Vierzehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Das Konzil war feierlich in einem Seitenschiffe von St. Peter eröffnet worden, und das Aussehen von Rom nahm von da ab eine noch mehr kirchliche Färbung an. Die Zahl der geistlichen Würdenträger, welche sich an dem Sitze des Papsttums eingefunden hatten, war eine ungewöhnlich große – siebenhundertfünfzig Bischöfe fast aus allen Teilen der Welt waren zusammengekommen zu jenem außerordentlichen kirchlichen Ereignis, und zumal um den Vatikan und seine Umgebung sah man Tag aus, Tag ein die mehr oder minder vornehmen Wagen hinrollen, in welchen die Väter der Kirche zum Konzil oder von demselben fuhren. Seit langer Zeit war der Glanz und die Herrlichkeit des päpstlichen Stuhles nicht so zu Tage getreten.

Wenn aber seitens der Macher des neuen Glaubenssatzes und seitens der unbedingten Anhänger der Unfehlbarkeit geglaubt worden war, daß der Schimmer der päpstlichen Heiligkeit, der Atem Roms allein schon genügen werde, die versammelten Väter leicht zur Annahme der Neuerung zu bewegen, so hatte man sich einem Irrtum hingegeben. Schon in einer der ersten Sitzungen war Kardinal Schwarzenberg aufgetreten und hatte dem Konzil einige Wünsche vorgelegt, welche die Jesuiten und ihre Freunde nicht erwartet hatten, die ihnen nicht bloß unbequem waren, sondern ihnen sogar einige Bedenken erweckten.

Der erste dieser Wünsche war, daß man, schon aus Klugheitsrücksichten nicht unnötiger Weise die Zahl der Glaubenssätze vermehren möge. Man sollte nicht vergessen, daß, zumal in Deutschland, wo Katholiken und Protestanten neben und durcheinander wohnten, jeder neue Glaubenssatz mehr zur Verwirrung als zur Beruhigung der Gemüter beitrage.

Das klang wie ein deutlicher Widerspruch und er ging von einem Kirchenfürsten aus, welchen man um seiner Abkunft, wie um seiner Stellung willen immerhin zu berücksichtigen hatte. Die Hoffnung, welche sich die Jesuitenpartei gemacht hatte, daß man den in Frage stehenden Glaubenssatz durch einstimmigen Zuruf annehmen werde, wie vordem jenen von der unbefleckten Empfängnis Mariä, erwies sich trügerisch, und man sah sich umsomehr zu einem andern Vorgehen genötigt, als auch noch mancher andere streitbare und tüchtige Herr in Rom eingezogen war, der nicht ohne weiteres die Waffen streckte.

Es war an einem Spätnachmittage, als sich in der Wohnung des Kardinals Schwarzenberg die deutschen und österreichischen Bischöfe zu einer Besprechung eingefunden hatten. In dem geräumigen, vornehmen Saale saßen sie an einem langen Tische, Männer, unter welchen mancher sich durch hervorragendes Wissen und durch Geist auszeichnete. Es herrschte einerseits eine gedrückte, andererseits eine gereizte Stimmung. Der Prager Kardinal hatte das Wort und sagte mit seiner klaren, ruhigen Stimme:

»Meine hochwürdigsten Amtsbrüder! Sie wissen, weshalb ich Sie hierher gebeten habe. Es ist Ihnen nicht unbekannt, daß in dem Kreise der italienischen, spanischen und orientalischen Bischöfe ein Schriftstück die Runde macht, in welchem Seine Heiligkeit gebeten wird, ein Dekret wegen der Unfehlbarkeit einbringen zu lassen. Was dies bezwecken soll, ist klar. Aus der Mitte der Kirche heraus soll der Glaubenssatzscheinbar begehrt werden, wie etwas, was immer in derselben vorhanden war. Die Zahl der Unterschriften wird zweifellos eine überwältigend große, so daß man dem heiligen Vater ohne weiteres die Ueberzeugung beibringen kann, daß dieser Glaubenssatz der sehnliche Wunsch der ganzen Christenheit ist, und doch ist in unserm Kreise vielleicht keiner, der nicht nach bestem Wissen und Gewissen sich gegen denselben sträubte. Sollen wir diesen Vorgang sich ruhig vollziehen lassen? Was ist Ihre Meinung?«

Der Erzbischof von München-Freising nahm das Wort:

»Ich beklage es tief, daß in solchem Falle die Mehrheit den Ausschlag geben soll. Der ganze Kirchenstaat hat nicht so viele Seelen, als meine Diözese, und doch ist er durch hundertdreiundvierzig Bischöfe vertreten. Rechnen wir dazu etwa hundert Bischöfein partibusund circa zweihundert Titularbischöfe, die in Italien so dicht sitzen, wie bei uns die Pfarrer, so ist ersichtlich, daß wir dagegen nicht aufkommen, falls nicht andere Grundsätze bei der Abstimmung maßgebend werden. Deutschland hat nur vierzehn Stimmen – ein geradezu schreiendes Mißverhältnis – und darum ist es notwendig, mit doppelter Kraft einzutreten für unsere Ueberzeugung, und unter Darlegung der Verhältnisse, daß die Zahl der christkatholischen Seelen, welche hinter uns steht, Ausschlag gebend sein müsse, gleichfalls ein Bittgesuch an den Papst zu richten, es möge die Unfehlbarkeit nicht eingebracht werden.«

Einzelne Stimmen drückten ihren Beifall aus, Bischof Hefele von Rottenburg aber wiegte bedenklich das Haupt. Er gehörte zu den gelehrtesten Kirchenfürsten, die aus Deutschland nach Rom gegangen waren und erfreute sich eines gewissen Einflusses bei seinen Amtsbrüdern Er sprach nun:

»Meine hochwürdigsten Brüder! Mir ist es klar, daß jenes Vorgehen nichts anderes als eine Falle ist, welche man uns legt. Man sucht uns geradezu herauszulocken, derFrage der Unfehlbarkeit, und sei es auch als Gegner, nahezutreten, denn für die Freunde derselben handelt es sich darum, sie in irgend einer Weise aufs Tapet zu bringen, um eine Abstimmung herbeizuführen, welche aus den eben angegebenen Gründen zu einer Annahme durch Stimmenmehrheit führen muß. Ich verspreche mir von einem Vorgehen, wie es eben vorgeschlagen wurde, keinen rechten Erfolg, und kann allerdings auch nicht verhehlen, daß ich keinen bessern Rat weiß, zumal die ganzen Verhältnisse hier niederdrückend und verstimmend wirken müssen. Vielleicht wäre durch eine persönliche Einwirkung bei Seiner Heiligkeit mehr zu erreichen.«

»Nichts!« brauste der heftigere Stroßmayr auf – »wir werden überhaupt in der unwürdigsten Weise behandelt, und davon muß doch der heilige Vater Kenntnis haben. Was ist das für eine Geschäftsordnung, welche uns hier aufgezwungen wird? – Der Papst ernennt nicht nur die Präsidenten und Sekretäre der Versammlung, sondern auch die Kommissionen für die Vorlagen und für die Prüfung der eingebrachten Anträge. Wer von uns einen Antrag stellt, muß zuletzt gewärtig sein, daß, wenn er Seiner Heiligkeit nicht genehm ist, er einfach in den Papierkorb geworfen wird. Oder ist es nicht ein müßiges Spiel, wenn bei einer Vorlage Abänderungen vorgeschlagen werden, daß die Sache an die Kommission zurückgeht, welche nun beliebig damit verfahren, eventuell die Vorlage unverändert wieder einbringen kann, welche nach der Geschäftsordnung nun die Versammlung annehmenmuß, da eine weitere Besprechung, beziehungsweise Aenderung ausgeschlossen ist. Was ist das ferner für eine Maßregel, daß die stenographischen Aufzeichnungen der Konzilsverhandlungen von einer päpstlichen Kommission beliebig geändert werden, daß man einfach wegstreicht, was den Herren nicht paßt, oder einem das Wort im Munde umdreht? Wir sind ja hier unfreier wie die Kinder. KeinAntragsteller darf in der Kommission erscheinen, wie es doch beimConcilium Tridentinumgestattet war; hier ist es geradezu verboten, die Tridentinische Geschäftsordnung nachzuschlagen und zu vergleichen. Ja, versuchen Sie es, meine Brüder, diese Geschäftsordnung aus einer Bibliothek zu entlehnen, Sie werden erfahren, daß dies verboten sei. Solche Dinge sind der Kirche und des Papsttums unwürdig.«

Der kühne Sprecher hörte ein Murmeln, das ebenso Entrüstung als Zustimmung ausdrücken konnte, und die Hand zur Faust geballt, wie im Kampfestrotz, saß er da und schaute um sich. Die Stille, welche eingetreten war, unterbrach die Stimme des Rottenburger Bischofs:

»Daß wir hier im höchsten Grade unfrei sind, dafür möchte auch ich einen Beleg bringen. Ich habe die Absicht, durch einen ganz besonderen Fall aus der Kirchengeschichte zu zeigen, daß es unmöglich ist, die Unfehlbarkeit zum Glaubenssatz zu erheben. Ich meine Papst Honorius. Sie wissen ja, meine lieben Amtsbrüder, daß er die Meinung hatte, daß in Christo nicht zwei Willen, ein göttlicher und ein menschlicher, sondern nur ein göttlicher vorhanden gewesen sei. Wegen dieser Ketzerei haben einige nachfolgende Päpste ihn noch nach dem Tode in den Bann gethan und verflucht. Nun, entweder hatten diese Päpste recht, und dann kann Honorius nicht unfehlbar gewesen sein, oder er war unfehlbar, und dann müssen die anderen gefehlt haben. Beide Parteien können unmöglich unfehlbar gewesen sein. Das habe ich in einer Schrift zu Nutz und Frommen der Konzilsväter drucken lassen wollen, und das ist mir in Rom einfach unmöglich gemacht durch die Bestimmung daß ohne päpstliche Genehmigung hier nichts erscheinen dürfe. Ich habe nun nach Neapel schreiben müssen, um dort den Druck besorgen zu lassen. Ist das Freiheit und Selbständigkeit, sind das würdige Zustände?«

»Wir schweifen ab, meine hochwürdigsten Brüder« –nahm Kardinal Schwarzenberg das Wort – »und ich möchte, daß wir, anstatt uns in Klagen zu ergehen, uns klar würden, was geschehen soll.«

Einer der Kirchenfürsten beantragte, auf Grund der Darlegungen des Münchener Erzbischofs ein Bittgesuch an den heiligen Vater zu richten, daß man von Aufstellung der Unfehlbarkeit absehen möge, und dieser Antrag wurde denn auch angenommen. Nur betreff der Begründung war man nicht ganz einig. Ein kleiner Teil der Anwesenden wünschte, daß man geradezu hervorhebe, es sei eine falsche, weder nach Kirchenrecht, noch nach Kirchengeschichte zu rechtfertigende Lehre – und solche Ehrlichkeit wäre das allein richtige, vielleicht auch das wirksamste gewesen; die Mehrzahl aber suchte mit einer gewissen Aengstlichkeit den Unwillen des Papstes zu vermeiden; sie wollten, daß man lediglich Klugheitsgründe betone, zumal die unangenehmen Verwicklungen, die aus einem solchen Glaubenssatz für die Beziehung von Kirche und Staat sich ergeben könnten, und daß man, um der Ehrerbietung gegen den heiligen Stuhl in jeder Weise Ausdruck zu geben, dem Papste die weitgehendsten Zugeständnisse machen möge.

Diese Meinung drang auch zuletzt durch, und die Jesuitenpartei hatte erreicht, was sie wünschte.

In der Umgebung des Kardinals Schwarzenberg waren diese Verhandlungen und ihre Ergebnisse nicht unbekannt, und sie wirkten auf Peter Frohwalt niederdrückend und verstimmend. Er war mit ehrlichem Sinne und redlicher Ueberzeugung nach Rom gekommen, in der festen Hoffnung, hier nicht bloß die Herrlichkeit der Kirche in ihrer ganzen Größe und Reinheit zu schauen, sondern auch eine unbestechliche Einmütigkeit und Festigkeit unter den Vätern des Konzils zu finden gegenüber einer Sache, die nach seiner und der Meinung der Besten geradezu verwerflich war. Nun sah er hier rücksichtsloses Vergewaltigen auf der einen, eine schwächliche Verzagtheitauf der anderen Seite. Daß die deutschen und österreichischen Bischöfe einer ehrlichen und mutigen Erklärung aus dem Wege gingen und sich hinter rein äußerliche Gründe verschanzten, erfüllte ihn, dessen sittliches Bewußtsein allzeit kräftig gewesen, mit größter Bitterkeit. Ihm kam die ganze Sache vor, wie wenn jemand einer Verführung zum Bösen nicht aus sittlichen Gründen Widerstand leistet, sondern weil es unangenehme Folgen oder üble Nachreden nach sich ziehen könnte. Ihm war es klar, daß der Widerstand gegen den geplanten Glaubenssatz durch ein solches Vorgehen sich seiner edelsten und darum wirksamsten Kraft beraubt habe.

In solcher Stimmung war es ihm Bedürfnis, ein Asyl aufsuchen zu können, wo man diese brennende Frage so gut wie gar nicht erörterte, wo reine, freie Heiterkeit mit mildem Strahle eine anmutige Häuslichkeit erhellte, und wo ihm selbst, wenigstens vorübergehend, das bedrückte Herz wieder leichter wurde.

Das war bei dem Maler Heinrich Quandt. Das Bild von den beiden Campagnolen-Jungen war vollendet und voll prächtiger, lebensvoller Frische, so daß der Prälat es aus freien Stücken mit einem ungewöhnlich hohen Preise bezahlt hatte, und der Künstler beabsichtigte nun, angeregt durch den Anblick in Tivoli, eine Bittprozession zu S. Maria zu malen, welche ihm Gelegenheit gab, die mannigfachen Typen des italienischen Volkes und zugleich seinen stimmungsvollen landschaftlichen Hintergrund anzubringen.

An einem trüben, unbehaglichen Tage war Frohwalt gegen Abend wieder bei dem Maler gewesen. Dieser und seine Frau hatten sich gewöhnt, ihn wie einen lieben Freund zu betrachten, und so luden sie ihn denn ein, das Abendbrot bei ihnen einzunehmen. Er folgte gern, und so saßen die drei Menschen in dem freundlichen Zimmer beisammen, welches an das Atelier grenzte. Der Raum war einfach, aber er zeigte überall in der Ausstattung, sowie in der Anordnung Geschmack.Die Witwe des Bildhauers, welcher das Häuschen gehörte, und die sich mit drei kleinen Stuben behalf, hatte manche Erinnerung an ihren verstorbenen Mann gerade hier aufgestellt, und Heinrich Quandt hatte gleichfalls mit verschiedenem zur Ausschmückung beigetragen, so daß das Zimmer wie ein trauliches Nestchen erschien. Am meisten aber ward es verschönt durch den Geist, welcher hier waltete.

Frohwalt mußte wiederholt an die anmutige Häuslichkeit Professor Holberts denken, aber hier gefiel es ihm beinahe noch besser. Es ging von der jungen, lebensfrohen Frau ein bebender, sonniger Schimmer aus, der den Raum, und alles, was in ihm war, freundlich verklärte, und vor dem die bösen Geister des Unmuts und der Verstimmung weichen mußten.

Es war köstlich, wie die drei Menschen an dem rundlichen Tische beisammen saßen, und beim Schein der antiken Bronzelampe, die Häupter nahe an einander geneigt, sich in das Anschauen der Entwürfe vertieften, welche der Maler in einer Mappe herbeigebracht hatte und die er nun in köstlicher Weise erläuterte. Es waren Erinnerungen aus seinem Leben, welche an diese Skizzen sich knüpften, und die er freimütig, ungesucht, und oft von prächtigem Humor durchwoben, darbot. Dazu gab das junge Weib, das sich mitunter wärmer und inniger an den Gatten schmiegte, ab und zu eine schalkhafte Bemerkung, aus der aber beinahe immer ihr liebeerfülltes Herz redete, und Frohwalt hatte bei dem Anblick dieses sonnigen, stimmungsvollen Familienlebens gar seltsame Empfindungen. Es mußte doch etwas Herrliches darum sein, wenn zwei Menschen, so mit einander verbunden, durch's Leben gingen – eins in ihrem Lieben, Hoffen und Glauben!

Heinrich Quandt hatte wieder ein neues Blatt aufgeschlagen, und aus dem Auge Friederikens leuchtete ein wärmerer Strahl erst über die reizende farbige Skizze hin,und dann nach dem Angesicht ihres Mannes. Das Bildchen aber stellte ein schlichtes, mit Holzfachwerk erbautes Haus mit breitem Giebel dar, der halbverdeckt erschien durch eine mächtige, breitästige Linde. Im Hintergrunde schaute über grüne Gartengehege ein Kirchturm heraus. Im geöffneten Giebelfenster waren die Oberkörper zweier Menschen sichtbar, der eines alten Herrn mit grauem Haar und unendlich milden, gütigen Zügen, und jener einer Frau, die wenig jünger sein mochte. Vor dem Hause aber fütterte ein junges, hochgewachsenes Mädchen mit kindlichen, frischen Zügen die lustig um sie sich drängenden Hühner und die vom Schlage herbeigeflatterten Tauben, während ein anderes Mädchen auf der schlichten Holzbank unter dem Lindenbaum saß und lächelnd nach der Schwester hinüberschaute.

»Das sind Sie –!« sagte Frohwalt, einen vergleichenden Blick nach der jungen Frau werfend, und sie nickte mit leisem Erröten.

»Das freut mich, daß Sie es finden – Fritzel hat stets behauptet, ihr Gesicht wäre das einzige an dem Bilde, was nicht gut wäre, und zur Strafe dafür lasse ich dasselbe in der Mappe liegen, anstatt es unter Glas und Rahmen in ihrem Zimmer aufzuhängen. Ja, das ist das Heim von meinem Schatz; hier sehen Vater und Mutter in Sonnabend-Feststimmung zum Fenster heraus und Schwester Trudchen füttert ihre Lieblinge. Schade, daß man nicht das Läuten der Abendglocken vernehmen kann, aber da hört unsere Kunst auf.«

»Ja, es ist ein allerliebstes Bildchen,« versicherte Frohwalt – »eine anmutige friedensvolle Stimmung weht aus demselben, so daß man wünschen möchte, hier gleichfalls daheim zu sein.«

»Und doch wäre es Ihnen vielleicht nicht so ganz behaglich, Verehrtester, nehmen Sie mir's nicht übel – – denn es ist einprotestantisches Pfarrhaus!«

Der Adjunkt fühlte, wie er einen Moment lang dieFarbe wechselte: die Hand, mit welcher er die Skizze gefaßt hatte, sank auf den Tisch, indem Quandt, der wohl über das Unbehagen der Situation rascher hinwegführen wollte, dasselbe vielleicht auch nicht einmal bemerkte, sagte:

»Ja, ich habe mir mein Fritzel aus dem Erzgebirge und wirklich und wahrhaftig aus einer protestantischen Landpfarre geholt, obwohl ich selber ein ganz guter Katholik zu sein glaube. Aber die böse Liebe, Herr Doktor – ja, die richtet manches Schlimme an!«

Frohwalt versuchte, einigermaßen verlegen, zu lächeln, der Maler aber fuhr weiter fort:

»Wir haben uns aber, wie Sie vielleicht selbst herausfinden, trotzdem wir nun schon über vier Jahre zusammengespannt sind, recht gut in einander gefunden, und ich denke, Sie lassen es mein Weibchen nicht entgelten, daß sie nicht unseres Glaubens ist … sie ist im übrigen wirklich lieb und gut und brav.«

Er nahm sein bräunäugiges Schätzchen beim Kopfe und gab der errötenden einen Kuß, dann fuhr er gesprächig fort:

»Ja, ich habe sie kennen gelernt, als sie in Dresden bei Verwandten sich aufhielt, und sie that anfangs recht scheu, als ob sie mich gar nicht sehen und nicht ausstehen könnte; aber bei einem gemeinschaftlichen Ausflug in die sächsische Schweiz, im Uttenwalder Grunde, bin ich vom Gegenteil überzeugt worden in unwiderleglicher Weise, und nun habe ich den Sturm auf das Pfarrhaus im Gebirge unternommen. Dem Papa war's ja nicht ganz recht, daß ich katholisch und ein Maler noch obendrein war, aber sehen Sie, lieber Doktor, er ist ein zu prächtiger Mensch! Die Güte, Herzlichkeit und Menschenfreundlichkeit selber! ›Sei's denn, wenn Ihr Euch lieb habt,‹ sprach er, ›und der Herrgott gebe seinen Segen dazu. Nur eins bitte ich und wünsche, daß mein Kind nicht seinem evangelischen Bekenntnis untreu wird und daß es nicht um deswillen Bedrängnisse zu erleiden habe‹;das hab' ich versprochen, und redlich gehalten – nicht wahr Fritzel? – und wir sind wie brave, gute Kameraden neben einander hergegangen, und haben, wenn auch in andern Kirchen, so doch zu demselben himmlischen Vater, eins für das andere gebetet. Ach, das liebe Pfarrhaus! Das ist uns beiden so ans Herz gewachsen, daß wir uns schon nach dem nächsten Sommer sehnen, wo wir einige Wochen wieder dort zubringen wollen.«

Friederike sah mit leuchtendem Gesichte den Gatten an und hielt seine Hand in der ihren, Peter Frohwalt aber war es wunderlich zu Mute, und als der Maler jetzt schwieg, wußte er kaum, was er sagen sollte. Er suchte hinter einigen allgemeinen Redensarten, mit welchen er sich über das Angenehme eines solchen Landaufenthaltes bei lieben Angehörigen aussprach, über die Verlegenheit, in welche er geraten war, hinwegzukommen, und hielt sich auch nicht mehr lange in dem gastlichen Hause Quandts auf.

Er fühlte sich verstimmt auf dem Heimwege und konnte auch in seinem Gemache nicht das innere Gleichgewicht finden. Wie sollte er sich fürder zu dem Maler und seiner Frau stellen? – Sollte er seinen Verkehr bei ihnen ganz aufgeben? – Nach seinen bisherigen Grundsätzen hätte er es thun müssen. Er dachte an Freidank und sein erstes Weib, die protestantische Grethe, die man in seiner Heimat im Friedhofswinkel begraben hatte, und die doch so brav und gut gewesen sein sollte, und ihr Bild schwamm mit jenem Friederikens ihm in eins zusammen. Er mochte es aber nicht denken, daß man auch diese einmal zwischen Selbstmörder und Vagabunden betten könnte, und es war ihm, als wäre an Grethe Freidank seinerzeit ein schweres Unrecht verübt worden. Er versetzte sich im Geiste in das Empfinden seines jetzigen Schwagers, und er fühlte, wie er auch gegen diesen milder gestimmt wurde.

Auch an Professor Holbert mußte er denken und an das,was derselbe von der protestantischen Gattin eines seiner Freunde gesagt hatte: daß er trotz des Syllabus nicht glauben könne, daß ihr die Seligkeit versagt sein solle. Auch er hätte betreff Friederikens das nicht glauben mögen, und er zweifelte, ebenso wie Holbert, an der Richtigkeit jener päpstlichen Verfügung. Wenn er aber das Weib Quandts nicht verurteilen und verwerfen konnte, trotzdem er es erst kurze Zeit kannte, warum wollte er härter gegen die eigene Schwester sein, deren gutes, liebes, treues Wesen ihm seit seinen Jugendtagen so vertraut war?

Zuletzt war's ihm eine feste und beschlossene Sache, daß er in derselben herzlichen und freundlichen Weise wie bisher mit Quandts weiter verkehren wolle, und was ihn darin besonders bestärkte, war der Umstand, daß auch der Prälat Parelli, obwohl auch dieser zweifellos von dem evangelischen Bekenntnis Friederikens wußte, in liebenswürdigster Weise den Umgang mit dem Hause des deutschen Malers pflegte.

Wenige Tage nach dem Besuche bei Quandt war Frohwalt übrigens bei Parelli geladen – im engsten Kreise, wie es in der Einladung lautete, und er stand nicht an, derselben Folge zu leisten.

Er kannte diese prunkvollen Gemächer bereits, in denen Reichtum und Geschmack sich vereinigt hatten, aber wenn auch das Auge hier sich freute und die Phantasie sich angeregt fühlte, es fehlte doch jenes stimmungsvolle Behagen, wie im schlichten, deutschen Malerheim.

Auch die Tafel war reich besetzt und in jeder Weise trefflich, und Frohwalt hatte Gelegenheit, einige ihm ganz fremde ausgezeichnete Weinsorten kennen zu lernen, so daß für einen Feinschmecker an diesem Tische kaum etwas zu wünschen übrig gewesen wäre.

Seltsamer Weise aber mußte der deutsche Priester trotz des vielfach hervortretenden Gegensatzes an den NedamitzerPfarrer und sein ländliches Haus denken. Der Zinnkrug von dort war hier verwandelt in spiegelnde geschliffene Weinkaraffen, und an die Stelle Barbaras trat hier ein Weib in Seide, Flitterstaat und Juwelenschmuck.

»Signora Lucia Vergani, meine Cousine, die liebenswürdige Anstandsdame meines Hauses!« hatte der Prälat die in jeder Weise vornehm auftretende Frau vorgestellt, die mit dem verbindlichen Lächeln der Hausfrau den jungen Priester begrüßte und ihm den Platz zu ihrer Rechten anbot, während links von ihr der Jesuitenpater Felice saß. So waren sie nun zu Viert am Tisch, und die Unterhaltung war eine lebhafte und geistvolle – – aber Frohwalt konnte über ein unbehagliches Empfinden nicht hinwegkommen. Die kalten, klaren Augen des Jesuiten störten ihn eben so sehr, wie das ganze Wesen des geputzten Weibes, das ihm wie eine reichgeschmückte Lüge vorkam … Barbara in Seide!

Er that vielleicht dem Prälaten unrecht. Parelli benahm sich ja in jeder Weise untadelhaft, dabei ungemein liebenswürdig, daheim auf dem Gebiete der Kunst, und wenn er auch den Speisen und dem Weine sehr ausgiebig zusprach, so machte er doch nicht den Eindruck des Unmäßigen. Sein Körper schien just so viel zu gebrauchen, als er genoß. Trotz alledem schien Frohwalt unsichtbarer Weise der alte Nedamitzer Pfarrer mit am Tische zu sitzen und ihn traurig anzublicken, als ob er sagen wollte: »Sieh, Du hast mich verurteilt, und ich habe doch auch nichts anderes gethan!«

So kam es, daß es ihm gar nicht recht schmecken wollte, und daß er manchmal nur mit halbem Ohr auf das horchte, was das üppige, schöne Weib an seiner Seite zu ihm sprach. Und als es ihm gar erst schien, als ob er einen begehrlichen Blick aufgefangen hätte, der über ihn hinglitt, da überkam ihn ein Widerwille, und er wurde noch wortkarger.

Felice zeigte sich ihm gegenüber von sicherem weltmännischem Wesen, aber von einer so kalten, klugen Ueberlegenheit,daß ihm bangte vor dem Manne, und wenn er sah, wie er mit seinem hagern Leibe sich über den kleinen Prälaten herbeugte, überkam ihn ein Empfinden, ähnlich jenem, welches Sisto hatte, als er damals die Beiden im Garten an sich vorübergehen sah. Ihm fiel alles ein, was Professor Holbert von Jesuiten und Jesuitenmoral zu ihm gesprochen, und trotz der beinahe zu großen Freundlichkeit Felices war er ihm gegenüber zurückhaltend, so daß derselbe äußerte:

»Sie verleugnen Ihren mehr nordländischen Charakter nicht, Herr Doktor – kühl und zurückhaltend! Das beobachten wir an fast allen deutschen Herren und Seine Eminenz, Ihr Herr Kardinal-Fürsterzbischof ist bei all seinen trefflichen Eigenschaften Ihnen darin ähnlich.«

Nach Tische zog die Signora Frohwalt wieder ins Gespräch und wünschte ihm, gleich wie mit dem Stolze der Hausfrau, die ganze Herrlichkeit dieses Hauses zu zeigen. Wenn er nicht unhöflich sein wollte, mußte er ihr folgen, während die beiden anderen sich für eine Weile in das Arbeitszimmer des Prälaten zurückzogen.

Lucia hatte manches von Parelli gelernt und ein gewisses äußerliches Kunstverständnis sich angeeignet. Dabei war ihr Benehmen ungezwungen.

Sie nahm ohne weiteres den Arm ihres Begleiters und stützte sich auf denselben, so daß es Frohwalt seltsam durchrieselte. So war er noch an keines Weibes Seite gegangen. Der Arm war voll und weich und warm, und es umwehte ihn wie ein sinnlicher Zauber. Dazu redete aus den dunklen Augen der Signora ein begehrliches, heißes Feuer, so daß er fühlte, wie auch ihm die Röte in die Wangen stieg. Das Weib schien seine Befangenheit zu bemerken, und das bereitete ihr offenbar Behagen und Befriedigung, so daß sie ihn mit Wort und Blick immer mehr umstrickte.

Sie sprach von den einzelnen Kunstgegenständen, wie sie zerstreut in den prunkvollen Gemächern standen und wußtegeschickt verhüllte Beziehungen herauszufinden und anzudeuten: Der blonde Deutsche schien es der schönen, heißblütigen Südländerin angethan zu haben. In den Räumen herrschte eine weiche, duftatmende Atmosphäre, die von den üppigen Polstermöbeln, den nackten Marmorbildern in den Nischen, und von den Gemälden in den breiten Goldrahmen auszugehen schien, denn Frohwalt merkte bald, daß die letzteren nur zum kleinsten Teile religiöse Stoffe behandelten. Auf den meisten glänzten blitzende Frauenaugen, blinkten weiße entblößte Schultern und Busen, war das lachende, verführerische Leben dargestellt. Er redete sich ein, sie befänden sich hier ausschließlich ihres Kunstwertes wegen, und Lucia schien ihn in dieser Meinung zu bestärken.

Dabei blieb sie gerade vor den bestrickendsten am längsten stehen, sah ihm, während sie sprach, immer heißer und tiefer in die Augen und drängte sich wohl auch enger an ihn, so daß er durch das leichte Seidengewand das Pochen ihres Herzens fühlte.

Er kam sich vor wie Tannhäuser im Venusberge, er fühlte, wie eine seltsame, nie gekannte und doch beinahe wohlige Schwäche ihn lähmte, und wie er beinahe willenlos sich von seiner Begleiterin fortziehen ließ.

In einem kleinen, lauschigen Gemach mit dunklen Möbeln, das nur matt erhellt war, ließ sie auf einem kleinen Sopha sich nieder und zog ihn an ihre Seite.

»Hier ruhen wir einen Augenblick – denn hier ist das schönste Bild, welches Monsignore besitzt.«

Es war ein in großem Stil gehaltenes Werk in dunklem Rahmen, welches gegenüber dem Sitze an der Wand hing: Potiphars Weib.

Die schöne, heißbegehrende Egypterin lag mit halb erhobenem Leibe auf purpurdunklem Pfühle. Das nilgrüne, duftig-durchsichtige Gewand war von dem Oberkörper herabgesunken, wie aus einem matten, gelblichen Schleier, derwenig genug verhüllte, schimmerte die königliche Büste, der Kopf war von wundersamer, berückender Schönheit mit seinen glutendunklen Augen, mit dem blauschwarzen, leicht gewellten Haar, das sich um die weiße Stirn ringelte und die vollen, schönen, nackten Arme streckte sie begehrend aus nach dem nicht sichtbaren Joseph.

Frohwalt hatte nie ein solches Bild gesehen. Sein Atem ging schneller und kürzer, seine Augen hafteten fest auf dem entzückenden Weibe, und wie Faust vor dem Zauberspiegel der Hexenküche, so kam auch ihm wie ein zuckender Blitz der Gedanke: »Ist's möglich, ist das Weib so schön?«

Da fühlte er mit einem Male den heißen Hauch der Italienerin näher an seinem Gesichte, er sah die lodernden, dunklen Augen fast dicht vor den seinen, rote Lippen schienen ihm entgegenzuzittern, und bebend vor Erregung, eigentümlich tiefförmig und weich, rang sich das Wort von ihnen:

»Sagen Sie – war Joseph nicht ein Thor?«

Das Wort gab ihm seine fast verlorene Besinnung zurück; er wollte aufschreien: Potiphar! aber er bezwang sich, sprang von seinem Sitze auf, atmete einmal tief und sagte dann mit merkwürdiger Festigkeit:

»O nein, Signora, er war ein Held! … Aber wollen wir nicht Monsignore aufsuchen?«

Das Blut war dem schönen, üppigen Weibe zurückgetreten aus den Wangen, mit fahlem Gesicht, in dem die dunklen Augen noch leuchtender sprühten, sah sie dem stattlichen jungen Manne nach, der jetzt langsam, unbekümmert um sie, dem Ausgang des Gemaches zuschritt, und die kleinen Hände vor Unmut, Zorn und Scham geballt, ging sie ihm nach. –

… Die Hände vor Unmut, Zorn und Scham geballt, sah sie dem stattlichen jungen Manne nach … (S. 276.)

… Die Hände vor Unmut, Zorn und Scham geballt, sah sie dem stattlichen jungen Manne nach … (S. 276.)

Bald darauf verabschiedete sich Frohwalt von dem Prälaten und dem Jesuiten. Der erstere entließ ihn mit herzlicher Freundlichkeit und lud ihn zuvorkommend ein, seinen Besuch bald zu wiederholen, der andere aber sah ihn mitseinem kalten, klaren Blick so forschend an, als wollte er in seiner Seele lesen, und da der junge Priester gegangen, sprach er zu Parelli:

»Seltsame Menschen, diese Deutschen! Ehrlich, aber wenig klug, starrköpfig, aber ohne große Ziele, schwärmerisch für Ideale begeistert, aber feige in der Wahl ihrer Mittel.«

»Aber ein Volk mit einer starken Zukunft, gründlich in seinem Wissen, kühn in seinem Wollen, kraftvoll in seinem Können,« erwiderte der Prälat.

Peter Frohwalt aber war in mächtiger, schwer bekämpfter Erregung fortgegangen. Was für ein Odem wehte durch dieses glänzende Haus eines hohen kirchlichen Würdenträgers? Wie die verkörperte Sünde ging das schöne, buhlerische Weib darin hin und her, wie die Herrin des Hauses, und wohl auch wie die des Hausherrn. Wenn das am grünen Holze war, was Wunder, wenn es sich auch an dem dürren fand? – Wenn das im Palaste des Prälaten sein konnte, warum nicht auch in der armen Landpfarre zu Nedamitz? Und jene Barbara war vielleicht noch um ein gutes Teil besser als diese Signora Lucia Vergani.

Er nahm sich vor, niemals mehr die Schwelle dieses Hauses zu überschreiten. Welch ein reiner Geist lebte dagegen in dem schlichten, anmutigen Heim des deutschen Malers, dessen Weib doch eine »Ketzerin« war, eine nach seinen bisherigen strengen Begriffen Verworfene und vom Himmel Ausgeschlossene. Nein, von solcher Satzung konnte der Allgütige nichts wissen, die ewige Liebe konnte sie nicht billigen, und wenn ein Papst einen solchen Grundsatz verkündet hatte, so war es schon um deswillen unmöglich, daß er unfehlbar sein könne.

Peter Frohwalt fühlte, daß an diesem Tage eine Erschütterung durch seine Seele, durch sein ganzes bisheriges Glauben und Empfinden gegangen war, und daß der Widerwille, den er gegen den Protestantismus empfunden, inseinem Herzen schmolz wie der Schnee vor dem hellen warmen Frühlingsstrahl. Und wie nach dem Besuche bei Quandt mußte er auch heute wieder mit wärmerer Zuneigung seiner Schwester, und mit versöhnlicher Milde seines Schwagers gedenken.

Und als ob der Himmel selbst ein solches Erinnern unterstützen wollte, fand Frohwalt, als er heimkam, einen Brief vor von Vetter Martin. Ein Gruß aus der Heimat! Wie mit einem Schlage war die ganze Erregung, mit der er das Haus des Prälaten verlassen hatte, in ihm verwischt, hinter ihm versank alles andere, und von freundlichem Licht umwoben stand das kleine Landstädtchen im westlichen Böhmen vor ihm, und alles, was er dort lieb hatte. In solcher Stimmung öffnete er das Schreiben und las:

»Mein lieber Peter!Ich habe allezeit etwas auf Ehrlichkeit und Geradheit gehalten, darum kann ich Dir auch nicht verhehlen, daß Du diese Epistel in erster Reihe dem Umstande verdankst, daß ich Langeweile habe. Draußen schneit es, wovon Ihr in Rom keine Ahnung habt, aber das könnte mich nicht abhalten, mich irgendwo in einer zur Zeit lieblicheren Gegend unseres Planeten herumzutreiben, wenn mir nicht wieder einmal meine linke Hinterpfote den Dienst versagte. So habe ich mir denn das Vergnügen gemacht, mein ganzes Museum einmal zu ordnen und zu katalogisieren und finde nun zu meiner eigenen Verwunderung, daß es nicht weniger als achthundertzweiundvierzig Nummern umfaßt, darunter manches Hübsche. Ich hoffe, daß mir's der Himmel vergönnt, die tausend voll zu machen. Seit drei Tagen bin ich mit der Arbeit fertig, habe die erste Freude an der Sache ohne weiteren Schaden an meiner Gesundheit verwunden, bin aber auch lahm gelegt in des Wortes vollster Bedeutung. Darum ergreife ich die Feder, wie mein Alter – Gott hab' ihn selig – immer seine Briefe an mich anfing, um ein wenig mit Dir zu plaudern.Es thut Dir vielleicht auch gut, wenn Du einmal, anstatt mit den Vätern des allgemeinen Konzils, mit dem alten Vetter Martin eine Viertelstunde umgehst, der zwar weder selbst unfehlbar ist, noch einen andern, und wenn's der Papst wäre, dafür halten kann, der aber darum hoffentlich noch nicht als Ketzer von Dir angesehen wird, sintemal Ihr den neuen Glaubenssatz noch nicht fertig gekriegt habt. Es wäre überhaupt – in Klammern gesprochen – besser, wenn das Ei, welches die Jesuiten gelegt haben, vom Konzil nicht ausgebrütet würde. Das ist aber so meine Privatmeinung, die Dir und dem Kardinal Schwarzenberg sehr gleichgültig sein wird, weshalb Du sie auch diesem gar nicht zu sagen brauchst.Aber reden wir lieber von angenehmeren Sachen! Deine Mutter ist wohlauf und freut sich über jeden Brief aus Rom. Ich glaube, sie hält Dich jetzt in der Siebenhügelstadt für den wichtigsten Mann nach dem Papste und meint, daß das ganze Konzil ohne Dich Essig wäre. Ich gönne ihr diese Freude, um so mehr, als sie mir dafür die andere macht, daß sie Deine Episteln immer mich zuerst lesen läßt, woraus Du ersehen kannst, daß ich in Deinen römischen Verhältnissen mich auskenne, wie in meinem Rucksack und daß ich Dich ohne Cicerone finden werde, wenn ich nach Rom komme. Und das habe ich mir vorgenommen. Ich muß mir so ein Konzil in der Nähe ansehen, denn ich glaube, ich erlebe kein zweites. Das wäre zwar kein Unglück, weder für mich, noch für die Welt, aber da ich meine Einkünfte ebenso gut in der ewigen Stadt, wie hier in dem entlegenen böhmischen Winkel verzehren kann, so …Aber weiter im Texte. Deine Schwester blüht wie eine Rose in Glück und Gesundheit, und ich habe – unter uns gesagt – den Eindruck, als ob ihr weder die Ehe, noch der Protestantismus geschadet hätte. Und erst ihr kleiner Junge, Dein Neffe, mein Pathchen Martin Peter. Potz Respekt vor dem Bengel. Schade, daßdernicht beim Konzil sein kann;ein Organ hat er wie ein Kirchenvater und dazu mehr Unschuld, als alle zusammengenommen. Da sagst Du nun: »Was dem alten Manne für dumme Witze passieren?« Na ja, aber ich meine nur, weil er ein kleiner Protestant und für den ewigen Höllenpfuhl vorherbestimmt ist, daß das arme Kerlchen weniger Sünden auf dem Gewissen hat, als irgend ein Konzilsvater, dem doch die ewige Seligkeit verbürgt ist, wenn er ein gehorsamer Sohn der Kirche ist, und nicht weiter muckt, wenn es heißt:Roma locuta est– Rom hat gesprochen!Aber hier komme ich ins Schwatzen und auf ein Thema, das Dich möglicherweise veranlaßt, mit meiner Epistel Deinen Ofen zu heizen, wenn Du einen hast, was in Rom nicht immer der Fall sein soll. Wenn Du keinen hast, betrachte ich das als ein gutes Omen, das mich veranlaßt, wenigstens flüchtig auch Deines Schwagers Freidank zu gedenken, der zu den fleißigsten und bravsten Menschen gehört, die ich jemals kennen gelernt habe … und, Peter, das will viel sagen. Der alte Pfarrer hat nach wie vor seine Uhren bei ihm reparieren lassen. Das ist aber nun vorbei, denn dem alten, braven Herrn ist selber die Lebensuhr stehen geblieben.Ganz plötzlich. Eines Morgens, vor etwa vierzehn Tagen lag er früh tot im Bette und lächelte. Es war ein großes Begräbnis, und da hat sich erst die Liebe gezeigt, die die Leute zu ihm hatten und da hat sich auch erst herausgestellt, was er unter der Hand Gutes gethan. Ich sage Dir, Peter, aus allen Winkeln kroch die Armut und die Lahmen und Presthaften hervor und humpelten hinter dem Sarge drein und schluchzten, wie wenn sie zu seiner Familie gehörten. Und ich glaube, der Mann war nicht gut angeschrieben beim hochwürdigen Konsistorium, er war – wie man sagte – aus der alten Schule Kaiser Josefs II., aber ich hatte den Eindruck, daßdieSchule nicht schlecht war und bin seitdem noch stolzer, daß ich ihr auch angehöre.Der neue Pfarrer gehört nicht dazu. Der Pater Ignaz ist, soviel wir hören, dazu bestimmt, und ich fürchte sehr, daß es jetzt mit dem lieben Frieden zwischen Katholischen und Evangelischen hier vollends vorbei ist. Mir kann's persönlich gleich sein, wer hier die frommen Schäflein zu weiden hat, aber ich wollte doch, sie hätten den Pater Ignaz lieber irgendwo in Hinterindien oder in einer sonstigen gesegneten Gegend zum Erzbischof, als gerade hier zum Pfarrer gemacht.Noch eins, was Dich vielleicht interessiert. Du hast ja die Tochter von Professor Holbert gekannt, die hier anDr.Haller verheiratet ist. Das ist eine Märtyrerin, die Ihr gleich beim jetzigen Konzil bei lebendigem Leibe heilig sprechen könnt! Wie diese zwei Menschen zusammenkommen konnten, das ist mir ein Rätsel der Seelenlehre, das ich mit meiner Alten-Junggesellen-Weisheit nicht klar kriegen kann. Der Mann verdiente bei den Botokuden als Leibarzt irgend einer schwarzen Menschenfresser-Majestät zu existieren und wäre vielleicht für eine solche zu einem Abendbrot noch leidlich genießbar. Hier hat er abgewirtschaftet. Ihm fehlt zum Arzte sehr viel, und zum anständigen Menschen nahezu alles, und ich kann manchmal, wenn ich ihn in einer besonders »geistvollen« (ich meine weingeistvollen) Phase erblicke, der Versuchung kaum widerstehen, zu erproben, ob mein Knotenstock oder sein Schädel mehr Festigkeit haben – 's ist mir aber immer wieder um meinen Stock leid. Das arme junge Weib! Er soll sie sogar mißhandeln, angeblich, weil sie nicht soviel Mitgift brachte, als er vermutete, und Deine Mutter weiß von verweinten Augen zu erzählen, aber sie klagt niemandem und ist immer sosehrfreundlich! Herr Gott, wenn mein Hans Stahl davon Witterung erhält!Ein hübscher Mann dagegen ist der Kapuzinerpater Severin. Er und der Guardian machen einem das Klösterchen lieb, und ich gehe nur zu ihnen in die Kirche, habe auchmit dem Guardian schon botanisiert. Da muß ich wieder an Deinen guten Nedamitzer Alten denken. Ich hätte ihm gerne noch ein paar frohe Tage unter meinem Zeltdache bereitet … es hat nicht sein sollen. Möge er ruhen in Frieden! Ich glaube doch trotz allem, daß ich ihn im Himmel wiederfinde, vorausgesetzt, daß der Herrgott mich alten Sünder selbst einläßt. Na, wissentlich hab' ich niemandem Böses gethan – vielleicht ist das mein Passierschein.Nun, mein lieber Konzilsvater, soll's aber gut sein. Bleibt nur fest und thut nichts, was gegen die Ueberzeugung ist … das hofft die Christenheit, und sie glaubt ein Recht dazu zu haben! Nun muß ich meine Hinterpfote schmieren, damit ich bald ausmarschieren kann.Auf Wiedersehen in Rom, und herzlichen Gruß vomVetter Martin.«

»Mein lieber Peter!

Ich habe allezeit etwas auf Ehrlichkeit und Geradheit gehalten, darum kann ich Dir auch nicht verhehlen, daß Du diese Epistel in erster Reihe dem Umstande verdankst, daß ich Langeweile habe. Draußen schneit es, wovon Ihr in Rom keine Ahnung habt, aber das könnte mich nicht abhalten, mich irgendwo in einer zur Zeit lieblicheren Gegend unseres Planeten herumzutreiben, wenn mir nicht wieder einmal meine linke Hinterpfote den Dienst versagte. So habe ich mir denn das Vergnügen gemacht, mein ganzes Museum einmal zu ordnen und zu katalogisieren und finde nun zu meiner eigenen Verwunderung, daß es nicht weniger als achthundertzweiundvierzig Nummern umfaßt, darunter manches Hübsche. Ich hoffe, daß mir's der Himmel vergönnt, die tausend voll zu machen. Seit drei Tagen bin ich mit der Arbeit fertig, habe die erste Freude an der Sache ohne weiteren Schaden an meiner Gesundheit verwunden, bin aber auch lahm gelegt in des Wortes vollster Bedeutung. Darum ergreife ich die Feder, wie mein Alter – Gott hab' ihn selig – immer seine Briefe an mich anfing, um ein wenig mit Dir zu plaudern.Es thut Dir vielleicht auch gut, wenn Du einmal, anstatt mit den Vätern des allgemeinen Konzils, mit dem alten Vetter Martin eine Viertelstunde umgehst, der zwar weder selbst unfehlbar ist, noch einen andern, und wenn's der Papst wäre, dafür halten kann, der aber darum hoffentlich noch nicht als Ketzer von Dir angesehen wird, sintemal Ihr den neuen Glaubenssatz noch nicht fertig gekriegt habt. Es wäre überhaupt – in Klammern gesprochen – besser, wenn das Ei, welches die Jesuiten gelegt haben, vom Konzil nicht ausgebrütet würde. Das ist aber so meine Privatmeinung, die Dir und dem Kardinal Schwarzenberg sehr gleichgültig sein wird, weshalb Du sie auch diesem gar nicht zu sagen brauchst.

Aber reden wir lieber von angenehmeren Sachen! Deine Mutter ist wohlauf und freut sich über jeden Brief aus Rom. Ich glaube, sie hält Dich jetzt in der Siebenhügelstadt für den wichtigsten Mann nach dem Papste und meint, daß das ganze Konzil ohne Dich Essig wäre. Ich gönne ihr diese Freude, um so mehr, als sie mir dafür die andere macht, daß sie Deine Episteln immer mich zuerst lesen läßt, woraus Du ersehen kannst, daß ich in Deinen römischen Verhältnissen mich auskenne, wie in meinem Rucksack und daß ich Dich ohne Cicerone finden werde, wenn ich nach Rom komme. Und das habe ich mir vorgenommen. Ich muß mir so ein Konzil in der Nähe ansehen, denn ich glaube, ich erlebe kein zweites. Das wäre zwar kein Unglück, weder für mich, noch für die Welt, aber da ich meine Einkünfte ebenso gut in der ewigen Stadt, wie hier in dem entlegenen böhmischen Winkel verzehren kann, so …

Aber weiter im Texte. Deine Schwester blüht wie eine Rose in Glück und Gesundheit, und ich habe – unter uns gesagt – den Eindruck, als ob ihr weder die Ehe, noch der Protestantismus geschadet hätte. Und erst ihr kleiner Junge, Dein Neffe, mein Pathchen Martin Peter. Potz Respekt vor dem Bengel. Schade, daßdernicht beim Konzil sein kann;ein Organ hat er wie ein Kirchenvater und dazu mehr Unschuld, als alle zusammengenommen. Da sagst Du nun: »Was dem alten Manne für dumme Witze passieren?« Na ja, aber ich meine nur, weil er ein kleiner Protestant und für den ewigen Höllenpfuhl vorherbestimmt ist, daß das arme Kerlchen weniger Sünden auf dem Gewissen hat, als irgend ein Konzilsvater, dem doch die ewige Seligkeit verbürgt ist, wenn er ein gehorsamer Sohn der Kirche ist, und nicht weiter muckt, wenn es heißt:Roma locuta est– Rom hat gesprochen!

Aber hier komme ich ins Schwatzen und auf ein Thema, das Dich möglicherweise veranlaßt, mit meiner Epistel Deinen Ofen zu heizen, wenn Du einen hast, was in Rom nicht immer der Fall sein soll. Wenn Du keinen hast, betrachte ich das als ein gutes Omen, das mich veranlaßt, wenigstens flüchtig auch Deines Schwagers Freidank zu gedenken, der zu den fleißigsten und bravsten Menschen gehört, die ich jemals kennen gelernt habe … und, Peter, das will viel sagen. Der alte Pfarrer hat nach wie vor seine Uhren bei ihm reparieren lassen. Das ist aber nun vorbei, denn dem alten, braven Herrn ist selber die Lebensuhr stehen geblieben.

Ganz plötzlich. Eines Morgens, vor etwa vierzehn Tagen lag er früh tot im Bette und lächelte. Es war ein großes Begräbnis, und da hat sich erst die Liebe gezeigt, die die Leute zu ihm hatten und da hat sich auch erst herausgestellt, was er unter der Hand Gutes gethan. Ich sage Dir, Peter, aus allen Winkeln kroch die Armut und die Lahmen und Presthaften hervor und humpelten hinter dem Sarge drein und schluchzten, wie wenn sie zu seiner Familie gehörten. Und ich glaube, der Mann war nicht gut angeschrieben beim hochwürdigen Konsistorium, er war – wie man sagte – aus der alten Schule Kaiser Josefs II., aber ich hatte den Eindruck, daßdieSchule nicht schlecht war und bin seitdem noch stolzer, daß ich ihr auch angehöre.

Der neue Pfarrer gehört nicht dazu. Der Pater Ignaz ist, soviel wir hören, dazu bestimmt, und ich fürchte sehr, daß es jetzt mit dem lieben Frieden zwischen Katholischen und Evangelischen hier vollends vorbei ist. Mir kann's persönlich gleich sein, wer hier die frommen Schäflein zu weiden hat, aber ich wollte doch, sie hätten den Pater Ignaz lieber irgendwo in Hinterindien oder in einer sonstigen gesegneten Gegend zum Erzbischof, als gerade hier zum Pfarrer gemacht.

Noch eins, was Dich vielleicht interessiert. Du hast ja die Tochter von Professor Holbert gekannt, die hier anDr.Haller verheiratet ist. Das ist eine Märtyrerin, die Ihr gleich beim jetzigen Konzil bei lebendigem Leibe heilig sprechen könnt! Wie diese zwei Menschen zusammenkommen konnten, das ist mir ein Rätsel der Seelenlehre, das ich mit meiner Alten-Junggesellen-Weisheit nicht klar kriegen kann. Der Mann verdiente bei den Botokuden als Leibarzt irgend einer schwarzen Menschenfresser-Majestät zu existieren und wäre vielleicht für eine solche zu einem Abendbrot noch leidlich genießbar. Hier hat er abgewirtschaftet. Ihm fehlt zum Arzte sehr viel, und zum anständigen Menschen nahezu alles, und ich kann manchmal, wenn ich ihn in einer besonders »geistvollen« (ich meine weingeistvollen) Phase erblicke, der Versuchung kaum widerstehen, zu erproben, ob mein Knotenstock oder sein Schädel mehr Festigkeit haben – 's ist mir aber immer wieder um meinen Stock leid. Das arme junge Weib! Er soll sie sogar mißhandeln, angeblich, weil sie nicht soviel Mitgift brachte, als er vermutete, und Deine Mutter weiß von verweinten Augen zu erzählen, aber sie klagt niemandem und ist immer sosehrfreundlich! Herr Gott, wenn mein Hans Stahl davon Witterung erhält!

Ein hübscher Mann dagegen ist der Kapuzinerpater Severin. Er und der Guardian machen einem das Klösterchen lieb, und ich gehe nur zu ihnen in die Kirche, habe auchmit dem Guardian schon botanisiert. Da muß ich wieder an Deinen guten Nedamitzer Alten denken. Ich hätte ihm gerne noch ein paar frohe Tage unter meinem Zeltdache bereitet … es hat nicht sein sollen. Möge er ruhen in Frieden! Ich glaube doch trotz allem, daß ich ihn im Himmel wiederfinde, vorausgesetzt, daß der Herrgott mich alten Sünder selbst einläßt. Na, wissentlich hab' ich niemandem Böses gethan – vielleicht ist das mein Passierschein.

Nun, mein lieber Konzilsvater, soll's aber gut sein. Bleibt nur fest und thut nichts, was gegen die Ueberzeugung ist … das hofft die Christenheit, und sie glaubt ein Recht dazu zu haben! Nun muß ich meine Hinterpfote schmieren, damit ich bald ausmarschieren kann.

Auf Wiedersehen in Rom, und herzlichen Gruß vom

Vetter Martin.«

Der Brief that wohl, wie ein frischer Trunk aus klarem, gutem Born; manches, was Frohwalt vordem darin vielleicht unbehaglich gewesen, erschien ihm jetzt so wahr und gesund, daß er bei seinem Abendmahle heiter und ruhig war und nach der Aufregung des Nachmittags einen friedlichen Schlaf fand, der ihn im Traum in seine Heimat trug.


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