Abb. 97.Zum Geburtstage.Aus „Altes und Neues“. 1873.Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (ZuSeite 64.)
Abb. 97.Zum Geburtstage.Aus „Altes und Neues“. 1873.Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (ZuSeite 64.)
Unser stillfriedfertiger Meister war in seiner Stellung an der Kunstakademie als Vorstand eines Ateliers für Landschaftsmalerei auch Mitglied des Senates, oder, wie man es in Dresden nennt, des „akademischen Rates“; er hat in Ausübung dieser Amtsverpflichtung sich oft recht unbehaglich gefühlt. 1853, am 6. November, schreibt er in sein Tagebuch ein: „In einer großen Kunst- und Künstlerstadt gibt’s Parteien, und die besten Leute, wenn sie einer Parteifahne folgen, saufen Unrecht wie Wasser, wie schon Hiob sagt, und schütten das Kind mit dem Bade aus. Es ist ja bei uns Malern auch so, und ich bin froh, daß ich, wie ich glaube, einen Standpunkt über den Parteien gefunden habe. Ich weiß, was die Kunst ist und was sie fordert, freue mich ihrer vielfachen Abstufungen und Richtungen, kenne ihre Verirrungen und Abwege und begnüge mich freudig mit dem Winkelchen, wo mir meine Stellung angewiesen ist, mögen sie andere über- oder unterschätzen, das macht mich nicht irre.“ Zu solchen Äußerungen wurde er offenbar durch lokale Vorkommnisse veranlaßt: In den Sitzungen des akademischen Rates waren die Verhältnisse unter den einzelnen Mitgliedern etwas zugespitzt. Es standen die sogenannte Münchener und die Düsseldorfer Malerschule, durch Schnorr einerseits und Bendemann und Hübner andererseits vertreten, rivalisierend sich einander gegenüber, ebenso der große Bildhauer Ernst Rietschel, der geniale Schöpfer der Braunschweiger Lessingstatue, des Goethe-Schillerdenkmals in Weimar, der Urheber der gewaltigen „Luthergestalt“ in Worms, gegenüber dem Bildhauer Ernst Hähnel, und es mag unserem Meister, dem nichts ferner lag als Parteigetriebe, oft der Unfriede das Herz beschwert haben. Wie oft seufzte er über die Last solcher Sitzungen! Er schreibt am 13. Dezember 1849: „Ich lege kein sonderliches Gewicht darauf, ob einer ein Künstler Nummer eins oder Nummer fünf oder sechs werde. Darauf aber lege ich alles Gewicht, daß einer die empfangenen Gaben in gutem Sinne für den Bau des großen, zukünftigen und in der Entwicklung stets vorhandenen Gottesreiches zu verwenden gelernt hat. Keine Kraft, auch die kleinste nicht, geht da verloren; sie ist ein Baustein für den großen Tempel, den der Herr in, aus und mit der Menschheit sich erbauen will und erbauen wird.“ Eine weitere Niederschrift vom Jahre 1850 beginnt: „Mir ist jedes Kunstwerk mehr Ausströmung der Empfindung, ein flüchtiges Tummeln im Blütengarten der Kunst. Wenn die Nachtigall in den Blüten singt, so ist das herrlich, aber wenn eine kleine Biene drinnen summt, so freut man sichauch darüber, sie gehört ebensogut in den Frühlingsgarten hinein wie Lerche und Nachtigall, und sie kann auch gerade so viel davon genießen als jene Hauptkünstler, wenn sie eben nur ihrer Natur getreu ist. Nur der eitle Kuckuck ist lächerlich.“ In Dresden, der Hochburg des Klassizismus, wurde er vielfach, seiner „Kleinkunst“ wegen, hochmütig von oben herab angesehen, wie aus solchen Aufzeichnungen auch klar hervorgeht. Die Zeiten wurden aber andere.
1858 bestellte die Fürstin Wittgenstein eine Zeichnung zu einem Geschenk für Franz Liszt. Unser Meister zeichnete die Kindersymphonie (Abb. 144). Das reizende Blatt erregte aber bei der fürstlichen Bestellerin „Bedenken“: sie sandte es zurück. (Im Verlag von Gaber & Richter erschien davon eine Lithographie von A. Karst.) 1859, zu Schillers hundertjährigem Geburtstage, ernannte die philosophische Fakultät der Universität Leipzig unseren Meister zum Ehrendoktor.
Abb. 98.Rotkäppchen im Walde.Bechsteins Märchenbuch. 1853.(ZuSeite 64.)
Abb. 98.Rotkäppchen im Walde.Bechsteins Märchenbuch. 1853.(ZuSeite 64.)
1859 vollendet Richter für E. Cichorius das Bild „Im Juni“, eine Frühsommerlandschaft; es will scheinen, als wären römische Erinnerungen in ihm wieder aufgetaucht, als hätte Tizians Landschaft in der Galerie Camuccini (Abb. 11) ihn hierzu mit beeinflußt. Im Vorgrund in blumiger Wiese unter blühenden Heckenrosen sitzt ein Liebespaar (ähnlich wie in Rembrandts Radierung „die Landschaft mit den drei Bäumen“), vielleicht Florizel und Perdita aus Shakespeares Wintermärchen; am Rand eines Eichenwaldes lagert eine Hirtenfamilie, im Mittelgrund erhebt sich junger Buchenwald, durch den über Felsen ein Wässerchen rieselt, draußen sieht man einen in weite Fernen sich verlierenden See, am Himmel schwimmen ballige Wolken, zwischen denen ein Stück Regenbogen sichtbar ist.Abb. 145ist nach einer flüchtigen Federskizze zu diesem Bild, das in der Farbe schwer, aber in der Behandlung weitaus breiter als frühere ist. Über zehn Jahre hatte das Ölmalen des Illustrierens wegenganz geruht. Die Frage drängt sich auf: Wie würde der Meister sich fortentwickelt haben, wenn er im Anschluß an den „Brautzug im Frühling“ weitere Ölbilder geschaffen hätte? Es ist sein letztes größeres Ölbild. Eine etwas kleinere Wiederholung, von seinem Schüler Adolf Arnold untermalt, vollendete er um das Jahr 1864 und stiftete es für die Lotterie zum Besten eines Fonds zur Erbauung eines Künstlerhauses in Dresden. Für die Seinen, für seinen Sohn Heinrich, für seinen Schwiegersohn Theodor Kretzschmar und seine beiden Töchter Helene und Elisabeth, malte er in der Folge noch einige kleine Ölbilder, meist Vorwürfe, die er bereits in Aquarell behandelt hatte. Er ließ sich diese Bildchen von Schülern untermalen und machte sie dann fertig. Eins dieser kleinen Bilder ist eine freie Wiederholung vom „Kleinen Teich im Riesengebirge“. Eine „Ruhe auf der Flucht“, dasselbe Motiv, das er in einer seiner letzten Aquarellen (Abb. 189) ähnlich behandelte, ein Bild von nicht zu großem Umfang, untermalte er Anfang der sechziger Jahre, auf Anraten eines sogenannten „Malenkönners“, braun in braun; diese Untermalung ist aber, weil sie sich als ganz unbrauchbar erwies, liegen geblieben; sein zunehmendes Augenleiden erschwerte ihm das Malen mehr und mehr.
Abb. 99.Hänsel und Gretel.Bechsteins Märchenbuch. 1853. (ZuSeite 64.)
Abb. 99.Hänsel und Gretel.Bechsteins Märchenbuch. 1853. (ZuSeite 64.)
Bei der Radierung der Platte „Christnacht“ hatten des Meisters Augen, wie vorher schon berichtet, sehr gelitten; um das Jahr 1859 steigert sich das Augenleiden, und es machen sich bereits in den Figuren gewisse Verschiebungen und ein auffallendes mehr in die Breite Ziehen der Formen bemerklich, eine Erscheinung, die mit den Jahren sich immer mehr steigert und augenscheinlicher wird. Von jetzt ab muß er beim Aufzeichnen auf den Holzstock fremde Hilfe heranziehen; man merkt an den Holzschnitten die andere Hand gar bald heraus, besonders am Figürlichen. Die Freiheit und Kraft des Striches geht verloren, trockene Linienführung und ebenso trockene Strichlagen zeigen sich mit wenig Ausnahmen mehr und mehr in den Holzschnitten.
Abb. 100.Die Christnacht.Radierung. 1854.Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (ZuSeite 65.)
Abb. 100.Die Christnacht.Radierung. 1854.Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (ZuSeite 65.)
Abb. 101.Ehre sei Gott in der Höhe!Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1855.Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (ZuSeite 66.)
Abb. 101.Ehre sei Gott in der Höhe!Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1855.Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (ZuSeite 66.)
Abb. 102.Esel streck’ dich.Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1851. Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (ZuSeite 66.)
Abb. 102.Esel streck’ dich.Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1851. Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (ZuSeite 66.)
Ein reizendes Blatt ist die „Heimkehr vom Felde“, 1858 gezeichnet (Abb. 146).
1858–1859 folgen vierundzwanzig Zeichnungen für Berthold Auerbachs „Deutschen Familienkalender“, 1860 das Buch für kleine Kinder: „Der gute Hirt“ mit neun Zeichnungen und 1862 „Es war einmal“ mit einundvierzig Bildern.
Die Anspruchslosigkeit dieser Bücher im Vergleich mit den oft auffrisierten modernen Kinderbüchern hat etwas Wohltuendes und gibt zu denken. Es sei uns gestattet, hier — gleichsam in Parenthese — etwas abzuschweifen und vor dem Einfluß des „Fremden“ in unseren Kinderbilderbüchern ein warnendes Wort auszusprechen. Um das Jahr 1880 brachen wie eine Sündflut englische Kinderbilderbücher von Kate Greenaway u. a. über Deutschland herein. Richter sah die ersten dieser Bücher sehr befremdet an. Die gemachte und gewaltsame englische Naivetät und die Unnatur dieser Bücher wurden gar bald in Deutschland Mode. Der Exportbuchhandel trug dazu mit bei. Nun verschwinden Moden glücklicherweise bald wieder, aber wir kranken eigentlich immer noch an deren Nachwirkungen. Das „Gemachte“, dem die englische Nation in solchen Werken stark zuneigt, liegt uns doch zu fern und widerstrebt dem deutschen Wesen. Möchte auch auf diesem Gebiete der von Grund aus gesunde Sinn unseres deutschen Volkes solches Fremde, Unwahre und Unechte fernerhin ablehnen und an seiner deutschen Eigenart festhalten! Wenn wir uns doch das Schielen nach „Fremdem“ abgewöhnen wollten! Unser Meister Richter hat uns hier die rechten Wege gewiesen und mit sicherem Blick die Ziele gezeigt, welche zu erstreben sind. Man vergleiche seine anspruchslosen, schlicht empfundenen Kinderbücher mit solchen fremdländischen. Wir bringen aus dem Buche:„Es war einmal“ nur das Schlußbild (Abb. 191): „Alles Ding hat seine Zeit, Gottes Lieb’ in Ewigkeit.“
Abb. 103.Was ihr getan habt dem geringsten meiner Brüder—Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1853. (ZuSeite 66.)
Abb. 103.Was ihr getan habt dem geringsten meiner Brüder—Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1853. (ZuSeite 66.)
Von „Folgen“ erschien 1861: „Der Sonntag“, über den wir schon anfangs sprachen; wir bringen daraus den Holzschnitt „In der Kirche“ (Abb. 147). Der Meister führt uns in das sogenannte „Betstübchen“ einer protestantischen Kirche; Bürgersleute mit ihren Kindern lauschen mit Andacht der Predigt; durch das Fenster sieht man im Gotteshaus den Prediger auf der Kanzel und darunter die Gemeinde. Welch eine liebreizende Gestalt ist das junge Mädchen, das so sinnend vor sich hinschaut und das Gehörte in seinem Herzen bewegt! Weiter folgt das romantische Blatt: „Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht“ (Abb. 148). Das genesende Kind sitzt vor dem Haus im Sonnenschein unter blühendem Holunder, die Mutter erhebt dankerfüllt die Hände zu Gott; ihr, der Witwe, „Liebling und Einziges“ ist von schwerer Krankheit gesundet und zum erstenmal wieder unter Gottes freiem Himmel. Ein kleines Mädchen bringt ihm einen Strauß Blumen von der Waldwiese, Kätzchen und Hündchen spielen zu seinen Füßen, Tauben sonnen sich auf dem niederen Dach; auf dem Waldwege schreitet zum Besuch des Kindes eine weibliche Gestalt, begleitet voneiner Dienerin, über beiden Figuren schwebt ein Engel. Gewiß ist die schöne Komposition A. Rethels „Die Genesende“ nicht ohne Einfluß auf die Gestaltung dieses Bildes gewesen. Es folgt der Holzschnitt (Abb. 149) und eine Zeichnung (Abb. 150) „Heimkehr“. Eltern und Kinder kehren vom Besuch auf dem Lande durch wogende Kornfelder bei aufgehendem Vollmond nach der Stadt zurück; von großer Anmut und Lieblichkeit sind die beiden singenden Mädchen, die, Kränze im Haar, Blumengewinde und Lilien im Arm, den Eltern voranschreiten. Nichts von unwahrer Künstelei oderGemachtem oder gar flacher „Steckbriefprosa“, wie sich unser Meister bei Gelegenheit einmal ausdrückt!
Abb. 104.Kinderlust.1848. Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1851.Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (ZuSeite 67.)
Abb. 104.Kinderlust.1848. Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1851.Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (ZuSeite 67.)
Abb. 105.Der Schäfer putzte sich zum Tanz.Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1851. (ZuSeite 66.)
Abb. 105.Der Schäfer putzte sich zum Tanz.Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1851. (ZuSeite 66.)
Im Jahre 1862 unterhandelte der preußische Kultusminister von Bethmann-Hollweg mit Richter wegen einer Berufung an die Kunstakademie in Berlin; er schätzte und verehrte unseren Meister sehr, die Unterhandlungen zerschlugen sich aber, da der Minister bald darauf sein Amt niederlegte. Erst im Jahre 1874 wurde Richter zum Mitgliede der Berliner Akademie ernannt, als er bereits Stift und Palette aus der Hand gelegt hatte.
1863 starb des Meisters Mutter, die große stattliche Frau, die bis an ihr Lebensende sich ziemlich frisch und rege erhalten hatte; am 12. Oktober desselben Jahres starb auch seine zweite Tochter, Aimée, verehelichte Gaber, im Alter von neunundzwanzig Jahren.Dr.Heydrich schrieb der Heimgegangenen folgenden Nachruf:
O Herz voll Liebe, schlicht und treu,Dein Tagewerk ist früh vorbei!In Demut und in FrömmigkeitWar’s frisch und rüstig allezeit.Leb wohl, Du Herz so tief und mild,Leb wohl, Du lieblich Frauenbild!
O Herz voll Liebe, schlicht und treu,Dein Tagewerk ist früh vorbei!In Demut und in FrömmigkeitWar’s frisch und rüstig allezeit.Leb wohl, Du Herz so tief und mild,Leb wohl, Du lieblich Frauenbild!
O Herz voll Liebe, schlicht und treu,Dein Tagewerk ist früh vorbei!In Demut und in FrömmigkeitWar’s frisch und rüstig allezeit.Leb wohl, Du Herz so tief und mild,Leb wohl, Du lieblich Frauenbild!
O Herz voll Liebe, schlicht und treu,
Dein Tagewerk ist früh vorbei!
In Demut und in Frömmigkeit
War’s frisch und rüstig allezeit.
Leb wohl, Du Herz so tief und mild,
Leb wohl, Du lieblich Frauenbild!
Aufs neue mußte er durchkämpfen: „Wie ist das Kreuz so bitter!“ Aber auch diese Heimsuchungen ertrug er gottergeben, wenn auch tief erschüttert. — Ins Jahr 1863 fällt eine Arbeit Richters, welche die Freunde des „Daheim“ besonders interessieren wird: die gemütvolle Kopfzeichnung des beliebten Familienblattes, welche den ganzen traulichen Zauber des deutschen Hauses wiedergibt und von keinem ähnlichen übertroffen wird (Abb. 151).
Abb. 106.Ich habe mein Feinsliebchen so lange nicht gesehn.Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1851. (ZuSeite 67.)
Abb. 106.Ich habe mein Feinsliebchen so lange nicht gesehn.Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1851. (ZuSeite 67.)
Um das Jahr 1864 erhielt Preller infolge der Ausstellung seiner Odysseekartons einen Ruf an die Akademie in Dresden; diese Berufung kränkte und verwundete Richter; er sprach wiederholt die Absicht aus, seine Akademiestellung aufzugeben. Preller folgte schließlich diesem Rufe nicht, der Großherzog hielt ihn in Weimar fest. Die spätere Richtung Prellers schmeckte Richter zu sehrnach dem Kompositionsrezept nach N. Poussin, seine späteren Zeichnungen nach der Natur waren ihm zu sehr „geschrieben“. Die derbe Art Prellers im persönlichen Verkehr hatte zudem für unseren zartbesaiteten Meister oft etwas Unbequemes.
Abb. 107.Entwurf zu Otto I. an der Nordsee.Aus Bülau, Deutsche Geschichte. 1855–1858.Verlag von Otto Spamer in Leipzig. (ZuSeite 68.)
Abb. 107.Entwurf zu Otto I. an der Nordsee.Aus Bülau, Deutsche Geschichte. 1855–1858.Verlag von Otto Spamer in Leipzig. (ZuSeite 68.)
1864 folgt der „Neue Strauß fürs Haus“, — sechzehn Blätter. Von dieser köstlichen Folge bringen wir zuerst das „Kleinhandel“ benannte Bild (Abb. 152). Diese Komposition zeichnete Richter im Auftrage des bekannten Goethe-Freundes S. Hirzel in Leipzig im Jahre 1856. Hirzel hatte wiederholt den Wunsch geäußert, von Richter eine Zeichnung zu besitzen zu der Stelle aus Goethes „Geschwistern“: „Mir ist’s eine wunderliche Empfindung, nachts durch die Stadt zu gehen. Wie von der Arbeit des Tages alles teils zur Ruhe ist, teils danach eilt und man nur noch die Emsigkeit des kleineren Gewerbes in Bewegung sieht. Ich hatte meine Freude an einer alten Käsefrau, die mit der Brille auf der Nase beim Stümpfchen Licht ein Stuck nach dem anderen ab- und zuschnitt, bis die Käuferin ihr Gewicht hatte.“ Der Meister ging mit großem Interesse an den Auftrag und gestaltete so das prächtige, malerische Bild, das unsere Nachbildung nach einer Wiederholung der getönten Zeichnung aus demselben Jahre bringt. Der Holzschnitt von Gerhard Jördens ist eine Musterleistung. Ein weiteres Blatt dieser Folge ist das „Johannisfest“ (Abb. 153). Anmutig und frisch sind die Kinder gezeichnet, die um die Blumenpyramide einen Reigen tanzen, ein Brauch, der in Mitteldeutschland seit den sechziger Jahren wohl ganz verschwunden ist; es liegt ein Zug holden Behagens über diesem Bilde. Auch dieser Holzschnitt, von Kaspar Oertel, einem Schüler August Gabers, wie Gerhard Jördens, ist eine vorzügliche Leistung. In derAbb. 154schildert unser Meister das erste Ofenfeuer. Wie ist’s hier gemütlich im Stübchen! Draußen wettert es, Bello, der Hofhund, sitzt auch im Trockenen. Es folgtAbb. 155: „Gruselige Geschichten“ erzählt die Großmutter, alles Spiel ruht, hell leuchten die Augen der Kinder, erschreckt fährt ein Kind beim Platzen des Bratapfels im Ofen zusammen. Lieblich sind in dem folgenden Blatt die Kinder gezeichnet, die imWalde Beeren gesammelt haben: „Beiß mal ab, Hänschen“ (Abb. 156). In dieser Folge begegnen wir auch einem Blatt „Mondnacht“ und finden hier dieselbe landschaftliche Szenerie, wie auf dem früher erwähnten untermalten Bild und ähnlich wie inAbb. 189, aber mit veränderter Figurengruppe. Weiter folgt „Weihnachtstraum“, die schöne Komposition der Radierung „Die Christnacht“ variiert, aber vereinfacht, wie es das kleinere Format des Holzschnittwerkes verlangte. Die hier angefügte Gruppe der armen, frierend in einer Ecke sitzenden Kinder sind ein glücklich gewählter Gegensatz zu dem Weihnachtszauber, der über das ganze Bild ausgebreitet ist.
Abb. 108.Zum 14. November 1853.Kinderporträt.(ZuSeite 68.)
Abb. 108.Zum 14. November 1853.Kinderporträt.(ZuSeite 68.)
1866 radiert der Meister sein letztes Blatt, für E. Cichorius. Die Platte trägt die Unterschrift: „Meinem Freunde E. Cichorius“. Dargestellt ist eine Mutter, die vom Felde heimkehrt und ihr Knäblein zärtlich herzt, zur Seite ein größeres Mädchen und der Spitz, der die Sache betrachtet. Die liebenswürdige Gruppe von Mutter und Kind finden wir bereits ähnlich in den Löschkeschen Büchern von 1852 und öfters noch wiederholt und vielfach variiert, so auch inAbb. 146in „Altes und Neues“ usw.
Abb. 109.Kinderporträt.1857. (ZuSeite 68.)
Abb. 109.Kinderporträt.1857. (ZuSeite 68.)
Im selben Jahr erscheint „Unser täglich Brot“ mit achtzehn Holzschnitten. Der Titel zeigt im Schriftband die Worte: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ Diese Folge schildert das Korn vom Feld bis zur Mühle und als Brot im Haus, mit dem „Säemann“ und „Engel gießen den Tau über die Fluren“ beginnend. Von der Ährenlese geben wir inAbb. 157eine freie und reicher gestaltete Wiederholung der Komposition aus diesem Zyklus. Nach weiteren schönen Blättern folgt „Zur Mühle“ (Abb. 158). Im Tale liegt lauschig unter schattiger Linde eine kleine Mühle;im Gärtchen, das von Rosenbüschen eingehegt, bleicht die Müllersmaid Wäsche, über den Zaun lehnt sich ein junger Bursch und schaut dem Mädchen, das ihm Rosen an den Hut steckt, treuherzig ins Gesicht; draußen windet sich durch sonnige hügelige Landschaft der Weg nach der Höhe. Wie ein Bild von Van Eyck ist der Schlußakkord: „Denn dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben“ (Abb. 159). Maria sitzt mit dem Christuskinde im dunklen Wald vor einem klaren, von Waldesblumen umsäumten Bronnen, ihr zu Füßen musizierende und singende Engelchen voll kindlicher Naivetät und Innigkeit. Allerhand Waldgetier und Waldvögel lauschen den himmlischen Tönen; im Vordergrund links und rechts je ein Wappenschild: das eine zeigt einen Apfel, das andere eine Rose im Kreuz (beiläufig Luthers Wappen), das verlorene und wiedergewonnene Paradies andeutend. Hinter der überaus lieblichen, zarten und reinen Gestalt Marias ein Teppich und Geranke wilder Rosen, nach Art altdeutscher und altitalienischer Meister, ihr zu Häupten halten zwei Engel das Schriftband. Oben über dem Wald sieht man in hügeliger Gegend ein Kapellchen im Sonnenschein erglänzen, darüber erheben sich hohe Berge.
Abb. 110.Holde Augen sah ich blinken.Zu „Der Schatzgräber“.Aus dem Goethe-Album. 1853–1856. Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (ZuSeite 69.)
Abb. 110.Holde Augen sah ich blinken.Zu „Der Schatzgräber“.Aus dem Goethe-Album. 1853–1856. Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (ZuSeite 69.)
Wir reihen hier das Blatt voll liebenswürdigen Humors und feiner Charakteristik ein, das „ländliche Fest“ (Abb. 160). Trefflich ist die Gruppe rechts, der junge Bursche, der so unbeholfen dem schüchternen Mädchen, das, die Hände auf dem Rücken, am Baume steht, einen Strauß Blumen reicht; es ist, als wenn das Mädchen sich bedächte, das freundliche Gesichtel strahlt aber doch. Lieblich sind die tanzenden Kindergruppen.
1867 erscheinen bei Heinrich Richter fünfzehn Handzeichnungen in Photographien, darunter vier italienische Landschaften mit Staffagen. Die letzteren nebst einer ganzen Reihe solcher Blätter zeichnete er, angeregt durch Berichte seiner Schüler C. W. Müller, A. Venus und Verfassers aus Rom. In einem Briefe vom 25. April 1867 schreibt er nach Rom: „Wie glücklich würde ich sein, wäre es mir möglich, noch einmal diealma Romazu sehen und zugleich fleißig einzuheimsen, was mir früher nicht nach Wunsch gelingen wollte, weil ich noch zu unreif war ... Die römischen Erinnerungen — vielleicht die schönsten des Lebens — und die Sehnsucht, das Verlangen dahin regte sich von neuem recht mächtig in mir.“ — Er suchte seine Studien aus Italien hervor, machte sie mit kräftigeren Strichen fertiger, setzte Staffagen hinein und erging sich in Erinnerungen. Wir geben von diesen Blättern „An der Via Appia“ (Abb. 161) und „Brunnen bei Arriccia“ (Abb. 162), letzteres eine freie Wiederholung vonAbb. 17vom Jahre 1831. In diesem Hefte finden wir auch in etwas veränderter Form die im Korn schlafenden Kinder, die er bereits früher in „Fürs Haus“ gebracht hatte: die Schwester und der Bruder sind eingeschlafen, das ihrer Obhut anvertraute kleine Geschwisterchen im Wägelchen ist in traulicher Unterhaltung mit einem Engel in lichtem Gewande. Diese Komposition hat er einmal in Aquarell ausgeführt; es ist das größte Blatt seiner zahlreichen Aquarellen. Eine Variante desselben Gegenstandes, eine köstliche Aquarelle vom Jahre 1861 geben wir hier in einer farbigen Reproduktion (Abb. 164). Ein lauschiges, stilles Plätzchen im wogenden, reifen Korn, das der Wind leise bewegt; silberne Wölkchen schwimmen am Himmel, auf dem sich im Korn verlierenden Pfad lauscht ein Häschen; das Brüderchen hält sein Mittagsbrot und ein Sträußchen in den Händen, Schwesterchen hat den Arm schützend über das Brüderchen gelegt. Am Tragkorb lehnt das Wasserkrügel, das Hündchen hält getreulich Wacht, links im Vordergrunde ein rieselndes Quellchen, am Feldrand ein Strauch blühender Heckenrosen, — ein Bild friedlicher, mittägiger Stille.
Gleichzeitig gab Heinrich Richter auch das „Photographische Richter-Album“ in Kabinettformat heraus, fünfzehn Originale, in der Zeit von 1858–1865 gezeichnet, die meistens schon als Holzschnitte in verschiedenen Werken erschienen waren. Wir finden hier auch eine reizvolle Variante der Komposition „Genoveva“ von 1865 und die 1858 gezeichnete Kindersymphonie.
Abb. 111.Zu Hermann und Dorothea.Aus dem Goethe-Album. 1853–1856. (ZuSeite 69.)
Abb. 111.Zu Hermann und Dorothea.Aus dem Goethe-Album. 1853–1856. (ZuSeite 69.)
1867 starb des Meisters alter Freund, der Maler Wilhelm von Kügelgen, der Verfasser des weit bekannten Buches: „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“, der in treuester, herzlichster Freundschaft seit den römischen Jugendtagen ihm zugetan war.
1869 erscheint „Gesammeltes“ mit achtzehn Holzschnitten. Ein anmutiges Schneewittchen eröffnet die Reihe der Bilder, dann folgt die „Laurenburger Els“ mit dem Knäblein im Arm, aus der „Chronika eines fahrenden Schülers“ von Clemens Brentano. „Auf dem Berge“ (Abb. 163), eine Gruppe anmutiger lieblicher Mädchen auf einem Hügel gelagert, draußen ein herrliches Landschaftsbild mit weiten Fernen über einem See. Diese Komposition hat er mehreremal in Aquarellen wiederholt, die sich durch einen besonders feinen Farbenton auszeichnen und zu seinen vollendetsten Blättern zählen. Eine lustige Kinderszene (Abb. 165) spielt in blumiger Wiese am Mühlbach. DieAbb. 166schildert humorvoll den noch bis zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in Thüringen und im übrigen Mitteldeutschland gepflogenen Brauch der Aufzüge der heiligen drei Könige, zu dem bekannten Goetheschen Liede: „Die heil’gen drei Könige mit ihrem Stern, sie essen, sie trinken und zahlen nicht gern.“ Und weiter folgt „Feierabend“ (Abb. 167): Auf der Straße belustigen sich Kinder mit „Ringel-Ringel-Reihe“, Mütter und Großmütter erfreuen sich am munteren Spiel der Kleinen. Im Gärtchen ein Mädchen, Rosen pflückend, im Gespräch mit einem jungen Mann, sicher einem braven Handwerksmeister. Lange Schatten breiten sich über die tiefer liegende Stadt; der alte, im Abendsonnenschein glänzende Turm wird von Turmschwalben umkreist, die Abendglocke läutet. Auch hier tauchen Erinnerungen an die Meißner Zeit im Meister auf. Es ist ein eigenes Ding mit Erinnerungen aus der Jugendzeit; Leid und Weh, und seine Meißner Zeit war für ihn vielfach eine Leidenszeit, verblassen mehr und mehr, ein rosiger Schimmer verklärt die längst entschwundenen Zeiten.
1869 zeichnete er zu einem zweiten Band von Georg Scherers „Illustriertem Deutschen Kinderbuch“ neunzehn Blätter für Holzschnitt und ein Blatt, die „verirrten Kinder“, zu einer Radierung, von L. Friedrich ausgeführt. Von den Holzschnitten geben wir nurAbb. 168, eine Variante der bereits früher besprochenen „Herbststimmung“ (Abb. 142). Es existiert aus derselben Zeit von demselben Gegenstand eine sehr schöne, leicht getönte Zeichnung.
Abb. 112.Schreiben ist ein geschäftiger Müßiggang.Götz von Berlichingen. Aus dem Goethe-Album. 1853–1856. (ZuSeite 67.)
Abb. 112.Schreiben ist ein geschäftiger Müßiggang.Götz von Berlichingen. Aus dem Goethe-Album. 1853–1856. (ZuSeite 67.)
Vom 15. Dezember 1868 datiert ist eine auf der Vorder- und Rückseite bezeichnete Visitenkarte (Abb. 169und170). Der Meister war durch „Hexenschuß“ verhindert, am Stammtisch zu erscheinen; teilnehmend gibt einer der Genossen an der Tür ein frisches Glas „Echtes“ ab. Gerührt ob solcher Tat zeichnete er die Karte.
Der alte Freund Richters, der Münzgraveur Krüger, den Heinrich Richter in den Nachträgen zur Biographie so trefflich charakterisiert, war ein Feind der Photographie; die Freunde des Stammtisches wünschten aber ein Bild von diesem originellen Mann zu besitzen. Da zeichnete Richter das Blatt (Abb. 171), „Den Stammtischgenossen 1870“ gewidmet, „Die Einsiedler von Loschwitz“ mit Luthers Lied an die Frau Musica. In der Lünette oben links sitzt lesend der Meister selbst, rechts davon, seinen Garten bestellend, und drunten, im Stübchen geigend, sehen wir den Münzgraveur.
Beim Beginn des Wintersemesters 1869 ließ sich der Meister seines zunehmenden Augenleidens wegen von dem Klassenunterricht an der Akademie entheben und dieses Amt auf jüngere Schultern legen. Von da ab leitete er nur noch das Atelier für Landschaftsmalerei.
Abb. 113.Es war einmal.Götz von Berlichingen.Aus dem Goethe-Album. 1853–1856. (ZuSeite 70.)
Abb. 113.Es war einmal.Götz von Berlichingen.Aus dem Goethe-Album. 1853–1856. (ZuSeite 70.)
Am 13. November 1870 starb des Meisters alter Freund, der Kupferstecher Professor Julius Thäter in München, bekannt durch seine Stiche nach den Camposantokompositionen von Cornelius, nach Schnorrs Freskomalereien in München, nach Schwinds „Ritter Kurts Brautfahrt“ usw. Das denkbar innigste Freundschaftsverhältnis, das zwischen beiden Künstlern seit vielen Dezennien bestand, fand damit seinen Abschluß. Thäter, geboren in Dresden 7. Januar 1804, wirkte in Dresden, Weimar und München. Seine Tochter Anna hat seine Selbstbiographie und Briefe unter dem Titel: „Julius Thäter, das Lebensbild eines deutschen Kupferstechers“ (Frankfurt a. M., Johannes Alt) herausgegeben. Wir finden hier auch den Briefwechsel zwischen beiden Freunden, aus denen man ersieht, wie beide Künstler sich verstanden, wie ihre beiderseitigen religiösen Anschauungen sich deckten und sie durch diese innerlich verbunden waren.
Um 1870 beschäftigte sich Richter mit den ersten Entwürfen zur „Schönen Melusine“; der Stoff war ihm vertraut von den Volksbüchern her, die er in den vierziger Jahren illustriert hatte. Nur ein Blatt ist fertig gezeichnet: die Begegnung Raimunds mit Melusine an der Waldquelle (Abb. 172). Der Meister ließ dann aber den Plan, diesen romantischen Stoff in einer Reihe von Bildern zu behandeln, wieder fallen. Möglich, daß der 1871 in Dresden ausgestellte wundervolle Zyklus zur „Schönen Melusine“ von Schwind ihn lahm legte, vor allem aber mag die abnehmende Schaffenskraft und das fortschreitende Augenleiden ihn an der weiteren Verfolgung des Planes gehindert haben.
Abb. 114.Der rauhe Herbst kommt wieder.Aus „Christenfreude“. 1855.Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (ZuSeite 70.)
Abb. 114.Der rauhe Herbst kommt wieder.Aus „Christenfreude“. 1855.Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (ZuSeite 70.)
Es liegt nahe, bei dem Namen Schwind die Verwandtschaft und die Unterschiede zwischen ihm und Richter zu beleuchten. Friedrich Pecht sagt in dem trefflichen Aufsatz über Richter in „Deutsche Künstler des XIX. Jahrhunderts“: „Am meisten verwandt ist Richter unstreitig mit Schwind, der ja aus dem gleichen Dürerschen Quell geschöpft. Aber wo der eine anfängt, hört der andere auf; sie ergänzen sich wechselseitig, ohne sich eigentlich zu berühren, denn wie Richter, selbst dazu gehörend, nur das Volk, den niederen Bürgerstand schildert, so Schwind, ein geborener Edelmann, nur die höheren Stände, das Rittertum, kurz das Aristokratische.“ H. W. Riehl schreibt in seinen „Kulturgeschichtlichen Charakterköpfen“: „Schwind und Richter waren zwei so grundverschiedene und zugleich so geistesverwandte Persönlichkeiten, — der hagere, ruhige, innerlich so warme Sachse und der gedrungene, korpulente, vollblütige, lebensprühende Wiener. In ihrem Ideal und in neidloser Anerkennung standen sich beide brüderlich nahe: Richter, der das Wahre so poetisch, und Schwind, der die Poesie so wahr gemalt hat.“ — Es hat etwas Rührendes, wie beide Meister sich gegenseitig wahrhaft hochschätzten. Für Schwind und dessen Kunst war unser Meister hoch begeistert. Wie erglänzten seine Augen, wenn er über dessen romantische Schöpfungen sprach! Es gab keinen Zeitgenossen, für den er so schwärmen konnte, wie für Schwind. Beide Meister verstanden sich, wie es wohl selten wieder der Fall sein wird. Über Schwinds etwas scharfe „Ausdrucksweise“ und Bemerkungen, die dieser treffliche Künstler oft beliebte, ging unser Meister, wenn ihm diese erzählt wurden, mit Lächeln und Stillschweigen oder wenigstens mit großer Nachsicht hinweg; ihm war die Kunst dieses Mannes so ans Herz gewachsen, daß er solche kleine „Eigenheiten“ gern übersah. Um 1845 bemühte sich die Dresdener Akademie, Schwind zu berufen; die Unterhandlungen zerschlugen sich aber. Richard Wagner spricht sich bei Gelegenheit darüber aus, wie es ihm imponiert habe, daß die Dresdener Maler sich so „neidlos“ um Schwinds Berufung bemüht; da wird wohl unser Richter mit einer der ersten gewesen sein, der dem trefflichen Meister Sympathien entgegenbrachte. — Am 11. Februar 1871 schreibt unser Meister ins Tagebuch: „Am 8. Februar, nachmittags fünf Uhr, ist der liebe Freund, der große Meister Schwind, den ich verehrte fast wie keinen anderen, gestorben. Sein letztes, tief ergreifendes, mit Mozartscher Schönheit erfülltes Werk: ‚Die schöne Melusine‘, läßt den unersetzlichen Verlust doppelt schmerzlich empfinden. (Schwinds Zyklus zur ‚Melusine‘ war, als die Todesnachricht kam, in Dresden ausgestellt.) Die ‚Melusine‘ ist das wehmütige Ausklingen einer großen, herrlichen Kunstepoche. Jetzt geht alles auf äußeren Glanz und Schein, mit wenig oder gar keinem idealen Gehalt. Wo der Glaube an die höchsten Dinge schwindet, wo unser heiliger Christenglaube nicht die Grundlage bildet, nicht die Zentralsonne ist, entsprießt kein lebenquellender Frühling mehr, entstehen nur künstlich glänzende Treibhausfrüchte einzelnerTalente. Das ist meine feste Überzeugung! Und darüber ließe sich gar viel sagen und schreiben; aber wer versteht es, und wer nimmt es auf?“ Richter war fest davon überzeugt, daß die eigentliche große Kunst nur im Dienst der Kirche sich entwickeln und gedeihen könne; in den letzten Jahren sah er aber, wie man in der Kunst immer mehr andere Wege einschlug. Heute gibt es, wenigstens was die Malerei betrifft, eine kirchliche Kunst kaum mehr. An den Pflegestätten der Kunst, den Kunstakademien in Deutschland, wird sie nicht mehr gepflegt, es finden sich dafür auch keine Lehrer mehr. In Wien suchte man 1895 eine akademische Lehrkraft für katholische kirchliche Kunst, an Stelle Trenkwalds, des Nachfolgers Josef von Führichs, fand aber für dieses Fach keine geeignete und hat vorderhand davon absehen müssen, diese Stelle überhaupt zu besetzen. Die Maler haben sich von den religiösen Darstellungen mehr und mehr abgewendet, sie können die rechte Begeisterung dazu nicht mehr finden. Die religiösen oder biblischen Werke der letzten Jahrzehnte vermochten auch nicht mehr, im Volke innerlich anregend zu wirken. Was mag die Ursache dieser auffallenden Erscheinung sein? Es hat den Anschein, als bereite sich auf religiösem Gebiet eine große Umwandlung vor. In vielen Schichten der germanischen Völker arbeitet es mächtig auf „Vertiefung“ hin, auf Erweiterung der Anschauungen über die höchsten Dinge, aus einem „tiefernsten, innerlichen religiösen Sehnen“ heraus. Wir haben jetzt nur noch einen einzigen Künstler in Deutschland, der, wenn auch mit einer gewissen Unfreiheit, an die alten Meister anknüpfend, es versteht, mit wirklicher Begeisterung und innerem Feuer biblische Stoffe uns wieder nahe zu bringen, das ist E. v. Gebhardt in Düsseldorf. Am Anfang des Jahres 1884 sah Richter von ihm das Bild „Der Leichnam Christi im Hause der Maria“. Er erwähnt das Bild in dem am Schluß angefügten Briefe.
Abb. 115.Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen.Aus „Christenfreude“. 1855.(ZuSeite 71.)
Abb. 115.Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen.Aus „Christenfreude“. 1855.(ZuSeite 71.)
Die Kriegsjahre von 1866 und 1870 forderten Richters ganze Teilnahme. Mit einer wahrhaft gehobenen Stimmung ging er, begleitet von seinem Sohn und vom Verfasser,zur Ausübung seiner Wahlpflicht für den erstenNorddeutschen Reichstagzur Wahlurne; es war, als ahnte er die kommende große Zeit der endlichen Zusammenfügung unseres Deutschen Reiches, unseres Vaterlandes. Die Einigung der deutschen Völker innerhalb acht Tagen nach der Kriegserklärung im Jahre 1870 ist ihm „wie ein Wunder“ und reißt ihn zu heiliger Begeisterung hin. Wie Gott unsere Kriegsheere so herrlich von Sieg zu Sieg führte, der große Tag von Sedan, der endliche Einzug in Paris und der Friede von Frankfurt, der diesen Riesenkampf der Germanen mit den Romanen abschloß, — das alles erfüllte ihn mit innigster Dankbarkeit gegen Gott. Seine Aufzeichnungen aus dieser Zeit sind durchdrungen von der Größe und hohen Bedeutung dieser Ereignisse. Er erwartete wohl auch, daß diese große Zeit befruchtend auf die deutsche Kunst einwirken würde, wie dies in seiner Jugend die nationale Erhebung und die Befreiungskriege getan.
Es sind eine ziemliche Zahl von Zeichnungen vorhanden, die ursprünglich Pausen zur Übertragung auf den Holzstock waren; in den letzten Jahren, in denen Richter nur noch mit Mühe arbeiten konnte, ließ er sich solche Pausen auf Börners Rat aufziehen, überarbeitete und färbte sie leicht in seiner so geistreichen Art und vollendete auf diese Weise noch manches reizvolle Blatt oder Blättchen; das im Gras sitzende Mädchen (Abb. 173) ist ein solches Blatt und stammt wohl aus der Zeit nach 1870. — 1871 berichtet Richter in seinen Aufzeichnungen von dem schon früher erwähnten Bilde von Schnorr zu dem Liede „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“: „daß der Meister Schnorr es selbst seinen Schwanengesang nennt“, und fährt dann fort: „Der Gedanke ist sehr schön, für die Ausführung reichen die Kräfte nicht mehr aus. Es hat etwas tief Rührendes, eine solche Künstlergröße im letzten Abendsonnenstrahl zu sehen; denn wenn er auch noch eine Reihe von Jahren verleben sollte, so fühlt und sieht man doch, daß seine Kraft sehr gebrochen ist. Die Größe seines Talentes bleibt unbestritten; aber daß er ein edler, reiner, höchst gewissenhafter und frommer Mann ist, das ist wohl das Erfreulichste und Schönste.“ Im Jahre 1872 nahm der Tod unserem Meister auch diesen Freund, für den er sein ganzes Leben hindurch seit den herrlichen Jugendtagen in Rom eine unbegrenzte Verehrung hegte und bis an sein eigenes Lebensende bewahrte, wie ich so oft aus seinem Munde zu hören Gelegenheit hatte.
Abb. 116.Ein getreues Herz zu wissen.Aus „Altes und Neues“. 1873.
Abb. 116.Ein getreues Herz zu wissen.Aus „Altes und Neues“. 1873.
Seinem Freund Cichorius zeichnet er Weihnachten 1871 das Blatt „Aus der Jugendzeit“: Der Freund mit seinem Bruder, späterem Bürgermeister von Leipzig, in der Kinderzeit mit der Mutter in einem der reizenden Loschwitzer Täler. (Abb. 174.)Zum 4. September 1873 zeichnet er wieder ein Enkelkind (Abb. 176) dem Schwiegersohn Kretzschmar und fügt das Verslein bei:
Bruder Martin bin ich genannt,auch als Hahnekämmchen bekannt,Großpapa, der schlecht sieht, hat mich gemalt,derweil ich gewackelt, gelacht und gedahlt,dafür hab’ ich auch nichts bezahlt.Der liebe Gott laß mich gedeihn und wachsenund mache aus mir einen braven Sachsen.Amen.
Bruder Martin bin ich genannt,auch als Hahnekämmchen bekannt,Großpapa, der schlecht sieht, hat mich gemalt,derweil ich gewackelt, gelacht und gedahlt,dafür hab’ ich auch nichts bezahlt.Der liebe Gott laß mich gedeihn und wachsenund mache aus mir einen braven Sachsen.Amen.
Bruder Martin bin ich genannt,auch als Hahnekämmchen bekannt,Großpapa, der schlecht sieht, hat mich gemalt,derweil ich gewackelt, gelacht und gedahlt,dafür hab’ ich auch nichts bezahlt.Der liebe Gott laß mich gedeihn und wachsenund mache aus mir einen braven Sachsen.Amen.
Bruder Martin bin ich genannt,
auch als Hahnekämmchen bekannt,
Großpapa, der schlecht sieht, hat mich gemalt,
derweil ich gewackelt, gelacht und gedahlt,
dafür hab’ ich auch nichts bezahlt.
Der liebe Gott laß mich gedeihn und wachsen
und mache aus mir einen braven Sachsen.
Amen.
1872 erschienen in Photographien die bereits 1845 als Lithographien herausgegebenen zwölf Titelblätter zu Musäus’ Volksmärchen nach den Originalen im Städelschen Institut in Frankfurt a. M. Wir brachten eine freie spätere Wiederholung des einen Blattes, zu „Stumme Liebe“, früher inAbb. 43.
Abb. 117.Der Mond ist aufgegangen.Aus „Christenfreude“. 1855. (ZuSeite 71.)
Abb. 117.Der Mond ist aufgegangen.Aus „Christenfreude“. 1855. (ZuSeite 71.)
1873 folgte „Altes und Neues“, fünfzehn Zeichnungen in Lichtdruck. Eine Sammlung von gleicher Schönheit und poetischer Gestaltung wie die vorangegangenen. Wir geben zuerst eine Aquarelle von 1865 in farbiger Reproduktion, „Kartoffelfeuer“, ein Herbstidyll (Abb. 175), die bis auf kleine Abweichungen im Mittelgrund dem in dieser Folge aufgenommenen Blatt gleich ist; weiter aus der „Christenfreude“ wiederholt die liebenswürdige, innige Gruppe zu „Ein getreues Herz zu wissen“ (Abb. 116). „Mailust“, ein Frühlingsidyll von graziöser Form, im Loschwitzer Charakter, mit einer reizenden Staffage (Abb. 177). „Zum Geburtstage“ (Abb. 97), „Sub rosa“ (Abb. 178): ein junges Paar schaut träumerisch aus dem rosenumrankten Erker des Hauses — es ist offenbar ein Jägerhaus — in eine romantische Landschaft hinaus. Unten auf grüner Matte schreiten Hirsche und Rehe, weiter sieht man einen See mit steil abfallenden Ufern, leichte Wolken ziehen an den Bergen hin. Im Vordergrund Blumentöpfe und „Waldmann“. Als sechstes Blatt fügen wir an „Wenn ich dich hätte“ (Abb. 179) vom Jahre 1870. Die Anregung zu dieser Kindergruppe gab dem Meister die Stelle aus Goethes „Werther“ vom 26. Mai: „Das erste Mal, als ich durch einen Zufall an einem schönen Nachmittag unter die Linden kam, fand ich das Plätzchen so einsam. Es war alles im Felde; nur ein Knabe von ungefähr vier Jahren saß an der Erde und hielt ein anderes, etwa halbjähriges, vor ihm zwischen seinen Füßen sitzendes Kind mit beiden Armen wider seine Brust, so daß er ihm zu einer Art von Sessel diente, und ungeachtet der Munterkeit, womit er aus seinen schwarzen Augen herumschaute, ganz ruhig saß. Mich vergnügte der Anblick; ich setzte mich auf einen Pflug, der gegenüberstand, und zeichnete die brüderliche Stellung mit vielem Ergötzen.“ Zum Schluß bringen wir noch „Heimkehr der Landleute nach Civitella“, eine freie Wiederholung des 1827 gemalten Bildes, das wir früher erwähnten (Abb. 180).
Das folgende Jahr brachte „Naturstudien, zehn Vorlegeblätter für Landschaftszeichner“, in Lichtdruck, im Verlage von Meyer & Richter, und seine letzte Folge von Zeichnungen „Bilder und Vignetten“. Aus letzterer sind die vier Jahreszeiten und ländliche Szenen, die Richter nach 1862 im Auftrage des damaligen Erbprinzen von Meiningen für dessen Landhaus in Bad Liebenstein in Thüringen zeichnete. Er verzichtete zum großen Kummer seiner Schüler darauf, diese Arbeiten selbst an die Wand zu malen, die Kartons in der wirklichen Größe zu zeichnen und lieferte nur die Kompositionen in kleinen Zeichnungen. Über die Ausführung selbst überließ er dem Erbprinzen freie Verfügung. Diese Zeichnungen wurden von den Gebrüdern Heinrich und August Spieß in München vergrößert und an den Außenwänden zwischen den Fensternal frescogemalt. Wir geben davon nur den „Sommer“ (Abb. 181) und weiter von den anderen Bildern dieser Folge die reizende Vignette „Alles mit Gott, so hat’s keine Not“ (Abb. 182) in Holzschnitten und zwei Nachbildungen nach fein empfundenen Zeichnungen: (Abb. 183) „Ein Mädchen, das ein im Arm haltendes Knäbchen küßt“ und (Abb. 184) „Zwei kleine sich küssende Kinderchen“. Während Richter seither nur teilweise noch selbst auf den Holzstock aufzeichnete, mußte er hier, seines vorgeschrittenen Augenleidens wegen, die Aufzeichnung ganz von fremder Hand herstellen lassen; dadurch haben diese Holzschnitte in der Wiedergabe der Zeichnung leider sehr viel von ihrer ursprünglichen Frische verloren.
Gleichzeitig bringt derselbe Verlag vierundzwanzig vierfach vergrößerte frühere Holzschnitte als Wandbilder, die, vom deutschen Volke freundlichst aufgenommen, in den Kinderstuben und in manchem engen Stübchen, vielleicht als einziger Schmuck an der Wand, ihren Platz fanden.
Bei Velhagen & Klasing erschien in demselben Jahre „Robert Reinicks Märchen-, Lieder- und Geschichtenbuch“ in zweiter Auflage, wozu Richter noch eine Illustration für den Holzschnitt zu „Der schmelzende Koch“ zeichnete: Kinder belustigen sich mit einem Schneemann. Der Holzschnitt ist mit der Jahreszahl 1873 bezeichnet. Dies ist des Meistersletzte Illustration.