Neuntes Kapitel.
Ueber der Altstadt Prags hingen dunkle Wetterwolken. Langsam und schwer waren sie über die Moldau herübergekommen, und schienen sich jetzt dicht niederzusenken über das Kloster der Kreuzherren und das alte Klementinum. Eine drückende Schwüle brütete in den Gassen, die Leute hasteten heimwärts, und auch der Schutzmann, welcher bei dem Denkmal Karls IV. stand, sah sich nach einem Obdach um, sobald das Wetter losbrechen würde. Dabei war es etwa um die zehnte Stunde vormittags.
Durch das Thor des Klementinums ging langsam mit gesenktem Kopfe ein noch junger Mann, einfach aber gut gekleidet; es war der Uhrmacher Freidank. Er bog hinter dem Thore nach links ab, wo der Eingang zum Priesterseminar war, aber ehe er die Glocke zog, schien er noch einmal mit sich zu kämpfen. Er atmete einigemale tief, hob die Hand, ließ sie sinken und hob sie aufs neue, und als jetzt die Glocke ertönte, schrak er zusammen.
Er trat nun in den Korridor, dessen Kühle wohlthuend berührte bei der Gewitterhitze in den Gassen und fragte einigermaßen zaghaft den Pförtner, ob er den HerrnDr.Frohwalt treffen könne. Dieser bejahte und wies ihm den Weg, und Freidank ging langsam, noch immer mit beengter Brust, weiter, die Treppen hinan, bis vor die bezeichnete Thür. Er pochte, und auf das »Ave!« von innen trat er ein. In demselben Augenblicke flammte der erste Blitz des losbrechenden Gewitters nieder und beleuchtete sein ohnehin bleiches Gesicht mit bläulichem Glanze, so daß Peter Frohwalt zwiefach erschrak wie vor einer Geistererscheinung und beinahe entsetzt von seinem Sitz aufsprang. Im Geroll des Donners verklang der Gruß des Eintretenden, dem es selbst unheimlich erschien, daß er hier bei Blitz und Donner ankam, und den das erschreckte und dabei doch finstere Gesicht seines geistlichen Schwagers noch mehr verschüchterte.
Frohwalt bot ihm nicht die Hand, auch nicht einen Sitz; er fragte, nachdem das Rollen verklungen, kühl und beinahe strenge:
»Was wollen Sie von mir?«
Der andere aber drehte langsam den Hut in seinen Händen, und hob nun sein treuherziges Auge auf; er sprach:
»Ich wäre nicht gekommen, Herr Doktor, wenn nicht Ihre Mutter und Marie mir Mut dazu gemacht hätten, und wenn mir's nicht besonders um die letztere zu thun wäre. Ich hatte einen Bruder, einen braven Menschen, Herr Doktor. Er hatte das Tischlerhandwerk gelernt, und da er eine wackere Braut hatte, hätte er gerne sich selbständig gemacht und geheiratet. Er hatte das Zeug dazu, sich vorwärts zu bringen, wenn er nur einmal über den Anfang hinaus war. Ich hätte ihm gerne geholfen, aber mein kleines Kapital steckt in meinem Geschäfte, und auf mein Häuschen kann ich nicht borgen, es ist noch verschuldet von meinem seligen Vater her. Er fand aber einen vermögenden Mann, der ihm achthundert Gulden vorstrecken wollte, wenn er jemanden hätte, der für ihn Bürgschaft leiste, und die habe ich denn in Gottes Namen übernommen. Mein Bruder heiratete nun, nachdem er Meistergeworden, und es ging recht hübsch vorwärts. Vor einigen Wochen aber hat er sich hingelegt und ist gestorben. Jetzt verlangt der Gläubiger sein Geld. Er ist zwar ein frommer Mann und geht jeden Tag in die Kirche, aber der Jammer meiner Schwägerin und ihres Kindes haben ihn eben so wenig gerührt, wie meine Bitte; er hält sich jetzt an mich und besteht auf Zahlung, sonst will er mir mein Häuschen verkaufen lassen. Fünfhundert Gulden, mein bischen Erspartes, will ich ihm geben, aber er will alles, weil der Herr Kaplan ihn gegen mich hetzt – Sie wissen ja, warum – und die dreihundert Gulden kann ich nicht aufbringen. Und da – wollte ich – bitten – ob nicht Sie vielleicht – mir, das heißt Ihrer Schwester – den fehlenden Betrag vorschießen könnten!«
Der schlichte Mann that einen tiefen Atemzug, und schaute dem jungen Priester noch immer voll in das Gesicht. Dieser aber blickte finster und ernst drein, als er erwiderte:
»Ich verstehe nicht, warum Sie zumirkommen? – Was habe ich mit Ihnen zu thun? Zwischen uns ist keine Gemeinschaft, das sollten Sie wissen.«
»Ich komme auch nicht für mich, und ich würde es selbst ertragen, wenn mir mein Häuschen verkauft würde, aber Marie –.«
»Sie hat freiwillig sich an Sie gebunden, sie muß Ihr Los teilen!«
In Freidanks Herzen regte sich Unmut und Bitterkeit. Aber, ob ihm auch die Röte in die Wangen stieg ob der lieblosen Aeußerung, er bezwang sich doch und sagte ruhig:
»Dazu ist sie auch bereit, aber ich meinte nur, wenn ihr Böses erspart werden könnte – gerade jetzt … sie ist in gesegneten Umständen – und jede Erregung, jede Sorge …«
Frohwalt fühlte ein Unbehagen, eine Regung der Liebe rang in seiner Seele mit dem Zorn und dem Glaubenseifer, und der letztere blieb Sieger; er sprach:
»Ich habe Marie gebeten und beschworen, nicht Ihnen zu folgen und ihren Glauben zu verleugnen; ich habe ihr erklärt, daß, wenn sie es thue, keine Gemeinschaft mehr sei zwischen ihr und mir, und daß des Himmels Gerichte sie ereilen würden. Nun kommt, was ich vorausgesehen. Empfinden Sie nicht in all dem, was über Sie hereinbricht, die strafende Hand des Herrn? Und ich sollte ihm in den Arm fallen wollen, wenn er diejenigen züchtigen will, die ihn verlassen und verraten haben?«
Der Uhrmacher hatte sich hoch aufgerichtet; das sonst so ruhige Auge flammte, und die Wangen waren ihm heiß, als er mit bebenden Lippen sprach:
»Verzeih' Ihnen Gott, was Sie hier reden! Das ist Herzenshärte und Hochmut, hinter der sich Ihre Lieblosigkeit verschanzt. Ich hab' einmal einen fremden Hund mit Lebensgefahr aus dem Wasser geholt – bin ich da etwa auch dem Herrn in den Arm gefallen? – und Sie wollen Ihre einzige Schwester und deren Kind in Not und Elend treiben. Ich beneide Sie nicht um die Rolle, die Sie in diesem Augenblick spielen. Leben Sie wohl, Marie und ich, wir werden tragen, was uns der Himmel schickt, stark durch unsere Liebe, aber Ihnen wird ein Stachel bleiben von dieser Stunde, den Sie durch tausend Vaterunser nicht wegbringen!«
Mit raschen Schritten, ehe Frohwalt noch erwidern konnte, war Freidank hinausgegangen; er eilte durch die dunklen, dumpfigen Korridore, bis die Pforte sich wieder hinter ihm geschlossen hatte. Der Regen rauschte nieder, aber eine erquickende Kühle wehte den Mann an, der sie mit tiefen, gierigen Zügen einsog, und dann, unbekümmert um die dicht fallenden Tropfen durch die Gassen der böhmischen Hauptstadt gegen den Bahnhof hin schritt.
Der Doktor der Theologie Peter Frohwalt aber stand eine Weile verdutzt in der Mitte seines Zimmers; Aerger und noch ein anderes Gefühl, über das er selbst im Unklarenwar, erfüllte ihm die Seele und in tiefer Verstimmung trat er an das Fenster. Grau und wie nebelverhüllt war alles draußen, nur der Regen rann wie ein Schleier, und ab und zu zuckte ein Leuchten über die Stirn des Himmels. Die Worte des einfachen Mannes klangen im Herzen des jungen Priesters unaufhörlich nach, und vergebens suchte sich dieser einzureden, daß er selber recht gesprochen und gethan habe, immer wieder drängte sich etwas wie Reue zwischen seine erkünstelten Erwägungen.
Nun ließ der Regen nach und ein heller Flecken des Himmels lugte aus den zerrissenen grauen Wolken, Frohwalt aber mußte bei dem blauen Schimmer an die Augen seiner Schwester denken, die feucht und vorwurfsvoll sich nach ihm hinrichteten. Er ging mit großen Schritten in seinem Zimmer auf und ab, unruhig, bald dies, bald jenes erfassend, bis er von seinem Büchergestell wieder das kleine Buch nahm, das ihn immer anzog und abstieß zugleich, das Laienbrevier; er blätterte darin und seine Augen flogen über die Seiten, bis sie an einem Worte hängen blieben:
Es muß der Mensch das Gute thun.Das istSein Wesen, ist sein unterscheidend MerkmalAuf Erden hier.Der gute Wille istDes Menschen Göttlichkeit, der freie nicht.Sein freier Wille liegt im Irrtum nur …
Es muß der Mensch das Gute thun.Das istSein Wesen, ist sein unterscheidend MerkmalAuf Erden hier.Der gute Wille istDes Menschen Göttlichkeit, der freie nicht.Sein freier Wille liegt im Irrtum nur …
Er warf das Buch beinahe ärgerlich zur Seite.
»Soll ich mir von Protestanten und Abtrünnigen gute Lehren geben lassen?« murmelte er vor sich hin, aber in ihm klang doch das Wort immer wieder nach: »Es muß der Mensch das Gute thun,« und so beschloß er, gleichsam um mit seinem Gewissen sich abzufinden, nachmittags den alten Pfarrer aufzusuchen, um ihm einige verfügbare Meßgelder zu überbringen und auch mit freundlichem Worte ihm etwas Gutes zu thun.
Mit diesem guten Vorsatz ging er denn auch um diedritte Nachmittagsstunde hinüber nach der Kleinseite. Bei dem Brückenturm der letzteren begegnete ihm Hans Stahl, und Frohwalt hielt einen Augenblick erstaunt auf seinem Wege an, als ihn der junge Mann grüßte. Derselbe trug einen leichten Sommeranzug, einen Strohhut mit hellem Band, und um den Hals hatte er eine bunte, flatternde Seidenschleife gebunden. In seinem Blicke lag beinahe etwas Triumphierendes, ganz gewiß aber etwas sonderbar Freudiges. Daß er nicht mehr Theologe war, war zweifellos, und dem Adjunkten fiel ein, was Professor Holbert seinerzeit über Stahl geäußert hatte.
Der Tag war nach dem Gewitter wieder heiter geworden, aber die Schwüle, die neuerdings in den Gassen lag, ließ eine Wiederkehr desselben befürchten. Frohwalt wischte sich mit dem Taschentuche den Schweiß von der Stirn und ging langsam quer über den Kleinseitner Ring nach der Spornergasse. Als er an die Thüre des Pfarrers kam, vernahm er die Stimme desselben mit einer gewissen Erregung, und er überlegte, ob er anpochen sollte.
In dem Augenblick hörte er den alten Herrn beinahe heiser vor Zorn rufen: »Hinaus mit Dir, Du Lump!« und ein höhnisches Gelächter aus einer rauhen Kehle war die Antwort, sowie einige in tschechischer Sprache hervorgestoßene Worte. Der Adjunkt hatte die Empfindung, als ob er dem Pfarrer zu Hilfe kommen müsse; er klopfte einmal kräftig an die Thüre, und trat, ohne den Bescheid darauf abzuwarten, ein.
Der alte Priester stand am Tische, die Faust geballt auf die Platte gestemmt, auf welcher auch hier der Zinnkrug nicht fehlte. Er hatte die Weste aufgeknöpft, so daß das wenig reinliche Hemd hervorsah, der Hals war entblößt, weil er, wohl der Wärme wegen, das Collare abgelegt hatte, sein Gesicht aber war gerötet, und die feuchten, schwimmenden Augen blitzten beinahe unheimlich. Nicht fern von ihm stand ein junger Mensch von zwanzig und etlichen Jahren, heruntergekommenin seinem Anzuge, und von gemeinen, unangenehmen Gesichtszügen. Er schielte nach dem Eintretenden und dabei ging ein höhnisches, böses Zucken um seine Mundwinkel, der alte Pfarrer aber schien zu erschrecken, als er Frohwalt erkannte. Er dankte verlegen seinem Gruße und bat ihn, sich niederzusetzen, dann wandte er sich noch einmal zu dem andern, – und sprach mit erzwungener Ruhe: »Wir sind fertig mit einander – dort ist die Thüre!«
»Wir sind fertig miteinander – dort ist die Türe!« sprach der alte Priester zu dem jungen verkommenen Menschen. (Seite 172).
»Wir sind fertig miteinander – dort ist die Türe!« sprach der alte Priester zu dem jungen verkommenen Menschen. (Seite 172).
Der Angesprochene aber blieb stehen, und der böse Zug um den Mund und in den Augen schien sich zu verschärfen. Er sagte jetzt in deutscher Sprache:
»Nein, wir sind nicht fertig. Es ist wohl nicht so einfach, wenn man einen Bastard in die Welt gesetzt hat, zu sagen: Du gehst mich nichts an, wir sind fertig. Ich erwarte bis morgen mittag unter meiner Adresse das Geld, oder ich gehe an das Konsistorium!«
»Geh zum Teufel oder wohin Du willst!« schrie jetzt der alte Herr und erfaßte mit plötzlich erwachender Kraft den Burschen, schob ihn gegen die Thüre, riß dieselbe auf und gab ihm einen Stoß, daß er hinausflog. Während man ihn draußen ziemlich laut in tschechischer Sprache schimpfen hörte, sank der alte Mann in die Ecke seines wurmstichigen Sophas und fing laut und heftig an zu schluchzen. Frohwalt war tief erschüttert; er zog seinen Stuhl dicht zu ihm heran, legte ihm die Hand auf den Arm und sagte:
»Beruhigen Sie sich, Herr Pfarrer! – – Was bedeutet das um Gottes willen?«
Der andere bemühte sich zu beherrschen; er nahm, wie um der Erregung beizukommen, einen langen Schluck aus seinem Kruge, wischte mit dem Handrücken sich die Thränen aus dem Gesichte und rief:
»Brauchen Sie noch eine Erklärung, nachdem Sie gehört haben, was der Lump sprach?«
Während er, zu seinem Gast gewendet, redete, roch seinAtem unangenehm wie nach Spirituosen, so daß sich Frohwalt halb abwendete; jener aber, halb schreiend, halb weinend fuhr fort:
»Der Bursche ist mein Sohn, mein und Barbaras Kind – was brauche ich's Ihnen zu verhehlen! Die Frucht der Sünde, und womit ich gefehlt habe, damit werde ich bestraft. Ich habe ihn ein Handwerk lernen lassen, aber er hat nirgends gut gethan, und ein Meister nach dem andern hat ihn fortgejagt. Er wird im Zuchthause sterben. Was habe ich nicht alles für ihn gethan und geopfert, Geld und Ehre – und alles umsonst!«
Er schlug die Hände vor das Gesicht und sank tiefer zusammen in seiner Ecke. Frohwalt aber fühlte sich von Widerwillen und Mitleid zugleich erfaßt. Er hatte den Eindruck, als hätte der alte Mann auch etwas zu viel getrunken, und darum sprach er, vielleicht etwas herber im Tone, als er selbst es beabsichtigt:
»Wie konnten Sie aber sich so weit vergessen mit jenem Weibe!«
Der Pfarrer sah mit dem Ausdrücke fragender Hilflosigkeit ihn an, dann lachte er bitter auf:
»So mögen Sie wohl reden, Sie sind nicht in meiner Lage gewesen. Soll ich Ihnen die Geschichte eines verfehlten Lebens erzählen? Sie ist erstaunlich einfach. Ich bin armer Leute Kind, habe unter Entbehrungen das Gymnasium besuchst und ging dann ins Seminar, weil ich sonst nicht wußte, wohin und weil meine Eltern mich hineindrängten. Damals fing mein Unglück an. Von der Stunde an, da ich ins Klementinum kam, hab' ich gefühlt, daß ich nicht zum Priester tauge, aber ich habe redlich mit mir gekämpft und gerungen und gemeint, es müsse zuletzt doch gehen und ich müßte mit der Weltlust fertig werden können. Als ich ausgeweiht war, kam ich in eine kleine Stadt. Da herrschte ein lebenslustiger Geist, und mein Pfarrer war selbst ein froher Lebemann.Der nahm mich mit an den Stammtisch, wo ich mich gewöhnte, mit ihm und andern in die Nacht hinein zu trinken – meine Zeche wurde gewöhnlich bezahlt – er führte mich in Familien ein, wo es fröhlich und ausgelassen herging, und wo wir an Pfänderspielen mit Küssen und anderem uns beteiligten … und wenn ich dann in meine einsame Stube kam, wollte es mir garnicht gefallen, und der Geist der Unzufriedenheit wurde mächtiger als je zuvor. Ich hatte das Bedürfnis nach Liebe, nach Familienleben und Familienglück, und wenn ich in dem Entsagenmüssen mich recht trostlos und elend fühlte, ging ich ins Wirtshaus und trank mich in ein Vergessen und in eine falsche Lust hinein. Wenn ich einen einzigen Menschen gehabt hätte, der sich meiner angenommen, der mich über meine Schwäche weggetragen hätte! Dann kam ich nach Nedamitz, erst als Kaplan, zu einem kranken, unwirschen Pfarrer, mit dem überhaupt nicht auszukommen war, und der sich selber unglücklich fühlte in seinem Berufe, und dann war ich Administrator in einem Dorfe in der Egerer Gegend. Das war meine beste Zeit, da habe ich Botanik getrieben mit dem alten Lehrer und habe mich vom Wirtshause möglichst fern gehalten und hatte die allerbesten Vorsätze, bis seine Nichte, die Barbara, zu ihm kam auf einige Wochen. Da bin ich zuerst unruhig geworden, wenn ich sie sah, dann hatte ich wieder das Gefühl, daß ich unglücklich sei in meiner Vereinsamung und in meiner Ehelosigkeit, und ich mußte wieder trinken, um mich zu betäuben. Aber ich wollte den Teufel austreiben mit Beelzebub. Je mehr ich trank, desto begehrlicher wurden die Sinne – und damals kam ich als Pfarrer nach Nedamitz. Zu allem Unglück starb mein Freund, der alte Lehrer, seine Nichte stand allein in der Welt, und so nahm ich sie, unter dem Vorwand, sie sei eine Verwandte von mir, trotzdem sie das kanonische Alter nicht hatte, zu mir als Wirtschafterin. Nun war Feuer und Zunder beisammen, nun kam's, wie's kommen mußte und das Unglückwar fertig. Oft überfiel mich die Reue, aber ich hatte nicht die Kraft, das Wesen, das eigentlich mein Weib geworden, aus dem Hause zu jagen, und so suchte ich über die Seelenpein immer wieder mit dem Trinken wegzukommen. So ist eins mit dem andern geworden … und heute muß ich schwer büßen.«
Peter Frohwalt saß da mit gerunzelten Brauen; er war gekommen, dem Pfarrer etwas Gutes zu sagen und zu thun, aber er vermochte es nicht. Er sah den Zinnkrug auf dem Tische, er roch den Atem des Mannes, der sich eben erst durch die Begegnung mit seinem Sohne einigermaßen ernüchtert zu haben schien, und der Zorn über den Schwächling, den unwürdigen Priester, gewann in ihm die Oberhand. Er sprach:
»Sie können nicht verhehlen, daß Sie Ihren Schwächen zu sehr nachgegeben haben; ohne Selbstzucht geht es nicht, und zu solcher ist es auch jetzt nicht zu spät. Der erste Fehler war, daß Sie sich eingedrängt haben in den Dienst des Herrn, ohne den Beruf dazu zu haben – –«
»In der Jugend hat man nicht die Stärke, um gegen schwere Verhältnisse und äußeren Zwang sich aufzulehnen,« bemerkte der Pfarrer schüchtern.
»Dann gaben Ihnen die vier Jahre Ihres Aufenthalts im Seminar Anlaß zur Selbstprüfung, und wenn Sie Ihre Schwäche nicht bezwingen konnten, zum Austritt.«
»Aber Sie hörten ja, wie ich als Alumnus den besten Willen hatte und mit mir fertig zu werden suchte.«
»Doch Sie erlagen den kleinsten Versuchungen. Mußten Sie denn mit Ihrem ersten Pfarrer durch Dick und Dünn gehen? Konnten Sie, wenn Sie sich zu schwach fühlten, nicht Ihre Versetzung nachsuchen?«
»Sollte ich den sonst gutmütigen Mann anklagen?«
»Im Dienste des Herrn giebt es solche Rücksichten nicht;er verlangt eine volle Hingabe, einen strengen Dienst. Ich begreife, daß es Sie bedrückt, wenn Sie auf Ihr Leben und Wirken zurückschauen, aber nehmen Sie mir's nicht übel, wenn ich es aufrichtig und in brüderlicher Teilnahme beklage, daß Sie die Mahnungen des Herrn auch jetzt noch nicht verstehen. Warum werfen Sie nicht diesen abscheulichen Zinnkrug, in welchem für Sie der böse Versucher sitzt, fort, warum fröhnen Sie noch immer der Schwäche des Trunkes? Sie haben ein verlorenes Leben hinter sich, aber Gebet und Enthaltsamkeit könnten Ihnen immer noch einen gewissen Seelenfrieden erwecken; soll denn auch der Abend Ihrer Tage ein verlorener sein?«
Der junge Priester hatte die Absicht, warm und herzlich zu sprechen, aber er sprach hart Und streng. Der alte Pfarrer saß da, die weitgeöffneten Augen ihm zugewendet, aus seinem Antlitz war die Röte gewichen, und mit bläulichen Lippen stammelte er:
»Sie haben recht – Sie haben recht – ein verlorenes Leben!«
Frohwalt erschrak vor seinem Anblick und vor diesem Worte, und er sagte wesentlich milder:
»Noch ist es nicht ganz zu spät! Raffen Sie sich auf, Sie haben ja mehr Gnadenmittel als viele andere. Sie sind selbst berufen, zu binden und zu lösen, an Gottes Statt den Sündern ihre Schuld zu vergeben und können täglich zum Tisch des Herrn treten und den lebendigen, persönlichen Gott in Ihren priesterlichen Händen halten; sollte ein solches Bewußtsein Ihnen nicht die Schlacken abthun helfen, die an Ihnen haften? Zum Gutwerden ist es für keinen zu spät. Weisen Sie dem Burschen, der Sie aussaugt, die Thüre; wenn Sie ihm Erziehung und Lehre haben angedeihen lassen, wie ein Vater seinem Sohne, so haben Sie alles gethan, was er verlangen darf; was er Ihnen an Schimpf und Schande anthut, das nehmen Sie hin als eine Buße. Und dann werfenSie dies dickbäuchige zinnerne Ungeheuer fort, das ich schon in Nedamitz hassen gelernt habe!«
Der alte Mann saß jetzt ganz zusammengesunken auf seinem Sitze, nickte gleich einer Holzpuppe mit dem Kopfe und wiederholte auch jetzt nur tonlos:
»Ein verlorenes Leben – ein verlorenes Leben!«
Frohwalt schied endlich von ihm in tiefer Verstimmung, und da er über die Brücke zurückging, hingen die Wetterwolken bereits schwer wieder herein über die Kleinseite, und der Wind wirbelte den Staub hinter ihm drein. Er wäre aber noch erregter gewesen, wenn er den Mann hätte sehen können, den er soeben verlassen hatte.
Der alte Priester hatte sich erhoben; mit schlotternden Knieen wankte er durch die Stube, rang die Hände und sagte nur immer wieder: »Ein verlorenes Leben!« Mit einmal blieb er vor dem Tische stehen, erfaßte den Krug, welcher dort stand, mit beiden Händen, umklammerte ihn fest und schleuderte ihn mit wütender Geberde zu Boden; dann trat er mit den Füßen darauf herum, daß das Zinn sich verbog zu einer schier unförmlichen Masse, die von dem Reste des Bieres benetzt war. Nun eilte er gegen das Fenster, sah hinaus nach dem Stückchen bleigrauen Himmels, welches er erblicken konnte, und preßte den Kopf gegen die Scheibe, bis ein grell aufzuckender Blitz ihn zurückschreckte. Und während das Wetter niederging, und der Donner immer aufs neue gewaltig rollte, rannte er unstät in dem kleinen, schwülen Raume hin und her.
Das trieb er bis an den Abend, dann suchte er Papier und Schreibzeug, setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben. Es waren zwei Briefe, die er noch einmal durchlas, ehe er sie in Umschläge packte und versiegelte. Dann setzte er mit heftig zitternder Hand die Adressen darauf, eine an seinen Sohn, die andere an den Doktor der Theologie Peter Frohwalt.
Als auch das geschehen war, lief ein Beben wie ein Schauer durch seinen ganzen Leib, er hatte das Gefühl heftigen Frostes, und seine Zähne schlugen gegen einander. Er begann wieder auf und ab zu rennen, bis die Dämmerung sich durch den kleinen Raum auszubreiten anfing. Vor seinem Spiegel blieb er einen Augenblick stehen; es war ein bescheidenes, trübes Glas, wie er es benutzte beim Rasieren und stand auf zwei halbmorschen Holzfüßen über einem Kästchen, in welchem er Streichriemen und Rasiermesser hatte. Aus dem Spiegel sah ihm ein fahles, verzerrtes Gesicht entgegen, wie das eines Wahnsinnigen, Verzweifelnden.
»Ein verlorenes Leben!«
Er lachte gellend einmal auf, erschrak vor dem Laute und wankte von dem Bilde fort, das sich ihm geboten. Bei einem Stuhle am Fenster kniete er nieder, schlug die eiskalten Hände gegen das heiße Gesicht und wollte beten, aber er konnte nicht, der Engel des Herrn hatte ihn verlassen …
Als am andern Morgen ihm die Wirtin den Kaffee bringen wollte zur gewohnten Zeit, und bei ihm eintrat, schrie sie laut auf und ließ das Geschirr klirrend zur Erde fallen. In einer Blutlache neben dem zerbrochenen Bierkruge lag der alte Mann mit dem blassen, fahlen Gesichte, entsetzlich anzuschauen, und ein beschmutztes Rasiermesser neben ihm; auf dem Tische aber fand man die beiden Briefe – er hatte sich die Kehle durchgeschnitten.
Als Frohwalt mit dem an ihn gerichteten Schreiben zugleich die furchtbare Kunde erhielt, wich alles Blut aus seinem Antlitz, ein Schwindel erfaßte ihn und er fürchtete ohnmächtig zu werden. Mit zitternden Fingern riß er dann den Umschlag des Briefes ab und las mit beengter Brust:
Hochwürdiger Herr Doktor!Sie haben Recht – es ist ein verlorenes Leben, und was verloren ist, ist vorbei, da hilft keine Flickarbeit mehr. Ich bin körperlich so elend, daß ich keine Widerstandskraftmehr habe gegen meine Schwächen und kein anderes Mittel mehr weiß, um nicht zu sündigen, als zu sterben. Den Zinnkrug habe ich vorher vernichtet. Verwerfen Sie mich nicht ganz und beten Sie ein Vaterunser für mich. Ich befehle mich der Gnade Gottes, auch wenn mein Leben ein verlorenes war – er ist ja der Allgütige.P.Schaffran.
Hochwürdiger Herr Doktor!
Sie haben Recht – es ist ein verlorenes Leben, und was verloren ist, ist vorbei, da hilft keine Flickarbeit mehr. Ich bin körperlich so elend, daß ich keine Widerstandskraftmehr habe gegen meine Schwächen und kein anderes Mittel mehr weiß, um nicht zu sündigen, als zu sterben. Den Zinnkrug habe ich vorher vernichtet. Verwerfen Sie mich nicht ganz und beten Sie ein Vaterunser für mich. Ich befehle mich der Gnade Gottes, auch wenn mein Leben ein verlorenes war – er ist ja der Allgütige.
P.Schaffran.
Der Brief entsank den Händen des Adjunkten; er selbst aber lehnte wie gebrochen in seinem Sitze. Sein innerstes Wesen war gut, und weil er nicht ein zorniger Eiferer von Herzen war, sondern nur seinem Berufe eine gewisse Strenge schuldig zu sein glaubte, so brach ihn dies Ereignis zusammen. Er dachte mit Entsetzen daran, daß es sein Wort vom »verlorenen Leben« war, das den Unseligen zu der fürchterlichen That getrieben hatte, und ihn faßte ein Grauen vor sich selbst. Wer hatte ihn denn zum harten Richter bestellt über den alten, schwachen Mann, dem Liebe und Güte not that, nicht aber strenges, kaltes Eifern? – Auf seiner Seele lag es wie ein Mord, den er begangen hatte, und er suchte vergebens Ruhe im Gebete, Zerstreuung in der Arbeit. Er fand weder Sammlung noch Frieden.
Am Nachmittage ging er bleich und verstört nach der Neustadt hinüber; er mußte seine Seele erleichtern vor einem gewissenhaften und strengen Beichtiger, er mußte aus einem Munde, der ihm wert war, erfahren, ob er sich schuldig fühlen müsse, und wie er in diesem Falle zu büßen habe. Auf dem weiten, freundlichen Karlsplatze befindet sich das Kollegium der Väter der Gesellschaft Jesu bei der Kirche des hl. Ignazius von Loyola. Dort zog er die Glocke und fragte nach einem der Priester. Er traf ihn daheim und bat, ihm sein Herz ausschütten zu dürfen.
Der Jesuit, ein mittelgroßer, hagerer Mann, mit schlichtem grauen Haar, und grauen Augen, die scharf und klar dem Adjunkten in die Seele hinabzuschauen schienen,empfing ihn in seinem einfachen Gemache mit ruhiger Freundlichkeit, und Frohwalt beichtete von dem alten Pfarrer, und was er seit gestern mit demselben erlebt. Als er geendet, sagte der Jünger Loyolas mit ruhiger Stimme:
»Sie haben sich keine Anklage zu machen, mein Bruder. Sie haben Gutes gewollt, und das sieht der Herr allein an; jener Unselige aber war aus der Gnade gefallen, und das Gericht des Herrn ist über ihn gekommen; der Allerhöchste hat Sie nur zu seinem Werkzeuge gewählt.«
So sprach er noch eine Weile, wies auf Stellen aus den Kirchenvätern hin, und that dies alles so kühl und bestimmt, so überlegen und überzeugend, daß Frohwalt fühlte, wie er ruhiger ward.
Aber die Wirkung war nicht nachhaltig. Es war eine seltsame Fügung, daß er, daheim angekommen, ein lateinisches Buch aufschlug und gerade dort eine Stelle fand, wo der Jesuitenpater Laymann sagt: »Ein Doktor, welcher befragt wird, kann einen Rat geben, nicht allein, der seiner Meinung nach wahrscheinlich, sondern der auch seiner Meinung entgegen ist, wenn er von andern für wahrscheinlich gehalten wird und wenn diese Meinung, welche der seinigen entgegen ist, demjenigen, welcher ihn um Rat frägt, günstiger und angenehmer wäre. Ja, ich sage mehr, daß es nicht unrecht sein würde, ihm einen solchen Rat zu erteilen, wenn er auch selbst versichert wäre, daß er allerdings falsch ist.«
Was war nach solchen Grundsätzen von den Trostworten des Jesuitenpaters zu halten? – Hier mußte das eigene Gewissen zuletzt der beste Ratgeber sein, und das sprach Frohwalt nicht frei von einer gewissen Lieblosigkeit und Härte, und das Bild des alten Pfarrers trat immer wieder wie ein stummer Ankläger vor seine Seele.
Er hatte eine fürchterliche, qualvolle Nacht, in welcher der Schlaf ihn floh, in welcher er an Vetter Martin dachte, der es verstanden hatte, auch dem alten, verkommenen Priesterfreundliche Seiten abzugewinnen, und dem er nicht wagen würde, mitzuteilen, wie er zu dem Pfarrer gesprochen hatte. Und gerade der letztere Umstand ließ ihn fühlen, daß er ein Unrecht begangen hatte, das er nicht einmal mehr gut machen konnte. Aber eine Lehre wollte er wenigstens aus dem fürchterlichen Vorgange ziehen. Er wollte in ähnlichen Fällen mehr dem Menschen, als dem katholischen Priester gehorchen.
Als er nach wenigem Schlafe unerquickt am andern Morgen erwachte, war sein erster Gang nach der böhmischen Sparkasse, wo er ein kleines Sümmchen – Erträgnisse seiner litterarischen Thätigkeit – niedergelegt hatte. Er ließ sich dreihundert Gulden auszahlen. Die packte er daheim in einen Umschlag, schrieb dazu einige Zeilen, und schickte sie an seine Mutter. Sie sollte das Geld Freidank übergeben unter welchem Vorwande immer, nur ihn sollte sie nicht nennen.
Als er den Brief bei der Post aufgegeben hatte, und heimging, überkam ihn seit Stunden wieder einmal ein Gefühl innerer Ruhe; er hatte die Empfindung, wenigstens nach einer Seite hin eine Lieblosigkeit wieder gut gemacht zu haben, und ihm ging das schöne Gedicht Ferdinand Freiligraths durch den Sinn:
O lieb', so lang Du lieben kannst,O lieb', so lang Du lieben magst,Die Stunde kommt, die Stunde kommt,Wo Du an Gräbern stehst und klagst.Dann weinst Du wohl und klagst Dich an,Doch keine Thräne heißer Reu'Macht eine welke Rose blüh'n,Erweckt ein totes Herz auf's neu.
O lieb', so lang Du lieben kannst,O lieb', so lang Du lieben magst,Die Stunde kommt, die Stunde kommt,Wo Du an Gräbern stehst und klagst.
Dann weinst Du wohl und klagst Dich an,Doch keine Thräne heißer Reu'Macht eine welke Rose blüh'n,Erweckt ein totes Herz auf's neu.