„So gewiss mein HirnBedeutet Gestirn...“im Fluche der Hexe gehen wahrscheinlich auf einen Vergleich Böhmes zurück.[455]„Und gleich wie der himmel einen schluß oder festung hat ober den sternen / und gehen doch alle kräfte aus dem himmel in die sternen: also hat das hirn einen schluß oder festung für dem leibe / nur gehen doch alle kräfte auß dem hirn in leib und in den gantzen Menschen.“Winfredas Worte:„Aus dem Licht kam Luft und Meer,Und die Erd’ mit Steinen schwerUnd der Tier’ und Vögel Heer,“scheinen sich aus jenen Äußerungen Jakob Böhmes herzuleiten, in denen alles in der Schöpfung auf Sonne und Sterne zurückgeführt wird. „Erstlich schawe an die Sonne / die ist das Hertze oder der König aller sternen / und gibt allen sternen liecht vom auffgang zum niedergang... So du aber nicht glauben wilst / das in dieser Welt alles von den sternen herrühre, so wil ich dirs beweisen so du aber nicht ein klotz bist.“[456]„So man dasgantze curriculum oder den gantzen umbcirck der Sternen betrachtet / so findet sichs bald / daß dasselbe sey die Mutter aller Dinge oder die Natur / daraus alle dinge worden seind und darinnen alle Dinge stehen und leben / und dadurch sich alles beweget / und alle dinge seind auß denselben cräfften gemacht / und bleiben darinne ewiglich.“[457]Nun hätten wir endlich noch ein paar Nachklänge aus Jakob Böhme anzuführen, in denen seine mystische Offenbarung mit theologischen Lehren des Christenthums sich vereinigt und das ist auch die einzige Stelle in der „Genoveva“, an der man etwas von jener Betrachtung des Christenthums im Lichte Jakob Böhmes spürt. Es ist dies die Sterbevision der heil. Genoveva,[458]in der schon Friesen Böhmes Einfluss wahrnahm.[459]Genoveva sieht in der Ekstase die himmlische Herrlichkeit.„Wohin ich blickte, sah ich Blüten prangen,Aus Strahlen wuchsen Himmelsblumen auf...“Über diese himmlischen Blumen und Blüten handelt auch Böhme...[460]„auch so gehen in diesen (himmlischen) cräfften auff allerley blumen mit schönen himlischen farben und geruch“.In der Strophe über die Trinität schließt sich Tieck recht deutlich an Böhme an, dessen Ausdeutung des Trinitätsmysteriums sich von der kirchlich-theologischen auffallend unterscheidet.„Der Sohn war recht des Vaters Herz und Liebe,Der Vater schaffende Allgegenwart,Der Geist im unerforschlichen Getriebe,Das ew’ge Wort, das immer fort beharrt;Und alles wechselnd, nichts im Tode bliebe,Indes der Vater wirkt die Form und Art.So Lieb’ und Kraft und Wort in eins verschlungen,In ew’ger Liebesglut von sich durchdrungen.“„Also ist ein Gott / und 3 unterschiedliche Persohnen in einander / und kan keine die andere fassen oder aufhalten / oder der andern Vhrsprung ergründen / sondern der Vater gebähret den Sohn / und der Sohn ist des Vaters Hertze / und seine Liebe und sein Licht / und ist ein Ursprung der Freuden / und alles Lebens anfang.Und der Heilige Geist / ist des Lebens Geist / und ein Formirer und Schöpffer aller dinge / und ein Verrichter des Willens in GOtt / der hat formiret und geschaffen auß dem Leibe und in dem Leibe des Vaters alle Engel und Creaturen / und hält und formiret noch täglich alles / und ist die schärffe und der lebendige Geist Gottes: Wie der Vater das Wort auß seinen Kräfften spricht / so formts der Geist.“[461]Tieck zupft aus diesem confusen Gewebe einzelne Fädchen heraus und webt sie aufs neue in seiner Stanze zusammen. Welcher es dem andern an geheimnisvoller Dunkelheit zuvorthut, ist schwer zu entscheiden. — In der letzten Strophe der Vision heißt es:„Wie Strahlen giengen Engel aus und ein,Entzückt in der Dreieinigkeit zu spielen...“Dieses Spiel der Engel in Gott erwähnt auch die „Morgenröthe“ öfters. Bei Schilderung der Freude der Engel liest man:[462]„es war alles ein herztlich Liebe-spiel in GOtt...“ Wie Gott in seiner Veränderung unbegreiflich ist und in seinem Liebespiel, „Also sollten auch die Geisterlein oder die Liechterlein der Engel / welche seind wie der Sohn GOTTES / für dem Hertzen GOTTES in dem grossen Liechte fein sanft spielen / darmit die Freude im Hertzen Gottes möchte vermehret werden / und möchte also in GOtt ein Heiliges Spiel seyn.“[463]Hie und da trifft man noch eine Wendung in der „Genoveva“, der Vorstellungen aus Jakob Böhme zugrunde liegen. Böhmes Vorstellung von den verschiedenen Geistern, die im Menschen thätig sind, z.B. steckt in Phrasen, wie „alle Geister (sc. der Gebärenden) nach Hilfe schreien“[464]und „wenn sich die innern Geister alle lösen“ (beim Sterbenden).[465]Auch das „himmlisch Freudenreich“[466]wäre zu nennen.Die angestellte Beobachtung zeigt, dass man Böhmes Einfluss auf die „Genoveva“ nicht überschätzen darf. Am nächsten kommt dem Sachverhalte Tiecks Äußerung bei Förster:[467]„als ich die Genovefa schrieb, habe ich allerdings Jakob Böhme’sSchriften mit großem Interesse gelesen und so ist vielleicht Manches aus ihnen, mir bewußtlos, in mein Stück übergegangen“. Jakob Böhmes Theosophie verwebt Tieck fast nur an jenen Stellen in seine „Genoveva“, wo das Geheimnisvolle in Ton und Inhalt herrschen soll. Das Mysteriöse ist die Sphäre des „Unbekannten“, der ekstatisch verzückten Heldin und von der Hexe wird es zu schlechtem Zwecke missbraucht. Fast nirgends werden aber Böhmes Gedanken genau in ihrem ursprünglichen Sinne und in unvermischter Reinheit übernommen, sondern Tieck sucht jedesmal Alterthümliches und Modernes zu verschmelzen. Es leitete ihn dabei gewiss ein feiner künstlerischer Sinn. Die „Genoveva“ will alte Poesie auffrischen und in neues Gewand kleiden, sie will alterthümlich und modern zugleich sein. Da war denn Tieck nur consequent, wenn er Böhmes Mystik nicht in ihrer echten und ursprünglichen Gestalt seinem Gedichte aufklebte, sondern sie so gut wie möglich mit modernen Anschauungen zu amalgamieren trachtete und sie in moderner Einkleidung vortrug.Für den Anfang scheint es seltsam, dass die Worte hoher, heiliger „Weisheit“, die der fromme „Unbekannte“ und die heilige Heldin sprechen, auch die böse, betrügerische Hexe sich anmaßen darf. Wenn auch nicht deutlich ausgesprochen, gemeint ist aber jedenfalls, dass die Hexe das Heilige für ihre schnöden Zwecke missbraucht. Diese Auffassung deutet auch Bernhardi in seiner Recension an. Dass in den Hexensprüchen zugleich ein Nachäffen romantischen Kunstschaffens verborgen ist, reimt sich damit ganz gut zusammen.Für den heutigen Leser ist wohl das meiste von der Jakob Böhme’schen Mystik in der „Genoveva“ ganz unverständlich geworden. Wer kümmert sich heute um diese mystische Philosophie? Tieck dichtete aber zunächst für den engeren Kreis seiner Freunde, denen Jakob Böhme „Bibel“ geworden. Hier kannte man den Schlüssel zu den geheimnisvollen Worten des „Unbekannten“ wie der Hexe. Die Romantiker waren um 1800 fast allesammt Adepten Jakob Böhmes und hätten gerne die mystische frohe Botschaft des Görlitzer Schusters aller Welt verkündet.[468]Tieck erneuert Böhmes Gedanken, soweit er sie seiner Dichtung einverleiben kann, ähnlich, wie er die Poesie der alten Volksbücher auffrischt und damit war allerdings schonein Anfang mit der Popularisierung des verschollenen Mystikers gemacht. Außer Tieck und Novalis las diesen besonders F. Schlegel eifrig. Auch Ritter, Hülsen, sogar Schelling schlossen sich den Bewunderern an. Was die Romantiker in ihrem ersten Enthusiasmus mit dem „philosophus teutonicus“ vorhatten, sagen neben andern merkwürdigen Orakelsprüchen am besten F. Schlegels Worte, Worte eines Böhmeschwärmers, dem Tiecks Bemühungen noch viel zu geringwertig erschienen. Er schreibt an Schleiermacher:[469]„Fast möchte ich Dir zur Pflicht machen, den Jakob Böhme zu studieren. Es muss noch viel von ihm die Rede (sein), weil in ihm gerade das Christenthum mit 2 Sphären in Berührung steht, wo jetzt der revolutionäre Geist am schönsten wirkt — Physik und Poesie. Ritter hat ihn sehr studiert und will auch über seine Physik schreiben; das ist aber nur eine Seite. Tieck legt sich gewaltig auf ihn und wird ihn hinlänglich tieckisieren; denn in einen andern Geist einzudringen, das ist diesem Menschen nicht gegeben. Also wird Böhme für den Tieck etwas thun, Tieck für den Böhme aber gewiss sehr wenig. Noch ein Grund, warum ich es besonders schicklich finde, den Böhme zu predigen, ist, dass sein Name schon den größten Anstoß bei den Philistern erregt; kein anderer kann mehr polemische Energie haben.“ Dass Tieck seinen Böhme „tieckisiert,“ hat Schlegel richtig getroffen. Dasselbe that Tieck ohnehin auch mit seinen übrigen Vorbildern und er hatte als Dichter sein gutes Recht dazu. Er war aber dabei ein recht eifriger „Verkündiger der Morgenröthe“, persönlich unter seinen Freunden und in seiner Dichtung. Im „Zerbino“ hatte er Böhme in den „Garten der Poesie“ versetzt, in den „Phantasieen“ merkt man schon die Spuren von Böhmes Ideen, im Fastnachtschwanke vom „Neuen Hercules“ („Der Autor“) wird er mit reichstem Lobe bedacht, in „Octavian“ und „Melusine“, in verschiedene kleine Gedichte werden Böhmes Gedanken eingestreut, wie in die „Genoveva“.Eine Wiedergeburt der Böhme’schen Mystik im größeren Stile erfolgte freilich erst später in Baaders Philosophie.Ob mit dieser Untersuchung der persönlichen Einflüsse und Anregungen, der Quelle und der literarischen Vorbilder, die in Tiecks „Genoveva“ nachwirkten, das ganze Erdreich genügendbloß gelegt ist, aus dem diese seltsame, vielgerühmte und vielgetadelte romantische Blüte hervorwuchs, wage ich nicht zu behaupten. Briefe und andere Aufzeichnungen können noch einmal neues und volleres Licht über manchen Punkt bringen. Ein ziemlich deutliches Gesammtbild der Bedingungen, welchen dieses romantische Werk sein Dasein verdankt, stellt sich aber immerhin aus der Betrachtung des zugänglichen Materiales her. Das Volksbuch, die altehrwürdige Legende, der Tieck mit tiefer Ehrfurcht naht, gibt den stofflichen Grundstock des ganzen Buches. Die Ehrfurcht vor dem Alten bewog den Romantiker, auch von der Anordnung des Stoffes, wie sie das Volksbuch bietet, nur dann abzugehen, wenn es gewichtige Gründe forderten. Shakespeares „Perikles“ und Maler Müller wiesen auf die dramatische Form, „Perikles“ gab noch insbesondere das Vorbild für die epischen Einlagen, während Calderon das Lyrische und die metrische Gestaltung vielfach beeinflusste. Müller, Shakespeare und Goethe bestimmten dort und da einige Linien eines Charakterbildes. Müller’sche und Shakespeare’sche Stimmungen, welche Tieck besonders verwandt ansprachen, giengen in seine Dichtung über. Müller, Goethe und Shakespeare haben auch ihren Antheil am Aufbau einzelner Scenen wie an der ritterlichen Costümierung. Jakob Böhmes alterthümliche und dunkle Mystik mit ihrer fremdartigen Terminologie half gewisse Scenen auf einen seltsam alterthümlichen und geheimnisvollen Ton stimmen. Aber jeder nach fremdem Vorbilde geführte Pinselstrich verräth doch auch immer Tiecks eigene Hand, die stets in selbständiger Weise das Fremde dem eigenen Zwecke dienstbar macht. Tiecks erwachte Abneigung gegen die saft- und kraftlose Nicolaitische Aufklärungssucht, die Erlanger Eindrücke sowie Wackenroders zart-frommer Sinn und Alterthums-Enthusiasmus, die mächtige religiöse Erregung, die durch Schleiermacher, Novalis und Friedr. Schlegel in den romantischen Kreis getragen wurde, religiöse Stimmungen, welche die Calderon- und Böhme-Lectüre weckte: alles vereinigte sich, um Tiecks Gemüth mit jenen innigen, alterthümlich-religiösen Kunststimmungen zu erfüllen, die das charakteristische, beherrschende Licht über sein romantisches Drama verbreiten und dieses trotz aller Entlehnungen zu einer durchaus selbstständigen Kunstschöpfung machen, wie sie eben nur aus dem romantischen Geiste, der sich vor hundert Jahren in unserer Dichtung entfaltete, erwachsen konnte.
„So gewiss mein HirnBedeutet Gestirn...“
„So gewiss mein HirnBedeutet Gestirn...“
„So gewiss mein HirnBedeutet Gestirn...“
„So gewiss mein Hirn
Bedeutet Gestirn...“
im Fluche der Hexe gehen wahrscheinlich auf einen Vergleich Böhmes zurück.[455]„Und gleich wie der himmel einen schluß oder festung hat ober den sternen / und gehen doch alle kräfte aus dem himmel in die sternen: also hat das hirn einen schluß oder festung für dem leibe / nur gehen doch alle kräfte auß dem hirn in leib und in den gantzen Menschen.“
Winfredas Worte:
„Aus dem Licht kam Luft und Meer,Und die Erd’ mit Steinen schwerUnd der Tier’ und Vögel Heer,“
„Aus dem Licht kam Luft und Meer,Und die Erd’ mit Steinen schwerUnd der Tier’ und Vögel Heer,“
„Aus dem Licht kam Luft und Meer,Und die Erd’ mit Steinen schwerUnd der Tier’ und Vögel Heer,“
„Aus dem Licht kam Luft und Meer,
Und die Erd’ mit Steinen schwer
Und der Tier’ und Vögel Heer,“
scheinen sich aus jenen Äußerungen Jakob Böhmes herzuleiten, in denen alles in der Schöpfung auf Sonne und Sterne zurückgeführt wird. „Erstlich schawe an die Sonne / die ist das Hertze oder der König aller sternen / und gibt allen sternen liecht vom auffgang zum niedergang... So du aber nicht glauben wilst / das in dieser Welt alles von den sternen herrühre, so wil ich dirs beweisen so du aber nicht ein klotz bist.“[456]„So man dasgantze curriculum oder den gantzen umbcirck der Sternen betrachtet / so findet sichs bald / daß dasselbe sey die Mutter aller Dinge oder die Natur / daraus alle dinge worden seind und darinnen alle Dinge stehen und leben / und dadurch sich alles beweget / und alle dinge seind auß denselben cräfften gemacht / und bleiben darinne ewiglich.“[457]
Nun hätten wir endlich noch ein paar Nachklänge aus Jakob Böhme anzuführen, in denen seine mystische Offenbarung mit theologischen Lehren des Christenthums sich vereinigt und das ist auch die einzige Stelle in der „Genoveva“, an der man etwas von jener Betrachtung des Christenthums im Lichte Jakob Böhmes spürt. Es ist dies die Sterbevision der heil. Genoveva,[458]in der schon Friesen Böhmes Einfluss wahrnahm.[459]Genoveva sieht in der Ekstase die himmlische Herrlichkeit.
„Wohin ich blickte, sah ich Blüten prangen,Aus Strahlen wuchsen Himmelsblumen auf...“
„Wohin ich blickte, sah ich Blüten prangen,Aus Strahlen wuchsen Himmelsblumen auf...“
„Wohin ich blickte, sah ich Blüten prangen,Aus Strahlen wuchsen Himmelsblumen auf...“
„Wohin ich blickte, sah ich Blüten prangen,
Aus Strahlen wuchsen Himmelsblumen auf...“
Über diese himmlischen Blumen und Blüten handelt auch Böhme...[460]„auch so gehen in diesen (himmlischen) cräfften auff allerley blumen mit schönen himlischen farben und geruch“.
In der Strophe über die Trinität schließt sich Tieck recht deutlich an Böhme an, dessen Ausdeutung des Trinitätsmysteriums sich von der kirchlich-theologischen auffallend unterscheidet.
„Der Sohn war recht des Vaters Herz und Liebe,Der Vater schaffende Allgegenwart,Der Geist im unerforschlichen Getriebe,Das ew’ge Wort, das immer fort beharrt;Und alles wechselnd, nichts im Tode bliebe,Indes der Vater wirkt die Form und Art.So Lieb’ und Kraft und Wort in eins verschlungen,In ew’ger Liebesglut von sich durchdrungen.“
„Der Sohn war recht des Vaters Herz und Liebe,Der Vater schaffende Allgegenwart,Der Geist im unerforschlichen Getriebe,Das ew’ge Wort, das immer fort beharrt;Und alles wechselnd, nichts im Tode bliebe,Indes der Vater wirkt die Form und Art.So Lieb’ und Kraft und Wort in eins verschlungen,In ew’ger Liebesglut von sich durchdrungen.“
„Der Sohn war recht des Vaters Herz und Liebe,Der Vater schaffende Allgegenwart,Der Geist im unerforschlichen Getriebe,Das ew’ge Wort, das immer fort beharrt;Und alles wechselnd, nichts im Tode bliebe,Indes der Vater wirkt die Form und Art.So Lieb’ und Kraft und Wort in eins verschlungen,In ew’ger Liebesglut von sich durchdrungen.“
„Der Sohn war recht des Vaters Herz und Liebe,
Der Vater schaffende Allgegenwart,
Der Geist im unerforschlichen Getriebe,
Das ew’ge Wort, das immer fort beharrt;
Und alles wechselnd, nichts im Tode bliebe,
Indes der Vater wirkt die Form und Art.
So Lieb’ und Kraft und Wort in eins verschlungen,
In ew’ger Liebesglut von sich durchdrungen.“
„Also ist ein Gott / und 3 unterschiedliche Persohnen in einander / und kan keine die andere fassen oder aufhalten / oder der andern Vhrsprung ergründen / sondern der Vater gebähret den Sohn / und der Sohn ist des Vaters Hertze / und seine Liebe und sein Licht / und ist ein Ursprung der Freuden / und alles Lebens anfang.
Und der Heilige Geist / ist des Lebens Geist / und ein Formirer und Schöpffer aller dinge / und ein Verrichter des Willens in GOtt / der hat formiret und geschaffen auß dem Leibe und in dem Leibe des Vaters alle Engel und Creaturen / und hält und formiret noch täglich alles / und ist die schärffe und der lebendige Geist Gottes: Wie der Vater das Wort auß seinen Kräfften spricht / so formts der Geist.“[461]Tieck zupft aus diesem confusen Gewebe einzelne Fädchen heraus und webt sie aufs neue in seiner Stanze zusammen. Welcher es dem andern an geheimnisvoller Dunkelheit zuvorthut, ist schwer zu entscheiden. — In der letzten Strophe der Vision heißt es:
„Wie Strahlen giengen Engel aus und ein,Entzückt in der Dreieinigkeit zu spielen...“
„Wie Strahlen giengen Engel aus und ein,Entzückt in der Dreieinigkeit zu spielen...“
„Wie Strahlen giengen Engel aus und ein,Entzückt in der Dreieinigkeit zu spielen...“
„Wie Strahlen giengen Engel aus und ein,
Entzückt in der Dreieinigkeit zu spielen...“
Dieses Spiel der Engel in Gott erwähnt auch die „Morgenröthe“ öfters. Bei Schilderung der Freude der Engel liest man:[462]„es war alles ein herztlich Liebe-spiel in GOtt...“ Wie Gott in seiner Veränderung unbegreiflich ist und in seinem Liebespiel, „Also sollten auch die Geisterlein oder die Liechterlein der Engel / welche seind wie der Sohn GOTTES / für dem Hertzen GOTTES in dem grossen Liechte fein sanft spielen / darmit die Freude im Hertzen Gottes möchte vermehret werden / und möchte also in GOtt ein Heiliges Spiel seyn.“[463]
Hie und da trifft man noch eine Wendung in der „Genoveva“, der Vorstellungen aus Jakob Böhme zugrunde liegen. Böhmes Vorstellung von den verschiedenen Geistern, die im Menschen thätig sind, z.B. steckt in Phrasen, wie „alle Geister (sc. der Gebärenden) nach Hilfe schreien“[464]und „wenn sich die innern Geister alle lösen“ (beim Sterbenden).[465]Auch das „himmlisch Freudenreich“[466]wäre zu nennen.
Die angestellte Beobachtung zeigt, dass man Böhmes Einfluss auf die „Genoveva“ nicht überschätzen darf. Am nächsten kommt dem Sachverhalte Tiecks Äußerung bei Förster:[467]„als ich die Genovefa schrieb, habe ich allerdings Jakob Böhme’sSchriften mit großem Interesse gelesen und so ist vielleicht Manches aus ihnen, mir bewußtlos, in mein Stück übergegangen“. Jakob Böhmes Theosophie verwebt Tieck fast nur an jenen Stellen in seine „Genoveva“, wo das Geheimnisvolle in Ton und Inhalt herrschen soll. Das Mysteriöse ist die Sphäre des „Unbekannten“, der ekstatisch verzückten Heldin und von der Hexe wird es zu schlechtem Zwecke missbraucht. Fast nirgends werden aber Böhmes Gedanken genau in ihrem ursprünglichen Sinne und in unvermischter Reinheit übernommen, sondern Tieck sucht jedesmal Alterthümliches und Modernes zu verschmelzen. Es leitete ihn dabei gewiss ein feiner künstlerischer Sinn. Die „Genoveva“ will alte Poesie auffrischen und in neues Gewand kleiden, sie will alterthümlich und modern zugleich sein. Da war denn Tieck nur consequent, wenn er Böhmes Mystik nicht in ihrer echten und ursprünglichen Gestalt seinem Gedichte aufklebte, sondern sie so gut wie möglich mit modernen Anschauungen zu amalgamieren trachtete und sie in moderner Einkleidung vortrug.
Für den Anfang scheint es seltsam, dass die Worte hoher, heiliger „Weisheit“, die der fromme „Unbekannte“ und die heilige Heldin sprechen, auch die böse, betrügerische Hexe sich anmaßen darf. Wenn auch nicht deutlich ausgesprochen, gemeint ist aber jedenfalls, dass die Hexe das Heilige für ihre schnöden Zwecke missbraucht. Diese Auffassung deutet auch Bernhardi in seiner Recension an. Dass in den Hexensprüchen zugleich ein Nachäffen romantischen Kunstschaffens verborgen ist, reimt sich damit ganz gut zusammen.
Für den heutigen Leser ist wohl das meiste von der Jakob Böhme’schen Mystik in der „Genoveva“ ganz unverständlich geworden. Wer kümmert sich heute um diese mystische Philosophie? Tieck dichtete aber zunächst für den engeren Kreis seiner Freunde, denen Jakob Böhme „Bibel“ geworden. Hier kannte man den Schlüssel zu den geheimnisvollen Worten des „Unbekannten“ wie der Hexe. Die Romantiker waren um 1800 fast allesammt Adepten Jakob Böhmes und hätten gerne die mystische frohe Botschaft des Görlitzer Schusters aller Welt verkündet.[468]Tieck erneuert Böhmes Gedanken, soweit er sie seiner Dichtung einverleiben kann, ähnlich, wie er die Poesie der alten Volksbücher auffrischt und damit war allerdings schonein Anfang mit der Popularisierung des verschollenen Mystikers gemacht. Außer Tieck und Novalis las diesen besonders F. Schlegel eifrig. Auch Ritter, Hülsen, sogar Schelling schlossen sich den Bewunderern an. Was die Romantiker in ihrem ersten Enthusiasmus mit dem „philosophus teutonicus“ vorhatten, sagen neben andern merkwürdigen Orakelsprüchen am besten F. Schlegels Worte, Worte eines Böhmeschwärmers, dem Tiecks Bemühungen noch viel zu geringwertig erschienen. Er schreibt an Schleiermacher:[469]„Fast möchte ich Dir zur Pflicht machen, den Jakob Böhme zu studieren. Es muss noch viel von ihm die Rede (sein), weil in ihm gerade das Christenthum mit 2 Sphären in Berührung steht, wo jetzt der revolutionäre Geist am schönsten wirkt — Physik und Poesie. Ritter hat ihn sehr studiert und will auch über seine Physik schreiben; das ist aber nur eine Seite. Tieck legt sich gewaltig auf ihn und wird ihn hinlänglich tieckisieren; denn in einen andern Geist einzudringen, das ist diesem Menschen nicht gegeben. Also wird Böhme für den Tieck etwas thun, Tieck für den Böhme aber gewiss sehr wenig. Noch ein Grund, warum ich es besonders schicklich finde, den Böhme zu predigen, ist, dass sein Name schon den größten Anstoß bei den Philistern erregt; kein anderer kann mehr polemische Energie haben.“ Dass Tieck seinen Böhme „tieckisiert,“ hat Schlegel richtig getroffen. Dasselbe that Tieck ohnehin auch mit seinen übrigen Vorbildern und er hatte als Dichter sein gutes Recht dazu. Er war aber dabei ein recht eifriger „Verkündiger der Morgenröthe“, persönlich unter seinen Freunden und in seiner Dichtung. Im „Zerbino“ hatte er Böhme in den „Garten der Poesie“ versetzt, in den „Phantasieen“ merkt man schon die Spuren von Böhmes Ideen, im Fastnachtschwanke vom „Neuen Hercules“ („Der Autor“) wird er mit reichstem Lobe bedacht, in „Octavian“ und „Melusine“, in verschiedene kleine Gedichte werden Böhmes Gedanken eingestreut, wie in die „Genoveva“.
Eine Wiedergeburt der Böhme’schen Mystik im größeren Stile erfolgte freilich erst später in Baaders Philosophie.
Ob mit dieser Untersuchung der persönlichen Einflüsse und Anregungen, der Quelle und der literarischen Vorbilder, die in Tiecks „Genoveva“ nachwirkten, das ganze Erdreich genügendbloß gelegt ist, aus dem diese seltsame, vielgerühmte und vielgetadelte romantische Blüte hervorwuchs, wage ich nicht zu behaupten. Briefe und andere Aufzeichnungen können noch einmal neues und volleres Licht über manchen Punkt bringen. Ein ziemlich deutliches Gesammtbild der Bedingungen, welchen dieses romantische Werk sein Dasein verdankt, stellt sich aber immerhin aus der Betrachtung des zugänglichen Materiales her. Das Volksbuch, die altehrwürdige Legende, der Tieck mit tiefer Ehrfurcht naht, gibt den stofflichen Grundstock des ganzen Buches. Die Ehrfurcht vor dem Alten bewog den Romantiker, auch von der Anordnung des Stoffes, wie sie das Volksbuch bietet, nur dann abzugehen, wenn es gewichtige Gründe forderten. Shakespeares „Perikles“ und Maler Müller wiesen auf die dramatische Form, „Perikles“ gab noch insbesondere das Vorbild für die epischen Einlagen, während Calderon das Lyrische und die metrische Gestaltung vielfach beeinflusste. Müller, Shakespeare und Goethe bestimmten dort und da einige Linien eines Charakterbildes. Müller’sche und Shakespeare’sche Stimmungen, welche Tieck besonders verwandt ansprachen, giengen in seine Dichtung über. Müller, Goethe und Shakespeare haben auch ihren Antheil am Aufbau einzelner Scenen wie an der ritterlichen Costümierung. Jakob Böhmes alterthümliche und dunkle Mystik mit ihrer fremdartigen Terminologie half gewisse Scenen auf einen seltsam alterthümlichen und geheimnisvollen Ton stimmen. Aber jeder nach fremdem Vorbilde geführte Pinselstrich verräth doch auch immer Tiecks eigene Hand, die stets in selbständiger Weise das Fremde dem eigenen Zwecke dienstbar macht. Tiecks erwachte Abneigung gegen die saft- und kraftlose Nicolaitische Aufklärungssucht, die Erlanger Eindrücke sowie Wackenroders zart-frommer Sinn und Alterthums-Enthusiasmus, die mächtige religiöse Erregung, die durch Schleiermacher, Novalis und Friedr. Schlegel in den romantischen Kreis getragen wurde, religiöse Stimmungen, welche die Calderon- und Böhme-Lectüre weckte: alles vereinigte sich, um Tiecks Gemüth mit jenen innigen, alterthümlich-religiösen Kunststimmungen zu erfüllen, die das charakteristische, beherrschende Licht über sein romantisches Drama verbreiten und dieses trotz aller Entlehnungen zu einer durchaus selbstständigen Kunstschöpfung machen, wie sie eben nur aus dem romantischen Geiste, der sich vor hundert Jahren in unserer Dichtung entfaltete, erwachsen konnte.