Nur schade! Stockfinster ist es geworden. Selbst die Blumchen der Schranktür sind nirgends mehr zu erkennen.
Da sagt der Jons: „Was du wohl denkst! Das Schönste ist immer noch draußen.“
Er geht, und sie wartet gehorsam. Nie im Leben hat sie gedacht, daß man so klein dastehen könne neben dem eigenen Mann.
Da läuft ein Lichtschein über sie her. Und was bringt er getragen? Eine Lampe. Eine richtige Petroleumlampe mit Glasbehälter und Glocke, wie sie im Hoffmannschen Laden im Schaufenster stehen. Selbst in der Wirtsstube der Frau Schlopsnies hat es das niemals gegeben. Dort hatten sie alle bloß blecherne Schilder.
Der Fuhrmann fährt ab, und der Jons steht da und läßt sich bewundern.
Wie hat das zugehen können?
Ja, wie hat das zugehen können? Die Bretter sind aus der Sägemühle, das ist klar. Aber weiter? Als der Tischler Kuntze sich auf dem Holzplatz seinen Bedarf aussuchte, hat Jons ihn gefragt, wie man wohl am besten zu einer Einrichtung kommen könne. Da hat der Tischlersich erst umgesehen und dann gesagt: „Wer mir beim Aufladen behilflich ist, so daß ich nicht etwa zu kurz komme, dem werd’ ich nach Feierabend zur Hand gehen und ihm zeigen, wie er es macht.“ Nun, der Tischler Kuntze istnichtzu kurz gekommen. Im Gegenteil. Und zum Dank dafür hat der Jons sechs Wochen lang in seiner Werkstatt arbeiten dürfen bis in die Nacht hinein. Dann hat er noch zwanzig Mark zuzahlen müssen für Licht und für Ölfarbe, und noch heute können sie ’rüberziehen und im eigenen Heim wohnen wie jeder Besitzer.
So tüchtig ist der Jons und so gescheit. Es müßte wirklich mit unrechten Dingen zugehen, wenn zwei solche Eheleute nicht vorwärts kämen.
Und sie kommen vorwärts.
Die Kartoffelernte bringt zwanzig Scheffel. Davon kann neben ihnen noch ein Ferkelchen satt werden. An dem Giebelende, das fensterlos ist, erhebt sich alsbald ein Abschlag mit Schwarten als Dach und rohrgeflochtenen Wänden. Darin hat das Schweinchen Platz und später wohl auch eine Ziege, deren Milch man als Wöchnerin ungern entbehrt. Im Sommer nährt die sich selber am Wegrand, für den Winter aber muß vorgesorgt werden.
Das Heu rupft man sich, indem man in nächtlicher Finsternis hinter den Fudern daherläuft, die auf der Chaussee von den Wiesen kommenund Gott sei Dank bloß in kurzem Trab fahren — sonst würde die Erdme in ihrem Zustand ihnen nicht folgen können. Das Verstreute sammelt man auf dem hinterher fahrenden Handwagen, so rasch es nur geht, denn unverschämte Diebe gibt es genug, die einem das sauer Erworbene vor der Nase wegschnappen wollen. Manchmal findet man die Plätze hinter den Fudern bereits von anderen Schatten besetzt; mit denen prügelt man sich herum, oder man einigt sich besser in Güte.
So wird allmählich der Bodenraum voll. Nur für die Heizung muß Platz bleiben. Um die zu beschaffen, hat man vom Moorvogt das Randstück eines Torflochs gepachtet und ist auch diese Pacht schuldig geblieben — genau so wie jene. Denn der merkwürdige Mensch mahnt ja nicht. Warum soll man ihm also entgegenkommen?
„Er wird schon mahnen,“ lacht die kleine Ulele. „Er hat ein dickes Buch. Darin steht alles geschrieben wie in dem Buch des ewigen Richters. Was ehrlich erworben ist und was nicht. Es steht alles darin.“
Der Erdme zittern die Knie, sie quiekt wie eine Maus und sinkt nach hinten zurück. Aber das hängt ja mit ihrem Zustand zusammen. Und so entschuldigt sie’s auch bei der kleinen Ulele.
Der Winter kommt wie alles Schlimme früher, als man sich’s denkt.
Eines Morgens zu Anfang November ist das Moor gefroren wie ein Brett. Bis dahin hat man im Kalten gelebt, aber nun geht es nicht mehr.
Der Handwagen des frommen Taruttis, der so viel Unfrommes mit angesehen hat, ist ihm zurückgegeben. Statt dessen dient nun die Karre, die Jons vom Markte gebracht hat.
Das Torfloch trägt eine Eisdecke. Die wiegt sich und klingt, wenn man auf dem Moore daherkommt. Die Torfziegel, die Erdme alle selber gestochen hat, stehen in viereckigen Haufen geschichtet. Obwohl sie sie mit Rohr bedeckt hat gegen den Herbstregen, trocken sind sie noch immer nicht. Aber wenn man ihnen gut zuredet, brennen werden sie doch, und der Qualm geht zum Schornstein hinaus.
Ja, Kuchen! Wie der Jons des Abends nach Haus kommt, findet er die Stube so voller Rauch, daß von der Lampe gar nichts zu sehen ist. Und auf dem Bett liegt die Erdme kraftlos und hustet.
Aber die kleine Ulele, die jetzt immer dabei ist, lacht und sagt: „An den Rauch gewöhnt man sich wie ans Grundwasser. Oben ersticken wir, unten versinken wir und sind ganz lustig dabei.“
Und sie hat Recht gehabt. Bald weiß man kaum mehr, ob es raucht oder nicht, wenn man’s nur warm hat. Und das ist die Hauptsache.
Denn Tage brechen herein, so naß und so kalt, daß einem das Herz im Leibe erklammt, wenn man die Nase ins Freie steckt. Was schlimmer ist, der suppende Nebel oder der rotklare Frost, die fegenden Schneestürme oder der windstille Rauhreif, — man weiß es wahrhaftig kaum; nirgends friert man so wie hier auf dem Moor. Die Kälte auf der Spitze des Monte Rosa muß dagegen ein Kinderspiel sein.
Ein Glück ist, daß, noch ehe der erste Schnee kam, der Zufahrtssteg angelegt und mit kleinen Birken und Quitschen bepflanzt ist, sonst würde der Jons, wenn er in der Finsternis heimkehrt, nicht wissen, wo er abbiegen muß, so verstiemt ist alles in Weite und Breite. — Selbst das Fensterchen steckt manchmal tief unterm Schnee und muß am Morgen ausgeschaufelt werden, damit man weiß, daß es Tag ist.
Die Erdme geht nicht viel mehr ins Freie. Nur das Ferkelchen muß sie versehen, das prächtig gedeiht. Wenn man das schlachten dürfte, könnte man pökeln für Jahre. Aber so üppig leben wir nicht. Wir sind froh, wenn wir ab und zu einen Hering haben. Das Schwein wird, wenn es fett ist, an den Schlachter verkauft, und was dafür einkommt, bildet das Grundkapitalfür die künftige Kuh. Aber das sind noch Zukunftsträume. Fürs erste wollen wir mit der Ziege zufrieden sein.
Im Januar rückt sie an. Sie heißt Gertrud, frißt mit aus dem Schweinetrog und stößt, wenn man sie melken will.
Aber schließlich gewöhnt sie sich und gibt ihre Milch so großmütig her, wie nur eine kann, deren Haltung nichts kostet. —
Am schlimmsten in dieser schlimmen Zeit ist das Gefangensein. Man kuckt nach rechts — man kuckt nach links — alles ist weiß, alles ist weit, und nicht ein Fuhrwerk fährt auf dem Wege, um zu zeigen, daß es noch Dinge gibt auf der Welt, die anders aussehen als weiß. Die Häuser der Nachbarn stehen ja da, aber sie sind fast ganz in Schneefluchten versunken, und nur wo der Rauch sich niederschlägt, gibt’s auf dem Dach einen graulichen Flecken.
Man kann sich kaum vorstellen, daß dort überall Menschen wohnen, denn niemals sieht man einen, und man geht auch nicht gerne hinüber.
Wäre die kleine Ulele nicht, man wüßte tagsüber kaum mehr, wie eine fremde Menschenstimme sich anhört.
Aber die kleine Ulele hat viel zu tun. Sie geht auf Freiersfüßen. Wenn sie zum Frühling eingesegnet wird, muß der Vater schon seineFrau haben. Denn dann will sie in die große Welt, ihr Glück machen. Sie weiß eine, die hat dreihundert Taler, und eine andere, die hat noch mehr. Aber an der hängen zwei Kinder, deren Vater sie manchmal besucht. Und die Ulele meint mit Recht, das werde Streitigkeiten geben, wenn sie selbst als Vermittlerin nicht mehr im Lande ist. Sie wird also wohl die erste wählen, aber der muß noch viel zugeredet werden, denn sie fürchtet, der Weg der Vorgängerinnen werde alsbald auch der ihrige sein.
So hat man seine Sorgen, auch wenn man noch Kind ist.
Von dem Nachbar Witkuhn hat Erdme seit Monaten nichts mehr gesehen, und die Hilfeleistung bei seiner Frau muß die kleine Ulele für sie mit übernehmen.
Es bleibt also nur der fromme Taruttis, an den man sich halten kann. An jedem Sonntagabend gibt’s eine Versammlung bei ihm. Zu der kommen die Gebetsleute weit und breit, und manchmal sind Stube und Vorflur so voll, daß die Haustür offen stehen muß, und dann zieht der eisige Wind wie mit Peitschenhieben über die Köpfe.
Aber schön ist es trotzdem. Andächtige Lieder werden gesungen, Sündenbekenntnisse abgegeben, und meistens kriegt der heilige Geist einen oder den anderen zu packen, so daß er aufstehtund mit Zungen redet, während die anderen horchen und weinen. Das ist dann ein rechtes Sonntagsvergnügen.
Zu der Gemeinde gehören Jons und Erdme noch nicht, denn das Abtun des Irdischen ist wenig nach ihrem Geschmack. Aber sie werden als Gäste geduldet, zumal der Tag der Erleuchtung auch ihnen nicht ausbleiben kann.
Zweimal hat es Tauzeit gegeben und Regen und Weststurm. Dann hat der Schnee sich gelöst, und die Welt ist zu Torfschmutz geworden. Dann riecht es nach Rauch und nach Pferdeurin, und doch sind gar wenige Pferde ringsum. Nur der Wohlhabende kann sich eins halten.
Aber Jons und Erdme wissen, daß, wenn die Zeit erfüllt ist, ihnen ihr Pferdchen nicht fehlen wird. Jahre und Jahre kann es dauern, aber kommen wird es gewiß, genau wie das Fettschwein gekommen ist, um das der Schlachter schon lange herumstreicht.
Aber vorerst wird was Anderes kommen — etwas, das einst in Samt und Seide gehen wird und wofür der Sohn eines Gendarmen schon längst nicht mehr gut genug ist. Ein großer Besitzer muß es sein, wie die reichen Herren der Niederung, die hundert Kühe halten und deren Käsereien mit Dampf betrieben werden. Billiger macht die Erdme es nicht, wenn selbst der Jons mit sich handeln läßt.
Um Mitte März kann das Kleine schon da sein. Und der März steht vor der Tür. Die Sonne bohrt Pockennarben tief in den Schnee, und wenn mittags die Eiszapfen tropfen, klingt es wie Frühlingsmusik.
Eines Tages kommt die Frau des Witkuhn. Mühselig schleppt sie sich ins Haus. Die Erdme ist noch ein Wiesel dagegen.
„Nachbarin,“ sagt sie. „Ich weiß, deine Stunde wird bald kommen. Ich hab’ eine Bitte an dich.“
„Was für eine Bitte?“ fragt die Erdme.
„Sieh mich an,“ sagt sie darauf. „So quiem’ ich nun schon an die zehn Jahr. Und die Wirtschaft kann nicht gedeihen. Hätte der liebe Gott ein Einsehen, so würd’ er mich zu sich nehmen, damit der Witkuhn sich nach etwas Besserem umsehen kann. Aber so werd’ ich ihm zur Last liegen, wer weiß wie lange.“
Sie weint, und die Erdme sagt zu ihr, was man so sagen kann.
„Darum sollst du mir das Versprechen geben,“ fährt sie fort, „daß du es bei der Hebamme nicht bewenden läßt, sondern dir auch den Doktor bestellst aus Heydekrug oder aus Ruß.“
„Um Gotteswillen!“ schreit die Erdme ganz erschrocken. „Das kostet zehn Mark!“
„Das haben wir auch schon überlegt,“ meint die Nachbarin, „und der Witkuhn hat gesagt,wenn ihr es noch knapp habt, die zehn Mark gibt er mit Freuden.“
Die Erdme wird heißrot, denn sie denkt an das, was im Frühherbst passiert ist. Und sie sagt: „Dank deinem Mann, Nachbarin, aber soviel haben wir selber. Nur sollt’ es für die Kuh gespart bleiben.“
„Die Kuh kann krepieren,“ sagt die Witkuhn, „und dann spart man sich eine neue. Aber wenn man selbst zuschanden ist, dann spart man sich keine mehr.“
DieWahrheit leuchtet der Erdme ein, und sie gibt das Versprechen. Sie kann es ruhig tun, auch für den Jons. Nur wie es mit dem Fuhrwerk werden wird, weiß sie noch nicht. Denn wenn der Doktor sich selbst eins bestellt, so kostet es weitere zehn Mark. Aber Witkuhn hat auch dafür schon Rat geschafft. Er hat mit einem der besseren Besitzer gesprochen, und der wird sein Pferdchen gerne hergeben, wenn es erst so weit ist.
Und jetzt ist es so weit. Die Erdme liegt und schreit wie ein Tier. Seit Stunden folgt eine Wehenwelle der anderen und will ihr das Gedärm aus dem Leibe reißen.
Da tritt ein deutscher Mann an ihr Bett, anzusehen wie ein rotbärtiger Riese — Perkuhn, der Donnergott, muß so ausgesehen haben —, und blickt aus großen, rollenden Gottesaugenauf sie herab und sagt mit einer Stimme, bullrig und gut wie abziehendes Ungewitter: „Na—a? Kommt es denn immer noch nicht?“
Nein, es kommt immer noch nicht. Und kommt auch die ganze Nacht hindurch nicht. Wenn eine Wehe heranjagt, dann kriegt sie seine Knie zu fassen und kneift sich darin fest, daß er lachend schreit: „Wirst du wohl loslassen!“ Aber sie kneift nur noch fester.
Zuerst, wie er gestanden hat, ist er weit höher gewesen als die Decke des Zimmers; nur ganz gebückt hat sein Kopf darunter Platz gehabt, und auch jetzt, wie er neben dem Bett auf der Hocke sitzt, erscheint er noch immer so groß wie etwa ein Pferd. Aber dann ist es ihr, als wird er langsam kleiner und kleiner. Mit jeder Nachtstunde wird er kleiner. —
Wie es gegen den Morgen geht, denkt sie mit einmal: „Für zehn Mark wird er das gar nicht machen.“ Und sie fängt vor Angst und Ungeduld zu weinen an, weil es so teuer wird.
Er wiederum denkt, daß es die ausgestandenen Schmerzen sind, die ihr die Tränen zum Fließen bringen. Und wie er ihr tröstend die Hand beklopft, da ist er schon ganz klein.
Und mit einem Male kriegt er das Übergewicht und kippt mit seinem mächtigen Schmerbauch nach hinten zurück, so daß die Beine hoch in der Luft herumrudern.
Da weiß sie, was es ist. Die Lehmschicht und der Moorboden haben dem mächtigen Körper nicht standhalten können, und die vier Beine der Hocke sind unter ihm in die Tiefe gesunken.
Und da befällt sie ein Lachen. Sie lacht und lacht, und aus dem Lachen heraus kreischt sie hell auf, denn ihr Leib wird plötzlich in Stücke geschnitten, und — wupp! — ist die Katrike da!
Nachher, wie er gehen will, dreht der Jons demütig die Mütze in der Hand und fragt ihn, was es wohl kostet.
Da sieht er sich in der Stube um, besieht den grünbunten Schrank und den goldrahmigen Spiegel und sagt: „Nun, nun, ihr scheint ja ganz wohlhabende Leute zu sein. Gebt mir also“ — der Erdme steht das Herz still vor Angst — „gebt mir also — drei Mark.“
Und die Erdme denkt jubelnd: „Wenn das so billig ist, krieg’ ich nächsten Frühling ein zweites.“
Man müßte lügen, wollte man sagen, daß das nun folgende Jahr für den Jons und die Erdme kein gesegnetes gewesen sei.
Das Schwein wird gut verkauft, und die Kuh zieht ein. — Sie ist die klügste, die schönstgefärbte, die milchreichste Kuh, die es auf Erdenje gegeben hat. Die Milch muß morgens und abends zur Sammelstelle getragen werden und bringt manchen nützlichen Groschen. Das Schlimme ist nur, daß es an Futter fehlt, denn auf dem kalklosen Moor kommen die Wiesen erst, wenn es Jahre und Jahre bebaut ist, und seine Bewohner helfen sich dadurch, daß sie im Umkreis — bis über den großen Strom hin — jedes Rasenstück pachten, das irgend zu pachten ist.
So geht auch Jons auf die Suche, findet aber nichts, was nahe genug gelegen wäre, daß man das Heu auf der Karre heimschaffen könnte.
In all den Sorgen muß also wohl oder übel der Moorvogt heran, der ja am besten Bescheid weiß.
Sie tun also so, als hätten siekeinschlechtes Gewissen, stecken für alle Fälle die schuldig gebliebene Pacht in die Tasche und gehen zu ihm.
Er sieht sie lange und nachdenklich an, schlägt dann ein großes Buch auf — das Buch gewiß, in dem all ihre Sünden stehen — und sieht sie darauf wieder an.
Erdme gibt dem Jons einen heimlichen Stoß, und er denkt: „In Gottes Namen.“ Damit zieht er die Pachtschuld aus der Tasche und legt sie auf den Tisch. „Schad’ um das schöne Geld,“ denkt die Erdme. Aber wenn man so angesehen wird, was kann man da machen?
„Es war Zeit,“ sagt der Moorvogt — weiter nichts — und schreibt ein Zeichen in das Buch.
Der Jons ist ganz geschwollen von dem plötzlichen Bewußtsein seiner Rechtlichkeit und sagt mit Würde: „Die Pacht fürs zweite Jahr wird auch bald da sein.“
„Daswär’ nun nicht nötig gewesen,“ denkt die Erdme, aber weil es doch mal heraus ist, will sie sich auch nicht lumpen lassen und setzt hinzu: „Es fällt uns ja schwer, aber unsere Verpflichtungen erfüllen wir pünktlich.“
Der Moorvogt kneift die Lippen ein, als will er ein Prusten verstecken, und der Erdme wird sehr verdrießlich zumut. Man weiß mit dem Manne nie, wie man dran ist.
Er breitet eine große Plankarte aus und fragt dann: „Wieviel Kartoffelland nehmt ihr dieses Jahr in Arbeit?“
„Wenn’s Glück gut ist,“ sagt die Erdme, „wird die Hälfte von dem Gepachteten fertig.“
Er wiegt langsam den Kopf, sieht sie wieder eine Weile an und sagt dann: „Für ordentliche Leute hab’ ich immer noch ein Stückchen Wiese bereit, das nicht zu weit liegt.“
„O Gott, o Gott,“ denkt die Erdme. „Wie erträgt der Mensch so viel Glück? Erst die Wiese und dann auch noch gelobt werden.“
„Außerdem,“ fährt der Moorvogt fort, „ist der Fiskus bereit, Ansiedlern, die sich bewähren,zur Verbesserung des Bodens mit einigem Kalkmergel unter die Arme zu greifen. Das gibt dann die doppelte Ernte.“
Das wird der Erdme zu viel. Sie kriegt das Heulen, rennt hinaus und rennt schnurstracks nach Hause. Der Jons kann sehen, wo er bleibt. Dann wirft sie sich über die Wiege der kleinen Katrike und erzählt ihr die ganze Geschichte. Und daß das Fräulein Tochter nun ganz sicher einmal in Samt und Seide gehen wird, erzählt sie ihr auch.
Wie der Jons nachkommt, der inzwischen alles festgemacht hat, fällt ihr ein, daß der Moorvogt, wenn er sie so sehr belobt, von ihren nächtlichen Fahrten unmöglich was wissen kann. Die kleine Ulele hat sie gewiß umsonst in Angst gejagt. Und ihr gutes Gewissen kennt keine Grenzen.
Unschuld liebt Blumen. Der Garten muß angelegt werden, sonst wird’s für den Sommer zu spät. Zu Staketen ist das Geld noch nicht da, Weidenruten tun’s auch. Wenn die bloß nicht immer von neuem losgrünen wollten. Tag für Tag muß man die jungen Triebe abschneiden, sogar die Brandmauer zwischen Kochherd und Ofen schlägt noch einmal aus, weil die Ruten, die ihr den Halt geben sollen, sich in dem Glauben befinden, sie seien zu neuem Wachstum in den fetten Lehm hineingepackt.
So will alles leben und gedeihen, selbst wenn es längst tot ist. Und der Jons und die Erdme solltennichtgedeihen, in denen doch Leben steckt für zehne?
Sonnenblumen, Krauseminze, Schnittlauch und Fenchel werden gesät, vor allem aber die Raute, die Mädchenblume, die Brautblume. Denn wenn die Katrike heiratet, muß sie sich ihren Kranz aus dem eigenen Garten winden. Das schickt sich für eine Besitzerstochter nicht anders. — —
Um dieselbe Zeit macht der Vater Uleles zum dritten Mal Hochzeit. Die Kleine hat viel Plage gehabt, und erst die Überzeugung, die sie der künftigen Stiefmutter beibrachte, daß sie selbst einmal etwas sehr Reiches werden wird, hat, als sie noch zögerte, den Ausschlag gegeben.
Sie ist eine hübsche Person zu Ende der Zwanzig mit einem gutherzigen und gekränkten Gesicht. Und wie sie dasitzt in ihrem schwarzen deutschen Kleide und einer Jettbrosche unter dem Halse, sieht sie aus, als ob sie gekommen wäre, ihr eigenes Begräbnis zu feiern. Aber die kleine Ulele weicht ihr nicht von der Seite und erzählt ihr immer aufs neue, wie herrlich hier alles bestellt ist und was für vornehme Gäste die Stube erfüllen und daß es für ihre dreihundert Taler eine bessere Verwertung nicht gebe.
Der große Smailus dagegen streicht seinen rundbogigen Schnurrbart, sieht kühn in die Weite und berichtet jedem, der es längst weiß, dies sei nun schon seine Dritte. Und hernach, wie er betrunken ist, setzt er hinzu, wenn daraus eine Vierte und Fünfte würde, ihm wäre es ganz recht. Aber da hat ihn die Ulele bald beiseite geschafft.
Abends spät, wie viele der Gäste schon weg sind und die verlassene junge Frau aus dem Brautwinkel mit großen Augen zur Tür sieht, als möchte sie rasch wieder anspannen lassen, da nimmt die kleine Ulele die Erdme beiseite und sagt: „Ich wollte eigentlich jetzt gleich nach der Stadt, um das Nähen und die Putzmacherei zu erlernen, denn das muß immer das erste sein, weil man zugleich die Abendschule besuchen kann. Aber ich seh’ ein, ich kann die Stiefmutter, bis sie ein Kindchen hat, nicht ganz allein lassen. Darum will ich fürs erste in Heydekrug bleiben. Von dort wutsch’ ich des Abends manchmal herüber und red’ ihr gut zu. Dich, Erdme, aber bitt’ ich, daß du oft um sie bist. Der Vater meint es nicht schlecht, aber sein Wesen könnt’ sie verschrecken.“
Und die Erdme verspricht es und denkt: „Zusammen mit der kranken Witkuhn sind es schon zwei. Die Katrike noch gar nicht gerechnet.“
Dann setzt sie sich auch gleich neben die junge Frau und erzählt, wie verzagt sie einmal gewesen ist, als sie aufs Moor hat hinausziehen sollen, und wie sie jetzt gar nicht mehr weg möchte.
Und die junge Frau meint traurig: „Aber deiner war jung und war auch kein Witmann.“
Dagegen läßt sich nichts sagen. Darum küßt sie sie bloß und hält ihr die Hände. Und langsam beruhigt sie sich und ißt von dem dickbezuckerten Fladen.
Der Witkuhn ist auch da — ohne die Frau —, aber er spricht die Erdme nicht an. Sie muß selbst auf ihn zugehen und ihn an frühere Zeiten erinnern.
„Es war doch so hübsch, Nachbar,“ sagt sie, „darum komm nur immer herüber. Was nicht sein soll, das hab’ ich vergessen.“
Er sagt: „Du bist gut gegen die kranke Frau und darum auch gut gegen mich. Ich bete für dich am Morgen und Abend, aber kommen — das kann ich nicht.“
Sie ärgert sich, daß es nicht nach ihrem Willen gehen soll, und nimmt sich vor, ihn nächstens kirre zu kriegen.
Wie sie nach Hause gehen, der Jons und sie — sie führt ihn natürlich, denn hätt’ er sich nüchtern gehalten, so wär’s eine schlechte Hochzeit gewesen —, da sieht sie auf dem Weg den grauen Schatten herumlaufen, der voriges Jahr, alssie das Haus gerichtet hatten und nun gemütlich ausruhen wollten, mit seinem Getanze dazwischen gefahren war.
Sie denkt an die Worte des frommen Taruttis und denkt auch an die Wassersnot, vor der sie manch liebes Mal zittert, wenn sie voll Stolz ihr wachsendes Eigen besieht. Sie weiß nicht, wie es geschieht —, sie hätt’ es auch nicht für möglich gehalten, aber sie muß das Stück Fladen hervorziehen, das sie heimlich eingesteckt hat, und es ihm hinreichen. Und sagt: „Da nimm, Nachbar, und wennduHochzeit machst, gibst du mir auch was.“
Er greift zu wie ein Verhungernder und prustet und faucht und läuft rasch davon, als muß er den Raub in Sicherheit bringen.
Doch sie kann sich der Guttat nicht freuen. Denn sie denkt, er werde nun ein Recht an sie haben und verlangen, daß sie mit ihm redet, wenn er des Wegs kommt. Und es redet doch sonst niemand mit ihm. Selbst der fromme Taruttis tut es nicht.
Doch ihre Sorge ist unnütz gewesen. Nie hat er sie anzuhalten versucht, und manchmal ist er vor ihr sogar auf die Seite gegangen. — — —
Die Erdme hat mächtig zu tun. Kind und Kuh verlangen Wartung, eines so viel wie das andere. Und ein Ferkel ist auch wieder da.
Der Frau des Witkuhn fällt das Melken sehrschwer, und die junge Frau Smailus muß eingewöhnt werden, sonst läuft sie womöglich wieder davon.
Jetzt sieht die Erdme erst, was sie an der kleinen Ulele gehabt hat. Aber klein ist die schon lange nicht mehr. Wenn sie zum Sonntagsbesuch kommt, dann trägt sie ein Fräuleinskleid und einen Strohhut mit Blumen. Sie nimmt die Stiefmutter unter den Arm und setzt sich mit ihr in das Kieferngestrüpp, das nicht höher ist als der Vater und dessen Nadeln büschelweis stehen wie Haare auf Warzen.
„Ach, wie ist es schön, so in einem grünen Walde zu sitzen,“ sagt sie dann, „und die gesegnete Flur zu erblicken!“ Und dabei zeigt sie nach den struppigen Kartoffeln und auf das brandige Moor, auf dem nichts weiter wächst als Torf in kohlschwarzen Haufen.
Und alsbald hat sie die junge Frau für acht Tage wieder getröstet.
Eines Sonntags sagt sie zur Erdme: „Gott sei Dank, jetzt wird sie’s leichter haben, denn es ist zugesät bei ihr.“
Mit dem Leichterhaben irrt sie sich freilich. Oft muß die Erdme heran, der traurigen Frau den Kopf zu halten, wenn sie sich weinend erbricht und immer nach Hause will.
Und auch bei der Erdme ist es wieder so weit. Da heißt es, sich dreifach zusammennehmenund sich nichts merken lassen, sonst geht die Wirtschaft den Krebsgang.
Der Jons hat neben der Taglöhnerarbeit jetzt auch für die Wiese zu sorgen. Die Karre nimmt er des Morgens meist mit und schiebt sie des Abends mit Grünfutter beladen nach Hause. Dazu kommt noch die Heuaust, das Mähen, das Wenden, das Inhaufenbringen und Wiederausstreuen, wenn der Regen alles durchweicht hat.
Man kann es wohl verstehen, daß er maulfaul wird und kaum Antwort gibt, wenn man ihn fragt. Wäre die kleine Katrike nicht da, gäb’s wenig Unterhaltung im Hause. Aber die lacht schon, macht Brummchen und zappelt, solange man Zeit hat zum Spielen.
Die Kartoffeln bringen in diesem Jahr funfzig Scheffel. Davon darf man sogar verkaufen. Milchgeld, Taglohn, Ertrag des Schweines kommen dazu. Man kann fürs nächste Jahr an eine weitere Pachtung denken.
Der zweite Winter vergeht wie der erste. Nur daß die Erdme ein Spielzeug hat und daß die Ulele den Kopf nicht mehr zur Tür hereinsteckt.
Im April kommt die kleine Urte zugereist. Ganz leicht und plötzlich ist sie gekommen. Der Doktor hat gar nicht geholt werden brauchen.
Nun sind es schon zweie, und darum wird Schluß gemacht. Das Nötige hat die Erdme als Mädchen gelernt.
Die Jahreszeit ist für die Entbindung günstig gewesen. Noch bleibt Zeit genug für die Frühjahrsbestellung. Am neunten Tage nach der Geburt hat die Erdme schon wieder bis an die Knie im eiskalten Schlamm gestanden. So ein Kerl ist die Erdme.
Nicht so leicht hat es die junge Frau Smailus gehabt, aber daran ist ihr Herzweh wohl schuld. Was wäre erst ohne die Ulele geworden! Mit einem Male ist sie dagewesen, hat Hebammendienste getan, hat das Kind gewartet so gut wie die Mutter und hat dabei noch in den Büchern gelesen.
Eines Tages kommt sie zur Erdme und sagt: „Nun wird es wohl gehen, daß ich weg kann. Wenn ihr das Kleine nicht hilft, hilft ihr nichts auf der Welt.“
Die Erdme fragt sie, wo sie eigentlich hin will.
Und sie sagt: „Zuerst nach Königsberg und dann nach Berlin. Denn diese kleinen Nester sind nichts für mich. Nicht einmal, was ein kleidsamer Hut ist, versteht man da. Auch muß ich des Abends die Schreibmaschine erlernen sowie die Schnellschrift, die man Stenographie nennt. Dann muß ich noch einmal aufs Land, das heißt auf ein Rittergut, um die Wirtschaft zu lernen und die Verwaltung. Wenn ich das ordentlich verstehe, gehe ich in ein großes Getreidegeschäft und mach’ mich dort unentbehrlich.Vielleicht, daß der Prinzipal mich dann heiratet, weil er einsieht, daß ohne mich doch nichts mehr los ist. Aber im Grunde glaub’ ich es nicht. Denn die Männer sehen mich nicht an.“
„Du bist ja noch so jung,“ sagt die Erdme.
„Das ist wahr,“ sagt sie, „Busen hab’ ich noch gar nicht. Vielleicht werd’ ich auch nie einen kriegen. Ich hab’ immer gedacht, ich werd’ durch das Mannsvolk in die Höhe kommen, aber das muß ich mir wohl aus dem Kopf schlagen. Und es wird ja auch so gehen.“
Und die Erdme lacht und sagt: „Du mit deinen fünfzehn — was kannst du da Großes verlangen?“
„Um mich herum liebt sich schon alles,“ gibt sie zur Antwort, „bloß mich wollen sie nicht.“
Und Erdme, die erst sehr neidisch gewesen ist, sieht auf die Wiege, in der Kopf an Kopf die Urte und die Katrike liegen, beide mit Lutschpfropfen im Munde, und denkt: „Euch wird es nicht so gehen, denn ihr habt von meinem Blut in den Adern.“
Und es ist, als ob die Ulele ihren Gedanken erriete, denn sie sagt seufzend: „Ja, wenn man so eine wäre wie du!“
„Was willst du damit sagen?“ fragt die Erdme argwöhnisch. „Weißt du etwas von mir?“
„Das gerade nicht,“ sagt sie, „aber — aber —“ Und sie druckst und druckst und kommtnicht zu Rande. Schließlich, wie sie gehen will, dreht sie sich noch einmal um und sagt: „Eine Bestellung ist es eigentlich nicht, das würde sie sich nicht getrauen. Aber wünschen tut sie gewiß, daß du es erfährst.“
„Wer? Was?“ fragt die Erdme ganz erstaunt.
Also: die Frau Witkuhn hat zu ihr gesprochen wie zu einer Alten. Das Elend mit ihrem Manne reißt ihr das Herz aus dem Leibe. Wenn er nicht da ist, sitzt sie in Angst, er könne sich ein Leid antun. Und ob es keine Möglichkeit gebe, daß die Erdme sich seiner erbarme.
Die Erdme erschrickt. Wenn die eigene Frau sich wirklich so an der Natur und der Religion versündigt, dann muß es wohl schlimm stehen.
„Warum hängt er sich gerade an mich?“ fragt sie. „Mädchen, die ihm gern einen Gefallen täten, laufen genug herum auf dem Moor.“
Die Ulele macht eine pfiffige Nase. „Das ist es gerade,“ sagt sie. „Ursprünglich wäre ihm wohl jede die Rechte gewesen, aber wenn eine ihm nah kommt, schrickt er zurück. Früher, als ich noch dümmer war und nicht wußte, warum, da hab’ ich mich ihm manchmal auf den Schoß setzen wollen, aber da hat er mich von sich gewiesen wie das höllische Feuer. Nun aber hat er seine Sinne auf dich allein gesetzt. Ich verstehe ja nicht viel davon, aber ich meine, wenn der Jons nichts erfährt, könntest du ihmwohl einmal Mitleid erweisen. Wollte er mich, ich tät’s, aber ich bin ihm wohl noch zu klein.“
Die Erdme fühlt, daß sie heiß wird von Kopf bis zu Füßen. „Du verstehst wirklich noch nichts davon,“ sagt sie und schiebt die Ulele hinaus und nimmt auch keinen Abschied von ihr.
Aber der Gedanke an den Nachbar geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sitzt der Jons ihr gegenüber, stumm und schwer, wie es seine Gewohnheit ist, dann sieht sie ihn immerzu an und denkt: „Soll ich — soll ich nicht?“ Und ihr Entschluß ist dann stets: „Nein, ich soll nicht.“
Aber wenn sie den Nachbar arbeiten sieht fernab auf dem Feld und sich sein feines, stilles Gesicht vorstellt und die zitternden Backenknochen, dann denkt sie doch wieder: „Ich soll.“
Und ihr Mitleid wird so groß, daß sie nachts von ihm träumt und bei Tage auf dem Grabenrand sitzt und ihm nachsieht. Dabei leidet natürlich die Arbeit.
Schließlich denkt sie: „Komm’s, wie es will, geschehen muß was.“
Darum faßt sie sich eines Tages ein Herz und geht zu ihm ’rüber.
Als er sie kommen sieht, fällt ihm die Hacke aus der Hand. Er steht da und sieht sie an wie eine Himmelserscheinung, und dabei hat er sie doch immer vor Augen.
„Nachbar,“ sagt sie, als hätte sie noch gesternmit ihm gesprochen, „willst du nicht einmal nach unserer Kuh sehen? Die frißt nicht.“
Er zieht die Klotzkorken über die nackten Füße und kommt. Er befühlt der Kuh den Leib, legt ihr die Hand auf die Schnauze und dreht die Augenhaut um. „Die Kuh ist gesund,“ sagt er. Weiter nichts.
Die Erdme schämt sich und fühlt, wie sie zittert. Aber sie weiß, so ein Augenblick kommt nicht wieder. Darum ladet sie ihn ein, noch ein wenig in die Stube zu treten.
„Was soll ich da drin?“ fragt er.
„Ich hab’ schon lange einmal mit dir reden wollen,“ sagt sie.
Er streift die Klotzkorken ab und tritt ein. Die Wiege hat sie vorher auf den Hof gestellt, damit die Kinder nicht zusehen.
Und jetzt stehen sie da und zittern beide.
„Nachbar,“ sagt sie, „ich muß immer an die Stunde denken vor zwei Jahren, und mir ist, als habe ich dir ein Unrecht getan. Wenn ich es gutmachen kann, will ich es gerne.“
„Es ist nichts gutzumachen,“ sagt er und bekuckt sich die Bilder.
„Setz dich auf die Bank, Nachbar,“ sagt sie.
Er gehorcht, und sie setzt sich neben ihn. Mehr kann sie wahrhaftig nicht tun.
„Nachbar,“ sagt sie, „du hast ein seltsames Wesen. Nicht bloß gegen mich. Dir muß irgendwas geschehen sein. Das Beste wär’ schon, du sprichst dich aus.“
„Jawohl,“ sagt er, „das will ich.“
Und dann erzählt er ihr eine Geschichte, wie es ihm in der Jugend ergangen ist. Er ist ein froher Bursch gewesen, Besitzerssohn, ansehnlich und beliebt. Und die Mädchen haben ihn gern gewollt zum Heiraten sowohl wie zu dem anderen. Und eine — die war wild und heimlich zugleich. Wie wohl die wildesten sind. Und nichts war ihr heimlich genug. Und eines Nachts im Finstern trafen sie sich unter dem Kadigbusch auf der Heide, wo sonst kein Menschenfuß hintritt. Da wollte sie ihm zu Willen sein. Aber plötzlich sind ringsum Lichter aufgetaucht von Jägern, die sich schon im Finstern auf eine Jagd begaben. Da hat sie zu schreien angefangen, daß er ihr Gewalt antue. Als ob sie am Speer stak, so hat sie geschrieen. Und so ist er ins Unglück gekommen. Das hat ihn verfolgt von Ort zu Ort und ist stets offenbar geworden, wenn er ein Führungsattest gebraucht hat oder als Zeuge vor Gericht hat stehen müssen. Schließlich hat er im Moor eine Zuflucht gefunden, wo mancher bestraft ist und keinem viel Schaden daraus erwächst. Der Moorvogt weiß es und seine Frau. Sonst niemand. Bei der Frau hat er Rettung gesucht, aber die ist ja schon lang’ keine Frau mehr. Und sobald eine andere ihm zugelächelthat, ist ihm sofort der Gedanke gekommen: „Sie wird schreien.“ Immer hört er das Schreien. Und dann zittert ihm das Gesicht, wie es ihm damals gezittert hat, als er sich stumm und ohne Verteidigung hat abführen lassen. So vertattert ist er gewesen, und so ist er noch heute.
„Wie hast du dich dann aber an mir vergreifen können?“ fragt sie und lächelt ihn an.
„Das weiß ich selber nicht,“ sagt er und streicht sich übers Gesicht.
„Nun, ich hab’ dochnichtgeschrieen,“ sagt sie und lächelt ihn immerzu auffordernd an.
„Aber — abgewiesen hast du mich, und seitdem ist es schlimmer als je!“
Soll sie nun sagen: „Heute würd’ ich dichnichtabweisen?“ Das kann sie nicht. Das bringt keine Frau über die Lippen. Bloß seinen Arm streichelt sie und sagt: „Armer Nachbar.“
Sie denkt, er wird sie nun umfassen, aber was tut er? Er zittert und rückt von ihr weg und stöhnt: „Laß man, mir hilft keiner mehr.“
„Gott wird helfen!“ sagt sie, wie man sagt: „Guten Tag“ und „Guten Weg“.
„Auch Gott hilft mir nicht,“ schluchzt er und ringt die Hände. „Ich hab’ zu ihm gebetet bei Tag und bei Nacht, er soll die große Zuneigung von mir nehmen, aber geholfen hat er mir nicht.“
„Ichwerd’ für dich beten,“ sagt sie. Sündigen möcht’ sie viel lieber, aber man muß doch so tun.
Er in seiner Not greift den Gedanken auf wie der Hungernde den Knochen, den man zum Fenster hinauswirft.
„Ja, bet für mich, bet für mich, oder wenn du mir eine große Gnade antun willst, dann laß uns zusammen beten. Vielleicht daß Gott mich dann hört.“
Und richtig! Sie holt ihr Gesangbuch hervor und das von Jons, und jeder schlägt auf, und sie beten und beten.
Und siehe da! Immer frömmer wird ihr zumute. Sie denkt an die schlafenden Kinderchen draußen und an den Mann, der sich abschindet von früh bis spät, und bald begreift sie gar nicht mehr, daß sie eine so große Sünde hat begehen wollen.
Wie sie eine halbe Stunde gebetet haben, sagt sie: „Nun, Nachbar, fühlst du, daß es dir hilft?“
Er schüttelt bloß den Kopf.
Sie denkt: „Aber mir hat es geholfen.“ Und nun — ganz aufrichtig gesonnen — redet sie ihm gut zu und meint, sie möchte ihm ja gerne den Wunsch erfüllen, aber es gehe nicht an. Die Kinderchen sind noch so klein, und der Jons hat sie alle dreie so lieb, wenn er es auch nicht rechtausdrücken kann. Aber vielleicht wird es später einmal anders werden, so daß sie sich dann wegen des Unrechts nicht mehr so zu schämen braucht. Es könnte ja sein, daß Jons einmal zu trinken anfängt und sie schlägt oder so. Dann würd’ sie sich kein Gewissen draus machen.
Der Nachbar steht auf, tastet nach seiner Mütze und sagt im Gehen: „Ich werd’ also warten.“
Und sie denkt: „Schade! Aber wer weiß, wozu es gut ist?“
WenndasÜberschwemmung ist, das läßt sich ertragen!
Wohl stehen Hof und Garten zollhoch unter Wasser, auch ist der Knüppelweg zur Chaussee an vielen Stellen unbegehbar. Und der Estrich in der Stube fühlt sich an, als möchte er sich von neuem kneten lassen. Aber schließlich — zu seinem Vergnügen lebt man nicht im Moor, und alles geht vorüber. Die Wege trocknen, über Hof und Gräben legt man Bretter, und der Estrich wird wieder glatt gewalzt.
So ist es nun im Märzenmonat schon zweimal gewesen, und die Erdme denkt nicht mehr mit Angst an die finsteren Prophezeiungen, mit denen der alte Raubmörder einst ihre Hoffnungen vergiftete.
Manchmal fragt sie die Nachbarn, aber die scheinen ungern davon zu sprechen, und darum unterläßt sie es. — — —
Jetzt im vierten Jahre zeigt es sich, daß man stark genug ist, noch weitere Sprünge zu machen. Die Wiese liefert Heu genug, um eine zweite Kuh zu ernähren, und deshalb muß ein Stall gebaut werden. Der Abschlag am Giebelende reicht schon für die eine nicht aus, besonders wenn die Mastferkel an den Pfosten herumwühlen, so daß an manchem Morgen das ganze Dach der Kuh auf dem Rücken liegt.
Gespart ist ja, aber ob man ausreichen wird, ist zu bezweifeln. Und da zu gleicher Zeit wegen der Pachtung eines zweiten Hektars mit dem Moorvogt gesprochen werden muß, könnte man vielleicht aus dem Raiffeisenverein ein Darlehen von ihm erlangen.
Eines Sonntagnachmittags zu Anfang April stellen sie die Lampe hoch, verstecken die Streichhölzer, schließen die Kinder ein, und dann gehen sie zum Moorvogt.
Er hört ihnen schweigend zu und schlägt darauf sein großes Buch auf. Ach, dieses fürchterliche Buch! Je länger er darin liest, desto zittriger werden der Erdme die Beine, denn die Ulele hat ja einmal gesagt — — man wagt gar nicht auszudenken, was die Ulele gesagt hat.
Dann sieht er sie eine Weile an, gerade wie damals, und endlich macht er den Mund auf.
„Also alles in allem geht es euch gut?“ fragt er.
Nun möchte ich den Landmann sehen — ob litauisch oder deutsch, ob Bauer oder Graf —, der auf eine solche Frage mit einem schlichten Ja geantwortet hätte.
Sie fangen also alle beide fürchterlich zu klagen an. Die Nachtfröste im vorigen Herbst — und die verschorften Kartoffeln — und die wartungsbedürftigen Kinder — und die Überschwemmung noch jüngst!
„Was wißt ihr von Überschwemmung!“ sagt er, und ein bitteres, ein fast verzagtes Lächeln fliegt über sein starkes Gesicht.
„Jedenfalls geht es euch so gut,“ fährt er fort, „daß ihr eine erhebliche Vergrößerung eurer Wirtschaft in Angriff nehmen könnt. Es kommt mir das nicht unerwartet, denn ich habe euch natürlich im Auge behalten. Das zweite Hektar ist euch bewilligt, und auch für das Darlehen werde ich eintreten. Nur — nur —“ er stockt und sieht sie wieder an, „nur scheint mir, daß ihr noch von der Bauzeit her dies und jenes in Ordnung zu bringen habt.“
Jons und Erdme werfen sich einen heimlichen Blick zu. Was kann er nur meinen?
Und er sieht sie immer weiter an mit starren,bohrenden Augen, als ob sie splinterfasernackig vor ihm stünden.
„O Gott, o Gott!“ denkt die Erdme. Dennwashat die Ulele gesagt?
Und das Versprechen fällt ihr ein, das sie sich am Abend ihrer Trauung im Matzicker Chausseegraben gegeben haben. Ach, wie bald ist das vergessen gewesen!
„Es scheint, ihr wißt nicht, was ich meine,“ fährt der Moorvogt fort. „Geht also nach Hause und denkt darüber nach. Wenn ihr findet, daß ich Unrecht habe, dann kommt wieder, aber nicht früher.“
Damit sind sie entlassen.
In stolzer Hoffnung waren sie gekommen. Stillschweigend, mit gesenkten Köpfen gehen sie wieder heim.
„Allwissend ist Gott allein,“ denkt die Erdme.
„Hier hilft bloß eines,“ sagt schließlich der Jons, „daß wir nun doch noch unter die Gebetsleute gehen.“
„Warum?“ fragt die Erdme. „Wir sind ja fromm genug.“
„Wenn man unter die Gebetsleute geht,“ sagt der Jons, „kann man seine Sünden bekennen und alles gutmachen, ohne daß einem daraus ein Schade erwächst.“
„Gutmachen kann man auch so,“ sagt die Erdme. „Wozu noch erst viel bekennen?“
„Das ist nicht das Richtige,“ sagt der Jons.
Sie beschließen also, den frommen Taruttis zu besuchen und zu sehen, ob es lohnt, sich in die Gemeinde der Erleuchteten aufnehmen zu lassen.
Der fromme Taruttis empfängt sie mit Freuden.
„Ich habe schon oft gebetet,“ sagt er, „daß ihr den Weg zum Heile finden möget, und nun ist mein Gebet erhört.“
So mager und so sanft sieht er aus wie ein Sendbote des Herrn. Und seine Augen leuchten wie zwei weinende Sonnen. Er ruft auch die Taruttene, die ihnen Schmand mit Glumse vorsetzt. Sie ist nun ganz hutzlig geworden und will gleich zu singen anfangen. Sie hält es schon gar nicht mehr aus. Aber er beruhigt sie. Damit habe es bis zur nächsten Versammlung Zeit. Erst müsse ein Sündenverzeichnis hergestellt werden. Und bei dem öffentlichen Bekenntnis werde die ganze Gemeinde Gott auf den Knieen um Vergebung anflehen. Das habe noch immer geholfen.
Jons und Erdme sehen sich an. Sie haben es zwar oft schon mitgemacht, aber nun sie selbst daran glauben müssen, wird es ihnen doch fürchterlich sauer.
Der Taruttis legt auch gleich ein Blatt Papier auf den Tisch, macht eine römische Eins und sieht sie erwartungsvoll an. Da nimmtdie Erdme das Wort und sagt: „Damit das Bekenntnis ganz vollständig wird, wollen wir uns vorerst im einsamen Kämmerlein gehörig kräftigen. Sonst könnte es geschehen, daß etwas fehlt, und das würden wir uns niemals verzeihen.“
Der fromme Taruttis lobt den Ernst ihrer Bestrebungen und ladet sie zu der nächsten Versammlung. Und dann gehen sie heim.
„Nein,“ sagt die Erdme entschieden, „damit die Leute hernach mit Fingern auf uns weisen: ‚Da seht das verstohlene Pack‘. Das könnte mir passen.“
Der Jons meint zwar schüchtern, man könne das Bekenntnis so undeutlich sprechen — besonders wenn man zu zweit ist —, daß niemand was Rechtes versteht. Aber die Erdme bleibt fest. „Unsere Kinder sollen einmal in Samt und Seide gehen,“ sagt sie, „für die muß vorgesorgt werden.“
Auf alle Fälle machen sie jetzt das Verzeichnis. Der Mann, dem sie die Saatkartoffeln ausbuddelten, bekommt die erste Nummer. Und dann folgt eine sehr lange Reihe. Einzelnes bietet Schwierigkeiten. Wem zum Beispiel sollen sie das Heu für die Ziege ersetzen, das sie im Dunkel der Nacht aus den fahrenden Fudern zupften? Oder: Wem hat der Jons Schaden getan, als er mit dem Abgebrannten wegen der Türen und Fenster den heimlichen Handel abschloß?Denn was eine Versicherungsgesellschaft ist, wer kann sich das vorstellen? Und dann das Allerschlimmste: die Veruntreuungen auf dem Holzplatz, auf dem der Jons ja heute noch arbeitet! Der Möbeltischler ist nicht der Einzige gewesen. Gar manchem, der eine offene Hand hatte, ist beim Verladen eine oder die andere Planke mehr auf den Wagen geschmissen worden. Und der Aufseher hat dann den Rüffel gekriegt.
Schlimme Sache! Schlimme Sache!
Trotz alledem gehen sie ans Werk. Der Jons bringt Postanweisungen und Linienpapier, und nun schreiben sie einen Brief nach dem anderen, gerade so, als ob sie wirklich bei den Gebetsleuten eintreten wollten ... Und das tun sie aus Klugheit, denn sie wissen, deren Sündenbekenntnisse werden von den Deutschen mit Lustigkeit, von den Litauern mit Andacht aufgenommen und niemals weiter verfolgt. Aber in zweifelhaften Fällen vermeiden sie der Sicherheit halber, ihre Namen anzugeben.
Einer der Briefe lautet so:
„Wehrter Herr Hahn!
Da ich den Herrn Jesus gefunden und er mich eretet hat aus allen meinen Sünden. Bezeugt mir der Heilige Geist Gottes mein Ibelthat. Um mit Gott und Menschen ins reine zu komen, soll ich mihr reinigen wie auch der Herr Jesus rein war. Der Herr zeiget mir, daß ich auchIhnen währent meinem Hausbau beschädigt habe indem ich aus Ihrem Walde Holz stahl. Ich biete um Vergebung der Schuld, das sie mir nicht vor dem Throne Gottes verklagen wirde. Darum läge die 30 Mark für den Wert des Entwändeten Matirials. Der liebe Gott ist selber Richter und weis am bästen den Weg. Er hat meinem Gewissen soviel geurteilt. Ich biete nochmals um Verzeihung und vergebung der Schuld, das ich Frieden mit Gott häbe und mein Gewissen mich nicht verklagen wirde. Der Herr Jesus hat mir schon vergäben, als er am Kreuze auf Golgatha das Wort ausrief Es ist volbracht.
AchtungsvolJ. Baltruschat.“
Und ein anderer lautete so:
„Hochgerter Herr!
Als ich in einen neien Abschnit meines Lebens mich mit meinem Gott versähnen wolte, fand ich unter den verbannten Gegenstenden, das ich mich auch an Ihnen vergangen habe. Zwar glaubte ich früher das wen man von einen reichen Herrn Kleinigkeit stiehlt, keine Sünde ist. Komme daher ihnen dankbar um Vergebung zu bieten, wenn Sie so gütig sind. Ich befand mich vor langer Zeit bei meinem bauen in großer Verlegenheit und da ging ich hin und holte mir aus ihre Grube den Lähm gleichwie es Gott gefiel. Daher sände Sie gefälligst10 Mark. Biete wenn möglich um Sündenvergebung.
Hochachtendein Nachbar.“
Diese beiden Briefe, den frömmeren und den weltlicheren, nehmen sie sich zum Muster und richten danach die übrigen ein.
So schreiben sie noch manchen Brief und berechnen genau die Beträge, die sie den Empfängern schuldig sind.
Der Abgebrannte, zu dem der Jons geht, um zu erfahren, an wen er sich wegen des Ersatzes zu wenden habe, wohnt in einem nagelneuen Hause. Dessen Türen und Fenster sind tausendmal schöner als die, die er damals beiseite geschafft hat. Er lacht zuerst fürchterlich, als er aber hört, daß Jons zu den Gebetsleuten gehen will, sieht er gleich ein, daß es sein muß, und gibt ihm genaueste Auskunft.
So bliebe also nur noch das Holzgeschäft übrig, denn das Ziegenheu kann auch von selber gefallen sein. Aber das Holzgeschäft!
„Das deutsche Schwein kann Wind auf dich kriegen und zeigt dich am Ende noch an,“ warnt die Erdme. „Selbst ohne Unterschrift kann es dir schlecht gehen.“
Das sieht er auch ein und schreibt darum zur Sicherheit den Namen eines anderen Arbeiters, der vor kurzem nach Rußland zu denHolzfällern gegangen ist und der ebenso gemaust hat wie er. So reinigt er zugleich auch dessen Gedenken, was als eine doppelte Guttat angesehen werden muß.
Als die Briefe und die Postanweisungen weg sind, wird ihnen beiden sehr wohl zumut. Die Ersparnisse haben sich zwar erheblich vermindert, aber statt dessen hilft ja der Moorvogt.
Darüber vergessen sie ganz, daß sie auf der nächsten Versammlung der Gebetsleute das Sündenbekenntnis ablegen sollen.
So kommt der Sonntagnachmittag heran. Sie sitzen vergnügt vor der Tür. Er raucht seine Pfeife, sie riecht an einem Marienblatt, und die Kinder spielen um sie herum. Da hören sie miteinem Male einen feierlichen Gesang.
„Es wird ein Begräbnis sein,“ meint die Erdme.
Aber der Gesang kommt immer näher, und was sehen sie? Der fromme Taruttis und zwei andere fromme Männer gehen zwischen den Kartoffeln geradeswegs auf sie zu, und jeder hält sein Gesangbuch in der einen Hand und sein Schnupftuch in der anderen, und eine Mütze hat keiner auf.
O Gott, wie wird ihnen da! Weglaufen können sie nicht, und Ausreden haben sie auch nicht.
Der Jons in seiner Verlegenheit heißt sie willkommen und fragt, ob er den werten Gästenvielleicht einen Schnaps anbieten kann. Wo er doch wissen muß, daß die Erleuchteten geistige Getränke nicht zu sich nehmen.
Der fromme Taruttis tut, als hat er die Frage gar nicht gehört, und sagt: „Teurer Bruder und geliebte Schwester. Die Stunde des Segens ist da. Die Pforten der Himmelsstadt sind aufgetan! Folget uns nach Jerusalem, wo ihr alsbald in weißen Kleidern dastehen werdet zur rechten Seite des Herrn.“
Der Jons, der wie vor den Kopf geschlagen ist, will richtig schon gehen, aber die Erdme hält ihn gerad’ noch am Ärmel.
„Lieber Nachbar und ihr anderen geehrten Gäste,“ sagt sie und macht ein scheinheiliges Gesicht, „seit wir unseren Entschluß kundgetan haben, prüfen wir uns unaufhörlich, aber es will uns gar keine Sünde einfallen. Nun müßten wir uns jedoch schämen, so selbstgerecht vor euch zu erscheinen, wo doch ein jeder sonst sein Bündelchen auspackt. Darum lasset uns Zeit, ein Monatchen oder ein Jahrchen — oder noch mehr, damit wir ein gehöriges Bekenntnis zusammenkriegen. Vielleicht sündigen wir inzwischen auch noch was Neues, und das ist dann gleich ein Abwaschen.“
So einfältigen Glaubens der fromme Taruttis auch sein mag, — daß diese freche Person sich lustig macht, das sieht er doch ein.
„Warum seid ihr denn zu mir gekommen?“ fragt er sie ganz verdutzt.
„Ihr seid ja auch zu uns gekommen,“ gibt sie zur Antwort.
Darauf wissen die frommen Männer nichts zu erwidern und heben sich wieder von hinnen. Und Jons geleitet sie bis an den Grenzgraben, dorthin, wo das Brett ’rüberführt.
Wie er zurückkommt, sieht er, daß Erdme die beiden Kleinen im Arm hat und liebkost.
Dann läßt sie sie fallen, hebt beide Fäuste hinter den Weggehenden her und ruft ganz laut:
„Meinen Töchtern die Heirat verderben, das wär’ euer ganzer Segen, ihr Schufte!“
Der Jons ist beinahe erschrocken. Nie hätte er gedacht, daß sein Weib so böse sein kann.
Über den Nachbar Witkuhn scheint etwas wie Frieden gekommen. Er weicht der Erdme nicht mehr aus, bleibt ruhig zu Hause, wenn sie der kranken Frau beispringt, und kommt herüber, so oft es nottut. Ohne ihn wäre der Stall gar nicht zustande gekommen. Der ist nun viel prächtiger als das Wohnhaus und bietet Platz für zwei Kühe und zwei Schweine und sogar — der Himmel bewahr’ uns vor Hochmut! — sogar für ein künftiges Pferd.
Der Nachbar Witkuhn weiß, daß er selber es nie so weit bringen wird. Um so eifriger ist er darauf bedacht, daß Jons und Erdme dahin gelangen.
Der Ankauf der zweiten Kuh ist auch sein Werk. Eine Holländerin ist sie, wollstirnig mit einem schwarzen und einem weißen Auge. Und Milch gibt sie — man schämt sich zu sagen, wieviel Milch sie gibt, aber die an der Ablieferungsstelle, die wissen’s.
Jetzt kommt des Abends schon manchmal Butter auf den Tisch, und die Kleinen trinken frische Milch, soviel sie nur mögen.
Im Frühling des fünften Jahres geschieht das Große, daß Jons seine ständige Arbeitsstelle aufgeben muß, denn Erdme schafft es nicht mehr, selbst wenn er die Freistunden noch so sehr ausnutzt.
Der Sägemühlenbesitzer schenkt ihm zum Abschied zehn Mark und eine Kiste Zigarren wegen der Ehrlichkeit, die er immer bewiesen hat, im Gegensatz zu anderen, die sich jetzt in Rußland herumtreiben.
Nun kann sogar das dritte Hektar in Angriff genommen werden, zumal der am frühesten urbar gemachte Boden für Roggen bald reif ist.
Der Moorvogt gibt noch ein neues Stück Wiese dazu und verspricht sogar, den Jons beider Entwässerung zu beschäftigen, wenn es ab und zu in der Wirtschaft zu still wird.
So ist für alles gesorgt, und die Zukunft liegt da wie ein blühendes Kleefeld.
Wenn Erdme bei ihrer Arbeit die schlammbespritzten Beine hebt und senkt, daß der federnde Grund schaukelt wie eine Wiege, und wenn das schwarze Wurzelwerk unter den Streichen der Hacke zerblättert, als wäre es Torfgrus, dann ist ihr zumut, als sei das ganze Moor nur geschaffen, um ihrem Glücke zu dienen. Und sie dehnt in lauter Wohlsein die starke Brust dem Gelingen entgegen.
Wenn es nur allen so ginge wie ihr! Aber ringsum sitzt Kummer genug. Von der hinfälligen Frau des Witkuhn gar nicht zu reden. Die wird sich vielleicht noch Jahre so schleppen, ohne daß Hoffnung kommt. Aber neben ihr lebt die junge Frau Smailus. Die ist sehnig von Gliedern und schafft auch, aber in ihrem Innern scheint sie noch kränker als jene.
Sie geht umher wie im Traum, gibt falsche Antwort, wenn man sie fragt, und ihre Brust hat nicht Milch für die Kinder.
„Was ihr fehlt, weiß ich lange,“ sagt der Nachbar Witkuhn. „Die Moorkrankheit hat sie.“
Die Erdme fragt, was das ist.
Und er sagt: „Die Moorkrankheit kommt wie durch ein Gift, das aus dem Boden aufsteigt.Niemand weiß, wie es aussieht, und kein Doktor hat es gefunden. Es ist da und ist auch nicht da. Wie man will. Den einen wirft es nieder, dem anderen ist es Arznei. Und für den, der daran krankt, gibt es nur eine Rettung: ’raus aus dem Moor, rasch ’raus, ohne sich umzusehen. Aber für die meisten ist es zu spät.“
Was die Erdme einst der Ulele versprochen hat, das hält sie getreulich. Sie steht der gemütskranken Frau zur Seite, wo sie nur kann. Nicht bei der Arbeit. Die macht sie allein. Aber des Sonntags oder zum Feierabend — denn Feierabend gibt es schon manchmal — geht sie hinüber zu ihr, legt den Arm um ihre Schulter und sagt: „Komm, Nachbarin, wir wollen uns was erzählen.“ Und sie führt sie die Sandnase hoch und in das Fichtengestrüpp. Da sitzt die kranke Frau am liebsten, denn es gemahnt sie an die verlorene Heide, von der sie herstammt.
Und dann seufzt sie und weint: „Ach, meine Heide, meine Heide!“
Die Erdme kann ihr die Heide noch so schlecht machen. „Ich bin ja auch von der Heide zu Hause,“ sagt sie, „und weiß: schinden tut man sich dort nicht weniger als hier. Auf dem Sand gedeiht nicht einmal Roggen, und der Hafer sieht aus, als hat er die Schwindsucht. Und Fichten — na ja — die stehen ja dort höher. Aber Schattengeben sie auch nicht. Und vorwärts kommt man hier besser als dort.“
„Aber wenn dort das Heidekraut blüht,“ sagt die Frau und starrt sehnsüchtig ins Weite, „und alles ist rot von lauter Blumchen, und die Hummeln singen drum ’rum, und die Luft ist warm, und unter dem Kadig liegt man geborgen so wie im Himmel! Aber hier friert man ja selbst im August und ist stets am Versinken. Vier Wochen sind’s her, da ist mir mit einmal der Herd eingesunken — vor meinen sehenden Augen ist er gesunken.“
„Dann ist er eben zu schwer gewesen,“ tröstet die Erdme, „man muß ihm einen besseren Untergrund schaffen.“ Und um die Frau aufzuheitern, erzählt sie ihr die Geschichte von dem großen, rotbärtigen Doktor, der immer kleiner und kleiner wurde, weil die Schemelbeine ihm unter dem Leibe versanken.
Hätte sie gewußt, was für ein Unheil sie damit anrichtet, sie hätte es liebernichtgetan. Als sie das nächste Mal mit der Frau zusammenkommt, da krallt die sich an ihr fest und sagt: „Stell dir vor, Nachbarin, jetzt kann ich des Nachts gar nicht mehr schlafen, denn ich muß immerzu denken, daß die Bettfüße unter mir wegsinken, und das ganze Bett versinkt, und ich versink’ mit.“
In ihrem Mitleid fällt der Erdme das Mittelein, das der Nachbar Witkuhn die einzige Rettung genannt hat, und sie entschließt sich, die verängstigte Frau langsam an den Gedanken des Weggehens zu gewöhnen.
Ob ihr Mann, der Smailus, gut zu ihr ist.
Sie kann nicht klagen. Schläge kriegt sie keine, trinken tut er auch nicht, aber — und nun legt sie den Mund ganz dicht an Erdmes Ohr — „aber er wartet schon“.
„Worauf wartet er denn?“ fragt die Erdme.
Da macht die Frau die Augen weit auf — die richtigen Unglücksaugen macht sie — und sagt ganz leise ihr großes Geheimnis: „Er wartet schon auf die Vierte.“
„Woher weißt du das?“
Sie weiß es nicht, aber das fühlt man.
Die Erdme wird dreister. „Da kannst du ihm aber behilflich sein,“ sagt sie.
„Womit?“
„Indem du gar nicht erst wartest, bis sie dich ’raustragen. Dann bist du das Moor los und gehst auf die Heide.“
„Und die Kinder?“
Natürlich die Kinder! Als ob es für alles, was Mutter ist, einen anderen Gedanken gäbe.
„Die nimmst du mit.“
„Und dann?“
Ja dann! Die dreihundert Taler, die sie mitgekriegt hat, die stecken hier in der Wirtschaft.Das Väterliche hat längst der Bruder. Wenn sie nun wiederkommt — ohne einen Groschen und ein Kind an jeder Hand, — wer wird sie aufnehmen? Betteln kann sie gehen.
Die Erdme denkt: „Wenn das Herz ihr nicht längst gebrochen wär’, würd’ sie schon durchkommen.“
Aber so! Wie Recht hat der Witkuhn gehabt! Auch die gehört zu den meisten, für die es zu spät ist.
Da hört die Erdme auf, in sie zu dringen, und denkt: „Dann werd’ ich sie also zu Tode trösten.“
Und das hat sie auch redlich getan. Ein Lungenhusten ist gekommen, und die Frau ist schwächer und schwächer geworden. Und erst, als gar nirgends mehr ein anderer Weg zu erblicken war als der, der auf den Kirchhof führt, da hat sie zu hoffen begonnen und hat Pläne gemacht. Der Smailus werde verkaufen, ihr zuliebe werd’ er verkaufen — genau so ist der Smailus! —, dann werden sie auf die Heide ziehen, und sie wird sich unter den Kadigbusch legen, wo es ganz warm und ganz trocken ist — und dann wird sie schlafen und schlafen — alle Angst und alle Müdigkeit wird sie ausschlafen.
Und darüber ist sie auch eingeschlafen. Aber es hat doch noch zwei Jahre gedauert. — —
In der Nacht nach dem Tode, so gegenZwölfe, da gibt es ein Klopfen an Baltruschats Haus. Sie ziehen sich an. Der Nachbar Smailus ist da und weint dicke Tränen. Es ist ihm so graulich zu Haus, und ob sie ihn nicht behalten möchten bis gegen den Morgen.
„Da hast du’s, Nachbar,“ sagt die Erdme. „Erst konntest du’s nicht erwarten, und jetzt tut es dir weh.“
„Es ist nicht ums Wehtun,“ sagt er, „aber ohne Frau kann man nicht sein. Wer wird mir jetzt die Schweine futtern und die Kuh?“
„Ich denk’, die hast du schon lange gefuttert,“ sagt die Erdme.
„Das ist richtig,“ sagt er, „aber sie war doch da.“
Und er sitzt und sitzt und trinkt einen Schnaps nach dem anderen. Und langsam wird er beredt. Was man beim Nachbar Smailus so nennen kann.
„Ich darf mich ja nicht beklagen,“ sagt er, „denn das Sprichwort heißt: ‚DerBauer hat Glück, dem die Pferde stehen und die Frauen sterben.‘ Pferde hab’ ich ja keine, aber von Frauen ist mir nun schon die dritte gestorben. Also hab’ ich doch Glück. Aber so was ist leicht gesagt. Denn wo krieg’ ich nun gleich die Vierte her?“
„Damit hat’s ja noch Zeit,“ tröstet die Erdme. „Laß sie doch erst unter der Erde sein.“
„Nein, damit hat’s keine Zeit,“ entgegnet er. „Die Trauerfrist werd’ ich schon abwarten. Das versteht sich. Aber man muß sich doch umsehen. Und so eine, wie meine Dritte war, die findet sich nicht leicht. So sanft von Gemüt, und dreihundert Taler. Die hat mir auch noch die Ulele besorgt. Aber wo ist jetzt die Ulele?“
„Die Ulele ist doch leicht zu erreichen,“ sagt die Erdme. „Die hat ja noch unlängst Wein geschickt zur Stärkung und Ölsardinen.“
Sie hat noch viel andere gute Sachen geschickt, die Ulele, aber die Ölsardinen haben der Erdme den stärksten Eindruck gemacht — in Erinnerung an den Glanz ihrer Mädchenzeit.
Und sie schlägt vor, der Ulele am nächsten Tage eine Depesche zu schicken. Berlin ist ja weit, aber denkbar wär’s immerhin, daß sie käme.
„Wieviel kostet so eine Depesche?“ fragt der Smailus. Und ob er womöglich auch noch die Reise bezahlen muß.
Die Erdme beruhigt ihn. Das Geld für die Depesche werde sie auslegen und sich später von der Ulele entrichten lassen. Was aber die Reise belangt, so sei die ohnehin viel, viel zu teuer für ihn.
Da willigt er ein und gibt auch gleich den Umschlag mit ihrer Adresse.
Ulele heißt sie nicht mehr. Sie heißt Adele.
Und wie sie zwei Tage später auf dem Bahnhofzu Heydekrug ankommt, da steigt sie aus einem Abteil mit roten Polstern und ist überhaupt eine Dame. In ganz Heydekrug gibt es nicht so eine Dame! Ganz in Schwarz mit langem Schleier und noch einem Schleier und noch einem Schleier. Nie im Leben hat die Erdme so viele schwarze Schleier gesehen.
Sie traut sich gar nicht an sie heran, obgleich sie den Wagen selber kutschiert, der die Nachbarstochter heimfahren soll. Die muß erst kommen und sie in die Arme schließen. Und das tut sie vor allen den Leuten und schämt sich nicht im geringsten.
Von nun ist der Erdme alles egal. Sie denkt nicht mehr an die tote Nachbarsfrau, nicht an den Sarg, nicht ans Begräbnis — wo sie doch selber alles herrichten soll, denn der Smailus ist wie ein hilfloses Kind, — sie sieht bloß die Ulele.
Der Inbegriff von allem, was sie hat werden wollen und nicht geworden ist, das Abbild, das Vorbild von sämtlichen schönen Mädchen der Modebilder, die bei ihr an den Wänden kleben, das Feinste, das Höchste auf und über der Erde, Milda, die Göttin der Liebe, Laime, die Göttin des Glücks: das ist die Ulele. Keine Königstochter, keine Kellnerin kann so schön sein wie die Ulele.
Und sie spricht sogar Litauisch. Nie hat man solch eine Dame Litauisch sprechen gehört. Esgeht zwar etwas humplig, aber es ist doch noch Litauisch.
Sie fragt gleich nach allem: „Wo ist der Vater? Wer macht den Sarg? Wer trägt mir Koffer und Kranz auf den Wagen?“
Einen Kranz hat sie mitgebracht mit dreißig Lilien, und es ist doch noch Winter.
Dann wünscht sie sofort zum Tischler Werdermann zu fahren, um den Sarg zu besehen. Und zum Fleischer Steil und zur Schmidtschen Destillation wegen des Leichenschmauses.
Sie befiehlt und wirft das Geld hin, und alles ist da.
Das ist die Ulele.
Aber stolz ist sie eigentlich nicht.
Noch ehe die Begräbnisgäste kommen, hat sie all ihre Schleier abgetan und sieht nun in dem langen, schwarzen Kleide gar nicht viel anders aus als eine Deutsche auf dem Szibbener Kirchhof.
Und wie die Erdme sie fragt, warum sie das tut, da sagt sie: „Ich bin ein dummes Kalb gewesen. Ich hab’ mich von euch bewundern lassen wollen, und darum hab’ ich mir all das Gefunzel gekauft. Aber jetzt schäm’ ich mich recht vor eurem bißchen Armut.“
Und sie streichelt der, die im Sarge liegt, die gelben, knöchernen Hände und sagt: „Die hab’ ich allein auf dem Gewissen.“
„Wieso?“ fragt die Erdme.
„Sie hat ja niemals zum Vater gewollt, und nur auf mein Zureden ist sie gekommen.“
Während der Leichenfeier hält sie die Kinder auf dem Schoß und wischt ihnen die Näschen, aber sie sorgt auch für den Vater, daß der in seinem Kummer nicht nach hinten geht und zu viel trinkt. Und jedem der Gäste schenkt sie ein Stückchen Seife.
Nachdem nun alles vorbei ist, bleibt sie noch weitere acht Tage, ist aber selten zu sehen. Und wie die Erdme sie fragt, wo sie eigentlich immer steckt, da gibt sie zur Antwort: „Ich muß doch den Kindern eine Mutter besorgen.“
Am Abend vor ihrer Abfahrt kommt sie und setzt sich mit der Erdme an den Feuerherd.
„Ich glaube, jetzt wird es auch ohne mich weiter gehen,“ sagt sie. „Sie ist aus Pagrienen und kennt die Moorwirtschaft schon. Auch etwas Geld hat sie, und das übrige leg’ ich zu. Aber das darf der Vater nicht wissen. Damit er sie richtig in Ehren hält.“
„Du bist wohl sehr reich?“ fragt die Erdme bewundernd.
Sie lächelt und sagt: „Eigentlich bin ich ärmer als ihr, nur bei euch hat das Geld einen anderen Wert.“
Und dann erzählt sie der Erdme ihre ganze Geschichte.
Sie hat alles genau so durchgeführt, wie es einmal in ihrem Kopf entstanden war. Hat die Wirtschaft gelernt, die Buchführung und die Verwaltung und ist jetzt mit ihren zwanzig Jahren Geschäftsleiterin in einer Seifenfabrik. Daß es kein Getreide ist, wie es einst ihr Vornehmen war, sondern bloß Seife, macht kaum einen Unterschied.