Kairo.

Kairo.

Kairo oder Großkairo liegt fünfzig deutsche Meilen südlich von Alexandrien, unweit vom rechten Ufer des Nilstroms und auf einer Ebene bis an den Hügel Mokatam.

In hohem Grade beneidenswerth sind die Europäer in Alexandrien und Kairo. Die Alexandriner rühmen das Klima von Alexandrien und tadeln dasjenige von Kairo. Die Kairaner dagegen erheben den Himmel von Kairo auf Kosten desjenigen von Alexandrien. Es ist mit besonderer Güte dafür gesorgt, daß die Einen mit dem zufrieden sind, womit die Andern unzufrieden wären.

Kairo streift an den 30. Grad nördlicher Breite. Wenn die Sonne am höchsten steht, brennt sie sehr heftig. Indessen wird die Hitze eines Windes aus der Wüste, vonden Pyramiden her, weit weniger leicht ertragen, als die größte Hitze des Sommers. Diesen Wind nennt der AraberChamsîn, das heißt,Fünfzig; denn er weht fünfzig Tage und fünfzig Nächte, aber einige Tage und Nächte mit ausnehmender Stärke und Verderben. Er hebt Mitte Aprils an, und treibt viel Staub vor sich hin, so daß vor demselben, auch mit möglichster Sorgfalt, die zubereitete Nahrung auf dem Tische des wohl verschlossenen Zimmers nicht leicht geschützt wird. Im Winter fällt der Regen, doch in der Regel sehr wenig. Gewölke sah ich auch hier zur Genüge, und ich zählte keinen einzigen wolkenlosen Tag. Man will ebenfalls in dieser Gegend von Egypten eine Veränderung des Klimas zu Gunsten des Wasserniederschlages wahrgenommen haben.

Um mich des Gesundheitszustandes einigermaßen zuvergewissern, suchte ich in dem Tauf- und Sterberegister der lateinischen Gemeinde bei den Kapuzinern (Klosterde propaganda fide) nach. Ich rühme die Freundlichkeit und Bereitwilligkeit, womit der würdige Guardian meine Nachforschungen unterstützte. So wenig meine Erwartung durch die Anlage des Todtenbuches gerechtfertiget wurde, so wäre noch weit minder bei den Mohammetanern auszubeuten gewesen, die auf dem Kissen des Fatalismus gar zu sanft schlafen. Ich möchte das von der lateinischenGemeinde (die namentlich auch Levantiner zählt) gewonnene Resultat allerdings nicht als Maßstab für die gesammte Bevölkerung von Kairo vorhalten. So viel leidet indessen kaum einen Widerspruch, daß es, weil es eben von Einwohnern dieser Stadt abgezogen wurde, eher im Allgemeinen die Bevölkerung Kairo’s ankündigt, als irgend eine andere. Im jährlichen Durchschnitte starben, mit Ausnahme des Jahres 1831, in den 10 Jahren 1824 bis und mit 1834, 36 Personen, und 47 wurden getauft. Wenn der Getaufte zur Bevölkerung sich verhielte gleich 22 zu 1, wie in dem französischen Finistère-Departement, wo gerade 1 auf 22 geboren wird, so wäre die lateinische Gemeinde 1034 Seelen stark. Jeder Sachkundige sieht ein, daß dieser Schluß um so mehr Mißtrauen erregt, je gewisser die Gemeinde eine sehr zusammengesetzte und wandelbare Bevölkerung enthält. Das Alter der Verstorbenen fand ich bloß in den Jahren 1833 und 1834 genügend verzeichnet. In diesen Jahrgängen fehlt es einzig bei zwei erwachsenen Personen, denen ich willkürlich 20 Jahre gab. Die insgesammt (durch diese zwei Jahre) 114 Verstorbenen hatten zusammen ein Alter von 2180 Jahren, 10 Monaten und 14 Tagen. Die durchschnittliche Lebensdauer beträgt demnach 19 Jahre. Die älteste Person, welche ich im Sterberegister traf, war eineMaria Hadadaus Jerusalem;sie brachte ihr Leben auf 95 Jahre.Prosper Alpinusgibt den Egypziern ein sehr langes, und selbst ein längeres Leben, als den Europäern, ohne jedoch einen Beweis für seine Behauptung anzuführen. In den genannten Jahren starben im Durchschnitte während der Monate Julius und August am meisten, und während des Hornungs am wenigsten. Der Weinmonat gilt als der gesundeste Monat des Jahres. Kaum weniger gesund dürften November, Jenner und Hornung sein, wie die Sterbeliste andeutet.

Die Krankheiten, welche vor den übrigen Schrecken verbreiten, sind Pest und Cholera.

Die Bubonenpest verschonte Egypten in der neuern Zeit seit dem Jahre 1824 bis zum Christmonat 1834, hiemit ein ganzes Jahrzehn. Indessen wüthete sie im Jahr 1824 nicht besonders heftig, und es gingen aus der lateinischen Gemeinde bloß 37 Personen in den Monaten Merz, April und Mai mit Tode ab. Nach ältern Beobachtungen beginnt sie im Jenner oder Hornung, schreitet verheerender während desChamsînsvorwärts, und wird durch die größte Sonnenhitze gleichsam abgeschnitten. AmSt. Johannestageglaubt der Europäer sich sicher. Im ersten Halbjahre und im Monate Julius 1835 verlor die lateinische Gemeindezweihundert und elfPesttodte, und zwar weitaus die größte Zahl im April und Mai. Manschätzte die Summe aller in Kairo an der Pest Hingeschiedenen, wohl doch in übertriebenem Maße, auf 100,000. Die Europäer, welchen in der letzten Pestzeit die Mittel zu Gebote standen, sperrten sich ein. Unter alle Eingesperrte schlich sich während der letzten Seuche die Pestkrankheit nie und nirgends ein. In einem Hause brach zwar die Pest aus; allein sie wurde durch einen besonderen Fall eingeschleppt. Aus einem verpesteten Hause ließ man ohne alle Gefährde einen sogenannten Drachen zur Belustigung auffliegen. Ein Kind jenes Hauses befand sich auf dem Söller, der Drache fiel auf dasselbe, und in wenig Stunden erkrankte es und erlag dem Drachen — der Pest. So lange keine Todtenregister geführt werden, dürfen die Sterbeziffern nicht anders, als mit Zweifel betrachtet werden. Dieß gilt namentlich auch von der geschichtlichen Angabe, daß zu Kairo im Jahr 1472 während sechs Monaten 600,000 und, nachProsper Alpinus, im Jahr 1580, 500,000 Menschen in ebenso viel Zeit an der Pest starben.

In der neuern Zeit erklärten vorzüglich die französischen Aerzte, an ihrer SpitzeClot-Bei, aber auch der besonnenereGaëtanidie Seuche für miasmatisch. Mit einiger Vorsicht öffneten sie viele Leichname und blieben verschont. Mittlerweile verschwanden drei deutsche Aerzte als ein Opfer der Pest. Die BravourClotsgefielMehemet-Aliin so hohem Grade, daß letzterer ihn in den Generalsstand erhob, und der glänzende Halbmond hängt als Ehrenzeichen an der Brust vonClot, wie beim vizeköniglichen Muselmann von Auszeichnung. Die Ansicht der neuen Propheten, daß die Pest nicht anstecke, erfreute sich übrigens zu meiner Zeit keiner Popularität bei den Europäern in Kairo. Diese verwarfen sie vielmehr fortwährend als überspannt. Sie werden mit höchster Wahrscheinlichkeit sich durch den neuen Pestfirman inskünftige am Beobachten der Quarantäne nicht im mindesten stören lassen. Huldigten doch öffentliche Anstalten, wie die Kadettenschule, dem Grundsatze der Sperrung, ungeachtet der Pascha einen Miasmatiker zum Bei adelte.

Die Cholera ist eine frisch gebrochene Geißel Egyptens. In den Monaten August, September und Oktober 1831 zwickte sie aus der lateinischen Gemeinde in Kairo 94 Personen hinweg. Manche Kairaner fürchten die Cholera mehr, als die Pest, weil die Sperre dagegen nichts oder gar wenig vermöge.

Führe ich fort, von andern Krankheiten der Egypzier, wie von den Pocken, den Augenentzündungen, den Ruhren, umständlicher zu reden, manche Abendländer würden einen allzu trüben Gesichtskreis finden, und das Land der Fleischtöpfe als ein Land unnennbarer Plagen ansehen. Ichmöchte aber nicht zu Vorurtheilen Stoff darbieten, deren Angel man begierig verschlingt, ohne zu beherzigen, daß man an derselben gefangen und gequält werde. Die Natur vergißt nicht, darüber zu wachen, daß, wo die menschliche Vernunft ihre Aufgabe löset, das Gesetz des Gleichgewichtes erfüllt werde.


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