Chapter 5

Aber schon sind wir im Hafen, und noch hoch am Tage, sinkt der Anker. Rechts von den Ruinen bewegen sich in langsamen Kreisen zierliche Windmühlen, dreißig bis vierzig an der Zahl; links preiset der stattliche Palast des Statthalters europäischen Geschmack; die Mitte der Schaubühne schließt ein Gesäe unansehnlicher Häuser hinter einem Walde von Masten. Man mußte von dem Gedanken durchdrungen werden, daß man in einem andern Welttheile athme, undsah man bloß ins Meer, so fragte man sich neugierig über das trübe, in der Sonne rothgelblich schillernde Wasser, worüber ein Schwarm Vögel flatterte.

Ich schickte mich an, ans Land zu gehen. Neben mir Kriegsschiffe, über deren Größe ich erstaunte; vorwärts wieder Halbmonde auf den Flaggen; dort eine Barke mit trommelnden Soldaten; hier guckt eine Europäerin aus der Kajüte heraus, und fragt nach Neuigkeiten; dort ein Morgenländer mit der Pfeife im Munde, hinter einer behaglich auf dem Schiffsrande hockenden, den Schweif um die Beine niedlich windenden Katze, und hinter dem Netze von Tauen; ein englisches Dampfboot; ein hellenisches Schiff, dessen Name mit großen griechischen Buchstaben geschrieben war; kurz, eine Menge Fahrzeuge, rechts und links, vorwärts und rückwärts, ein bewohntes Meer. Ich höre Musik, vom Lande her Lärm, als wäre ich einer Kirmes nahe. Hurtig stieg ich auf den breternen Steg, und wenig Schritte, ich war zu Land, auf Sand, in Afrika, in Egypten, inAlexandrien. Unbeschreibliche Freude erfüllte mein Gemüth. InDeo gratiasergoß sich beinahe unwillkürlich das Herz, — meine ersten Worte in Afrika. Die mir nächste Person auf dem Lande war linker Hand ein halb entblößter Mensch von ungefähr dreißig Jahren und schwarzbrauner Farbe. Er lag abwechselnd auf den Knien undwarf sich auf den Staub nieder, faltete manchmal die Hände, verdrehte oft die Züge des Gesichtes. Das ist ein Verrückter, dachte ich, und wenn er es nicht ist, so verwendet er doch seine gesunde Vernunft zur Verrücktheit. Was soll ich sagen? Er verrichtete, nach dem Gesetze Mohammets, das dritte Gebet zwischen Sonnenhöhe und Sonnenuntergang (el-Asser); aber ich sehe ein, daß ich mit meinem verwerfenden Urtheile zurückhalten muß. Die religiöse Mimik will tiefer gewürdiget sein. Hat denn, frage ich, das Zusammenstrecken der zehn Finger bei den Protestanten mehr Bedeutung, als die Niederwerfung vor Gott bei den Morgenländern, oder das Niedersinken auf die Knie bei den römischen Katholiken?

Der alte Hafen ist jetzt den Europäern direkte geöffnet, und, außer den wiederholten Anfragen, deren gedacht ward, gibt es keinerlei Umstände, um in denselben zu gelangen. Wie vieles hat sich nun seit fünfzig Jahren umgestaltet. Das Traurigste aber ist, daß das türkische Regierungssystem auf keine sichere Grundlage sich stützt, da beinahe mit jeder neuen Besetzung eines Paschaliks (Statthalterschaft) eine neue, bald vor-, bald rückwärts schreitende Ordnung der Dinge eingeführt wird.

Ich miethete in der Stadt ein Zimmer, und begabmich wieder an Bord, an welchem ich die letzte Nacht hinbringen soll.

Ich konnte vor Freude über den jetzigen Aufenthalt den Schlaf kaum finden. Indessen bemerkte ich, daß es etwas kühler wurde, mein Kopf unbedeckt war, und die Frische, die ich an jenem fühlte, meinen Schlaf verhindere. Ich zog das Oberleintuch herauf und machte eine Kaputze. In wenig Minuten war ich eingenickt. Lärm weckte mich.

Den 9.

Schon in aller Frühe. Ich hörte zwar nicht mehr das Geklingel im Hintertheile des Schiffes und die antwortenden Glockenschläge über der Kajüte der Matrosen, zum Zeichen, wie lange das Geschäft des Ruderbesteurers dauere; ich hörte nicht mehr:Rende la guardia al timone, a che tocca la (terza); in dem Kastenbette hörte ich nicht mehr den Wellenschlag neben mir an der Wandung, oder das Kollern, oder bei günstiger Fahrt das Gezische, ähnlich demjenigen beim Pumpen des dicker gewordenen Rahms: aber das taktmäßige, weinerliche Rufen und Singen ganz eigener Art erklang noch, der Losungsruf der Matrosen, daß sie vereint und gleichzeitig große Kraft anwenden, z. B. um eine Last zu heben, aber das monotone, grelle Pfeifen der egyptischen Seetruppen tönte jetzt herüber. Wie ich den Matrosenruf zum ersten Male vernahm, machte ereinen höchst unangenehmen Eindruck auf mich, welchen nur nach und nach die Gewohnheit mildern konnte. Unserragazzo(Schiffsjunge), beinahe immer auf dem Meere, ohne viel Anderes singen zu hören, trillerte das Geleier der Matrosen zu seiner Ergötzung daher.

Endlich hieß es: eingepackt, und ich setzte Fuß ans Land, um mit meinem Gepäcke das Zimmer zu beziehen.

Ohne Tagesordnung bringe ich verschiedene Denkwürdigkeiten von Alexandrien.


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