Selim fuhr blaß zurück. — Soll ich dieser Lüge glauben? sagte er nach einigem Stillschweigen; nein, Ali, dazu ist sie nicht fein genug ersonnen.
Dieser ist es! sagte Ali noch einmal mit schadenfroher Miene.
Selim.O Lügner, sieh dies Auge, diese entstellten Züge, diese Todesblässe, und wiederhole dann deine Worte noch einmal.
Ali.O dann wäre mein Triumph noch tausendmal herrlicher, wenn er itzt nicht bereute. —
Selim schwieg, er sahe mit einem schweren Blick auf Abdallah hin; Abdallah schlug die Augen nieder, alle seine Glieder zitterten.
Und mein Sohn antwortet nicht? fuhr Selim auf. — Nicht miteinemTon, durcheinenBlick widerlegt er diese gräßliche Lüge? — Soll ich dies Stillschweigen für Bewußtsein halten?
Abdallah drängte sich fester an die Mauer, er wünschte, daß ihn die Erde verschlingen möchte und schwieg.
Soll ich es glauben? sprach Selim erschrocken. — O wenn ichhierzweifeln soll, dann ist alles, was ich glaubte, Irrthum, dann — o ich Unglückseliger! — dann Ali, geb' ich mich besiegt. — O Himmel! Abdallah! Abdallah! sprich zu deinem Vater, höre meine letzte Bitte. — Er faßte die Hand Abdallah's. — Sprich, und zerrisse der Ton mein Ohr, nureineSylbe, nureinenAthemzug: sprach er Wahrheit? —
Abdallah's Herz wollte springen, er zitterte stärker, sein Busen kochte, mit matter stockender Stimme stammelte er endlich: Ja!
Ja? — sagte Selim und ließ plötzlich seine Hand niederfallen. — Ja? — Nun dann bin ich von einem tiefen Schlaf erwacht. — Auchdirhab' ich verziehen. —
Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blicke an. — AufdieseVerdammniß hättest du nicht gerathen und hättest du dein Gehirn zersprengen sollen? fragte er ihn boshaft. — Du liebtest ihn, er liebte dich? Er gehört zu den Edelsten der Menschheit? — Sieh, dies sind dieVerehrungswürdigenunter der Natterbrut. Selim, nun kann ich dir dreist in's Auge sehen, nun ist mein Triumph vollendet, der Eid, den ich beim Ewigen schwur, ist kein Meineid, — ich habe, was ich wollte, ich sehe dichzittern!
Ein Fieberschauer schüttelte Selims Gebeine. Ich habe die Menschheit nie gekannt, sagte er sehr ernst. — Noch einmal sahe er mit starrem Auge nach seinem Sohn, dann verließ er stumm den Saal, — die Leibwache folgte ihm. — Ali sahe ihm schadenfroh nach. — Ich bin gerächt! sprach er freudig, für die Menschheit hat er gekämpft und sie fällt in seiner letzten Stunde treulos von ihm ab, ha! nun wird ihm der Tod einen bittern Kelch reichen! So groß hätt' ich meinen Sieg nie geträumt. — Er wagte es nicht, mich anzusehen, — nun kann ich ihn verachten!
Abdallah stand ohne Bewegung, ohne Leben, sein Gesicht war todtenbleich, alle Glieder in einer fürchterlichen Erschlaffung erstarrt, man sahe kaum, daß er Athem holte.
Verloren! verloren! schrie er dann plötzlich. — Er schwieg wieder, alles war still, nur zuweilen tönte ein abgerissener brüllender Schrei Abdallah's durch den Saal. — Eine innere Wuth arbeitete in seiner Brust, tausend folternde Schmerzen duldete er in einem Augenblick zugleich, Angst und Verzweiflung, Wuth und Entsetzen stürmten durch seine Seele. — Mein Vater! mein Vater! rief er dann von neuem mit lauter Stimme. — O dies war sein letzter Blick! — dies! — o Ewiger, warum starb ich nicht vor diesem Blick? — Er hat mir vergeben? — Nein, eine heißhungrige Quaal nagt an mir. Alles ist zerstört und vernichtet, o mein Vater! — Stille, daß ich diesen Namen nicht nenne! Vater? — Ich bin kein Sohn, ich habe keinen Vater! — Nein, wie Abdallah sieht kein Sohn aus, — ich bin von der Menschheit ausgestoßen! Teufel sind meine Brüder, die Hölle ist meine Heimath.
Ein Sklave trug einen Giftbecher durch den Saal, Ali winkte ihm: man gebe ihm den Trank noch nicht, sagte er. Der Sklave ging.
In diesem Becher, rief Abdallah, wird meinem Vater der Tod gebracht! — Ha, wie die bösen Engel alle hohnlachend um mich grinsen! Nun gehöre ich ihnen leibeigen, nichts wird mich loskaufen. — Mein Name ist aus der Zahl der Lebendigen ausgestrichen, im Buch der Verdammniß steh' ich eingeschrieben, — bald wird mir die fürchterliche Rechnung vorgelesen werden! — —
Ali ging ihm näher und sagte: Verweile hier, ich gehe um Selim sterben zu sehn. — Itzt wird er den Giftbecher nicht so muthig, so verächtlich leeren. Höhnisch lacht ihm die Menschheit nach, er wird sich seiner Thaten und seiner Begeistrung schämen. — Diese Wonne will ich mir nicht versagen.
Ali ging und der Vezier und die übrigen begleiteten ihn. — Abdallah blieb in dem weiten Saal allein, alles um ihn her schien ihn mit fürchterlichen Gesichtern anzublicken, er stieß wüthend seinen Kopf gegen die Mauer.
Itzt! itzt! — sprach er leise, — itzt trinkt er den Becher, itzt lachen Ali und sein schändliches Gefolge über die Todeszuckungen meines Vaters; Selim denkt an seinen Sohn und dieser Gedanke dreht ihn in noch schrecklichern Krämpfen. — O Abdallah! Abdallah! — Wardst du darum geboren? — O nun ist jenes fürchterliche Ziel herangerückt! — Auf ewig, auf ewig bin ich verloren! — Selim! — Abdallah! — Die ganze Natur wird in ihr Chaos zurückspringen, denn die Liebe ist todt, alle Elemente werden von neuem feindselig gegen einander kämpfen und die Welt in Trümmern schlagen. — O warum geradeich, unter Millionen ich der Verworfene, der seinen Vater ermorden muß? — Nurich?— In diesem Gedanken grinst mich die ganze Hölle an.
Er stand von neuem in einer dumpfen Betäubung.
Omar trat in den Saal. Abdallah fuhr auf als er ihn sahe und stürzte sich wild in seine Arme. Rettung! Rettung! schrie er heftig. — Omar, reiß mich durch deine Gewalt aus diesem Strudel, der mich zerschmettert; o wo bist du gewesen? Warum hast du mich so unbeschützt allen diesen fürchterlichen Quaalen überlassen? — Bin ich deiner Hülfe nicht mehr werth? Liebt kein Wesen mehr den Abdallah, seit er der Menschheit untreu geworden ist? — Omar! rette mich vor mir selbst! sieh, ich bin fast wahnsinnig, o könnt' ich es ganz werden, ich wäre glücklich!
Ich erschrecke vor dir, sagte Omar, ich glaubte dich nichtsozu finden.
Abdallah.Nicht so? — O und wie anders? Wie kann ich anders sein? — Wundre dich, daß du mich noch lebendig antriffst, kein Sterblicher hat noch mit so vielen Martern gerungen. — Ich sollte ruhig sein, itzt, da mein Vater unter gräßlichen Schmerzen knirscht? —
Omar.Er leidet nicht mehr. —
Abdallah.Itzt?
Omar.Er ist todt!
Abdallah.Todt? — Todt? — Er war und ist nicht mehr. Todt? O wie viel liegt in dem armseligen kleinen Worte. Nun hat er mein Verbrechen abgebüßt. —
Er sank wieder in ein tiefes Nachdenken, das Omar vergeblich zu zerstreuen suchte. — Ich habe ihn gehabt, fuhr er dann fort. —Gehabt?— O Himmel, mein Vater, den ich so zärtlich liebte, der mich so innigst liebte,dieseristtodt.Von seinem Sohne geschlachtet, hingegeben der Mordgier durch Abdallah. — Ach, Omar! Omar! — So eben hätt' ich durch Zulma seine Martern abkaufen mögen und nun klag' ich darüber, daß er sie nicht mehr fühlt. —
Omar.Sei weise, Abdallah. Laß das, was vergangen ist, vergangen sein. — Was hast du gewonnen, wenn dich diese Gedanken ewig quälen? Zweifle an allem was war und lebe nur in der Gegenwart, alle deine Hoffnungen kommen dir gekrönt entgegen, siehe, es fehlt keine in ihrem feierlichen Zuge, geh mit heitrer Stirn auf sie zu, wie es dem Glücklichen ziemt. — Hinweg mit diesen Falten! Sieh aus wie ein Bräutigam, der seine Braut erwartet; Tausende sind unglücklich, ohne des Glücks zu genießen, das dein ist.Zulma!rufe diesen Namen nur und alle Sorgen werden zurücktreten, feigherzig entflieht dann jeder Kummer.
Abdallah.Zulma? — O das war eine Seligkeit, auf die ich einst so sehnlichst hoffte, aber auch dieser Strahl ist hinter Wolken untergegangen, auch diese Freude hab' ich verspielt, um nichts zu gewinnen. — Du zeigst, um mich zu trösten, auf ein Grabmal hin, in welchem ein Freund schlummert, der einst meine Wonne war.
Omar.O Zulma, Zulma ist dir nicht gestorben, ruf nur einen Strahl jener Entzückungen zurück, mit denen du ehemals ihren Namen dachtest. —
Abdallah.Ach Omar, sie wird mir ein ewiges Verzeichniß meiner Verbrechen sein, alle beseligenden Gefühle sind auf ewig von mir hinweggeflohen, nur die entsetzlichen sind mir geblieben, diese knüpfen sich an jedes Wesen, an jede Erwartung. —
Omar.Reiß dich aus dieser trägen Seelentaubheit, zeige den Schaudern eine Heldenbrust, und sie werden zurückstürzen!
Abdallah.Nein, Omar, auf welche Freude darf der Vatermörder rechnen? Jedem andern Verbrecher verzeiht der gütige Himmel einst, aber des Vatermörders Gebet darf sich nicht in seine Himmel wagen, die Engel würden erzittern und der ewige Glanz seines Thrones erbleichen. Seit Ewigkeiten ward ich ausgelesen, ein Spott des grausen Verhängnisses zu sein und dies fürchterliche Spiel wird sich niemals enden. — Ach! könnt' ich wieder werden was ich war, könnt' ich zu dir sagen: weck mich auf! und ich erwachte dann und alles, alles wäre nur ein Traum gewesen, stände dann der Abdallah wieder vor dir, der einst vor dir stand, wärst du derselbe Omar, der du ehedem warst, — ach! als ich deine Lehren noch mit kindlicher Unbefangenheit in mich sog, als ein zürnender Blick meines Vaters oder von dir das Unglück dieser Erde für mich war, als ich froh an jedem Abend einschlief und der Strahl des Morgens mich zu neuen Freuden weckte, als ich mich so unbesorgt und mit kindlichem Lächeln jedem Tage überließ, der mich dem folgenden überlieferte, — o wann kann ich wieder eine dieser Seligkeiten kosten? Wie ist dieser Abdallah so plötzlich jenseit aller Verbrechen und Laster geschleudert? — Himmel! wie nahe liegt mir die Zeit, als ich noch vor dem GedankenMörderzurückbebte? — Undselbstein Mörder sein und der verworfenste von allen Mördern,Vatermörder!— o dürft' ich an die Unmöglichkeit glauben, dürft' ich der Unwahrscheinlichkeit vertrauen und mich keck mit mir selber wieder versöhnen. — Aber nein, es ist! Nicht wahr, Omar, es ist? —
Omar.Es war.
Abdallah.Nein, es ist! die Ewigkeit, der Allmächtige selbst kann mein Verbrechen nicht von mir wieder abkaufen. — Ach, Omar, als mein Vater hörte, daß sein Abdallah ihn dem Verderben verrathen habe, — ach, da sahe er mich mit einem Blicke an, — o es war ein entsetzlicher Blick, nie wird meine Einbildung diesen Blick verlieren, keine Stunde meines Lebens war mir noch so fürchterlich, als diese, noch nie war meine Seelenangst so hoch gestiegen, als bei diesem Anblick des Auges; alles Entsetzen lag darin. Laß mich nur diesen Blick vergessen, Omar, und ich will das freche Versprechen wagen, alles übrige zu vergessen!
Omar.Dein Vater hat dir verziehen, verzeih dir selbst. —
Ali und sein Gefolge kamen zurück. — Auch keinen Schrei konnte ihm der Tod auspressen, sagte Ali mürrisch, sein Tod war so halsstarrig wie sein Leben, er ging in die Vernichtung wie ein andrer sich zum Schlafen auf sein Lager wirft; der Schmerz wühlte in allen seinen Zügen und trieb seine Glieder fürchterlich geschwollen auf, aber er sahe dem gräßlichen Anblick wie einem Spiele zu. — Auch kein Seufzer ist ihm entschlüpft.
Ali winkte und einige Sklaven traten hervor, die den betäubten Abdallah in ein Bad führten. In Träumen verloren that er ohne Besinnung alles, was man von ihm verlangte. Man salbte ihn dann mit köstlichem Balsam und schmückte ihn mit reichen Kleidern, er bemerkte kaum diese Veränderungen. — Mit Gold und Purpur geschmückt ward er in den Saal zu Ali zurückgeführt.
Alle Großen des Reichs waren hier versammelt, der Saal schimmerte von Edelsteinen, himmelblaue Polster mit Gold geschmückt lagen an den Seiten des Saales. Jedermann begrüßte Abdallah ehrerbietig, alles neigte sich tief, er zwang sich heiter umherzusehen und jeden Gruß mit Freundlichkeit zu erwiedern.
Prächtig gekleidet trat Zulma itzt herein; Abdallah hatte sie noch nie so schön gesehn, er fuhr unwillkührlich auf und eilte ihr entgegen: mit ihr trat ein Priester herein. —
Ali nahm die Hand Zulma's und legte sie in die Hand Abdallah's. — Ich gebe sie dir, sprach er, so wie ich sie dir verheißen habe; deine Treue gegen deinen Fürsten hat dir diesen Lohn erworben, werde nie untreu, und meine Gnade und die Gunst des Himmels wird ewig auf dich herunterblicken.
Der Priester sprach den Segen über beide aus, die Gäste warfen sich nieder und wünschten ihnen Glück. — Abdallah sahe immer starr vor sich nieder, nur zuweilen drückte er heftig und stumm Zulma's Hand, sie sahe oft besorgt nach ihm hin, aber er bemerkte ihre Blicke nicht und brütete wieder in seinem dumpfen Nachsinnen weiter.
Die Feierlichkeit war geendigt, Ali und die Gäste entfernten sich, um im Garten die frische Kühle der Abendluft einzuathmen, Abdallah und Zulma standen allein im Saale. —
O so ist denn endlich, begann Zulma, der große, der fürchterlich schöne, der langerwünschte Augenblick herangekommen, an dem ich von jeher zweifelte? — So sind denn nun alle meine Wünsche erfüllt? — O wie zagt' ich gestern, und flohe erschrocken zurück, als ich dich vor dem Pallast stehen sahe, ich wußte wie sehr mein Vater dem deinigen zürnt, — aber nun ist ja alles vorüber, — ich sinne vergebens, wie du durch die Unmöglichkeiten hindurchgedrungen bist und dich zu mir gekämpft hast, — aber sei's, auf welche Art es wolle, ich halte dich in meinen Armen und bin glücklich, und was will ich denn noch mehr als dieses Glück? Daß ich glücklich bin, daran weiß ich genug, alles übrige ist mir heute gleichgültig und ohne Werth. — Aber warum bist du so stumm, Abdallah? Meine Freude schwatzt und die deinige schweigt in ein stilles Nachsinnen verloren?
Abdallah sahe auf. — Fühlst du dich glücklich in meinen Armen? fragte er leise.
Zulma.So glücklich wie im Paradiese.
Abdallah.Ganz glücklich?
Zulma.Könntest du daran zweifeln? —
Abdallah.O so ist der Fluch des Ewigen nicht auf meine Stirn geprägt, — und du fühlst nicht, daß du in den Armen eines Mörders liegst?
Zulma.Eines Mörders?
Abdallah.Hörtest du den Herold nicht das schreckliche Gebot ausrufen?
Himmel! — du hast nicht, — sagte Zulma mit banger Ahndung, — sie konnte, sie wagte es nicht, weiter zu sprechen.
Ja! rief Abdallah lautlachend, ich gab meinen Vater verloren, um dich, dich zu gewinnen!
Zulma fuhr erblassend zurück, sie wollte ohnmächtig niedersinken, aber Abdallah fing sie in seinen Armen auf. Mit halbgeschlossenen Augen sahe sie ihn starr an, sie konnte nicht sprechen, ihre Lippen zitterten, sie wollte sich aus seiner Umarmung losmachen, aber in einem schrecklichen Krampf hielt er sie fest an seine Brust gedrückt. Du bist mein! mein! schrie er laut, — ich habe dich der Hölle abgerungen und keine Hölle soll dich mir wieder rauben, — so wie du mir gehörst, gehörte noch kein Weib dem Manne, jedes Haar deines Hauptes ist durch einen Fluch erkauft. — O Zulma! Zulma! auch du willst mich verlassen? — Für dich hab' ich mich ja der Verdammniß verpfändet, für dich, nur für dich bin ich der Natur und meiner Menschheit abtrünnig geworden und habe wüthend an meinen eignen Gebeinen genagt, — o hier ist noch die letzte Freistatt meiner Seele, in kein andres Gebiet darf sich der gebrandmarkte Verbrecher wagen, nur die Liebe nimmt ihn gütig auf. — O Zulma! an deinen Busen gelehnt sollen mich deine süßen Lippen Vergessenheit lehren, hier will ich dem Himmel zum Trotz Seligkeiten genießen, — o dich hatt' ich vergessen, als ich dem Ewigen meine Freuden aufkündigte.
Ein Mörder? EinVatermörder?schrie Zulma schrecklich auf. — O hinweg Ungeheuer aus meinen Armen, du bist nicht mehr Abdallah!
Zulma! Zulma! rief Abdallah, hier ist meine letzte Hoffnung, nimm mir diese und meine Wollust ist Raserei und Gotteslästerung! — Wenn mir auch diese Seligkeit untreu wird, o so will ich mich in das ganze Meer der Verdammniß hineinwerfen, da Rettung doch unmöglich ist! Nein, Zulma muß mir bleiben, oder der Allmächtige ist mehr als grausam, er hat ja eine ganze Ewigkeit vor sich, mich zu martern, er lasse mir diese wenigen Jahre hier unten.
Gräßlicher! sagte Zulma. — O du hast mir ein entsetzliches Geheimniß enträthselt. — Liebe sollte sich in deine Brust hinein erkühnen? Wo das Grausen auf einem schwarzen Throne sitzt und Schauder seine furchtbaren Wächter sind? — Nein Abdallah, — meine Liebe ist seit diesem Augenblick erloschen; o Entsetzlicher, ich fürchte dich, wie sollt' ich dich lieben können?
Zulma! schrie Abdallah, o es gilt nun alles, alles, ich fluche dir mit entsetzlichen Flüchen, denn um dich hab' ich die That gethan, ich weihe dich zur Verdammniß und zum Grausen ein, ich klammre mich fest an dich und reisse dich mit mir in die Hölle, die meiner wartet.
Zulma.Du rasest, Abdallah. — O hast du mich so gewinnen wollen? — So? — hinweg! — die Menschheit hat dich ausgestoßen, was will der Verworfne inmeinenArmen? Ich gehöre ihr noch an, — ich habe meinen Vater nicht ermordet, — wenn ich mit seinem Blute besprützt zu dir komme, dann wollen wir uns lieben, bis dahin sei mein Abscheu!
Abdallah ließ sie fahren. — Diese Furchtbarkeit sagte er, fehlte noch an der gräßlichen Zahl, Zulma weicht zurück; nun ewige Quaalen nehmt mich in Empfang! — die Liebe vergiebt mir nicht, — was soll ich von dem strengen Richter dort hoffen? Alles sagt sich von mir los, nur ich selber bleibe mir übrig. Vernichtung, stürme hervor! Brause heran, Verderben! — Hölle, öffne deine Arme! Sei verflucht Zulma, und der Augenblick, in welchem ich dich zuerst erblickte!
Abdallah warf sich erschöpft auf einen Polster, Zulma wagte es nicht, ihn anzusehen, sie trocknete sich heimlich kalte Thränen des Entsetzens von den Augen. — Ihr Vater kam mit den Gästen aus dem Garten zurück.
Auch Omar trat itzt mit den übrigen Gästen herein und bewillkommte Abdallah. — In einem bunten Gewühl durchkreiste sich alles fröhlich und sprach und schwatzte mit einander; Sklaven und Sklavinnen liefen durch den Saal und bereiteten die Tafel und die festliche Mahlzeit; Lichter glänzten auf goldenen und silbernen Leuchtern und blendende Schimmer zitterten durch das Gemach. Alle Augen sahen fröhlich umher, alle lachten und scherzten, nur Abdallah stand mitten unter ihnen, wie ein Gegenstand ihres Spottes, sein Auge verirrte sich in der Versammlung und starrte dann wieder unbeweglich auf den Boden hin; oft fing er an mit dem, derihmam nächsten stand, zu sprechen, aber sogleich brach er wieder ab, ohne es selbst zu wissen, und verlor sich in seinem gräßlichen Stillschweigen. — Zulma wandelte verlegen durch den Saal, bald sprach sie mit ihrem Vater, bald sahe sie nach dem leblosen Abdallah hin. — Endlich erblickte Abdallah seinen Omar im Gedränge, er eilte sogleich auf ihn zu, er hatte ein bekanntes Wesen endlich aufgefunden, das mit seinen Gefühlen vertraut war. Abdallah und Omar gingen auf und ab.
Auch das letzte Glück, sagte endlich Abdallah, ist mir abtrünnig geworden, Zulma liebt mich nicht.
Sie liebt dich nicht? fragte Omar erstaunt.
O sie verabscheut mich, antwortete Abdallah. — Diese Liebe war nur ein sehr kurzer Frühling, der schwarze Winter kömmt zurück. Siehst du, wie mir alles, alles ungetreu wird? — Ach Omar, ich wanke wie in einem Traum einher, — könnt' ich mich ruhig in mein Grab hineinlegen! O hätt' ich nie gelebt!
Omar wollte ihn beruhigen, aber Abdallah hörte nicht auf seine Worte, er blieb in sich selbst zurückgezogen und seufzte schwer.
Das Gastmahl war indeß angeordnet, die Lichter glänzten in helleren Schimmern, das Gewühl verlor sich itzt, man ordnete sich und setzte sich an den Tisch. Zulma saß zur Linken Abdallah's, Omar zur Rechten.
Man aß und alle waren froh und vergnügt, Sklavinnen tanzten, sangen und spielten auf Guitarren und Theorben, andre schlugen kleine Handpauken, andre Cymbeln.
Abdallah sprach nur wenig, er sahe starr vor sich nieder, Zulma anzusehen wagte er nicht. —
Unter einer fröhlichen Musik tanzten die Sklavinnen und sangen:
Schwebt in süßen MelodieenSanftgesungne Hochzeitslieder,Und in immer süßern TönenGrüßt des Bräutigams,Grüßt das Ohr der Braut. —WonneliederSprechen in den frohen Tanz,Jauchzende GesängeSchweben in leisem FlugeUm euer beglücktes Haupt.Wie ein goldner BlüthenregenSchwimme Glück auf euch herab,Wie nach WettergewölkenSich RegenbogenDurch die Finsterniß spannen,So komme stets nach trüben StundenDie Freude unermüdet wieder. —
Die Tänze verwebten sich in immer neuen Verschlingungen, ein zauberischer Wohlgeruch floß durch den ganzen Saal, alle Gesichter lachten und glänzten von Fröhlichkeit. Abdallah war betäubt, er hatte alles vergessen, die Tänze und Gesänge hatten ihn so sehr aus sich selbst herausgerissen, daß er mit der Freude eines Wahnsinnigen jedem fröhlich entgegenlachte. Von einer wilden, thierischen Fröhlichkeit berauscht umarmte er bald Omar und dann wieder Zulma, selbst Zulma lächelte zuweilen und spiegelte sich munter in seinen Augen. Die Gesänge jauchzten und Abdallah jauchzte zuweilen laut in die tanzenden Chöre. Auch Ali schien fröhlich, seine Rache war befriedigt und der furchtbare Selim, der einzige Mann in seinem Reiche, vor dem er zitterte, war nicht mehr. —
Eine lange Gestalt drängte sich itzt aus dem Gewühl hervor, dicht eingewickelt in schwarzen Gewändern zog sie einher, ein stiller Schauer begleitete sie, alles wich zurück. — Zu einer Laute hörte man leise singen:
Die Hölle hat den Sünder angenommen. —Dem Feigen ziemen keine Kronen,Nur der Muth kann sie erringen;Seht ihr den FrevlerUnwissendNeben seinem Verderben sitzen? —
Abdallah fühlte, wie ein kaltes Grausen seinen Rücken hinunterging. Die seltsame Gestalt zog itzt bei Abdallah vorüber, sie schlug das Gewand vom Kopf zurück, es warNadirsaltes todtenbleiches Gesicht; er trug einen Spiegel unter seiner Hülle; — Omar's Gesicht spiegelte sich von ohngefähr, — und o des Entsetzens! es zeigte sich so, wie es Abdallah in dem wunderbaren Zauberpallast gesehen hatte.
Der Greis verlor sich wieder in dem Gedränge.
Omar! sagte der schaudernde Abdallah leise zu seinem Freunde, — horch! — hörst du nicht unter den Gesängen eine Stimme leise: Vatermörder! ächzen? — horch! horch! wie der Ton eines Sterbenden, — das ist sein Geist, — Vatermörder! seufzt es so schwer, so abgestoßen, wie mit einer innigen Herzensbangigkeit. — O! schlagt die Guitarren und Theorben! rief er laut, bis ihre Saiten springen! überschreiet diesen verwegenen Mahner und jagt ihn betäubt aus dem Saale, laßt die Pauken lauter donnern! — Schlagt alles in einen furchtbaren Klang zusammen, daß keine fremde Stimme hörbar werde! —
Die Gesänge wurden lauter und wilder, die Tänze wüthender, wie schießende Flammen, so schnell flohe und verfolgte man sich, in immer künstlichern Geweben verschlungen:
Schlag an das SterngewölbeStürmender Wonnegesang!Daß weit durch die stille NachtDie rauschende Freude töne!Trage zum MeeresstrandeTönender WiederhallUnsern Wonnegesang!Daß ferne KlippengestadeDen NamenAbdallahhallen,Daß über grüne WiesenDer NameZulmawandle,Die Blumen schöner färbe.Daß der Mond sich freueUnd goldner scheine,Und die Zügel der Nacht nicht fahren lasseVor der Sonne fliehend.
Abdallah hatte ein bleiches Gesicht auf die gegenüberstehende Wand geheftet, seine Augen starrten fürchterlich aufgerissen wild in die Leere hinaus. — Befremdet fragte ihn Omar: was ist dir?
Sieh! Omar! ächzte Abdallah. — Sieh, die seltsame Erscheinung dort vor mir! — Eine weiße dürre Todtenhand klemmt sich heimlich und unbemerkt aus der Wand heraus und winkt mich unermüdet hinein, — was mag es sein, das mich so ruft? — Noch immer winkt sie mir ernst und befehlend, — sieh' den zernagten gekrümmten Finger! — Ha! es hat dich gesehn, denn die Hand hat sich zurückgezogen! — Omar, sie kömmt wieder, — sieh, der Arm dürr und knochicht bis zur Schulter, — es will sich aus der Mauer herausdrängen, — sollte das mein Vater sein, der durchaus zu mir will, um an meiner Freude Theil zu nehmen? — Stich mir die Augen aus, Omar, ich mag es nicht länger sehn! —
Omar lächelte ihn wehmüthig an. — Omar, sieh umher! sagte Abdallah ängstlich, — mir ist plötzlich, als sitze ich hier unter todten fremden gemietheten Maschinen, die bestimmt den Kopf drehen und die Lippen öffnen, — sieh doch, wie der abgemessen mit dem hölzernen Schädel nickt, der sich Ali nennt, — ich bin betrogen! — das sind keine Menschen, ich sitze einsam hier unter leblosen Bildern, — ha! nickt nur und hebt die nachgemachten Arme auf, — mich sollt ihr nicht hintergehn! — Sieh doch, dies hier sollte Zulma sein? — Ha! ein beinernes Gerippe, scheußlich mit Fleisch eingehüllt, — sieh! itzt eben werden ihr die todten Augen aus dem Schädel fallen, — hu! ich sitze unter Moder und Verwesung, wie in einer Schlachtbank bei aufgehäuftem Fleisch, — rette mich, — o hinweg! du bist nichts besser als diese!
Die Gesänge übertönten ihn: —
Im goldnen WolkenschleierSteigt die schöne Tochter der NachtIhre Himmelsbahn hinan.Fröhlich rauschendHüpfen MeereswellenIhr mit holdem Gruß entgegen. —Sie mustert ernst ihre Sternenreihen,Alle Sterne neigen sich mit Ehrfurcht,Sie wandelt still. — —
Plötzlich fielen alle Lauten mit einem mächtigen Klang auf den Boden, alle Gesichter am Tisch wurden plötzlich starr und blaß, jeder ward unwillkührlich in einer gräßlichen Stellung festgehalten, wie zum Spott aufgestellte Leichname saßen alle da und sahen sich unter Schaudern an. — Abdallah sprang auf, seine Zähne knirschten entsetzlich. — Vatermord! — Vatermord! — schrie er, — die Hölle kriecht unter unsern Füßen umher, — der bleiche Tod steigt aus der Wand heraus und kömmt drohend auf mich zu! —
Alle fuhren auf. — Er ist rasend! — schrie Ali laut und ein plötzlicher Schreck fiel auf alle herab, sie entflohen hinweggejagt, Abdallah's Augen funkelten, — er wollte Zulma mit Gewalt zurückhalten, sie riß sich mit einem lauten Geschrei von ihm los, und ließ ihren Schleier in seinen Händen; schäumend warf er ihr brüllend seinen Dolch nach, er fuhr in die Wand.
Unsichtbare Wesen tobten hinter den Entflohenen her, sie zertraten die Lauten und polterten fürchterlich durch den Saal, — Stürme hausten klingend in den Fenstern, seltsame Töne schrien aus den Mauern hervor, es ras'te durch den ganzen Pallast wie ein fliehendes Heer. — Abdallah sank auf seinen Sitz zurück. —
Es ward still und als er die Augen wieder aufschlug, tanzten stumm durch den Saal die grauenvollen mißgestalteten Zwerge aus dem Zauberpallast, das Ungeheuer Zulma hatte sich ihm gegenüber gestellt, einzelne lange Haare wiegten sich auf dem nackten Schädel, aus dem ungeheuern Kopf grinsten ihm wild verzerrte Züge und Zähnknirschen entgegen, sie nickte ihm einen freundlichen Gruß zu, bot ihm die Hand, warf einen blutigen Ring auf den Tisch, und versank dann lächelnd unter die Erde.
Mit ihrem freundlichen Grinsen begrüßten ihn alle Ungeheuer und verflogen dann in die Wände.
Abdallah blieb lange stumm, der Mond schien blutig durch die purpurnen Vorhänge auf den Boden, im kalten Ernst saß Omar neben ihm.
Omar! rief endlich Abdallah, von der entsetzlichsten Angst und Verzweiflung gefoltert, — Omar! er umschlang ihn wüthend mit den Armen. — Alles, alles ist fort, nur du bleibst unauflöslich mein, ja, du hast es mir geschworen, — du liebst den Vatermörder noch, — o ja, du kannst ihn nicht hassen. — O könnt' ich mich stürmend in deinen Busen drängen und dort meine Wohnung bauen, und in dir mich gegen alle diese Schrecken verschanzen. — Könnte sich meine Seele in die deinige retten! — du antwortest nicht, mein Omar, — o sprich! — horch! wie entsetzlich die Todtenstille um uns flüstert! — sprich!
Omar lachte laut auf, Abdallah bebte zurück. —
Du lachst? — schrie er wüthend, — Omar, komm, wir wollen uns beide wahnsinnig spielen und mit den Nägeln unsre Gesichter zerkratzen, damit ich mich im Spiegel nie wieder kenne! — Omar, willst du deinen Freund nicht schützen?
Suche Schutz beim Schicksal und bei Gott! sagte Omar lachend.
Du hast sie mir gestohlen! rief Abdallah aus, gieb mir mein Eigenthum zurück! —
Er stürzte auf Omar zu und ergriff ihn wüthend bei der Brust.
Ich kann es dir nicht wiedergeben, antwortete Omar kalt, ich gehöreMondalan. —
Abdallah stürzte mit neuen Schrecken rückwärts. —Mondal?schrie er, — o so ist es dennoch alles wahr? — Mondal!
Er saß starr und leblos da, alle Fürchterlichkeiten hatten seine Kräfte erschöpft. —
Itzt mußt du alles wissen, sprach Omar, diese Quaalen hab' ich dir bis zuletzt aufgespart, damit du nicht darben dürftest. — Wisse, ich war es, der Ali Selim's Verschwörung verrieth, meine Abreise war eine Lüge um dich und Selim zu täuschen. — Mondal! meine Rechnung ist richtig und ich bin frei!
Abdallah wand sich in zuckenden Krämpfen, es zermalmte seinen Busen und er konnte lange nicht sprechen. — Du hast es meisterlich vollbracht, sagte er endlich, ich möchte dir verzeihen, wenniches nicht wäre, der zum Abdallah verdammt worden ist; o wechsle mich mit dem elendesten Gewürme aus, und ich will jauchzen. — Sogar der armseligste Trost fehlt mir, mich zu laben, es ist auf dieser Erde kein Elenderer als ich; der gefolterte Sklave, der gespießte Verbrecher würde sich nicht gegen den glücklichen Gemal Zulma's austauschen lassen, o könnte mir die Wonne werden, daß ich ein Bösewicht würde, der unter Millionen Quaalen auf der Folter in Stücken gerissen würde, und nichtdieserAbdallah. —
Omar sahe triumphirend auf ihn hin: — Es war keine leichte Arbeit, sagte er, diese schöne Seele so zu verstümmeln.
Abdallah fuhr auf. — Erinnere michdarannicht, schrie er mit den Zähnen knirschend, Hämischer! nicht diese Erinnerungen! — Omar, sieh wie weit du mich in den Abgrund hinabgerissen hast, laß mich nun ganz hinunterspringen! — Du gehst zu Mondal zurück, o nimm mich mit dir, laß mich nicht zurück, — ich muß ihn kennen lernen und sein Freund werden, ich will ihm bald ähnlich sein, meine Prüfung habe ich schon überstanden.
Er blickte matt empor. — Omar war nicht mehr da, ein unbekanntes gräßliches Wesen saß neben ihm. — Abdallah stürzte wie eine Leiche zurück. —
Das hagre Gesicht beugte sich fürchterlich auf ihn herab. — Elender, krächzte es, — dies ist Omars wahre Gestalt, wenn er die lästige Larve abnimmt, — so kannst du ihn ewig nicht ertragen. —
Abdallah lag noch ohne Bewegung auf dem Polster. —
Es hob sich neben ihm auf, ging zur Thür, er hörte sie öffnen, der Fremde ging hinaus und schloß sie hinter sich wieder zu. —
Abdallah war auf seinen Sitz zurückgesunken. — Alles war still um ihn her, er schlug die Augen wieder auf.
Der runde Mond sahe durch die purpurnen Vorhänge der Fenster, die Stunde der Mitternacht ward ausgerufen. — Alle Lichter im Saale waren erloschen, nur ein einziges brannte in der Ferne noch matt und blau und zuckte sterbend und flimmernd auf und nieder. — Itzt erlosch es und ein kleiner Strahl von Dampf zog sich aufwärts und verflog in der Dämmerung. —
Nun bin ich allein, sagte Abdallah leise, — nun ihr Schauder, nun werft euch alle auf einmal über mich! — Ihr Flüche Selims, kommt heran, itzt habt ihr Zeit, mich zu zermalmen. — O sie sind schon gräßlich in Erfüllung gegangen, ich habe alles erduldet und überlebe die fürchterliche Zerstörung. — Die Schauder mögen sich itzt an mir versuchen, ich spiele vertraulich mit ihnen, die Gräßlichkeit ist meine Braut geworden, ich erschrecke nicht mehr vor ihr. —
Allem Entsetzen Preis gegeben, will ich itzt selbst einen kühnen Schritt meinem Feind entgegensetzen. Hier unten finde ich kein neues Grausen mehr, ich will nun durch unbekannte Gefilde wandeln und dort meine Freunde suchen. —
Er suchte nach seinem Dolch auf den Polster umher, als seine Hände plötzlich das kalte Gesicht eines Leichnams fühlten. — Eine Leiche ist mein Bett! rief er und taumelte bebend auf. — Der Mond schien auf das weiße Antlitz, aufgeschwollen, mit weit hervorstarrenden Augen und verzerrten Zügen lag der Leichnam seines Vaters vor ihm. —
Darauf hätt' ich mich nicht besonnen! schrie er rasend, — der Scharfsinn der Hölle übertrifft den meinen, — sie hat gesiegt! —
Er sahe starr auf den Leichnam hin. — Regte er sich nicht? — sprach er leise. — Er starrte von neuem auf ihn hin. — Ha! er regte sich wieder! —
Wie das Stöhnen eines Schlummernden schallte es itzt aus der fürchterlichen Leiche heraus. — Abdallah hörte es bebend. —
Er schläft! — Er schläft! — sprach er im Wahnsinn. — O in der stillen Mitternacht neben einem Schlafenden zu stehn, ist fürchterlich, ich muß ihn wecken! — Er schlug mit der Faust auf die Brust des Todten. —
Bist du's, geliebter Sohn? — erhob sich eine dumpfe Stimme. — Die Leiche hob sich langsam auf. — Komm in meine Arme! — Komm! Ich muß von Tugend und Gott zu dir sprechen. —
Die Todten kommen wieder! schrie Abdallah, — meine Lehre war falsch. —
Der Todte kam mit offnen Armen auf ihn zu. — Abdallah fuhr zurück. — Hinweg! hinweg! brüllte er, — wir kennen uns nicht mehr!
Dann stürzte er auf ihn zu und schlug ihn wüthend mit der Faust auf den Schädel, daß er laut und fürchterlich erklang. — —
Als die Sklaven sich am Morgen zitternd in den Saal schlichen, fanden sie Abdallah mit wild verzerrtem Gesicht todt auf der Erde liegen.
Eine Erzählung.1795.
Eine Erzählung.1795.
In der Nähe vonBagdadlebtenOmarundMachmud,die Söhne einer armen Familie. Als der Vater starb, erbten sie nur ein kleines Vermögen, und jeder von ihnen beschloß, zu versuchen, wie hoch er damit sein Glück bringen könne.Omarzog fort, um eine kleine Reise zu machen, und den Ort zu finden, wo er sich niederlassen wolle.Machmudbegab sich nachBagdad,wo er einen kleinen Handel anfing, der in kurzer Zeit sein Vermögen um ein Ansehnliches vermehrte. Er lebte sehr sparsam und eingezogen, und sammelte sorgfältig jede Zechine zu seinem Kapitale, um mit diesem wieder etwas Neues zu unternehmen. Auf diese Art bekam er bei mehreren reicheren Kaufleuten Kredit, die ihm zuweilen einen Theil der Schifffracht abtraten und gemeinschaftliche Spekulationen mit ihm versuchten. Durch wiederholtes Glück wardMachmuddreister, er wagte größere Summen, und sie trugen ihm jedesmal reichliche Zinsen. Nach und nach ward er bekannter, seine Geschäfte wurden größer, er hatte bei vielen Leuten Summen ausstehen, so wie er von vielen andern Gelder in den Händen hatte, und das Glück schien ihm beständig zu lächeln.Omarwar im Gegentheil unglücklich gewesen, keiner von seinen vielen Versuchen war ihm gelungen; er kam jetzt ganz arm, fast ohne Kleider, nachBagdad,hörte von seinem Bruder und ging zu ihm, um bei ihm Hülfe zu suchen.Machmudfreute sich, seinen Bruder wieder zu sehn, beklagte aber seine Armuth. Da er sehr gutmüthig und weich war, gab er ihm sogleich eine Summe aus seiner Handlung, und richtete ihm davon ebenfalls einen Laden ein.Omarfing an mit Seidenwaaren und Kleidern für Frauen zu handeln, und das Schicksal schien ihm inBagdadgünstiger, sein Bruder hatte ihm die Summe Geldes geschenkt, und er hatte es daher nicht nöthig, sich wegen der Wiederbezahlung zu ängstigen. Er war in allen Unternehmungen unbesonnener als sein Bruder, und eben deswegen glücklicher; er war bald mit einigen Kaufleuten bekannt, die bis dahin mitMachmudihre Geschäfte gemacht hatten, und es gelang ihm, sie zu seinen Freunden zu machen: dadurch verlor sein Bruder manchen Vortheil, der jetzt auf seine Seite fiel.Machmudhatte sich jetzt eine Gattin gewählt, die ihn zu manchem Aufwande nöthigte, den er bis dahin nicht gemacht hatte; er mußte von seinen Bekannten Summen aufnehmen, um Schulden zu bezahlen. Andre Gelder, die er erwartet hatte, blieben aus, sein Kredit sank, und er war der Verzweiflung nahe, als er die Nachricht erhielt, daß eins von seinen Schiffen untergegangen sei, ohne daß man das mindeste habe retten können: jetzt meldete sich ein Gläubiger, der dringend die Bezahlung seiner Schuld verlangte.Machmudsah ein, daß an dieser Zahlung sein ganzes noch übriges Glück hänge, er beschloß also in dieser äußersten Noth seine Zuflucht zu seinem Bruder zu nehmen. Er eilte zu ihm, und fand ihn sehr verdrüßlich, weil er gerade einen kleinen Verlust erlitten hatte. — Bruder, begannMachmud,ich komme in der äußersten Verlegenheit mit einer Bitte zu dir.
Omar.Sie betrifft?
Machmud.Mein Schiff ist gescheitert, alle Gläubiger drängen mich und wollen von keinem Aufschube wissen, mein ganzes Glück hängt von diesem Tage ab, leihe mir nur auf kurze Zeit zehntausend Zechinen.
Omar.Zehntausend Zechinen? — Du versprichst dich doch nicht, Bruder?
Machmud.Nein,Omar,ich kenne die Summe recht gut, die ich fordre, und nur grade so viel, nicht eine Zechine weniger, kann mich von der schimpflichsten Armuth retten.
Omar.Zehntausend Zechinen?
Machmud.Gieb sie mir, Bruder, ich will alles anwenden, sie dir in kurzem wieder zu erstatten.
Omar.Wer sie hätte! — mir sind Schulden ausgeblieben, — ich weiß selbst nicht, was ich anfangen soll, — man hat mich noch heut erst um hundert Zechinen betrogen.
Machmud.Dein Kredit wird mir diese Summe leicht verschaffen können.
Omar.Aber niemand will jetzt Geld ausleihen, Mißtraun von allen Seiten: nichtichbin mißtrauisch, das weiß der Himmel! — aber es würde jedermann vermuthen, daß ich das Geld fürdichverlange, und du weißt selbst am besten, an wie schwachen Fäden oft das Zutrauen hängt, das man zu einem Kaufmanne hat.
Machmud.LieberOmar,ich muß dir gestehen, ich hatte diese Bedenklichkeiten nicht von dir vermuthet. Ich würde mich in umgekehrtem Falle nicht so argwöhnisch und saumselig finden lassen.
Omar.Das sagst dujetzt.Auch bin ich gar nicht argwöhnisch — ich wollte, ich könnte dir helfen: Gott ist mein Zeuge, daß es mich freuen würde.
Machmud.Du kannst es, wenn du nur willst.
Omar.Alles, was ich besitze, würde die verlangte Summe noch nicht vollmachen.
Machmud.O Himmel! ich hatte mir einen Vorwurf daraus gemacht, daß mein Bruder nicht der erste war, bei dem ich Hülfe suchte, — und warlich es schmerzt mich, daß ich ihm auch nur mit einem Worte zur Last gefallen bin.
Omar.Du wirst böse; das solltest du nicht, denn du hast Unrecht.
Machmud.Unrecht? — Wer von uns beiden thut nicht seine Pflicht? — Ach, Bruder, ich kenne dich nicht wieder.
Omar.Ich habe erst heute hundert Zechinen eingebüßt, dreihundert andere stehn mir auch gar nicht sicher, und ich muß mich auf ihren Verlust gefaßt machen. — Wärst du in der vorigen Woche zu mir gekommen, o — ja, da herzlich gern —
Machmud.Soll ich dich denn an unsre ehemalige Freundschaft erinnern? — Ach, wie tief kann uns das Unglück erniedrigen!
Omar.Du sprichst da auf eine Art Bruder, die mich fast beleidigen sollte.
Machmud.Dich beleidigen? —
Omar.Wenn man alles mögliche thut, — wenn man selbst Noth leidet und fürchten muß, noch mehr zu verlieren; — soll man da nicht gekränkt werden, wenn man für seinen guten Willen nichts als bittern Spott, tiefe Verachtung zurück empfängt?
Machmud.Zeige mir deinen guten Willen, und du sollst meinen wärmsten Dank empfangen.
Omar.Zweifle nicht länger daran, oder du bringst mich auf; ich bleibe lange kalt, ich kann viel ertragen, aber wenn man mich auf solche ausgesuchte Art kränkt —
Machmud.Ich merke es recht gut,Omar,daß du den Beleidigten spielst, um einen bessern Vorwand zu haben, völlig mit mir zu brechen.
Omar.Du würdest nicht auf diesen Gedanken kommen, wenn du dich nicht auf solchen Kleinlichkeiten ertappt hättest.DieLaster argwöhnt man von andern am leichtesten, mit denen man selbst am meisten vertraut ist.
Machmud.Nein,Omar,weil du mich doch durch diese Sprache zum Prahlen aufforderst, ich handelte nicht so gegen dich, als du, ein unbekannter Fremdling, nach Bagdad kamst.
Omar.Also für die fünfhundert Zechinen, die du mir damals gabst, verlangst du jetzt von mir zehntausend?
Machmud.Hätte ich's vermocht, ich hätte dir damals mehr gegeben.
Omar.Freilich, wenn du es verlangst, muß ich dir die fünfhundert Zechinen zurück geben, ob du es gleich nicht gerichtlich erweisen kannst.
Machmud.Ach, mein Bruder! —
Omar.Ich will sie dir schicken. — Erwartest du keine Briefe aus Persien?
Machmud.Ich erwarte nichts mehr.
Omar.Aufrichtig, Bruder, du hättest dich etwas mehr einschränken sollen, auch nicht heirathen, wie ich es bis jetzt noch immer unterlassen habe; aber du warst von Kindheit an ein wenig unbesonnen. Laß dir das zur Warnung dienen.
Machmud.Du hattest ein Recht, mir die verlangte Gefälligkeit zu verweigern, aber nicht dazu, mir so bittere Vorwürfe zu machen.
Machmudverließ mit tiefgerührtem Herzen seinen undankbaren Bruder. — So ist es denn wahr, rief er aus, daß nur Gewinnsucht die Seele des Menschen ist! — Nur sie selbst sind ihr erster und letzter Gedanke! für Geld verkaufen sie Treue und Liebe, stoßen die schönsten Gefühle von sich weg, um das nichtswürdige Metall zu besitzen, das uns mit schändlichen Fesseln an diese schmuzige Erde kettet! — Eigennutz ist die Klippe, an der jede Freundschaft zerschellt, — die Menschen sind ein verworfenes Geschlecht! — Ich habe keine Freunde und keinen Bruder gekannt, nur mit Kaufleuten bin ich umgegangen. Ich Thor, daß ich von Liebe und Menschenfreundlichkeit zu ihnen sprach! nur Geldstücke muß man ihnen wechseln!
Er machte einen Umweg, ehe er nach Hause ging, um seinen Schmerz etwas erkalten zu lassen. Er weinte, als er das tobende Marktgewühl sah, wie jedermann gleich den Ameisen beschäftigt war, in seine dumpfe Wohnung einzutragen, wie keiner sich um den Andern kümmerte, als nur wenn er mit seinem Gewinn zusammenhing, alle durch einander laufend, so empfindungslos, wie Zahlen. — Er ging trostlos nach Hause.
Sein Schmerz vermehrte sich hier; er fand die fünfhundert Zechinen, die er seinem Bruder einst mit dem besten Wohlwollen gegeben hatte; sie waren bald eine Beute der stürmenden Gläubiger. Alles was er besaß, ward öffentlich verkauft; eines seiner Schiffe lief in den Hafen, aber die Ladung diente nur, um alle seine Schulden zu bezahlen. Arm, wie der Bettler, verließ er die Stadt, ohne vor dem Hause seines hartherzigen Bruders vorüberzugehen.
Seine Gattin, die ihn in sein Elend begleitete, tröstete ihn und suchte seinen Kummer zu zerstreuen; aber es gelang ihr nur wenig, das Andenken seines Unglücks war noch zu frisch inMachmudsGedächtniß, er sah noch immer die Thürme der Stadt vor sich, in der sein Bruder wohnte, der kalt und ungerührt bei seinem Unglücke geblieben war.
Omarfragte niemand nach seinem Bruder, um ihn nicht bemitleiden zu dürfen, er bildete sich ein, es könne vielleicht noch alles gut gegangen sein. Indessen hatte sein Kredit doch auch durch seinen Bruder gelitten, man ward mißtrauischer gegen ihn, und mehrere Kaufleute vertrauten ihm nicht mit der Leichtigkeit ihre Gelder wie ehemals. Dazu kam noch, daßOmarjetzt sehr geizig, und auf sein erworbenes Vermögen stolz ward, so daß er sich viele Feinde machte, die sich freueten, wenn er irgend einen Schaden erlitt.
Es schien, als wenn das Verhängniß seine Undankbarkeit gegen seinen Bruder bestrafen wolle, denn ein Verlust folgte in kurzer Zeit auf den andern.Omar,der gern das Verlorne schnell wieder erlangen wollte, wagte größere Summen, und auch diese gingen verloren. Er hörte auf, Gelder, die er schuldig war, zu bezahlen, das Mißtrauen gegen ihn ward allgemein, alle Gläubiger meldeten sich zu gleicher Zeit,Omarkannte niemand, der ihn aus dieser Verlegenheit würde helfen wollen; er sah keinen andern Ausweg vor sich, als in der Nacht heimlich die Stadt zu verlassen, und zu versuchen, ob ihm das Glück in einer andern Gegend günstiger sein würde. —
Das kleine Vermögen, das er noch mit sich hatte nehmen können, war bald verzehrt. Seine Unruhe wuchs in eben dem Grade, als sein Geld abnahm; er sah der drückendsten Armuth entgegen, — und doch keinen Ausweg ihr zu entfliehen.
Unter Klagen und schwermüthigen Gedanken war er so bis an die persische Gränze gewandert. Er hatte jetzt alles Geld, bis auf drei kleine Münzen ausgegeben, die grade nur noch hinreichten, um ein Abendessen in einer Carawanserei zu bezahlen; er fühlte Hunger, und da sich die Sonne schon zu neigen anfing, eilte er, um einen Zufluchtsort zu erreichen, in welchem er noch in dieser Nacht, vielleicht in der letzten, herbergen könne.
Wie unglücklich bin ich! sprach er zu sich selbst. Wie verfolgt mich das Schicksal und fordert mein Elend, welche schreckliche Aussicht eröffnet sich mir! — Ich werde von den Allmosen mitleidiger Seelen leben müssen, es ertragen müssen, wenn man mich verhöhnend abweist, nicht murren dürfen, wenn der Verschwender frech vorüber geht, mich keines Anblicks würdigt, und hundert Goldstücke für eine elende Spielerei verschleudert. — O Armuth, wie kannst du den Menschen erniedrigen! — wie ungleich und ungerecht theilt das Glück seine Schätze aus. Es schüttet seinen ganzen Reichthum über den Lasterhaften, und läßt den Tugendhaften Hungers sterben.
Die Felsen, dieOmarüberstieg, machten ihn müde, er setzte sich auf eine Rasenerhöhung am Wege nieder und ruhte aus. Da schleppte sich an Krücken ein Bettler vor ihm vorüber und murmelte eine unverständliche Bitte; er war zerlumpt und abgezehrt, sein brennendes Auge stand tief im Kopfe, und seine bleiche Gestalt zerschnitt das Herz und zwang es zum Mitleiden. Die AufmerksamkeitOmarsward wider seinen Willen auf diesen Gegenstand des Abscheus gelenkt, der murmelnd seine dürre Hand nach ihm ausstreckte. Er fragte nach dem Namen des Bettlers, und merkte jetzt, daß dieser Unglückliche auch taub und stumm sei.
O wie unaussprechlich glücklich bin ich! rief er aus, — und ich klage noch? Warum kann ich nicht arbeiten; — warum nicht durch das Werk meiner Hände meine Bedürfnisse erwerben? Wie gern würde dieser Elende mit mir tauschen und sich glücklich preisen! Ich bin undankbar gegen den Himmel.
Von einem plötzlichen Mitleiden ergriffen, zog er die letzten Silbermünzen aus seiner Tasche und gab sie dem Bettler, der nach einem stummen Danke seinen Weg fortsetzte.
Omarfühlte sich jetzt außerordentlich leicht und froh, die Gottheit hatte ihm gleichsam ein Bild vorgehalten, wie elend der Mensch sein könne, um ihn zu belehren. Er fühlte jetzt Kraft in sich, die Armuth zu erdulden und durch seine Thätigkeit wieder abzuwerfen. Er machte Plane, wie er sich ernähren wolle, und wünschte nur gleich eine Gelegenheit herbei, um zu zeigen wie fleißig er sein könne. Er hatte nach seinem edeln Mitleiden gegen den Bettler, nach der Freigebigkeit, mit der er ihm sein ganzes übriges Vermögen hingegeben hatte, eine Empfindung, wie er sie bis dahin noch nicht gekannt hatte.
Ein steiler Fels stand an der Seite, undOmarbestieg ihn mit leichtem Herzen, um die Gegend zu überschauen, die der Untergang der Sonne verschönerte. Er sah hier zu seinen Füßen gelagert die schöne Welt mit ihren frischen Ebenen und majestätischen Bergen, mit den dunkeln Wäldern und rothglänzenden Strömen, über alles das goldene Netz des Abendroths ausgespannt; und er fühlte sich wie ein Fürst, der alles dies beherrsche, und den Bergen, Wäldern und Strömen gebiete.
Er saß oben auf der Felsenspitze in dem Anschaun der Gegend versunken. Er beschloß hier den Aufgang des Mondes abzuwarten und dann seine Reise fortzusetzen.
Das Abendroth versank und Dämmerung fiel aus den Wolken nieder, ihr folgte bald die finstre Nacht. — Die Sterne flimmerten am dunkelblauen Gewölbe, und die Erde ruhte und schwieg in einer feierlichen Stille.Omarsah mit starren Augen in die Nacht hinein, und sein Auge verlor sich schwindelnd in die unendliche Zahl der Sterne, er betete an die Majestät Gottes und fühlte heilige Schauer durch seine Seele ziehn.
Da war's als wenn sich ein Lichtstrahl am fernen Horizont erhöbe, blauleuchtend zog er empor und näherte sich wie ein glänzendes Feuer dem Mittelpunkte des Himmels. Die Sterne traten bleicher zurück, und wie ein Wiederschein des Morgens flimmerte es durch den ganzen Himmel und regnete in zarten, rothdämmernden Strahlen herab. —Omarerstaunte über die wunderbare Erscheinung und ergötzte sich an dem schönen und seltsamen Lichte: die Wälder und Berge umher funkelten, die fernen Wolken schwammen in blassen Purpur, wie ein goldenes Gezelt wölbte sich der Schein überOmarzusammen.
Sei mir gegrüßt, Edler, Mitleidiger, Tugendhafter, rief eine süße Stimme von oben herab, du erbarmest dich des Elends, und der Herr sieht mit Wohlgefallen auf dich herab.
Wie verhallende Flötentöne säuselten die Winde der Nacht umOmar,seine Brust hob sich froh und beklemmt, sein Auge war vom Glanze, sein Ohr von den himmlischen Harmonieen trunken. Und aus dem Glanze schritt eine Lichtgestalt hervor, und stellte sich vor den Entzückten; es warAsrael,der glänzende Engel Gottes. — Steige mit mir auf diesen rothen Strahlen in die Wohnung der Seligen, rief die süße Stimme, denn du hast es durch deinen Edelmuth verdient, das Paradies mit seinen Seligkeiten zu schauen.
Herr, sprachOmarzitternd, wie soll ich dir als ein Sterblicher folgen können? Mein irdischer Leib ist noch nicht von mir genommen.
Gieb mir deine Hand, sprach die Lichtgestalt. —Omarreichte sie ihm mit bebendem Entzücken, und sie wandelten auf den rothen Strahlen durch die Wolken, zwischen den Sternen hindurch, und die süßen Töne gingen hinter ihnen, und Morgenroth legte sich in ihren Weg, und Blumendüfte würzten die Luft.
Plötzlich ward es Nacht,Omarschrie laut auf, und lag in dicker Finsterniß unten am Fuße des steilen Felsen mit zerschmetterten Armen. Der Mond hob sich eben dunkelroth hinter einem Hügel hervor, und warf die ersten ungewissen Strahlen in das Felsenthal.
O ich dreimal Unglücklicher! riefOmarjammernd aus, als er seine Besinnung wieder gesammelt hatte. — Hatte der Himmel nicht genug an meinem Elende, daß er mich in einem lügnerischen Traume von der Spitze des Felsen schleudert, meine Glieder zerbricht, damit ich dem Hunger zum Raube werden soll? — Belohnt er so das Mitleiden, das ich mit einem Elenden hatte? — Wer war jemals unglücklicher als ich?
Eine Gestalt schleppte sich mühsam vorüber, dieOmarfür den Bettler erkannte, dem er heut den Rest seines Vermögens gegeben hatte.Omarrief ihn jammernd an, er solle die Wohlthat, die er von ihm empfangen, mit ihm theilen, aber der Krüppel keuchte gleichgültig in seinem Wege weiter, undOmarwußte nicht, ob er ihn nicht gehört habe, oder sich nur verstelle, um ein Recht zu haben, sich nicht um ihn zu kümmern. Bin ich nun nicht elender, als dieser Verworfene? klagteOmardurch die Nacht. — Wer wird sich mein erbarmen, da mir nun alles genommen ist, was mich noch trösten konnte?
Er seufzte tief und seine Arme schmerzten ihn, wie glühende Feuer brannte es in den Gebeinen, und jeder Athemzug gab ihm Pein. Er überlegte schweigend sein Schicksal, und dachte jetzt zuerst wieder an seinen Bruder. —
O, wo bist du Edelmüthiger! rief er aus, vielleicht hat dich das Schwert des Todesengels schon getroffen, das Elend hat dich vielleicht in der drückendsten Armuth verzehrt, und du hast in der Todesstunde deinem armen Bruder geflucht. — Ach ich habe es um dich verdient, ich leide jetzt die Strafe für meinen Undank, für meine Hartherzigkeit, der Himmel ist gerecht! — Und ich konnte noch so stolz einhergehn, und Gott zum Zeugen meiner Tugend anrufen? — O Himmel! vergieb dem Sünder, der sich ohne Murren deiner Züchtigung unterwirft.
Omarverlor sich in trüben Gedanken, er erinnerte sich, mit welcher brüderlicher Liebe ihnMachmuddamals, als er zum erstenmale verarmet war, aufgenommen hatte, er warf es sich vor, daß er es unterlassen habe ihn zu retten, und auf diese Art seinen Dank gegen seinen Bruder abzubezahlen; er wünschte den Tod als das Ende seiner Strafe und seiner Leiden.
Der Mond erleuchtete die Gegend hell, und eine kleine Carawane von einigen Kameelen zog sich langsam durch das Thal. Die Liebe zum Leben erwachte beiOmar,er rief die Vorüberziehenden mit kläglicher Stimme um Hülfe an. Man legte ihn behutsam auf ein Kameel, um in der nächsten Stadt seine Wunden verbinden zu lassen, die die Carawane mit dem Anbruch des Tages erreichte. Der Kaufmann verpflegte den Unglücklichen selbst, undOmarerkannte in ihm seinen Bruder. Seine Beschämung war ohne Gränzen, so wie das MitleidenMachmuds.Der eine Bruder bat um Verzeihung, und der andere hatte schon vergeben; Thränen flossen von dem Angesichte beider, und die rührendste Versöhnung ward zwischen ihnen gefeiert.
Machmudhatte sich nach seiner Verarmung nachIspahangewandt, und war dort mit einem alten reichen Kaufmann bekannt geworden, der ihn bald lieb gewann und ihn mit seinem Vermögen unterstützte. Das Glück war dem Vertriebenen günstig, und er erlangte sein verlorenes Vermögen in kurzer Zeit wieder; sein alter Wohlthäter starb, und setzte ihn zum Erben ein. —
AlsOmargeheilt war, reiste er mit seinem Bruder nachIspahan,wo ihm dieser eine neue Handlung einrichtete.Omarvermählte sich und vergaß nie, wie viel Dank er seinem Bruder schuldig sei. Beide lebten von dieser Zeit in der größten Eintracht, und waren für die ganze Stadt ein Muster der brüderlichen Liebe.