Die Narrenmenagerie.
Es gibt Leute, die sich an den Namen mehr ärgern, als an den Dingen. Bei solchen besorge ich wohl, daß sie an dieser Ueberschrift Anstoß nehmen. Vorläufig möchte ich sie aber damit beruhigen, daß der Ausdruck, so hart er klingen mag, doch nicht härter ist, als die Sache, die er bezeichnet.
Um dem Eseltreiber verständlich zu machen, wohin ich wolle, ließ ich ihm sagen, daß er mich dahin führe, wo die Narren und die Närrinnen seien.
Ich kam in einen Palast, das berühmte SpitalMuristan, welches mit der schönen Moschee gleichen Namens zusammenhängt. Ein geduckter, etwas kleiner Mann mit einem grauen Barte, stand in einem Vorzimmer; er fiel mir zuerst nicht auf. Es war der Menagerieinspektor. Mein Führer eröffnete ihm meine Absicht, — denn ichkonnte durchaus nicht arabisch, — und ohne Anstand ward mir der Eintritt bewilliget. Noch aber ließ ich Brote holen, um sie unter die Kranken zu vertheilen. Die Zufriedenheit mit Wenigem ist in der Regel ein Zeichen echter Selbstbeherrschung; die Zufriedenheit mit einem geringen Geschenke zeugt gemeinhin von wahrer Dürftigkeit. Auf diese zählend, hoffte ich mit meinen Kleinigkeiten Liebes zu thun.
Nun wurde die Thüre aufgeschlossen. Ich war nur Auge, nur Ohr. Ein viereckiger Hof, in dessen Mitte ein steinernes Becken, selbst mit dem unlautern Wasser, fürs Auge gute Wirkung macht, zieht voraus den Blick an sich. Der erste Eindruck verspricht Gutes; allein er trügt nur zu gewiß: denn den gefälligen Hof umgeben lauter Käfiche, an Stattlichkeit und Solidität gleich denjenigen für die Thiere, welche zur Schau gestellt werden. Um den Schein einer Menagerie zu vollenden, erheben sich die Krankenzellen bühnenartig. Das Licht und die Speisen gelangen durch ein eisernes Gitter, welches nicht Manneshöhe erreicht. Die Zelle ist schmal, doch hoch. Ich konnte die Zellen und die Kranken nicht zählen; denn der Menagerieinspektor sputete sich zu sehr, weil er vielleicht meinte, daß die Kranken beim Anblicke eines Giaur (Ungläubigen) gewaltig beunruhiget würden. Ich glaube, daßden Hof sechszehn Zellen umfassen. Sie sind sämmtlich von festem Mauerwerk. In den meisten Zellen fand ich einzig einen Kranken, in einer andern aber selbst drei, wovon einer angekettet war. Der letzte nämlich trug ein Halseisen mit einer langen Kette. Diese lief durch das Gitter, und ward so weit unten festgemacht, daß der Kranke mit den Händen die Endglieder derselben nicht ergreifen konnte. Hände und Füße blieben dabei ungefesselt. In Europa würde man bei solcher Anfesselung das Selbsterdrosseln befürchten. Zur Bettung dient dem Kranken im besten Falle etwas Stroh, sonst der harte Boden. Dieß ist nicht das Herbste des Schicksals. Wie der Hunger die Küche bald gut bestellt, so bereitet der Mangel an Schlaf dem schwankenden und trunkenen Haupte ohne Schwierigkeit einen Polster, und am Ende macht sich die Macht der Gewohnheit geltend. Vielleicht werde ich letztern Satz gelegentlich einmal wiederholen, weil dessen Wahrheit beinahe nie genug ausgesprochen und beherziget werden kann. Einige Kranke waren ordentlich gekleidet, andere aber wenig oder fast gar nicht.
Wie ich vor die ersten Käfiche trat, wollte ich das Brot selbst austheilen; allein der Menagerieinspektor wand mir es mit einer Meisterfertigkeit aus der Hand, und mir war klar, was ich thun oder lassen sollte. Meine fränkische Person schien den Unglücklichen wenig Aergerniß zu geben; sie haschten, wie kleine Kinder, nach dem Geschenke, welches ihre Aufmerksamkeit für den Augenblick verschlingen mochte. Nur ein Andächtiger, der betend auf den Knieen lag, und den Boden anglotzte, nahm von Allem, was vorging, keine Notiz. Dagegen betrug sich sein Nachbar um so rühriger, und er erhob ein betäubendes Geschrei. Der Aufseher warf einen Lappen Brot ihm zu. Das war der Friedensbote, welcher alsobald den Sturm besänftigte, nachdem eine Art Mensch, vielleicht ein Menagerieknecht, vergeblich den Stock über ihn geschwungen hatte. Schlagen sah ich nicht.
Uebrigens hält man mit dem Schlagen oder Peitschen in Egypten keine genaue Rechnung. Jeder Herr peitscht oder prügelt seinen Diener. Das Schlagen des kranken Irren wird in Egypten unzweifelhaft nicht die gleiche Wirkung hervorbringen, welche man sich in Europa versprechen würde, und wenn in diesem Welttheile mit dem verwerflichen, barbarischen Mittel zur Seltenheit Heilungen erzielt wurden, so würde es von dem ans Schlagen beinahe mehr als ans Brotessen gewöhnten Araber mit Gleichgültigkeit, wenigstens mit abprallender Härte ertragen werden.
In der Flüchtigkeit ward ich ruhige Gesichter und gutgenährte Leute in den Käfichen gewahr. Es beschwichtiget gewissermaßen zuletzt der gegründete Glaube, daß die Eingekerkerten doch nicht mit Hunger gequält werden.
Als ich schon zur Thüre hinaus war, hörte ich noch den Lärm der Irren, selbst vor dem Geklirre der Ketten. Von der Besorgung der Närrinnen weiß ich weder etwas Rühmliches, noch etwas Tadelnswerthes. Den Männern ist der Eintritt in die Weiberzellen untersagt, wohl aberKnabenbis zum Alter von ungefähr neun Jahren erlaubt.
Bei einem zweiten Besuche vergönnte man mir mehr Zeit. Ich konnte achtzehn Käfiche zählen. Dießmal überzeugte ich mich von der zurückstoßenden Unreinlichkeit. Daß in diesen Krankenställen keinerlei Versuche zur Heilung vorgenommen werden, versteht sich von selbst.
Das kultivirte Europa schaudert wie vor der Einrichtung der Observazionsanstalt in Alexandrien, so vor einer solchen Behandlung unglücklicher Irren. Wie lange her ist es aber, daß dort das Licht der Humanität glänzt? Noch vor einem Jahrhunderte wurden die unschuldigsten Gemüthskranken, gleichwie die schuldigsten Verbrecher, fast durchgehends in Ketten geworfen. Vielleicht werden die bemitleidenswerthen Gemüthskranken an das eiserne Kriegsherz des Pascha klopfen, daß es erweicht wird, und falls er dem gräßlichen Uebelstande wehrt, so flicht er sich schönereLorbeeren um sein Haupt, als wenn er noch einmal Militärkrankenhäuser, Arzneischulen und andere Anstalten, Pulvermühlen und andere Fabriken ins Dasein riefe, und er bleibt unsterblicher unter den Sterblichen, als wenn auf sein Machtwort der Anbau einer zweiten Baumwolle und eines zweiten Oelbaumes u. dgl. gediehe. Insbesondere die edeln Züge des Zartgefühles für das Wohl und Weh aller Menschen, ohne Ansehung des Standes und des Vermögens, erwartet das aufmerksame Europa von dem schöpferischen und durchgreifenden Vizekönige des Egyptenlandes.