Liegt mir ein LämmleinIm reißenden Strome,Frag’ ich nicht lange,Ob ich’s errette,Nein doch, ich springe ihm nach.Liegt der GeliebteIm Arme der Muhme,Frag’ ich mich täglich,Ob ihn erretten,Und ich weiß doch nicht wie.Gönn’ ich den LiebenDer bösen Muhme,Die ihm mit Tränkchen,Aus Giftkraut bereitet,Zankend den Schlummer verdirbt?Oder ich sage:„Komm, lieber Schwager,In meiner KammerSteht eine Bettstatt— Ach, so schmal ist das Bett! —Aber zur Mauer,Der eiskalten Mauer,Rück’ ich geschwinde,Daß du es warm hastUnd mich im Arm hast und schläfst.“Soll ich’s ihm sagen,Oder verschweig’ ich’s,Bis einst der KummerVom Lager der MuhmeNach dem Strome ihn treibt?Und hätt’ ich tausendDer Lämmlein errettet,Ihn, den ich liebe,Ließ ich verderben,Und ich sprang ihm nicht nach.
Liegt mir ein LämmleinIm reißenden Strome,Frag’ ich nicht lange,Ob ich’s errette,Nein doch, ich springe ihm nach.Liegt der GeliebteIm Arme der Muhme,Frag’ ich mich täglich,Ob ihn erretten,Und ich weiß doch nicht wie.Gönn’ ich den LiebenDer bösen Muhme,Die ihm mit Tränkchen,Aus Giftkraut bereitet,Zankend den Schlummer verdirbt?Oder ich sage:„Komm, lieber Schwager,In meiner KammerSteht eine Bettstatt— Ach, so schmal ist das Bett! —Aber zur Mauer,Der eiskalten Mauer,Rück’ ich geschwinde,Daß du es warm hastUnd mich im Arm hast und schläfst.“Soll ich’s ihm sagen,Oder verschweig’ ich’s,Bis einst der KummerVom Lager der MuhmeNach dem Strome ihn treibt?Und hätt’ ich tausendDer Lämmlein errettet,Ihn, den ich liebe,Ließ ich verderben,Und ich sprang ihm nicht nach.
Liegt mir ein LämmleinIm reißenden Strome,Frag’ ich nicht lange,Ob ich’s errette,Nein doch, ich springe ihm nach.
Liegt mir ein Lämmlein
Im reißenden Strome,
Frag’ ich nicht lange,
Ob ich’s errette,
Nein doch, ich springe ihm nach.
Liegt der GeliebteIm Arme der Muhme,Frag’ ich mich täglich,Ob ihn erretten,Und ich weiß doch nicht wie.
Liegt der Geliebte
Im Arme der Muhme,
Frag’ ich mich täglich,
Ob ihn erretten,
Und ich weiß doch nicht wie.
Gönn’ ich den LiebenDer bösen Muhme,Die ihm mit Tränkchen,Aus Giftkraut bereitet,Zankend den Schlummer verdirbt?
Gönn’ ich den Lieben
Der bösen Muhme,
Die ihm mit Tränkchen,
Aus Giftkraut bereitet,
Zankend den Schlummer verdirbt?
Oder ich sage:„Komm, lieber Schwager,In meiner KammerSteht eine Bettstatt— Ach, so schmal ist das Bett! —
Oder ich sage:
„Komm, lieber Schwager,
In meiner Kammer
Steht eine Bettstatt
— Ach, so schmal ist das Bett! —
Aber zur Mauer,Der eiskalten Mauer,Rück’ ich geschwinde,Daß du es warm hastUnd mich im Arm hast und schläfst.“
Aber zur Mauer,
Der eiskalten Mauer,
Rück’ ich geschwinde,
Daß du es warm hast
Und mich im Arm hast und schläfst.“
Soll ich’s ihm sagen,Oder verschweig’ ich’s,Bis einst der KummerVom Lager der MuhmeNach dem Strome ihn treibt?
Soll ich’s ihm sagen,
Oder verschweig’ ich’s,
Bis einst der Kummer
Vom Lager der Muhme
Nach dem Strome ihn treibt?
Und hätt’ ich tausendDer Lämmlein errettet,Ihn, den ich liebe,Ließ ich verderben,Und ich sprang ihm nicht nach.
Und hätt’ ich tausend
Der Lämmlein errettet,
Ihn, den ich liebe,
Ließ ich verderben,
Und ich sprang ihm nicht nach.
Sachte schlich Miks sich aus ihrer Nähe, denn er wollte sie nicht wissen lassen, daß sie von ihm belauscht worden war. Und als er sie wiedersah und ihr lachendes, glattes Gesichtchen betrachtete, konnte er es nicht fassen, daß sie ein so finsteres und hitziges Lied gesungen hatte.
Und ein anderes Mal, als sie die kleine Anikke auf dem Schoße hielt, sang sie folgendes:
Kindchen, mein Kindchen, gehörtest du mir,Ich schenkte dir Kleider und goldene Zier,Ich schenkte dir Betten von Seide so weichUnd schenkte dir Gott und das Himmelreich.Auch einen Liebsten schenkt’ ich dir wohl,Der dich zur Kirche hinführen soll.Du aber, Kindchen, was schenktest du mir?Ich lieg’ alleine und bang’ mich und frier’,Und der, der dich liebt wie sein Augenlicht,Der siehet mich nicht und höret mich nicht.Wenn der mich wollte und ließe von ihr,Dann, Kindchen, mein Kindchen, gehörtest du mir.
Kindchen, mein Kindchen, gehörtest du mir,Ich schenkte dir Kleider und goldene Zier,Ich schenkte dir Betten von Seide so weichUnd schenkte dir Gott und das Himmelreich.Auch einen Liebsten schenkt’ ich dir wohl,Der dich zur Kirche hinführen soll.Du aber, Kindchen, was schenktest du mir?Ich lieg’ alleine und bang’ mich und frier’,Und der, der dich liebt wie sein Augenlicht,Der siehet mich nicht und höret mich nicht.Wenn der mich wollte und ließe von ihr,Dann, Kindchen, mein Kindchen, gehörtest du mir.
Kindchen, mein Kindchen, gehörtest du mir,Ich schenkte dir Kleider und goldene Zier,
Kindchen, mein Kindchen, gehörtest du mir,
Ich schenkte dir Kleider und goldene Zier,
Ich schenkte dir Betten von Seide so weichUnd schenkte dir Gott und das Himmelreich.
Ich schenkte dir Betten von Seide so weich
Und schenkte dir Gott und das Himmelreich.
Auch einen Liebsten schenkt’ ich dir wohl,Der dich zur Kirche hinführen soll.
Auch einen Liebsten schenkt’ ich dir wohl,
Der dich zur Kirche hinführen soll.
Du aber, Kindchen, was schenktest du mir?Ich lieg’ alleine und bang’ mich und frier’,
Du aber, Kindchen, was schenktest du mir?
Ich lieg’ alleine und bang’ mich und frier’,
Und der, der dich liebt wie sein Augenlicht,Der siehet mich nicht und höret mich nicht.
Und der, der dich liebt wie sein Augenlicht,
Der siehet mich nicht und höret mich nicht.
Wenn der mich wollte und ließe von ihr,Dann, Kindchen, mein Kindchen, gehörtest du mir.
Wenn der mich wollte und ließe von ihr,
Dann, Kindchen, mein Kindchen, gehörtest du mir.
Von nun an fing Miks an zu überlegen, ob er sie nicht einmal in die Arme nehmen sollte. Aber er bezwang sein Gelüste, denn wenn er an all die jungen Leute dachte, die bei ihr angeklopft hatten, erschien es ihm nicht gut genug, ein „Kuszbendris“ — ein Weibsteilhaber — zu sein; auch mochte er um des Kindes willen das Haus nicht mit Verdacht und Unfrieden erfüllen.
Aber der Unfriede kam auch ohne dies.
Als es kalt wurde, siedelte Madlyne mit dem Kinde von der anderen Seite des Hauses her in die gutgeheizte Kleine Stube über, deren Zwischentür kein Schloß und keine Klinke hatte und darum immer ein wenig offen stand.
Von nun an schämte er sich, bei seiner Frau zu liegen, und machte allerlei Ausflüchte, um sich irgendwo anders einzuquartieren. Und da ihm nichts Besseres einfiel, fing er das Leben wieder an, das er einst geführt hatte, als das große Unglück noch nicht geschehen war. Denn nur so konnte er die Nacht zum Tage machen.
Er suchte die Krüge auf, von wo aus im Schutze der Dunkelheit der Schmuggel über die Grenze ging, und da es nicht immer was zu tragen gab, nahm er auf alle Fälle die Flinte mit, um das Frühmorgenlicht für einen Rehbock auszunutzen.
So konnte es nicht ausbleiben, daß er wiederin schlechten Ruf kam, und Alute, die deswegen gerade einstmals ihr Herz an ihn gehängt und ihn noch kurz vorher einen „Schwanzeinkneifer“ genannt hatte, schalt ihn nun heftig aus, weil ihre ehrliche Wirtschaft durch ihn zu einer Räuberhöhle würde.
Aber er kehrte sich nicht daran.
Eines Tages nahm ihn Madlyne beiseite und sagte: „Es tut nicht gut, Miks, daß du so oft unterwegs bist, du solltest dich mehr zum Hause halten.“
„Aus welchem Grunde wünschst du mir das?“ fragte er.
„Sieh dir das Kind an,“ erwiderte sie und wandte sich ab.
Er erschrak, denn er hatte es bisher für selbstverständlich genommen, daß es der kleinen Anikke gut ging. Tagsüber war sie in der Schule, die Nacht schlief Madlyne mit ihr. Zudem hatte seine Frau noch nie etwas Feindseliges gegen sie unternommen. Höchstens daß sie sie nicht beachtete.
Jetzt aber, da er das Kind im Auge behielt, fiel ihm auf, daß es ungerufen nicht mehr an ihn herankam, sondern sich zaghaft in den Winkeln herumdrückte. Auch sah es blaß und schwächlich aus und hatte doch während des Sommers geblüht wie ein Tausendschönchen.
Er versuchte, es ins Gebet zu nehmen,aber es wollte nicht mit der Sprache heraus. Nur weinen tat es bitterlich.
Da legte er sich eines Abends auf die Lauer und mußte erleben, daß Alute das Kind mit einem Lederzaum schlug, in dem noch die messingnen Schnallen steckten.
Er stürzte aus seinem Versteck hervor, riß der Armen Kleider und Hemde herunter und fand das Körperchen von oben bis unten mit Striemen und blauen Flecken bedeckt.
Da hob er den Zaum auf, den das wütende Weib von sich geworfen hatte, und prügelte es so lange, bis es sich winselnd am Boden krümmte. Auch gegen Madlyne wandte er sich in seinem Zorn, und von nun an saß der Teufel im Hause.
Madlynens Lied wird Recht behalten, dachte er oft, wenn der Kummer ihn zur Nacht aus dem Hause trieb.
So geschah es eines Novembermorgens kurz vor dem roten Sonnenaufgang, als er durchfroren im jungen Schnee saß und gerade auf einen schönen Bock anlegen wollte, daß er rückschauend eine Flintenmündung auf sich gerichtet sah und einen grünbändrigen Hut dahinter, den er wohl kannte.
Er wollte sein Gewehr an die Backe reißen, aber er wußte: es war zu spät. Darum stander ganz gemächlich auf und sagte: „Na, wieviel Jahr’ wird es kosten?“
„Nicht halb so viel, wie du mich Nächte gekostet hast, Miks,“ erwiderte der stämmige Förster, der des erschossenen Hegemeisters Nachfolger war, und er fügte hinzu: „Die Flinte laß liegen. Die hol’ ich mir später. Sonst könnte es passieren, daß du sie mir beim Transport wieder abnimmst und meine dazu.“
„Ich bin gar nicht so schlimm, wie die Leute es machen,“ lachte Miks und schlug, ohne erst viel zu fragen, den Weg zum Gendarmen ein, dem er ja doch abgeliefert werden mußte. Der Förster ging zehn Schritt weit hinterdrein und hielt die Flinte schußbereit.
„Dreh dich lieber nicht um,“ sagte er ganz freundlich, als Miks das Gespräch fortsetzen wollte, „sonst sitzt dir doch gleich eine Kugel im Genick.“
Miks hatte nun eine halbe Stunde Zeit, über das Geschehene nachzudenken. Daß er von der Alute wegkam, war eigentlich ein Segen. Aber dann plötzlich gab ihm das Herz einen Stoß bis in die Kniekehlen hinein. Das Kind! Was wird nun aus dem Kinde?
„Ich Dummerjan,“ dachte er, „schon wegen des Kindes allein hätt’ ich es nicht dürfen.“
Und er fing tausend Pläne zu schmieden an, wie er von der Untersuchungshaft aus die kleineAnikke in andre Pflegschaft bringen könnte. Aber er verwarf sie alle. Wenn er die Aufmerksamkeit der Behörden auf das Kind zurücklenkte und in den Verhören irgend ein Widerspruch laut wurde, so konnte das künstliche Fachwerk, das Alute damals aufgebaut hatte, davon zusammenfallen wie eine Haferhocke.
Bald begegneten ihnen auch Leute, die halb mitleidig, halb schadenfroh den Zug begleiteten. Reden durften sie nicht mit ihm. Das verbat sich der Förster. So gingen sie in halblauten Gesprächen neben dem Miks daher, und weil sie wußten, daß der Förster kein Litauisch verstand, erwogen sie auch ohne Scheu, ob er nicht doch den Mord auf dem Gewissen habe.
Miks Bumbullis hörte das alles. Es war ein rechter Leidensweg.
Die Schar der Neugierigen wuchs mit jedem Schritte, und als er vor dem Hause des Gendarmen ankam, hatte er ein Gefolge wie ein König. — —
Miks bestritt natürlich alles. Von dem Bock wisse er nichts. Er habe nur ein paar Krähchen schießen wollen, und das könne unmöglich ein großes Verbrechen sein.
Ob er sich nicht schäme, so faule Ausreden zu machen, fragte der Richter.
O nein, er schämte sich nicht. Er wollte ja bei dem Kinde bleiben.
In der Hauptverhandlung kam er mit seinem Weibe und Madlyne wieder zusammen. Er hatte bisher in seinem Innern gewünscht, das Kind möchte nicht geladen sein, denn es war nun schon groß genug, um zu verstehen, welche Schande er ihm antat. Aber nun es wirklich nicht da war, tat ihm das Herz weh. Er hätte es so gern einmal wiedergesehen.
Madlyne gab sich lange nicht so adrett und fixniedlich wie dazumal, und ihre Augen waren klein und verheult. Aber ihre Antworten kamen auch diesmal wie aus der Pistole geschossen.
Die Flinte habe er wohl gehabt, aber nie in Gebrauch genommen. Ja richtig! Einmal habe er eine Eule geschossen. Das war alles.
Alute schien ihm die schlechte Behandlung längst wieder vergessen zu haben. Nie sei er zu ungewöhnlichen Zeiten aus dem Hause gewesen, nie habe er die Flinte vom Nagel geholt, nie habe er ein Stück Wild oder das Geld dafür von seinen Wegen nach Hause gebracht.
Schade, daß die Frauensleute nicht schwören durften!
Alute zögerte zwar keinen Augenblick, von ihrem Eidesrechte Gebrauch zu machen, aber der böse Staatsanwalt wußte es zu verhindern, ebenso wie bei Madlyne, die ihm als Hehlerin verdächtig schien, und so blieben beider Aussagen wirkungslos.
Doch auch die andern, die vereidigt wurden, hielten sich wacker. Selbst diejenigen, die ihn so und so viele Male wegen seiner Schießereien geneckt hatten, konnten sich nicht erinnern, je davon gehört, geschweige denn eine Flinte an ihm gesehen zu haben.
Aber was half das alles! Seine einstige Bestrafung richtete sich drohend hinter ihm auf, und der unaufgeklärte Mord schwebte mit dunklen Flügeln über ihm. Wenn auch nur der Staatsanwalt mit argwöhnischer Anspielung darauf Bezug nahm, ein jeder fühlte, daß um ihn herum Geheimnisse verborgen lagen, die nur eines rächenden Anlasses bedurften, um gegen ihn loszubrechen.
Als der Richterspruch verkündet wurde, der ihm drei Jahre Gefängnis zuerkannte, erhob sich Alute, die bis dahin vermieden hatte, seinem Auge zu begegnen, langsam von der Zeugenbank und nickte, den Kopf feierlich wiegend, eine ganze Weile lang zu ihm herüber.
Er schauderte noch Tags hinterher, wenn er dran dachte.
Trotzdem bezwang er sich und verlangte, daß, bevor er in die Strafanstalt überführt wurde, die Seinen ihn besuchten, denn er wußte, daß dies die einzige Möglichkeit war, die kleine Anikke noch einmal zu sehen.
Madlyne hatte ihn wohl verstanden. Denn als die Zellentür sich öffnete und hinter derAlute auch sie hereintrat, da hielt sie richtig das Kind an der Hand.
Miks Bumbullis mußte sich sehr zusammennehmen, sonst wäre er vor dem Kinde niedergekniet und hätte geweint und geweint.
Nun aber sagte er bloß: „Da seid ihr ja alle,“ und begrüßte sie freundlich der Reihe nach.
Alute, die einen neuen, weißen Schafpelz trug und auch sonst sehr unternehmend aussah, sagte zu ihm: „Ich könnte mich jetzt von dir scheiden lassen, aber das werde ich nicht tun. Nein, das werde ich nicht tun.“
Er antwortete: „Tu, was du für recht hältst. Wenn du nur gut zu dem Kinde sein willst.“
„Ich bin gut zu dem Kinde gewesen,“ erwiderte sie, „aber da hast du alles verdorben.“
Er demütigte sich vor ihr und sagte: „Ich werde meine Fehler bereuen und ablegen, wenn du mir nur versprichst, daß du gut zu dem Kinde sein willst.“
Sie machte ein hochmütiges Gesicht und antwortete: „Ich verspreche es.“ Dann reichte sie ihm die Hand und verlangte von dem Aufseher, er möge sie hinauslassen.
Der Aufseher tat es und wollte auch die andern auffordern fortzugehen, da bemerkte er, daß Miks vor dem Kinde niedergekniet war und weinte und weinte. Und weil er ein guter undaufrichtiger Mann war, so schloß er die Tür noch einmal und ließ ihn gewähren.
Miks streichelte Madlynens Rock und sagte: „Erbarm dich des Kindes!“
Madlyne beugte sich zu ihm nieder und sagte: „Ich schwöre dir, daß ich auf das Kind achtgeben werde.“
„Und wenn du heiratest und weggehst, — schwöre mir, daß du das Kind mitnehmen wirst.“
Madlyne beugte sich noch tiefer zu ihm und sagte: „Ich werde nicht heiraten.“
Da wurde Miks wieder ruhig und küßte das Kind und küßte auch Madlyne.
Und dann war die Besuchszeit um.
Nach zwei Jahren erhielt Miks Bumbullis die Nachricht, daß das Kind gestorben war.
Er wunderte sich nicht, denn es war ihm schon einige Male im Traume erschienen.
Der Brief, in dem Alute ihm von dem Unglück Mitteilung machte, lautete so:
„Nunmehr will ich Dich wissen lassen, daß die kleine Anikke ein seliges Hinscheiden erlitten hat. Ich und Madlyne haben sie gepflegt, wie es unsre Schuldigkeit war. Um ihr die fallende Sucht zu vertreiben, habe ich Madlyne zu einer weisen Frau geschickt, die sie nach den Regeln besprochenhat. Auch eine Kreuzotter habe ich abgekocht und ihr den Saft mit getrockneten Quitschen zu trinken gegeben. Kurz, es ist nichts versäumt worden. Ein Begräbnis habe ich ihr ausgerichtet wie meinem eigenen Kinde. Die Festlichkeiten haben zwei Tage gedauert, und es sind dabei drei Fässer Alaus und zwanzig Stof Branntwein ausgetrunken worden. Nicht zu rechnen, was die Gäste alles aufgegessen haben. Einen Sarg habe ich ihr machen lassen, in dem sie sich ordentlich ausstrecken kann. Auch ist sie in ihren besten Sonntagskleidern beerdigt worden. Du siehst also, daß ich mein Versprechen gehalten habe, und wenn du die Madlyne fragen wirst, so kann sie es nicht anders sagen.“
Von nun an erschien die kleine Anikke dem Miks Bumbullis in jeder Nacht. Er brauchte nur die Augen zuzumachen, und sie war da. Und in vielerlei Gestalt erschien sie ihm — manchmal im Sarge liegend, manchmal als eine Braut mit dem Rautenkranz im Haar, manchmal als ein Engelchen mit gläsernen Flügeln, manchmal auch im Hemdchen blutend oder mit einem Strick um den Hals. Und immer wieder in neuen Gestalten.
Als ein großes Glück empfand er es, daß Alute nun doch gut zu dem Kinde gewesen war. Auch das große Begräbnis sprach dafür. Denn wenn sie das Licht der Welt zu scheuen gehabt hätte,würde sie die Tote so heimlich wie möglich eingescharrt haben. Aber vor allem war ja Madlyne dagewesen, auf die er sich ganz verlassen konnte.
Und doch mußte etwas versäumt worden sein, sonst würde die kleine Anikke Ruhe im Grabe gehabt haben und ihm nicht immer von neuem erschienen sein.
Das ging so Nacht für Nacht, bis eines Tages der Anstaltsarzt zu ihm trat und ihn fragte, was ihm eigentlich fehle.
„Was soll mir fehlen?“ erwiderte Miks. „Ich habe satt zu essen, und keiner ist schlecht zu mir.“
Der Arzt befahl ihm darauf, sich auszuziehen. Miks tat es, aber der Arzt fand eine Krankheit nicht an ihm. Ob ihm vielleicht ein Kummer zugestoßen sei, fragte er dann.
„Ich habe ein Kind verloren,“ antwortete Miks. Aber von den Erscheinungen sagte er nichts, denn vor diesen Deutschen muß man sich immer in acht nehmen.
Einige Tage später besuchte ihn der Pfarrer, derselbe, der am Sonntag gewöhnlich predigte.
Der fing ihm eine schöne Trostrede zu halten an, aber er hatte sich nicht einmal die Mühe genommen, die Akten durchzusehen, sonst würde er gewußt haben, daß Miks ein eigenes Kind gar nicht besaß.
Miks beließ ihn in seinem Irrtum und küßte ihm die Hand, um ihn glauben zu machen,daß er nun ganz getröstet sei. Er war nun so weit, daß er sich schon den ganzen Tag über auf die Erscheinung freute. Aber dann machte er sich wieder Vorwürfe um dieser Freude willen, denn wenn es der Anikke im Grabe an gar nichts fehlte, so würde sie ihm nicht erschienen sein. Entweder drückte sie der Sargdeckel, oder man hatte ihr etwas Erstickendes auf den Mund gelegt. Vielleicht gar auch war die Giltinne — die Todesgöttin — nicht versöhnt worden, wie es nach dem Glauben Vieler geschehen muß, so daß sie aus Rache die arme Tote allnächtlich aus ihrem Frieden scheuchte.
Er wollte der Alute deswegen schreiben, aber er schämte sich vor den Deutschen, die den Brief durchlesen und in ihrer Dummheit über ihn lachen würden.
Darum war es ihm ganz recht, daß der Anstaltsdirektor ihn eines Tages rufen ließ und ihm eröffnete, der Rest seiner Strafe sei ihm vorläufig erlassen, und wenn er sich ordentlich führe, brauche er sie auch später nicht mehr abzusitzen.
Er dachte: „Da kann ich nun selber nach dem Grabe sehen,“ und machte sich auf den Heimweg.
Die Kartoffeln wurden gerade gesetzt, und alle arbeiteten auf den Feldern. Kaum einersah sich nach ihm um, und so kam er unbeachtet bis nach Haus.
Der Hofhund bellte ihm freudig entgegen, und er streichelte ihn, denn das Kind hatte ihn lieb gehabt.
Das Haus war leer und alles offen. Ihn hungerte, aber er wagte nicht, sich ein Stück Brot zu schneiden, so fremd kam er sich vor auf seinem eigenen Besitz. Er sah sich erst in der Kleinen Stube um, wo das Bettchen zuletzt gestanden hatte. Aber nichts mehr war davon zu bemerken. Sie schien ganz ausgelöscht aus der Welt. Aber dann fand er auf Madlynens Brett ihre Schiefertafel stehen und eine Schnur mit Griffen daran zum Drüberspringen, wie er sie ihr einmal gemacht hatte.
Wenn er nicht so müde gewesen wäre, so wäre er auf den Kirchhof gegangen. Und so setzte er sich vor das Haus auf die Milcheimerbank, dort, wo die Sonne schien, und wartete. Dabei schlief er ein und wachte erst auf, als die Stimmen der Heimkehrenden im Hoftor laut wurden.
Die Alute war die erste, die ihn bemerkte. Sie richtete sich hoch auf und schritt in ihren Klotzkorken mit geraden Schritten auf ihn zu, während sie ihm ganz starr in die Augen sah. Sie freute sich nicht, aber sie hatte auch keine Furcht.
„Sie haben dich zur rechten Zeit freigelassen,“sagte sie, ihm die Hand reichend, „der Wirt ist gerade sehr nötig im Hause.“
„Ich werde schon arbeiten,“ entgegnete er.
Dann ging sie, das Abendbrot machen.
Madlyne war hinter ihr gekommen. Er bemerkte, daß sie ganz schmal geworden war und daß um ihren Mund herum allerhand kleine Falten standen.
Sie reichte ihm auch die Hand und lief dann rasch fort.
Ein fremder Knecht war da, ein ältlicher Mann, mit dem die Alute sicher nichts vorgehabt hatte — „drum werd’ ich ihn ruhig behalten können,“ dachte er —, und eine Magd, die ihn schief ansah, weil sie nicht wußte, was sie aus ihm machen sollte.
Zum Abendbrot hatte die Alute rasch einen Hahn geschlachtet. „Damit alle erfahren, daß der Herr wieder da ist,“ sagte sie.
Sie war nun ganz freundlich und sah ihn immer von unten auf an, wie eine Bittende.
Er tunkte die Kartoffeln ins Fett, ließ aber das Fleisch auf dem Rande liegen.
„Warum ißt du nicht?“ fragte die Madlyne, der immer die Augen voll Wasser standen.
„Ich will’s mir bis nachher verwahren,“ erwiderte er, „denn ich hab’ so was Gutes lang’ nicht gehabt.“
Auch ein Glas Alaus bat er sich aus, rührte es aber nicht an.
Nach dem Essen trug er beides in die Kammer hinüber, wo er sich still hinsetzte, bis es dunkel wurde. Dann holte er sich einen Topf von der Herdwand und eine leere Flasche, tat Essen und Trinken hinein und verbarg es unter seinem Rocke.
„Ich will nur noch einen kleinen Gang machen,“ sagte er, und die beiden Frauen fragten ihn nicht, wohin.
Das kleine Grab hatte er bald gefunden. Ein neues Holzkreuz stand zu Kopfenden mit einem Dachchen darauf, wie es die jungfräulich Entschlafenen haben sollen, und zwei Vögelchen an den schrägen Enden. Die hatte sicherlich die Madlyne angebracht als Spielzeug für die Tote in der langen Ewigkeit.
Er wühlte in dem Sande des Grabhügels eine kleine Kaule aus und stellte Topf und Flasche hinein. Dann glättete er den Sand wieder, so daß nicht das mindeste zu bemerken war.
Manche sind der Meinung, daß dies zur Nahrung für den Geist der Toten gut ist, andere aber — und die sind wohl in der Wahrheit — meinen, daß die böse Giltinne damit besänftigt wird, so daß sie der abgeschiedenen Seele die Ruhe nicht fortnimmt.
Und dann saß er noch eine Weile und dachte bei sich: „Hier ist gut sein.“ Und ihm war, als sei er erst jetzt in die Heimat gekommen.
Als er wieder im Hause war und alle sich zum Schlafengehen bereiteten, sann er darüber nach, wohin er sich wohl legen sollte. Er wußte genau, daß, wenn er sich absonderte, der Hader von neuem losgehen würde. Darum kroch er in seines Weibes Bett, und sie tat so, als sei er nie weggewesen.
Nun fing sie auch aus freien Stücken von dem Kinde zu reden an. Gegen Gottes allmächtigen Willen sei Menschenkraft ohnmächtig; man müsse zufrieden sein, wenn man sich nichts vorzuwerfen habe.
Und sie weinte.
Er sagte nur: „Erzähle mir nichts.“ Denn er wußte, daß er es nicht ertragen würde.
In dieser Nacht erschien der Geist des Kindes ihm nicht. Er freute sich, daß er mit der Gabe an die Giltinne das Rechte getroffen hatte.
Als er am nächsten Morgen den Spaten schulterte, um mit den andern in die Kartoffeln zu gehen, sagte die Madlyne zu ihm: „Ruh dich erst aus, du bist noch zu schwach.“
Und er wunderte sich, daß sie so wenig von seinen Kräften hielt.
Aber als er eine Weile vorgegraben hatte, mußte er sich setzen, denn der Atem fing an, ihm zu fehlen, und die Madlyne sah ihn an wie die Mutter ihr krankes Kind. — — —
Auch die Alute war von nun an immer gutzu ihm. Sie brachte ihm Paradieskörner in Essig und andere stärkende Sachen, und er dachte: „Wenn das Kind noch lebte, was würde es jetzt für gute Tage haben!“
Die Erscheinung war nun nicht mehr wiedergekommen, und er begann schon, der Giltinne mit geringerer Ehrerbietung zu gedenken.
Und so vertraut war er inzwischen mit der Alute geworden, daß er sich eines Abends ein Herz faßte und zu ihr von den Erscheinungen sprach. Auch von dem Mittel, das sich dagegen bewährt hatte.
Sie lachte und sagte: „Wenn das so leicht ist, will ich dir Hähne schlachten, so viel du willst.“
Ja, so gut war sie jetzt immer zu ihm. Und er fragte sich manches Mal, warum er sich früher eigentlich vor ihr gefürchtet hatte.
Auch von der Krankheit des Kindes wollte er jetzt Näheres wissen. Nicht daß sein Kummer geringer gewesen wäre als in der ersten Nacht, nur hielt er sie jetzt so wert, daß er glaubte, sie würde die richtige Teilnahme haben.
Aber Alute erwiderte: „Du Armer würdest es auch heute noch nicht ertragen, drum warte noch eine kleine Weile.“ Und so sagte sie immer aufs neue.
Da kam er auf den Gedanken, die Madlyne zu fragen. Aber die Madlyne war jetzt wie umgewandelt. Sie ging ihm aus dem Wege,wo sie nur konnte, sprach bei Tisch kein Wort und bohrte mit den Augen Löcher ins Holz.
Auch der Alute fiel das auf, und einmal sagte sie: „Die Madlyne muß aus dem Hause, und schickt sie auch die nächsten Freier zurück, die ich ihr aussuche, so setze ich ihr eines Tages Bettsack und Kasten vors Hoftor.“
Er erschrak, daß er an einem so bösen Ende die Schuld tragen sollte, und beschloß, das Seine zu tun, um alles zum bessern zu wenden.
Darum ging er der Madlyne eines Morgens zum Melken nach und sagte: „Du mußt nicht denken, Madlyne, daß ich dir vom Tode des Kindes etwas nachtrage.“
Sie stand von der Hocke auf und sagte: „Aber ich trage es mir nach.“
Er antwortete, die Rede Alutens nachsprechend, daß gegen Gottes allmächtigen Willen Menschenkraft ohnmächtig sei, und man müsse zufrieden sein, wenn man sich nichts vorzuwerfen habe.
Da legte sie plötzlich beide Hände auf seine Schultern, sah ihn lange mit den bohrenden Augen an, die sie jetzt immer machte, und sagte dann: „Schlaf bei mir, Miks Bumbullis! Dann werd’ ich dir etwas erzählen, was zu wissen dir nottut.“
Er fühlte eine große Unruhe und antwortete:„Mir ist nach lockeren Streichen nicht zumut. Erzähl es mir auch so.“
„Nein,“ sagte sie, „anders tu’ ich es nicht.“
„Ich werd’ es mir überlegen,“ antwortete er und ging aus dem Stalle.
In derselben Nacht kam die Erscheinung wieder. Sie war in ihrem Hemdchen, hatte auf jeder Achsel einen Vogel sitzen und trug einen Stengel in der Hand, aber das war ein Schierlingstengel.
Er sagte der Alute nichts davon. Und als der Abend kam, sparte er wieder sein Essen auf, holte sich heimlich einen Topf und trug es darin zum Kirchhof hinaus.
Er war des Glaubens, das alles sei unbemerkt geschehen, aber hinter dem Hofzaun stand Alute und sah ihm nach.
Diesmal gab die Giltinne sich nicht so leicht zufrieden, denn das Kind erschien ihm auch in der nächsten Nacht.
„Es wird wohl wieder ein Hahn sein müssen,“ dachte er, aber ein unbestimmtes Gefühl hielt ihn ab, Alute zu bitten, daß sie ihn schlachte.
Die Erscheinung kam immer wieder, und die Unruhe verließ ihn nicht mehr.
Da faßte er sich ein Herz, und während die Frau noch auf dem Felde war, ging er der Madlyne nach in die Kammer. Als sie ihn kommen sah, stieß sie einen Seufzer aus und faltete dieHände wie eine, die sich bereit macht, selig zu sterben.
So schlief er also bei ihr, und als ihr Kopf an seiner Schulter lag, da kam es ihm zur Klarheit, daß er immer und immer nur nach ihr verlangt hatte.
Sie weinte ohne Aufhören und küßte ihm beide Hände.
Und dann ermahnte er sie, daß sie nun ihr Versprechen erfüllen solle.
Sie kniete vor dem Bette nieder und flehte: „Verlange es nicht! Verlange es nicht!“
Aber er verlangte es immer wieder.
Da sah sie, daß es kein Entrinnen mehr gab, und erzählte ihm, auf welche Art Alute das Kind umgebracht hatte. Und sie würde nie und nimmer zu überführen sein.
In seinem ersten Zorn griff er nach Madlynens Halse, um sie zu erwürgen, weil sie die Tat nicht verhindert hatte.
Sie sagte: „Drück nur zu! Drück nur zu! Oben am Hühnerbalken kannst du die Schlinge sehen, mit der ich mich aufhängen wollte. Und wärst du nicht so plötzlich gekommen, hätte ich es auch getan.“
Da sprang er aus dem Bette und lief nach dem Schleifstein. — — —
Alute arbeitete noch in den Kartoffeln, da sah sie einen Menschen auf sich zustürmen, der halb angezogen war und eine Axt schwang.
Und als sie ihren Mann erkannte, da wußte sie sofort, was geschehen war und daß es ihr nun ans Leben ging.
Sie rannte schreiend nach der Richtung des Dorfes hin, und er mit der erhobenen Axt hinter ihr drein.
Aber sie wagte nicht, nach einem der verstreuten Höfe einzubiegen, denn sie wußte, daß kein Türschloß und keine Menschenhand ihn hindern würde, die Tat zu begehen.
So lief sie weiter, und der Raum zwischen ihr und ihm verkürzte sich immer mehr.
Da sah sie nicht fern das Haus des Gendarmen und erkannte gleich, daß sie sich für heute und künftig nur retten konnte, wenn sie dem alles gestand. Die Anstiftung würde ihr niemand nachweisen, und der Meineid war bald gebüßt.
Als ihr Verfolger einsah, wohin sie steuerte, da ließ er von ihr ab, denn des Wachtmeisters Pistolen waren immer geladen. Er kehrte in seinen Fußtapfen um, und die Leute, die ihm gefolgt waren, gingen in großem Bogen um ihn herum.
Das Haus war jetzt so leer, wie er es bei seiner Heimkehr gefunden hatte. Auch nach Madlyne rief er umsonst.
Er zog sich einen warmen Rock an, steckte Geld in die Tasche, holte ein altes Gewehr hinter den Sparren hervor, das seit seiner Wilddiebszeitdort noch versteckt lag, und kroch auf dem Bauche von Graben zu Graben.
Als es finster geworden war, floh er über die Grenze. Rußland ist groß.
Der Gendarm erstattete die Anzeige.
Die Herren vom Gericht nahmen sich der Sache mit großem Eifer an. Ein Steckbrief wurde erlassen, Polizisten hielten Nachforschungen hüben und drüben, auch wurden Auslieferungsverhandlungen angebahnt, damit, wenn man ihn faßte, kein Aufschub entstand.
Alute, die trotz ihrer Selbstbezichtigung noch immer frei herumlief, lachte zu alledem und sagte: „Was gebt ihr euch für Müh’! Das Kind wird ihn schon holen gehn.“ Sie hütete sich wohl, in ihrem Hause zu bleiben, und selbst für kurze Zeit ging sie nur in Begleitung hinein, denn sie fürchtete, daß Miks ihr dort auflauern würde.
Nacht für Nacht hielt sie sich mit dem Gendarmen und ein paar Männern, die dazu aufgeboten waren, hinter dem Kirchhofzaune versteckt. Die Männer wechselten ab, denn keiner konnte für die Dauer die Nachtwachen vertragen. Sie aber war immer zur Stelle. Bei Tage streifte sie herum wie ein wildernder Jagdhund. Wo und wann sie schlief, wußte keiner.
Wenn einer von den fremden Gendarmen, die den hiesigen jede zweite Nacht ablösen kamen, gegen Morgen hin frierend und mißmutig sagte: „Ich denke, wir stellen die vergebliche Arbeit ein, denn er müßte schön dumm sein, uns freiwillig in die Arme zu laufen,“ dann wehklagte sie und flehte mit erhobenen Armen: „Erbarmen, Pons Wackmeisteris! Ich weiß, das Kind wird ihn schon holen gehn, — wird ihn schon holen gehn.“
Was sie aber nicht wußte, war, daß zu gleicher Zeit und gar nicht weit vom Kirchhof Madlyne im Graben lag — dicht an dem Wege, der von der Grenze her auf das Dorf zuführte. Sie hielt sich heimlich in dem Hause eines früheren Bewerbers auf, dessen Frau ihr dankbar war, weil sie ihn nicht genommen hatte. Und allabendlich, wenn es dunkel wurde, schlich sie sich hinaus auf Wache für den Fall, daß er vorbeikommen sollte.
Manchmal war es noch kalt, und manchmal regnete es, aber sie fror nicht und ließ sich ruhig durchweichen. Nur gegen den Schlaf anzukämpfen fiel ihr schwer. Darum legte sie sich gewöhnlich eine ihrer Klotzkorken auf den Kopf, die ihr gegen die Kniee fiel, wenn sie ihn einschlafend nach vorn überneigte. Und von dem Schmerze wurde sie dann wieder ganz wach.
Ab und zu ließ vom Kirchhof her ein leises Stimmengeräusch oder ein Säbelklirren sich hören; ab und zu, wenn der Wind danach stand, zog auchein Tabaksgeruch über sie hin. Dann lachte sie höhnisch und schüttelte die Fäuste in das Dunkel hinein. Solange sie wachte, war keine Gefahr.
Aber in einer Nacht — es mag die vierzehnte oder fünfzehnte ihres Dienstes gewesen sein —, da muß der Schlaf sie doch überwältigt haben, oder aber er war nicht auf dem Wege, sondern quer über die Felder gegangen, denn plötzlich hörte sie auffahrend vom Kirchhof her Knallen und Männergeschrei. Und die Stimme Alutens mischte sich keifend darein.
Da wußte sie: sie hatten ihn.
Weinend lief sie auf den Lichtschein los, der plötzlich aufgeflammt war.
Und da sah sie ihn auch schon kommen. Zwei Männer brachten ihn geführt, und Alute tanzte um ihn herum, indem sie ihm die Zähne zeigte und die Zunge ausstreckte.
In seinem Gürtel hing der Oberteil einer breithalsigen Flasche, die wohl beim Kampfe mitten durchgeschlagen war. Darin war das Opfer für die Giltinne gewesen, mit dem er dem Kinde noch einmal die ewige Ruhe hatte erkaufen wollen.
Madlyne warf sich ihm in den Weg und küßte die eisernen Ringe, in die sie seine blutigen Hände gesteckt hatten.
Er sah gleichsam mitten durch sie hindurch und schritt weiter — seinem Schicksal entgegen.