Das Katzenstift.
Wenn man an der schönen Gâma’ (Tempel) el-Muristân vorbeikommt, so lenkt man in eine gewölbte Gasse ein. Im Halbdunkel windet man gleichsam sich fort. Endlich erblickt man ein heiteres Gebäude. Man ist schon im Hofe des Kadi und Mufti, wo die Katzen gefüttert werden. Das Gebäude heißt, meines Wissens, dasMuristàn-el-Kadym. Wir waren noch zu frühe, um der Fütterung zusehen zu können; wir mußten el-Asser (etwa viertehalb Stunden nach Mittag) abwarten.
Indeß wir müßig herumstanden, näherte sich uns ein Mann in sehr freundlichem Tone. Weil wir in dem Hofe des Hohenpriesters oder Mufti uns befanden, so meinte er, daß wir unsere christliche Religion abschwören wollen, und er fragte, wer beschnitten zu werden wünsche. Er bot sichan, die Beschneidung für 20 Para zu unternehmen. So verteutschte einer der Franken, wenn diesem anders zu trauen war. Es bedurfte nur eines Jawortes, und wir vier wären sämmtlich, ohne weitern Vorgang, in einer Viertelstunde Moslim geworden. Wie vieles Fragen, Bekennen, Schreiben und Laufen dagegen in Europa, bis man in den Schooß einer andern Kirche treten darf, während doch so viel Zeit aufgeopfert wird, um Andere zubekehren, welche Zeit der Mohammetaner in der Regel, mit der Pfeife Tabak, auf dem Diwan zubringt.
Wir wollten begreiflich keine Mohammetaner werden. Inzwischen folgten wir der Einladung zum Kadi. Erst traten wir durch den offenen Gerichtssaal, der leer war; dann schritten wir durch die Vorsäle. Ein rother Vorhang vertrat an einem Orte die Thüre. Wir wurden hier durch in den großen Saal geführt, worin sich der Kadi aufhielt. Es gibt nichts Einfacheres, als den Saal. Den weiten Raum schmückt nicht eine einzige Geräthschaft, außer dem Diwan, welcher an den Wänden herumläuft. Daß man keinen Glanz suche. Bloß die Decke des Zimmers war bemalt, doch nicht mit Figuren und ohne Geschmack. Der Kadi hockte auf dem Diwan, in einer Ecke am Fenster, die Pfeife im Munde: ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit blassem Angesichte, lieblichem, schwarzem Auge, und schwarzem Bartbusche. Er trug einen dunkelfarbigen Turban und Rock. Kein Buch lag ihm zur Seite. Nur las neben ihm ein Mann für sich ein großes, geschriebenes Blatt.
Wir machten unsere Komplimente, so gut wir konnten. Wir fuhren mit der Rechten auf Brust, Mund und Stirne, und senkten unsere Köpfe, worauf die Mützen fein blieben. Der Kadi lud uns ein, Platz zu nehmen. Wir setzten uns, nach europäischer Art, auf den Diwan. Sogleich wurden wir mit schwarzem, unversüßtem Kaffee bewirthet. Die Diener trugen ihn in kleinen Schalen, welche, von bemaltem Porzellan, in einem goldenen Becher ruhten. Der Kaffee dampfte vor Hitze, wie man ihn in Kairo zu trinken pflegt. Ich befand mich in einiger Verlegenheit, weil ich ihn schnell trinken sollte, und ich mir nicht gerne wehe thun wollte. Trotz meines fleißigen Blasens, als hätte ich verfrorene Hände aufzuwärmen, und trotz meines langsamen Trinkens, so daß ich als der letzte die Schale dem auflauernden Diener zurückgab, brennte ich mich doch ein wenig an der Zunge. Die Gesellschaft fordert allezeit von der Freiheit ein Opfer.
Fragte der Kadi, ob unser Gewissen in Ordnung wäre, ob wir Beruf fühlten, es bei den Mohammetanern gehörig einrichten zu lassen. O nein. Unsere Unterhaltung berührte weltliche Dinge. Er erkundigte sich nach dem Vaterland eines Jeglichen von uns. Nachdem wir sodann seine Neugierde und wir mit Herumschauen die unserige befriedigt hatten, wiederholten wir unsere Komplimente und gingen hinweg.
Endlich war Mahlzeit für die Katzen. Ein Knabe rief mit einem eigenen Laute, und plötzlich sammelten sich etwa zwölf Katzen. Er warf ihnen Fleischstücke vor, die sie sogleich verschlangen. Kaum aber lag das Fleisch auf dem Boden, so wurde der Hofhimmel plötzlich lebendig von mehr denn einem Dutzende herumflatternder Raubvögel. Diese erfrechten sich so weit, daß sie das Fleisch zwischen den Katzen wegpickten, und hart an meinem Kopfe vorbeischwirrten. Die Katzen selbst, auf ihre Speisen nicht minder versessen, achteten nicht einmal der fliegenden Räuber. Der Knabe schleuderte einige Male Stücke Fleisch nur ungefähr in die Luft, und sie fielen nicht mehr herunter; denn die Vögel pickten im Fluge sie weg. Es ist nicht ohne Werth, zu beobachten, wie sich auch die Thiere an eine Zeitordnung gewöhnen. Warum sollen denn gewisse Menschen allein so ordnungslos leben?
Eine Frau, unzweifelhaft eine Liebhaberin der Katzen, stiftete, heißt es, ein Vermächtniß zu dem Zwecke, daß Katzen, namentlich auch kranke, gefüttert werden. Somit erklärt sich das Katzenstift. Wahrscheinlich werden diePfaffen das Vermächtniß so gut verwalten, daß mehr in ihre Magen, als in die Katzenmagen spazirt.
Man trifft auch an andern Orten des Islams, z. B. in Damaskus, Katzenspitäler. „Es ist bräuchlich“, erzähltSalomon Schweigger, „daß die Türken den Katzen und Hunden Almosen geben; denn bei dem StifteSultan Mehemet-Jeniin Konstantinopel pflegen sich durchweg um Vesperzeit dreißig oder vierzig elende Katzen zu versammeln, und diesen werfen etliche Türken, die auf demselben Platz vorhanden, etliche Brocken Fleisch oder gebratene Leber vor, die man an kleinen Spießlein herumträgt. Solches wird für ein herrlich Almosen gehalten.“ Es liegt ein eigener Zug in dem Mohammetaner, daß er die Katzen so gütig bepflegt. Es soll daher kommen: Dem ProphetenMohammetwarf eine Katze in den Rockärmel Junge. Um diese aber nicht zu beunruhigen, schnitt er den Aermel ab. Darausschlossen die Mohammetaner, daß ihr Religionsstifter die Katzen verehrte, und darum verehren sie die Katzen bis auf den heutigen Tag.