Chapter 8

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Ich lag in ihrer Stube und in ihrem Bett, das vordem das unserer Mutter gewesen war, aber ich wußte es nicht. Ich ging in schweren Träumen durch unterirdische Gänge, um jemanden zu suchen, den ich um Lebens und Sterbens willen finden mußte. Manchmal war es meine Mutter und manchmal Maidi, manchmal auch der Zeitler. Aber wenn ich eins von ihnen von weitem sah, so war es doch nur von hinten, und es ging durch eine Tür, die sich in der Mauer auftat und wieder hinter ihm schloß. Ich wollte rufen und konnte nicht, ich stemmte mich gegen die Tür, um sie zu öffnen, und mußte machtlos davon ablassen. Oder sie öffnete sich, und irgend ein anderer Mensch trat mir entgegen, der mich aufhielt, indes das Gesuchte schon wieder in halber Dunkelheit lautlos verschwand. Einmal war es Rosa, das Dienstmädchen der Pfarrerswitwe, bei der Maidi wohnte. Sie grüßte mich mit vertraulichem Lächeln und hatte Maidis blaugepunktetes Sommerkleid an, und auch das Samtbändchen war wie einst durch die Spitze am Halsausschnitt gezogen. „Wissen Sie es nicht?“ sagte sie. „Das Fräulein ist lebendig begrabenworden. Es ist ja aber gleich, es gibt noch andere.“ Sie drängte sich an mich, und ich spürte ihre volle Brust an meiner und ihre Arme um meinen Hals. Ich wollte mich wehren, da ich soeben von weitem Maidi gehen sah mit geschlossenen Augen und schlicht herabhängendem Haar, und ich sie zu errufen hoffte; aber knöcherne Finger drückten mir die Gurgel zu, so daß mir die Luft ausgehen wollte, und ich sah ein Gesicht über mir, das mich aus starren Augen schrecklich anblickte, und hörte von weitem Eleonore sagen: „Die Tischkarten müssen zuerst geschrieben sein,“ was mir klang wie ein Todesurteil.

Inmitten der jagenden und sich überstürzenden Bilder und Gedanken, die aus einem unerschöpflichen unterirdischen Brunnen zu strömen und sich über mich zu ergießen schienen, spürte ich manchmal eine kühle und sanfte Decke, die sich über alles breitete und die Bilder auslöschte, so daß eine wohltätige Dunkelheit mich umfing und ich sachte und tief hinuntersank in ein Nichtwissen, das ich nur wie von ferne als etwas Gutes empfand. Ich mühte mich hie und da, die Augen aufzumachen, um die Decke zu sehen, die mir von purpurroter Farbe zu sein schien und sich leicht und weich anfühlte, aber ich konnte die Lider nicht heben. Doch hörte ich dann halblaut gesprochene Worte, die mich seltsam beruhigten, obgleich ich sie nicht verstand, und schlief unter ihnen ein, wenn ich so sagen soll, da ich ja nie wach war, bis mich neue Traumbilder, die mein kochendes Blut auf dunklen Bahnen herzutrug, zu neuen Mühsalen aufschreckten. Dann war es einmal lange schwarz und kühl. In einer Nacht schlug ichdie Augen auf. Ich glaubte soeben unzählige Staffeln aus unendlicher Erdtiefe emporgestiegen und aufs höchste ermüdet auf die oberste niedergesunken zu sein, und war nun verwundert, mich im Bett zu finden in einer Umgebung, die mir bekannt vorkam, die ich mir aber nicht mit mir selbst zusammenreimen konnte. Auf dem Tisch an der nächsten Wand stand brennend eine kleine Lampe mit grüner Glasglocke, und neben ihr lag ein schlafender Kopf mit schweren Zöpfen, auf ausgebreitete Arme hingelagert. Ich hatte die schwierige Aufgabe, herauszubringen, wem er gehöre, aber in diesem Augenblick hob er sich und sah zu mir herüber. Es war meine Schwester Luise. Sie stand auf und kam zu mir her. „Ach, da bist du,“ sagte sie mit glückseligem Ausdruck, und auf einmal rannen ihr die Tränen stromweis über die Wangen. Davon verstand ich nichts. Ich betrachtete sie aufmerksam, bis mir die Augen wieder zufielen und ich tief einschlief.

So kehrte ich nun wieder in die Wirklichkeit zurück, die sich nach und nach bei mir anmeldete mit Geräuschen und Lichtern des Tages, die ich wahrnahm, ohne ganz wach zu sein, bis sich die Nebel, die mein Denken und Fühlen noch umgaben, auf einmal lichteten und ich mit jähem Erschrecken meiner selbst und der jüngsten Vergangenheit bewußt wurde.

Sie war aber nicht mehr ganz so jung, wie ich meinte, denn ich war wochenlang krank gewesen, ohne es zu wissen. Luise erzählte mir, daß ich viel gesprochen und auch gegessen und getrunken habe, aber ohne jemals mit klarem Blick um mich zu sehen, so daß sie fast noch mehr für meinen Verstand als für mein Leben gefürchtet habe und darum so erschüttertgewesen sei, als ich zum erstenmal mit sichtlichem Bewußtsein die Augen auf sie gerichtet habe. Sie hatte bei mir gewacht und mich gepflegt, und die kühle Decke, die meine wirren Träume gebannt und zugedeckt hatte, war ihre Hand gewesen, die auf meiner Stirn geruht und mich stets beschwichtigt hatte, wie sie mir einmal gestand, fast beschämt über die starke Wirkung, die sie auf mich ausübte, da sie ihr selber neu und verwunderlich war. Sie fragte mich nichts, sondern brachte Helene herüber, die mit dem kleinen Mädchen auf dem Arm erschien und wortlos meine Hände streichelte, bis ich, da mir alles nacheinander einfiel, was mich beschweren mußte, mich nach der Wand drehte und stöhnte.

Mit dem Wachsein wuchs nun die Angst, wie es um mich stehe, und ich mußte nun anfangen, zu reden, obgleich ich lieber wieder ins Unbewußte hinübergedämmert wäre. Da fand es sich, daß Luise genug von mir wußte, vielleicht mehr als ich selbst, weil ich ohne die Hemmungen der wachen Scham fortwährend geredet hatte, zwar oft unzusammenhängend, aber verständlich genug, um sehen zu lassen, daß mir der Garten verhagelt und ich selber mit verwüstet sei. Das alles hatte sie im Tiefsten erbarmt und ihr bei aller Erschütterung und Enttäuschung aber auch ein warmes Glücksgefühl gegeben, weil ich mich von meinem Scherbenhaufen weg zu ihr geflüchtet und mich, wie ich war, in ihre Hut und Pflege gegeben hatte.

Nun konnte sie mir mit allerlei Berichten entgegenkommen. Ich hatte mich nicht zu Bett bringen lassen wollen, eh' ich einen gewissen Brief geschrieben hätte, der vor allem sein müsse, hatte aber einenBogen um den andern mit vergeblichen Anfängen bedeckt und war schließlich fiebernd darüber eingeschlafen, worauf dann die eigentliche Krankheit, die sich wohl schon lange in mir vorbereitet hatte, ausgebrochen war.

Luise, die sogleich sah, daß es sich bei mir um eine große Erschütterung handle, schrieb nun an Herrn Kasimir, daß ich krank heimgekommen und ohne Bewußtsein sei, was sie mir, da ich ja jetzt der Genesung entgegenging, mit einer kleinen Beimischung von Genugtuung erzählte, weil sie begreiflicherweise keine Sympathien für Eleonore hatte und nun den traurigen Triumph erlebte, mich, wo es galt, am nächsten bei sich zu haben.

Darauf war Herr Kasimir hergereist gekommen, ohne meine Braut, wie Luise nicht zu sagen vergaß, war lange an meinem Bett gesessen und hatte mich allerlei gefragt, was ich auch beantwortet hatte, alles ohne nachher noch davon zu wissen. Herr Kasimir war, was Luise gleichfalls freute, sehr bedrückt und bekümmert gewesen; besonders als er aus meinen Reden erfuhr, was mich fortgetrieben hatte.

Eleonore hatte ihm in der Bestürzung über mein rätselhaftes Verschwinden und über die Nachricht von meiner Erkrankung mitgeteilt, daß sie sich mit ihrem früheren Liebhaber getroffen und ausgesprochen habe, daß sie sich aber nicht denken könne, auf welche Weise ich das habe erfahren können, obgleich sie annehmen müsse, daß es so sei, was er ja nun bestätigt fand, ohne zu wissen, wie sehr ich selber gerichtet und in mir zerschlagen sei. Im Gegenteil glaubte nun er und auch Eleonore, ich sei in meiner großen Liebe zu dem Mädchen so tief verwundet worden,daß ich in Verzweiflung geraten sei, was sie mir zugute schrieben als einem tiefen und warmen Gemüte, und was sie den Weg, den es genommen hatte, beklagen ließ. Sie sahen aber wohl ein, daß aus der Hochzeit nun nichts werden könne, und es war bereits die Nachricht eingelaufen, daß Eleonore für längere Zeit verreise, um dem Gerede in der Stadt aus dem Wege zu gehen, während Herr Kasimir nun aufs neue angebunden sei, bis sich für ihn eine Lösung finde. Er habe, sagte Luise mit Stolz, gejammert, daß er mich nun wohl auch verlieren müsse, wobei ihr die Augen darüber aufgegangen seien, daß meine Berufung in das Haus Hagenau, über die sie sich so gefreut hatte, einem doppelten Zweck gedient habe.

„Man hat dich,“ sagte sie, „eingefangen für die stolze Jungfer, und du bist ahnungslos ins Garn gegangen, weil du ein guter und harmloser Mensch bist; jetzt, wo nichts aus der Heirat werden kann, fällt auch die Notwendigkeit, dich im Geschäft zu haben, dahin. Du wirst aber, wenn du doch so tüchtig bist, schon etwas anderes finden.“

Ich hörte das alles an, ohne etwas darauf zu sagen, es senkte sich aber immer schwerer und tiefer eine abgründige Traurigkeit auf mich herab, die noch dadurch vermehrt wurde, daß Luise es vermied, mir auch nur den kleinsten Vorhalt über meine Handlungsweise gegen sie zu machen, oder die Rede auf Maidi zu bringen, sondern nur mit großer Zartheit und Güte um mich war und alles sagte, was mich beruhigen und trösten konnte ihrer Meinung nach. Vielleicht hielt sie mich für sehr schwach und schonungsbedürftig oder auch für genug gestraft, woich etwa tadelhaft gehandelt habe. Sie hatte, wie ich wohl merkte, eine wenig gute Meinung von Eleonore, mit der sie sich nach und nach hervorwagte, so lang ich nicht widersprach, und war geneigt, sie für herzlos, kalt und falsch, und mich für umgarnt und betrogen zu halten, was ich endlich nicht mehr aushielt. Es war an einem späten Abend. Luise hatte mich für die Nacht besorgt und wollte sich zurückziehen, da es nicht mehr nötig war, bei mir zu wachen, als ich ihre Hand ergriff und sagte: „Ich bin selber an allem schuld; es trifft keinen Menschen ein Vorwurf, als mich,“ was auszusprechen mich aber einen solchen Kampf und Krampf kostete, daß ich das bißchen Kraft, das mir noch blieb, zusammenraffen mußte, um nicht fassungslos hinauszuweinen.

Ich kehrte mich nach der Wand und verbarg mein Gesicht. Luise aber stellte die Lampe, die sie schon in der Hand hatte, auf den Tisch und setzte sich auf meinem Bettrand, um still zu warten, bis sich die hohen Wellen in mir gelegt hätten oder wenigstens mich ihres Dabeiseins zu versichern.

Es wurde mir aber, nachdem ich jetzt angefangen hatte, nicht mehr so schwer, ja, es schien mir eine Erlösung, mir vom Herzen herunterzureden, was da angesammelt war. Ich schonte mich nicht und beschönigte auch nichts von allem, was mein blindes und selbstsüchtiges Wesen an mir selbst und andern angerichtet hatte, und mein lang beschwichtigtes und unterdrücktes Herz kam wieder einmal zu Worte, ohne daß ich ihm das Reden verbot, was ihm zu gleicher Zeit wohl und weh tat. Das will ich nun nicht mehr alles heraufholen. So wenig ich wollte, daß ich diese Stunde nicht erlebt hätte, sowenig könnte ich noch einmal ausbreiten, was mir unter Schauern und Schrecken als mein Ich gezeigt worden war wie im Spiegel. Es waren oft genug Boten des lebendigen Lebens an meinem Weg gestanden, und es hatte mich auch etwas zu ihnen gezogen, aber ich war dennoch dem Äußerlichen und Niedrigen in mir nachgegangen, dem ich noch wackere und tüchtige Namen gegeben hatte, um es vor mir aufzuputzen. Die falsche Richtung der Wünsche und Begierden hatte ich schon lange eingeschlagen, und was ich diesen Sommer getan hatte, das war alles nur als reife Frucht vom Baum gefallen. Dabei konnte ich nicht sagen: „Da und da hat es angefangen und von da an mußt du bereuen,“ sondern es war eines aus dem andern gekommen wie aus einer Wurzel in aller heimtückischen Ehrbarkeit und Strebsamkeit. Ich hatte Maidi verlassen und Eleonore belogen und die Schwestern verleugnet und in allem noch recht gehabt wie ein Tugendmensch und braver Bürger, weil ich ja doch kein Wort gebrochen und keinen falschen Eid geschworen hatte. Es war nicht auf den Grund zu kommen mit dem trüben Wasser, und ich schwieg endlich, mutlos und erschöpft, aber mit einem Frageblick in Luisens gutes und aufrichtiges Gesicht hinein, ob sie vielleicht weiter wisse.

Sie sah schon lange, daß es da mit Beschwichtigen und Rechtgeben nicht gemacht sei; sie nickte, solang ich sprach, hie und da nachdrücklich und ernsthaft mit dem Kopf, als ob sie danebenher ihre eigene Gedankenfäden spinne. Das war auch so, wie ich gleich sah.

„Ach, lieber Ludwig,“ sagte sie, „da muß ich jetzt auch anfangen mit Bekennen und Bereuen,wenn ich so sagen soll. Ich habe mir schon viel Gedanken und Herzbrechen gemacht deinetwegen, mit Helene und auch allein. Vielleicht sind wir an dem, was du da sagst, alle miteinander schuldig. Du bist uns von klein auf gewesen wie ein goldener Becher, in den wir alle hineingesehen haben mit Stolz und Hoffnung und auch mit Liebe. Aber die Liebe hat es vielleicht nicht recht gemacht bei uns. Wir haben dir alles zu leicht gemacht und alles entgegengetragen, nach was es dich verlangt hat. Wenn wir gedacht haben, daß du es weit bringen sollest auf der Welt, so haben wir nicht an deine Seele gedacht, sondern an Ehre und Fortkommen und gutes Bestehen vor den Menschen. Und auch an uns haben wir gedacht, daß einer aus unserem Haus hervorgehe, der mehr sei und höher stehe als wir, und es ist ein Ehrgeiz in uns gewesen, dich dahin zu bringen. Das andere freilich, das hat sich für uns von selber verstanden, daß wir an dir Teil haben und du zu uns gehörst, und daß du ein Mensch werdest, an dem man seine Freude haben könne. Die Mutter hat sich oft gesorgt um dich und gekümmert, ob alles recht werde. Da haben wir deine Partei genommen und gesagt, es sei ein Unrecht, daran zu zweifeln. Man müsse dir nur immer zeigen mit der Tat, daß du einem wichtig seiest und wert, so kommest du nie von uns los. Dann, wie wir dich allein gehabt haben, ist es auf und ab gegangen, das weißt du ja. Ich mache dir keinen Vorwurf, lieber Ludwig, du machst ihn dir ja selber. Das erbarmt mich und erfreut mich auch, wenn ich ehrlich sein soll, denn ich hätte es nicht tun können, ich habe es nie gelernt, dir so etwas zu sagen. Sieh, es haben dich immer alle Leute gerngehabt, wo du auch hingekommen bist, weil du so die Anlagen gehabt hast, daß du heiter und gesellig und auch gescheit gewesen bist. Das ist dir alles ganz natürlich gewesen, als ob es so sein müßte. Ich sehe alles, wie es gekommen ist, eins aus dem andern. Es ist wie bei kleinen Kindern: man muß ihnen hartes Brot zu beißen geben, daß sie feste und gesunde Zähne bekommen. Es ist nichts, wenn man es einem Menschen zu gut macht, er muß es mit der Not zu tun haben und mit Mühe und Sorge, damit er sieht, was es für eine ernste Sache ist um das Leben. Sonst geht ihm alles obenhin, und er meint, es sei sein Recht, daß es so fortgehe.“

Ich hatte Luise noch nie so viel auf einmal reden hören, da sie sonst eher still war als gesprächig, und ich merkte, daß es ihr eine Wohltat und eine Vereinigung mit mir bedeutete, sich einmal über all das auszusprechen.

Sie löschte die Lampe, die anfing zu rauchen und zu spucken und fuhr beim Scheine des kleinen Nachtlichts, das sie mir angezündet hatte, fort:

„Als dann Maidi zu uns kam in der Zeit, da du eine so erwünschte Lebensstellung gefunden hattest und ein gemachter Mann zu sein schienest, da waren wir voller Freude. Es deuchte uns ein besonderer Segen auf dir zu liegen, der dich durch alle Gefahren und Versuchungen hindurch dennoch zu einem guten Ziele führe, und wir sagten zueinander, es sei gewiß die Mutter, die von drüben herüber über dir wache, obgleich Helene dann hinzufügte, du habest ja jetzt den besten, sichtbaren Schutzengel um dich und brauchest keinen andern mehr. Denn wir meinten nicht anders, als es sei zwischen euch ein Einverständnis,was allerdings nur davon herkam, daß uns das liebe Mädchen gar so gut gefiel und daß wir ihm anmerkten, es sorge sich um dich und sehne sich nach deinen Nachrichten.“

Als Luise das erzählte, konnte ich nicht verhindern, daß mir ein tiefer Seufzer entstieg, und sie meinte aufhören und mich der Nachtruhe überlassen zu müssen, sah aber dann selber ein, daß ich, überwach und erregt, doch nicht schlafen könne, ehe wir unser Gespräch zu Ende geführt hätten, und sagte: „In der unglücklichen Zeit, die dich und uns so viele Schmerzen gekostet hat, träumte mir einmal, daß die Mutter vor dem alten Häuschen am Graben auf dem Bänklein sitze und zu mir sagte: ‚Es wird ihm nichts geschenkt, er muß alles teuer zahlen. Man hätte ihn sollen als klein härter halten, denn es kommt jetzt doch alles auf ihn heraus.‘ Da wußte ich, daß etwas Schweres auf dich wartet, und als du krank und elend heimkamst, war ich nur froh, daß ich dich da habe, denn es war mir, als sei das Ärgste schon vorbei, und es komme nun wieder besser. Und du wirst sehen, es kommt auch.“

Dabei sah sie mir mit einem Anflug von Hoffnungsfreude und fast Schelmerei in die Augen, und ich wußte, daß sie nun denke, es könne vielleicht, da ich nun frei sei, wieder ein Weg von mir zu Maidi hin gefunden werden, was ihr nicht nur ein Glück an sich, sondern auch ein Beweis gewesen wäre, daß nun das züchtigende Schicksal seinen Grimm über mir erschöpft hätte und mich fortan durch Güte auf freundlichen Pfaden zum vollen Leben hin zu führen gedenke. So ließ sie mich, obgleich erregt und aufgewühlt, doch nicht ohne ein kleines Flämmchen zurück,das, wie das winzige Nachtlicht an die dunklen Wände meiner Schlafkammer, blasse und sich tröstlich vermehrende Lichtringe in die Nacht meines Innern warf. Das hatte schon sehnlich darauf gewartet, daß es noch einmal hoffen dürfe, und fing begierig an, wenn auch noch zaghaft und scheu, sich der Entfernten, in der Zeit der Untreue am meisten Geliebten zu nähern.

Ich war noch fiebrig und schwach und zu nichts fähig, als vor mich hin zu träumen, meistens mit geschlossenen Augen. Manchmal überfielen mich dabei die dunklen Geister der Vergangenheit. Es reute mich die Zeit, die mir verloren gegangen war, die Umwege, die ich gemacht hatte. Mein Stolz bäumte sich auf, wenn ich daran dachte, wie Eleonore und der Doktor über mich gesprochen hatten. Olbrich fiel mir ein, und Hertha, und der Zeitler. Ich war überall unten durch; sie hatten alle recht, wenn sie auf mich heruntersahen, und ich wünschte, nie mehr aufzustehen. Aber öfter und öfter gewann meine genesende Seele die Macht, sich vor dem Dunkeln zu flüchten. Ich konnte noch nicht an Maidi schreiben, und es war mir, als könne ich es überhaupt nicht, als müsse ich zu ihr gehen und ihr alles sagen, und sie würde mich nicht von sich weisen, denn sie liebte mich, wie ich war. Ich ließ mir von Luise erzählen, was sie von mir gesagt hatte, als sie dagewesen war. Luise sagte lächelnd: „Sie meinte, du seiest dir selber gefährlich und eigentlich gar kein Kraftmensch, aber sie machte ein so liebes Gesicht dazu, als ob ihr gerade das das liebste an dir sei. Das kann auch sein, denn ich glaube, sie hat das Sichere und Bestimmte, das dir manchmal fehlt, unddas will sich gern mit dir vermischen. Überhaupt ist sie ein Mensch, der lieben kann und sich nicht besinnt, welche Eigenschaften ihr Geliebter haben soll; sondern sie liebt, weil sie liebt, und aus keinem andern Grunde.“

„Hat sie dir denn das gesagt?“ fragte ich verwundert.

„Nein,“ sagte Luise, „so etwas brauchen wir Frauen einander nicht zu sagen, das merken wir auch so.“

Dieses Gespräch war mehr als Arznei für mich. Ich fühlte neuen Saft in mir aufsteigen und sah den Baum meines Lebens wieder Knospen treiben. Draußen ging der Oktober zu Ende mit sonnigen, warmen Tagen, hinter denen der Winter kommen mußte, ich aber rief mir den Frühling herauf, der gewesen war, und schöpfte aus ihm die Hoffnung auf einen neuen.

Ich dachte daran, wie Maidi von ihrer Mutter geredet hatte und von ihrer harrenden Liebe, die durch nichts ertötet werden konnte, und wie die Tochter sich einer gleichen fähig gefühlt hatte. Freilich hatte ich damals gedacht, Maidi würde nie solche Schmerzen erleiden, denn etwas so Köstliches wie sie würde niemand verlassen, der es besitzen könne, und nun war ich selber es gewesen, der an ihr gesündigt hatte. Aber darum konnte ich doch zu ihr zurückkehren, denn sie war treu, daran konnte ich nicht zweifeln. Alles andere aber mußte sich finden und fand sich auch, wenn ich nur wieder mit ihr einig war.

Manchmal kam mir der unsinnige Gedanke, sie könne auf einmal zur Tür hereinkommen und an meinem Lager stehen. Ich schloß die Augen und sah sie vor mir, und mein Herz klopfte ihr entgegen undgab ihr tausend liebe Namen. So gingen einige Tage vorbei, in denen ich kräftiger wurde und nach dem Aufstehen verlangte, denn es eilte mir auf einmal mit dem Gesundwerden. Luise war jetzt wieder viel in ihrer Bügelstube, und eines Tages fiel es mir auf, daß sie blaß und übernächtig aussehe und rotgeränderte Augen habe. Ich schalt mich, daß ich nicht mehr an sie gedacht hatte, die mich mit so großer Treue gepflegt und mir zurechtgeholfen hatte, denn ich dachte, sie sei übermüdet vom Nachtwachen, aber als ich sie darauf anredete, lächelte sie traurig und sagte, ich solle mich nicht um sie kümmern, sondern nur trachten, gesund zu werden, daß ich dem Leben wieder gewachsen sei, denn das verlange viele Kräfte, mehr als man ahne. Das fiel mir auf, da sie sonst so zuversichtlich und wacker dastand, und ich dachte, sie mache sich Sorgen um mich und mein Fortkommen, mehr als sie zeigen wolle, und nahm mir vor, sie so recht an allem Guten, das ich doch noch zu erreichen hoffte, teilhaben zu lassen, so daß sie wieder freudig aufatmen könne. In diesen Tagen kam Helene viel mit den Kindern zu mir, die ich ja noch gar nicht kannte, und die man mir seither, um mich zu schonen, ferngehalten hatte. Das kleine Mädchen auf ihrem Arm, das Maria hieß, sah mich ernst und aufmerksam an, bis auf einmal ein Lächeln das ganze runde Gesichtchen überzog und es wie in Sonnenschein tauchte, während das Bübchen sich zuerst in die Rockfalten der Mutter verkroch und mich aus ihnen heraus musterte, und dann mit Geschrei fortgebracht zu werden begehrte, weil ich ihm in meiner Blässe und Hilflosigkeit unheimlich war. Wir befreundeten uns aber doch nach und nach, und bald kam der Kleine, der meinen Namentrug, auch allein zu mir. Ich setzte ihn auf meine Bettdecke und sagte ihm Liedchen vor, die mir aus meiner Kindheit her wieder einfielen, von denen er aber einige schon kannte und mich berichtigte, daß ich sie nicht recht wisse, die Mutter habe sie ihm anders gesagt, und so müssen sie heißen. Es war ein frühgewecktes und gelehriges Kind mit dunklem Lockenbusch und blauen Augen. Man sagte mir, er sei eine zweite Auflage von mir, wie ich in seinem Alter gewesen sei, und ich dachte daran, daß mich mein Vater, der Erzählung nach, auch so vor sich auf der Bettdecke sitzen gehabt und mich Liedchen gelehrt habe. Es drängte mich eine warme und dunkle Lust, ein eigenes Kind aus meinem Blute zu umfassen, und reiche Quellen, die neu aufsprangen, strömten von mir zu Maidi hin, deren Namen ich im Geheimen den kleinen Ludwig sagen lehrte.

Ich versuchte das Aufstehen und saß zum erstenmal in einem Korbstuhl am Fenster, als Lotte Meister mich besuchte. Ich dachte, ich müsse mich wohl sehr verändert haben, da sie mich ernst und bewegt ansah und eine meiner zart gewordenen Krankenhände behutsam zwischen ihre beiden festen und gesunden nahm. „Du mußt jetzt ein fester und starker Mann werden,“ sagte sie; „wir warten alle darauf.“ Es schien, als wolle sie mir noch etwas mitteilen, was ihr aber nicht über die Lippen wollte, und als ich sie fragte, ob sie etwas Besonderes habe, sagte sie hastig, sie komme morgen wieder, und kürzte ihren Besuch ab. Sie trug ein schwarzes Kleid und schien zu einer Beerdigung zu gehen, und es läuteten auch gleich nachher die Glocken einer entfernten Kirche zusammen, dumpf und schwer. Im Hause war es still;nur von der Werkstatt herüber hörte ich das Kreisen und Schwirren der Bandsäge, das mit scharfem Ton die Luft zerriß. Die Glocken dröhnten; es lag ein Nebel über der Gasse, der zusehends dichter wurde; mir war schwer und angst zumute. Ich versuchte im Zimmer auf und ab zu gehen, um meine Kraft zu üben, denn ich mußte machen, daß ich bald auf die Reise kam, um Maidi zu finden. Sie mußte mich lossprechen und mit mir eins sein, sonst konnte ich nicht neu anfangen zu leben.

Als nach einiger Zeit Luise zu mir kam, sagte ich erregt, ich müsse mit ihr reden, ich könne es nicht mehr verschieben. Ich hätte die ganze Zeit darüber geschwiegen, aber nun halte ich es nicht mehr aus, ich müsse Maidi wieder gewinnen. Wenn sie wirklich zu lieben verstehe, so müsse sie auch über alles hinüberkommen, was uns getrennt habe. Ich dachte nicht daran, daß wir uns ja noch gar nie ausgesprochen hatten, noch nie in Wirklichkeit geeint gewesen waren; es war mir, als hätten unsere Seelen schon lange im innigsten Verein gelebt und wären nur für eine kurze und dunkle Zeit auseinandergerissen gewesen durch meine Schuld. Ich sah betroffen, daß sich Luise über den Tisch warf und, den Kopf auf die Arme gelegt, lautlos schluchzte, so daß ihre Schultern zuckten vor heftigem Weinen. In meiner starken Erregung faßte ich es so auf, als halte sie es für unmöglich, daß Maidi mir verzeihen könne, oder als wisse sie mit Sicherheit das Gegenteil. Ich rührte sie an der Schulter und sagte: „So gib doch Antwort,“ worauf sie den Kopf hob und, mich mit großen Augen schmerzlich ansehend, tonlos sagte: „Es hilft nichts mehr. Maidi ist nicht mehr am Leben. Sie ist voreiner Stunde begraben worden, hier in ihrem Familiengrab!“

*

Wenn ich an jene Stunde und an die Tage denke, die darauf folgten, so wundert es mich, daß sie vorbeigingen und daß ich sie überstehen konnte. Es rinnen ja Zeit und Stunde auch durch den rauhsten Tag, aber wer, mit schwerer Last beladen, jede Minute schmerzvoll auskostet, dem ist ein Tag eine Ewigkeit, und er sieht ihn herniedersinken in den Schoß der Nacht, als ob das Gestern unaussprechlich lange her wäre, und als ob es zu viel verlangt wäre, daß er auch noch das Morgen tragen solle.

Dennoch fassen sich auch in solcher Zeit die Stunden an den Händen, nicht zu leichtbeschwingtem Tanze, sondern zu langsam schleichendem Gange, der aber auch sein Ziel erreicht, wie die träge dahinrollende Welle eines Stromes, der in der Niederung angelangt ist.

Die Meinigen hatten befürchtet, daß ich aufs neue erkranken würde, wenn ich die Nachricht von Maidis Tod vernähme, die sie aus der Zeitung schon einige Tage zuvor erfahren und mir noch vorenthalten hatten, bis ich mehr gekräftigt sein würde. Sie hatte mit ihrem Bruder eine größere Wanderung gemacht, nachdem sie die Schlußprüfung an der Schule hinter sich hatte, und war beim Baden in dem herbstlich durchsonnten, aber doch eiskalten Wasser eines Gebirgssees vom Herzschlag getroffen worden und lautlos untergesunken. Der Bruder, der näher am Ufer war als sie, sah sie, die weit hinausgeschwommen war, plötzlich verschwinden, schwamm mit starken Stößen auf die Stelle zu, wo das Wasser noch weite,unruhige Kreise zog, und konnte mit Hilfe eines Schiffmanns, der am Ufer an seinem Nachen bastelte, den geliebten Leichnam bergen, was alles, mit vielen Zutaten versehen und ausgeschmückt, in der Stadt, wo die Geschwister noch viele Freunde und Bekannte hatten, erzählt wurde und von Mund zu Mund ging.

Der beraubte Bruder hatte dann die Schwester in das Familiengrab zu dem silberglänzenden Großvater gebettet, dessen Liebling sie gewesen war, und mit dem man sie so oft hatte durch die Straßen gehen sehen, aufrecht, mit freier und freudiger Haltung und mit erwartungsvoll schreitendem Gange, wie sich jedermann, der sie gekannt hatte, wohl erinnerte.

Ich wurde nicht kränker, so wohl es mir getan hätte, aufs neue ins Nichtwissen und noch besser Nichtfühlen unterzusinken. Meine gesunde Lebenskraft hatte für jetzt einmal den Kampf mit der Krankheit bestanden, die ihr ohnehin fremd genug gewesen war. Sie ließ sich jetzt nicht mehr in ihrer Erneuerung aufhalten, so schwer und gramvoll es auch dem Bewohner des jungen und frisch sich aufbauenden Leibes zumute war. Sondern alles, was sich auf mich stürzte: Gram, Sehnsucht, Liebe und Reue und das Heer von fragenden und vergeblich suchenden Gedanken zwang und trieb mich, aus der Enge des stillen Krankenstübchens hinauszukommen, wo die Wände mich zu erdrücken drohten, um im Freien und in der Bewegung meiner selbst und der erbarmungslosen Wirklichkeit Herr zu werden.

Es gab Tage, wo sich alles in mir dagegen auflehnte, daß es mir so furchtbar ergehen und ich, als ich dem holden Glück eine Weile den Rücken gewandt hatte, um eines Irrtums oder eines falschen Triebeswillen, seiner nun auf immer verlustig gehen sollte. Ich zürnte mit Gott, den ich nun auf einmal anzureden und vorzufordern begann, nachdem ich sonst wenig genug Verkehr mit ihm gepflegt hatte. Wie ein Kind, das sich allzuhart bestraft vorkommt um eines Vergehens willen, das ihm eben der herben Züchtigung wegen klein zu werden beginnt, trotzte ich und bäumte mich auf, denn es war mir, als sei Maidi einzig von mir hinweggestorben, eben jetzt, als ich den Rückweg zu ihr suchte. Ich hätte durch alle Welt hinstürmen und sie zwingen wollen, mich noch einmal anzuhören. Aber sie war nirgends mehr aufzufinden, und wenn ich auch Flügel der Morgenröte genommen hätte. Einzig jenseits des Todestores wäre sie vielleicht gewandelt, und ich hätte ihr begegnen können, wenn ich auch da hindurchgegangen wäre. Aber es graute mir vor dem Gedanken, mit dem ich doch eine Zeitlang gespielt hatte, denn ich dachte der angstvollen Träume in den Fiebertagen, wo sie fremd und lautlos vor mir hergegangen und mir immer entschwunden war, wenn ich sie hatte fassen wollen. Wer bürgte mir, daß sie auch jetzt sich nicht von mir abwandte oder mich aus toten, leeren Augen fremd ansah, wenn ich sie traf? Stumm, ohne ein Wort oder ein Zeichen, daß sie meiner noch gedenke, war sie aus der Welt gegangen, und wenn ich auch in die kalte und furchtbare Einsamkeit hineinrief, die mich, selbst wenn ich mitten unter den Menschen war, umfing: „Maidi, wo bist du? Gib mir ein Zeichen, nur einmal, daß wir uns berühren und du noch zu mir gehörst,“ so kam doch nicht der leiseste Laut, nicht der fernste Traum zu mir. Ich blieb in der Schuld gegen sie und im Unrecht. Ich mußteweiterleben und mich selber tragen; niemand entsühnte, niemand entlastete mich, und die Wirklichkeit sah mich aus unerbittlichen Augen streng und grausam an.

Bei dem allem war ich begierig zu hören, was sich die Leute, die mehr wußten als ich, von Maidis Tod erzählten. Es kam nicht viel Neues hinzu, aber es war mir jedes Wort kostbar, das von ihr noch in der Luft umging. Luise, die durch ihr Bügelgeschäft mit allerlei Menschen zusammenkam, heimste es für mich ein und gab es mir weiter, obgleich ihr weiches und liebreiches Herz sah, wie ich dabei litt, und lieber geschwiegen hätte.

Zum Beispiel sollte der Bruder gesagt haben, das Studieren sei Maidi nicht gut bekommen; sie sei über ihre Jahre und ganz gegen ihre Natur ernst und still geworden. Sie habe auf jener Wanderung ein paarmal von ihrem Herzen gesprochen, das nicht mehr so leicht und fröhlich schlage wie einst und habe dann aber hinzugefügt, es mache nichts, denn ein leichtes Leben sei ein leeres Leben, nach dem es sie nicht verlange. Der Bruder habe den Eindruck gehabt, als sei ihr etwas Schweres widerfahren, und habe sie gefragt, ob ihr jemand ein Leid zugefügt hätte, da habe sie mit lieblichem und traurigem Lächeln gesagt: „Liebes und Leides; es ist aber noch nicht zu Ende. Es geht mir wie der Mutter, ich muß warten.“

Dabei habe sie so fest und geradeaus wie in eine Ferne gesehen, aus der das Erwartete herkommen solle, daß der Bruder gedacht habe, sie könne herbeizwingen, was sie wolle, nur durch unentwegtes Warten.

Es sei ein sonniger Tag gewesen am letzten Oktober.Die Geschwister seien an dem Gebirgssee angekommen, der wie ein großes, klares Auge oder wie eine Opferschale voll geweihten Wassers still und glänzend in der Sonne lag, und Maidi habe sogleich gesagt, hier wolle sie schwimmen, und zwar bis ans jenseitige Ufer, an dem der Erzählung der Leute nach eine Wiese voll blühender Herbstenziane liege. Der Bruder habe anfangs keine rechte Lust bezeugt und sei am Ufer geblieben, indes Maidi, wohlig auf dem Rücken liegend, von dem durchsonnten Wasser sich habe tragen lassen, bis sie auf einmal gesagt habe: „Jetzt schwimme ich hinüber, komm doch nach,“ und angefangen habe, sich rasch von ihm zu entfernen. Da habe es ihn auch darnach verlangt, und er habe die Kleider abgeworfen, sei aber noch nicht weit gewesen, als sie plötzlich gesunken sei und also von ihm weg an einem Ufer gelandet, wohin er ihr nicht habe folgen können.

Sie habe dann im Sarg einen vollen Kranz der dunkelblauen späten Blüten im Haar gehabt, unter denen sie feierlich und geheimnisvoll aussehend mit geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Munde gelegen sei, so daß man sie nur hätte fragen mögen, welches Wissen ihr noch im letzten Augenblick, eh' ihr Herz stillstand, gekommen sei.

Alle diese Dinge mußte ich wie einer, den sie nichts angingen, von fremden Leuten erfahren, die heute davon und morgen von etwas anderem redeten, indes ich sie ins Herz sammelte, um davon zu zehren, wenn ich verschmachten wollte.

Ich suchte, so bald ich irgend konnte, das Grab auf, das mir aber kein liebes Gefühl der Nähe derGeliebten gab, sondern nur eine strenge und starre Bestätigung davon, daß sie sich verborgen habe vor mir und aller Welt. Sie, die sich nicht hatte ersättigen können an allen Höhen und Weiten und die ihre Arme dem Licht entgegengebreitet hatte, daß es sie ganz umfange, hatte nun ein so enges und schmales Bett und Erde auf ihrem lieben Gesicht. Sie wanderte nie mehr mit mir durch die rauschenden Wälder, sondern lag still an den alten, königlichen Herrn angeschmiegt, der ihres Blutes und ihrer Art war, was mich in aller Betrübnis noch mit einer Art von Eifersucht erfüllte, so lächerlich das im Grunde war.

Als ich durch die Stadt zurückging, kam ich zufällig an dem alten Patrizierhaus vorbei, das Maidis Heimat gewesen war, und sah einen Wagen vor demselben stehen, auf den allerlei Hausrat, Kisten, Teppichrollen und dergleichen aufgeladen wurde. Wie fremd und verwundert vor der taghellen und nüchternen Umgebung stand eine große, uralte geschnitzte Truhe aus schwerem Eichenholz zwischen dem andern Geräte, die ich sogleich als die von Maidi auf jener Wanderung mit Olbrich geschilderte erkannte, und die also ihr kleines Erbe enthielt, das irgendwohin wanderte, Gott mochte wissen, wo. Ein Mann brachte unter jedem Arm ein Gemälde in Goldrahmen hergeschleppt. Sie wurden auf dem Wagen in grüne Tücher eingeschlagen, und ich sah, eh' sie verschwanden, leuchtende, sonnige Landschaften unter blauem Frühlingshimmel. Eine Flut glänzte auf, Blütenbäume schimmerten, dann lagen die lichten und freudigen Gebilde wieder auf ihrem Angesicht, wie sie es lange in der dunkeln Kammer hatten tun müssen.Vorüber, vorüber, dachte ich. Es war ein Leuchten in meinem Leben, aber es ist ausgelöscht.

*

Eines Tages ging ich in schweren Gedanken am Ufer des breiten und mächtigen Flusses hin, der an meiner Vaterstadt vorbeiströmt. Er war voll vom vielen Regen der letzten Tage, und seine Wellen eilten rauschend und unaufhaltsam in ihrem Bette dahin. Die Ufer lagen im Nebel, der die Bäume auf der andern Seite einhüllte, so daß ihre Stämme und Kronen aus dichten Schleiern sonderbar fremd und schweigend herübersahen. Stumm und schattenhaft flog ein Schwarm von Krähen über mir hin, in den Nebel hinein; kaum daß man ihre Flügel rauschen hörte. Eine alte, zerklüftete Weide hängte nackte Zweige in das Wasser, das sie hob und senkte im raschen Vorübereilen. Ich war allein und fremd, denn ich fand den Weg nicht mehr ins Leben zurück. Hier hatte ich in glücklichen Kindertagen Kiesel auf dem Wasser tanzen lassen, hatte den Schiffern, die ihre Flöße stromabwärts steuerten, zugerufen und mit fröhlichen Kameraden Weidengerten geschnitten. Es war noch der Fluß meiner Kindheit, der einst blau und plätschernd geflossen war, der mich als kräftigen Schwimmer auf dem Rücken getragen und an kiesige, durchsonnte Ufer lachend ausgesetzt hatte. Jetzt strömte er mit schweren Wellen eilig und gleichgültig an mir vorüber, als ob er mich nicht mehr kenne, und seine Ufer lagen im Nebel, wie mein Leben. Ich dachte, ob es nicht besser wäre, wenn ich mich in das trübe Wasser gleiten ließe und von ihm unaufhaltsam fortgetragen würde, da dann alles auslösche, wasdrückend auf mir liege, und ich mit. Da tauchte aus dem Nebel ein Pfahl auf, an dem eine Bildertafel befestigt war, die ich aus meinen Kindertagen her wohl kannte. Sie stellte in ungeschickter Malerei, die auch schon ziemlich verblaßt und verwaschen war, eben dieses Ufer dar, von einem Hochwasser des Flusses überschwemmt. In hohen Wellen und weißem Gischt war ein versinkendes Fuhrwerk zu sehen, dessen Lenker samt den Gäulen noch halben Leibes aus der Flut herausragte, ihr aber nicht mehr zu widerstehen vermochte. Wir hatten als Buben unser Vergnügen an der Schilderei gehabt, da in einer mangelhaften Schreibweise mit vielen orthographischen Fehlern den Vorübergehenden empfohlen wurde, für die Seele des Ertrunkenen, der ein Müller gewesen war, zu beten, und der Maler gleich zur Unterstützung seiner Ermahnung einige weiß gekleidete Müllerskinder in engen Kamisölchen und mit andächtig aufgehobenen Händen auf dem Bilde angebracht hatte. Sie hatten, da es lauter Buben waren, sonderbar starrende weiße Zipfelmützen auf und sahen nicht viel anders aus als aufrecht stehende Kaninchen mit gespitzten Ohren, was alles zusammen uns vielen Spaß machte. Heute las ich zum erstenmal mit leidvoller Aufmerksamkeit den Text, da ich auch am Ertrinken war, wie der Müller, wenngleich durch andere Fluten. Es hieß:

„Glück und Unglück, beide trag' in Ruh',Alles geht vorüber, und auch du.

„Glück und Unglück, beide trag' in Ruh',Alles geht vorüber, und auch du.

Hier ist mit Roß und Wagen in den Grund gefahren und vertrunken der Müller Daniel Jungbluth, dessen Seele Gott gnädig sein wolle. Wanderer, derdu vorüber gehst, versäume nicht, fürzubitten, denn du weißest nicht, ob auch du der Frommen Gebete brauchest, wenn du von hinnen gefahren bist.“

Da weiß ich nun nicht zu erklären, woher mir auf einmal beim Lesen etwas wie gelinder Trost durch die Seele floß, als ob mich eine sanfte Hand leise berühre und den grauen Wolkenvorhang meines Innern lüfte. Alles geht vorüber, und auch du, sprach es in mir, und was mir vorher schrecklich und trostlos gewesen war, nämlich das Vergehen, barg auf einmal Trost und Hoffnung in sich, da nicht nur das Liebe und Schöne verging, sondern auch das Schwere und Traurige. Ich mußte es tragen. Aber nicht für immer, es hatte alles ein Ende und ein Ziel, und auch ich hatte es, ohne daß ich es mir vorzeitig setzte. Irgendwann strömten alle Wasser ins Meer, die klaren und die trüben, und vereinigten sich am Herzen der Mutter, nach der sie in Sehnsucht hingewallt waren.

Wie es aber geht, wenn die Nebel anfangen, sich zu heben und ein Stück Fluß und Tal ums andere im lieben Lichte liegt, so folgte dem Lichtblick ein anderer, da mir auch Maidis Tod nicht mehr als eine Flucht vor mir erschien, sondern als die Erfüllung ihres eigenen Schicksals. Auch sie war vorübergegangen in all ihrer Lieblichkeit. Sie hatte das Leben zu erfassen gemeint, dem ihr Herz zärtlich und sehnlich entgegenklopfte und war in ihrer goldenen Jugend an das jenseitige Ufer hingerufen worden, um vielleicht dort neue Aufträge entgegenzunehmen, ein anderes Leben zu führen, zu dem ich keinen Zutritt hatte. Ich mußte es aufgeben, sie ängstlich und leidenschaftlich zu suchen und ihr nachzurufen, und hatte nichts zu tun, als mein Leben zu leben und darauszu machen, was irgend möglich war. Das zu denken und mir vorzusetzen, schuf mir eine freie, einsame Kühle, in der die tobenden Schmerzen, aber auch die Selbstvorwürfe und die mutlose Schwäche vergehen mußten und aus der heraus es einen Weg gab, zur einfachen Pflicht zurückzukehren, in der so viele Menschen leben mußten ohne hohes Glück und überschwengliches Hoffen.

Doch erreichte ich diese Lebensmöglichkeit freilich nicht auf einmal und nicht ohne viel Übung im Fahrenlassenkönnen, im Stillen und Geschweigen der begehrlichen Sinne, im Wegblicken von der Vergangenheit, der lieben und der schlimmen, und nicht ohne williges Eingehen auf einen neuen Weg, der sich vor mir auftat, ohne daß ich ihn gesucht hatte.

*

Ich hatte einige Male gesehen, daß Luise mitten am Werktag ausging, was sie für gewöhnlich nicht tat, in gutem, sorgfältigem Anzug und mit Handschuhen versehen und mit einer gewissen feierlichen Wichtigkeit. Da sie mir aber nicht von selber sagte, was es bedeutete, fragte ich auch nicht, obgleich mir ihr Gesicht und Wesen beim Heimkommen irgend etwas ausdrückte, als ob die Gänge mit mir zusammenhingen. Das war auch der Fall, wie ich bald erfuhr.

Mitten in der Stadt lag in einer schmalen Straße des Geschäftsviertels ein Buchladen, dem seit vielen Jahren ein Männchen vorstand, das ich schon seit Knabengedenken als alt und engbrüstig in Erinnerung hatte. Man sah es häufig, wenn die Sonne über die hohen Dächer stieg, vor der Tür stehen undsich händereibend an dem bescheidenen Strählchen wärmen, das die Straße erreichte, dann sein Schaufenster betrachten und hüstelnd wie ein rechter Asthmatiker wieder in den Laden zurückkehren. Diesen hatte ich in meiner Schülerzeit nie besonders angesehen, da im Schaufenster allerlei altes, verstaubtes Zeug lag, das mich nicht im mindesten interessierte. Es war ein Antiquariat, das der Alte neben dem Wichtigsten an neuer Literatur, das er auch führte, mit Liebe und Sorgfalt betrieb. Gott mochte wissen, wo er in seiner Gebrechlichkeit die seltenen Exemplare, die alten Ausgaben rar gewordener Werke, geschmückt mit Kupferstichen oder ausgezeichnet durch wertvolle Handschriften, auftrieb, die er den Kennern hüstelnd und händereibend vorzeigte. Man sagte von ihm, er sei arm geblieben, weil er sein Herz so an die Schätze gehängt habe, die er in den staubigen Regalen seines Ladens angehäuft habe, daß es ihn jedesmal einen Kampf und schweren Abschied koste, wenn er etwas davon verkaufen solle, so daß die Kunden, die ihn näher kannten, alle Listen anzuwenden genötigt seien, um überhaupt das Beste und Seltenste gezeigt zu bekommen, wovon die ergötzlichsten Geschichten im Umlauf waren. Dieses Männchen nun war allmählich so asthmatisch geworden, daß es seiner Sache nicht mehr vorstehen konnte, und mußte sich zu dem bittern Geschäft des Verkaufens oder Verpachtens entschließen, welch letzteres ihm das Leichtere schien, da es seiner Meinung nach immerhin sein konnte, daß ihm eine Kur, die es anzuwenden gedachte, noch einmal freien Atem und Leichtfüßigkeit verschaffte, und es dann von neuem anfangen konnte, zwischen den Büchern herumzustöbern. So wenigstens hatteLuise gehört und hatte den Büchermann aufgesucht, weil sie erfahren wollte, ob da vielleicht etwas für mich herausspringe. Der Alte, der mißtrauisch und zurückhaltend war, hatte an der treuherzigen Einfachheit und aber auch ehrenhaften und klugen Biederkeit meiner Schwester Wohlgefallen gefunden und sie hatte ihm, so viel er es hatte leiden mögen, von mir erzählt. Darauf hatte er, wie ich später erfuhr, schmunzelnd gesagt: „So, so, also er ist auf die Nase gefallen zu guter Zeit noch? Das tut ihm nichts, das tut ihm gar nichts, im Gegenteil, wen die Götter lieben, den lassen sie beizeiten einen Knacks bekommen,“ wobei er so lachen mußte, daß ihm der Atem knapp wurde und er blaurot im Gesicht wurde. Das alles erschreckte Luise so sehr, besonders auch die heidnische Göttermehrheit, die er als schicksalswaltend anführte, daß sie schon anfing, zu bereuen, sich in mein Geschick gemengt zu haben, als der Alte sich erholte und ernst werdend sagte: „Man kann es natürlich auch anders ausdrücken,item, es ist nicht immer gut, wenn einem alles glatt hinausgeht.“ Darauf fing er an, sich mit ihr auf das Geschäftliche einzulassen, wegen dessen sie allein zu ihm gekommen war; denn sie hatte wissen wollen, ob die Ersparnisse, die sie in den letzten Jahren gemacht hatte, wohl hinreichend wären, mich in das Geschäft hineinzusetzen, falls ich Lust dazu hätte.

Das wäre nun nicht der Fall gewesen, wenn der Alte nicht eine besondere Freude an Luise gehabt und ein Vertrauen zu ihr gefaßt hätte, so daß er die Bedingungen leicht und möglich machte.

Das alles erfuhr ich erst viel später; es wäre mir sonst noch schwerer gefallen, als es ohnehin geschah,auf den Plan, den sie mir zögernd und halb verlegen eines Abends unterbreitete, einzugehen. Ich hatte mir jetzt vorgenommen, meine Zukunft und alles, was ich noch erreichen wollte, nur von meiner Arbeit und streng zusammengerafften Kraft abhängig zu machen und sollte nun ein neues Opfer von Luise annehmen und wieder gewissermaßen etwas Zufälliges über mich entscheiden lassen. Doch sah ich, mit welcher Begierde Luise auf meine Entscheidung wartete und wie lieb und wertvoll es ihr war, mich in ihrer Nähe zu behalten, und dachte, da doch sonst nirgends auf Erden ein Mensch nach meiner Gegenwart verlange, so könne ich wohl hier bleiben, und es kam auch gleich etwas wie ein Heimatsgefühl über mich, als ich in Gedanken so weit war. Auch verstand ich mich mit dem alten Buchhändler besser, als ich für möglich gehalten hätte, da ich mich nun selber mit ihm ins Benehmen setzte. Er war ein gründlich gebildeter Mensch, der aber nach irgendwelchen schweren Schicksalen und nachdem ihm die nächsten Menschen gestorben waren, sich in sich selbst und seine Bücherwelt zurückgezogen und äußerlich etwas Ungepflegtes, Uhuartiges bekommen hatte. Wenn man aber die dicke Staubschicht, die auf ihm saß, hinwegblies, um ihn jetzt mit einem seiner alten Folianten zu vergleichen, so kam allerlei Lesenswertes zum Vorschein, schnörkelig und grillig zwar, und in einer seltsamen Sprache, aber nicht ohne einen trockenen Humor und nicht ohne Geist, was mancher seiner Kunden wohl wußte, der gern ein längeres Gespräch mit ihm führte außer dem Geschäftlichen, und der auch in Letzterem sich gern von ihm beraten ließ, so belesen er selber sein mochte.Kurzum, ich sah, daß es nicht das Erbe eines alten Trödelmannes zu übernehmen galt, sondern eher die sorglich gefüllte Schatzkammer eines Sammlers, der mit leuchtenden Augen unter verwilderten Brauen hervor seine Lieblinge betrachtete und sie am liebsten alle mitgenommen hätte. Ich gewann Interesse dafür und vergaß zum erstenmal wieder etwas von meinen eigenen Kümmernissen im Durchstöbern der Bücherreihen, die sich in einem langen, schmalen Gemach hinter dem kleinen Laden hinzogen, und die ich an ein paar Abenden mit dem Alten nach Ladenschluß betrachtete. So ein Einsiedler und Sonderling wirst du nun auch nach und nach werden, dachte ich freilich dabei, aber es machte mir im Augenblick keine Beschwerden, denn es fiel mir leichter, mich hier zu bergen in die Abgeschlossenheit des kleinen Ladens, als irgendwo draußen auf der Welt, die mich gar nicht lockte, wieder neue Fahrten zu tun und mit vielen Leuten meines Alters zusammen zu sein. Auch machte sich, als wir wirklich übereingekommen waren, daß ich das Geschäft auf eigene Rechnung führen solle und der alte Uhu mit scheuem Flügelschlag hinausgeflattert war, doch bald geltend, daß ich etwas gelernt hatte und jung war, so daß ich in manchen Zweig des Betriebs einen frischen Zug brachte, ohne dabei das Eigenartige zu verlieren, das der Alte gepflegt hatte.

Ich lebte zurückgezogen, ohne Gesellschaft zu suchen, denn es war alles noch zu frisch, was ich erlebt hatte, und es ging mir zu viel nach, als daß ich hätte unter Menschen gehen mögen. Ich hoffte, meine Schwester Luise werde zu mir ziehen und mir das Hauswesen führen, so daß wir dann beieinander eineHeimat gehabt hätten. Aber sie wollte nicht. „Komm zu mir, so viel du willst,“ sagte sie, „je öfter je lieber, und ich will auch nach dir sehen, so viel es dir recht ist, doch soll jedes in seinem Eigentum und Lebenskreise bleiben, so daß es frei und natürlich leben kann, wie es ihm paßt.“ Ich merkte wohl, daß sie dachte, sie würde mir ein Hindernis sein, falls ich mich einmal zu verheiraten gedächte, oder ich würde, behaglich bei ihr eingesponnen, die Lust dazu verlieren, und stritt nicht mit ihr, obgleich ich zu wissen meinte, daß der Gedanke an Liebe und Heirat hinter mir liege für alle Zeit. Sie brachte aber viele Abende bei mir in der kleinen Wohnstube hinter dem Laden zu, die sie behaglich für mich eingerichtet hatte und in der sie immer wieder einen kleinen Schmuck oder eine neue Bequemlichkeit anbrachte, und hatte den dienstbaren Geist, der mir das Hauswesen in Ordnung hielt, gut im Zug, so daß mir nichts abging im Äußeren. Wenn sie sah, daß ich trübsinnig war und mich quälte, so lockte sie mich, daß ich Helene aufsuchte und mich an ihren Kindern erfreute, und hatte immer neue hübsche und liebliche Züge von ihnen zu erzählen. Manchmal kam auch Lotte Meister mit ihr, und wir saßen behaglich zusammen und plauderten, oder wir machten an schönen Abenden noch einen Gang und kehrten irgendwo ein, wo es uns gefiel. Da lernte ich nun im häufigen und anspruchslosen Verkehr mit den beiden eigentlich zum erstenmal recht die gesunde Kraft ihres klugen, einfachen Wesens kennen, den unverbildeten Verstand, die Schlagfertigkeit ihrer Rede, mit der sie so recht den Nagel auf den Kopf zu treffen wußten, und den Mutterwitz, der sich nach und nach herauswagte, alssich mein trübseliger Ernst erhellte. Lotte Meister war die Lebhaftere von beiden; sie wußte mich aus aller Schweigsamkeit herauszulocken und immer neue Dinge aufs Tapet zu bringen, über die ich Bescheid geben, mich verantworten, die ich erklären oder verteidigen sollte. Dabei stellte sie ihre Unwissenheit in allen Sachen, die man durch Lesen oder Studieren erwirbt, gar nicht in Abrede, zeigte aber keinerlei Verlegenheit darüber, sondern eher eine Art von fröhlicher Unbekümmerlichkeit. Sie war sich darin und in allem Wesentlichen gleich geblieben, wie sie von jeher gewesen war. Es war aber nicht so weit her mit ihrem Nichtwissen, sondern sie kannte sich besser aus auf der Welt als mancher, der die Nase kaum aus den Büchern erheben mag; nur ließ sie sich die Sachen gern mündlich vortragen gleich einem Regenten, der sich von seinem Kanzler oder Minister Vortrag halten läßt, um das Wichtigste nahe beisammen zu haben, und übte auch, kaum daß sie aufmerksam zugehört hatte, ihre Kritik daran, an der gut zu merken war, wie hell es in ihrem Kopfe zuging. Meine Schwester Luise sah und hörte mit innigem Vergnügen zu, wenn wir uns zuweilen stritten und einander sogar freundschaftliche Grobheiten an den Kopf warfen; denn es war ihr alles ein Zeichen meiner Wiederherstellung und meines Heimischwerdens in dem neuen Leben, an dem sie sich durch ihren Eingriff in mein Schicksal mitverantwortlich fühlte. Sie war auch froh, schon um Helenens willen, daß ich mich mit dem Schwager gut vertrug, soweit das bei unseren verschiedenen Naturen möglich war. Er war ja ein tüchtiger Arbeiter, der sich und die Seinen vorwärts brachte, und auch ein sorglicher Familienvater,aber eng begrenzt im Denken, und ich traute auch immer noch nicht, ob nicht die Sparsamkeit seine Haupttugend sei, auf die er sich am meisten zugute tue. Doch hatte ich keinen Grund, mit höheren Tugenden zu prahlen, und war überhaupt mehr gewillt als früher, die Menschen zu nehmen wie sie waren, da man ja bei mir auch so manches in den Kauf genommen hatte. Daß die Schwestern glücklich waren über die gute Neuordnung der Dinge, und daß Lotte Meister, die ich immer noch in einem leisen Verdacht gehabt hatte, als sehe sie ein bißchen auf mich herunter, sich von mir belehren ließ und mich ersichtlich zu respektieren anfing, tat meinem Herzen wohl; es wäre aber auf die Dauer doch nicht genug gewesen. Es gab sich aber nach und nach von selbst, daß ich auch wieder anderen Umgang gewann.

*

Mein Vorgänger hatte mir unter vielen gleichgültigen, die es wie überall gab, einen Stamm von Kunden hinterlassen, die das Bücherkaufen mit Liebe und mit feiner Witterung für das Bleibende und Wertvolle betrieben. Manche unter ihnen hatten nur schmale Geldbeutel, aber sie hatten eine durstige Liebe zum Schönen und Geistigen und hatten Verständnis für das Echte. Sie ließen sich alles zeigen und hätten am liebsten das Feinste und Beste gekauft, wenn sie gekonnt hätten. An solchen Kunden war nicht viel verdient, und doch gewann ich mehr von ihnen als Geld, denn es spannen sich durch den einen oder andern von ihnen wieder neue Fäden herüber und hinüber zwischen mir und der Menschheit. Darüber könnte ich manches sagen. Was ich früher in unreifem Lebensverlangen gewünscht hatte,nahen Verkehr mit den Besten und ein Dazugehören mit Fug und Recht, das wurde mir jetzt, als ich es nicht mehr von den Bäumen zu schütteln begehrte, nach und nach ganz von selbst zuteil. Ich trat aus meinem engen Lebenskreise, in den ich mich wie in ein Schneckenhaus verkrochen hatte, wieder mehr heraus, nicht um zu sehen, was es etwa für mich selbst zu erobern gebe, sondern um mich irgendwie ans Ganze und Lebendige anzuschließen, das draußen vorbeiflutete, und ohne das ich so wenig wie ein anderer Mann auf die Dauer bestehen konnte. Da fand sich's nun, daß ich bisher mich selber viel zu wichtig genommen hatte, da es in der öffentlichen Gemeinschaft so viele Dinge gab, für die zu denken und zu sorgen und um die sich zu ereifern es der Mühe viel mehr wert war und über die man sich selbst zurückstellen, ja vergessen konnte. Wenigstens schien es mir damals so. Es wird aber beides seine Zeit und seinen Wechsel brauchen, das Eigene und das Allgemeine, und ein Aus- und Einatmen sein, und das eine kann nicht ohne das andere bestehen. Wenn die Welle im Meer hin und her geworfen worden ist, so kehrt sie doch wieder in die stille Bucht am Ufer zurück, wo grüne Baumwipfel sich flüsternd über sie hinneigen und wo Heimat zu sein scheint; aber dann zieht das große und allgemeine Strömen sie wieder hinaus in rastloser Bewegung. Was mich betrifft, so hatte ich mich für einmal genug mit mir selbst herumgeschlagen und begehrte nichts, als mitzuerleben, was es Allgemeines gab, was freilich wieder zu meiner eigenen Beruhigung und meinem Nutzen diente und so den Kreislauf bestätigte, in den wir alle eingeschaltet sind.

Denn je mehr ich am öffentlichen Leben teilnahm und es mir wichtig sein ließ, je näher traten mir auch diejenigen unter den Menschen, die etwa ähnlich dachten und fühlten wie ich, so daß ich Freunde und Gesinnungsgenossen und auch ein geachtetes Ansehen gewann und ich wohl sagen kann, ich habe gefunden, als ich nicht mehr gesucht habe, und freilich auch zu einer Zeit, in der ich es nicht so stark begehrte.

Es ging mir aber auch noch mit etwas anderem so, das wieder mich allein anging. Als ich nämlich aufgehört hatte, der liebsten Seele durch unendliche Räume nachzujagen und ich sie ganz und für immer hergegeben hatte, fand sich's, daß Maidi mir näher und unverlierbarer schien, als zuvor. Ich sah sie nicht mehr, und sie konnte mich nicht mehr lossprechen, nicht neben mir hergehen auf allen Wegen, aber ich konnte so leben, wie es ihrer lauteren, aufs wesentliche gerichteten Art gefallen hätte und mich mit ihr einiger finden als manchesmal, wo ihre hellen Augen erstaunt und vielleicht traurig auf mir gelegen waren. Es fielen mir viele Dinge ein, die wir einst miteinander erlebt und gesprochen hatten; sie lagen mir jetzt klarer am Tage als damals, wo mich die Lust, zu scheinen und mich hervorzutun, oberflächlich und unaufmerksam gemacht hatte. Und ich wurde durch die Sehnsucht meines beraubten Herzens in die Welt des Innerlichen und Unvergänglichen hineingeführt, nicht um Maidis, sondern um meiner selbst willen, doch war sie auch darin, unverloren, liebend und geliebt. Sie hatte sich gewünscht, ohne Schuld und ohne die Schmerzen der Reue hinzugehen; das war ihr zuteil geworden, mir nicht. Ich war von anderem Stoffe, und das Leben brauchte andere Mittel, umetwas aus mir zu machen, und braucht sie noch. Denn ich kann ja, wie man zu sagen pflegt, nicht aus meiner Haut heraus und habe mit den Mängeln meiner Natur immer Krieg zu führen. Doch habe ich sie wenigstens erkannt und gehe ihnen zu Leibe, wo es sein kann. Oft habe ich den alten Adam, wie die Theologen das nennen, was uns Anererbtes im Blute liegt, am Kragen, bald er mich, und wir raufen uns miteinander herum. Ich habe aber einmal, als ich die Taschen eines alten Rockes aussuchte, eh' ich ihn verschenkte, einen kleinen, gänzlich zerknitterten Zettel gefunden, dessen blasse Schriftzüge dennoch wohl noch zu lesen waren, und der mir jetzt wie ein neubelebtes Vermächtnis einer längst Gestorbenen erschien, nachdem ich ihn einst nur in einer flüchtigen Abschiedsstimmung mit leiser Ahnung des Inhalts gelesen und vom Nähtisch der Brigitte Hagenau an mich genommen hatte. Er hieß: „– – doch nahm ich zu allem, was mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen, so sagte ich ihm: ‚Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.‘ Und so habe ich schließlich, wenn auch mit verrenkter Hüfte, den Sieg behalten und bin nun dennoch – –“

Ich las die Worte an dem kleinen Fenster der Kammer, in der mein Kleiderschrank stand, solang noch der Ausläufer, dem ich den Rock schenken wollte, draußen auf mich wartete, und es war mir, als ob ich sie nun wohl auch nachsprechen dürfe, wie man bei einem Dichter oder Weisen unversehens in Form gefaßt findet, was unbewußt und doch lebendig in einem lag und nun auf einmal ist, als habe man es selber gesagt.

Denn es dünkte mich, als ob auch ich zu meinemSchicksal, in mir selbst und außer mir, sage, indem ich mit ihm kämpfe und ihm das Beste abzugewinnen versuche: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn,“ wie es einst das verwachsene und dennoch hochragende Frauenbild, das den Zettel schrieb, zu dem seinen gesagt hatte, und vor ihm viele bis zu dem Erzvater hin, der an der Furt Jabok mit dem Gotte seines Lebens rang. Es sollte nichts umsonst gewesen sein, und nicht hinter mir in nichts zerfließen, was einst mein Leben erschüttert hatte. Schmerzen, die ich erlitten und die ich andern zugefügt, Torheiten, die ich begangen und die sich schwer bestraft hatten, standen wohl hin und wieder auf und fielen mich an, aber ich wollte, daß sie zu Kräften würden in mir, die mir zu einer neuen und lebendigeren Einheit hülfen. Das hatten sie auch schon begonnen. Aber was hieß es denn bei mir, wenn ich auch sagte: „Und bin nun dennoch …?“ Was war ich denn nun dennoch oder wenigstens, was wollte ich dennoch sein?

Da meldete sich ein Stimmlein, zaghaft und trotzig in einem, das in hellem Silberton aus der wohlverschlossenen Kammer meines Herzens hervorrief, es wisse wohl, was damit gemeint sei. Nämlich ich wolle noch was Rechtes mit mir anfangen, die getrübten und verschütteten Brunnen meines Daseins wieder in klaren Fluß bringen und kein Einsiedler oder säuerlicher Junggesell werden.

Sondern weil es noch an der Zeit sei, wolle ich trachten, hereinzuholen, was möglich sei, und mich nicht mutlos ausschließen vom vollen Leben, denn ich spüre ja selber den aufsteigenden Saft in mir, wie in einem zurückgeschnittenen Baum, der wieder ans Ausschlagen denke.

Da ging dann freilich der Krieg in mir von neuem an, denn die grauen Geister der Niedergeschlagenheit waren stets bereit, den freudigen Kräften den Mund zu verbieten, die mich wieder bergan führen wollten. Sie stellten sich fromm und tugendhaft und wollten mir weismachen, daß es für mich nicht so gemeint sei, da ich bereits genug auf dem Kerbholz habe. Es sei besser, schweigend und aber freundlich und ergeben beiseite zu stehen, meinen Beruf auszuüben, woran sich mancher rechte Mensch genügen lasse, und, der Vergangenheit gedenkend, von der Zukunft nichts für mich zu verlangen. Das trotzige Engelsbübchen aber, das zuerst gesprochen hatte, erhob einen großen Lärm, strampelte mit Händen und Füßen und rief, rittlings auf der Herzkammertür sitzend: „Nichts da, sondern es wird aus allen Kräften gelebt, damit es dann, wenn einmal gestorben sein muß, etwas Rechtes aufzugeben, niederzulegen und zu hinterlassen gibt.“ Das kam mir auf einmal frömmer vor als die graue Weisheit, und weil es mir auch sonst wohlgefiel, so fing ich an, auf das helle Stimmlein zu hören, das mir täglich Neues zu sagen wußte und noch weiß, und das seinen Willen durchzusetzen strebt.

Es kam ihm freilich allerlei zu Hilfe, was ich nicht verschweigen will. Eines Tages stand unter der Tür meines Ladens, den ich auszuräumen soeben beschäftigt war, um seinen Inhalt in einem größeren und besseren Lokal unterzubringen, Herr Kasimir Hagenau, den ich seit meiner Flucht nicht mehr gesehen hatte. Er begrüßte mich mit einiger Verlegenheit, die sich aber bald verlor, als er mich, wie er sah, in guten Umständen und einer nicht unfreudigen Sicherheit des Auftretens fand, und sagteaufatmend, es gehe ihm schon lange nach, daß wir uns so ganz fremd geworden seien. Er habe immer noch eine Vorliebe für mich behalten, und es sei ihm leid genug gewesen, daß es damals so gegangen sei. Indessen müsse man es nehmen, wie es komme. Er redete ein wenig um den heißen Brei herum, wie man sagt, da er nicht wußte, ob er bei mir die vergangenen Dinge kecklich berühren dürfe, und noch in der Meinung lebte, ich sei, in großer Liebe zu seiner Nichte stehend, grausam enttäuscht und geschlagen gewesen, was ja auch, freilich in einer andern Richtung, der Fall war. Da er nun sah, daß ich unverheiratet war, mußte er meinen, ich habe noch an der unverwundenen Liebe zu Eleonore zu tragen, und war froh, als ich möglichst gleichgültig sagte, er solle sich nicht kümmern, es sei für mich ganz gut ausgefallen. (Denn meine eigensten Kümmernisse rieb ich ihm nicht unter die Nase.)

Ich erzählte ihm, um doch irgendwie zu zeigen, daß ich auch ohne das Haus Hagenau fortbestehe, von einer großen Bücherauktion im Hause eines bekannten Gelehrten und Sammlers, aus der ich seltene und fast verschollene Werke in Menge erstanden habe, um die sich nun wiederum die Liebhaber stritten, und ließ ihn überhaupt merken, daß ich bei den Guten und Verständigen etwas gelte und ein Geschäft wohl zu führen wisse, auch wenn es Ansprüche an nicht ganz gewöhnliche Tüchtigkeit mache.

Dabei hatte nun mein alter Adam wieder einmal sein Vergnügen, das ich ihm aber diesmal nicht untersagte, weil mir immerhin das Herz etwas unruhig klopfte in Erinnerung an die schlechte Figur, die ich zum Schlusse im Hause Hagenau gemachthatte und ich eine kleine Aufmunterung mir schon gönnen mochte. Der alte Herr taute ganz auf, als er mich so wohlbestallt vorfand, und erzählte nun auch von seinen heimischen Verhältnissen. Er hatte sich jetzt doch entschlossen, das alte Vätererbe zu verkaufen, da ihm sein so wohlausgedachter Plan zwischen den Fingern zerronnen war, und erlebte nun die langersehnten Freiheits- und Reisejahre mit immerhin noch einigem Jugendmut, wie ich an der Beschreibung der und jener Genüsse merkte, die er sich unterwegs gönnte. Die Nichte, auf die er nun doch auch zu sprechen kam, hatte vor einem halben Jahr ihren Doktor geheiratet, der sich umgetan habe, selber etwas Rechtes zu leisten, und aber freilich dennoch nichts dagegen hatte, daß ihm die Frau einen ordentlichen Batzen zubrachte, wie Herr Kasimir pfiffig lächelnd sagte, durchblicken lassend, daß er als Onkel das Seinige getan habe, da die Leutchen es nicht so einfach gewöhnt seien, was ich ja gut genug wußte. Ich war froh genug, daß die Rechnung, an der ich doch immerhin auch beteiligt gewesen war, noch so glatt aufgegangen war, und nahm den Dämpfer, den mir der alte Herr ganz naiv und gedankenlos aufsetzte, mit in den Kauf. Er machte nämlich, ohne es besonders auszusprechen, gar kein Hehl daraus, daß er mich nur als einen Faktor in eben dieser Rechnung zum zweitenmal in sein Haus gerufen habe, und daß, als sie nicht stimmte, auch ferner mein Dabeisein nicht mehr in Betracht gekommen sei. Es stach und reizte mich noch eine Weile, als er wieder gegangen war, denn ich mußte mir schwere Gedanken darüber machen, was mich der Versuch gekostet habe. Aber ich war doch schon so weit genesen,daß ich den Brigittenspruch, den ich als meinen eigenen Wahlspruch ansehen gelernt hatte, auch jetzt anzuwenden die Kraft hatte, und so eine der vielen Gelegenheiten, aufs neue in Trübsinn zu verfallen, vorübergehen ließ. Vielmehr lösten sich in mir die alten Reste der Beklemmung, die ich in Ansehung des Hauses Hagenau noch herumgetragen hatte, wie alte Schneereste, die immer noch an schattigen Plätzen liegen geblieben sind, wenn es ringsum längst grünt, und die nun endlich auch von linden Frühjahrslüften aufgetrunken werden.

Bald darauf tat mir meine Schwester Luise den Schmerz an, daß sie sich hinlegte und starb. Sie war mir in der Zeit meines Tiefstandes und meines sachten Aufstiegs so sehr zur Freundin und zur Genossin meiner Gedanken, Wünsche und Hoffnungen geworden, daß ich zuerst wie betäubt war, als sich ihre Krankheit, die am Anfang harmlos ausgesehen hatte, plötzlich zum Schlimmen wendete. Ich glaubte verlangen zu können, daß sie mir bleibe, da ich ja sonst nichts hatte, was ganz nah zu mir gehörte. Denn bei Helene kam begreiflicherweise zuerst der eigene Familienkreis, der stetig am Wachsen war, so treulich sie auch ihren Geschwistern anhing.

Luise aber hatte nichts Eigenes; ich war ihr das Wichtigste in ihrem Leben, und sie war nur glücklich, daß ich in ihrer Nähe sei und sie zusehen könne, wie ich allmählich das erreiche, was sie für mich wünsche. Sie heimste alles, was ich etwa an guten Beziehungen, bürgerlichem Ansehen und an gedeihlichem Fortkommen gewann, emsig ein und baute in Gedanken Häuser für mich darauf, da sie merkwürdigerweise gar nichts für sich verlangte außer ihrer fleißigen Arbeitund vielleicht der Aussicht auf einen ruhigen Lebensabend, umgeben von einer aufsprossenden Jugend aus dem Blute ihrer Geschwister, die sie dann in Ehren halten würde, und der sie mit schönen Sparpfennigen zum Fortkommen hülfe, falls sie dessen überhaupt bedürfe. Aber nun lag sie krank im Spital und sah ihr Ende herankommen. Man hatte sie operiert, um einem innerlichen Feind, der in ihrem stattlichen, blühenden Leibe sein Unwesen trieb, das Handwerk zu legen, aber er trieb es fort, und sie wußte wohl, daß er sich nicht aus dem Feld schlagen lasse, da sie etliche Fälle aus der ferneren Familie anzuführen wußte, in denen auch das Leben auf solche Weise unterlegen war.

Es ging ihr nahe, daß sie mitten aus der Bahn weg sollte, denn sie hing, wie alle gesunden und natürlichen Menschen, am Dasein, das für sie, nach dem Rezept des alten Sängers, köstlich gewesen war, indem es Mühe und Arbeit war. Als sie aber sah, daß ich ohne Fassung mich gegen ihr Scheiden auflehnte und Gott beschwor, sie mir noch zu lassen, da ich viel an ihr hereinzubringen habe, was Zeit brauche und nicht in kurzem abzumachen sei, nahm sie wieder die Führung an sich und sagte, glücklich lächelnd, weil ihr mein unverhehlter Schmerz dennoch wohl tat, aber fest: „Nein, nein, Ludwig, so machen wir's nicht, sonst sind wir erst recht unten durch. Sondern wer sich schicken kann, gewinnt das Spiel und stellt sich auf die stärkere Seite, und so wollen wir auch tun.“ Damit war sie mir nun wieder einen Schritt voraus und weit überlegen, und ich konnte nichts tun, als mein ungebärdiges Wehren beiseite lassen, da es hier nicht am Platze war.

In dieser Zeit mußte ich einmal eine dringende Geschäftsreise nach der Hauptstadt unseres Landes machen. Ich ging ungern genug, denn ich konnte nicht am selben Tage wiederkommen, und als es Abend wurde, befiel mich eine Unruhe, die ich mir dahin erklärte, es sei daheim etwas Übles vorgefallen, so daß ich rasch an den Bahnhof ging, um zu sehen, ob ich nicht doch den letzten Zug erreichen könne, so stark lebte ich damals mit meinen Gedanken in dem engen Krankenstüblein. Der Zug war aber schon fort, und weil ich nicht den ganzen Abend im Wirtshaus versitzen mochte, betrat ich eine Konzerthalle, an der ich gerade vorbeikam, ohne zu wissen, was für Musik es gebe. Da fand sich's nun, daß von einem kleinen Orchester jene Symphonie aufgeführt wurde, die ich am ersten Abend des Musikfestes gehört hatte, an dem ich Maidi wiedersah, und die mir seitdem nicht wieder begegnet war. Sie erregte mich aber nicht, wie damals, zu starken Wonnen und Schmerzen, sondern ich saß mit geneigtem Kopf still horchend da und fühlte, wie meine Unruhe in ein stilles Gleiten kam und wie mein Herz, das traurig in mir lag, von eiligen Wellen aufgehoben und getragen wurde, die sangen: „Alles geht vorüber, und auch du.“

Ich gedachte alles Fernen und Verlorenen in meinem Leben, und auch meines Freundes Olbrich, den ich nie wieder gesehen und mit dem ich auch keine Briefe gewechselt hatte. Ich hatte seinen Namen hie und da in der Zeitung gelesen, denn er nahm starken Anteil am politischen Leben des Landes und ergriff in Reden und gedruckten Artikeln oft das Wort, wenn es eine wichtige Sache zu verfechten gab.Aber ob er noch an mich denke, und wie, das wußte ich nicht, und ich hatte sowohl das Verlangen, ihn wieder zu sehen, als auch eine Scheu davor.

Doch wußte ich, daß es einmal geschehen mußte, da die Erde nicht groß genug ist, um sich zwei Menschen nicht wieder begegnen zu lassen, unversehens, die eigentlich nahe zusammen gehören.

Ich war spät gekommen, als schon der Saal verdunkelt war und die Musik angefangen hatte, und hatte nur gerade meinen Platz gefunden, ohne nach rechts oder links zu sehen. Da schrak ich denn aus meinen Gedanken auf, die zwischen der Musik hergingen, als sich auf einmal eine Hand auf meinen Arm legte und es der Freund war, der neben mir saß und mir zunickte. Ich mochte mich nicht rühren, denn ich spürte in einem ruhigen Wohlsein, daß wir uns nahe waren und daß ich ihn lieb hatte, wie je.

Man sollte nicht reden müssen, dachte ich. Man sollte alles so stillschweigend voneinander wissen und einer in den andern hinüberfließen lassen, was er ihm sagen möchte. Vielleicht ist es so, wenn man sich auf einem andern Stern wieder findet. Vielleicht spürt man nur: Du bist da, und begrüßt und durchdringt einander mit der Seele, und alles, was auf der Erde geschah, löst sich auf in einem großen und weiten Verstehen und Liebhaben.

Da bot ich meinem Freund leise die Hand und er nahm und drückte sie kräftig, und ich wußte: Er ist doch auch noch der meine. Wie sehr ich ihn vermißt und wie seinetwegen ein Druck auf mir gelegen hatte, das spürte ich erst jetzt recht, als ich ihn wieder hatte. Denn wir ließen es dann doch nicht bei der stummen Begrüßung bewenden, die wir gar nicht geübt hätten,wenn nicht die Musik das Wort gehabt hätte, sondern hielten nachher eine lange Nachtsitzung, und zwar, da es eine schöne Sommernacht war, in einem Garten unter einer alten Platane, in deren Ästen eine Lampe hing.

Dort ließen wir so viel von der alten Zeit und auch dem, was dazwischen lag, zwischen uns auferstehen und hinwandeln, als dazu gehörte, wieder zusammen zu kommen, nicht mehr und nicht weniger. Denn es handelte sich jetzt nicht ums Rechthaben und Abbitten, wie wir beide wohl spürten, sondern darum, daß einer des andern Freund sei, wie der alte Claudius sagt, wobei freilich ich am besten wegkam.

Es schwirrte allerlei Nachtgeziefer um uns her, und einmal kam auch ein großer Falter und stieß mit seinen Flügeldecken an mein Glas, daß es einen feinen Klang gab. Da hob mir Olbrich das seinige entgegen und sah mir mit dem schönen Lächeln in die Augen, das er selten hatte und an dem ich ihn überall erkannt hätte. Denn es war uns, als hätte eine feine Seele, die einmal mit uns zu dritt gewesen war, mit zartem Finger angeklopft und wolle einen Augenblick mit uns sein. Das kam und ging so in mir.

Dann zog Olbrich ein Bild aus der Brusttasche und zeigte es mir mit glücklichem Gesicht: eine junge, mütterlich blickende Frau, die ein Bübchen auf dem Arm trug. Beide sahen den Beschauer voll an und hatten ein gut Teil Schelmerei in allerlei Grübchen sitzen. „Das sind die Meinen,“ sagte Olbrich. „Du siehst, es geht mir gut.“

Er brachte, wie man so sagt, den Mund nicht zusammen vor Behagen an dem Bildchen oder vielmehr vor dem freudigen Wissen um die lebendigenUrbilder; er wollte es aber nicht wahr haben vor mir und sagte achselzuckend: „Ich habe es der alten Frau zulieb getan, denn ich bin ihr doch Enkelchen schuldig gewesen. Daheim liegt mir schon der zweite Bub in der Wiege.“


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