Abb. 25.Aufsteigendes Gewitter am Schreckenstein.Nach einem Aquarelle von 1836. (ZuSeite 42.)
Abb. 25.Aufsteigendes Gewitter am Schreckenstein.Nach einem Aquarelle von 1836. (ZuSeite 42.)
Nach Rom zurückgekehrt, malte Richter im Winter das Bild „Rocca di Mezzo“ (Abb. 10), welches durch Vermittelung Schnorrs der Baron Speck von Sternburg erwarb; es befindet sich jetzt im Museum zu Leipzig. Bei Philipp Veit, dem Sohn von Dorothea von Schlegel, mit dem er in Rom unter einem Dach wohnte, sah er zwei Bände Holzschnitte und Stiche Dürers, von denen ihm bisher wenige bekannt waren. Veit erschloß ihm den Reichtum an Schönheiten und die Bedeutung dieser Werke; er ist vonder volkstümlichen Art, deutsches Leben und Wesen wiederzugeben, ganz begeistert, und für die Folge haben diese Eindrücke fördernd und bestimmend auf unseren jungen Künstler eingewirkt und vielfältige und herrliche Früchte gezeitigt. In der Galerie Camuccini sah er ein seitdem in England verschwundenes Bild von Tizian, eine Landschaft mit einem Zechgelage von Göttern und Göttinnen, welches einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn machte. „Ich war ganz hingerissen von diesem herrlichen Gemälde, der großartigsten Landschaft, die ich je gesehen,“ schreibt er in seiner Biographie, und weiter dann in den Tagebuchaufzeichnungen vom Jahre 1824: „Aus Tizians ‚Bacchanal‘ weht eine wunderbareFrische und holde Lebensfülle; das Kolorit ist wahre Zauberei, eine Kraft, ein Glanz und eine Glut in den Farben, die einen wunderbaren Reiz wirken und schon für sich die höchste poetische Stimmung im Beschauer erwecken. Die Komposition ist höchst einfach, grandios und edel. Auf einem lustigen Plätzchen am grünen Walde haben sich die Götter zum fröhlichen Feste versammelt und niedergelassen. Die Figuren sind schön gemalt, voll Ausdruck und Leben, aber ziemlich gemein, ja völlig travestiert dargestellt.“ Er schildert dann weiter die Landschaft und schließt mit dem Ausruf: „So müssen Landschaften gemalt werden, so muß die Natur aufgefaßt werden! Das ist der Stil, der sich zu Heldengedichten eignet; er ist größer, edler, als der lyrische. So groß, so sinnvoll und lebendig und so einfach nun auchdeutscheNatur aufgefaßt!“ Und noch nach fünfzig und mehr Jahren geriet er in Begeisterung, wenn die Rede auf dieses Bild kam; er zeichnete bei einer solchen Gelegenheit dem Verfasser nach einem Stich in dem bekannten Werk von Agincourt die hier (Abb. 11) wiedergegebene Pause und schwelgte dabei in Erinnerungen.
Abb. 26.Überfahrt am Schreckenstein.1837. Ölbild im Museum zu Dresden.Nach einer Originalphotographie von F. & O. Brockmanns Nachf. (R. Tamme) in Dresden. (ZuSeite 36und42.)
Abb. 26.Überfahrt am Schreckenstein.1837. Ölbild im Museum zu Dresden.Nach einer Originalphotographie von F. & O. Brockmanns Nachf. (R. Tamme) in Dresden. (ZuSeite 36und42.)
Abb. 27.Die Figuren zur Überfahrt am Schreckenstein.Nach einer Zeichnung im Museum zu Dresden. 1837. (ZuSeite 43.)⇒GRÖSSERES BILD
Abb. 27.Die Figuren zur Überfahrt am Schreckenstein.Nach einer Zeichnung im Museum zu Dresden. 1837. (ZuSeite 43.)
⇒GRÖSSERES BILD
Abb. 28.Aimée in der Badewanne.12. März 1835. (ZuSeite 44.)
Abb. 28.Aimée in der Badewanne.12. März 1835. (ZuSeite 44.)
Außerordentlich anregend für unseren jungen Maler, freilich nach einer anderen Seite hin als das Bild von Tizian, waren die Arbeiten zweier Künstler, die beide im Beginn ihrer Laufbahn starben: Karl Philipp Fohr aus Heidelberg und Franz Horny aus Weimar. Fohr ertrank 1818 beim Baden im Tiberfluß bei Aqua Acetosa vor den Toren Roms, Horny starb im folgenden Jahre in Olevano. Richter schreibt in seiner Biographie: „Das Andenken beider lebte noch warm in den Genossen, und die Naturstudien wie die Kompositionen, welche sich noch im Besitz ihrer Freunde vorfanden, versetztenmich in einen Rausch der Begeisterung; insbesondere war das bei Fohr der Fall. Frühere, noch in Deutschland gemachte Naturstudien zeigen eine so feine, liebevolle Beobachtung der Natur und manierlose, naive Darstellung, daß, weil diese Eigenschaften mit einem großen Stilgefühl sich verbanden, die reizvollsten Zeichnungen entstehen mußten.“ Er schildert sodann einige solcher ganz vorzüglichen Zeichnungen, die unbestritten zu den hervorragendsten Arbeiten aus dieser Zeit gehören und für alle Zeiten mustergültig bleiben werden. Von Hornys Arbeiten schreibt unser Meister: „Höchst originell, eine großartige, strenge, ja herbe Auffassung und Behandlung liebend, studierte er meist in den sterilen Bergen von Olevano und Civitella. Die Zeichnungen dieses Künstlers sind auch von großem und hohem künstlerischen Werte.“
Abb. 29.Zeichnung zu einem Ölbilde: Ruhende Pilger.1840. (ZuSeite 45.)
Abb. 29.Zeichnung zu einem Ölbilde: Ruhende Pilger.1840. (ZuSeite 45.)
Auf dem Boden der Kirche in Olevano sah Verfasser 1866 eine Reihe von Arbeiten dieses Künstlers; es waren runde Stationsbilder, die an diesem Orte seit fünfzig Jahren verborgen lagen. Vor Richters Ankunft in Rom war der geistreiche Radierer Joh. Christ. Erhard, dessen deutsche Blätter unseren Richter so anregten und entzückten, aus diesem Leben geschieden; er war nicht angelegt, der romantischen Richtung der Zeit folgen zu können, aus Kummer darüber erschoß er sich in Rom 1822. Richter schreibt in seiner Biographie: „Erhard litt an Melancholie, welche sich oft bis zum Unerträglichen steigerte, und verzagte in solcher Stimmung gänzlich an seinem Talente. Ich glaube auch, daß sich die italienische Natur für seine künstlerische Eigentümlichkeit nicht eignete.“ Den Freund Erhards, den liebenswürdigen Maler Reinhold aus Gera, besuchte Richter oft und erfreute sich an dessen ganz vortrefflichen Naturstudien; auch mit dem höchst talentvollen Ernst Fries aus Heidelberg, dem Freunde Fohrs und Rottmanns, kam er öfters zusammen.
Abb. 30. Zeichnung zumGehörnten Siegfried. Aus den Volksbüchern von Marbach. 1838.Mit Genehmigung der Verlagshandlung von Otto Wigand in Leipzig.(ZuSeite 46.)
Abb. 30. Zeichnung zumGehörnten Siegfried. Aus den Volksbüchern von Marbach. 1838.Mit Genehmigung der Verlagshandlung von Otto Wigand in Leipzig.(ZuSeite 46.)
Hier in Rom sah Richter auch die 1823 in Wien erschienenen wundervollen Steinzeichnungen von Ferdinand von Olivier, die sogenannten sieben Tage der Woche; es sind Bilder aus Salzburg und Berchtesgaden, fast alle mit köstlicher Staffage belebt; diese Blätter gehören mit zu den schönsten Werken aus jener Zeit, streng und vornehm in der Formengebung, dabei von einer seltenen Liebenswürdigkeit und Anmut. Ferdinand von Olivier, geboren 1785 in Dessau, lebte, ehe er nach Rom ging, in Wien und traf dort mit Overbeck und Julius Schnorr zusammen. Des letzteren Bild im städtischen Museum zu Leipzig, „Der heilige Rochus“, ist in dieser Zeit in Wien gemalt; es erinnert sehr an die Art und Weise Oliviers. Die Illustrationen Burgkmaiers zum „Trostspiegel in Glück und Unglück von Petrarca“, diesem so wunderlichen Buche, haben die deutschen Künstler in Rom ganz besonders geschätzt und viel danach gezeichnet. Von Richter existieren noch Pausen nach diesen Holzschnitten aus dieser Zeit; er besaß dieses Buch und hat viel Anregung daraus empfangen.
Abb. 31. ZumGehörnten Siegfried.Aus den Volksbüchern von Marbach. (ZuSeite 47.)
Abb. 31. ZumGehörnten Siegfried.Aus den Volksbüchern von Marbach. (ZuSeite 47.)
Abb. 32. Zeichnung zumGehörnten Siegfried.Aus den Volksbüchern von Marbach. (ZuSeite 46.)
Abb. 32. Zeichnung zumGehörnten Siegfried.Aus den Volksbüchern von Marbach. (ZuSeite 46.)
In jener Zeit las Richter auch Stillings „Jugend- und Wanderjahre“; gerade hier in Rom mußte dieses Stück deutschen Volkstums großen Eindruck auf ihn machen. Besonders aber berührte ihn der fromme Sinn des Buches und traf eine wunde Stelle seines Herzens, deren Heilung ihm immer mehr Bedürfnis wurde. Das religiöse innere Leben Richters war ganz unentwickelt, verkümmert, halberstickt, aber es arbeitete mächtig in ihm. Bei dem erkrankten Freunde Oehme lernte er den Landschaftsmaler J. Thomas und den Kupferstecher N. Hoff aus Frankfurt und Ludwig von Maydell aus Dorpat kennen; letzterer war ein ehemaliger russischer Ingenieuroffizier, der gegen Frankreich mitgekämpft hatte. 1824 am Silvesterabend suchte Richter, nachdem er bis zehn Uhr an Oehmes Krankenbett gesessen, Maydell in dessen nahegelegener Wohnung auf, wo er Hoff und Thomas traf; er erzählt von diesen für ihn so hochbedeutenden Stunden, wie Maydell einen Aufsatz über den achten Psalm vorgelesen, die Freunde sich dann des weiteren unterhalten, und sagt dann: „Ich habe keine Erinnerung von dem, was an jenem Abend gesprochen wurde; es war auch nichts Einzelnes, was mich besonders tiefer berührt hätte; aber den Eindruck gewann ich und wurde von ihm überwältigt, daß diese Freunde in ihrem Glauben an Gott und an Christum, den Heiland der Welt, den Mittelpunkt ihres Lebens gefunden hatten und alle Dinge von diesem Zentrum aus erfaßten und beurteilten. Ihr Glaube hatte einen festen Grund im Worte Gottes, im Evangelio von Christo. Der meinige, welcher mehr Meinung und Ansicht war, schwebte in der Luft und war den wechselnden Gefühlen und Stimmungen unterworfen. Still, aber im Innersten bewegt, hörte ich den Reden der Freunde zu und war mir anjenem Abend der Umwandlung nicht bewußt, die in mir vorging.“ — „Und als nun das beginnende Geläute der Mitternacht den Schluß des alten und Anfang des neuen Jahres verkündete und Thomas uns aufforderte, diesen Übergang mit dem alten schönen Choral ‚Nun danket alle Gott‘ zu feiern, — da konnte ich recht freudigen Herzens mit einstimmen. Oehmes Krankheit war der äußere Anlaß gewesen, welcher uns zusammengeführt hatte; eine gemeinsame Geistesrichtung, die aus dem tiefsten Bedürfnis des Herzens kam, war in dieser Stunde hervorgetreten und hat uns für das ganze Leben treu verbunden bis ans Ende dieser Erdentage; denn sie ruhen nun alle, und nur ich, der jüngste von ihnen, bin der Überlebende und segne noch heute diesen für mich so hoch bedeutsamen Silvesterabend.“ Wie ein Jauchzen erklingt es in ihm am Neujahrsmorgen 1825: „Ich habe Gott, ich habe meinen Heiland gefunden; nun ist alles gut, nun ist mir ewig wohl!“ und weiter: „Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden.“ Maydell, der vielbelesene Protestant, nahm sich des Suchenden herzlich an und half ihm getreulich. Besonders machte er ihn mit der Bibel und mit Luthers Schriften bekannt. Auch Richard Rothe, der damals Prediger an der preußischen Gesandtschaftskapelle in Rom war, nachmaliger Doktor und Professor der Theologie und geheimer Kirchenrat zu Heidelberg, ein Mann von großer Bedeutung, gewann viel Einfluß auf unseren suchenden Jüngling. Auf Wunsch eines großen Teiles der evangelischen Künstler Roms veranstaltete Rothe (Brief an seine Eltern vom 21. Februar 1824 und andere Nachrichten, vergl. Friedrich Nippold „Richard Rothe“) Vorträge über Kirchengeschichte zur Förderung des evangelischen Sinnes und Glaubens; diese Vorträge gingen wohl auch in recht lebhafte Gespräche über und gaben zu mannigfaltigen Erörterungen Anlaß. Hieran beteiligte sich unser Künstler mit größtem Eifer. Den damals in Rom lebenden deutschen Künstlern war Kunst ohne Religion undenkbar; die beiden Elemente waren ihnen zueinemverschmolzen, von welchem sie tief durchdrungen waren. Wie ernst die Künstler ihr Christentum nahmen und hielten, darüber spricht sich unser Meister nach vierundvierzig Jahren in einer Tagebuchaufzeichnungvom 20. August 1868 aus: „Bedeutend ist die romantische Kunstperiode in Rom im Vergleich zu den gleichzeitigen Bestrebungen der romantischen Dichter in Beziehung zum Christentum. Die ersteren machten Ernst damit, machten es zur Lebensaufgabe; bei letzteren war es teils Dekoration oder ästhetische Ansicht und Meinung, bei den Künstlern ein Leben, nicht sowohlnachihrem Glauben, sondernausdem Glauben.“ Die Protestanten fanden vielfach, dem romantischen Zuge der Zeit entsprechend, in ihrer Kirche nicht das, was sie suchten, es neigten viele zur katholischen Kirche; unter anderen traten die Maler von Rhoden aus Kassel und der Lübecker Overbeck zum Katholizismus über. Es mag viel gestritten und gerungen worden sein. Hier war auch bei den Streitigkeiten hin und her der Vergleich zwischen den beiden christlichen Kirchen gebraucht worden, man möge sich beide wie zwei verschiedene Regimenter vorstellen, die, verschiedene Uniformen tragend, doch einem Könige dienten.
Abb. 33.Die Lutherlinde in Ringetal.Radierung. 1839.Verlag von Carl Gräf (E. Arnold) in Dresden. (ZuSeite 47.)
Abb. 33.Die Lutherlinde in Ringetal.Radierung. 1839.Verlag von Carl Gräf (E. Arnold) in Dresden. (ZuSeite 47.)
In dem Hause des damaligen preußischen Gesandten beim päpstlichen Stuhle, Freiherrn von Bunsen, fand Richter eine freundliche und sehr wohlwollende Aufnahme.
In dieser Zeit hatte Schnorr einen Teil seiner viel bewunderten und großes Aufsehen machenden Landschaften gezeichnet. Es sind über hundert Blätter geworden, die im Besitze seines Freundes Eduard Cichorius aus Leipzig sind. Diese Zeichnungen beeinflußten Richter stark; sie waren ihm ein Wegweiser, wie stilvolle Auffassung mit Naturwahrheit zu verbinden sei.
Im Frühjahr 1825 ging Richter nach Neapel und Amalfi bis Pästum, später mit Maydell bis zum Herbst nach Civitella, wo er viele Zeichnungen und Studien sammelte. Wir bringen aus dieser Zeit nur eine figürliche Zeichnung (Abb. 12).
Er fühlte sich krank, Brustschmerzen quälten ihn besorgniserregend, er hatte viel mit Schmermut zu kämpfen. In der Biographie ist ein Gedicht von ihm, „Sehnsucht“, abgedruckt, das einen tiefen Einblick in seine Stimmung gewährt. Nach Rom ins Winterquartier zurückgekehrt, ging er an die Ausführung eines größeren Ölbildes „Blick in das Tal von Amalfi“, die Komposition dazu hatte er nach seinen in Amalfi im Sommer gesammelten Studien in Civitella vorbereitet. Wir geben hier eine Nachbildung des Gemäldes, das sich jetzt im Museum in Leipzig als Geschenk von E. Cichorius befindet (Abb. 13).
Abb. 34.Luther auf der Wartburg.1840.Aus Duller, Deutsche Geschichte.Verlag von Gebr. Paetel in Berlin. (ZuSeite 47.)
Abb. 34.Luther auf der Wartburg.1840.Aus Duller, Deutsche Geschichte.Verlag von Gebr. Paetel in Berlin. (ZuSeite 47.)
Aus dem sonnigen, lachenden, an der Küste des Mittelländischen Meeres liegenden Amalfi hinaufsteigend gelangt man in ein herrliches Tal mit zu beiden Seiten terrassenförmig abfallenden,zum Teil steilen Wänden. Zwischen Zitronen- und Orangengärten und Kastanienwäldern taucht gar bald der im weichen Blau hell schimmernde Golf von Salerno auf, und hier ist ungefähr der Standpunkt, den Richter für sein Bild gewählt hat. An einem im Wald sich verlierenden Pfad lagert ein junges Menschenpaar, ein Kindlein herzend. Talabwärts schreitet elastischen Schrittes ein stattliches Weib, neben ihm ein Mann, der einen bepackten Esel führt. Im blumigen Vorgrund steht, auf seinen Stab gestützt, ein Hirt, nach dem Meer hinausschauend, links ein klares Wässerchen, zierliche weiße Doldenpflanzen an seinen Rändern; rechts zwei Ziegen mit einem säugenden Zicklein. Im weiteren Mittelgrunde die stolzen Felswände, hinter dem Walde Häuser, aus denen leichter Rauch aufsteigt. Richter schreibt über dieses Bild in seinen Lebenserinnerungen: „Auch meine Landschaft trägt den charakteristischen Zug an sich, welcher fast allen Bildern eigen ist, die in jener Zeit von deutschen Künstlern in Rom gemalt wurden: eine gewisse feierliche Steifheit und Härte in den Umrissen, Magerkeit in den Formen, Vorliebe zu senkrechten Linien, dünner Farbenauftrag usw. Die Vorliebe für die altflorentiner und altdeutschen Meister bannte auch in deren Handweise.“ An einer anderen Stelle findet sich die nachfolgende hochinteressante Bemerkung, die wir hier einfügen wollen, weil sie für die damaligen Anschauungen maßgebend war: „Über das Zurückgreifen zu den ältesten Meistern, Giotto, Eyck und ihren Zeitgenossen, ist mir die Äußerung des berühmten Canova zu Baptist Bertram, dem Freunde Boisserées, merkwürdig erschienen, als er dessen Sammlung altdeutscher und altniederländischer Gemälde, damals noch in Heidelberg, jetzt in München, betrachtet hatte. Er meinte, hier bei dieser ältesten Kunst müßten die Maler wieder den Faden anknüpfen, wenn sie auf lebensvollere Bahnen kommen wollten; wer von Raffael ausgehe, könne nicht weiter hinauf-, sondern nur hinabsteigen.“ (S. Boisserée, „Leben und Briefe“).
Abb. 35. Zeichnung zumLandprediger von Wakefieldvon Oliver Goldsmith. Übersetzt von Ernst Susemihl. 1811. Fünfte Auflage. C. F. Amelangs Verlag in Leipzig. (ZuSeite 38und47.)
Abb. 35. Zeichnung zumLandprediger von Wakefieldvon Oliver Goldsmith. Übersetzt von Ernst Susemihl. 1811. Fünfte Auflage. C. F. Amelangs Verlag in Leipzig. (ZuSeite 38und47.)
Welch einen Fortschritt zeigt dieses Bild gegen das vorher gemalte „Rocca di Mezzo“, in dem das Absichtliche und Kulissenhafte trotz großer Reize in der Zeichnung weniger befriedigend wirkt. Das Tal von Amalfi ist das schwungvollste seiner italienischen Bilder und als ein wichtiger Wendepunkt in Richters künstlerischer Entwickelung in Italien zu betrachten. Schnorr, der ihn, als er mit der Aufzeichnung des Bildes fertig war, besuchte, erbot sich, die ziemlich großen Figuren des Bildes auf einer Pause zu überzeichnen; diese Überzeichnung war so schön ausgeführt, daß Richter darüber hochbeglückt war; er hat sie bis an sein Lebensende als ein teures Angedenken bewahrt. Das Bild mit seinen Figuren erregte auf der Ausstellung in Dresden Aufsehen. Um nun bei seinen weiteren Bildern in den Figuren nicht zurückzubleiben, mußte er sich noch eingehender mit dem Studium menschlicher Figuren beschäftigen, und schon bei einem nächsten Bilde, das er in Dresden ausführte, gelangen ihm dieselben noch besser, und so ging es schrittweise vorwärts, bis endlich in den späteren Zeichnungen für den Holzschnitt die Figuren zur Hauptsache wurden und die Landschaft in den Hintergrund trat. Insofern zweigte sich hier sein späterer und wohl recht eigentlicher Weg von der seitherigen Bahn ab. Noch war er sich aber bewußt, daß die ideale, sogenannte historische Landschaft seiner innersten Neigung entsprach. Wie ganz anders aber sollte sich seine Künstlerlaufbahn in der Folge gestalten, nach wie ganz anderen Zielen wurde er gedrängt! Im Herbst desselben Jahres kamen noch drei sächsische Landsleute nach Rom, die Geschichtsmaler Karl Peschel, Zimmermann und W. von Kügelgen. Mit diesen drei Männern entwickelte sich in der Folge ein seltenes Freundschaftsverhältnis, das in den tiefsten und heiligsten Überzeugungen des Herzens begründet war. Und besonders rührend war Richters Verhältnis zu Peschel, mit dem er über vier Dezennien an der Kunstakademie als Lehrer tätig war; beide nahmen an den gegenseitigen Arbeiten, bis der Tod sie schied, den innigsten, ernstesten Anteil.
Am 1. April 1827 wanderte Richter wieder nordwärts, zur Porta del Popolo hinaus, begleitet von seinem lieben Freunde Maydell und den anderen Genossen. Am Ponte Molle trank man den üblichen Abschiedstrunk, Maydell wanderte mit ihm bis zum Monte Soracte, hier übergab er ihm ein kleines Büchlein, in welches er im Laufe des Winters mit der feinsten Feder auf über 90 Seiten je 2 Bibelsprüche eingeschrieben hatte, auch Richard Rothe hatte einige solcher hinzugefügt, dann trennten sich mit Tränen in den Augen beide Freunde, Maydell kehrte nach Rom zurück, Richter schritt der Heimat zu, wohin ihn ein holder Magnet zog.
Abb. 36. Zeichnung zumLandprediger von Wakefield. (ZuSeite 47.)
Abb. 36. Zeichnung zumLandprediger von Wakefield. (ZuSeite 47.)
In Dresden angekommen, eilte er von den Eltern weg sogleich zu seiner „Auguste“, einer Bekanntschaft aus der „Tanzstunde“. Auguste Freudenberg (Abb. 14), deren Eltern in der Niederlausitz ein Landgut in Pacht und in den Kriegsjahren große Not und die schwersten Zeiten durchgemacht hatten und früh gestorben waren, wurde als vierjähriges Kind von kinderlosen Verwandten, dem Akziseinnehmer Ephraim Böttger in Dresden, an Kindes Statt angenommen und für ihre Erziehung auch höchst gewissenhaft gesorgt. „Augustens anspruchsloses, ruhiges Wesen, das sich doch überall resolut und heiter in praktischer Tat erwies“, war so recht nach unseres Künstlers Sinn! Es ist wie ein Bild, von ihm gezeichnet,wie er dieses Wiedersehen in seiner Biographie schildert.
Sein nächstes Bild in der Heimat war „Aus dem Lauterbrunner Tal“; wohin das Bild gekommen, ist nicht bekannt. Der durch seine bedeutende Galerie von Gemälden und Handzeichnungen bekannte Baron von Quandt in Dresden, der damals viel Einfluß auf Kunst und Künstler hatte und sich für Richter interessierte, ermutigte ihn zur Ausführung dieses Bildes, um es zur Ausstellung nach Berlin zu schicken, wo man einen Lehrer für das Landschaftsfach der Akademie suchte. Das Bild gefiel aber dort nicht, und es kam zu keiner Berufung. Quandt bestellte bei ihm zwei italienische Landschaften, nach Motiven von Arriccia und Civitella.
Abb. 37. Zeichnung zumLandprediger von Wakefield.(ZuSeite 47.)
Abb. 37. Zeichnung zumLandprediger von Wakefield.(ZuSeite 47.)
An einem Sonntagmorgen in aller Frühe, am 4. November 1827, rollte durch die noch ganz dunklen, stillen und engen Gassen Dresdens ein Wagen und hielt vor der erleuchteten evangelischen Kreuzkirche; Gemeindegesang und das Orgelspiel verhallten, der Frühgottesdienst war zu Ende. Ein junger Mann mit seiner Braut entstiegen dem Wagen; es war unser Richter, der, „nachdem er sieben Jahre um seine Rahel gedient und geseufzt“, mit seinem Gustchen zum Altar trat; „wir gaben uns die Hände in Gottes Namen und empfingen den Segen der Kirche.“ „Die angetraute Gefährtin,“ schreibt er in der Biographie, „ward mir ein Segen und das treueste Glück meines Lebens während der 27 Jahre, welche Gott sie mir geschenkt.“
So war denn ein, wenn auch sehr bescheidener Hausstand gegründet. Von einer Hochzeitsreise war selbstverständlich nicht die Rede.
Abb. 38. ZumLandprediger von Wakefield.(ZuSeite 47.)
Abb. 38. ZumLandprediger von Wakefield.(ZuSeite 47.)
Innerhalb der nächsten Monate vollendete er das für Quandt bestimmte Bild „Abend und Heimkehr der Landleute nach Civitella“. Das Mädchen, welches sich nach dem Beschauer wendet, trägt die Züge seines „Gustchen“. Einefreie Wiederholung dieser Komposition aus späterer Zeit istAbb. 180, unter welche Dantes Vers geschrieben ist:
„Der Tag ging unter, und des Äthers BräuneRief die Geschöpfe, die da sind auf Erden,Von ihrer Mühsal. — —“Inferno, 2. Gesang.
„Der Tag ging unter, und des Äthers BräuneRief die Geschöpfe, die da sind auf Erden,Von ihrer Mühsal. — —“Inferno, 2. Gesang.
„Der Tag ging unter, und des Äthers BräuneRief die Geschöpfe, die da sind auf Erden,Von ihrer Mühsal. — —“
„Der Tag ging unter, und des Äthers Bräune
Rief die Geschöpfe, die da sind auf Erden,
Von ihrer Mühsal. — —“
Inferno, 2. Gesang.
Inferno, 2. Gesang.
Abb. 39.Teil des Figurenfrieses vom Vorhang des alten Dresdener Hoftheaters.1843.Nach der Farbenskizze. (ZuSeite 49.)
Abb. 39.Teil des Figurenfrieses vom Vorhang des alten Dresdener Hoftheaters.1843.Nach der Farbenskizze. (ZuSeite 49.)
Abb. 40.Teil des Figurenfrieses vom Vorhang des alten Dresdener Hoftheaters.1843.Nach der Farbenskizze. (ZuSeite 49.)
Abb. 40.Teil des Figurenfrieses vom Vorhang des alten Dresdener Hoftheaters.1843.Nach der Farbenskizze. (ZuSeite 49.)
Es ist eine Eigenart Richters, daß er die menschlichen Figuren in seinen Bildern weit über den Rahmen der „Staffage“ hinaus behandelt und darstellt, eine Eigenart, die sich gleich bei den ersten Bildern (Abb. 10und13) auffällig macht. In den „Biographischen Aufsätzen“ von Otto Jahn finden wir in den ausgezeichnet geschriebenen „Mitteilungen über Ludwig Richter“ diese Eigentümlichkeit unseres Meisters sehr interessant beleuchtet und entnehmen denselben folgendes: „Man würde irren, wollte man das Charakteristische der Richterschen Landschaft darin sehen, daß die Staffage mit mehr Vorliebe und Sorgfalt oder mit mehr Geschick behandelt sei, als es gewöhnlich der Fall ist. Man kann bei Richter gar nicht mehr von Staffage sprechen, insofern diese eine an sich unwesentliche Zugabe, ein willkommener, aber auch wohl entbehrlicher Schmuck der Landschaft ist. Er benutzt nicht menschliche Figuren und Gruppen, um Lücken der landschaftlichen Komposition auszufüllen, um Abwechselung hineinzubringen, oder den Vorgrundzu beleben, nein — der Mensch in jenen einfachen natürlichen Verhältnissen, welche in Wahrheit der eigentlichste und höchste Vorwurf aller Kunst sind, ist der selbständige Gegenstand seiner Darstellungen.“ Auch Schinkel äußert sich bei Betrachtung dieses Bildes in den dreißiger Jahren in ähnlicher Weise: „Es wäre ein Irrtum, wollte man meinen, das Landschaftliche sei von Richter zurückgedrängt und etwa zum Rahmen oder auch zum Hintergrunde für die Darstellung menschlicher Empfindung oder Tätigkeit herabgesetzt. Im Gegenteil, die Landschaft erscheint in ihrer vollen Selbständigkeit, als ein Ganzes in Auffassung und Ausführung und nicht bloß äußerlich als Grundlage und Umgebung des menschlichen Tuns und Treibens“ usw. Er sagt zum Schluß: „Für einen solchen wahren Künstler existieren schulmäßige Gegensätze nicht, wie die von Genre und Landschaft; aus sich heraus schafft er Werke, aus denen die Theorie lernen mag, daß die echte Kunst frei und unerschöpflich ist, wie die Natur, deren Grundgesetze auch die ihrigen sind.“
In den folgenden Ölbildern, die des Meisters Staffelei verlassen, hält er unentwegt fest an dieser Steigerung des Figürlichen: er hebt dasselbe sogar in einigen Bildern noch mehr hervor, wie in der „Überfahrt am Schreckenstein“ (Abb. 26) und in dem „Brautzug im Frühling“ (Abb. 58). Ein einziges Bild kenne ich von ihm, in welchem er sich im Figürlichen nur auf eine untergeordnete Staffage beschränkt; es ist die „Apenninenaussicht“, ein Blick auf das Volskergebirge vom Stadttor von Palestrina.
Aus dem Jahre 1827 ist das Porträt Richters, von seinem Freund Karl Peschel gezeichnet (Abb. 15).
Abb. 41.Helene.Gezeichnet 1842. (ZuSeite 51.)
Abb. 41.Helene.Gezeichnet 1842. (ZuSeite 51.)
Abb. 42.Abendandacht.Ölbild. 1842. Museum zu Leipzig. (ZuSeite 51.)
Abb. 42.Abendandacht.Ölbild. 1842. Museum zu Leipzig. (ZuSeite 51.)
Die Aussichten wurden jetzt für Richter recht trübe. Freund Arnold, welcher ihm einen Jahresgehalt von 800 Talern auf mehrere Jahre in Aussicht gestellt hatte, zog, infolge von Geschäftsverlusten entmutigt, sein Anerbieten zurück, und Richter mußte nun wieder in der Hauptsache „An- und Aussichten“ radieren.
1828 wurde ihm eine erledigte Lehrerstelle an der neben der berühmten königlichen Porzellanmanufaktur in Meißen bestehenden Zeichenschule, eine Filiale der Dresdener Kunstakademie, mit 200 Talern Gehalt angetragen; er nahm diese Stellung an, und nach vierzehn Tagen siedelte er nach Meißen über. Die malerisch am Ufer der Elbe gelegene altertümliche Stadt, überragt von der herrlichen Albrechtsburg und dem Dom, zog ihn sehr an; hatte er sich doch in Rom im stillen immer gewünscht, in solch einer Stadt schaffen und arbeiten zu können, hatte er doch noch ganz besonders auch an Meißen dabei gedacht. Freilich sah das in Wirklichkeit etwas anders aus, und zu rechter Freudigkeit kam er dort nicht. Er schildert selbst zwar das Leben in dem an der hohen Schloßbrücke gelegenen alten Hause, dem „Burglehen“, mit sieben Stockwerken, von denen fünf unter dem Niveau der Schloßbrücke lagen, die behagliche im obersten Stockwerk befindliche originelle Wohnung, mit dem herrlichen Blick auf das altehrwürdige Schloß und die weite, weite Fern- und Umsicht; er schildert das Leben im Hause mit der jungen Frauund später mit den Kindern (am Tage Mariä Himmelfahrt 1828 war sein erstes Kind Maria geboren), wie er am Abend, den Kindern zeichnend Geschichten und Märchen erzählte, oder zur Gitarre am blauen Bande sang, wie das in damaliger Zeit allgemein beliebt war und welche besonderen Freuden- und Festtage es waren, wenn die Freunde aus Dresden ihn besuchten. Hier im Hause fanden die jungen Eheleute freundlichen Verkehr mit einer Predigerswitwe und deren zwei liebenswürdigen schönen Töchtern; Richter erinnert sich dieser später, als er die Blätter zum Landprediger von Wakefield zeichnete (Abb. 35). Der Kunstforscher J. D. Passavant suchte ihn in Meißen auf, auch Freund Maydell auf seiner Rückreise nach Rußland, ebenso Richard Rothe auf der Reise von Rom nach Wittenberg, wohin er als Lehrer am theologischen Seminar berufen war. Richter schreibt über den Besuch des letzteren: „Mir war es eine innige Freude, den teuren römischen Freund wiederzusehen; denn für mich waren diese ‚Römer‘ alle mit einer Lichtatmosphäre umgeben, im Gefühl der so glücklich mit ihnen in Rom verlebten Tage.“ An einer anderen Stelle der Biographie schreibt er: „Welches Glück und welchen Segen gewährt eine Verbindung mit so herzlichen Freunden in der frischen Jugendzeit, wenn sie gemeinsam nach den idealsten Zielen streben; in einer Umgebung, welche die reichsten, bedeutendsten Anregungen bietet. Durch nichts beengt, genügsam und deshalb um so sorgenfreier, durchleben sie einige Jahre goldener Freiheit; die Erinnerung daran durchduftet wie ein Blumengeruch das ganze Leben und trägt Poesie in die Prosa oder Schwüle, welche spätere Jahre unvermeidlich mit sich bringen und bringen müssen, wenn der Mensch sich tüchtig entwickeln soll.“
Abb. 43. ZuStumme Liebe. Musäus’ Volksmärchen. 1842.Mit Genehmigung der Verlagshandlung Haendcke & Lehmkuhl in Hamburg. (ZuSeite 51.)
Abb. 43. ZuStumme Liebe. Musäus’ Volksmärchen. 1842.Mit Genehmigung der Verlagshandlung Haendcke & Lehmkuhl in Hamburg. (ZuSeite 51.)
Die Meißner Zeichenschule war wie die Porzellanmanufaktur in der Albrechtsburg untergebracht, die Schule selbst mit guten, zum Teil vorzüglichen alten Gemälden, unter anderem Bilder von Palma vecchio, ausgestattet, welche nach Schließung der Schule in die Dresdener Galerie, von der sie einst entlehnt waren, zurückgebracht wurden. Der Meister wanderte nun täglich — er wohnte hoch oben über der Stadt im Bereiche zweier Burgtore — über die mit hohen Zinnen bekrönte Schloßbrücke mit herrlichem Blick auf das Meisatal, auf die tief unten liegende Stadt, den Elbstrom und das weite Tal bis nach den böhmischen Bergen hin, durch das innere Burgtor über den schönen Dom- und Schloßplatz, aber, wie schön das auch war — er fühlte sich wie verbannt und vereinsamt.Die mit ihm tätigen Lehrer, unter ihnen der sehr geschätzte Glasmaler Scheinert, kamen in kein näheres Verhältnis zu ihm; zudem war seine Gesundheit nicht die beste und nicht die festeste, und so ist ihm die Zeit bis zum Dezember 1836, wo die Zeichenschule aufgehoben wurde, eigentlich doch mehr eine Leidenszeit gewesen. Von seinen ersten Schülern nennen wir Pulian, der später in Düsseldorf lebte, und den früh in Rom verstorbenen Haach. Aus dem Jahre 1828 ist die reizvolle Federzeichnung (Abb. 16), eine komponierte Landschaft: Blick über hügeliges, mit jungem Kastanienwald bestandenem Terrain nach aus der Ebene sich erhebenden Bergzügen (es ist der Monte Gennaro mit den Vorbergen von Monticelli). Für einen Kunstfreund Demiani in Leipzig führte er seineersteAquarelle — vielleicht schon 1828 — aus, einen Erntezug in der Campagna, eine zweite Aquarelle kam in die Sammlung des Königs Friedrich August; die Aquarellmalerei machte ihm große Freude. Hier in Meißen malte er nun eine Reihe Ölbilder nach italienischen Motiven: 1829 die schon genannte Apenninenaussicht nach dem Volskergebirge und weiter Rocca di Mezzo; 1830 eine Gegend am Monte Serone während eines Gewitters, jetzt im Städelschen Institut in Frankfurt am Main, eine Ansicht von Bajä, Blick auf Ischia und Capri, und einen Brunnen bei Arriccia an der alten Via Appia; letztere 1831 noch einmal, mit anderen Figuren belebt, in Aquarell (Abb. 17); sodann einen Brunnen bei Grotta Ferrata, 1834 ein Motiv vom Lago d’Averno bei Neapel. Von den meisten seiner Bilder, die er an den sächsischen Kunstverein verkaufte, aber auch von Bildern von E. Oehme, Lindau in Rom, Genremaler Hantzsch, Most und Mende, radierte er treffliche Blätter für die Kunstvereinschronik.
Abb. 44. ZuRübezahl. Musäus’ Volksmärchen. 1842. (ZuSeite 51.)
Abb. 44. ZuRübezahl. Musäus’ Volksmärchen. 1842. (ZuSeite 51.)
Die Gedächtnisfeier des dreihundertjährigen Todestages Albrecht Dürers wurde von den Künstlern in allen deutschen Gauen mit hoher Begeisterung begangen. Bei Gelegenheit der Feier in Dresden wurde, angeregt durch Freund Peschel, der Sächsische Kunstverein gegründet, welcher in der Folge unserem Richter eine große Stütze wurde, den Künstlern vielen Segen brachte und noch heute in Dresden in Blüte steht. Wenn ich nicht irre, war der sächsische einer der ersten, wenn nicht überhaupt der erste Kunstverein in Deutschland, Goethe zählte zu seinen Mitgliedern. Am Abend dieses Tages, an welchem unser junger Meister einsam, dienstlich verhindert,in Meißen sitzt, — sein Gustchen war noch in Dresden zurückgeblieben, weil die gemietete Wohnung noch nicht frei war, — und an die in Dresden festlich versammelten Genossen denkt, bringt ihm der Postbote eine Sendung von Arnolds Kunsthandlung in Dresden: „Dürers Leben der Maria.“ Mit welch wonnigem Gefühl betrachtet er die herrlichen Blätter, die er bei Philipp Veit in Rom kennen gelernt! Für 22 Taler waren sie sein eigen geworden! Welche hohe Summe für seine Verhältnisse! Aber wieviel Zinsen hat sie ihm auch gebracht! — 1830 radierte er eine Folge von sechs Blättern „Malerische Ansichten aus den Umgebungen von Salzburg“ für C. Börner in Leipzig, der in Rom als Maler mit ihm zusammen war, die ausübende Kunst aber aufgab, einen Kunsthandel und Kunstverlag gründete und bis an sein Lebensende mit Richter in regem Verkehr blieb; 1832 erscheint eine zweite Folge: „Malerische Ansichten aus den Umgebungen von Rom“ in demselben Verlag. Wir bringen von jeder Folge ein Blatt (Abb. 18und19).
Abb. 45. ZuStumme Liebe. Musäus’ Volksmärchen. 1842. (ZuSeite 51.)
Abb. 45. ZuStumme Liebe. Musäus’ Volksmärchen. 1842. (ZuSeite 51.)
1831 zeichnete Freund Adolf Zimmermann unseres jungen Meisters Bild bei Gelegenheit eines Besuches in Meißen (Abb. 20). 1832 erschien das Buch „Biblische Historien“ von Franz Zahn. Richter war aufgefordert worden, im Verein mit C. Peschel und Berthold Illustrationen für Lithographie zu diesem Buche zu zeichnen; er übernahm davon dreizehn Blatt, davon ist eins „Die Vertreibung aus dem Paradies“ (Abb. 21). Diese Zeichnungen waren der Anfang seiner Tätigkeit als Illustrator; ein kleiner Anfang und — bis ans Ende seiner gesamten Tätigkeit hat man 3336 Blätter gezählt, welche er für Vervielfältigungen jeglicher Art gezeichnet hat; nicht eingeschlossen ist die lange, stattliche Reihe von Handzeichnungen. Welch eine reiche Tätigkeit! Noch ahnte Richter aber nicht, wo bei ihm der Schwerpunkt seiner hohen künstlerischen Veranlagung lag. Im folgenden Jahre malte er den „Erntezug in der römischen Campagna“, jetzt im Museum zu Leipzig (Abb. 22), 1834 eine „Abendandacht vor einem Madonnenbilde, Gegend am Monte Serone.“ Für die Arnoldsche Buchhandlung radierte er „Die Sächsische Schweiz“, eine Anzahl größerer und kleinerer Darstellungen. Wir geben 2 davon inAbb. 23und24. Nun wurde er auch beauftragt, zum historischen Bildersaal der sächsischen Geschichte von A. Textor Zeichnungen für Lithographie zu liefern, bis zum Jahre 1836 dreiundzwanzig Zeichnungen. Er wagt sich an die rein figürlichen Darstellungen, fürchtet sich aber vor der abfälligen Kritik der Fachmänner, der Figurenmaler.
Inzwischen hatte er auch versucht, weil die Erinnerungen an die italienische landschaftliche Natur mehr und mehr an Intensivität verloren haben mochten, Bilder kleinerenFormates nach Motiven aus Meißen und Umgebung zu malen, unter anderem eine Ansicht des imposanten Meißner Schlosses, einen herbstlichen Wald mit Staffage und 1835 eine Sommerlandschaft aus dem Triebischtal. Er ist aber immer noch im Bann der italienischen Landschaft.
Abb. 46. ZuMelechsala. Musäus’ Volksmärchen. 1842. (ZuSeite 51.)
Abb. 46. ZuMelechsala. Musäus’ Volksmärchen. 1842. (ZuSeite 51.)
Jetzt kam eine schwere Zeit für Richter. Das 1834 gemalte Ölbild vom Lago d’Averno verkaufte er nicht, ebensowenig das unter Krankheit vollendete „Rocca di Mezzo“. Bis jetzt waren die Einnahmen noch auskömmlich gewesen, nun wurde seine Lage sehr ernst. Durch den Geschichtsmaler Karl Bähr, später Lehrer an der Kunstakademie in Dresden, wurde ihm der Auftrag, für einen Kunstfreund in Reval eine italienische Landschaft zu malen. Nach einigen Monaten war das Bild, ein Motiv von Aqua Acetosa, dem Sauerbrunnen am Tiber bei Rom, fertig. Bähr beabsichtigte mit dem Architekten Herrmann nach Rom zu reisen und hätte unseren Richter gern mitgenommen, deshalb hatte er die Bestellung auch ausgewirkt. Richter konnte an eine so weite Reise nicht denken, hoffte aber, Freund Bähr bis nach Oberitalien begleiten zu können, um am Gardasee, dem Eingang zum „gelobten Lande“, Studien zu machen. Für die italienischen Seen und deren Seitentäler hatte er immer eine besondere Schwärmerei. 1867 schreibt er nach Rom an dort weilende Schüler: „Ich denke im Herbst dieses Jahres einen Anlauf auf den Gardasee zu nehmen. Ich bin immer der Meinung, es müsse dort etwas Erkleckliches für den Landschafter abfallen können; auch scheint mir das Italien, wie man es an jenen Seen findet, dem Ideal zu entsprechen, das man im allgemeinen in Deutschland von dem schönen Lande hat.“ Da erkrankte seine Frau schwer und ernst an einer Abszeßbildung, die große Schmerzen verursachte und lebensgefährlich war. Ernst Rietschels, des Bildhauers, erste Frau war demselben Leiden kurz vorher erlegen. Die Kranke wurde schwächer und schwächer, bis nach langen, bangen Wochen endlich eine Wendung eintrat und die Gefahr vorüber war. Inzwischen waren die Reisegefährten längst nach Italien abgereist und Richters Reisekasse durch die Krankheit arg zusammengeschmolzen. Auf Zureden seiner genesenen Frau unternahm er eine zwölftägige Reise durch das Elbtal nach Böhmen. Jedem, deraus Sachsen bei Tetschen in das Böhmerland eintritt, wird der mit einemmal ganz veränderte, weitaus mehr südliche Charakter der Landschaft überraschen. Das hat auch unser wandernder Maler erfahren. Die Augen gingen ihm plötzlich auf über die Schönheit dieser deutschen Landschaft. An der Elbe zwischen Aussig und Lobositz sammelte er nach Möglichkeit Skizzen. Am Schreckenstein, der Lurlei der Elbe, einem steil in die Elbe abfallenden Klinksteinfelsen von ziemlicher Höhe, bekrönt durch malerische, ausgedehnte Ruinen der von den Hussiten 1426 zerstörten Burg, fand er besonders reiche und schöne Motive. Und nun war unser Meister von seiner fast krankhaften Sehnsucht nach Italien geheilt.
„Aug’, mein Aug’ was sinkst du nieder?Goldne Träume, kehrt ihr wieder?Weg, du Traum, so Gold du bist;Hier auch Lieb’ und Leben ist!“
„Aug’, mein Aug’ was sinkst du nieder?Goldne Träume, kehrt ihr wieder?Weg, du Traum, so Gold du bist;Hier auch Lieb’ und Leben ist!“
„Aug’, mein Aug’ was sinkst du nieder?Goldne Träume, kehrt ihr wieder?Weg, du Traum, so Gold du bist;Hier auch Lieb’ und Leben ist!“
„Aug’, mein Aug’ was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kehrt ihr wieder?
Weg, du Traum, so Gold du bist;
Hier auch Lieb’ und Leben ist!“
Abb. 47.Harmlose Freude.Aus Nieritz’ Volkskalender. 1855.Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (ZuSeite 54.)
Abb. 47.Harmlose Freude.Aus Nieritz’ Volkskalender. 1855.Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (ZuSeite 54.)
Mit Begeisterung ging er an die Ausführung neuer Bilder nach böhmischen Motiven. Gleich das erste Bild, „Aufsteigendes Gewitter am Schreckenstein“, fiel auf der Ausstellung auf und wurde vom Kunstverein angekauft; jetzt ist es durch Schenkung des Herrn E. Cichorius im Museum zu Leipzig. Wir geben eine Abbildung nach einer gleichzeitigen Aquarelle (Abb. 25). Seine „Überfahrt am Schreckenstein“ machte 1837 besonderes Aufsehen. Herr von Quandt erwarb das Bild für seine Galerie; jetzt ist es im Museum zu Dresden (Abb. 26). Über den ruhig dahingleitenden, den Abendhimmel widerspiegelnden Fluß fährt ein mit allerhand Menschen besetzter Kahn; ein Greis singt zur Harfe; zu seinen Füßen lehnt über den Bord des Kahns ein Knabe, einen Zweig ins Wasser tauchend; zwei Wanderer folgen, der eine sitzt mit gesenktem Kopf, in Nachdenken versunken; der andere steht auf den Stab gestützt, das Ränzel auf dem Rücken, ein Zweiglein an der Mütze und schaut zur einsamen Ruine hinauf, er trägt die Züge des jüngsten Bruders Richters: Julius; inmitten des Nachens ein Liebespaar; das still vor sich hinschauende, dem Gespräche ihres Schatzes lauschende Mädchen mit dem Sträußchen in der Hand ist eine echte Richtersche Mädchengestalt, sinnig und — selbstverständlich blond. Ein Mädchen mit dem Rechen, neben ihr ein Korb mit frisch gemähtem Grase und der alte Fährmann mit seinem verwetterten Gesicht, das Pfeifchen im Munde, mit seinem Ruder den Kahn langsam leitend, bilden den Schluß, und so schwimmt die liebe Gesellschaft dem jenseitigen Ufer zu. Bewaldete Höhen und weit draußen Berge im Abendsonnenschein, am gelben Abendhimmel schwimmende, in Rosagetauchte, zarte, langgezogene Wölkchen, oben im Blau des Himmels die Mondsichel. Es klingen beim Betrachten dieses Bildes traute Volkslieder in der Seele des Beschauers an; wie leise Musik tönt es, und es bannt uns in den Zauberkreis echter deutscher Romantik.