, die jetzt mit ihm schwerfällig dahin rumpelte.

„Halt, Kutscher, wir müssen umkehren!“ — rief Philipp, als ein paar Meilen zurückgelegt waren.

„Halten — umkehren — warum?“

„Ich habe meine Brieftasche vergessen, worin sich mein Paß und andere höchst wichtige Papiere befinden, ohne welche ich die Reise nicht fortsetzen kann.“

„Ei, das ist fatal. Dadurch geht nicht allein sehr viele Zeit verloren, sondern auch die Pferde werden bei dem schlechten Wege und mit dieser schweren Karrete so abgetrieben, daß wir heute nicht die Hälfte der Station erreichen.“

„Weißt du bessern Rath?“

„Ja wohl, mein Herr. Wir haben noch eine kleine Strecke nach Montfort. Da bin ich bekannt, wie zu Hause. Im Augenblicke verschaffe ich Ihnen einen sichern schnellfüßigen Boten. Bis er zurückkehrt, haben die Pferde recht geruht, tüchtig gefressen, und wir können durch schnelleres Fahren die versäumte Zeit leicht ersetzen. Auch werden Sie mit einem Aufenthalte von einigen Stunden im Gasthause zu Montfort sehr zufrieden sein; man wird trefflich bewirthet, und ein Paar Mädchen sind da, so hübsch, so gutherzig — Sie sollen es mir nachher wieder sagen.“

„Ich habe nichts dagegen, wenn du mir für einen zuverlässigen Boten bürgst. Fahre zu!“

Wenige Augenblicke nach der Ankunft in Montforterschien ein als treu und flüchtig gerühmter Bote. Philipp schrieb ein Billet an den Schänkwirth. Der Bote trabte fort, um aus Nancy die Brieftasche zu holen, die Philipp wohlverwahrt bei sich führte. Nun ließ sich Philipp eine Flasche Wein geben, bestellte ein gutes Essen und befahl dem Kutscher, den Koffer in die Schlafstube des Wirthes zu bringen, um, wie er sagte, des werthvollen Inhaltes wegen unbesorgt sein zu dürfen. Als die Flasche zur Hälfte geleert war, äußerte er den Wunsch, die Umgebung von Montfort zu besehen, ließ sich vom Wirthe einen Punkt bezeichnen, welcher die schönste Aussicht gewähre, und bat, ihn von dort abholen zu lassen, sobald das Essen bereitet sei.

Langsam schlenderte Philipp der bezeichneten Gegend zu. Kaum sah er sich außerhalb des Gesichtskreises des Wirthshauses, als er die entgegengesetzte Richtung einschlug, und querfeld der Straße von Nancy nach Toul zu eilte. In unglaublicher Schnelle hatte er die erste Poststation erreicht, nahm auf der Stelle Courierpferde und fuhr Tag und Nacht bis nahe an die niederländische Gränze, die er, ohne das Grenz-Wachthaus vorübergehen zu müssen, irgend wo heimlich überschreiten wollte, da er zu der Gültigkeit des in Nancy ihmverschafften Passes kein rechtes Vertrauen hatte, und man in jener Zeit auf der niederländischen Grenze die strenge Einrichtung getroffen hatte, Jeden, dessen Paß nicht alle erforderlichen Bedingnisse erfüllte, entweder zurückzuweisen, oder gleich zum Soldaten zu pressen.


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