Die Esbekieh.

Die Esbekieh.

Man fühlt sich in den schmalen Gassen, die von hohen Häusern eingemauert sind, manchmal so beengt wie in einer Felsenkluft. Man sehnt sich nach einem geräumigen Platze. Das Auge will unumschränkter sehen, und die Brust freier athmen. Im Freien ist Wonne.

Der berühmte und berüchtigte Platz Esbekieh versöhnt Einen vollkommen. Bei meiner Ankunft in Kairo bot er das Aussehen eines der reizendsten Seen dar. Ich konnte mich beinahe nicht satt an dem Wasserspiegel ergötzen, dessen Rahmen ringsum Häuser vorstellten; weiße neben schwärzlichen malten ihn bunt, hohe neben niedrigen machten ihn vielzackig. Ich wandelte am Ufer hin und her, und fortan ergriff mich die zauberhafte Stelle der Stadt. Ich schwebte in einer Feenwelt. Wo ist eine europäische Stadt, welche dergleichen besitzt? Der Zauber wächst bei dem Gedanken, daß der Grund dieses kurz dauernden Sees, nach der Austrocknung als Spaziergang und Feld benutzt wird. Auf dem gleichen Platze spaltet abwechselnd zu einer Zeit der Schiffskiel das Wasser und zur andern das Feldgeräthe den Wassergrund.

Ich weilte in Kairo gerade zur Zeit, da der Esbekiehsee abnahm und nach und nach fast ganz eintrocknete.Kaum kam der schlammige Boden recht zum Vorschein, als ihn schon das Grün wuchernd überspann, und wenn ich zuerst, die ansehnliche Wasserfläche betrachtend, stutzte, daß darunter in einer andern Jahreszeit die schönsten Feldfrüchte gedeihen sollen, so ward mir nachher klar, da ich mit eigenen Augen sah, wie die nackt hervortretende Erde so bald mit einem grünen Teppiche sich bekleidete.

In Egypten zeigt die Natur, ich möchte sagen, ihre Reize unverhüllt. Im Wesentlichen würde der See nicht gewinnen, wenn der alte Römer seine Kunst und seinen Luxus daran verschwendete; bloß würde so etwas mehr berauschen und dem verwöhnten Geschmacke mehr schmeicheln. Wo aber wäre wohl die Kunst ohne die Natur?


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