Chapter 9

Faksimile zu S. 150; erster Teil

Faksimile zu S. 150; zweiter Teil(ZuSeite 150.)

(ZuSeite 150.)

Abb. 185.Schneewittchen.1870. Aquarelle in der königl. Nationalgalerie zu Berlin. (ZuSeite 96.)

Abb. 185.Schneewittchen.1870. Aquarelle in der königl. Nationalgalerie zu Berlin. (ZuSeite 96.)

Im Nachtrag zur Biographie schildert der Sohn des Meisters letzte Lebenstage wie folgt: „Sein letztes Lebensjahr, 1884, hatte er in leidlichem Wohlsein angetreten, aber im Verlaufe des Winters und Frühlings stellten sich zuweilen Ohnmachtsanwandlungen ein, die ihn jedesmal für längere Zeit matt und kraftlos machten. Im Juni erkrankte er an einer Herzentzündung. Die Krankheit selbst verließ ihn zwar schon nach wenigen Tagen wieder, seine Kräfte aber blieben so erschöpft, daß er tagsüber meist auf dem Sofa ruhen mußte. Geistig erhielt er sich ungetrübt und zeigte, wie immer, liebevolles Interesse für seine Umgebung und für alles, was in sein Bereich kam. Besondere Freude machte ihm stets, wenn ihm etwas vorgelesen wurde. Da er den Wunsch äußerte, wieder einmal eine gute, christliche Lebensgeschichte zu hören, so brachte ich ihm einen Band von Knapps ‚Christoterpe‘. Daraus las ihm die älteste Tochter seines verstorbenen Freundes, des Kupferstechers Ludwig Gruner, die Biographie Ludwig Hofackers vor, dessen gedruckte Predigten Richter besaß und schätzte. In diesem Lebensbilde wird eine längere geistliche Betrachtung in Gebetform mitgeteilt, welche Hofackers Mutter an der Leiche ihres Gatten für ihre Kinder niedergeschrieben hatte. Von den schlichten Worten dieser kindlich frommen, glaubensstarken Frau fühlte er sich eigentümlich bewegt. Er erzählte mir, es sei ihm dabei die Stimmung seiner glücklichsten und innerlich reichsten Zeit zurückgekehrt, jener Zeit in Rom, wo ihm in der Neujahrsnacht 1825 der Glaube an einen lebendigen Heiland plötzlich wie ein Geschenk von oben ins Herz gegeben wurde und ihn mit vorher nicht gekanntem Frieden und Glück erfüllte. Er kam auf dieses Thema wiederholt zurück. Noch an seinem Sterbetage, an dem ich ihn vormittags besuchte, nicht ahnend, daß ich den lieben Vater zum letztenmal lebend sah, brachte er das Gespräch auf Hofackers Biographie, deren Fortsetzung er zu hören wünschte, und auf den um Richard Rothe gescharten römischen Freundeskreis. An diesem Tage — es war Donnerstag der 19. Juni — fühlte er sich zwar matt, aber besonders heiter gestimmt und empfing, auf dem Sofa liegend, tagsüber viele Besuche.“

Abb. 186.Skizze zum Schneewittchen.1870. (ZuSeite 96.)

Abb. 186.Skizze zum Schneewittchen.1870. (ZuSeite 96.)

Die Deutsche Kunstgenossenschaft hatte ihn zum Ehrenmitglied ernannt. Sein Dankschreiben vom 16. Juni 1884, dessen Abfassung ihm Sorgen machte, weshalb er Freund Cichorius dazu zu Rate zog, lautet: „Bereits telegraphisch habe ich Ihnen meinen innigsten und freudigsten Dank für die Ernennung zum Ehrenmitglied der Deutschen Kunstgenossenschaft ausgesprochen, lassen Sie mich denselben hier noch einmal schriftlich wiederholen. Diese ehrenvolle Kundgebung seitens der deutschen Künstler kam mir um so überraschender, da es leider so manches Jahr her ist, daß ich durch die zunehmende Trübung meiner Augen genötigt war, meiner so geliebten künstlerischen Tätigkeit gänzlich zu entsagen. Wohl empfing ich während dieser Zeit unfreiwilliger Muße von vielen Seiten her mannigfache Zeichen freundlicher Anerkennung, die mich freudig erhoben, da sie mir sagten, daß es mir vielleicht hier und da gelungen sei, das, was in vielen deutschen Herzen lebt, auf meine Weise auszusprechen und künstlerisch zu gestalten. Nun ist es mir aber von hohem Wert, auch von seiten der Kunstgenossenschaft diese Anerkennung und Zustimmung zu dem, was ich erstrebt und, wie meine Freunde sagen, auch bisweilen erreicht habe, bestätigt zu sehen. Die Kunst der Gegenwart geht ja vielfach auf anderen Bahnen, und ihre Ziele sind teilweise andere, als diejenigen waren, denen ich und meine Altersgenossen zustrebten. Um so ehrenwerter ist es daher, wenn auch das jüngere Geschlecht der Künstlerschaft sich an uns Alte noch mit Wärme und Anteil erinnert. Empfangen Sie, geehrte Herren, nochmals den Ausdruck meines Dankes, sowie Gruß und Handschlag von Ihrem ergebenen Ludwig Richter.“

Es sind seine letzten Schriftzüge. Eine halbe Stunde nach Eingang des Schriftstückes beim damaligen Hauptvorstand in Düsseldorf meldete der Telegraph das Ableben des gefeierten Meisters.

Abb. 187.Skizze zum Schneewittchen.(ZuSeite 96.)

Abb. 187.Skizze zum Schneewittchen.(ZuSeite 96.)

Am Abend des 19. Juni stellte sich plötzlich bei ihm, nachdem er noch vorher mit seiner Tochter Elisabeth das Abendbrot in gewohnter Weise eingenommen hatte, Frost ein; er begab sich zu Bett. Kurz darauf trat die Tochter in das Schlafzimmer, um nach seinem Befinden zu fragen; er antwortete ihr noch ganz klar und ruhig, begann auf einmal zu röcheln, und nach wenigen Minuten hörte er auf zu atmen. Ohne Kampf löste sich die erdenmüde Seele von ihrer leiblichen Hülle.

„Ich wollt’, daß ich daheim wär’,Und aller Welt nicht diente mehr.Ich hab’ doch hie mein Bleiben nicht,Ob’s morgen oder heut geschicht.Daheim ist Leben ohne TodUnd ganze Freude ohne Not.“

„Ich wollt’, daß ich daheim wär’,Und aller Welt nicht diente mehr.Ich hab’ doch hie mein Bleiben nicht,Ob’s morgen oder heut geschicht.Daheim ist Leben ohne TodUnd ganze Freude ohne Not.“

„Ich wollt’, daß ich daheim wär’,Und aller Welt nicht diente mehr.Ich hab’ doch hie mein Bleiben nicht,Ob’s morgen oder heut geschicht.Daheim ist Leben ohne TodUnd ganze Freude ohne Not.“

„Ich wollt’, daß ich daheim wär’,

Und aller Welt nicht diente mehr.

Ich hab’ doch hie mein Bleiben nicht,

Ob’s morgen oder heut geschicht.

Daheim ist Leben ohne Tod

Und ganze Freude ohne Not.“

Dunkle, schwere Wolken zogen am Himmel, strömender Regen ging nieder, als der teure Tote, es war am Abend des 21. Juni, einem Sonnabend, bei Fackelschein von den Dresdener Künstlern nach der Friedhofshalle übergeführt wurde. Seine Vaterstadt Dresden erwies ihrem Ehrenbürger durch das feierliche Geläute sämtlicher Kirchenglocken die letzte Ehre. Auf dem neuen katholischen Friedhof der Friedrichstadt, des Stadtteiles, in dem seine Wiege stand, wurde er beerdigt. Sein Grabstein trägt die gleiche Inschrift wie der seiner Frau auf dem Loschwitzer Friedhof: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“

Aus der Grabrede, die ihm der Kaplan Eberhard Klein am 23. Juni hielt, ist folgende Stelle hervorzuheben: „Richter hat die Himmelsgabe, die ihm Gott geschenkt, mit priesterlicher Ehrfurcht gehandhabt und gehütet. Seine Kunst hat sich ihren wahren Adels- und Freiheitsbrief der Tendenzlosigkeit bewahrt und nichts anderes sich zum Zwecke gesetzt, als in Gott wohlgefälliger Weise die Mitmenschen zu erfreuen. Seine Kunst war eine Art Gottesdienst, war eine Ausübung der Nächstenliebe, wie sie selbstloser und edler nicht gedacht werden kann. Und wie er malte, so war er, seine Kunst ist sein Wesen.“ —

Abb. 188.Schlafende Kinder.1872. (ZuSeite 97.)

Abb. 188.Schlafende Kinder.1872. (ZuSeite 97.)

Abb. 189.Ruhe auf der Flucht.Des Meisters letzte Aquarelle. 1873. In der königl. Nationalgalerie zu Berlin. (ZuSeite 98.)

Abb. 189.Ruhe auf der Flucht.Des Meisters letzte Aquarelle. 1873. In der königl. Nationalgalerie zu Berlin. (ZuSeite 98.)

„Je mehr ein wahrhaft gesundes Gedeihen der Kunst auf ihrer Volkstümlichkeit beruht, desto mehr hat diese selbst ihre Ideale treu und rein zu hüten. Die Abwege ins Äußerliche, Naturalistische und Leere liegen unserer heutigen Kunst, vor allem der Malerei deshalb so gefährlich nahe, weil der Zug der Zeit ein überwiegend realistischer ist. Drum muß die Kunst ihr ewiges Erbteil des Idealen wahren, muß treu, wahr und tief sich dem Leben hingeben, aber in den Erscheinungen desselben nicht die blendende Hülle, sondern den unvergänglichen Gehalt zu erfassen suchen. Das ist ihre Aufgabe, ihr Beruf, das ist die Bedingung für ihre lebendige Fortdauer,“ so schließt Wilhelm Lübke 1860 sein treffliches Werk „Grundriß der Kunstgeschichte“. Richterhat treu und mit großem Ernst die Aufgaben und Bedingungen echter Kunst gelöst und erfüllt.

Unsere deutsche Kunst ist aber gegenwärtig in einer Zeit des Überganges; ein Tasten hin und her, ein unruhiges Suchen; es ist, als ob man die verloren gegangene, irrende Seele wiederzufinden suche. Die Technik ist hoch entwickelt, und viel Können zeigt sich überall. Möchten die richtigen Pfade bald wiedergefunden werden! Möchte das deutsche Volk auch das Verständnis für unseren verewigten Ludwig Richter, einen der größten und ersten Meister der deutschen Kunst, nie verlieren! Möchte es des Mannes nie vergessen, der, wie Otto Jahn so trefflich sagt, eine Naturgeschichte des deutschen Volkes gezeichnet hat, treuer und lebendiger, als es die geistreichste Feder liefern kann.

***

Fast wollte es eine Zeitlang scheinen, als sei, nachdem unser Altmeister seine irdische Laufbahn abgeschlossen, das Verständnis für seine Kunst in der Abnahme begriffen. Sein hundertster Geburtstag hat aber gezeigt, daß er und seine Kunst noch nicht vergessen und das deutsche Volk seiner noch in Liebe und Verehrung gedenkt, sich an seinen Werken noch erfreuen kann. In allen Gauen Deutschlands wurde an diesem Tage seiner pietätvoll gedacht, in zahllosen Schriften das in seiner Kunst „Unvergängliche“ mit großer Wärme gefeiert.

Die Dresdener Künstler hatten einer „Sächsischen Ausstellung“ im Hinblick auf die hundertste Wiederkehr des Geburtstages eine sehr reiche „L. Richter-Ausstellung“ in den geschickt und stimmungsvoll umgestalteten, an sich so wenig intimen Ausstellungssälen auf der Brühlschen Terrasse angegliedert. Die Ausstellung gab in aus Museen und Privatbesitz entlehnten Zeichnungen, Aquarellen und Ölgemälden, soweit dies in den immerhin engen Räumen im Verhältnis zu der großen Produktivität des Meisters möglich war, ein ziemlich klares Bild von seiner Entwickelung und vom Wesen seiner Kunst.

Abb. 190.Porträtskizze.1883. (ZuSeite 150.)

Abb. 190.Porträtskizze.1883. (ZuSeite 150.)

Auch Loschwitz, in dem der Meister dreißig Sommer verlebte, hatte das Seine, wenn auch in bescheidenerem Rahmen, getan, dankbare Erinnerungen an den Heimgegangenen zum Ausdruck zu bringen.

Ebenso wurde Berlin Gelegenheit gegeben, eine kleinere Zahl von Werken des Meisters in einer Sonderausstellung zu sehen. — Leider muß erwähnt werden, daß in diesen Ausstellungen auch Kopien, und zwar recht minderwertige, sich befanden.

Der überaus rege Besuch dieser Ausstellungen legte Zeugnis davon ab, daß die Sprache unseres Meisters noch verstanden wurde, daß die Beschauer die Innigkeitund Behaglichkeit, die Liebe zur Natur und den gesunden Humor und nicht zum wenigsten auch sein tief religiöses Empfinden noch nachempfinden konnten und in ihrem Innern verwandte Töne erklingen fühlten. „Der Geist, den seine Werke atmen, gehört zum Besten, was wir besitzen.“

Abb. 191.Alles Ding währt seine Zeit.Aus „Es war einmal“. 1862.Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (ZuSeite 82.)

Abb. 191.Alles Ding währt seine Zeit.Aus „Es war einmal“. 1862.Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (ZuSeite 82.)


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