Achtzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Die Uhren der ewigen Stadt verkündeten die achte Morgenstunde. Rom begann langsam sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, und ob es auch, zumal in den größern und glänzenden Straßen, in den Häusern der vornehmen Viertel noch recht still war, der Pulsschlag der Großstadt wurde doch überall vernehmlich. Auf den Plätzen sammelt sich müßiges Campagnolenvolk, um zu warten, ob man es zu irgend einer Arbeit dingen werde. Es sind prächtige Gestalten unter diesen lungernden Bauern, die in ihren verschlissenen, zerfetzten aber bunten Anzügen da und dort lehnen, gelangweilt in die Welt hinein schauen, oder in kleinen Gruppen auf dem Erdboden liegen, und mit leidenschaftlicher Erregung das geliebte Morra spielen. Kleine Wagen mit den täglichen Lebensbedürfnissen und den Erzeugnissen des Gartenbaus rollen langsam daher, und ihre Besitzer lassen ihre gewohnten eintönigen Rufe erschallen, welche zum Kaufen einladen sollen, während ihre Lasttiere dazwischen schreien, als wollten sie ihr Vergnügen über den neuen Morgen ausdrücken, vielleicht auch ihre Klage über die neue Plackerei. Die niedlichen Blumenverkäuferinnen richten ihre Verkaufsstände her, zumal in den Fremdenquartieren, und auf der Treppe, die nach dem spanischen Platze herabführt, haben sich zahlreiche Modelle eingefunden und warten auf die Künstler, die sich hier ein Stelldichein geben.

Auf der Piazza di Spagna selbst wird es lebendiger. Auch die vornehmen Hôtels und die prächtigen Paläste öffnen die schlaftrunkenen Augen, goldglitzernde Wagen fahren da und dort vor und warten, mit den reichgallonierten Dienern auf dem Bocke, und die bummelnden Campagnolen, das fahrende Volk und alle, die es bemerken, wissen, daß heute Konzilssitzung ist, und daß diese prächtigen Karossen einige besonders vornehme und reiche Väter nach der Peterskirche fahren werden.

Das Schauspiel ist nicht mehr neu und deshalb die Neugier keine besonders brennende. Endlich erscheint da und dort in einem Portale eine Gestalt in rot- oder violettseidenem Talar – je nachdem es sich um einen Cardinal oder Bischof handelt – und neben ihr oder hinterdrein kommt ein geistlicher Begleiter … und bald darauf rasselt der Wagen, dessen Radspeichen im Morgensonnenschein aufblitzen, die vornehme Via dei Condotti entlang nach der Engelsbrücke zu.

Hier ist es belebter. Von fünf Straßen rollen sie aus dem Innern der Tiberstadt heran, die Wagen mit den Vätern des Konzils. Da kommen von der Richtung des Palazzo Borghese her die Mietswagen der minder begüterten Herren, die in ihren violetten Talaren im Fond lehnen, die breitrandigen Hüte auf den Häuptern und blinkende Kreuze auf der Brust, und langsamer trotten dazwischen die gewöhnlichen Droschken, dievetture pubbliche, in welchen zwei, wohl auch drei der geistlichen Oberhirten Platz genommen haben, und die Leute schließen aus der Verschiedenheit der Gefährte auf Bedeutung und Vermögen der Herren.

In den Droschken sitzen zumeist die aus dem fernen Osten gekommenen Bischöfe, die mit voller Gleichgültigkeit und unentwegter Würde auf den Gesichtern, die bald von tiefschwarzen, bald von schneeweißen, wallenden Bärten umrahmt sind, auf die Leute herabsehen, ab und zu ihre Dosehervorziehen, sie dem Nachbar reichen, und dann mit nachlässigem Behagen das duftende Labsal zur Nase führen.

Langsam fahren die Wagen, nur zwei, höchstens drei neben einander, über die Engelsbrücke hinüber nach dem vatikanischen Rom, und auf dem St. Petersplatze finden sich alle zusammen. Die Sonne Roms beleuchtet hier ein großartig schönes Bild. Vor der gewaltigsten aller Kirchen, deren einzig schöne Kuppel, das mächtigste herrlichste Denkmal des großen Michelangelo, in den tiefblauen Aether hinaufragt, breiten sich die Säulenhallen Berninis aus, und in den drei bedeckten Gängen, welche von den prächtigen Travertinsäulen gebildet werden, lustwandeln noch einzelne Konzilsväter. Rechts und links von dem Obelisken, den Sixtus V. aufstellen ließ, und der schon manche wunderlichen Dinge an sich vorübergehen sah, steigen glitzernde Wasserstrahlen und fallen tönend und klingend in die schönen achteckigen Schalen zurück.

Und daß neben dem Großen das Kleine, neben dem Heiligen das Weltliche nicht fehle, haben auf dem Petersplatze erfinderische Köpfe Trinkhallen errichtet, aus welchen ein köstlicher Kaffeeduft hervordringt, während Tabakhändler in kleinen Buden ihre trefflichen Waren anpreisen. Sie kennen die frommen Herren aus dem Oriente und haben ihnen ihre Bedürfnisse abgelauscht. Und diese Söhne einer fremden Sonne nehmen es nicht genau mit den Forderungen der üblichen Sitte und sind sinnlichen Lockungen, soweit sie nicht unerlaubt sind, nicht unzugänglich. Da stehen Bischöfe aus Syrien, Armenien, Bulgarien in dem kleinen Laden und schlürfen ihre Tasse Mokka formlos und ungezwungen, und um den Tabakshändler finden sich Maroniten, Chaldäer und andere ein, prüfen die Waren, und versorgen sich damit, um während der Konzilsverhandlungen eine Herzstärkung und dann daheim eine Tröstung zu haben für die entbehrten Genüsse der orientalischen Heimat.

Die abendländischen Kirchenfürsten sind ihrer Würde sichmehr bewußt. Sie wandeln noch einige Zeit mit ernster Würde in den Säulenhallen hin und her, und wie beim Turmbau zu Babel vermag man auch hier alle Sprachen zu vernehmen. Im elegantesten Französisch unterhalten sich einige Herren mit geistvollen, bartlosen Gesichtern, von anderer Seite mischt sich mit dem wohlklingenden Neugriechisch das steife, breite Englisch, und neben dem vokalreichen Spanisch erklingen die konsonantenreichen slavischen Idiome. Und wenn sich all das Fremde unter einander verständlich machen will, dann wird auch die alte Sprache wieder lebendig, die einst an den Tiberufern erklang … und doch wiederum nicht dieselbe Sprache, denn wenn ein alter Römer vom Capitol herüber oder von der Moles Hadriani herankäme, er würde entsetzt sein über das, was sich mitunter hier als Latein ausgiebt.

Die Zeit für den Beginn der Sitzung ist gekommen.

Ueber die schöne Traventin-Freitreppe flutet langsam der seidenglänzende Strom hinauf und hinein in jene herrliche Vorhalle, deren großartige Perspektive und prachtvolle Deckenornamentik würdig auf das Gotteshaus selbst vorbereiten; aber von den Konzilsvätern kümmert sich keiner mehr um diesen Anblick; ihre Gemüter sind zumal heute mächtig erregt in der Vorahnung, daß es eine bewegte Sitzung geben werde. Um den streitbaren Bischof Stroßmayr geschart kommen die österreichischen und deutschen Bischöfe, und manches blitzende Auge eines italienischen Kirchenfürsten betrachtet den kühnen kroatischen Prälaten mit unverhohlener Gehässigkeit. Wenn er nicht wäre, könnte man viel rascher zum Ziele kommen.

In dem gewaltigsten Dome der Christenheit fehlt es niemals an Andächtigen, sowie an Neugierigen. Auch heute sind sie zahlreich hier und lassen den geistlichen Hofstaat des Papstes an sich vorübergehen.

Da wo unter der Riesenkuppel, die in wundersamer, ergreifender Großartigkeit, ein herrliches Pantheon, in der Luftzu schweben scheint, sich der Hauptaltar mit dem unförmigen Tabernakel Berninis erhebt, hat sich die Menge am zahlreichsten eingefunden. Hier ist das Heiligste im Heiligen, das Grab des ersten »Statthalters Christi auf Erden,« vor welchem der Lichtglanz von 89 vergoldeten Lampen die »Konfession« von Carlo Maderno Tag und Nacht beleuchtet. Hier ist überall der matte Glanz des Marmors untermischt mit dem helleren Blinken des Metalls und mit dem kunstvollen Schmuck alter Mosaike.

Und wie die Kirchenfürsten hier langsam, ehrwürdig und würdevoll herankommen, da geht ein Fragen und ein Raunen durch den Kreis der Neugierigen und der Frommen, und die Namen der Kardinäle und Bischöfe laufen von Mund zu Mund. Diese selbst aber wenden sich nach rechts, wo in einem Querschiff der Versammlungsraum für das Konzil in einer weder besonders bequemen, noch hervorragend schönen Weise hergerichtet worden ist. Eine zu dem besonderen Zweck errichtete große hölzerne Pforte schließt den Konzilssaal ab gegen die Kirche. Die Holzwand ist mit einem Marmormuster angestrichen worden, auf welchem die Himmelskönigin gemalt ist, zu deren beiden Seiten die Apostelfürsten niederschauen auf die Vertreter der kirchlichen Rangordnung, wie sie jetzt an den wachehaltenden Schweizern, die ihre Hellebarden präsentieren, vorüberschreiten.

Enger drängen sich vor dem Eingang die Neugierigen heran, um zu sehen, wie da drin sich die kreisrund sich erhebenden, grüngepolsterten Sitze allmählich füllen, bis auch die letzten der Kirchenväter eingetreten sind. Dann wird die Pforte geschlossen, und die ernsten, stattlichen Gestalten der Schweizer drängen die Horcher noch um einige Schritte zurück, damit die Christenheit auch nicht das geringste vernähme von dem, was hier innen zu ihrem Heile verhandelt wird.

Tief und volltönig erklang nun der Gesang eineslateinischen Hymnus, dann folgten Gebete und dazwischen der Ton des Glöckleins, der den Außenstehenden verkündete, daß der Meßgottesdienst in der geschlossenen Halle fortschreite, und sobald das Zeichen erscholl, daß sich eben jetzt in den Händen des zelebrierenden Bischofs das Wunder der Verwandlung vollzog, sanken die Gläubigen auch diesseits der hölzernen Thüre auf die Kniee nieder und flehten den Beistand des heiligen Geistes an für die Beratungen der frommen Väter.

Und an diesem Tage hätte derselbe besonders Veranlassung gehabt, in der Mitte des Konzils zu sein.

Die Falle, von welcher Felice vor Parelli gesprochen hatte, sollte aufgestellt werden. Von der Rednertribüne herab eiferte ein Kardinal über die Verderblichkeit des Protestantismus. Das Gewand des Kirchenfürsten schillerte in hellem Purpur, aber sein Gesicht nicht minder. Was er vortrug, war ein wohlgesetztes Machwerk, das von einer Kommission ausgearbeitet war und den Stempel jenes Geistes trug, in welchem der Jesuit Felice sich geäußert hatte.

Mit fanatisch leuchtenden Augen saßen die einen, mit würdevoller Gleichgültigkeit nickten die Häupter der andern Zustimmung, nur auf den Sitzen des deutschen, österreichischen, französischen und amerikanischen Episkopats rückten einige unruhig hin und her; man sah auf Dupanloup, den geistvollen französischen Erzbischof, der mit großen, klaren Augen nach dem Vortragenden schaute, und bei dem nur ein leiser Zug der Bitterkeit um den feinen Mund den Unmut verriet, den er empfand. In das frischgerötete, edle Gesicht des Cardinals Schwarzenberg war eine noch lebhaftere Färbung gestiegen. Ernst, beinahe finster, sah der Erzbischof von München-Freising drein und wechselte einen verständnisvollen Blick mit seinem landsmännischen Amts- und Gesinnungsgenossen, dem Bischof von Augsburg, die meisten Blicke aber richteten sich auf Bischof Stroßmayr, dessen scharfgeprägteZüge von verhaltenem Kampfesmute zeugten und dessen Hände sich unruhig bewegten, als vermöge er sich kaum zu beherrschen.

Sobald der vortragende Cardinal geendet, sah man ihn sich erheben, und gleich darauf klang seine Stimme laut und vernehmlich, so daß sie hinausscholl bis in die Kirche selbst, und die Eingeweihten wußten, daß er das Wort ergriffen habe. Er war der gewaltigste Redner des Konzils, geistvoll und gelehrt, schlagfertig und ehrlich, gewandt und klug, und beherrschte die lateinische Sprache mit einer Sicherheit und Eleganz, als ob sie ihm angeboren wäre. Man sah, wie die Augen der päpstlichen Partei sich finster zusammenzogen, und wie die Gegnerschaft sich fester in die Sitze drückte, als überkäme sie ein Gefühl der Sicherheit angesichts der Thatkraft des Mannes, der jetzt das Wort ergriff. Neidlos hatten Schwarzenberg und die geistvollen Führer der französischen Kirche, Dupanloup und Maret, ihm die Palme der Führerschaft der Widerstandspartei überlassen, und der slavische Bischof war's, der als der Gefürchtetste und der Geehrteste zugleich angesehen werden muß.

»Mit Vergunst, ihr hochwürdigsten Väter!« begann er. »Harte Worte haben an unser Ohr geschlagen und fast will es mir scheinen, als ob sie an diesem Orte besser nicht gesprochen worden wären. Ich beklage es tief und aufrichtig, daß von der Kirche desjenigen Apostels, welcher dem Herrn am nächsten stand und der ein lebendiger Zeuge seiner allumfassenden Liebe war, Worte in die Welt ausgehen sollen, welche von dieser Liebe nichts wissen, und wenn ich bedenke, daß das Direktorium dieser hochwürdigsten Versammlung mit Vorbedacht diese Angelegenheit hier zur Erwägung und zum Beschlusse vortragen konnte, vermag ich – so hart es auch klingt – den Vorwurf der Lieblosigkeit nicht zu unterdrücken. Diese Lieblosigkeit muß aber um so größer erscheinen angesichts der bedauernswerten Unkenntnis der Geschichte – odersoll ich sagen angesichts der absichtlichen Verkennung der geschichtlichen Thatsachen? Man muß der Wahrheit Zeugnis geben, auch wenn sie uns nicht behaglich ist, und wenn man dazu den Mut nicht finden kann, darf man sie wenigstens nicht absichtlich entstellen. Welche Thatsachen aber können zum Beweise vorgebracht werden für die Behauptung, daß der Protestantismus alle Uebel der Zeit verschuldet und den drohenden Glaubensbankerott auf dem Gewissen habe? Hier sitzen eine gute Anzahl ehrwürdiger Väter, in deren Diözesen Protestanten friedlich, ehrlich und brav neben Katholiken leben … sollen sie, sollen wir, die berufenen Hüter des Friedens, durch solche Beschlüsse, wie die angestrebten, die Brandfackel in die Gaue werfen, in denen wir das Wort der Liebe zu verkünden gesetzt sind? Und meine ehrwürdigen Väter, soll ich Ihnen Protestanten nennen, die gegen Umsturz und Unglauben sich erhoben, gegen Revolution und Sittenverderbnis gekämpft haben? Soll ich Ihnen Namen anführen, denen gegenüber selbst der Eifer des Ordens Jesu erbleicht, vor deren edler Thätigkeit im Dienste der Menschheit wir selbst in schweigender Achtung uns neigen müssen? …«

Schon einige Male hatten Zwischenrufe aus den Reihen zumal der italienischen Bischöfe den kühnen Redner unterbrochen, vereinzeltes Murren war vernehmbar geworden, jetzt aber brandete es auf wie in einem erregten Meere. Eine Anzahl Väter sprang von den Sitzen auf, andere suchten zu beschwichtigen, Rufe ertönten, welche dem Redner den Schluß seiner Rede aufdringen wollten, Stroßmayr aber schien an solche Szenen gewöhnt zu sein; er schaute einige Augenblicke schweigend in die Versammlung, seine Augen blitzten klar und fest, und nachdem einigermaßen die Ruhe wieder hergestellt worden war, nahm er das Wort von neuem.

»Ich weiß nicht, meine ehrwürdigen Brüder, ob durch eine solche Weise der Behandlung der aufgeworfenen Fragen die Würde des Konzils gewahrt und das Ansehen des Einzelnengefördert werden kann, ich weiß nur, daß auch ein solcher Eingriff in das Recht, hier seine Meinung ehrlich aussprechen zu dürfen, mich nicht abhalten wird, dies zu thun. Oder soll dieser Vorgang kennzeichnend sein für die Handhabung der neuen Geschäftsordnung, mit welcher man uns unangenehm überraschen möchte? Und das ist ein Punkt, über welchen ich an dieser Stelle gleichfalls mich nicht auszuschweigen vermag, um so mehr, als ich weiß, daß ich im Sinne und nach der Meinung einer großen Zahl meiner hochwürdigen Amtsbrüder spreche. Der Schwerpunkt dieser neuen Geschäftsordnung liegt darin, daß eine einfache Mehrheit entscheiden soll über die wichtigsten Fragen der Kirche. Injederandern parlamentarischen Körperschaft wird die Annahme selbst unwesentlicher Gesetze davon abhängig gemacht, daß eine relativ größere Mehrheit dafür stimmt, und wo es sich um das Seelenheil von Millionen von Katholiken handelt, soll der Zufall einer einzigen Stimme den Ausschlag geben dürfen? Man kann doch nicht in einem solchen Falle das Walten des heiligen Geistes annehmen, der bei 700 Bischöfen und Prälaten gerade 351 erleuchtet und 349 die Erleuchtung versagt! Eine solche Annahme wäre doch frivol, ja gotteslästerlich. Freilich ist es bei den Mitteln, die man anwendet und bei der Zusammensetzung dieser hochwürdigsten Versammlung außer Zweifel, daß man für die Vorlagen eine Mehrheit von mehr als einer Stimme erreichen werde. Auch hier handelt es sich um den Grundsatz, nach welchem vorgegangen wird, und die Einführung dieses Grundsatzes würde einen beklagenswerten Mißbrauch der Gewalt bedeuten, welche die in Rom herrschende Partei und das nicht aus freier Wahl des Konzils hervorgegangene Direktorium ausübt, und gegen einen solchen lege ich im Namen Vieler Widerspruch ein …«

Aufs neue erhob sich ein Sturm der Empörung, laute Zurufe für und wider erschollen, aber machtvoll durch das Getöse klang die Stimme des kühnen Sprechers:

»Der heutige Antrag soll die Probe machen auf die neue Geschäftsordnung, man möchte uns heute schon verlocken, mit einfacher Stimmenmehrheit die Kundgebung gegen die Protestanten zu verwerfen, aber wir sind auf der Hut. Mit solchen Mitteln wird man uns nicht zwingen, man wird damit noch weniger die Gewissen der katholischen Welt vergewaltigen können …«

Weiter kam er nicht. Der Lärm wurde betäubend. Das war keine Versammlung von ehrwürdigen Kirchenvätern, das war ein wüstes Chaos von zornig erregten Parteimännern. Nur wenige saßen; überall war man von den Sitzen aufgesprungen, viele hatten ihre Plätze verlassen, man schrie einander zu, man überschrie aber auch vor allen den kroatischen Bischof, und als dieser trotz alledem auf das Wort nicht verzichten wollte, da nahm die leidenschaftliche südliche Erregung selbst bedrohliche Formen an. Es erklangen Worte, die nicht bloß die Heiligkeit des Ortes verletzten, sondern auch die Würde des Sprechers, und mit blitzenden Augen, ja mit geballten Händen drang man gegen ihn vor, als wolle man ihn thatsächlich insultieren.

Der wüste Lärm klang vernehmbar hinaus auch vor die Pforte des Konzilssaals. Neugierige und Fromme sahen sich erstaunt an, über manches Gesicht flog ein mühsam verhaltenes Lächeln des Spottes, auf manchem dagegen stand etwas von der Erregung geschrieben, die jenseits der Pforte die Gemüter bewegte. Zahlreiche Kutscher und Diener der Prälaten harrten hier auf ihre Herren. Auch sie hatten ihre Meinung über das, was da drinnen vorgehen mochte.

»Sie schlagen und raufen sich!« rief halblaut ein derber galonnierter Rosselenker, und die Behauptung schien nach dem, was man vernehmen konnte, die Wahrheit für sich zu haben.

»Laßt uns hineindringen – – wir wollen unsern Herren helfen – wir wollen sie retten …«

Das raunte und rief durcheinander wie der Widerhallaus der Konzilshalle, und die Schweizer vor derselben kreuzten die Hellebarden und stemmten sich dem Andrang entgegen. Da verklang der Lärm hinter der Pforte, und auch vor derselben begannen die Gemüter sich zu beruhigen.

Früher als sonst aber schloß diesmal die Sitzung. Mit roten Gesichtern, vielfach mit vor Erregung leuchtenden Blicken kamen die Väter aus dem Dome des heiligen Petrus. Von der Anwesenheit des heiligen Geistes in der eben abgehaltenen Sitzung war auch jetzt nicht viel zu bemerken. Gruppenweise, mitunter dicht geschart, schritten sie über den Petersplatz hin in eifrigen, erregten Gesprächen. Um Stroßmayr, den Helden des Tages, drängten sich die andern hervorragenden Persönlichkeiten, der französische Bischof Mathieu, der Erzbischof Moreno von Valladolid und andere spanische Bischöfe, sowie eine größere Zahl deutscher Kirchenfürsten. Finstern Blickes schritt der Erzbischof Manning von Westminster neben dem Erzbischof Deschamps von Mecheln daher, umgeben von den eifrigsten Vertretern der Unfehlbarkeit, in Gruppen haben sich die Orientalen zusammengefunden, die fast alle auf Seite der römischen Kurie stehen, und die Vorgänge der vergangenen Stunde bilden überall den Gesprächsstoff.

»Man wird nicht wagen, diese Einleitung zu den päpstlichen Dekreten ein zweites Mal vor das Konzil zu bringen,« äußerte ein deutscher Bischof.

»Wenigstens nicht mehr in dieser Form, und wenn sie gereinigt und verbessert zur Abstimmung gebracht werden sollte, liegt wohl kein Grund vor, sie zu verwerfen, und wir werden der Welt doch den Beweis der moralischen Einstimmigkeit einer Kirchenversammlung geben,« fügte ein anderer in der Begleitschaft Stroßmayrs hinzu, dieser aber wandte sich nach dem Sprecher und sagte:

»Seien wir nicht vertrauensselig, lieber Amtsbruder, ich habe, um mich kriegerisch auszudrücken, mich daran gewöhnt,in Rom im Harnisch zu schlafen, und es wäre gut, wenn das andere auch thäten.«

Der kroatische Bischof schritt auf seinen Wagen zu, aber ehe er ihn erreichte, trat ihm Parelli in den Weg. Mit der ganzen Liebenswürdigkeit, die ihm zu Gebote stand, reichte er ihm die Hand:

»Ich freue mich der Ehrlichkeit und des Mutes, die Sie zeigen, hochwürdigster Bruder, und es drängt mich, Sie zu versichern, daß ich aus voller Seele Ihre Ueberzeugung teile und bereit bin, für dieselbe einzustehen.«

Verwundert sah ihn der andere an.

»Sie? Ein italienischer Prälat! Sie wagen, mir angesichts der Kurie Ihre Zustimmung auszusprechen? Wissen Sie, was Sie heraufbeschwören?«

Parelli lächelte:

»Das ist nebensächlich. Ich habe gesprochen und meine Seele bewahrt. Gott sei mit Ihnen!«

»Und mit Ihrem Geiste!«

Einen Augenblick lagen die Hände der beiden Männer in einander, und ihre Blicke begegneten sich. Dann verschob sich das Bild wieder; andere Gruppen drängten heran, auch Parelli fühlte, wie man ihn vorwurfsvoll ansah, aber er schritt, freundlich nach allen Seiten grüßend, langsam über den weiten Platz, und der Sonnenschein, der denselben erfüllte, schien ihm in die Seele zu leuchten.

Immer schwüler wurden die Tage. Die Fremden begannen Rom zu verlassen – auch Quandt war mit den Seinen in die Heimat zurückgekehrt – und den Konzilsvätern wurde es zwiefach ungemütlich in der ewigen Stadt. Erschlaffung sank ihnen bleischwer in die Glieder, denn gar viele von ihnen waren den italienischen Sommer nicht gewöhnt, Erschlaffung sank ihnen aber auch lastend und lähmend in die Seelen, denn gar Manches war wieder seit jener bewegten Sitzunggeschehen, das auch die Besten und Stärksten mit trüber Ahnung erfüllte.

Es war ein trauriger und aussichtsloser Kampf, welchen Ehrlichkeit und gründliches Wissen gegen römische Schlauheit und Willkür zu führen hatte, und die Kurie ging in demselben mit äußerster Rücksichtslosigkeit vor. Die durch Stroßmayrs Energie vereitelte »Einleitung« wurde »verbessert« wieder vor das Konzil gebracht, verbessert in dem Sinne, daß man die Schläge gegen den Protestantismus wegließ, dafür aber den Zusatz anhängte, daß man dem Papst gehorchen müsse, auch wenn er etwas verwerfe, was nicht gerade kirchenfeindlich oder ketzerisch sei.

Diese »Verbesserung« war viel schlimmer als die vorherige Fassung, und in ihr lag bereits der ganze Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit. Es wurde hin- und hergeredet, und zuletzt ward die bedenkliche »Einleitung« samt dem Zusatz angenommen. Einen besseren Erfolg konnte sich die päpstliche Partei nicht wünschen, und nachdem einmal dieser errungen war, konnte auch die Debatte über den neuen Glaubenssatz selbst anheben. Welch' warme, ergreifende, aus dem Herzen quellende Beredsamkeit ward nun noch einmal aufgeboten, um die Annahme des Glaubenssatzes zu verhindern! Die edelsten, besten, gelehrtesten Männer, welche die katholische Kirche besaß, traten dagegen auf, manch einer mit blutendem Herzen, denn sie ahnten ja den Ausgang und fürchteten den Schaden, welcher damit ihrem Glauben und seinen Anhängern bereitet werden mußte. Aber auch der Trost, seine Meinung äußern zu dürfen, sollte den Konzilsvätern nicht unbeschränkt bleiben.

Es war am 3. Juni, als der Cardinal Schwarzenberg in besonders heftiger Erregung um die Mittagsstunde heimkehrte. Auf der edlen, hohen Stirn lagen Falten des Unmuts, und die sonst so klaren Augen zuckten unruhig. Er kam mit Professor Meyer, dessen sonst so gleichmäßig ruhigesGesicht ebenfalls von Erregung zeugte, und da er Frohwalt in einem Zimmer antraf, in welchem derselbe eben mit einer schriftlichen Arbeit beschäftigt war, blieb er vor diesem stehen und sagte:

»Mein lieber Doktor, das ganze Kirchenrecht kommt ins Wanken; ich fürchte, Ihre Studien und Kenntnisse haben nur noch geschichtlichen und nicht praktischen Wert. Hier in Rom wird nachgerade ein Kirchenrecht geübt, das kein Recht ist!«

Er brach ab und preßte die Lippen gegen einander, als habe er schon zu viel gesagt, dann ging er mit flüchtigem Gruße mit Professor Meyer weiter. Nach einem halben Stündchen kam der letztere aus dem Gemache des Kirchenfürsten. Er ließ sich neben Frohwalt auf einem Sitze nieder, und seufzte:

»Man wird zuletzt irre an allem! Es ist empörend, wie man hier mit den angesehensten Kirchenfürsten umspringt. Denken Sie, lieber Kollege, es waren noch fünfzig Redner eingeschrieben betreff des Dogmas, und das Präsidium erklärte heute mit einem Male: Die Debatten sind geschlossen. Eine ärgere Gewaltmaßregel läßt sich kaum mehr denken. Was haben wir deutschen Priester für eine erhabene Vorstellung gehabt von einer Kirchenversammlung, und welche entsetzliche Enttäuschung wird uns hier bereitet!«

Das glatte, freundliche Gesicht senkte sich tiefer auf die Brust, und die Finger griffen nervös herum an der schwarzen Binde, welche Tunika und Skapulier gürtete. So erregt hatte Frohwalt niemals den trefflichen Mann gesehen, aber auch durch seine Seele zog das Gefühl maßloser Bitterkeit. Er sprach halblaut:

»O, ich wollte auch, ich wäre nie nach Rom gekommen.«

»Dann kommt Rom zu uns – das ist ein und dasselbe.«

»Und werden sich die widerstrebenden Kirchenfürsten bei diesem Gewaltakte beruhigen?«

»Sie haben sich bisher noch bei jedem beruhigen lassen. Man wird zweifellos beraten, was nun geschehen soll und einen halben Beschluß fassen, der einfach unbeachtet bleibt, wie jede Aeußerung der Entrüstung, die bisher zu Tage getreten ist. Ich glaube, daß sich noch heute eine Anzahl der Prälaten hier einfinden.«

Das war auch wirklich der Fall. Im Laufe des Nachmittags fuhr Dupanloup vor, dann der Münchener Erzbischof, zahlreiche deutsche Bischöfe, und bei sengender Sonnenglut saßen sie beisammen in eifriger Beratung.

Der Unmut fand hier manches scharfe Wort. Allen war es klar, daß hier überhaupt von einem rechtmäßigen und allgemeinen Konzil nicht mehr die Rede sei, und einzelne Kühnere machten den Vorschlag, Rom ohne weiteres zu verlassen, und so die eigene Ehre und die Ehre der einzelnen Diözesen zu retten. Dann müsse man aber Urlaub vom heiligen Vater erbitten, gaben andere zu bedenken, und daß ein solcher jetzt bewilligt werden sollte, das war nicht anzunehmen. Man wollte wohl gerade durch die täglich anwachsende Sonnenglut, die den Aufenthalt in Rom beinahe unerträglich machte, die Väter müde und nachgiebig werden lassen. Auch die Bedenklichkeit und Zaghaftigkeit fehlte nicht in diesem Kreise, welche immer wieder zu Vorsicht und Leisetreterei mahnte.

Unmutig hatte Cardinal Schwarzenberg die verschiedenen Meinungen angehört:

»Geschehen muß etwas, meine hochwürdigsten Amtsbrüder, wenn wir uns nicht vor unsern Diözesanen schämen sollen. Eines ist unzweifelhaft: Wir stehen unmittelbar vor der Abstimmung, und wie sie fallen wird, ist nicht zweifelhaft. Sollen wir aber einen Glaubenssatz annehmen, der nur von einer zweifelhaften Mehrheit als solcher anerkannt wird?«

»Uebereilen wir nichts,« sprach einer der französischen Bischöfe. »Lassen wir ruhig die Abstimmung sich vollziehen,wir haben dann wenigstens ein klares Bild über die Sachlage gewonnen, und wenn die Annahme nicht nahezu einstimmig erfolgt, so erheben wir Widerspruch!«

»Aber endlich ganz entschieden! Ich wollte, wir legten Widerspruch ein, ehe die Abstimmung oder gar die Verkündigung erfolgt, denn, heißt es einmal: Rom hat gesprochen, dann giebt es überhaupt keinen Widerspruch mehr!« ließ sich Stroßmayr vernehmen.

»Gut, warten wir ab – aber gehen wir dann auch entschieden vor, um das Aeußerste zu vermeiden!«

Das war zuletzt die überwiegende Meinung, und mit diesem Beschlusse gingen die Herren mit den roten und violetten Talaren auseinander.

Peter Frohwalt stand am Fenster, als die glänzenden, prächtigen Equipagen unten von dannen rollten mit den behaglich in den Polstern lehnenden Prälaten, und in seinem Herzen lag eine unendliche Bitterkeit. Alles äußerlich, alles Schein – innen Haltlosigkeit und Kraftlosigkeit, das war das allgemeine Bild, das erschien ihm als der Zustand der ganzen Kirche, und ihm, dem ehrlichen, treuen, überzeugungsfesten Katholiken fiel es wie Schuppen von den Augen, und er sah wie in einem Traume, was im Laufe der Jahrhunderte aus der Kirche Christi geworden war. Hier in Rom war Petrus, der einst ein armer Fischer war, für seinen Glauben gestorben, ein bedürfnisloser Mann, der seine Ruhestatt im Gefängnis hatte, und hier strebte sein in Prachtpalästen wohnender Nachfolger nach dem Nimbus der Göttlichkeit, und lebte, umgeben von Glanz und Herrlichkeit. In jenen alten Tagen aber hatte neben der Einfachheit die Wahrheit in der Kirche gewohnt, jetzt herrschte hier Weltklugheit und Schein.

Es war seltsam, daß Frohwalt in dieser Stunde Martin Luthers denken mußte, des schlichten Augustiners, der einst nach Rom gegangen war mit voller, freudiger Seele, um den Statthalter Christi und die wahre Herrlichkeit der Kirchezu schauen, und der mit blutendem Herzen heimwärts ging ob der fürchterlichen Enttäuschung, die ihm bereitet worden war und die ihn eine Erneuerung der Kirche im Sinne der alten Einfachheit und Kraft herbeisehnen ließ, ohne daß er noch daran dachte, daß er selbst zum Werkzeuge dieser Erneuerung berufen sein sollte.

Peter Frohwalt war gelehrt worden, den Augustiner von Wittenberg zu hassen, und er hatte das redlich und mit der ganzen Glut des fanatischen Katholiken gethan, und wie er heute an ihn dachte, war dieser Haß wie mit einem Male aus seiner Seele herausgewischt und die Gestalt des Reformators wollte ihm beinahe groß und achtunggebietend erscheinen. Und solch Empfinden mußte sich ihm in Rom aufdrängen!

Er wurde unruhig, erregt, er hatte das Bewußtsein, daß solch ein Denken Sünde sei, und doch auch wieder ein anderes, das ihn freisprach. O, wie vermißte er in dieser Stunde einen Menschen wie Quandt oder wie den Vetter Martin! Daß auch der Alte nicht wiederkam!

Und Tag um Tag verging, der eine unbehaglicher als der andere, und für den 13. Juli war die erste Abstimmung über den neuen Glaubenssatz festgesetzt worden. Zwei Tage zuvor traf Martin in Rom ein. Sein erster Gang war zu Quandts gewesen, und dieser war vergeblich, sein zweiter war zu Frohwalt. Der junge Priester hatte ihn umarmt mit der Herzlichkeit eines Sohnes, und schon aus diesem Empfange schloß der Alte auf Manches.

»Es hat länger gedauert mit meiner Wiederkunft, als ich dachte,« sagte er, nachdem er sich niedergelassen und nach seiner Gewohnheit sein kurzes Pfeifchen in Brand gesetzt hatte – »aber wie das eben Unsereinem geht! Also Neapel habe ich gesehen, und schön war's, Peter! Das muß man wirklich geschaut haben vor seinem Sterben. Auch im alten Pompeji bin ich gewesen, und man hat recht wunderliche Empfindungen, besonders wenn man mit leidlich lebhafterPhantasie diese Reste sich vervollständigt und im Geiste der Vorzeit ausbaut. Aber in Neapel ist der Geist des alten Seume über mich gekommen und ließ mir keine Ruhe; ich mußte weiter nach dem Süden und mußte auch meinen Spaziergang nach Syrakus haben. Und aus der Stadt, in der einst zu Dionys dem Tyrannen Möros, den Dolch im Gewande, schlich, komme ich geradenwegs zurück. Es ist derweilen etwas heiß geworden, und, wie mir scheint, spürt Ihr hier in Rom die Schwüle ganz besonders. Wie? – Du machst mir gar kein recht glückliches Gesicht, Peter, und es ist mir so zu Mute, als ob ich Dir gerade zurecht gekommen wäre, um Dir die Seele zu erleichtern. Das ist mein Schicksal, daß ich ein Beichtvater geworden bin, ohne die Weihen dazu erhalten zu haben, und es ist, als ob die verlassene Theologie sich an mir dadurch rächen wollte. Aber da ist sie im Irrtum, wenn sie meint, mir dabei einen Tort anzuthun. Mir ist nichts lieber, als wenn ich Herzen erleichtern kann. Also, mein lieber Doktor Peter – schieße los!«

»Ja, mein guter Vetter Martin – gerade Dich habe ich hergesehnt, und seit Du mir in Nedamitz aufgetaucht warst, an jenem traurigen Weihnachtsfeste, habe ich Dich niemals wieder so freudig begrüßt. Hier liegen die Dinge zum Verzweifeln. Dies Konzil …«

»Ach Du lieber Gott – da werde ich wohl nicht helfen können,« seufzte der Alte komisch – »für die Jesuiten ist es ein Lustspiel, für die Protestanten und andere ähnliche ein Schauspiel, und für gute, ehrliche Katholiken ein Trauerspiel. Du gehörst zu den letzteren, und da Du die Sache sozusagen aus der Proszeniumsloge ansehen kannst, begreife ich's, daß Du besonders davon ergriffen wirst. Ich kann mir aber nicht helfen. Ich meine, es ist gut so für Dich, und wenn ich die richtige Empfindung habe, so hat dies Konzil Dir schon manche Schlacken abgeschliffen, die an Deiner gesunden Menschennatur sich gebildet hatten und ihr garnicht zumVorteil gereichten. Aber da rede wieder ich – anstatt daß Du jetzt das Wort hast – das Alter macht geschwätzig!«

Und nun that Frohwalt sein Herz weit auf. Alle die Fülle von Enttäuschungen, welche Rom ihm gebracht in betreff der kirchlichen Einrichtungen im allgemeinen und geistlicher Persönlichkeiten im besonderen, betreff der Personenverherrlichung und des glänzenden Scheinwesens schilderte er ohne Bitterkeit, aber so klar und scharf, daß Vetter Martin voll Staunen den jungen Mann ansah, der mit solcher Sachlichkeit und mit solcher getreuen Ehrlichkeit die Verhältnisse erfaßte.

»Und wenn, wie nicht mehr zu zweifeln ist, durch eine einfache Stimmenmehrheit dieser neue, unerhörte Glaubenssatz angenommen wird, so kann nur eine Kirchenspaltung die Folge sein, und ich bete, daß aus ihr der Nutzen für alle Guten erwachse, daß eine abermalige Erneuerung der Kirche im Sinne der alten Einfachheit und Wahrheit erfolgen möge. Mein Weg ist mir dabei vorgezeichnet und ich glaube, ich werde ihn leicht gehen können, wenn Männer wie der Cardinal Schwarzenberg und Professor Meyer mir voranschreiten,« schloß Frohwalt.

»Wenn!« sagte Martin und wiegte ernst das graue Haupt.

»Du glaubst doch nicht, daß sie gegen ihre katholische Ueberzeugung …«

»Ich glaube in dieser Beziehung nur den Thatsachen. Warten wir sie ab! Und zuletzt kommt es bei jedem immer nur auf seine persönliche Festigkeit an, und daß die ihm nicht verloren geht, wenn er andere, die er für fest gehalten hat, ins Wanken kommen sieht. In der Hauptsache ist mir's lieb, daß Dir die Augen in Rom aufgegangen sind, und daß Du unter anderem auch darüber Klarheit hast, daß in dem protestantischen Weibe Heinrich Quandts ein Reichtum von echter Religiosität und Liebe lebt, und daß sie trotz aller unfehlbaren päpstlichen Dekrete eine größere Garantie besitzt für die ewigeSeligkeit, als selbst mancher Papst seligen, beziehungsweise unseligen Angedenkens haben durfte. – Uebrigens, was weißt Du Neues von Quandt? Und was hörst Du von Hans Stahl?«

Damit war das Gespräch auf ein ruhigeres Gebiet gekommen.

Am 13. Juli war der Petersplatz mehr belebt als sonst; so sehr das Interesse der Römer am Konzil im allgemeinen erloschen war, die Abstimmung in der Frage des neuen Glaubenssatzes war immerhin der wesentliche Punkt in der Geschichte dieser Kirchenversammlung, zumal bei der zwiespältigen Stimmung der Teilnehmer an derselben. Um die Mittagszeit, da die Sitzungen zu Ende zu gehen pflegten, ward es am lebendigsten in der Kirche sowohl, wie außerhalb derselben, und es war bereits bekannt, daß, abgesehen davon, daß verschiedene Kirchenfürsten Rom schon verlassen hatten, andere sich von der heutigen Sitzung fern gehalten hatten.

Auch Vetter Martin und Frohwalt gingen in den herrlichen Säulenhallen hin und her und harrten auf den für sie nicht zweifelhaften Ausgang; Martin war darüber ziemlich gleichgültig, der junge Priester dagegen erregt. Nun kamen die ersten der Konzilsväter aus dem Portale des Domes, näher drängten Neugierige heran, man wagte sogar, sich an diesen und jenen mit einer Frage zu wenden. Immer lebhafter drängte es nun durcheinander von seidenen Talaren und großen runden Hüten, die vielfach mit einer buntfarbigen Feder geschmückt waren. Zwischen ihnen huschten Angehörige des niederen Klerus, Mönche und Weltpriester hin, und auch die Gestalt des Jesuitenpaters Felice tauchte auf.

Er bemerkte Frohwalt, und mit einem seltsamen, beinahe schadenfrohen Aufleuchten der sonst so kühlen Augen trat er an ihn heran:

»Wissen Sie schien das Ergebnis der Abstimmung, Hochwürden? – Nein? – Nun, von etwa 600 Vätern haben70 gefehlt, 88 haben mitnon placet(Nein) gestimmt, 62 mitplacet juxta modum(Ja, unter Vorbehalt), die andern 380 haben den Glaubenssatz angenommen. Ein schönes Ergebnis … Dank dem heiligen Geiste!«

Der Jesuitenpater trat an Dr. Frohwalt heran und sagte: »Wissen Sie schon die Abstimmung?« … (S. 358.)

Der Jesuitenpater trat an Dr. Frohwalt heran und sagte: »Wissen Sie schon die Abstimmung?« … (S. 358.)

Er stieß die Worte beinahe triumphierend hervor, dann eilte er weiter. Frohwalt wollte sprechen und sich gegen Martin äußern, da sah er ganz nahe Parelli vorübergehen – richtiger vorüberschwanken, gestützt auf den Arm eines jüngeren Geistlichen. Von einer raschen Erregung erfaßt, trat Frohwalt auf ihn zu und fragte teilnehmend:

»Bischöfliche Gnaden sind unwohl?«

Der Prälat sah auf; über sein Gesicht huschte ein müdes Lächeln, und er reichte dem jungen Deutschen die Hand:

»Es hat mich zu sehr angegriffen, Herr Doktor – aber ich habe meine Pflicht gethan und mit Nein gestimmt. Beten Sie für mich!«

Er schwankte, bleich und müde, weiter und Frohwalt sah ihm tief ergriffen nach, bis er ihm aus dem Gesichte entschwand. Martin war ihm nachgekommen und stand nun neben ihm.

»Ein Trauerspiel für uns, wie ich Dir gesagt habe, Peter: Siebzig Feige, die sich überhaupt nicht mehr getrauen, eine Meinung zu haben, zweiundsechzig Unentschiedene, die so gut wie gar nicht zählen, und achtundachtzig, die ehrlich genug sind, sich bis heute noch zu wehren. Dort neben mir hat eben einer mitgeteilt, daß am 18. Juli die feierliche Schlußabstimmung erfolgt … wieviele meinst Du werden von den achtundachtzig noch fest bleiben?«

Die beiden Männer gingen langsam weiter und Martin begleitete Frohwalt nach seiner Wohnung zu dem Kardinal Schwarzenberg. Hier war alles in Aufregung. Seine Eminenz war bereits zurückgekehrt aus der Sitzung, blaß und ernst, und hatte Weisung gegeben, sofort alles zur Abreise aus Rom bereit zu machen. Eine allgemeine Bewegung gingdurch Gefolge und Dienerschaft, und diese Bewegung im Hause wurde noch vermehrt durch das Kommen und Gehen von zahlreichen Kirchenfürsten, die mit dem Cardinal, der wenigstens äußerlich als Führer der Gegenpartei galt, beraten wollten, was nun noch geschehen sollte. Trotz dieser Regsamkeit aber lag es lastend, gewitterschwül auf dem Hause, und alle Gemüter waren erfüllt von Unruhe und Bangigkeit. Man hatte bis zum untersten Bedienten das Gefühl, daß etwas Unnatürliches, Gewaltsames, Verhängnisvolles geschehen sei, vor dem man aus unheimlichem, innerem Antriebe sich zur Flucht rüste.

Und an demselben sowie am nächsten Tage machten sich außer dem Cardinal noch mehr als 50 Kirchenfürsten fertig zur Abreise; es waren meist Deutsche, welche die Schlußabstimmung und die Veröffentlichung des Glaubenssatzes nicht abwarten wollten, zumal öffentlich bekannt gegeben war, daß diejenigen, welche am 18. Juli etwa noch auf ihrem Widerspruch verharren würden, vor dem heiligen Vater selbst zur Unterwerfung aufgefordert werden sollten. Und das nannte man freie Ueberzeugung und freie Meinungsäußerung!

Manch einer von den geistlichen Würdenträgern war trotzdem geneigt, in dem Widerspruch zu verharren, aber die meisten hatten angesichts der erwähnten Drohung den Mut verloren – sie fühlten sich nicht stark genug, vor dem Stellvertreter Gottes ihrnon placet(Nein) zu wiederholen, und bei solcher Uneinigkeit in der Gegnerschaft war es besser, dieser letzten Versuchung auszuweichen.

In der Wohnung des Cardinals Schwarzenberg saßen eine Anzahl Kirchenfürsten noch am Abend in ernster Beratung: sie hatten ihre theologischen Beiräte hinzugezogen, und auch Peter Frohwalt nahm nebst Professor Meyer an derselben Teil. Endlich war der Wortlaut eines Schreibens an den heiligen Vater festgesetzt, in welchem die Unterzeichneten erklärten, daß sie bei ihrem »Nein« beharren müßten, da sichseit dem Tage, da sie zum ersten Male als Gegner der neuen Lehre aufgetreten seien, nichts ereignet habe, was eine Aenderung ihrer Ansicht hätte herbeiführen können, im Gegenteil seien sie in dieser immer aufs neue bestärkt worden.

Mit fester Hand setzte Cardinal Schwarzenberg seinen Namen unter das Schriftstück, ihm folgte der Vertreter des bayerischen Episkopats, der Erzbischof von München-Freising.

In tiefer Nacht suchte Frohwalt sein Lager mit einem Gefühle der Beruhigung, denn er setzte sein volles Vertrauen in die Aufrichtigkeit und Festigkeit dieser Erklärung und gelobte sich selbst, bei der erkannten Wahrheit unter allen Umständen auszuharren. Und noch ein anderer Gedanke erfüllte ihn, die Freude wieder in die Heimat zurückzukommen, seine Mutter wieder zu sehen, und seiner Schwester … vielleicht auch seinem Schwager die Hand zu drücken, denn die Sehnsucht stimmte ihn weich und versöhnlich.

Der nächste Morgen war trübe und der junge Priester ging daran, seine letzten Besuche zu machen. Zunächst wollte er den Vetter Martin zu finden trachten, der diesmal wieder bei der Bildhauerwitwe wohnte, wo ehedem Quandts gehaust hatten. Er traf ihn auch zu Hause, und der Alte lächelte seltsam, als Frohwalt von der plötzlichen Abreise des Cardinals erzählte.

»Hm … ich fürchte,Pio Nonohat einen langen Arm und wird die Herren auch außerhalb Rom zu finden wissen. Das ist der Anfang vom Ende – wohl mir, daß ich kein Bischof geworden bin. Deshalb kann ich auch mit ruhigem Gewissen noch in Rom bleiben und auf eigene Faust im Widerstande verharren. Man wird zwar gegenwärtig hier im eigenen Fett geschmort, ein Vorgang, der bei meiner Leibesbeschaffenheit übrigens einige Schwierigkeiten hat, aber mein Eintrittsgeld für die Komödie habe ich einmal bezahlt, und darum will ich mir den Schlußakt auch noch ansehen. So etwas ist doch in der ganzen Weltgeschichte noch nicht dagewesen.Dir wünsche ich glückliche Reise, und grüße mir die alte Heimat und alles, was drum und dran hängt.«

Der Alte begleitete ihn noch zu Parelli, von dem sich Frohwalt ebenfalls zu verabschieden gedachte, während Martin seinen »Lausitzer Windhund« aufsuchen wollte. Hans Stahl war ungemein fleißig und arbeitete mit einer Energie, welche ihm kaum jemand zugetraut hätte, für ihn war Rom in mehr als einer Hinsicht eine treffliche Schule, und Vetter Martin hatte schon bei einem früheren Besuche ihm seine Freude geäußert über die sichtbaren Fortschritte in seinem Schaffen. Heute war der junge Mann nicht daheim, und auch Parelli war nicht zu sprechen. Frohwalt erfuhr, daß er nach der gestrigen Konzilssitzung schwer erkrankt sei, und nach Aussage des Arztes sehr bedenklich am Nervenfieber darniederliege.

Traurig und still gingen die beiden Landsleute neben einander her, wieder der Wohnung des jungen Priesters zu. Endlich sagte Martin:

»Ich glaube, Dein Prälat ist ein durch und durch braver Mann – er hat den größten Mut bewiesen – schade um ihn!«

»Du fürchtest, daß er sterben wird?«

»Ich weiß nicht, ob der Tod für ihn das Schlimmste wäre. Er wäre in seiner Pflicht und in seiner ehrlichen Ueberzeugung gestorben, und dafür würde ihm nach meiner schlechten Meinung im Himmel manches gutgeschrieben werden. Wenn er mit dem Leben davonkommt, muß er sich beugen oder man wird ihn aus der Kirche ausstoßen.«

Mit großem, bestürztem Blick sah Frohwalt den Alten an:

»Du meinst, daß man …«

»Das ist so gewiß, mein lieber Peter, daß ich mich nur wundere, wenn Du anderer Ansicht sein solltest. Man wird auch Deinen Cardinal-Erzbischof ausstoßen, wenn er sich nicht duckt, ebenso gut wie den Doktor der Theologie Peter Frohwalt.«

Der junge Priester war ganz bleich geworden, aber er faßte jetzt warm die Hand des Alten:

»Weißt Du, was Martin Luther auf dem Reichstage in Worms gesagt hat? – Hier stehe ich, Gott helfe mir, ich kann nicht anders!«

»Amen!« fügte Vetter Martin hinzu, und schweigend gingen sie weiter. – –

Am nächsten Morgen fuhr Frohwalt fort aus der ewigen Stadt. Sonnenglut lag über der weiten Campagna, und mit träumerischem Blicke schaute der junge Priester darüber hin … es kam ihm feucht in die Augen, und er wußte selbst nicht warum.

Auf einer kleinen Station, wo der Zug kurz anhielt, sah er zwei Menschen aussteigen, die sich lachend umschlangen und feldein gingen. Sie wandten sich noch einmal um nach dem Zuge, und er erkannte die Gesichter: Es war der Bauer Geatano Vergani – augenscheinlich betrunken – und sein Weib, Signora Lucia, aber ohne Sammet und Seide: das würdige Paar schien sich wiedergefunden zu haben. Frohwalt widerte das Bild an, und er blickte nach der anderen Seite. –

Am 18. Juli aber entfaltete das Papsttum den ganzen reichen Glanz, der ihm zu Gebote stand. Die Herrlichkeit des Statthalters Christi auf Erden hatte auch niemals Veranlassung gehabt, so prunkhaft in die Erscheinung zu treten als diesmal, die der göttliche Schimmer der Unfehlbarkeit zum ersten Male öffentlich die dreifache Papstkrone umleuchten sollte.

Im Petersdome flammten die Kerzen, und zogen duftende Weihrauchsäulen durch die Hallen. Im höchsten Ornate hatten sich die Bischöfe eingefunden und sich um Pius IX. geschart, der, auf seinem Thronsessel sitzend, der letzten Generalkongregation beiwohnte und die letzte Abstimmung kontrollierte.

Von den nahezu fünfhundert Bischöfen, welche zugegenwaren, wagte auch nicht ein einziger, gegen das neue Dogma zu stimmen. Und nun konnte der Hofstaat des Papstes in seiner ganzen Pracht ausziehen, und in feierlichster Weise unter den glanzvollsten Ceremonien wurde es der Stadt und dem Weltkreis verkündet, daß der heilige Geist den Sinn der Kirchenväter erleuchtet, und daß sie mit Einhelligkeit dem Stellvertreter Christi auf Erden die Unfehlbarkeit zuerkannt hatten.

Jauchzend drängte sich das Volk auf dem Petersplatze; der für Glanz und äußeren Schein empfängliche Sinn der Römer war bestrickt von all der Herrlichkeit, und brausend erscholl aus tausend und abertausend Kehlen das »Viva il papa!« Dazwischen dröhnten in mächtigen Salven die Kanonen der Engelsburg und die Sonne flimmerte auf der Fülle von Gold und bunter Seide, auf den prachtvollen Gewändern kirchlicher Würdenträger, auf den strahlenden Uniformen der päpstlichen Nobelgarde und auf den vor Lust leuchtenden Gesichtern der Menge.

Vetter Martin fehlte nicht. Mit einem seltsamen Lächeln sah er das großartige Schauspiel an, als mit einmal das Gesicht Hans Stahls in der Menge auftauchte. Der Alte arbeitete sich vorwärts und erreichte auch glücklich seinen jungen Freund.

»Na, Hans, was sagen Sie als Mensch, Maler und Katholik zu dem Bilde?«

»Ich? O Vetter Martin!«

Er wollte weiter sprechen, aber mit einem Male erstickten Thränen seine Stimme.

»Oho, Junge, was ist Ihnen denn? Na, seit wann sind Sie denn so nervös? – Zum Flennen ist doch die Geschichte nicht!«

»O nein – aber – er ist heute früh gestorben!« stotterte Stahl.

»Wer?«

»Parelli.«

Der Alte faßte die Hand des andern.

»Gerade heute. Das ist beinahe wunderbar. Er ist vielleicht der einzige, der als Sieger mit seiner Ueberzeugung zu Grabe gegangen ist. Gnad' ihm Gott! Kommen Sie, Hans – Sie haben recht – das kann einem das Interesse an dieser Komödie nehmen!«

Die zwei Deutschen drängten sich lautlos durch die lärmende Menge und wandten sich nach der Engelsbrücke zu. Noch donnerten die Kanonen von der Moles Hadriani, als ihnen ein deutscher Maler, welcher Hans kannte, entgegenkam, aufgeregt und mit funkelnden Augen.

»Wissen Sie das Neueste, Stahl? –Frankreich hat an Deutschland den Krieg erklärt!– Es geht los! Hurrah!«

Da fiel es wie ein Alpdruck von dem Herzen des jungen Lausitzers und so laut er konnte, schrie auch er: »Hurrah!«

Das klang wie ein Aufjauchzen aus einer vollen Seele, und er warf sich an die Brust des Alten:


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