Elftes Kapitel.
Zu Beginn des Herbstes fand die Hochzeit Theresens mitDr.Haller statt und zwar auf besondern Wunsch der Braut in der freundlichen Kirche bei den Kapuzinern zu St. Josef, undP.Severin war es, welcher die Trauung vollzog. Als Professor Holbert dem Guardian diese Bitte Theresens vortrug, war der würdige alte Herr einigermaßen in Verlegenheit gekommen, aber da sein junger Ordensbruder ihm seine einstige Herzensbedrängnis in der Beichte anvertraut hatte, mochte er darüber nicht sprechen, sondern erklärte, daß er die Entschließung darüberP.Severin selbst überlassen müsse.
Zu seiner Verwunderung nahm dieser den Wunsch scheinbar völlig ruhig auf, und erklärte sich bereit, denselben zu erfüllen; er fügte seinem milden, freundlichen Ordensvorgesetzten gegenüber bei, er betrachte auch das als eine Buße, welche ihm der Himmel auferlegen wolle.
So fuhren am festgesetzten Tage eine Anzahl Kutschen vor dem Thore des Klösterchens vor und zwischen der gaffenden Menge hindurch führteDr.Haller, dessen äußere Erscheinung heute besonders vorteilhaft aussah, die liebliche Braut, die in ihrem weißen Gewande, mit dem Myrtenkränzlein im Haare einer anmutigen, frischen Blüte vergleichbar war.
Hinter ihnen schritt Professor Holbert mit der Mutterdes Bräutigams am Arme und die andern Gäste, eine kleine, aber vornehme und auserlesene Schar.
Das Kirchlein hatte sich zur Feier besonders geschmückt, und weihevoller Orgelklang kam dem Brautpaare entgegen, das auf rotsammtenen Kissen auf der untersten Stufe des Altars niederkniete. Jetzt erschien aus der Sakristei der junge Priester. Er allein sollte die heilige Handlung vornehmen, ohne jede Assistenz, so hatte es Therese gewünscht, und Professor Holbert war mit der Einfachheit in jeder Hinsicht völlig einverstanden. Die Angehörigen des Bräutigams hätten freilich mehr Aufsehen gewünscht.
Severin war so blaß, wie wohl nie im Leben; sein wallender dunkler Bart ließ die Blässe noch mehr hervortreten, und seine Augen hatten einen müden Schimmer. Niemand ahnte, was in der Seele des jungen Priesters vorging, welchen furchtbaren Kampf er kämpfte und welche Selbstüberwindung er übte.
Gerade in diesen Augenblicken, da Therese, umwoben von dem ganzen jungfräulichen Liebreiz, in dem weißen, duftigen Gewande vor ihm kniete, das liebliche Haupt demutsvoll und fromm nach ihm emporgehoben, ging durch seine Seele ein unsagbares Gefühl heißen Schmerzes. O, die Entsagung verlangt von ihren Märtyrern fürchterlich harte Opfer! Das Herz des jungen Priesters zuckte und er konnte es nicht hindern, daß ihm davon auch die Hände bebten, als er sie wie zum Segen auf die mit der Stola umwundenen Hände des jungen Paares legte und dann über ihre Häupter hielt, und da er das Wort sprach, welches diesen Bund unauflöslich verknüpfen sollte, da meinte er, sein Herzschlag müsse stocken, und die Worte kamen heiser, hervorgepreßt von seinen Lippen.
Nun war es vorbei. Er wandte sich nach dem Altare zurück, hielt sich daran fest mit zitternden Fingern, und dann erst schritt er langsam, müde, wie ein gebrochener Mann, nach der Sakristei, um das Meßgewand anzulegen. Er mußtesich doch einige Augenblicke niedersetzen – er fühlte, daß er sich zu viel zugetraut hatte. – Dann erst ging er wieder zum Altare zurück, um die Messe für die Neuvermählten zu zelebrieren. Mit solcher Inbrunst hatte er vielleicht niemals noch das lateinische Meßgebet gesprochen, mit heißerer Andacht nie den Leib des Herrn in den Händen gehalten; er fühlte sich wie ein Sünder, und dennoch wie ein Sieger.
»Ite, missa est!« sprach er zum Volke gewendet; sein Blick streifte noch einmal die Lichtgestalt der jungen Braut, dann war das Schlimmste überwunden, aber er wußte kaum, wie er nach seiner Zelle gekommen war.
Hier warf er sich auf sein hartes Lager, schlug beide Hände vor das Gesicht und schluchzte in sein Kissen hinein; ihm war zum Sterben weh. »Der Menschheit ganzer Jammer« erfaßte ihn, niemals würde ihm ein Glück scheinen, das ihm, dem Entsagenden, als das höchste und herrlichste dünkte, das Glück, ein geliebtes Wesen am Herzen halten, in ihm aufgehen zu dürfen in Leid und Lust.
Plötzlich riß er sich empor, wild und zornig, mit den Händen faßte er nach den Knoten seines Gürtelstricks, er hätte sich am liebsten gegeißelt, um in qualvoller Selbstpeinigung zu vergessen, und da dies nicht wohl anging, sank er auf den Betschemel nieder, schlug das Haupt gegen dessen Kante, und so lag er vor dem schlichten Kreuzbilde lange auf den Knieen. Dann erhob er sich und ging zu dem Guardian. Er bat denselben, ihn fortzugeben in ein kleines, armes Klösterchen, wo es am meisten Entbehrung, Demütigung und Mühe gebe, ihn verlange nach Einsamkeit und Thätigkeit. Der alte, würdige Priester verstand ihn. Er sprach:
»Gott segne Sie, lieber Bruder, Sie sind auf dem rechten Wege, und der Herr wird Ihnen in dem Kampfe, welchen Sie so tapfer kämpfen, nicht den Sieg vorenthalten. Ich werde bei demP.Provinzial Ihre Versetzung beantragen.«
Er drückte ihm herzlich die Hand; Severin ging, undschon acht Tage später befand er sich auf dem Wege nach der kleinen, freundlichen Landstadt, in welcher Peter Frohwalt daheim war. Als er den ihm wohlbekannten Ort unter sich liegen sah, als das rote Dach des Kapuzinerklösterchens mit dem kleinen Turme ihm zu winken schien, ging ihm die Seele auf; die Brust wurde ihm weit; er breitete die Arme aus, und mit rascheren Schritten ging er zu Thal.
Im Garten bei dem Kloster war Obsternte. Schwer von Aepfeln und Birnen beugten sich die Zweige, die wenigen Mönche aber, die hier lebten, waren, breitrandige Basthüte auf den Häuptern, beschäftigt, den Gottessegen zu bergen. Der eine stand auf der Leiter, ein zweiter hatte eine Schürze über sein Ordenskleid gebunden, und las auf, was herabfiel, und selbst der treffliche Guardian hielt einen fast gefüllten Korb am Arme. Als Severin bei ihnen eintrat mit seinem »Gelobt sei Jesus Christus!« und sie den Ordensbruder erkannten, ließen sie alles stehen und liegen. Der von der Leiter kam herab, und der Guardian umarmte und küßte ihn. Da ward es Severin unendlich wohl zu Mute, und alles, was sonst noch auf Erden war, versank hinter ihm wie ein Traum.
Ja, hier war es ungleich schöner, als in Prag. Kein Lärm und Geräusch störte die liebliche Idylle, und wenn er des Morgens das Fenster seiner Zelle öffnete und hinaussah ins freie, weite Land, das im Herbstsonnenglanz sich hindehnte, bis wo fern die blauende Hügelkette den Blick begrenzte, dann war er so ruhig und wunschlos, so glücklich in seiner Entsagung und Armut.
So vergingen ihm einige Wochen. Da geschah es, daß er eines Morgens, während er bei der Messe sich an dem Altar umwendete, in einem der vordersten Kirchenbänke eine Frauengestalt gewahrte, bei deren Anblick ihm alles Blut aus den Wangen wich. Es war kein Zweifel, daß es Therese war. Auch sie sah halb erstaunt, halb erfreut nach ihm hin, als erbeim Segnen sich noch einmal umwendete, und in ihren Augen stand etwas wie ein stiller Gruß. Und da er nach dem Gottesdienste wie ein Träumer aus der Kirche heraustrat, um über den Hof hinweg nach dem Klösterchen selbst zu gehen, da trat sie ihm mit freundlichem Gruß entgegen und reichte ihm die Hand.
Er folgte dem Drange des Augenblicks, als er das feine, behandschuhte Händchen zwischen seine beiden Hände nahm, durch welche ein leises Zittern der Erregung lief, und mit nicht ganz sicherer Stimme fragte er, während seine Augen seltsam schimmerten:
»Wie kommen Sie hierher, Frau Doktor?«
»Ei, das wissen Sie nicht? Mein Mann hat sich seit drei Tagen als praktischer Arzt hier niedergelassen, und ich fühle mich in dieser ländlichen Umgebung ungemein wohl. Doppelt freut es mich, Sie hier zu wissen, und ich hoffe, daß Sie ab und zu uns besuchen werden. Wir wohnen neben der Mutter des HerrnDr.Frohwalt.«
Severin stammelte etwas wie ein Dankeswort für die freundliche Einladung, dann ging er, während die junge Frau ihm einigermaßen befremdet nachblickte. In seiner Zelle angekommen, trat er ans Fenster. Wie ein Schleier lag es über dem Landschaftsbilde, das ihn bisher entzückt hatte, und wie ein Druck beschwerte es ihm die Brust. Er that einen tiefen Atemzug, dann sprach er mit Festigkeit halblaut:
»Herr, Du suchst mich heim! Sei es! Du willst, ich soll kämpfen, und ich will mich nicht Deiner Prüfung entziehen. Nur, guter Gott, lege mir nicht mehr auf, als ich tragen kann.«
Von diesem Tage an war Severin noch eifriger als bisher in aller Arbeit. Er war ein trefflicher Prediger, unermüdlich im Beichtstuhl und schaffte dabei in Haus und Garten trotz einem Laienbruder, so daß die andern Brüder in stiller Verwunderung ihn beobachteten und in ihm ein Musterbildeines Mönches sahen. Dabei war er stets heiter und gefällig, nahm jedem an Mühe ab, so viel er vermochte, und als einer der Brüder erkrankt war, pflegte er ihn mit peinlicher Sorgfalt Tag und Nacht.
So rang Severin mit sich selbst. –
Der Herbst schritt weiter vor, und man sprach überall von dem Zusammentritt des Konzils. In jenen Tagen kam Peter Frohwalt noch einmal heim, um, ehe er nach Rom ging, seine Mutter zu besuchen. Als er am Abend unvermutet bei ihr eintraf, fand er hier Therese Haller und seine Schwester, die ein winziges Kindlein, einen munter schauenden Knaben, in einem Steckkissen auf dem Arme trug.
Die Frauen waren, jede nach ihrer Weise, erregt, als sie ihn sahen; er nicht minder. Daß Therese in seiner Heimat war, wußte er allerdings, daß sie ab und zu seine Mutter besuchte, war ihm gleichfalls bekannt, und in diesem Augenblicke war ihm letzteres doppelt erfreulich, weil es ihn über das Peinliche der Begegnung mit seiner Schwester hinwegbrachte. So begrüßte er zuerst die Mutter mit Gruß und Kuß, und sie schloß froh und stolz die Arme um den stattlichen Sohn; dann reichte er Therese die Hand, welche sagte:
»Sehen Sie, wie wunderlich die Menschen sich zusammenfinden, Ihre liebe Mutter, Herr Doktor, läßt mich erst hier mich wohl fühlen, und ich komme in allen meinen Nöten als unerfahrene junge Frau zu ihr und bin glücklich, daß sie mich ein wenig als Töchterchen ansehen will. Und auch mit Marie habe ich mich auf freundschaftlichen Fuß gestellt. Und sehen Sie nur, was für einen kleinen, prächtigen Neffen Sie haben!«
Marie war schüchtern beiseite getreten, als sei sie eine Fremde, die kein Recht habe, hier zu sein; bei diesen Worten aber überflog ihre Wangen eine liebliche Röte, und verschämt blickte sie auf den schlafenden Säugling auf ihrem Arme nieder. Noch heißer aber ward das Rot, das sich bis unter die blonden Stirnhaare verlief, als ihr Bruder zu ihrherantrat, ihr die Hand hinreichte, sich über das Kind beugte und mild und freundlich sagte:
»Grüß Gott, Marie, und er segne Dir Deinen Kleinen!« Das übermannte das junge Weib, so daß ihr die Thränen hell über die Wangen rannen und daß sie die Hand des Bruders an die Lippen ziehen wollte; dieser wehrte jedoch ab.
Therese erkannte mit feinem Taktgefühl, daß sie nicht bleiben dürfe, und so ging sie mit herzlichem Gruße, nicht ohne Frohwalt um seinen Besuch gebeten zu haben. Als sich die Thür hinter ihr geschlossen hatte, stammelte Marie:
»Ach, wie bist Du gut, Peter! Lohn' Dir's Gott tausendmal.«
Der junge Doktor geriet einigermaßen in Verlegenheit, er wußte nicht, ob er solchen Dank annehmen dürfe, aber er sprach milde, wie vorhin:
»Ich will an nichts anderes denken, als daß Du meine Schwester bist – von Deinem Manne aber wollen wir nicht sprechen!«
Ein Schatten lief über das hübsche Antlitz Mariens, und schüchtern sagte sie:
»Und doch hätte er Dir so gerne gedankt!«
»Wofür?«
»Ach, Du willst Dich nicht dazu bekennen, aber wir wissen es doch, auch wenn es die Mutter in Abrede stellt; jene dreihundert Gulden …«
Das Gesicht Frohwalts wurde finsterer:
»Ich weiß nicht, wovon die Rede ist! … Mutter, wie steht's mit Eurer Obsternte? Ist mein alter Apfelbaum wieder brav gewesen?«
Die alte Frau wurde redselig. Sie freute sich unendlich, daß ihr Sohn milder gegen seine Schwester war und bot nun alles auf, was sie nur irgend ihm vorsetzen konnte. So saßen die drei mit dem schlummernden Kinde beisammen, bises anfing zu dämmern und Marie gehen mußte. Peter reichte ihr wiederum die Hand und sie huschte hinaus.
Nun fragte er die Mutter nach Diesem und Jenem. Was der Vetter Martin mache?
Der sei seit kurzem daheim und einigermaßen verdrießlich, weil sein Bein ihm immer wieder beim weiteren Wandern Störungen mache. Gegenwärtig ordne und katalogisiere er seine Sammlungen, aber vor Einbruch des Winters denke er doch noch einmal auszumarschieren.
Auch nachDr.Haller erkundigte sich Frohwalt und die alte Frau machte ein einigermaßen bedenkliches Gesicht.
»Er ist das herzige Frauchen nicht wert. Ich bin zweimal bei ihr gewesen und habe gesehen, daß er sie mindestens nicht ganz höflich behandelt; das eine Mal machte er mir den Eindruck, als sei er betrunken. Sie läßt sich nichts merken, aber ich habe sie hier bei mir schon mit verweinten Augen gesehen.«
»Das ist schlimm und sollte mir leid thun um Therese. Wie schätzt man ihn als Arzt?«
»Gar nicht; er hat zwei böse Fehlkuren gemacht, und seitdem hat er wohl wenig zu thun; sie müssen in der Hauptsache vom Eigenen leben.« – –
Der Abend verging, und Frohwalt fühlte, als er am Abend sich in dem freundlichen Giebelstübchen in seinem Bette streckte, ein wohliges Behagen. Daheim bei der Mutter war es doch am schönsten, und daß er der Schwester Liebe gezeigt hatte, trug auch dazu bei, ihn in angenehme Stimmung zu versetzen. Am andern Morgen blieb er, obwohl er munter war, noch liegen. Die Stille im Haus und im Städtchen that ihm wohl und heimelte ihn an, und wenn er ab und zu den leisen Schritt der alten Frau hörte, welche wohl lauschen mochte, ob er bereits wach sei, um ihm den Morgenkaffee ganz frisch zu bereiten, so drückte er die Augen zu und lag ganz still und träumte sich zurück in vergangene Tage.
Als er zum letzten Male hier gewesen war, war er beinahe im Zorn und heißen Unmut geschieden; diesmal wollte er das gutmachen, denn seine Schwester konnte trotz alledem, was geschehen war, nicht schlecht sein, wenn Therese sie ihrer Freundschaft wert hielt. So lachte ihm das Städtchen noch einmal so freundlich entgegen, als er seine Besuche machte. Acht Tage Urlaub hatte er sich erbeten, ehe er nach der ewigen Stadt gehen wollte auf längere Zeit, und er hatte das Bedürfnis, wie wenn er vor einem großen Lebensabschnitt stünde, noch einmal die Stätte und die Menschen zu sehen, mit denen er daheim bekannt und erwachsen war.
Er machte zuvörderst seinen Besuch auf der Pfarre; der alte, liebe Pfarrer empfing ihn herzlich und gütig; er freute sich, ihn so in Ehren und Ansehen zu wissen, und vermied dabei, über seine Familienbeziehungen zu sprechen, weil er ihn von früher her kannte. Als die Rede auf das Konzil kam, sagte er:
»Glauben Sie, daß man die Unfehlbarkeit zum Glaubenssatze erheben wird?«
»Ich hoffe zu Gott, daß es nicht geschieht,« erwiderte Frohwalt – »und hege diese Zuversicht um so mehr, als die eben jetzt in Fulda versammelten deutschen Kirchenfürsten an die Katholiken Deutschlands in diesen Tagen eine Ansprache erlassen haben, die kurz betonte: Man solle ruhig sein und Gott vertrauen; es werde keine neue Lehre aufgestellt werden.«
Der alte Priester schüttelte das weiße Haupt:
»Ich bin ein einfacher Landpfarrer und rühme mich keiner theologischen Gelehrsamkeit, aber ich meine, es hätte richtiger gesagt werden müssen: die Unfehlbarkeit ist keine neue Lehre oder: sie wird nicht aufgestellt werden. – Na, ich füge mich allem: Wenn der Herr Kardinal-Fürst-Erzbischof sie als Glaubenslehre annimmt, thue ich es auch, selbst wenn ich es für keinen Segen halten könnte. Ich bin ein alter Mann und möchte keine äußere und innere Unruhe haben.«
Frohwalt ging einigermaßen verstimmt von dannen und suchte, da es der Anstand einmal verlangte, den Kaplan auf. Der war verbittert nach allen Beziehungen. Er schwur auf die Unfehlbarkeit des Papstes und beklagte es, daß man daran überhaupt noch zweifeln könne; für ihn brauche es kaum noch einen ausgesprochenen Lehrsatz: der Papst als Statthalter und Stellvertreter Christi auf Erden müsse unfehlbar sein. Frohwalt hielt es nicht der Mühe wert, mit dem Eiferer, der nicht ernst zu nehmen war, über die Sache sich zu unterhalten, und jener sprang auf anderes über. Er beklagte die allzu große Duldung des Pfarrers, der es zuzuschreiben wäre, daß der Protestantismus in der Stadt an Boden gewinne; seit Freidanks Uebertritt bestehe bereits eine kleine ketzerische Gemeinde hier, und er beklage besonders tief, daß die Schwester eines katholischen Priesters dazu gehöre.
»Hier hat meine Macht eine Grenze, Hochwürden,« sagte ihm Frohwalt, »und ich bin nicht im Stande, meine Schwester bedingungslos zu verdammen, wenn ich auch niemals ihren Schritt billigen werde. Ob die Duldung des alten Herrn das Anwachsen des Protestantismus allein zu verantworten hat, möchte ich dahingestellt sein lassen, denn sie ist auch nicht die Veranlassung zum Abfall Freidanks gewesen.«
Der Kaplan sah den Sprecher mit verwunderten und beinahe zornigen Augen an; seine Aeußerungen waren von solchem finstern Glaubenseifer und so bitterer Gehässigkeit gegen die Andersgläubigen erfüllt, daß Frohwalt davor einen gelinden Schauer empfand. Nein, das war kein Jünger des Herrn! Man durfte die evangelische Sekte bekämpfen, ihre Anhänger bannen, aber man durfte sie nicht wie einen Abschaum der Menschheit behandeln. So war Marie nicht, wie dieser Pater Ignaz die Evangelischen schilderte!
Er war froh, als er die Pfarrei im Rücken hatte, dort herrschte ein unbehaglicher, finsterer Geist, und wehe demStädtchen, wenn der Kaplan hier jemals Pfarrer werden sollte. Es drängte ihn, zum Vetter Martin zu gehen, mit dessen Anschauungen er zwar auch nicht durchaus einverstanden war, der aber mit einem warmen, guten Herzen durch die Welt ging, niemandem wehe that und Freude verbreitete, wo er nur konnte. Er dachte an jenen Nachmittag in Prag, an dem der alte Nedamitzer Pfarrer vielleicht zum letzten Mal einen Hauch des Glückes empfunden hatte, das ihm verschafft war durch Vetter Martin, während er selbst mit seiner zornigen Härte, mit seiner kalten Moral vielleicht den alten Priester in Verzweiflung und Tod gebracht hatte. Er fühlte, daß er um deswillen schon manches gut zu machen hatte.
Vetter Martin war nicht allein; Frohwalt fand zu seinem Staunen bei ihm keinen anderen als Hans Stahl, der in »der Bibliothek« bei dem Alten saß mit einem recht zerknirschten Gesichte, in welches nun beim Anblick des neuen Besuchers ein unverkennbarer Zug von Verlegenheit trat. Der alte Herr war aufgestanden und begrüßte den Adjunkten freundlich:
»I, sieh mal, das ist hübsch, daß Du vor Deiner Romfahrt erst noch einmal nach Hause kommst und sogar bei mir vorsprichst, obwohl Du Dir denken kannst, daß ich auf die Unfehlbarkeit nicht gut zu sprechen bin.«
Hans Stahl wollte sich entfernen, Martin aber hielt ihn zurück:
»Bleiben Sie nur da – Sie kennen sich ja Beide – und ich vermute, daß der Doktor Frohwalt auch weiß, was Ihnen in Prag passiert ist.«
»Ich entsinne mich, von der unliebsamen Geschichte gehört zu haben, daß man Sie wegen öffentlicher Ruhestörung und Herausforderung zum Zweikampf zu Gefängnishaft verurteilt hatte,« sprach Frohwalt ziemlich kühl; Hans Stahlaber saß da wie ein armer Sünder. Dem Vetter Martin that der frische Junge leid, und er sagte:
»Na, die Geschichte ist vorbei, und er ist Dank der Verwendung des Professors Holbert ziemlich glimpflich weggekommen, aber nun sitzt das Unglückswurm hier und bläst mir seine Trübsal vor. Da hat das Herz und der junge Hitzkopf Ihnen eben einen dummen Streich gespielt, lieber Hans, und was Sie sich eingebrockt haben, müssen Sie ausessen. Ich hatte nämlich – wandte sich der alte Herr zu Frohwalt – bei seinem Vater durchgesetzt, daß er die Theologie mit der Malerei vertauschen dürfe, und wir hatten beide die schönsten Hoffnungen, daß er einmal ein kleiner Raffael werde, da passiert die Geschichte. Und nun will der Vater nichts mehr von der Künstlerlaufbahn wissen, sie mache zu Ausschreitungen geneigt und was dergleichen mehr ist; er soll ins Geschäft eintreten und Kaufmann werden. Viel Talent scheinen Sie mir dazu nicht zu haben, aber es ist nichts dagegen zu machen, und mein Rat, den Sie haben wollen und weshalb Sie eigens hierher gereist sind, ist der: Sie folgen fürs erste Ihrem Vater, bemühen sich, möglichst tüchtig in seinem Kontor zu sein, und malen nur des Sonntags zu Ihrem Vergnügen. Na, Kopf hoch, die Sache ist doch nicht so schlimm, und wenn's wirklich bei allem guten Willen gar nicht geht, so können Sie auf mich zählen.«
Hans Stahl nickte noch immer recht trübselig mit dem Kopfe, dankte schön für den guten Rat und den erhaltenen Trost und ging.
»Er ist ein Windhund!« sagte Frohwalt hinter ihm.
»Aber nicht die schlechteste Rasse,« erwiderte der Alte; »den geb' ich nicht auf, und wär' alles vielleicht besser geworden, wenn er nicht mit der Theologie erst kopfscheu geworden wäre …«
Der »Windhund« aber schlich draußen recht langsam durch die Gassen des Städtchens; er befand sich im Zustandemoralischen Katzenjammers. Er sah sich bereits im Kontor seines Vaters auf dem Drehstuhl, trockene Geschäftsbriefe abschreibend und unerquickliche Zahlen schreibend, und in seiner Seele tauchten mitunter die abenteuerlichsten Gedanken auf. So ging er langsam fürbaß, ohne aufzublicken, bis ihn mit einmal eine Stimme aus seinem Sinnen weckte:
»Guten Tag, Herr Stahl, was führt Sie hierher?«
Der Angeredete schrak beinahe zusammen, blickte auf, und sah vor sich einen jungen Kapuziner stehen:
»Pater Severin! Sind Sie nicht mehr in Prag?«
Die Hände lagen fest in einander, und Hans Stahl schüttelte wie mit einem Ruck alles ab, was ihn quälte und bedrängte; er war wieder der Alte, der das Leben mit Humor und Drang nach frischem Genusse erfaßt.
»Das ist ja wunderhübsch daß ich Ihnen auf dieser Scholle begegne, in diesem kleinen, lieblichen Neste. Ich suche nämlich Menschen, und Sie sind wirklich der zweite, welchen ich hier finde. Dafür werden Sie mich auch heute nicht mehr los. Haben Sie Ihren Nachmittag frei?«
»Ich muß allerdings in einer unaufschiebbaren Sache nach Oberdorf zu meinen Eltern, aber wenn Sie mich dahin begleiten wollen, soll's mich freuen; es ist ein Weg von etwa fünfviertel Stunden.«
»Wenn ich Ihnen nicht lästig bin – –«
»Gott bewahre –«
»Abgemacht! Ich gehe jetzt, um für meinen Leib eine Atzung zu suchen, und bin nach Tische bei Ihnen – mich gelüstet's, wieder einmal einige Minuten in einer Mönchszelle zu sitzen.«
So gingen sie für's Erste auseinander, aber nachmittags stellte sich Hans Stahl pünktlich in dem Klösterchen ein. Er fand Severin im Garten zwischen blühenden Georginen und Astern hinschweifend, aber dieser führte ihn sogleich nach seinem kleinen, aber freundlichen Gelaß. Stahl setzte sich auf denStuhl beim Fenster und ließ seinen Blick die kühlen, weißgetünchten Wände entlang schweifen; dann sprach er:
»Wissen Sie, Ihre Zelle ist noch weitaus gemütlicher, als eine solche im Prager k. k. Landesgericht.«
»Das können Sie unmöglich beurteilen,« sagte lächelnd der Kapuziner, aber sein Besucher erwiderte:
»Na, ich dächte doch! Oder sollten Sie nichts davon ahnen, daß Sie einen entlassenen Sträfling beherbergen, der eben erst wieder die Fittiche dehnt … na, erschrecken Sie nicht so, Mann Gottes; erschlagen hab' ich keinen, aber nahe dran war ich. Also sie wissen wirklich nichts? Na, Gott sei Dank, daß es noch solche Menschen giebt, das verleiht mir ordentlich ein Selbstbewußtsein. Dafür will ich Ihnen auch eine Generalbeichte ablegen und hoffe, daß Sie mich absolvieren.«
Und nun erzählte er ehrlich die Geschichte seiner Liebe und seines Hasses, und beachtete es gar nicht, wie einmal, da er von der ersteren redete, ein fahler Schein über das Antlitz des jungen Mönches lief, und wie seine Brust sich einmal rascher hob zu einem unbezwinglichen Seufzer.
»So, nun wissen Sie alles, Sie Glücklicher, der keine solchen Anfechtungen hat und nicht daran zu denken braucht, wie man einen Nebenbuhler beseitigt!«
Severin nickte einigemale unbewußt mit dem Haupte und das Lächeln, das über sein Gesicht ging, erinnerte an müdes Abendlicht der scheidenden Sonne.
»Ja, ja … aber sagen Sie, haben Sie denn wirklich Therese Holbert so lieb gehabt?«
»Gehabt?Freund, ich habe sie noch lieb und werde sie in alle Ewigkeit so lieb haben, ob Sie mir's glauben oder nicht!«
Der junge Kapuziner mochte das wohl glauben, denn die Worte klangen ihm in der eigenen Seele nach, und es wurde ihm in diesem Augenblicke wieder so schmerzlich zuSinne, wie nur jemals in seinem jungen Leben. Aber er sah an seinem härenen braunen Gewande hinab, dann in das Gesicht des prächtigen, blühenden Burschen vor ihm, der gleichfalls entsagen mußte, und sprach:
»Wissen Sie denn, daßDr.Haller hier als praktischer Arzt lebt?«
»Hier?«
Stahl sprang heftig von seinem Sitze.
»Hier? – Und Therese ist auch hier?«
»Gewiß, ich habe sie beide ehelich verbunden!«
»Sie?– Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut, das ist ja ein Akt einer höllischen Boshaftigkeit, den Sie auch einem andern hätten überlassen können.«
Severin lächelte wiederum müde – wie gern er das einem andern überlassen hätte!
»Natürlich haben Sie die Verbindung so dauerhaft als möglich gemacht. Herr Gott, hätten Sie denn nicht einen geistlichen Vorbehalt einfügen können, so daß Therese eines schönen Tages, wenn Sie unglücklich wird – und ich sage Ihnen, sie wird's – wieder frei werden könnte! – Aber thun Sie mir den Gefallen, führen Sie mich an dem Hause vorüber, in welchem sie wohnt; ich will ja sie selbst nicht schauen, nur ihre Fenster. Und jetzt lassen Sie uns gehen, mir wird's mit einmal zu enge hier in Ihren vier Wänden!«
Sie brachen auf und gingen langsam, schweigend, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, durch die stillen Gassen. In der Nähe des alten Thores, in anmutiger Lage, stand ein freundliches Haus; hinter den spiegelnden Fenstern und vor den weißen Gardinen standen blühende Blumen. Hier zeigte Severin empor und Stahl verstand ihn. Seine Augen flammten heller auf, sie bohrten sich unverwandt gegen die spiegelnden Scheiben, als wollten sie hindurch schauen, ob sie nicht dahinter einem lieben, geliebten Antlitz begegneten, aber alles war vergebens. Severins Atem ging rascher, aberseine Augen hafteten am Boden, und er hob sie erst wieder frei, als er mit seinem Begleiter das alte Thor passiert hatte und auf der Straße hin schritt, die langsam die Höhe hinan lenkte.
Es war ein schöner Herbsttag; das Laub an den Obstbäumen, sowie jenes in dem aus der Niederung hergrüßenden Walde färbte sich und die Luft war durchsichtig klar, so daß nach allen Seiten hin freundliche Landschaftsbilder sich aufthaten. In Hans Stahl erwachte der Künstler, so daß er einigermaßen das andere vergaß, und langsam ausschreitend in seiner gewohnten, harmlos heiteren Weise plauderte.
So langten sie endlich in dem hoch und hübsch gelegenen Oberdorf an. Severin lud den Gefährten ein, ihn zu seinen Eltern zu begleiten; dieser aber wollte bei Erörterung einer Familienangelegenheit – und daß es sich um eine solche handle, wußte er aus den Mitteilungen des jungen Mönchs – nicht stören. Er gedachte nach dem Gasthause zu gehen, dessen freundlicher und hochgelegener Garten einladend von fern ihm winkte, und dort auf Severin zu warten, um mit ihm den Rückweg anzutreten, und so that er auch trotz allen Zuredens des andern.
Er betrat den Garten und war erstaunt, einen derartigen auf dem Dorfe zu finden. Hier waren nicht bloß alte Bäume, Kastanien und Linden, von denen erstere freilich schon einigermaßen entlaubt waren, sondern auch schöne Blumenbeete im Schmuck des Herbstes, ein kleiner Springbrunnen, der seinen silbernen Strahl klingend in ein von Goldfischen belebtes Bassin fallen ließ, und einige hübsche Lauben. Er setzte sich in der Nähe eines Gebüsches nieder, das den Blick auf den Eingang einerseits, den Auslug in das Land andererseits freigab, ihn selbst aber den Blicken anderer Gäste beinahe völlig entzog und bestellte sich einen guten Trunk.
Es war still, so daß man das Fallen eines welken Blattesvernehmen konnte, aber schon nach wenigen Sekunden ward die Ruhe unterbrochen durch ein nicht zu verkennendes Geräusch – das Aufschlagen von Kartenblättern auf einem Tische, und Stahl lugte durch das Buschwerk und bemerkte auch jetzt unfern von sich an einem Tische drei Herren, die sich am Spiel ergötzten, und – wie einige geleerte Weinflaschen zeigten – auch einen guten Tropfen nicht verschmähten. Von zweien sah er die Gesichter, die gerötet schienen vor Erregung oder von Wein, der Dritte aber kehrte ihm den Rücken zu, und doch schrak Stahl bei seinem Anblick zusammen: Das konnte kein anderer als Haller sein.
Als der Wirt kam, ihm das Verlangte zu überbringen, frug er diesen nach den Herren, und der erwiderte halblaut und in redseliger Manier:
»Der mit dem runden Hut und der roten Nase ist der Baron Nedam, der eine halbe Stunde von hier ein Gut hat, der andere, der die Karten hält, ist ein Ziegeleibesitzer, ein reicher Herr, und der Dritte ist derDr.Haller aus der Stadt, ein junger Lebemann, der eine sehr hübsche Frau haben soll, aber mir scheint, sich wenig um sie kümmert. Die drei können etwas leisten im Trunk, und das Spiel geht auch manchmal höher als es soll – aber darüber will ich nicht reden – –«
Einer von den Dreien schlug an seine leere Flasche, und der Wirt sprang auf:
»Schon wieder leer – entschuldigen Sie!«
Stahl saß da mit brennenden, lauernden Augen wie ein Raubtier, und hätte sich am liebsten vorgestürzt gegen den Verhaßten; der Tropfen in seinem Glase schmeckte ihm bitter, aber er hätte jetzt nicht fortgehen mögen um alles in der Welt.
Er hörte Haller sprechen – frivol und zotenhaft, und die andern lachten, während der Horcher die Zähne gegeneinander preßte, er sah ihn trinken, richtiger, ein Glas um das andere hinunterstürzen, und dabei zog er immer aufs neue die Börse – er spielte offenbar mit Verlust.
»Ja – Glück in der Liebe, Herr Doktor!« lachte der Ziegeleibesitzer. – »Ich dächte, wir hörten für heute auf, Ihr Frauchen wird schelten, wenn Sie so spät zu Tische kommen, Sie sind ja noch in den Flitterwochen!«
»Ach, das hat sich ausgeflittert – und unter dem Pantoffel stehe ich nicht,« lallte Haller – »überdies müßt Ihr mir Revanche geben, nachdem Ihr mich ausgezogen habt.«
»Das nächste Mal, lieber Haller,« sprach der Baron.
»Nein, heute, heute – das wäre mir eine feine Art,« schrie der Doktor.
Jetzt trat der Wirt mit einem kleinen Mädchen zu dem Tisch heran und sagte:
»Mit Verlaub, Herr Doktor, die Kleine sucht Sie, der Müller im Malschthal hat sich mit der Sense arg am Bein verletzt, ob Sie nicht kommen wollten, es blutet sehr.«
»Bindet die Geschichte zu! Der Müller kann schon ein wenig Blut lassen, ich hab' jetzt keine Zeit, komme später – vorwärts, ihr Herrn!«
»Na, Doktor, ich dächte doch, Sie sähen nach dem Manne; wenn die Leute erst schicken, muß es schlimm sein!«
»Ach, davon verstehen Sie den Teufel! Wer giebt Karten?«
»Ich spiele heute nicht mehr!« sagte der andere.
»Das ist Bauernmanier!« schrie Haller, der Baron aber erwiderte kalt:
»Werden Sie erst nüchtern, ehe Sie mit anständigen Leuten weiter verkehren!«
Er erhob sich, auch der Doktor sprang auf, schlug auf den Tisch, daß die Weinflaschen klirrten und klangen und brüllte:
»Von Euerm Anstand ist wenig zu lernen, Ihr Landdragoner, Ihr Bauernfänger – –«
Der Ziegeleibesitzer lachte; der Baron aber, welcher gleichfalls sehr betrunken war, verlor den Rest seiner Ruhe:
»Sie sind ein betrunkener Lump; Sie gehören zu IhrenPatienten und zu Ihrem Weibe, aber die Einen bringen Sie um, und das Andere sind Sie nicht wert!«
Dr.Haller ergriff die Flasche und schleuderte sie nach dem Kopfe des Barons … (S. 221).
Dr.Haller ergriff die Flasche und schleuderte sie nach dem Kopfe des Barons … (S. 221).
Haller ergriff seine Flasche und schleuderte sie nach dem Kopfe des Barons, welcher geschickt auswich und dann dem Wirte sagte:
»Huber, laßt Euren Hausknecht kommen und den Menschen hinauswerfen – sonst setze ich keinen Fuß mehr zu Euch!«
»Ach, Herr Doktor, wollen Sie nicht nach dem Malschthalmüller sehen – bitte, lieber Herr Doktor,« sagte der Wirt flehend und in höchster Verlegenheit; der Doktor aber, welcher sich jetzt gegen den Baron stürzen wollte, brach bei dem Stuhle lallend zusammen.
Verächtlich drehte sich sein Gegner um, zu dem Wirte sagte er: »Laßt das Schw… liegen, bis der Rausch vorüber ist« – und zu dem Ziegelbrenner: »Kommen Sie, Lederer!« Die beiden bezahlten ihre Zeche und entfernten sich, den Trunkenen aber hob der Wirt auf eine Bank und lehnte ihn in eine Ecke – er schien dessen Zustand bereits zu kennen; dort lallte dieser noch einige unverständliche Worte, dann sank ihm das Haupt auf die Brust.
Hans Stahl schüttelte es vor Ekel und Wut; er konnte es kaum erwarten, bis Severin kam. Mit dem früh hereinbrechenden Herbstabend erschien er, und er erschrak beinahe über das Aussehen Stahls. Der faßte mit seiner feuchten kalten Hand nach der Rechten des Mönchs und führte ihn schweigend vor den Trunkenen. Der lag da, den Kopf zurückgebeugt auf die Lehne der Holzbank, das Gesicht fahl, die Haare wirr in die Stirn hängend, mit stumpfem, blödem Ausdruck.
»Das ist der Mann von Therese Holbert! Kommen Sie, Severin, damit ich die Bestie nicht im Schlafe erwürge; ich kämpfe schon lange genug mit mir!«
Er zog den Kapuziner mit sich fort; schweigend gingensie durch den Abend, der seinen Schleier über das Thal auszubreiten begann, und als sie das Städtlein unter sich liegen sahen, schimmerten schon einzelne Lichter herauf. Da sie bei Hallers Wohnung wieder vorüberkamen, blickte Stahl empor, seine Linke preßte er heftig gegen das Herz, und Severin hörte ihn murmeln: »Armes junges Weib!«
Er ging mit dem Kapuziner bis an das Klösterchen; hier beim Abschied ergriff er dessen Hand und hielt sie fest:
»Severin – das unselige junge Weib hat hier keinen Freund, sehen Sie zu, was Sie ihr an Trost geben können! Sie kennen sie ja auch und wissen, daß sie Besseres wert war, als an diesen Menschen geschmiedet zu werden. Machen Sie's wieder gut, daß Sie die Beiden zusammengegeben haben. Und nun versprechen Sie mir, daß Sie mir schreiben wollen, wenn das Vieh ihr auch nur ein Haar krümmt – ich komme und wenn ich auf dem Sirius wär', und wenn ich ihn zum zweiten Male angreife, kommt er nicht lebendig davon!«
Den jungen Mönch überlief ein Schauer.
»Versprechen Sie mir's!«
»Ich werde ihr beizustehen suchen, wenn's notthut – und sollt' es mein Herzblut kosten!« sprach Severin, und seine Stimme zitterte, sowie seine Hand.
Stahl ließ diese plötzlich los; er sah dem jungen Mönche in das bleiche Gesicht, in die verschleierten Augen – und wie er ihn so anschaute beim blassen Mondlicht, das sich auf seine Züge legte und ihm den zuckenden Mund zeigte, da erschrak er beinahe.
»Severin, auch Sie lieben Therese …«
»Verzeih' mir's Gott!« stammelte der Mönch.
»Severin!« schrie Stahl auf – und dann hielten sich die Beiden einen Augenblick fest umschlungen – sie wußten, daß sie verbündet waren durch ihre Entsagung.