Zweites Kapitel.
Am andern Morgen bereits um sieben Uhr hatten der Pfarrer, sowie Peter Frohwalt gleichzeitig ihre Messe gelesen, der erstere am Hochaltare, der andere an einem der Seitenaltäre. Die Kirche war nur wenig besucht. In einer der hintersten Bänke, im Halbdunkel unter dem Chor, kniete der Uhrmacher Freidank und hatte sein Gesicht tief herabgebeugt; er betete für die arme Seele seines Weibes, und hatte nicht im mindesten das Bedenken des KaplansP.Ignaz, daß sein Gebet ein verlorenes sein müsse. Nicht weit von ihm saß der Vetter Martin, und schaute beinahe unverwandt nach dem jungen Priester hin, der mit dem Ausdruck aufrichtiger Andacht seines Amtes waltete.
Auch diesmal fanden sich nach der Messe einige Frauen, die sich den Segen des Neugeweihten erbaten, und Martin trat, ohne daran teilzunehmen, hinaus ins Freie. Der Morgen war herrlich, und der alte Wanderer sog tief den Atem der Natur ein. Jetzt sah er Freidank und ging auf ihn zu, um ihm die Hand zu drücken:
»Tröste Sie Gott, mein Lieber – und sei'n Sie ein Mann! Noch liegt der blaue Himmel über Ihnen und dieblühende Erde um Sie hier, und auf dieser lebt Ihnen ein liebes Kind – 's ist Ihnen viel genommen, aber auch viel geblieben.«
Der traurige Mann nickte einige Male wehmütig mit dem Kopfe, und wandte sich mit einem Händedrucke schweigend ab nach dem Friedhofe. Martin ließ ihn allein – er focht es so vielleicht am besten mit sich selber aus. Jener aber ging zwischen den grünen Hügeln hin – er suchte den Totengräber, um ihn zu fragen, wo er seinem jungen Weibe das letzte Bett machen wolle. Endlich sah er ihn im fernsten Winkel des Gottesackers mit dem Spaten hantieren. Er ging langsam auf ihn zu, und wie er ihn grüßte, hörte der Mann mit seiner Arbeit auf, stützte sich leicht auf den Griff seines Werkzeuges und sah teilnehmend zu dem andern empor.
»Für wen ist denn die Grube?« fragte Freidank.
Der Totengräber war kein besonderer Gefühlsmensch, aber es stieg ihm doch seltsam heiß in die Kehle, als er erwiderte:
»Hier soll Ihre Frau liegen!«
Der Uhrmacher schlug die Hände zusammen und warf einen Blick hinauf nach dem lachenden Himmel, auf welchen ihn Vetter Martin eben erst verwiesen hatte.
»Hier, wo die Verbrecher und Selbstmörder eingescharrt werden? – O du lieber Gott!«
Der Totengräber zuckte mitleidig mit den Achseln: »'s ist einmal so Vorschrift!«
»Hat der Herr Pfarrer das so angeordnet?«
»Das gerade nicht, aber das ist bei solchen Fällen immer so, und der Herr Kaplan hat mir's heute in aller Frühe wieder eingeschärft. Reden Sie doch einmal mit dem Pfarrer, Herr Freidank – – ich thät's ja gerne anders machen, wirklich, denn mir will der Unterschied doch auch nicht einleuchten zwischen Evangelischen und Katholischen – unser Herrgott muß doch für alle derselbe sein!«
»Ich will einmal hingehen, Thomas – wartet so lange mit der Arbeit! Das wär' ja entsetzlich, wenn sie meine gute Grethe hier einscharrten!«
Der Uhrmacher ging wiederum langsam zwischen den Gräbern hin mit gesenktem Kopfe und wandte sich vor dem Friedhofsthore nach der Pfarrei zu. Die alten Linden rauschten ihm freundlich und traulich entgegen, und aus dem Garten wehte Rosenduft heraus auf die Gasse. Er ging durch den breiten Flur die altertümliche Holztreppe empor und pochte an der Thür des Pfarrers an. Auf das »Herein!« trat er in das freundliche, sonnenhelle Gemach, das außerordentlich einfach ausgestattet war. Zwei zahme Kanarienvögel hüpften, auf jedem der Fenster einer, zwischen den Blumentöpfen hin und her, und der weißhaarige Priester, der eben sein Frühstück eingenommen, spielte bald mit dem einen, bald mit dem anderen.
Jetzt wendete er sein mildes, gutes Gesicht dem Eintretenden zu, und mit dem Mitleid mischte sich in seinen Zügen eine unverkennbare Verlegenheit. Er reichte Freidank sogleich die Hand und sagte:
»Mein guter Herr Freidank, ich nehme herzlichen Anteil an Ihrem herben Verluste. Wenn ein solches Glück so plötzlich vernichtet wird, mag man fast geneigt sein, mit dem lieben Gott zu hadern, aber glauben Sie nur, der Vater im Himmel weiß auch, warum erdasgethan hat und er wird Ihnen seinen Trost nicht entziehen!«
»Ja, ja, Herr Pfarrer – 's ist hart,« sprach Freidank, der den Sitz, welchen ihm der Priester anbot, ablehnte, so daß auch dieser stehen blieb – »sie war ein gutes, braves Weib, und nun soll sie nicht einmal ihre letzte Ehre haben – das ist das Bitterste.«
»Wieso? – Was meinen Sie?« fragte der Pfarrer einigermaßen verlegen.
»Da wird ihr Grab gemacht an der Friedhofsmauer, imverlorensten, verrufensten Winkel, wo vor zwei Jahren der Trunkenbold, der sich im Brunnwalde aufgehängt hatte, verscharrt worden ist … muß das wirklich sein, Herr Pfarrer? Sie hat ja im Leben keinem Menschen ein Leid gethan; sie hat ihren Herrgott und ihren Nächsten rechtschaffen geliebt, sie ist ein braves Weib und die beste Mutter gewesen« – dem Manne stockte die Stimme vor Schluchzen – »und nur, weil sie eine Evangelische ist …mußdas sein, Herr Pfarrer?«
Das milde Gesicht des Priesters war bleicher geworden und seine Stimme klang unsicher:
»Hm – na ja, mein guter Herr Freidank … ich habe ja Ihre liebe Frau sehr geschätzt und habe ihrer auch heute gedacht in meinem Meßopfer, und wenn's nach mir ginge, und ich dürfte, wie ich wollte … aber, na ja, da sind nun ganz bestimmte Vorschriften, von denen nicht abgewichen werden darf, und mit denen es das hochwürdige erzbischöfliche Konsistorium in Prag sehr genau nimmt – – und, wissen Sie, dann ist der Pater Ignaz, so ein junger Geistlicher hat die Augen überall … na ja, kurz, mein guter Herr Freidank, ich kann's nicht ändern.«
»Und da soll sie wirklich verscharrt werden wie ein Tier, meine liebe, arme Grethe, ohne Sang und Klang, denn die Glocken werden ja auch nicht geläutet, neben dem erhängten Säufer und Diebe? – das ist ja wie auf dem Schinderanger …«
»Na – na, so dürfen Sie nicht sagen! s'ist ja immer noch im Friedhof, auf dem Gottesacker, und sie schläft auch dort in des Herrn Hut …«
»Das hoff' ich« – sagte der schlichte Mann mit Nachdruck – »sonst müßt ich auch an unserm Herrgott verzweifeln; an der Nächstenliebe thu' ich's nun beinahe. Gott befohlen, Herr Pfarrer!«
Der Geistliche wollte noch etwas sagen, aber Freidank hatte seinen Hut ergriffen und war fortgegangen. Der greisePriester holte tief Atem; er trat ans Fenster, aber ihm war der Sonnenschein verbittert, der über der Erde lag, und seine Vögel lockten ihn mit Zwitschern und Flattern umsonst zu dem unterbrochenen Spiele. Ihm war das Herz schwer geworden, und die Seele that ihm weh. So sah er traurig dem Manne nach, der eben unten aus der Hausthüre trat, und, den Hut tief in die Stirn gezogen, langsam in die Gasse hineinging. Dieser wandte sich nach dem Hause des verstorbenen Sportelschreibers, dort hatte er stets freundliche Teilnahme gefunden, dort hoffte er auch heute auf Trost, wenn er sein Herz entlasten würde. Daß auch dort ein Priester zu Hause sei mit den strengen Anschauungen der Kirche, daran dachte er in dieser Stunde nicht, denn er war nicht gewöhnt, Peter in der Heimat zu treffen. Erst als er in die Stube trat und den jungen Geistlichen am Tische sitzen sah, schrak er leicht zusammen, aber schon hörte er die freundliche Begrüßung der Frauen, und erblickte auch den Vetter Martin, der wie daheim behaglich in dem Lehnstuhl lag, seinen »Holländer« zwischen den Knieen.
Freidank ging das Herz über – es mußte heraus, was ihn drückte, und schon nach den ersten Worten der anderen stieß er hervor:
»Und denken Sie nur, meine arme Grethe; mein gutes Weib, soll an der Friedhofsmauer verscharrt werden …«
Marie fuhr von ihrem Sitze auf und schlug die Hände in einander, und Martin räusperte sich seltsam laut; der Uhrmacher aber konnte seinen Schmerz und seinen Unmut nicht verhalten und gab ihm heftige Worte.
Als er endlich innehielt, sagte Peter Frohwalt ruhig:
»Ich begreife Ihre Aufregung, Herr Freidank, aber ich kann sie nicht billigen. Was wollen Sie denn? Die Protestanten haben sich selber losgesagt von der alten Mutterkirche und auf deren Gnadenmittel verzichtet. Sie können nicht verlangen, daß die katholische Kirche sie ihren Kindern gleichachteund ihnen im Leben und nach dem Tode dieselben Ehren angedeihen lasse. Auch mußten Sie und Ihre Frau bei Ihrer Verheiratung sich über solche Folgen klar sein, die leicht abzuwenden waren, wenn diese in unsere Kirche übergetreten wäre. Nein, Herr Freidank, ein Unrecht geschieht damit nicht!«
Vetter Martin hatte die Augenbrauen finster zusammengezogen; jetzt legte er die geballte Hand schwer vor sich auf den Tisch, stand auf und sagte:
»Und doch ist's ein Unrecht! Aber mit euch Buchstabengläubigen ist nicht zu streiten. Du bist noch jung, und das Leben schlägt Dir vielleicht noch die Funken jener Liebe aus der Seele, welche in jeder Religion das wahrhaft Religiöse ist. Kommen Sie, Freidank!«
Die beiden Frauen wagten kein Wort dazu zu sagen; stumm nickte Marie Martin und dem Uhrmacher zu, als diese nach kurzem Gruße die Stube verließen.
Peter Frohwalt stand auf und ging mit großen Schritten durch das Zimmer; er trug noch das Priestergewand, wie er aus der Messe gekommen war. Sein frisches Gesicht war etwas blaß geworden, als er sprach:
»Freigeisterei und kein Ende! Das sind alles schöne Worte, für mich jedoch bestehen die Satzungen der heiligen Kirche!«
»Aber sie sind hart!« wendete Marie schüchtern ein. Der Bruder blieb vor ihr stehen:
»Scheinbar – in Wirklichkeit nicht, denn selbst durch solche Maßregeln sucht die Kirche ihre verlorenen Kinder wiederzugewinnen.«
»Kann sie dadurch nicht auch treue Kinder verlieren?«
Das Wort war dem Mädchen beinahe unbewußt entschlüpft, und die Mutter schaute erschrocken, der junge Priester erstaunt darein; er erwiderte:
»TreueKinder gewiß nicht, denn der Gutgesinnte unterstützt sie in ihren Bestrebungen und hilft ihre Satzungenehren. Ich hoffe, daß dem bei dem Begräbnis der Frau Freidank auch hier wird Ausdruck gegeben werden. Ein guter Katholik hält sich davon fern, weil es ihm nicht zukommt, ja sogar strafbar ist, an einem kirchlichen Akte einer ketzerischen Genossenschaft teilzunehmen.«
Ein tiefes Schweigen folgte diesen Worten; man hörte das Ticken der Uhr und das Summen einer Fliege am Fenster, dann klang die Stimme des Mädchens, so seltsam fremd und klar:
»Ich werde meine Freundin zu Grabe begleiten!«
»Marie!« rief warnend und drohend der Priester; aber diese fuhr mutvoller fort:
»Ich würde es mir als Sünde rechnen, wenn ich's nicht thäte, als Sünde an der armen Grethe, die doch nicht dafür kann, wenn sie als Evangelische geboren worden ist und von ihrem Glauben überzeugt war, und als Sünde an Freidank, der mehr Trost braucht als hundert andere. Und wenn ich eine Sünde damit thue, die wird mir Gott verzeihen, der barmherziger ist, wie mancher seiner Diener.«
Das aufgeregte Mädchen verließ das Gemach, und Mutter und Sohn sahen sich befremdend und fragend an.
In der Gasse aber ging Vetter Martin neben dem Uhrmacher hin; er sprach:
»Lassen Sie sich's nicht anfechten – 's ist zuletzt ganz gleich, wo der Mensch begraben liegt, wenn ihm nur die Liebe nachfolgt. 's ist mancher hinter'm Zaun verscharrt worden, der hundertmal besser war als ein anderer, dem sie die ausgemauerte Gruft mit Weihwasser überschwemmt und ein Marmordenkmal darauf gestellt haben. Zuletzt begraben wir das, was wir an unsern Toten geliebt haben, doch nicht in der Erde, sondern in unseren Herzen, und ob der Leib ihres guten Weibes sich in der Mitte oder am Ende des Friedhofs in seine Atome auflöst, das macht doch wahrlich in der Sache keinen Unterschied, so lange ihr Bild und ihr Gedächtnis beiIhnen und Ihrem Kinde fortlebt. Das ist die Ansicht eines alten Weltwanderers, der's gut mit Ihnen meint. Und nun wenden Sie sich an den Pastor der evangelischen Gemeinde in Burgdorf – so hieß ein kleiner Ort in der Nähe, wo eine Zahl von Protestanten vereint wohnte – daß er zum Begräbnis ihres Weibes komme, und Sie sollen sehen, daß ihr die letzten Ehren nicht ganz fehlen werden.«
Freidank fühlte sich durch die Worte Martins aufgerichtet und ruhiger, und so schied er von ihm mit herzlichem Händedruck.
Am Mittwoch nachmittag erfolgte die Beerdigung des jungen Weibes. Der Himmel hatte sich umwölkt, und die Luft war schwül; über den Bergen hingen Gewitterwolken. Trotzdem hatten sich bei dem Hause des Uhrmachers wie auf dem Kirchhofe ziemlich viele Leute eingefunden, welche wirkliche Teilnahme, aber auch Neugier angelockt hatte. Es war seltsam genug, daß keine Glocke klang, wie es sonst Brauch war bei dem letzten Wege eines Erdenpilgers, und die Leute, zumal die Frauen, äußerten darüber ihren Unmut. Kein Kreuz ging dem Zuge voran; der schlichte Sarg mit einer schwarzen Decke verhüllt, schwankte leicht auf den Schultern von vier Trägern, hinter ihm aber schritt Freidank einher, der sein Kind auf dem Arme trug; es sollte seiner Mutter das letzte Geleit geben. Die Kleine sah mit großen Augen und lächelndem Mündchen auf die Leute, dann auf die Bahre und lehnte den blonden Kopf an die Schulter des Vaters. Manches Weib aus dem Volke wischte sich bei dem Anblick die Thränen aus den Augen.
Zur rechten Seite Freidanks ging der Pastor aus Burgdorf, nicht in Amtstracht, sondern im einfachen, schwarzen Anzuge, ein noch junger Mann mit offenen, freundlichen Zügen, zur linken schritt der Vetter Martin einher, mit einem Kranze von blühenden Blumen in der Hand. Nun schlossen sich eine kleine Anzahl Menschen an, unter ihnen auch Marie.
Langsam, unheimlich still bewegte sich der Zug durch die Gassen, und an den Fenstern erschienen überall neugierige Gesichter. Auf dem Friedhofe bog er von dem Hauptwege ab und ging an der Mauer entlang bis dahin, wo der Totengräber die Erde ausgeschaufelt hatte; unfern der Grube wucherten Gestrüpp und Brennesseln. Freidank biß die Zähne aufeinander, sein Atem ging kürzer, und er drückte sein Kind fester an sich. Jetzt war man zur Stelle. Die Bahre wurde niedergestellt, die vier Träger übten ruhig ihr Amt und ließen den Sarg auf den Seilen niederrollen, so daß man nichts als den schlurfenden Ton vernahm in der sonnenheißen, regungslosen, schwülen Luft.
Jetzt trat der junge Pastor an das Kopfende des Grabes und begann zu sprechen, und schon nach den ersten Worten kamen die auf dem Friedhof zerstreuten Leute näher heran, und bald stand um den abgelegenen Winkel eine zahlreiche Schar. Die Stimme des Geistlichen klang hell und mild zugleich und nahm manchmal einen weichen, an das Herz greifenden Ton an. Das schlug so seltsam an Ohr und Seele der Versammelten:
»Versprengtes Kind des evangelischen Glaubens, dem Du treu gewesen bist bis an das Ende – der Herr hat Dich in seine Hand gezeichnet und Deinen Platz Dir bereitet dort, wo alle Guten sich zusammenfinden, die in seinem Namen gelebt und gewirkt haben und gestorben sind. Dein Leib aber ruht auch an diesem Plätzchen still und friedlich, und Gott läßt auch über Deinem Hügel die Sonne scheinen und schickt den Blumen, welche hier blühen werden, seinen Tau und Regen, sowie er dem gebeugten Gattenherzen seinen Trost verleihen wird. Und wenn am Tage des letzten Gerichts sein Ruf alle Schläfer weckt auf der weiten Erde und er die Seinen sammeln wird, so bist auch Du nicht vergessen und verloren, und wirst Deinen Mann und Dein Kind wiederfinden in den lichten Höhen, in welchen es keine Trennung mehr giebt, und in welchen eineeinzige, ewige Liebe waltet. Und dieser Liebe befehlen wir Deine Seele und befehlen wir uns alle, indem wir beten: Vater unser …«
Und langsam, ergreifend – wie man es in dieser Weise vielleicht an dieser Stelle nie gehört – sprach der Prediger das Gebet des Herrn und den Segen. Dann drückte er dem Uhrmacher mit einem milden Worte die Hand, die dieser fest umklammerte. Das Kind auf seinem Arme hatte in diesem Augenblick die näher getretene Marie gesehen und streckte die Händchen nach ihr aus mit lautem Rufen. Das Mädchen errötete, aber ohne Zaudern trat es heran und nahm die Kleine an sich, während es ein dankbarer Blick des Vaters traf. Es war eine ergreifende Gruppe: Der bleiche Mann, der jetzt den Spaten ergriff, um seinem Weibe eine Scholle Erde auf den Sarg zu legen und neben ihm das blühende Mädchen mit dem lächelnden Kinde. Es konnte auch festeren Gemütern die Thränen in die Augen treiben, zumal gerade jetzt aus dem heraufziehenden schweren Gewölk noch ein müder Sonnenstrahl hervorbrach und die drei Menschen beleuchtete.
Freidank trat zurück von dem gähnenden Grabe, und Marie, noch immer Grethel auf dem Arme, beugte sich nieder, hob mit der Hand ein wenig Erde auf und ließ sie auf den Sarg fallen, dann aber drückte sie der Kleinen eine dunkle Rose, welche sie mitgebracht hatte, in das Händchen und sagte:
»Wirf das hier hinein, gib's deinem Mütterchen!«
Heiß stieg es dem Mädchen in die Augen, das Kind aber ließ, noch immer lächelnd, die Rose niedergleiten und sagte voll naiver Ueberzeugung:
»Mutterchen schläft!«
»Ja, dein Mütterchen schläft!« sprach jetzt eine ernste Stimme laut, und an das Grab trat der Vetter Martin mit seinem Kranze in der Hand. »Möge sie schlafen in Frieden, Amen!« fügte er hinzu und ließ den Kranz hinabfallen, undals ob der Himmel seine Zustimmung geben wollte, grollte jetzt dumpf und fern der erste Donner.
Bald war der Totengräber nur allein noch an dem Orte und schaufelte die Grube zu. Freidank aber ging, begleitet von dem Pastor, seinem Häuschen zu, und Marie mit dem Kinde, ging zur Seite des Vetters Martin hinterdrein. Die Leute aber, die sich von dem Friedhof aus zerstreuten, sprachen untereinander:
»Das war einmal erbaulich! – So schön ist's nicht, wenn ein Katholisches begraben wird; das Lateinische verstehen wir nicht, und das Vaterunser wird auch immer so schnell hergesagt … nein, der junge Pastor versteht's, ans Herz zu greifen.«
Am andern Morgen aber legte manche Frauenhand einen Blumenstrauß oder ein Kränzchen nieder auf dem Grabe in dem verlorenen Friedhofswinkel, und als bei Zeiten der trauernde Witwer kam, fand er den Hügel schon geschmückt. Er hatte wenig geschlafen in der Nacht, und vieles war ihm durch den Sinn gegangen, während stundenlang ein Gewitter über dem Städtchen hing, ab und zu ein Blitz seine Stube erhellte und der Donner langsam verhallend grollte. Jetzt am Morgen war alles frisch, blühend, ruhig und die Sonne schien wieder; auch in seinem Herzen war's wunderbar still geworden. Er ging von dem Grabe seines Weibes, auf welches er einen Strauß von Rosen niedergelegt hatte, auch diesmal wieder nach der Pfarrei.
Der Pfarrer hatte am Fenster gestanden und ihn kommen sehen, und ihn befiel ein leises Unbehagen; trotzdem er den Satzungen der Kirche gemäß gehandelt hatte, empfand er doch etwas wie ein Gefühl des Unrechts gegen den Mann, und er empfing ihn darum mit ganz besonderer Freundlichkeit.
Auch diesmal lehnte Freidank den ihm angebotenen Sitz dankend ab.
»Was ich zu sagen habe, Herr Pfarrer, thue ich besser stehend. Ich komme nur, um Ihnen meinen Austritt aus der katholischen Kirche anzuzeigen.«
Der greise Priester erschrak, daß er mit der Hand nach einer Stuhllehne faßte, und er brachte kein Wort hervor als: »Herr Freidank – –«
»'s ist mein heiliger Ernst, Hochwürden … es kommt mir nicht leicht an, denn ich bin ein guter Katholik gewesen – wenigstens glaubte ich ein solcher zu sein – und es wäre mir auch kein solcher Gedanke eingefallen …«
»Aber haben Sie denn diesen Entschluß reiflich erwogen?« fragte der Pfarrer, der jetzt erst die Fassung wiederfand. »Sie handeln zweifellos unter dem Eindrucke einer augenblicklichen Erregung, und da das Gesetz eine gewisse Bedenkzeit verlangt, so hoffe ich, daß der Himmel Sie erleuchten und stärken wird, und daß Sie der heiligen Kirche treu bleiben, in welche Sie hineingeboren sind.«
»Ich habe alles erwogen, und in dieser Gewitternacht ist mir der Weg klar geworden, welchen ich gehen muß, und von dem mich nichts abbringen kann. Wenn mein armes Weib, wie der Herr Kaplan behauptet, nicht in den Himmel kommen kann, so brauche ich auch nicht hinzugelangen; sie ist mir im Leben brav und treu gewesen, und wenn uns der Tod auch auseinandergerissen hat, so will ich doch, wenn ich einmal sterbe, wieder mit ihr zusammen sein. Und wenn schon die Evangelischen einen besonderen Himmel haben sollen, oder auch gar keinen, nun, so will ich das Schicksal meiner lieben Grethe teilen. Wo die allgemeine Menschenliebe fehlt, kann auch nicht der rechte Glaube sein – die Empfindung hab' ich, wenn ich auch nur ein schlichter Handwerker bin. Sie sind gut, Hochwürden, das weiß ich, aber daß Sie trotzdem nicht so dürfen, wie Ihr gutes Herz will, daß Sie mein armes Weib als eine Ketzerin verdammen müssen, obgleich Sie wissen, wie brav und tüchtig sie war, das ist's vor allem, was mir die Kirche verleidet, und weshalb ich noch einmal Ihnen meinen Austritt aus derselben erkläre.«
»Aber bedenken Sie doch Ihr Seelenheil, lieber Freidank!Berauben Sie sich nicht freiwillig der Gnadenmittel, wie sie in den heiligen Sakramenten Ihnen geboten werden.«
»Ich befehle mich der Gnade Gottes, wie mein Weib ihr befohlen worden ist, der auch Ihre Gnadenmittel nicht zuteil wurden. – Lassen Sie uns abbrechen, Herr Pfarrer, ich könnte sonst die Ruhe verlieren, die ich mir zu diesem Schritte am Grabe meiner guten Grethe geholt habe und könnte aufgeregt und bitter werden. Ihnen danke ich für alle Ihre Liebe, und ich hoffe, Sie verdammen mich auch nicht um dieses Schrittes willen.«
In den Augen des alten Pfarrers stieg ein feuchter Schimmer auf; er gab dem schlichten Handwerker die Hand und sagte:
»Gehen Sie mit Gott, Herr Freidank, und sein heiliger Geist erleuchte Sie! Vielleicht sagen Sie mir in vier Wochen doch noch anderen Bescheid.«
Der Uhrmacher schüttelte langsam das Haupt und ging, der Pfarrer aber griff nach einem Gebetbuche, das auf einem Eckbrett lag: Er wollte beten für die Seele, welche, wie er selbst nicht mehr zweifelte, seiner Kirche verloren ging.