Einundzwanzigstes Kapitel.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Der Frühling des Jahres 1871 war gekommen. Das gewaltige Kriegsspiel in Frankreich hatte sein Ende erreicht, mit Blut und Eisen war die Einigung Deutschlands vollzogen und die alte deutsche Kaiserherrlichkeit wieder erneut worden. Ueber tausend Heldengräbern im welschen Land grünte und blühte es, und wie ein echter Friedensherold zog der junge Lenz durch die Welt. Auch in dem kleinen Landstädtchen in Böhmen hatte er seinen Einzug gehalten und hatte die Bäume in Vetter Martins Garten mit seiner ganzen blühenden Herrlichkeit überschüttet. Darunter ging an einem besonders schönen Morgen der alte Herr langsam auf und nieder: Der Wandertrieb begann sich zu regen, und in seiner Seele erwog er verschiedene Pläne. Er wäre schon lange wieder in der weiten Welt gewesen, wenn er nicht um Peter Frohwalts willen daheim geblieben wäre, denn der junge Priester befand sich seit etwa einem halben Jahre in seiner Vaterstadt, ohne zunächst noch recht zu wissen, was mit ihm werden solle.

Er hatte seinem Gewissen gemäß sogleich nach dem Tode der Mutter seine Stellung zu dem neuen Glaubenssatze ehrlich vor seinen Vorgesetzten ausgesprochen, die sich vergebens bemühten, ihn zur Annahme der päpstlichen Unfehlbarkeit zu bewegen. Aber man liebte und achtete ihn, vielleicht gerade wegen seines ehrlichen Mutes, und wollte nicht mit den strengsten Mitteln gegen ihn vorgehen; darum ward er vonseinem Amte und allen priesterlichen Thätigkeiten vorübergehend enthoben und ihm eine halbjährige Frist gestellt, nach deren Ablauf er erklären solle, ob er geneigt sei, sich zu unterwerfen.

Er wollte und konnte diese Zeit nicht in Prag zubringen, und darum begab er sich nach der Heimat, obwohl er wußte, daß der kleinliche Klatsch sich hier an seine Fersen heften und daß vor allem Pater Ignaz alles thun werde, um ihn in hämischer Weise zu verunglimpfen. Aber das konnte ihn nicht anfechten. Er hatte die beste Stütze in seinem guten Bewußtsein und eine andere, ganz vortreffliche in dem Vetter Martin, der sein ganzes Verhalten in dieser Sache völlig billigte und in gewisser Hinsicht sein Schicksal teilte, indem er sich auch als einen nicht mehr vollgültigen Katholiken ansah.

Frohwalt wohnte im elterlichen Hause, welches von Freidank, der sein kleines Besitztum veräußert hatte, bezogen worden war, und da er auf jeden Anteil an dem väterlichen Erbe zu gunsten der Schwester und ihres Kindes verzichtet hatte, ließen es sich der Uhrmacher und seine Frau nicht nehmen, ihn auf das Beste zu pflegen. So hatte er jetzt im täglichen Verkehr erst recht Gelegenheit, das ganze prächtige Wesen, die schlichte Herzlichkeit und die wahre Frömmigkeit seines Schwagers zu beobachten. Er sah unmittelbar vor sich das Bild einer anmutigen, auf den schönsten sittlichen Grundlagen ruhenden Häuslichkeit, mit welcher ganz sichtbarlich auch der Segen des Himmels verbunden war, und manchmal wollte es ihn beinahe wie Rührung erfassen, wenn er Zeuge war, wie Freidank und seine Schwester ihre Kinder beten lehrten für Tote und Lebende, auch für ihn. Er dachte beinahe nicht mehr daran, daß es »Evangelische« waren, mit denen er verkehrte, und aus deren kleinem Kreise ein schöner Hauch echten und duldsamen Christentums ihn anwehte: Nein, eine kirchliche Lehre, die solche Bekenner hat, ist keine ketzerische, gotteslästerliche und verwerfliche – das war ihm völlig klar.

Um nicht müßig zu sein, beschäftigte er sich mit historischen und kirchenrechtlichen Studien, schrieb Aufsätze für verschiedene angesehene Blätter, die ihn mit ihrem Honorar in den Stand setzten, nicht ausschließlich auf Kosten seiner Verwandten leben zu müssen, und beschäftigte sich auch mit einem größeren wissenschaftlichen Werke, wobei ihn Professor Holbert in eingehender Weise unterstützte.

Außer mit Vetter Martin verkehrte er sonst beinahe mit niemandem im Städtchen; bei diesem aber sprach er täglich ein Stündchen wenigstens vor, oder machte wohl auch ab und zu mit ihm einen längeren Spaziergang, und eben, weil der Alte wußte, was er ihm just in dieser Zeit war, hatte er sein Wandergelüst unterdrückt, aber Sonnenschein und Frühlingsluft, blauer Himmel und blühende Welt hatten es ihm einmal angethan und zogen ihn auch jetzt mächtiger als je ins Weite.

Er schob seine Mütze bald hinaus aus der Stirn, bald zog er sie herein, er schnupperte förmlich nach der Lenzesluft und that immer wieder ein paar tiefere Atemzüge … da kam der Postbote an den Gartenzaun und reichte einen Brief herüber. Martin kannte die Handschrift, er war von Heinrich Quandt; darum öffnete er das Schreiben mit Behagen und las:

»Alter lieber Freund und Wandervogel!Da sitze ich seit drei Tagen mit Fritzel auf meinem oder richtiger meiner Schwiegereltern Landsitz und freue mich an den Blüten, die der Frühling auch im Erzgebirge hervorgelockt hat, und denke mir, wie hübsch es wäre, Sie einmal hier zu haben auf ein paar Tage. Wir haben seit Rom nicht viel von einander gehört, was aber nur beweist, daß wir alle beide saumselige Briefschreiber sind, im Herzen aber haben wir uns wohl gegenseitig bewahrt – ich wenigstens kann für meinen Teil gutstehen. Wandern müssen Sie doch einmal, wie ich Sie kenne, also holen Sie frisch den Knotenstock und brechen Sie auf ins Erzgebirge – so schön und blütenfrisch bekommensie's nicht gleich wieder zu sehen. Und noch eins will ich Ihnen verraten. Hier in Ehrenberg sitzt noch einer, der vor Sehnsucht nach seinem Vetter Martin bald vergeht – das ist unser Held Stahl. Der arme Teufel hat – wie Ihnen ja bekannt ist – stark Blut lassen müssen fürs liebe Vaterland. Der linke Arm liegt noch in der Binde und wird wohl nicht mehr ganz dienstfähig werden, aber die Wunde, die ihm der Granatsplitter in die Brust gerissen, ist ziemlich verheilt. Er selbst ist frisch und lebenslustig, und Fritzel, die den lieben Genesenden eigentlich hierhergelockt hat, geht mit ihm um, daß ich auf den Ritter des eisernen Kreuzes – und das ist er, wie Sie vielleicht nicht wissen – mitunter beinahe eifersüchtig werde. Was macht HerrDr.Frohwalt? – – Es waren doch hübsche Tage damals in Rom, und wir sähen ihn fürs Leben gern auch einmal wieder. Wenn Sie Gelegenheit haben, grüßen Sie ihn herzlich von uns. Aber daß ich das Interessanteste nicht vergesse. Denken Sie, der gute Prälat Parelli hat in seinem Testamente seine Schützlinge nicht vergessen, und vor kurzem ist auf dem gehörigen Instanzenwege die Nachricht eingetroffen, daß er sowohl Sisto als Hans Stahl je 5000 Scudi (d. i. 20000 Mark) zu ihrer künstlerischen Ausbildung übermacht habe. Er hat doch ein prächtiges Herz gehabt, dieser Monsignore. Hans Stahls weitere Künstlerlaufbahn war zwar durch die Versöhnung mit seinem Vater gesichert, aber der Zuschuß ist nicht zu verachten, und für Sisto soll er nutzbringend bis zu seiner Großjährigkeit angelegt werden. Der Junge macht übrigens wunderbare Fortschritte und seinen »Eltern« große Freude. Am liebsten hätte ihn Fritzel mit hier – aber das geht denn doch nicht, er darf nicht so ohne weiteres von seinem Meister weggenommen werden, bei dem er trefflich aufgehoben ist. Der Junge spricht schon ein ganz niedliches Deutsch und wächst sich, wie ich mit Vaterstolz sagen kann, zu einem wahren Adonis aus, der den Dresdner Mädchen einmal gefährlich werden kann.Doch genug! Vieles andere mündlich – denn daß Sie nun doch kommen, zumal ich Stahl gern mit Ihnen überraschen möchte, nehme ich fest und entschieden an. Also auf Wiedersehen in Ehrenberg! Mit vielen Grüßen auch von FritzelIhr alter treuer Freund Heinrich Quandt.«

»Alter lieber Freund und Wandervogel!

Da sitze ich seit drei Tagen mit Fritzel auf meinem oder richtiger meiner Schwiegereltern Landsitz und freue mich an den Blüten, die der Frühling auch im Erzgebirge hervorgelockt hat, und denke mir, wie hübsch es wäre, Sie einmal hier zu haben auf ein paar Tage. Wir haben seit Rom nicht viel von einander gehört, was aber nur beweist, daß wir alle beide saumselige Briefschreiber sind, im Herzen aber haben wir uns wohl gegenseitig bewahrt – ich wenigstens kann für meinen Teil gutstehen. Wandern müssen Sie doch einmal, wie ich Sie kenne, also holen Sie frisch den Knotenstock und brechen Sie auf ins Erzgebirge – so schön und blütenfrisch bekommensie's nicht gleich wieder zu sehen. Und noch eins will ich Ihnen verraten. Hier in Ehrenberg sitzt noch einer, der vor Sehnsucht nach seinem Vetter Martin bald vergeht – das ist unser Held Stahl. Der arme Teufel hat – wie Ihnen ja bekannt ist – stark Blut lassen müssen fürs liebe Vaterland. Der linke Arm liegt noch in der Binde und wird wohl nicht mehr ganz dienstfähig werden, aber die Wunde, die ihm der Granatsplitter in die Brust gerissen, ist ziemlich verheilt. Er selbst ist frisch und lebenslustig, und Fritzel, die den lieben Genesenden eigentlich hierhergelockt hat, geht mit ihm um, daß ich auf den Ritter des eisernen Kreuzes – und das ist er, wie Sie vielleicht nicht wissen – mitunter beinahe eifersüchtig werde. Was macht HerrDr.Frohwalt? – – Es waren doch hübsche Tage damals in Rom, und wir sähen ihn fürs Leben gern auch einmal wieder. Wenn Sie Gelegenheit haben, grüßen Sie ihn herzlich von uns. Aber daß ich das Interessanteste nicht vergesse. Denken Sie, der gute Prälat Parelli hat in seinem Testamente seine Schützlinge nicht vergessen, und vor kurzem ist auf dem gehörigen Instanzenwege die Nachricht eingetroffen, daß er sowohl Sisto als Hans Stahl je 5000 Scudi (d. i. 20000 Mark) zu ihrer künstlerischen Ausbildung übermacht habe. Er hat doch ein prächtiges Herz gehabt, dieser Monsignore. Hans Stahls weitere Künstlerlaufbahn war zwar durch die Versöhnung mit seinem Vater gesichert, aber der Zuschuß ist nicht zu verachten, und für Sisto soll er nutzbringend bis zu seiner Großjährigkeit angelegt werden. Der Junge macht übrigens wunderbare Fortschritte und seinen »Eltern« große Freude. Am liebsten hätte ihn Fritzel mit hier – aber das geht denn doch nicht, er darf nicht so ohne weiteres von seinem Meister weggenommen werden, bei dem er trefflich aufgehoben ist. Der Junge spricht schon ein ganz niedliches Deutsch und wächst sich, wie ich mit Vaterstolz sagen kann, zu einem wahren Adonis aus, der den Dresdner Mädchen einmal gefährlich werden kann.

Doch genug! Vieles andere mündlich – denn daß Sie nun doch kommen, zumal ich Stahl gern mit Ihnen überraschen möchte, nehme ich fest und entschieden an. Also auf Wiedersehen in Ehrenberg! Mit vielen Grüßen auch von Fritzel

Ihr alter treuer Freund Heinrich Quandt.«

Vetter Martin faltete das Schreiben zusammen, und war nahe daran, einen Luftsprung zu machen vor Vergnügen, aber er besann sich, daß er sich in seinem Garten so gut wie auf offener Straße befand, und so begnügte er sich, ein paar Mal kräftig mit den Fingern zu schnalzen und im Weitergehen vor sich hinzubrummen:

»Was doch für wunderliche Dinge auf diesem Planeten passieren! Mein Lausitzer Windhund ist Ritter geworden und erbt ein kleines Vermögen – das ist doch, um sich in die Nase zu beißen! Aber es steckt was in dem Bengel, das habe ich herausgewittert, schon als ich ihn zum ersten Male unter den toten Juden sein Süßholz raspeln hörte … Freilich! Wo werde ich denn jetzt hier sitzen bleiben können, das ist ja der reine Fingerzeig des Himmels, und – holla, das ist das Allerhübscheste! – Peter Frohwalt muß mit, das istmeineUeberraschung! – Ach, Hochwürden, das trifft sich gut, Nachrichten von Hans Stahl!«

Martin hatte am Gartenzaune den Kapuzinerpater Severin vorübergehen sehen und eilte ihm entgegen. Der junge Mönch war auf den Anruf einen Augenblick stehen geblieben, und über sein bleiches Gesicht flog eine Röte, als er durch das Gitterthor eintrat, und dem alten Herrn die Hand reichte.

Severin war seit dem Tode Hallers einigermaßen verändert; sein Aussehen war leidend, und die Blässe seiner Wangen trat im Gegensatze zu dem dunklen Vollbart noch mehr hervor, aber was ihn eigentlich quälte, wußte niemand. Seit er Therese in jener furchtbaren Stunde einen Augenblick an seinem Herzen und in seinem Arme gefühlt hatte, hattees ihn wie mit verzehrender Unruhe erfaßt, und schwerer als zuvor rang er mit sich selbst. Sie war ja wieder frei und er ahnte es, Hans Stahl werde sie nun gewinnen, er aber werde zum zweiten Male entsagen, und diesmal fiel es ihm schwerer als zuvor.

Der Alte teilte ihm mit, was er von dem jungen Lausitzer erfahren hatte, und daß er ihn aufsuchen wolle, und um die Lippen des Kapuziners flog ein beinahe schmerzliches Lächeln, da er sagte:

»Ich gönne ihm alles von Herzen! Er hat viel Glück: Ruhm, Reichtum und … was er sonst wünscht, wird ihm zuteil – –«

»Ach, Sie meinen Therese Haller?«

»Ich habe ihm seinerzeit geschrieben von dem Vorkommnis, durch welches Frau Haller Witwe wurde, und seine Antwort aus dem Feldlager war wie ein Aufjubeln des Herzens, voll Siegeszuversicht.«

»Na, wenn's der Himmel fügt, so sollte mich auch das für ihn freuen!« sprach Martin, und wehmütig nickte der junge Mönch dazu.

Dann gingen die zwei unter den blühenden Bäumen hin und redeten noch Manches von dem gemeinsamen Freunde. Eben als Severin sich entfernen wollte, kam aber Peter Frohwalt. Auch er war blaß, aber seine Augen schauten hell und friedlich drein; er trug nicht mehr das Abzeichen des Priesters, das Collare, um den Hals.

»So ist's recht,« – rief ihm Martin entgegen – »Drei gehören zu einem Kollegium! Auch für Dich habe ich interessante Nachrichten.«

»Und Sie gehen, da ich komme,« sagte Frohwalt freundlich zu dem Kapuziner – »ich kann es Ihnen nicht übel nehmen!«

Das Gesicht Severins rötete sich plötzlich:

»Womit habe ich es verdient, Herr Doktor, daß Siemir so wehe thun? – Ich weiß, was Sie sagen wollen mit Ihren Worten, aber glauben Sie mir, daß ich mich nicht scheue, mit Ihnen zu verkehren, sondern im Gegenteil, es stets und unter allen Umständen für eine Ehre ansehe, in Ihrer Gesellschaft sein zu dürfen.«

»Auch wenn vielleicht nächsten Sonntag schon der Herr Pfarrer triumphierend von der Kanzel herab meine Ausschließung aus der Kirche verkündet?«

»Oho,« – rief Martin – »so weit ist's doch noch nicht?«

»Doch,« entgegnete Frohwalt mit ruhigem Lächeln; »die Bedenkzeit, die man mir für meine mögliche Unterwerfung gelassen hat, ist vorüber, und ich habe eben jetzt meine bündige Erklärung nach Prag abgehen lassen, daß ich meine ehrliche Ueberzeugung unter keinen Umständen opfern werde, folge daraus was immer!«

»Das ist brav, und darauf darfst Du stolz sein, Peter!« sagte der Alte, indem er kraftvoll dem jungen Manne die Hand drückte, zur selben Zeit aber hatte auch Severin diesem seine Rechte schweigend entgegengestreckt, und verwundert sah ihn Frohwalt an.

»Ja, ja, Herr Doktor, 's ist mir voller Ernst,« sagte der Kapuziner wehmütig – »ich verstehe Sie völlig, aber verachten Sie mich nicht, wenn ich Ihrem Wege nicht folgen kann. Sie sind ein Adler, ich bin ein Sperling. Für Ihren reichen Geist steht die ganze Welt offen, ich würde zu Grunde gehen, wenn ich nicht den schützenden Hafen meines Klösterchens hätte. Was sollte ich anfangen, wenn ich heute die braune Kutte auszöge … und meine Eltern würden verzweifeln. Darum schweige ich und bücke mich, und überlasse es denen, die mein Gewissen belasten, auch einen Teil der Verantwortung dafür vor Gott zu tragen. Mein Gelübde heischt Gehorsam. Mir geht es wie Tausenden, denen der Mut fehlt, weil sie weder das Vermögen, noch die geistigen Mittel haben, sich gegen die Gewalt auflehnen zu können. Seien Sie mirdarum nicht böse. Und grüßen Sie Hans Stahl, Herr Martin … er soll recht glücklich werden.«

Zusammengebeugt, wie ein gebrochener, müder Mensch, wankte Severin fort, und die beiden anderen sahen ihm bewegt nach.

»Wie sagt der Bruder Martin im »Götz«?« sprach endlich der Alte; – »das Gefühl seines Standes frißt ihm das Herz.«

»Schade um ihn!« fügte Frohwalt mit aufrichtigem Bedauern bei.

Jetzt kam Martin auf seinen Brief zu sprechen; er ließ seinen Besuch ihn lesen und dann bemerkte er:

»Und weißt Du was, Peter? – Wir schnüren unsere Ränzchen und marschieren morgen ab, geradewegs nach dem Erzgebirge und nach dem kleinen Neste, wo unsere römischen Freunde hausen. Hier wird der Boden ohnedies etwas zu warm für Dich werden, denn daß Dein Freund, der Pfarrer, kräftig einheizt, darauf kannst Du Dich verlassen. Und mir juckt's schon den ganzen Morgen so wunderlich in den Beinen, daß ich zum Städtele hinausmuß. Also, wie steht's?«

»Ja, lieber Vetter Martin – zum Reisen gehört Geld!«

»Das haben wir, Peter! Wie Fürsten reisen wir freilich nicht, eher wie fahrende Schüler, aber das ist bei weitem vergnüglicher, und dafür reichen meine Mittel für uns zwei sehr anständig aus. Was mein ist, ist Dein – das ist doch selbstverständlich, und wenn Du etwa eine andere Meinung haben solltest, so sprich sie aus, aber sei gewärtig, daß ich Dich aus meinem Besitztum hinauswerfe und jede diplomatische Beziehung zu Dir abbreche.«

»Na gut denn, Du lieber, närrischer Vetter, – und wenn Du mit einem aus der Kirche Ausgeschlossenen Dich zu wandern getraust ohne Schaden für Dein leibliches und seelisches Heil – –«

»Sei ganz ruhig, Peter! Wenn sie erst Dich herausthunaus der Kirche, dann können sie's bei mir gleich mit besorgen, das will ich dem Pfarrer schriftlich geben!«

»Dann ist's recht – und morgen wandern wir!«

»Topp!« sagte Martin, und unbekümmert um die Nähe der Gasse schleuderte er seine Mütze hoch in die Luft und fing sie wieder auf, wie ein lustiger Knabe, für den die Ferien gekommen sind, und dem eine goldene Zeit der Freiheit winkt.

Am andern Morgen, als es noch recht ruhig war im Städtchen, aber der Sonnenschein schon über den Dächern lachte, zogen zwei Wanderer zum Thore hinaus. Ueber ihnen blauer, weitgespannter Himmel, unter ihnen noch leicht wogender Nebel, und wo sie gingen zur Rechten und zur Linken ein Glänzen und Blühen. Die ersten Lerchen stiegen empor in die klare Luft, aufjauchzend aus den kleinen Kehlen, und die Brust wurde den Beiden weit und froh, so daß sie erst eine gute Weile schweigend ausschritten, bis der Vetter Martin endlich sein Morgenpfeifchen anzündete, und nun begann er redselig zu werden.

So kamen sie nach Burgdorf, der kleinen evangelischen Gemeinde, und das Dorf machte im Morgensonnenschein einen besonders freundlichen und sauberen Eindruck.

Als sie an dem schlichten Pfarrhause vorüberkamen, in dessen Gärtchen alles in frischer Blüte stand, sahen sie den jungen Pfarrer mit seiner Frau unter den Bäumen auf- und abschreiten, und Frohwalt erinnerte sich, dies Bild beinahe ebenso schon früher einmal gesehen zu haben. Heute sah er es mit ganz anderen Augen an: Jeder Hauch von Feindseligkeit war aus seinem Herzen geschwunden, und er empfand eine Art reiner Freude über diese trauliche Häuslichkeit und das freundliche Familienleben in diesem Pfarrhause, das einen bedeutsamen Gegensatz bildete zu dem, was er in Nedamitz und im Hause Parellis in Rom geschaut und erlebt hatte.

Die beiden Wanderer ließen sich Zeit und genossen dieSchönheit der Gotteswelt in vollen Zügen; Frohwalt aber schien es, als ob er nie so sonnige, herrliche Tage durchlebt hätte, und wenn er gemeint hatte, Vetter Martin völlig zu kennen, so wurde er jetzt eines Besseren belehrt, denn auf der Wanderung gab sich der Alte erst ganz, wie er war, mit seinem reichsten Humor, mit seinen wärmsten Empfindungen, mit seinem für alles Schöne und Gute empfänglichen Herzen.

An einem Nachmittage trafen sie in Ehrenberg ein. Es war ein ziemlich großes, freundliches Dorf, das im Grün der Gärten in einer Thalsenkung des Erzgebirges lag. Die Gegend schien fruchtbar und wohlhabend, und war von landschaftlicher Anmut, wie der Gegensatz von grünem, flußdurchzogenem Thal und in der Ferne blauenden Bergen sie bot. Der Kirchturm war für unsere Freunde der Wegweiser; in der Nähe des Gotteshauses mußte sich die Pfarrei befinden.

Und sie täuschten sich nicht. Ein Knabe hatte sie zurecht gewiesen, und so traten sie in den Pfarrhof ein. Hier aber war es Frohwalt, als sehe er jenes freundliche Bild in Wirklichkeit vor sich, das er in Quandts Skizzenmappe in Rom erblickt hatte. Da war das alte, breitbehäbige Haus von Holzfachwerk mit dem der Straße zugewendeten stattlichen Giebel und davor die prächtige Linde mit ihrem jungen, noch nicht voll entfalteten Grün. Auf der Holzbank darunter aber saßen der Maler mit seiner Frau und mit Hans Stahl, und sahen zu, wie ein prächtiges, blühendes Mädchen die lustig um sie flatternden Tauben fütterte.

Aber die Ankömmlinge hatten nicht Zeit, das Bild zu genießen mit seiner traulichen Anmut, denn Heinrich Quandt hatte sie schon gesehen.

»Der Vetter Martin! Doktor Frohwalt!« klang es, dann eilten die drei von der Linde her … (S. 433.)

»Der Vetter Martin! Doktor Frohwalt!« klang es, dann eilten die drei von der Linde her … (S. 433.)

»Der Vetter Martin! Doktor Frohwalt!« klang es, dann eilten die drei von der Linde her, und das junge Mädchen ließ die goldenen Weizenkörner achtlos aus der Schürze rollen unter das durch die Bewegung der Menschen gleichfalls erregtere Taubenvolk. Dann fanden sich die Hände im warmen,herzlichen Drucke, und Begrüßungsworte gingen hin und her. Martin aber hielt seinen »Lausitzer Windhund« wie einen Sohn in den Armen, und sah ihm dann ins Gesicht:

»Potz Respekt, Herr Ritter des eisernen Kreuzes!« sagte er bewegt, und dann fuhr er liebkosend über den verwundeten Arm, der noch in der Binde lag.

Heinrich Quandt aber rief dem Mädchen zu: »Trudchen, komm her!« und zum Giebelfenster hinauf: »Papa, Mama, unsere römischen Freunde sind gekommen!«

Aus dem Fenster beugte sich einen Augenblick ein von weißschimmernden Haaren umwobenes freundliches Gesicht und eine sonore Stimme rief:

»Herzlich willkommen! Wir sind gleich bei Euch!«

Und eben als die andern in den breiten Flur des Hauses traten, kamen der Pfarrer und seine Frau die Treppe herab, ein hübsches, altes Paar, dem Herzlichkeit und Gutmütigkeit aus den Augen leuchtete. Sie begrüßten die beiden Ankömmlinge wie gute alte Bekannte, und schon nach kurzem saßen sie alle beisammen um den Tisch bei einem Imbiß, der von der geistlichen Hausfrau schnell bereitet worden war, und bei Gesprächen, die alte Erinnerungen rasch neu belebten, aber auch bekundeten, wie man im Pfarrhause zu Ehrenberg über alles, was mit Rom zusammenhing, auf das Beste unterrichtet war und für alles die herzlichste Teilnahme zeigte.

Als Martin und Frohwalt am Abend das Gasthaus aufsuchen wollten, geriet der Pfarrer geradezu in liebenswürdigen Zorn:

»Davon kann doch nicht die Rede sein! Wir haben übergenug Platz in unserem alten, gemütlichen Hause und Gott Lob auch genug zu essen und zu trinken, und wir denken doch nicht, daß Sie hierhergekommen sind, um uns zu kränken? Was müßten denn meine Kirchkinder sagen, wenn ihr Pfarrer seine Freunde im Gasthofe unterbringen ließe!«

Da fiel sein Blick auf Frohwalt, und er wurde ernster, als er beifügte:

»Herr Doktor,Ihnendarf ich keinen, auch keinen freundschaftlichen Zwang anthun …«

»Ich verstehe Sie, Herr Pfarrer,« sagte der Angeredete lächelnd, – »aber ich bin in der Lage, ganz meinem Herzen folgen zu dürfen, und wenn Sie mich hier behalten, bleibe ich!«

Herzlich drückte der alte evangelische Geistliche ihm die Hand, und die Sache war abgemacht.

Frohwalt war erstaunt über den feinen Takt, welcher in diesem Hause herrschte, und wie man alles vermied, was nach der Meinung der Pfarrerfamilie ihm peinlich oder unangenehm sein könnte. Auch von dem Konzil war nicht die Rede, ebensowenig wie von seiner Stellung zu der Unfehlbarkeit, bis er am zweitnächsten Tage selbst darauf, wie auch auf seine Ausschließung aus der römischen Kirche zu sprechen kam.

Der Pfarrer schien überrascht, aber, so nahe auch nun der Gedanke oder die Versuchung dazu gewesen wäre, er hielt sich völlig fern von einem Anpreisen seines eigenen Glaubens und sprach mit Frohwalt über die Sache in einer nicht bloß völlig objektiven, sondern auch sehr klaren und kenntnisvollen Weise, so daß dieser vor dem Wissen wie vor dem Charakter des alten Herrn immer neue Achtung bekam.

Es war Sonntag. Die Glocke rief zur Kirche, und Vetter Martin, der mit Stahl und Frohwalt im Garten hin- und widerging, sagte:

»Ich dächte, wir hörten den Pfarrer predigen. Gottes Wort kann uns nichts schaden, und ich denke, der alte Herr wird nichts Unrechtes reden. Du, Peter, bist überhaupt an nichts mehr gebunden, und Hans und ich wollen es schon mit unserem katholischen Gewissen ausmachen, wenn wir einmal ein evangelisches Gotteshaus besuchen. 's ist bei mir überdies nicht das erste Mal.«

So gingen sie mit einander. Niemals noch hatte Frohwalteine protestantische Kirche betreten, und darum wohl ergriff ihn eine seltsame Befangenheit. Aber bald schwand dieselbe vor der würdigen Einfachheit, welche hier herrschte. Der einzige, schlichte Altar, nur mit einem schönen Kreuzbilde geziert, zu dessen Seiten zwischen frischen Blütenzweigen die Kerzen brannten, die weißgetünchten Wände, hell beschienen von der durch die hohen Fenster einfallenden Sonne, die Emporen mit dem alten, gefälligen Schnitzwerke, die hölzerne Kanzel, auf welche von der Kirche aus die Treppe emporführte, und das kleine Orgelchor mit den blinkenden Pfeifenreihen … das alles stimmte so ruhig und drängte, da der Blick nicht abgelenkt wurde durch überflüssigen Schmuck, zahlreiche Bildwerke und Statuen, zu innerer Sammlung.

Die Orgel setzte ein, und der gemeinsame Gesang der zahlreich Versammelten erklang weihevoll wie ein Beten. Die Worte des alten Liedes von Paul Gerhardt: »Befiehl Du Deine Wege« muteten Frohwalt seltsam an; es war, als ob der alte evangelische Dichter sie just für ihn verfaßt hätte, und es drängte ihn, bei der dritten Strophe selbst mit einzustimmen, so daß das Auge Vetter Martins ihn ganz verwundert streifte.

Mit Aufmerksamkeit folgte er der Liturgie, mit noch größerer aber der Predigt des alten Pfarrers. Die Worte klangen so herzlich und ungesucht, sie paßten sich dem Verständnis und Empfindungsleben der schlichten Zuhörer völlig an, und sie wurden mit einer so natürlichen Wärme gesprochen, daß Frohwalt sich am Ende derselben tief ergriffen fühlte. Ja, das war eine evangelische Predigt … und er hätte ihr tausende von katholischen Zuhörern gewünscht. Da war nichts gesagt worden, was er nicht auch empfand, und was er von seinem Standpunkte aus nicht auch hätte sagen dürfen.

An die Predigt schloß sich der Beichtgottesdienst, und wie in einem frommen Banne hörte er das allgemeine Sündenbekenntnis und die Absolutionsworte des greisen, würdigenMannes, er hörte mit andächtigem Staunen die nun folgende Liturgie des Abendmahls, die alles Wesentliche enthielt wie die katholische Messe, ja genau mit denselben Worten, nur daß sie schlicht und schön in der Muttersprache erklangen, allen verständlich und allen erbaulich. Dann schritten sie langsam heran an den Altar, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen und empfingen Brot und Wein, ehrfürchtig sich verneigend, und mit dem schönen, dreifachen Segen des Priesters schloß der Gottesdienst.

Das kleine Kirchlein war schon leer geworden, als Frohwalt erst mit seinen zwei Begleitern es verließ. Vor dem Thore stand er still und faßte die Hand Martins, der ihn schweigend beobachtet hatte und sagte:

»Das ist ein wahrer Gottesdienst! Gemahnt es nicht an die ältesten Zeiten der Kirche, da man nichts wußte von Prunk und Glanz der Aeußerlichkeiten, und da die Christen still und schön ihr schlichtes Liebesmahl gemeinsam genossen? Solche weihevolle Andacht habe ich niemals empfunden, als in dieser evangelischen Dorfkirche!«

Er konnte es sich nicht versagen, das auch dem alten Pfarrer gegenüber auszusprechen, der ruhig und freundlich erwiderte:

»Sie sind nicht der erste Katholik, welcher diese Empfindung hat; bei manchem ist sie freilich bedingt durch den Reiz des Neuen, bei Ihnen, glaube ich, ist sie tiefer, weil Sie mit Ernst nach dem Wahren suchen. Der liebe Gott erleuchte Sie auf Ihrem Wege!«

Er ging auf ein anderes Gespräch über, und gerade das berührte Frohwalt ungemein wohlthuend.

Am nächsten Morgen brach der Vetter Martin auf; bei solchem Frühlingswetter hatte er nirgends lange Ruhe, und es drängte ihn hinaus in die Welt. Er wollte diesmal Elsaß und Lothringen besuchen, die wiedergewonnenen Kinder der Mutter Germania. Quandt mit seiner Frau, Hans Stahlmit Trudchen und Frohwalt gaben ihm ein Stück weit das Geleite. Mit letzterem ging der Alte einige Schritte den anderen voraus, und als es beinahe ans Abschiednehmen kam, sagte er:

»Ich weiß Dich hier in guten Händen, Peter; drum kann ich ausmarschieren, und wenn ich wiederkomme, hat sich in Dir, wie ich bestimmt hoffe, manches völlig ausgeklärt, was jetzt noch schwankend ist. Ich meine aber, Du bist auf dem besten Wege, erst recht ein brauchbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden. Konfessionslos kannst Du nicht bleiben, der Altkatholizismus ist noch unfertig … werde evangelisch, wie Deine Schwester ist! Werde ein Priester wie unser alter Gastfreund, ein Leiter, Führer und Vorbild Deiner Gemeinde. Das ist mein ehrlicher Rat, und es soll mich freuen, Peter, Dich einmal auf Deiner evangelischen Pfarre und in Deinem Hausstande besuchen zu können. Und dann nimmst Du mich auch in Deine Kirchengemeinde auf. Punktum! Und jetzt gehen wir auseinander!«

Der Alte wandte sich nach den übrigen um und schwenkte lustig seinen Stock. Sie kamen rascher herbei, und es folgte der herzlichste, rasche Abschied. Viel dabei herumzureden, war nicht Martins Art. Nach kurzer Weile wanderte er weiter, mit großen Schritten, noch zweimal sich umblickend nach den wehenden Tüchern und winkenden Händen, dann gingen die Zurückbleibenden langsam wieder dem freundlichen Dorfe zu, dessen Kirchturm ihnen friedlich entgegenwinkte.

Quandt und Fritzel gingen mit Hans Stahl voran, Frohwalt folgte mit Trudchen nach. Unbefangen hatte er bisher mit dem heitern, schönen Mädchen verkehrt, in dieser Stunde aber überkam ihn zum ersten Male eine gewisse Befangenheit: Ein Wort des Alten klang ihm in der Seele nach, wenn er in die hellen, frischen, braunen Augen schaute, und auf den plaudernden roten Mund. Sie merkte seine schweigsame Art und sagte:

»Der Abschied vom Vetter Martin hat Sie ja ganz still gemacht!«

»Ja, er ist mir sehr lieb, der alte Mann, und ich sehe ihn immer mit heimlicher Wehmut scheiden.«

»Er erinnert mich in manchem an meinen Vater!«

»Sie haben recht. Beide haben dieselbe milde Art, die gleiche Duldsamkeit und die nie versiegende, von sonnigem Humor verklärte Herzenswärme.«

Das Mädchen sah ihn mit aufleuchtenden Augen an. »Es freut mich, daß Sie schon nach so kurzer Zeit meinen Vater so beurteilen –«

Und nun ging ihr das kindliche Herz auf, und sie begann von ihren Eltern zu erzählen, und dem stillen Zuhörer ward es dabei wärmer in der Seele. Diese Kindesliebe hatte etwas unendlich Anmutiges und Wohlthuendes, und das Mädchen gewann in seinen Augen ganz besonderen Wert und Reiz.

Von diesem Tage an schloß sich Frohwalt mehr als bisher an den alten Pfarrer an und verkehrte manche Stunde mit ihm in ernsteren Gesprächen. Er selbst lenkte die Rede dabei auf religiöse Fragen, und ihn überraschte die ruhige Klarheit, die edle Milde, mit welcher der Pfarrer solche behandelte. So gewann er einen Einblick in das evangelische Bekenntnis und fühlte sich seltsam davon angezogen. Es lag in demselben ein schöner, gesunder, wahrhaft religiöser Kern, ein tiefbegründetes, sittliches Bewußtsein, ein Ablehnen des äußeren Scheins, eine Verklärung des deutschen Wesens, so daß es ihm jetzt erst verständlich ward, wie die Reformation auf deutschem Boden erwachsen, und wie ein einfacher Sohn des deutschen Volkes sie ins Leben rufen konnte.

Und die Worte, welche er von dem Pfarrer hörte, erhielten ihre schönste Bestätigung in den Verhältnissen in dem Pfarrhause selbst. Hier herrschte ein wundersamer Geist des Friedens und der Menschenliebe, von hier aus ging Trost und Rat in die bedrängten Herzen der Gemeindeglieder, unddabei wetteiferten die weiblichen Glieder der Familie mit dem Oberhaupte. Die Pfarrerin war in jeder Weise des Gatten wert. Sie besaß eine vortreffliche Bildung des Verstandes und des Herzens, und war mit ihrem freundlichen, teilnahmsvollen Wesen wie der gute Geist des Hauses.

Was waren das für herrliche Stunden, welche Frohwalt in diesem Kreise verlebte, zumal des Abends, wenn die Familie enger an einander rückte und jeder gab und empfing, und sich an beidem still erfreute. Da setzte sich wohl die Pfarrerin ans Klavier, und die beiden Töchter sangen, Trudchen mit schöner, sympathischer Sopranstimme und Friederike mit klangvollem Alt, während der Hausherr mit dem Seidenkäppchen auf dem ehrwürdigen Haupte behaglich in seinem Lehnstuhl saß und seine lange Pfeife schmauchte. Dann erzählte Hans Stahl von den ruhmvollen Tagen, die er mit durchgestritten, oder Quandts und Frohwalt ergingen sich in römischen Erinnerungen, bis der Pfarrer zuletzt einen kurzen Abendsegen sprach, der das Haus und alle seine Bewohner dem Schutze Gottes empfahl, dann begab man sich zur Ruhe, und tiefer Friede lag über dem Pfarrhause und dem ganzen freundlichen Dorfe.

Frohwalt lebte hier wie in einem Zauberbann, und manchmal war es ihm, als träume er und müsse das Erwachen fürchten. Besonders fühlte er das, wenn er sich mit Trudchen unterhielt. Er hatte sich bisher, getreu den Vorschriften seines Berufs, wenig um das weibliche Geschlecht gekümmert und kannte von demselben aus näherem Umgang nur Mutter und Schwester. Dann hatte er besondere Wertschätzung für Friederike gewonnen, und da Trudchen der Schwester in jeder Weise ähnlich war, so übertrug er dies Empfinden gleich von vornherein auf sie. Und sie kam ihm mit ungesuchter Herzlichkeit und Natürlichkeit entgegen, als ob er ihr gar kein Fremder wäre, und gab sich in Wort und Wesen mit so heiterer Anmut, daß der Umgang mit ihr für Frohwalt beinahe ein Bedürfniswurde, und er an jedem Morgen sich zumeist darauf freute, ihr frisches, liebes Gesicht wiederzusehen.

Ueber die Bedeutung solchen Empfindens war er sich selbst nicht klar; um so klarer aber schienen andere sich darüber zu sein, und Quandts, sowie Hans Stahl ließen die beiden, so oft es unverfänglich geschehen konnte, ungestört mit einander verkehren, aber um des Malers Lippen flog ein gutmütig schönes Lächeln in solchen Augenblicken, und den Arm seines Weibchens wärmer an sich ziehend, flüsterte er wohl:

»O rühret, rühret nicht daran!«

So mochten etwa drei Wochen vergangen sein. Der junge Lausitzer, der seinen Arm beinahe mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit in der Binde trug, gedachte in seine Heimat abzureisen, und auch Frohwalt schien es an der Zeit, die Gastfreundschaft des lieben Pfarrhauses nicht länger in Anspruch zu nehmen. Er hatte mehrmals schon davon gesprochen, zu gehen, aber immer wieder gern sich halten lassen.

Da war er eines Vormittags – Friederike und Gertrud hatten daheim zu schaffen, und Quandt malte – mit Stahl allein durch das Dorf gegangen. Als sie an dem stattlichen Gasthofe vorüberkamen, hatte der letztere einen Blick in den Garten desselben geworfen und plötzlich schrie er auf:

»Professor Holbert!«

Dann eilte er durch die Hinterthüre ein. Frohwalt, der ihm beinahe mechanisch folgte, sah jetzt in der That auch den Professor an einem der einfachen Holztische sitzen und neben ihm Therese. In wenigen Augenblicken waren die vier Menschen bei einander und reichten sich herzlich die Hände, und Fragen gingen lebhaft hin und her.

Holbert hatte mit seiner Tochter, um den unerquicklichen Prager Verhältnissen sich auf einige Zeit wenigstens zu entziehen, eine kleine Reise gemacht, die beide meist zu Fuß zurücklegten. So waren sie nach Ehrenberg gekommen und gedachtenhier Mittagsrast zu halten. Ihre Freude, Frohwalt und Stahl hier zu finden, war aufrichtig und groß, und besonders angenehm überrascht waren sie über den letzteren, dessen Gesicht in diesem Augenblicke wie von innerer Verklärung aufleuchtete, und den sie herzlich beglückwünschten zu seinen Heldenthaten und seinen ehrenvollen Erfolgen in Krieg und Frieden. Als Therese ihm dabei die Hand reichte, hielt er sie eine Sekunde lang fest, und sah ihr dabei so seltsam in die Augen, daß sie errötend die Blicke senkte.

Um der Freunde willen gedachten Holberts den Nachmittag über hier zu bleiben und gemeinsam mit ihnen einen nahen Berg zu ersteigen, der eine schöne Fernsicht bot. Die Pfarrersfamilie war feinfühlig genug, sich daran nicht zu beteiligen, und so wanderten die vier langsam die bewaldete Höhe hinan, unter leise rauschenden Föhren hin. Frohwalt und der Professor schritten voran, Hans Stahl und Therese folgten.

»Ist Ihnen der im Mai von München aus von Döllinger erlassene Aufruf an die deutschen Katholiken zu Gesicht gekommen?« fragte Holbert seinen Begleiter.

»Nein. Um was handelt es sich darin?«

»Nun, Döllinger betont in Uebereinstimmung mit einer Anzahl gesinnungstüchtiger, gläubiger Männer, daß auf dem Boden der Treue gegen den alten katholischen Glauben eine Erneuerung kirchlicher Zustände durch einträchtige Arbeit von Klerus und Laien herbeigeführt und als letztes Ziel christlicher Entwicklung die Vereinigung der jetzt getrennten christlichen Glaubensgenossenschaften angestrebt werden soll. Wahrlich ein edles und würdiges Programm, bei welchem, wie ich annehmen zu dürfen glaube, wohl auch auf Ihre Mitwirkung zu rechnen ist.«

»Zürnen Sir mir nicht, Herr Professor, wenn ich sagen möchte: ›Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.‹ – Ich habe hier reichlich Gelegenheit gehabt, überreligiöse und kirchliche Verhältnisse nachzudenken, und darum finde ich zwar die Bestrebungen des Altkatholizismus schön und würdig, aber seine letzten Ziele scheinen mir weder völlig klar, noch vor allem erreichbar.«

»Es kommt nur auf den guten Willen der Beteiligten und auf die allgemeine Unterstützung an.«

»Und gerade an der letzteren wird es, fürchte ich, fehlen, weil man in die Ausführbarkeit des Programms kein volles Vertrauen gewinnt. Eine Umwandlung der kirchlichen Zustände! Sie ist oft versucht worden von Kirchenversammlungen aus, aber umsonst!«

»Weil man stets mit der römischen Kurie als einem besonderen Faktor rechnete, der sich angestrebten Aenderungen verschloß oder gar widersetzte. Für uns Altkatholiken aber ist auch die altkirchliche Verfassung maßgebend, nach welcher alle Bischöfe gleich und gleichberechtigt sind mit dem römischen, der nur der Erste unter Gleichen ist.«

»Sie streben also den Ausbau des bischöflichen Systems an? Aber woher nimmt der Altkatholizismus seine Bischöfe? Wer soll sie weihen? Denn die bloße Ernennung könnte doch nicht genügen, in ihnen die Nachfolger der Apostel zu sehen?«

»Gewiß nicht. Aber wir haben ja bereits eine altkatholische Kirche, die seit dem siebten Jahrhundert in den Niederlanden besteht, und seit Anfang des vorigen Jahrhunderts erneuert wurde, die römisch-katholische Kirche der bischöflichen Klerisei. Sie steht unter dem Erzbischof von Utrecht und den Bischöfen von Deventer und Haarlem, und bestreitet, wie wir, die päpstliche Unfehlbarkeit. Durch ihre Bischöfe wird durch Handauflegung die bischöfliche Weihe rechtmäßig auch auf unsern Oberhirten übertragen werden.«

»Auch das sind Aeußerlichkeiten, denen ich keinen zu hohen Wert beilegen möchte. Der Altkatholizismus hat die Absicht, die alte katholischeKirchewieder herzustellen, und darin liegt nach meinem Ermessen eine Halbheit, die nichtzum Ziele führen kann. Das Hinarbeiten auf ein bloßkirchlichesChristentum kann nicht das Letzte und Höchste sein, sondern die religiös-sittliche Ausgestaltung desselben müßte angestrebt werden, zu welcher die auf den Grundlagen des Humanismus sich erhebende Reformation den Anlauf genommen hat. Wir brauchen, möchte ich beinahe sagen, eine Art staatliches Christentum, ein weltlich sittliches Christentum, wodurch das Wesen des Protestantismus sich kennzeichnet im Gegensatz zu dem Katholizismus, der das Wesen des Christentums nur in derkirchlichenForm dargestellt wissen will. Alle Bestrebungen der Zeit im Geiste des wahren Christentums aufzufassen, dasselbe in ihnen fruchtbringend werden zu lassen, das wäre eine Aufgabe für den Altkatholizismus, aber gerade der Erfüllung desselben setzt das Festhalten an kirchlichen Aeußerlichkeiten Schranken.«

»Ich höre das protestantische Pfarrhaus aus Ihnen sprechen, lieber Freund!« sagte lächelnd der Professor.

»Es mag etwas Wahres an dem Worte sein, aber andererseits muß ich betonen, daß ich niemals einen Mann mit milderem Sinne und mit geringerer Absicht, Glaubensgenossen zu gewinnen, kennen gelernt habe, als den alten Pfarrer von Ehrenberg.«

»Aber scheint Ihnen nicht wenigstens das letzte Ziel des Altkatholizismus groß und der Bemühungen der Besten wert? Die wirkliche Wiederherstellung der katholischen Kirche, in der nur ein Hirt und eine Heerde ist, die Wiedervereinigung von allen, die sich Christen nennen, ist das Erhabenste, was sich denken läßt.«

»Gewiß, Herr Professor – aber leider unerreichbar. Ein Zurückgehen auf die allerälteste christliche Zeit, ein Wiedererwecken der altkirchlichen Lehre würde stets auf Widersprüche stoßen und statt der Einigung noch schärferen Zwiespalt erwecken. Wohl weiß ich, daß Döllinger in bester Absicht einen Unterschied machen will zwischen Glaubenssatz undMeinung – aber wer soll feststellen, was als Glaubenssatz zu gelten hat? Als Glaubenssatz füralleChristen? Als Glaubenssatz, der auch einhellig angenommen würde? Aus jedem Glaubenssatz würde ein neuer Zwiespalt erwachsen, wie es bisher stets der Fall gewesen ist.«

Sie waren, indem sie dies Gespräch fortsetzten, auf der freien Höhe angekommen. Unter ihnen lag im Sonnenglanze das schöne blühende Land mit freundlichen kleinen Städtchen und Dörfern, mit dem blinkenden Silberbande eines Flüßchens, umrahmt gegen Süden von einem Kranze höherer Berge und dem Kamme des Gebirges. Einige Augenblicke standen sie schweigend, dann sagte Holbert:

»Ich sehe aus allem, wie es um Sie steht, lieber Freund, und wohin Ihre Ueberzeugung Sie führt. Ich achte Sie darum nicht minder, und ich denke, daß wir die Alten bleiben. Im innersten Wesen stimmen wir doch überein. Sie wie ich streben die sittliche Wiedererneuerung der menschlichen Gesellschaft an. Das ist ein großes und edles Ziel, und der Wege dazu giebt es mannigfache. Uns allen aber leuchtet dazu dieselbe Sonne und es blaut uns derselbe Himmel, und derselbe ewige Vater giebt allen seinen Kindern, die ehrlich der erkannten Wahrheit nachstreben, seinen Segen. Möge er auch uns nicht fehlen!«

Mit wärmstem Drucke fanden sich die Hände der beiden Männer, die schweigend sich dabei in die Augen sahen. Sie wußten, was sie einander geworden waren und bleiben wollten.

Langsamer war indes das zweite Paar hinterher gekommen. Ueber Stahl, sowie über Therese lag anfangs eine gewisse Befangenheit, und die junge Frau suchte darüber hinwegzukommen, indem sie ihren Begleiter nach seinen künstlerischen Erfolgen, seinen Arbeiten und Bestrebungen fragte. Er erzählte ihr davon, begeistert, mit leuchtenden Blicken, dann blieb er mit einem Male stehen, so daß auch sie denSchritt anhalten mußte. Ringsum war schweigender Wald, durch welchen die Sonnenstrahlen zuckten, die beiden Männer vor ihnen waren verschwunden hinter den Föhrenstämmen, ein Vogel huschte scheu durch das Gezweige … da sagte er mit einmal mit bebender Stimme:

»Denken Sie noch an den Beth Chajim, und was mein junges, thörichtes Herz unter den blühenden Fliedersträuchen damals bewegte?«

Es schien, als wolle sie abwehren, aber die Geberde mißlang, und die Röte, welche ihr in die Wangen trat, strafte sie Lügen. Kühn gemacht dadurch, fuhr er fort:

»Ich bin seitdem ein anderer geworden. Ich bin durch eine ernste Schule gegangen, ich habe geblutet für eine heilige Sache, und ich fühle es, daß ich eine Zukunft habe … wenn mir der Sonnenschein, an den ich geglaubt und gehofft habe, seit ich Sie kenne, nicht untergeht. Damals in Prag mußte ich schweigen – heute darf ich reden. Therese, ich brauche es Ihnen nicht zu sagen, daß ich Sie heute noch ebenso lieb habe, ja noch mehr, denn Sie haben gelitten, und daß mein ganzes Wesen und Denken nur aufgeht in Ihnen. Sie sind frei, wie ich es bin, und wenn sie glücklichmachenwollen, so sollen Sie auch glücklichsein, das gelobe ich Ihnen bei allem, was uns heilig ist!«

Therese war in heftiger Erregung, ihre Brust atmete lebhaft, sie rang nach Worten, und ohne sie finden zu können, ging sie einige Schritte vorwärts. Stahl aber war stehen geblieben; er sah ihr beinahe enttäuscht, traurig, nach und nur ihr Name entrang sich seinen Lippen, aber mit einem so unendlich traurigen und doch so liebeerfüllten Klange, daß sie stehen blieb und ihn ansah.

»Dringen Sie heute … noch jetzt nicht in mich … Hans – es kommt mir zu überraschend … ich weiß ja nicht, ob ich noch auf ein Glück rechnen darf …«

Er hatte nur das eine Wort gehört, das ihm Allesverriet, und aufjauchzend rief er noch einmal ihren Namen, und streckte ihr die ausgebreiteten Arme entgegen.

Sie trat wieder näher an ihn heran, und reichte ihm die beiden Hände:

»Noch nicht, Hans … lassen Sie mir noch Zeit …«

Da ergriff er die Hände und küßte sie abwechselnd, bald die Rechte, bald die Linke, trotz des Handschuhes, so daß ein leises Lächeln um ihre Lippen spielte.

»Ungestümer!«

Dabei drückte sie auch seine Hände warm und herzlich, und sagte:

»Kommen Sie, Hans, wir wollen vernünftig sein!«

»Wie lange noch, Du Liebe, Herrliche?«

Sie legte ihm die Hand auf den Mund und ihren Arm in den seinen. Und wie sie leicht sich an ihn schmiegte, da ging ein seliger Schauer durch sein Herz, so daß er keine Worte finden konnte, und schweigend schritten sie selbander den Berg hinan. Ehe sie aber hinaustraten auf die Lichtung auf dem Gipfel, flüsterte er mit unendlicher Innigkeit:

»O sage nur ein einzigmal Du!«

Und mit holdem Erröten flüsterte sie das kleine, süße, inhaltvolle Wort, und fester zog er ihren Arm an sich –

So kamen sie heran zu den beiden Männern …

Als Frohwalt an diesem Abende in das Pfarrhaus zurückkehrte, geschah es mit dem festen Vorsatz, dem Pfarrer anzuzeigen, daß er zum evangelischen Bekenntnis übertreten wolle. Das Gespräch mit Holbert hatte ihm die Ueberzeugung beigebracht, daß der Altkatholizismus ihn niemals ganz befriedigen könne.

Mit ruhiger Freude hatte der Pfarrer diesen Entschluß gehört und seinem Gastfreunde schweigend die Hand gereicht. Dann aber hatte er nach seines Herzens Drang mit ihm gesprochen, und als Frohwalt aus seinem Gemache trat, war seine Seele wundersam erhoben.

Da sah er Trudchen im Flur stehen.

Er eilte auf sie zu mit einer freudigen Erregung und sprach:

»Fräulein Gertrud, soeben habe ich Ihrem Vater mitgeteilt, daß ich Ihrem Glauben beitreten und ein evangelischer Priester werden will in seinem Geiste!«

Das Gesicht des hübschen Mädchens wurde von hoher Röte übergossen, und sie reichte ihm die Hand.

»O wie mich das freut! Wie mich das freut!«

Mehr vermochte sie nicht zu sagen; aber wie sie so dastand im milden Lichte des Abends, das durch das Flurfenster herein fiel, erschien sie ihm lieblicher als jemals, und er fragte mit unsicherer Stimme:

»Und warum freut Sie das so, Gertrud?«

Sie vermochte nicht zu antworten. Mit einem leisen, seligen Aufschluchzen lehnte sie sich an seine Brust und schlang die Arme um seinen Nacken.


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