Umgebung von Kairo.
Bereits besuchte ich außerhalb der Stadt die Grabmale der Großen (Turâb Kâyd-Bei). Die Umgegend verdient, daß man sich weiter umsehe. Rückerinnerungen an erstere erweckte der Anblickder Todtenstadt el-Seydeh Omm Kâsim.
Reitet man von Altkairo gegen die Burg, so tönt es oft hohl unter den Hufen des Thieres; es scheinen die Geister der grauen Vorwelt zu klagen; man kommt über Schutt, über sandichte Schutthügel, welchen die vielen rothen Ziegelscherben ein scheckiges Ansehen verleihen; es ist Wüste; das Auge erholt sich nicht an einem einzigen grünen Gräschen.
Das Turâb (Todtenstadt) el-Seydeh Omm Kâsim liegt südlich unter der schroffen Wand des Mokatam, gleich am Fuße des Schlosses. An Umfang gibt dasselbe einer kleinen Stadt nicht nach. Selbst das Bauwerk stellt sich ansehnlich heraus, und mit dessen Kosten hätten mehrere hundert egyptische Dörfer gebaut werden können. Auf diesem Leichenfelde verirrt man sich staunend mit dem Auge in den Wald von kleinen Moscheen und Minarets. Manches Prachtwerk aber zerfällt in einen Wirrwarr öder Steine. Immerhin bleibt es eine Seltsamkeit, daß die Mohammetaner den Todten mehr Ehre erweisen, als den Lebendigen.
Wie sich allerwärts bei den Muselmännern der Unterschied zwischen den Großen und den Geringern durch das Aeußere laut ankündigt, daß z. B. der Große sein Weib einsperrt, während der Geringe das seine frei herumgehen, selbst bei einem Christen den Hausdienst versehen läßt, so besonders zeichnen sich der Großen Denkmäler, diese feierlichen Grabesdome, aus. Was ist das Grab und Grabmal des Geringen? Wenige Fuß tief wird Erde aufgeworfen, die Leiche hineingelegt, und darüber ein kleines Gewölbe flüchtig gemauert; obenher bringt man einen, aus Stein gehauenen, auf einer dünnen Unterlage ruhenden Turban an, welchen ich deßwegen so nenne, weil ich weiß, daß er einen vorstellenmuß, und an der entgegengesetzten Seite erhebt sich etwa ein plumper Halbmond mit seinen stumpfen Hörnern. Wenige Jahre halten die zusammengepfuschten Steine aus, und sie verlieren ihren Zusammenhang, als wären sie bloß zusammengedacht gewesen, werden jetzt aber dem Grabmaurer als Baustoff erst wieder nützlich. Das ist das Grab und Grabmal eines muselmännischen Geringen. Selbst auf dem stummen Leichenacker, möchte man ausrufen, herrscht unter den Mohammetanern der schreiende Despotismus der Großen; allein im Innern der Gräber bebt derselbe beschämt vor der Wahrheit zurück: Der Staub aller Todten ist gleich.
Die Nekropolis steht an Pracht und Aufwand weit hinter dem Gottesacker Kâyd-Bei zurück.
Auf den Grabstätten erzeigen sich diejenigen Moslims, welche dem Christen den Eintritt in ihre Kirchen verweigern oder erschweren, sehr tolerant. Ungehindert ritt ich in Kairo auf einem Esel kreuz und quer über die Gräber. — Die größten Todtenfelder liegen außer dem Umkreise der Stadt[23].
Schon auf der Burg empfahl sich meiner besondern Aufmerksamkeit eine auf vielen Pfeilern ruhende, lange, steinerne Brücke, die Wasserleitung, und ich war sehr begierig, in der Nähe sie zu besehen. Will man nach Altkairo sich begeben, so ist es ihrer Bögen einer, unter welchem der Weg durchführt. Der Wasserthurm (el-Migreh), als das Haupt des Aquädukts, steht rechts am Rande des Nils. Man kann auf ihn in einer unbedeckten Bahn reiten. Eben traf ich einige Weiber, welche die Brustwehre mauerten; ihr Mörtel war Viehmist, welchen sie mit heitern Mienen und zierlich mit ihren kleinen Fingern herumdrückten. Die Hände der Schönen waren Mörtelkellen, um welche diese Egypzierinnen von den Schönen Europas wahrscheinlich nicht wenig beneidet werden. Oben kirren sechs Räder, von zwölf Ochsen getrieben, um das Wasser aus der Tiefe zu schöpfen. Dasselbe wird in ein Becken ausgeleert, das in den Kanal ausmündet. Der liefert das Wasser in die Burg. Eine weite Strecke erhebt er sich hoch über die Erde. Erst in der Todtenstadt el-Seydeh Omm Kâsim greift er in das Erdreich. Die Rinne selbst mißt etwa zwei Fuß in der Breite und Tiefe. Der Nilschlamm, welcher sich aus dem Wasser niederschlägt, wird mit Sorgfalt herausgeschafft. Ich ging ein Stück weit neben der Rinne bis an einen Ort, wo die Wasserleitung ausgebessert wurde.
Nahe an dem Wasserthurme fängt der ungemauerte Nilkanal an. Dieser wird jährlich zu seiner Zeit mit einemDamme querüber gesperrt, dessen Durchschneidung dann die Anwohner mit großem Jubel feiern. Allahu akbar (Gott ist groß); Gott läßt keinem Volke des Elendes so viel werden, daß er nicht dann und wann in dasselbe eine Rose der Freude streute.
Altkairooder ehemalsFostât, dannMaser el-A’tykahder Araber ist eine besondere, mit Mauern und Thoren verwahrte, nicht unbedeutende Stadt im Süden und eine halbe Stunde von Großkairo, hart am Nil. Es gewährt ein einförmiges, schwarzgraues Aussehen. Die Häuser sind hoch und von Thürmen weit überragt; die Gassen enge und belebt, letzteres wenigstens diejenigen am Hafen.
Altkairo wurde im 20. Jahre der Heschira gegründet und 564. in Brand gesteckt.
Weil ich noch nie in einer armenischen Kirche war, so hatte ich kein geringes Verlangen, das Kloster der Armenier zu sehen. Ich weiß nicht, mit welchem Rechte man den NamenKlostergebraucht, da ich eben keine klösterliche Einrichtung fand, wenigstens keine Mönche antraf. Die Kirche stellte einen Saal mit weiß überkalkten Wänden vor,ohne Glocke, ohne Beichtstuhl, ohne Stühle oder Bänke, ohne Seitenaltar. Der Choraltar vergegenwärtigte mir die römisch-katholische Kirche. Als der Führer in die Kirche trat, fuhr er mit der Hand öfter vom Herzen zum Munde, nachdem er sie in einem kleinen Becken benetzt hatte, das an der Mauer sich befand. Ich machte keine Zeremonie, so wenig als ein Muselmann sich in Zeremonien eingelassen hätte, und der Führer glotzte mich sehr seltsam an. Meinerseits konnte ich mich damit nicht befreunden, daß er als Christ im Wesentlichen wie der Mohammetaner gekleidet war. Vom armenischen Kloster wird nördlich Altkairo geschlossen.
Das griechische und koptische Kloster liegen nicht im Umfange von Altkairo, sondern in einiger, wiewohl sehr geringer Entfernung davon, nämlich inKaser-el-Schàma, und sie bilden mit den um sie gedrängten Häusern ein eigenes Städtchen. Noch nirgends sah ich die Häuser so nahe beisammen, gleichsam auf einander geschoben wie hier. Der Sonnenstrahl kann an den wenigsten Orten die Gasse erreichen. Mir kam es vor, als sei ichvon hohen, unförmlichen Felsenriffen umlagert, als wären die ersten Einwohner in der Verwirrung hieher geflüchtet, und als hätten sie sich in der gleichen Verwirrung ihre Gebäude aufgeführt.
Als ich in dasgriechischeKloster des seligenGeorgiuskam, wollte ich gleich wieder umkehren; denn es zeugte hier das wenigste von einem Kloster. Wie in der Verborgenheit fand sich auf dem anderobersten Stockwerke die griechische Kirche, die ich nur flüchtig anschaute. Mehr sprach mich einen Stock weiter unten eine Säulenhalle an. Ich entscheide nicht, ob ich mich glücklich preisen soll, daß ich keines griechischen Priesters ansichtig werden konnte[24].
Nicht weit vom griechischen Kloster liegt, an einer sehr schmalen Gasse, daskoptischezum seligenSergius. Ich war schon ein Stockwerk hoch und kehrte wieder um, weil sich mir nichts Klösterliches darbieten wollte. MeinGeruchsorgan hatte sich an den Weihrauch und an das Kellerichte feuchter Mauern, denen man in den Klöstern der Lateiner begegnet, so sehr gewöhnt, daß ich an kein Kloster glaubte, wenn jene fehlen. Doch alsbald trat ein alter, langbärtiger Mann mit einem Turban daher; er hielt in seiner Hand einen großen, hölzernen Schlüssel, mit dem er rüttelnd das Schloß öffnete. Ich war in hohem Maße gespannt, die koptische Kirche zu sehen. Was ich von ihr sagen muß — — sie ist nicht schön, und im Zerfalle begriffen; vor dem Altare erhob sich etwas Pultartiges wie bei den Griechen; am Altare selbst nahm ich das Christusbild nicht wahr. Mehrere Bilder, z. B. eines, welches dieJesumauf dem Schooße haltendeMariavorstellte, waren um den Altar auf eine zu überladene Weise gehängt, sogar wenn sie keine Stümpereien gewesen wären. Ist es wohl dem heiligen Zwecke gemäß, daß ehrfurchtsvolle Erinnerungen durch stümperhafte Bilder beleidigt werden? Nur blinder Fanatismus, verbunden mit krasser Unwissenheit auf dem Gebiete der Kunst, kann an geweihter Stätte Fratzen leiden.
Zwei Treppen führen in ein Gewölbe, an den Ort, wohin die heilige Frau mitJosefund demChristuskinde geflohen seinsoll. Am Lichte einer Kerze stieg ich hinunter. Vergebens, daß man hier eine Grotte oderHöhle suche. Alles ist Mauerwerk. Zudem müßte, meines Erinnerns, die Höhle eine überirdische sein, weil die Kirche einen Stock hoch liegt, und man gerade ebenso tief bis zu jener hinabsteigen muß. Die Katholiken und Kopten haben ihre Verehrungsstellen durch eine Mauer gesondert, und, um recht billig zu sein, möchte ich fragen: Wer weiß es, daß die gefeierten Flüchtlinge gerade die Stelle am meisten berührt haben, welche die Eifersucht der in verschiedenen Meinungen lebenden Christen mit einer Mauer zudeckte? Den Lateinern gehört ein kleines, ganz niedriges Gewölbe, auf dessen Boden ein Kreuz eingegraben ist. Davor hängt ein Oelgemälde auf Holz, welches die heilige Familie vorstellt. Die Kopten besitzen ebenfalls ein Gewölbe, auf dessen Boden aber ein viereckiger Stein oder ein Altar ohne ein Zeichen steht.
Beim Herausgehen aus der Kirche fielen mir in einem Winkel mehrere Krücken auf. Sie werden von denjenigen, welche während des langen Gebetes durch Stehen müde geworden sind, als eine Stütze gebraucht.
Bei dem alten Kairo liegt die älteste Moschee des Mohammetanismus, nach ihrem Gründer A’mru genannt. Sie ist bereits verlassen, und leicht wird den Andersgläubigen der Zutritt gestattet. Ich möchte diese Moschee, von der noch zwei Thürme emporstreben, den Säulentempel nennen; denn durch die Zahl der Säulen, welche auf 244 ansteigt, hat sie etwas Ueberraschendes. In den Tempel getreten, und der Blick wird gleichsam irre vor der Menge der Säulen. Die Eingangsseite, so wie die östliche und westliche Seite sind zwar nicht sehr breit, wohl aber die mittägliche, die allein über hundert Säulen zählt. Die Mitte zwischen den Säulenhallen steht unter freiem Gotteshimmel, und in diesem offenem Raume des Tempels bietet ein Kuppelbrunnen ein freundliches Aussehen. Die Kuppel wölbt sich über ein Becken voll Wassers, und den Brunnen umgibt außen eine Reihe kleiner Röhren, welche mit dem Wasserbecken in Verbindung gebracht sind. Ich zog den Stöpfel einer solchen Röhre und das Wasser quoll sogleich heraus. Dieser Brunnen dient den Mohammetanern zu der religiösen Handlung der Waschungen. In der Nähe des Brunnens erholt sich der trümmermüde Beobachter an dem Grün einer Palme, und gleich daneben an den Blüthen eines andern, in eine Mauer eingesperrten Baumes. Diese Bäume werden unzweifelhaft für heilig gehalten. Vermag das Abendland auch unter freiem Himmel aufwachsende Bäume in den Kirchen aufzuweisen? Die mittägliche Seite der Gâma’A’mruswill als der eigentliche Tempel betrachtet werden. Gegen den offenen Hofraum findet sich eine kleine Emporkirche von mühsam gearbeitetem Holze. An der Mauer erhebt sich in der Mitte eine Kanzel (Mambar) ebenfalls von Holz. Weiter greifen in die Mauer etliche Nischen (Mahrab). Nach den Mahrab wendet sich das Volk beim Beten, indem sie genau die Lage der Kâba in der großen Moschee zu Mekka angeben. Vom platten Dache hängen Vorrichtungen zur Beleuchtung herunter. Der Hauptkarakter der Kirche ist ein frohmüthiger, offener, und der völlig entgegengesetzte mancher katholischer Kirchen, in welche das Sonnenlicht erst fallen darf, nachdem es durch farbige Scheiben gebrochen worden. Oder nicht zufrieden mit dem Düsterlichte in der Kirche, welches zur Wehmuth stimmt, gräbt man sich Kapellen, um während des Tages die Nacht heraufzubeschwören, welche man durch ein künstliches, von vielen Seiten her zusammengebetetes Lichtchen erhellt. Das Licht der Sonne, als Geschenk des Himmels, wird sonderbarerweise ungern gelitten.
Um auf die Säulen zurückzugehen, so sind, wo nicht alle, doch die meisten antik. An vielen haben sich die korinthischen Knäufe recht schön erhalten. Von Säule zu Säule springt ein Bogen. Eine Reihe Säulen ist am offenen Raume verwittert. Es scheint, der saumselige Vizekönig erwarte eine Subskripzion von Seite abendländischer Christen, um die älteste Moschee Egyptens vor gänzlicher Zertrümmerung zu retten. Schwerlich macht der herschende Moslim das Vernachlässigte dadurch gut, daß er mit den Großen, Beamteten und Offizieren des Reichs jährlich einmal die greise Gâma’ des Helden A’mru besucht. Aeußerer Pomp wird von der Welt oft für innige Herzlichkeit tausch- oder täuschweise gegeben und genommen.
Man geht durch die fruchtbaren Felder Gabel, ehe man zum Nilarme gelangt, über den man setzt, um das Eiland Ruda zu erreichen.
Der Garten Ibrahim-Paschas, welcher von einem Engländer angelegt ward, gewährt einen paradiesischen Anblick. Manches, welches der Okzident und der Orient spenden, findet man hier geschmackvoll zusammengestellt. So schön der Schwarzenbergische und Lichtensteinische Garten in Wien sind, so gewiß erscheinen sie als Gerippe, wenn man sie dem GartenIbrahimsentgegenhalten wollte. Datteln, Sykomoren, Pappeln, Maulbeerbäume, Birken, Aloe und so viel einjährige Pflanzen sindalle in einen Rahmen gefaßt. In den Armen dieser schwelgerischen Natur beneidete ich, ich darf bei meiner Treue versichern, den Nordländer um seinen Herbst nicht im mindesten. Einzig die gepflückte Rebe vergilbte zum Theile, trieb indeß neben dem gelb gewordenen Laube die schönsten grünen Schosse. Die Rebe wächst zahlreich, und wird ebenso wenig an Pfählen aufgezogen wie in Lossin.
Das Lusthaus im Garten birgt eine künstliche Grotte, die mit prächtigen Muscheln vom rothen Meere ausgekleidet und eine wahre Augenweide ist. Manche, welche den Garten besuchen, denken jedoch nicht billig genug; schon sind mehrere Muscheln weggerissen, weil diese zum Andenken mitgenommen wurden. Der Selbstsüchtige zerstört Andern, was er selbst bewundert. In dem Haupttheile des Gebäudes, gegen Mittag, steht ein großes Wasserbecken. An den Wänden desselben befinden sich mehrere Oeffnungen, wodurch das Wasser fließt, um das Becken zu füllen. Es stand leer, und mir schien das Pavillon nicht ganz ausgebaut zu sein.
Mich zog noch ein ungemein poetischer Gegenstand an, wenn man anders für desAbbateCastigli animali parlantiBegeisterung fühlt; ich meine,sit venia verbo, den — Viehstall. Eine Mauer schließt das Vieh ein; kein Dach schützt vor Sonnenhitze. Der Viehstall ist daher nureine Art Viehhof oder eine Art Pferch. Zwei Krippen liegen neben einander, von einer Mauer getrennt, welche die Höhe des Viehes hat. Ich zählte im Hofe fünf und zwanzig Ochsen, welche die erforderlichen Eigenschaften besessen hätten, ein Küheharem zu bewachen. Alle Ochsen waren mit einem Stricke um den Hals an die Krippe gebunden. Durch diese drang zu solchem Zwecke an der Vorderwand eine längliche Oeffnung. Der Stallboden war die Erde und zwar so trocken, als unsere hölzernen Stallböden. Als Futter erhält das Vieh gehacktes Stroh, welches in einem Winkel des Hofes unter freiem Himmel aufgespeichert war. Das Vieh scheint mit dem Häcksel zufrieden zu sein. Die europäischen Viehärzte dürften sich hier nicht darüber ärgern, daß die zu sparsame Lüftung der Ställe eine Menge Krankheiten hervorrufe.
DerNilometeroderMekia, auf der Spitze der Insel Ruda, liegtAltkairogegenüber. Ehe ich den eingefangenen Nil zu sehen bekam, mußte ich mich zu einem Effendi verfügen, um von ihm die Erlaubniß auszubitten. Ein graubärtiger, schöner Mann hockte auf dem Diwan, die Pfeife im Munde; daneben mehrere Männer, wahrscheinlich Schreibgesellen. Ich zog den Hut ab, wozu mich der Dragoman anwies, und dieser fragte mich, was ich wünsche? Ich möchte den Nilometer sehen, antwortete ichihm ohne Titel und Komplimente. Es bedurfte des Weitern nicht, noch der Bezahlung einer Gebühr, die Erlaubniß ward ertheilt, und der Dragoman ging mit mir von hinnen.
Wir kamen an der polternden Pulvermühle und an der Salpeterfabrik vorbei. Ich schüttelte beinahe ungläubig den Kopf, als der Dragoman mir eröffnete, daß wir beim Nilmesser waren, so wenig wurde meine Erwartung befriedigt. Ueberspannte Erwartungen schaden gerne der treuen Anschauung des Gegenwärtigen; denn von der Höhe stürzt die Phantasie in die Tiefe, und verfehlt so die rechte Mitte. Der Nilmesser wird von zerfallenen Mauern umgeben, welche einen sehr übeln Eindruck hervorbringen und zurücklassen. Er sieht wie ein viereckiger Brunnenkasten aus. Der Mitte entsteigt eine nicht sehr dicke, achteckige, maurische, mit einem ganz kunstlosen Vierecke bedeckte Säule. Diese bezeichnen, wie einen Zollstab, regelmäßig von einander entfernte, jedoch nicht mehr sehr scharfe Kerben. Das Wasser in dem Nilmesser steht mit dem Wasserspiegel des Nils in gleicher Höhe, und darum kann man an der Säule das Steigen und Fallen des Nils genau beobachten. Früher soll der Aufseher über die Nilmessung sein Leben im Spiele gehabt haben, wenn er die bestimmte Höhe nicht sogleich verzeigte. Man leitete meine Aufmerksamkeit aufden hohen Stand des Wassers, welcher der Befruchtung des Nilthales günstig sei.
Man glaubt hie und da in Europa irrig, daß je höher der Nil steige, desto mehr Vortheil dadurch Egypten erwachse. Gerade in einem der letzten Jahre verstieg sich der Nil, und die Ernte einiger Bodenerzeugnisse fiel minder ergiebig aus.
Der Nil fängt in der Mitte Brachmonates an zu schwellen, und Ende Herbstmonates nimmt er seinen höchsten Standpunkt ein, wo dann viele Gegenden unter Wasser gesetzt sind[25].
Die Goldader Egyptens gibt zum größten Volksfeste Anlaß, wenn sie am stärksten angelaufen ist. Früher soll die barbarische Sitte geherrscht haben, daß man, zu Erhöhung des Festes, allemal eine Jungfrau in den Nil warf. Von der Sitte blieb nur noch die reich ausgeschmückte Barke übrig, in welcher man auf dem Flusse herumfährt.
Es war Frühlingsanfang, der letzte Tag des Weinmonates und der erste des Wintermonates.
Verläßt man auf der Morgenseite die Stadt, da stellt sich der stattlich emporsteigende Mokatam, und selbst der Schweizer muß diese Kuppe des arabischen Gebirges der Aufmerksamkeit würdigen. In der Nähe hörte man zur Linken das Rauschen der Marktleute, zur Rechten das Trommeln und Trompeten der Kriegsknechte; zur Linken sah man hier ein Kaffeezelt, einen Garkochofen, dort für ein Soldatenweib eine Hütte von solcher Höhe, daß es darin weder stehen, noch gehen, sondern nur kriechen kann, manche Wohnung selbst ohne Obdach, und zur Rechten eine Menge Zelten, unter denen das Kriegsvolk gelagert ist, zur Linken den dornreichen Kaktus in üppiger Zahl, und zur Rechten weiterhin das Nichts der Sandwüste. Mein schauendes Auge wetteiferte mit dem horchenden Ohre, und der Nebel, welcher jenem die Seheweite streitig machte, konnte den Wetteifer nicht lähmen.
Kaum hatte ich das Freie gewonnen, so wendete ich mich links. Die noch nicht gänzlich zurückgetretenen Wasser der Überschwemmung erschwerten mir ein wenig das Reiten. Ich lustwandelte in einem Walde von Zitronenbäumen, auf denen, selbst auf dem gleichen Baume, wohlriechende Blüthen mit grünen und reifen, gelben Zitronen wechselten, und schon stand ichin Mattarieh vor dem Baume, wo die heilige Familie ausgeruht haben soll. Ich dachte zum Voraus, die Araber werden mich nicht täuschen können, weil die geschäftigen Christen ohne Zweifel ihre Namen in den Baumstamm eingeschnitzt haben würden. Und dem war also. Frömmigkeit, mit Eitelkeit gepaart, hinterließ mehrere Denkmäler, welche dießmal übrigens den Nutzen stiften, daß sie den Baum den Neugierigen kenntlich machen. Mitten in einem Zitronenwalde erhebt sich ein sehr dicker, ein gespaltener, leicht zu ersteigender Strunk. Darauf trieb ein dünner, kaum zehn Fuß hoher Stamm mit frischem, grünem Laube, eine Sykomore. Das istder Marienbaum. Der Schatten desselben zerfließt in den Schatten der umstehenden Zitronenbäume, und verbreitet angenehme Kühlung. Ich möchte sein hohes Alter nicht bezweifeln.
Außer dem Walde erblickt man gleich nordwärts den Obelisken bei Samur Baosbeh oder in der verschwundenen StadtHeliopolis(On)[26]. Elende Hütten stolzirenjetzt auf einer Stätte, die so reich an Erinnerungen ist. Das Hinschwinden der aus den Händen der Menschen hervorgegangenen schönsten Werke quälte auch hier meine Seele mit bittern Gefühlen. Wie werden die Werke unserer Tage nach Jahrhunderten zerschlagen und zerstört sein? Der einzige heliopolitanische Ueberrest von Bedeutung ist ein Obelisk, dem ich mich mit geflügeltem Fuße näherte. Derselbe steht aufrecht, scheint mir aber etwas niedriger, als die Nadel derKleopatra. Die Hieroglyphen sind auf allen vier Seiten deutlich, zumal diejenigen auf der nördlichen und westlichen Seite. Die südliche Seite wurde von der Sonne etwas gebleicht. Sogar der Farbstoff im rothen Granit des Obelisken vermag sich nicht in die Länge unverändert zu erhalten. Die Stabilität kann vor den immermehr sich erneuernden und häufenden Lehren der Wandelbarkeit nichtbestehen; allein dieß hindert sie nicht, sich recht bequem zu machen und niederzulegen, und so vegetirt sie, wenigstens in der Einbildung, doch fort. Die Hieroglyphenfurchen auf der östlichen Seite sind mit Sand vollgeblasen. Der Regen bildete mit dem Staube eine Paste,welche sich in jenen Furchen ansetzte. Die Nordseite hat die frischeste Farbe und ist am schönsten. Vergleicht man die Obelisken derKleopatraund der Heliopolis, so fragt man sich: Warum hat das Denkmal zu Alexandrien im Laufe der Zeit weit mehr gelitten als letzteres? Es wird einleuchten, daß der an der Küste, häufiger als in Heliopolis, fallende Regen zerstörender wirken mußte. Die Erhaltung mancher Alterthümer in dem guten oder erträglichen Zustande hat Egypten dem seltenen Regen zu danken. Es rettet manchmal, wenn man so sagen darf, ein blindes Geschick, indeß vor den offenen Augen der Vorsicht und Sorgfalt etwas zu Grunde geht. Hätten die egyptischen Denkmäler, z. B. die Pyramiden, Europa gehört, so wären sie viel unscheinbarer, manche wohl nicht mehr. In 2000 Jahren wird der Obelisk von Luxor in Paris von dem Gesagten Zeugniß ablegen. In Egypten gab es einen wunderbaren Zusammenfluß günstiger Umstände, um der spätern Nachwelt so Vieles zu überliefern.
Der Obelisk stand so einsam als ehrwürdig mitten in halbgroßem Mais. Eines Fellahs konnte ich nicht so leicht los werden. Er meinte, ich sollte ihn dafür beschenken, daß ich einen Stein im Freien der Welt Gottes betrachtete. Wären derlei Leute Gebieter, so würden sie vielleicht einen jährlichen Tribut vondem Mitmenschen dafür erpressen, daßer sich am Scheine der Sonne erquicken dürfe. Wo die Leute im blindesten Despotismus erzogen werden, da verschließt sich auch ihr Sinn, wie des Despoten selber, für die natürlichen Rechte der Menschen.
Dieser Sehenswürdigkeit wegen mußte ich einen kleinen Abstecher machen. Bald aber hatte ich den breiten Weg der Wüste wieder eingeholt. Ich dachte an unsere wohllöblichen Straßenbaukommissionen und Baumeister, an unsere Zölle und Zöllner, an unsere Straßenbüreaukraten und Bauern, welche den Schweiß ihres Angesichtes wie den Kies auf die Straße schütten u. dgl. Zwischen Kairo und Abusabel nichts von Allem. Die Wüste ist die breite Straße für Jedermann sonder Hinderniß eines Schlagbaumes. Ohne den Staat oder die Ortschaft mit Kosten zu belasten, treten die Kameele in ihren langen Zügen gleichsam Geleise in den Sand, und das Abfordern des Zolles wäre eine Stimme in der Wüste.
Ich kam nach El-Mark. Hier steht ein Kaffeehausalla Turca. Ich sprach zu. Die arabischen Kaffeehäuser stellen einen, um es schlicht zu nennen, offenen Schuppen vor. Das Wandwerk ist von Mauer. Vom irdenen Boden des Kaffeehauses genießt das Auge Freiheit bis ans — Dach hinauf. Auf einer Seite sieht man die Kaffeeküche, auf der andern den mit Strohteppichen belegten Diwan,welcher wie ein Sims die Mauer begleitet. Da hocken denn die arabischen Kaffeetrinker, deren lange Pfeife bis auf den Boden herabsteigt.
In El-Mark beginnt ein bedeutender Wald schattenarmer Dattelpalmen. Darauf erreichte ich den belebten Ort Chanka. Von da führte mich der Weg durch eine wüste Gegend, die häßlichste Einöde, nach der egyptischen medizinischen Fakultät Abusabel; das biblische Gosen zur Rechten.
Der in Egypten angekommene Abendländer ist in der ersten Zeit von mancherlei Aengstlichkeiten befangen. Er glaubt sich unter die Araber kaum recht mischen zu dürfen; mit Unrecht. Der Weg von Kairo nach Abusabel beträgt vier Stunden, und ich ritt unbedenklich allein, und man hat überhaupt weder bei Tage, noch bei Nacht Lebensgefahr zu befürchten. Ich fand den Weg durch die vielen wandernden Menschen, die Kameele, Esel, Pferde so lebhaft, wie irgend eine europäische Hauptstraße, sogar in der Nähe einer Stadt. Im Vergleiche mit Europa bewegen sich weit mehr Leute auf den Straßen als auf den Feldern. Wegen der Lebhaftigkeit ergötzt auch die Straße nach Abusabel, man durchmustert die fremdartigen Gesichter und Geberden, Trachten und Ladungen u. s. f. Stolz sitzt der Beduine auf dem Pferde, einen kurzen Säbel und Pistolen im Gürtel. Zuerst macht der Anblick dieser Waffeneinen unangenehmen Eindruck; bald aber gewöhnt man sich so vollkommen daran, daß man sie nicht mehr beachtet. Uebrigens tragen die wenigsten Leute Waffen. So bestellt der Bauer (Fellah) unbewaffnet sein Feld. Erinnern sich alle Europäer, daß vordem, sich mit einem Säbel zu versehen, auch bei ihnen Sitte war?
Wenn man auf diesem Wege durch topfebene und wüste Gegenden, in denen selten ein kleiner Garten prangt, wandert, so wird man sich überzeugen, daß ein Theil der Wüste lediglich auf Rechnung menschlicher Nachlässigkeit fällt; er könnte bald in ein lachendes Gelände umgeschaffen werden. „Sorgfalt ersetzte oft, was hie Natur versagte (Strabo)“. Wirklich erblickt man hin und wieder Spuren von Bewässerungskanälen, den unwidersprechlichen Zeugen einer vormaligen Bodenkultur. Würde der Pascha geruhen, den Bauer dadurch aufzumuntern, daß dieser seiner Ernte sicher und froh werden könnte, große Striche Landes müßten in kurzer Zeit der Wüste abgedrungen werden. Ueberdieß verkündigen dieangebautenFelder nicht allenthalben Fleiß und Sparsamkeit. Wahr ist, daß z. B. das Delta die Arbeit des Fellah mit schweren Ernten lohnt; allein ein so fruchtbares Land muß etwas hervorbringen, wenn man damit auch nur ein wenig sich bemühen mag; etwas im Feldbaue müssen die Leute jenes unermüdlichenLandes doch wohl verstehen, auf welchem so viele Jahrtausende hindurch unaufhörlich Früchte gediehen. Man gebe den Bienen des Nordens die gleiche Sonne, den gleichen Nilschlamm, die gleichen Ueberlieferungen, — wasneueWunder würden erstehen.
BeiAbusabelward ich an einen Italiener empfohlen, und diese Empfehlung erwies sich sehr nützlich; ein Wirthshaus mangelt, und in die arabischen Hütten zu kriechen, wandelte mich eben keine Lust an. Es ist eigentlich früh genug, das Kreuz aufzunehmen, wenn man dazu gezwungen wird, vorausgesetzt, daß man sich überhaupt — nicht verweichliche. Dießmal wäre es um so umständlicher gewesen, über Nacht ein ordentliches Obdach zu finden, da die Nilüberschwemmung seit einem Monate das eigentliche Dorf Abusabel von den medizinischen Anstalten trennt, und man nur zu Schiffe von einem Orte zum andern gelangt; nicht eher als in zehn bis fünfzehn Tagen werde, hieß es, die Verbindung zu Lande wieder hergestellt.
Die medizinischen Anstalten bei Abusabel, im Nordost von Kairo, liegen in einer fruchtbaren Gegend. In der gegenwärtigen Ueberschwemmungszeit gefiel sie mir nicht. Das Land war mit zu viel Wasser bedeckt, woraus Gebüsche und Bäume einsam auftauchten; und wo es vomWasser nicht bespült wurde, behauptete die Wüste ihre grause Herrschaft.
Das niedrige, einstöckige Gebäude verspricht wenig von Ferne. Es bildet vier Höfe. Die nähern zwei gehören der Veterinärschule, und die entferntern oder dem Dorfe Abusabel nähern bilden den Sitz der medizinischen Schule. Zuerst sei von dieser die Rede.
Nähert man sich der Hochschule von Chanka aus, so steht links ein ungewöhnlich langes Haus, die Wohnungen für die Angestellten, die Professoren, Pharmazisten, Uebersetzer u. s. f. Es öffnen sich eine Menge Thüren ebener Erde nach einander. Jede führt zu einer Wohnung. Rechtshin tritt man in die eigentlichemedizinische Schulanstalt. Diese besteht aus einem viereckigen Gebäude, welches einen geräumigen Hof umfängt, und im Umfange des letzteren breitet sich, neben dem besonders stehenden Anatomiegebäude, der sogenannte botanische Garten aus.
Das anatomische Theater, ganz nach europäischem Geschmacke, schön gemalt und mit arabischen Schnörkeln überschrieben, ist sehr hell, und entspricht seinem Zwecke vollkommen. Eine in ein Tuch gehüllte Wachsfigur stand beinahe in der Mitte. An einer Wand fesselt die Aufmerksamkeit ein Glaskasten, worin der Anfang einer ornithologischen Sammlung aufbewahrt wird. Vor demTheater, im gleichen Gebäude, aber auf der mittäglichen Seite, tritt man in denSezirsaal. Auch an diesem wußte ich nichts auszusetzen. Es lagen eben vier, mit einem Tuche zugedeckte, halbschwarze Leichen auf den Sezirtischen, jede auf einem. Zwei waren von der beginnenden Verwesung schon häßlich gefärbt, und erfüllten die Luft mit einem sehr übeln Geruche. Das heiße Klima stellt den Sezirübungen in Egypten viele Schwierigkeiten entgegen, wenigstens viele Unannehmlichkeiten zur Seite. Bereits hatten Ferien begonnen. Gleichwohl begünstigte mich das Glück, einen Vortrag zu hören, nämlich dem Operazionskurse des Herrn Duvigneau[27]beizuwohnen. Der Lehrer in europäischer Kleidung, auch mit einer Schürze angethan, stand am Sezirtische, gleich neben ihm der Dragoman, ein Araber von etwa fünfundzwanzig Jahren. Die arabischen Studenten schaarten sich um den Tisch. Sie trugen rothe Mützen, eine weiße, über der Brust zugeknöpfte Weste mit Ermeln, weiße, den untern Theil derWeste umfassende Pumphosen und Schuhe, die weiter nicht auffielen, doch keine Strümpfe. Die jungen Leute mochten ein Alter von fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahren zurückgelegt haben. Der Professor hob damit an, über die Amputazionen Lehren zu ertheilen; er unterschied sie in solche, die in und außer der Kontinuität des Knochens vorgenommen werden. Jede Phrase übersetzte ein Araber leicht und schnell aus dem Französischen des Professors ins Arabische. Daß dergestalt die Mittheilung mühsam sich dahinschleppe, sieht Jedermann ein. Ohne Noth aber verstrickt der Professor seine Gedanken in lange Perioden mit Zwischensätzen. Daraus folgt unzertrennlich, daß die Aufmerksamkeit der Zuhörer mehr zerstreut wird. Uebrigens schauten und horchten diese möglichst aufmerksam, als wären sie die Erfinder der Aufmerksamkeit. Einer gab oft zu vermerken, daß er den Vortrag begreife. Ein empfindsamer Araber hatte seine Nase mit Papier oder etwas Anderem vor dem Wohlgeruche der Leichen verstopft, ungefähr so, wie man es einer sentimentalen Miß von London verzeihen würde. Unter den Augen der Zuhörer unternahm der Professor, nachdem er das blutige Heilverfahren aus einander gesetzt hatte, die Amputazion eines Fingers. Weder der Vortrag, noch die Art, wie der Lehrer operirte, verhieß Ausgezeichnetes. Er schien indeß mitGewissenhaftigkeit seinem Berufe abzuwarten. Jeder Mensch mag sich beruhigen, welcher sein Pfund redlich gebraucht.
Apotheke.Es wäre unnöthig, eine europäische zu beschreiben.
Laboratorium: Dieses ist hübsch ausgestattet, und sicher gebricht es nicht am Lehrstoffe, wenn nur die Zöglinge genug Lust und genug Fähigkeit zum Lernen besitzen.
DieKrankensälesind zugleich die klinischen Säle, und sehr ähnlich denen in den Abtheilungen des allgemeinen Zivilkrankenhauses zu Wien. Der gefüllte Bettsack ruht entweder auf dem hölzernen Käfiche, der gewöhnlichen egyptischen Bettstelle von Palmzweigen, oder auf einem eisernen Gestelle. Das Kissen fehlt nicht; die Bettdecke ist von grober Wolle. Neben dem Bette befindet sich ein Trinkgeschirr oben und ein Pot de Chambre unten. Ueber die ärztliche und wundärztliche Behandlung der Kranken kann ich, leider, das Wort nicht ergreifen. Die Visiten geschehen Abends 9 Uhr und Morgens um 11 Uhr. Alles aber empfahl sich nicht minder durch Reinheit und Ordnung, als durch einen bessern europäischen Geschmack, daß ich an der zweckmäßigen Behandlung nicht zweifle. Abends (zur Asserzeit) wurden die Speisen ausgetheilt. Ich kostete die Reissuppe, und, wegen ihrer Schmackhaftigkeit, würde ich gerne sogleich eine Portion genossen haben. Das Schicksal der hiesigen arabischen Kranken leiht nicht den entferntesten Grund, von den Europäern bemitleidet zu werden. Die Säle enthalten die Krankheiten nach der Eintheilung in innere und äußere (internes et externes). Diese Eintheilung ist in französischer Sprache über den Thüren aufgeschrieben. Hinwieder trägt jeder Saal eine Nummer. Demnach durften die Franzosen, wie es scheint, ihre Heiligen aus demHôtel-Dieuin Paris nicht herüberbringen. Um nicht den Verdacht zu wecken, daß ich bloß ein neugieriger Laie sei, wollte ich den Saal der Lustsiechen nicht betreten. In den Krankenzimmern führten mich etliche Studenten herum; denn sobald sie die Anwesenheit eines europäischen Hakim (Arzt) erfuhren, kamen sie mir mit Freundlichkeit zuvor. Sie drückten sich in französischer Sprache leidlich aus. Die Zahl der sämmtlichen Studenten, d. h., der Mediziner, Chirurgen und Pharmazeuten, wußten sie mir nicht anzugeben. Man muß gestehen, daß die europäischen Studiosi lieber kalkuliren. Ich vernahm aus dem Munde der Abusabler-Studenten nur so viel, daß 41 die Klinik besuchen. Die Gesammtzahl der Zöglinge beläuft sich etwa auf 200.
Von denHörsälensah ich zwei. Sie waren eben angefüllt; allein man ertheilte bloß Unterricht, der Methode nach wechselseitigen, in der französischen Sprache,indem man den Koran übersetzte. Das laute Brummen in tiefem Basse sticht schroff ab gegen das feinere Bienengesumse unserer Primarschüler in Europa. Die Hörsäle haben in ihrer Bauart nichts Ausgezeichnetes für den Abendländer. Ein Katheder ist vorne für den Lehrer angebracht; Bänke folgen sich in regelmäßiger Reihung, so daß die auf europäische Weise sitzenden Schüler dem Lehrer ins Gesicht sehen. Auch während des Kollegiums bedeckte die rothe Mütze den Kopf. Es herrschte Ordnung und Ernst; kein Hin- und Hergehen, um sich zu zerstreuen.
DieSteindruckerei. Ich wurde überrascht, als eine solche mir gezeigt wurde. Zwei Araber druckten eben etwas zum Behufe des Krankenhauses. Französisches und Arabisches standen neben einander auf den Druckbogen. Die französische Schrift war korrekt, der Abdruck aber dießmal ein wenig schmutzig. Die Korrektheit freute mich um so mehr, als man in europäischen Winkeln, nicht so gar selten, von den gröbsten Verstößen geärgert wird. Diese Steindruckerei ist einzig für die höhere Lehranstalt bei Abusabel bestimmt.
Derbotanische Garten. So heißt man im Hofe einen Garten, welcher an Ueppigkeit und Pracht wohl die europäischen Gärten übertrifft, dagegen der eigentlich wenigen Pflanzen wegen diesen Namen in der That nicht verdient, gewiß nicht einmal den einesEgyptiacumverdienen würde. Wie viel kann hier noch geleistet werden.
An der medizinisch-chirurgischen Lehranstalt, die im Jahr 1828 ihren Wirkungskreis eröffnete, sind folgende Professoren angestellt:
fürBotanikundArzneimittellehre:Figari;
fürPhysiologie:Seisson;
fürPharmazie:Pacthon;
fürChemie:Berron;
fürPathologieundTherapie, so wie fürmedizinische Klinik:Duvigneau;
fürChirurgie und chirurgische Klinik:Seisson.
(Sonderbar aber, daß nichtSeissonden Operazionskurs gab.)
Der Lehrstuhl derAnatomieist seit dem AustritteFischerseinstweilen erledigt. Durch Eifersucht verdrängt, erwarb sich dieser Deutsche doch die bleibende Achtung der Bessern. Es ist für den Tugendhaften sehr aufmunternd, daß er, bei Mißkennung seiner Bestrebungen, an den Rath seines vor Gott offenen Gewissens und an das Synedrium der Besseren in der Welt appelliren kann.
DieVeterinärschulestößt an die eben beschriebene medizinische. Der Vorsteher derselben, mit NamenAmmon, ein junger Franzose, bezieht von der Regierung einenmonatlichen Gehalt von 5000 Piaster (über 600 Gulden R. W.).
Das Vieh mit äußeren und inneren, so wie insbesondere mit ansteckenden Krankheiten ist in den Ställen geschieden. Diese, mit einem Dache versehen, werden reinlich gehalten. Ein Gesimse von Mauerwerke nimmt ziemlich große, irdene Töpfe auf. Je einer für ein Stück Vieh, vertreten sie die Stelle einer Krippe. Harnrinnen sucht man indeß vergebens. Auch hier fressen die Thiere Strohhäcksel. Bei eintretendem Mangel des Platzes in den Krankenställen werden die Thiere unter freiem Himmel gehalten. Wie in Egypten die Augenentzündung den Menschen häufig befällt, ebenso ist ihr das Thier unterworfen. Die Veterinärschüler empfangen außer ihrem Fache Unterricht im Reiten, so daß eine wirkliche Reitschule besteht. Hörsäle, anatomisches Theater, Sezirsaal, Apotheke und Laboratorium lassen an der guten Einrichtung keinen Zweifel übrig. Auf einer Tafel im Sezirsaale liest man die Namen derer, welchen der Operazionskurs vorgeschrieben war:Akmet Abdrahman,Akmet Ibrahimu. s. f. Das klingt nun einmal unchristlich. Im anatomischen Theater trifft man bloß einige Skelete. Es ist Schade, daß unter diesem heißen Himmel überhaupt der wissenschaftliche Eifer leicht erkaltet. Die Veterinärschule zählt 120 Zöglinge: ein bemerkenswerthes Mißverhältnis zu der Zahl der Mediziner.
Die Zucht der Zöglinge beider Schulen ist eine klösterliche oder militärische. Einmal schon werden die Anstalten von Militär bewacht. Die Schüler sind Alumnen; fast alle arm, werden sie auf Kosten des Staates unterhalten und gelehrt. Sie schlafen in großen Gemächern, die Thierarzneischüler auf dem Boden, unter ihnen nur eine Strohmatratze und über ihnen die Kleider; für die Mediziner hingegen sind ordentliche Betten aufgeschlagen. Wenn man in solchen Gemächern, wo so viel Morgenländer beisammen leben, der orientalischen Laster sich erinnert, so wird man von einem ordentlichen Abscheu ergriffen. Neben den Schlafgemächern gibt es für die Studenten noch besondere Speisesäle nach europäischer Art. Ich sah gerade eine ungemein lange Tafel gedeckt. Unzweifelhaft werden die Alumnen gut genährt.
Die Studenten hatten kurz vor Sonnenniedergang Feierabend. Es muß zwischen Arbeit und Ruhe ein Ebenmaß sein, sonst leiden beide, Leib und Seele. Die jungen Leute zogen, je zwei und zwei neben einander aus. Am Thore gegen Abusabel hielt der Flöter und Trommler an, und flugs zerstob die Reihe, um sich in die Barke zu werfen, welche sie nach Abusabel führen sollte, darunter manche zuden Weibern. Jeder wollte der erste in dem Kahne sein. Auf die Rückfahrt der Barke wartende Studenten vergnügten sich daran, daß sie Steine ins Wasser schleuderten, die wechselweise in diesem niedertauchten und wieder hervorhüpften (Epostrakismos der Griechen). Um neun Uhr Abends mußten die Einen zurückkehren; die Uebrigen durften bis morgen in der Frühe ausbleiben. Letzteres erzähle ich nach Andern.
Das Leben der bei Abusabel Angestellten gleicht so ziemlich einem Schlaraffenleben, und sie können die Zeit mit genauer Noth hinbringen. Wenn ein europäischer Fremder die Anstalten besucht, so ist er beinahe Fingerzeig. Das Auge weilt fast lieber bei den die Höfe zierenden Dattel- und Akazienbäumen, als bei Leuten, wiewohl aus dem gleichen Welttheile, welche dem Schöpfer das Meiste vom Tage abstehlen. Gilt denn etwa hier dieAusnahmevon der Regel, daß der Müßiggang aller Tugenden Anfang sei?
Von der Zugänglichkeit der Mohammetanerin hörte ich bei Abusabel Dinge, welche Erstaunen erregen. In ältern Zeiten wurde eine solche, welche sich mit einem Christen verging, den Wellen des Nils preisgegeben. Ob nun die Mittheilungen beweiskräftig genug seien, um zu entscheiden, daß der religiöse Fanatismus um manche Grade sich abgekühlt habe, wage ich kaum anzudeuten, und wenn ich andeutenmüßte, so fiele die Bemerkung, daß die geschlechtlichen Verirrungen auf einehöhereSphäre konfessioneller Nachgiebigkeit oder Strenge selten schließen lassen, weil sie aus einer tiefsinnlichen Quelle hervorsprudeln. Wahrscheinlich würden sich, wie zur Zeit der Franzosen- und Patentherrschaft, wenige Araberinnen gegen die Verbindung mit einem Christen sträuben. Wenn sie auch nicht die Liebe dazu lockte, so doch das tönende Erz. Eröffnungen über daspunctum sexusströmen unter den Franken in diesem Lande so ohne Rückhalt daher, daß der galante Großstädter des Abendlandes nicht offenherziger sein kann. Wenn die Konkubinen in die Hoffnung kommen, so werden sie von Manchen ohne Theilnahme und Hülfe verstoßen. Die Mohammetanerin könnte vor dem Richter keine Ansprachen geltend machen; wohl aber ist gewiß, daß derselbe die Sache, sobald sie vor ihn gebracht würde, zum Nachtheile des gefallenen Mädchens nicht ungeahndet hingehen lassen könnte. Hinwieder steht der Europäer, in seiner großen Freiheit und Unabhängigkeit, nicht unter dem ordentlichen egyptischen Richter, sondern unter dem Konsulate, um dessen Schutz er nachsuchte. Etwa im Falle eines Ehebruches oder einer Defloration, im Falle, daß über die mohammetanische Religion geschimpft, oder daß falscheMünze geprägt würde, müßte die Auslieferung an den egyptischen Richter erfolgen. Wie weit diese Unabhängigkeit getrieben wird, lehrte unlängst ein handfester Engländer. Es wollte ihn die Polizei aufgreifen, weil er Mohammetanerinnen ins Haus aufnahm, in einer Absicht, die leicht errathen werden konnte. Statt alles Fernern schlug er die Polizei nieder. Das Konsulat schützte ihn doch so sehr, daß er von der vizeköniglichen Polizei in Kairo nicht weiter beunruhiget wurde.
Ich machte früher in Wirklichkeit einen Abstecher zu Lande, und jetzt einen auf den Schwingen des Geistes. Kehren wir zurück, um einen Rückblick auf die Schulanstalten bei Abusabel zu werfen.
Im Andenken unferner Zeiten, da noch das ganze Egyptenland, seit der Herrschaft der Türken, in tiefe Barbarei versunken war, wird man billig ein Loblied auf den nunmehrigen Herrscher,Mehemet-Ali, anstimmen, welcher für jenes Land wirklich großartige, hoffentlich segensreiche Anstalten ins Dasein rief. Angenommen, daß die Stellen immer mit tüchtigen Professoren und keinen Stümpern, mit Freunden der Wissenschaft und keinen Abenteurern, mit gewissenhaften Arbeitern und keinen bloßen Glücksrittern besetzt werden, so dürfen die Anstalten mit den medizinischen Fakultäten kleinerer deutscher Hochschulenin die Wette laufen; ich möchte noch weiter gehen, in praktischer Beziehung werden sie letzteren den Vorrang ablaufen. Beherzige man nur, wie oft der Mangel an Leichen zum Behufe von Zergliederung auf manchen Hochschulen beklagt wird. Umgekehrt werden die egyptischen Anstalten in theoretischem Bezuge gar keinen Vergleich aushalten, und bis einecht wissenschaftlicher Geist dieselben durchdringt, beseelt, erwärmt, kann über die viel zu neue Grundlage, selbst unter den günstigern Umständen, ein ganzes Jahrhundert verstreichen. Jedenfalls wird der Pascha mehr oder minder brauchbare Aerzte für die Armee bekommen, und das ist es, was er zunächst bezweckt. Es würde ihn wahrscheinlich gar wenig befriedigen, wenn die Zöglinge sich in medizinische Spekulazionen vertieften, und in diesem Gebiete der Schriftstellerei sich versuchten, um vielleicht durch gelungene Arbeiten einen neuen Glanz auf das Leben des Regenten zu werfen. Der Gedanke thut wahrhaftig bis in das Innerste der Seele wohl, daß in dem Lande, wo einst Heliopolis und Alexandrien durch die Schätze der Wissenschaft weithin leuchteten, nach den vielen Jahren der traurigsten Finsterniß, wenigstens einige Schritte versucht werden, um die Verlassenschaft der erhabenen Vorfahren, ob auch nicht in ihrem vollen Werthe, doch einigermaßen zu würdigen.
Tages darauf trat ich meinen Rückweg an. Ein kühler Wind wehte sogar noch Mittags. Bald sah ich den erwähnten Obelisken, weiter oben die Pyramiden von Gizeh, dann den Mokatam, und aus ziemlicher Ferne schon Kairo. Den Weg belagerten mehrere Bettler, die aber, bequemer oder anständiger als die unsrigen in der Schweiz, nicht nachrannten. Ein Knabe legte es darauf an, durch seine Klumpfüße Mitleiden zuerwecken. Der auffallendste Bettler hielt sich behaglich in einer kleinen Höhle auf, die mit einem löcherigen Dache versehen war. Beinahe immer lief mein Eseltreiber den weiten Weg. Den Lauf setzen die Eseltreiber vier Stunden lang an Einem fort, während die Hitze den nördlichen Europäer gleichsam erdrückt. Die Uebung hat jene Leute gestählt.
Wie gestern Nebel, so verdunkelten heute die Atmosphäre herumfliegender Sand und schwarze, regnerische Wolken, an deren Schatten ich beinahe bis Kairo ritt, und zwar ein Stück weit neben dem DirektorAmmon, der sich freundlich anließ. Ich traf gerade Mittags im Frankenviertel ein. Ich begrüßte es mit ebenso froher Stimmung des Gemüthes, als ich der Gegend von Abusabel mein Lebewohl sagte. Es ist schwer, zu begreifen, daßMehemet-Alidie medizinische Lehranstalt der Hauptstadt so weit entrückte. Großköpfe sind mit Querköpfennicht selten verwandt. Jede Berührung mit wissenschaftlichen oder gebildeten Leuten hätte den Professoren sowohl, als den Studenten leicht gemacht werden sollen. Was entbietet ein elendes Dorf armseliger Araber?
Prosper Alpinuserzählt: In „el-Mattharia“ wird eine gewisse Sykomore besucht, welche von den Einwohnern für so heilig gehalten wird, daß es bei ihnen eine ausgemachte Sache ist, es habe die FrauMaria, um dem Zorne desHerodesvon Jerusalem zu entgehen, in eine Höhle des Stammes sich geflüchtet und dort das KindChristus, unsern Heiland, für einige Tage verborgen. Es wird daher dieser Baum von Vielen in hohen Ehren gehalten; dieß gilt zumal von den Aushöhlungen desselben, welcheChristusbargen. Fabelhaft ist, wasMatthiolusanführt, daß die Stämme und Aeste des Baumes nie verdorren, wenn sie zuvor ins Wasser getaucht werden, und darin eine Zeitlang liegen bleiben. — Der Pascha von Egypten, des NamensMessir, besuchte in der letzten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts aus Verehrung der gottseligen Frau den Ort el-Mattharia an jedem Freitage, als dem Sonntage der Mohammetaner, und er pflegte daselbst sein Gebet zu verrichten. So weitAlpinus.
Hören wir noch einen andern Naturforscher,Johann Wesling, welcher im dritten Jahrzehn des siebzehnten Jahrhunderts in Kairo lebte: „El-Mataaria“ ist ein Garten um Memphis, ein hehrer Name durch die Verehrung der Christen. Dort treibt eine ungeheure Sykomore, umdämmt mit einer niedrigen Rasenbank zur Bequemlichkeit der Besuchenden, und ehrwürdig, wegen des vonAlpinusangegebenen Grundes, schon seit anderthalb Jahrtausenden in den Augen der Christen. Munter grünen die Zweige, obschon der Stamm über dem Wurzelstocke auf eine häßliche Weise zerstümmelt ist, weil diejenigen, welche den Baum mit dem Kusse benetzen, ein Stück davon, aus thörichter Liebe zu Reliquien, wegschneiden, während es doch besser wäre, den Baum in fromm ehrendem Gedächtnisse zu bewahren. (Joannis VeslingiiMindani de plantis Aegyptiis observationes et notae adProsperum Alpinum.Patavii ap. P. Frambottum 1638. P. 10.)
Ich fragte oft und oft nach Gesellschaft, um in solcher die Pyramiden von Gîsa zu besuchen. Vergebens. Da wählte ich einen Eseltreiber, der etwas italienisch verstand,und brach, auf guten Ritt hoffend, am Mittage des fünften Wintermonates auf. Noch aber war ich nicht auf dem Esbekiehplatze, als er seinen rothäugigen Bruder mir zurückließ. Zudem war dieser in Aussehen und Wahrheit kreuzdumm, und mehr alsbuonokonnte er kaum etwas vom Italienischen.
In Gottes Namen — vorwärts. In Altkairo über den Nil gefahren, gelangte ich zu einem Graben. Jetzt sprang mein Esel hinüber, er fiel und ich mit ihm.Erste Stazion des Elendes.
Später leitete der Weg zu einem ziemlich breiten Abzugsgraben des Nils; wir durchschnitten diesen in einem Kahne ohne Schwierigkeit. Bald traf ich seichtes Wasser. Es liefen zwei Männer daher, und einer trug mich über dasselbe. Ich wußte nicht, daß diese — Führer sein sollten. Der Eseltreiber, voll jämmerlicher Angst vor dem Wege nach den Pyramiden, rief sie ohne mein Wissen und meinen Willen. Der eine, ein Scheik, mit nicht unangenehmen Gesichtszügen, war mit einer Flinte, der andere mit einem langen Stocke bewaffnet. Mehrere Male wurde ich von den Leuten über das seichte Ueberschwemmungswasser getragen.Zweite Stazion des Elendes.
Ungefähr anderthalb Stunden vor Sonnenuntergang erreichte ich eine große Wasserfläche, welche man für einenbreiten Fluß hätte halten können. Darüber sollten wir im Kahne. Es erschallte der Mahnruf an den Fährmann. Die Sonne verschwand hinter die libyschen Hügel, ohne daß man mich holte. Es kamen mehrere Männer, die, wie ich, die Abfahrt erwarteten; dann auch Weiber. Diese kauerten an einem besonderen Orte, unordentlich im Kreise, schwatzten viel, lachten viel, guckten gerne, aßen Datteln, einzelne rauchten auch Tabak. Die Männer trugen ihre Worte auf den Flügeln des Gelächters, und schauten kaum gegen die Weiber. Nach zweistündigem Warten langte endlich der Fährmann an. Ich freute mich sehr wenig auf die Nachtfahrt, und doch brannte ich vor Verlangen, wegzukommen. Ein fester Blick nach einem Ausgange der Dinge kann den Menschen dahin bewegen, daß er sich nach Unangenehmem sehnt.Dritte Stazion des Elendes.
Die Nacht war hereingebrochen; der schöne Mond suchte indessen die Finsterniß derselben zu verdrängen. Stelle man sich Jemand vor ohne Kenntniß der arabischen Sprache, mit einem albernen Eseltreiber, bei Nacht, unter lauter Fremden, im fernen Auslande, und in der Ungewißheit, wo er die Nacht über sein Haupt niederlegen könne, und man fühlt jetzt das Peinliche meiner Lage. Geschehe, was Gott will, dachte ich. Man wies mir den beßten undgeräumigsten Platz in dem Fahrzeuge an. Es durften jedoch hier, wegen der Untiefe, nur wenige von den anwesenden Leuten die Barke beschweren; die übrigen, auch die Weiber, hoben ihre Röcke, so hoch ihnen die Tiefe des Wassers gebot, und wateten uns nach. Der Mond, seiner Schalkhaftigkeit eingedenk, lachte, während dieses Auftrittes die keusch und anständig in schwarzen Flor gekleidete Nacht ein wenig aus. Wie wir tieferen Grund gewonnen, bestiegen endlich alle den Kahn, natürlich nicht ohne viel arabischen Lärm. Es währte ziemlich lange, bis wir den vom Mond vergoldeten Spiegel in die Quere durchspalteten. Das lange Warten auf den Fährmann, die Fahrt auf Ueberschwemmungswasser beim Mondesscheine und andere Umstände prägten die Nilüberschwemmung unauslöschlich in mein Gedächtniß. Wir landeten glücklich. Ichritt vorwärts — zwischen ausgetretenen Wassern. Allein jetzt kam es ernster. Tiefes Wasser sollte durchwatet werden. Unzufrieden mit dem niedrigen Esel, setzte ich mich auf die Schultern zweier Araber, faßte sie um die Köpfe, und streckte die Beine wagrecht aus, so gut ich vermochte. Es half nichts, — ich ertränkte einmal einen Schuh.Vierte Stazion des Elendes.
Ich konnte doch wieder auf dem Esel davon reiten, und ruhiger an dem herrlichen Schauspiele mich abletzen, dassich mir darbot. Der Mond entfaltete all’ die Pracht seines Lichtes, auf daß ich die Pyramiden bewundere. Diese schienen nun so nahe, daß mich bald gelüstet hätte, sie mit der Hand zu berühren. Allmälig verminderten sich unsere Gefährten. Wo die Freihunde bellten, dahin zogen beide, Männer und Weiber. Mich begleiteten bloß noch der Eseltreiber und drei andere Araber, Alle mir zu Schutz und Trutz. Jetzt hatte meine Gesellschaft ihre bestimmten Umrisse; die Lage war seltsam; Furcht wurde von Vertrauen überwogen. Ich warne den Leser bei Zeiten. Es geschieht wohl auch, daß größere Gefahr in den Büchern aufgefaßt und gefühlt wird, als sie wirklich war.
Es mußte dem Eseltreiber schon in Kairo erklärt worden sein, daß ich am gleichen Tage noch bis zum Dorfe wolle, welches von den Pyramiden am wenigsten entfernt liege. Ich schrie dem Eseltreiber oft ins Ohr, in den mannigfaltigsten Wortwindungen und Radebrechereien, um es ihm ja recht verständlich zu machen, daß ich in einemHausedie Nacht hinbringen wolle. Zum Ueberflusse gacksete ich noch etwas arabisch; reden konnte ich so nichts. Es war mir, als sollte ich einen Berg von der Stelle wälzen. Nicht ohne Ursache drang ich so begierig auf ein Dorf oder auf ein Haus. Als Lebensmittel hatte ich nichts, als etwas Brot und Zucker mit mir genommen. Ehe ich mich versah, saß ich vor den Pyramiden, vor den Trümmern an ihrem Fuße, vor dem Sphinxe. Nicht zu den Pyramiden, sondern in ein Dorf will ich, sagte ich mit dem Nachdrucke eines bebenden Gemüthes. Ja, ja, erwiederte der Araber. Es ging an der großen Pyramide hinauf — zum Eingange. Da sei das Haus, und gut zu liegen, stammelte der Bube. Durstig und hungrig sollte ich auf Stein mich niederwerfen, an der Wüste mich sättigen, und das Gebläse des kühlen Nordens athmen. Ich war kein Engländer, um meine Gesundheit an das Rühmchen zu setzen, daß man eine mondhelle Nacht in der dunkeln großen Pyramide verlebt habe. Hier wollte ich mit nichten bleiben.
Allah, rief ich und ich stieg hinunter. Mittlerweile fing ich an, etwas umsichtiger zu überlegen: zu essen brauche ich wenig, und wenn ich bloß vor dem Winde geschützt sei, so dürfte die Nacht wohl erträglich werden. Ich ließ mich auf einige Zugeständnisse ein; meine Leute hatten ohnehin keine Zuglust nach dem Dorfe. Im Reisen darf man nicht mit Unbeugsamkeit an Nebendingen hangen. Ich konnte mehr oder minder merken, daß in der Nähe ein Haus des englischen Konsuls uns als Herberge dienen sollte. Wie ich ankam — wieder kein Leben, nur ein mit einer Thüre verschlossener Pyramidenstumpf. Zu meinem Troste erspähte ich neben jener eine Art Fensterloch, das nicht unbequemschien, um mich zu beherbergen. Der Zugluft und den Thieren zu wehren, ließ ich die Lichtöffnung nach innen mit Steinen ausfüllen. Ich kroch hinein; den Kopf auf einem Gesimse, den Leib auf dem Steine, eine wollene Decke unter, den Mantel über mir, so lag ich, und noch nie auf einem antikeren, nur einmal auf einem ebenso schlechten Bette.
Die Leute thaten zu meinen Füßen an der Pyramide und auf dem Sande so recht behaglich, kauten mit Lustigkeit schmatzend ihre frischen Rettiche, und plauderten in fröhlichem Tone. Meines Durstes und meines Hungers nicht achtend, prüften sie eine Zeitlang meine Geduld. Ungeduldig endlich und drohend griff ich zur Karbatsche, mit den Worten: Bringet Milch und Wasser;voi mangiate ed io ho fame(ihr esset und ich habe Hunger). Das Ding war gut; zwei Männer rückten bewaffnet aus. Sie brachten, schon spät gegen Mitternacht, mit einem Drittmanne Milch und Wasser. Ich schätzte mich so glücklich, als unsere Väter, denen Manna vom Himmel herabfiel. Ich ließ die Milch aufkochen, und noch nichts auf der Welt schmeckte mir besser. Den Durst gelöscht, den Hunger gestillt, was wollte ich mehr? Zufriedenheit goß wieder ihren erheiternden und erwärmenden Sonnenstrahl in meine Seele, und nicht mehr drückte mich der Gedanke an eine Nacht imFreien. Wiewohl in der Wüste und unter unbekannten Menschen fand ich keine Gründe, um für Leben, und wenige, um für Eigenthum besorgt zu sein. Ich schlief ziemlich gut, ohne zu frieren, und ich würde noch besser geschlafen haben, wäre ich nicht von einer Maus und Fledermaus gestört worden.Fünfte Stazion des Elendes.
Als der Morgen des 6. herannahte, grübelte ich mit meinen, gegen Sonnenaufgang gewendeten Augen, das schwächste Grau ungeduldig aus dem hehren Dome. Die Morgendämmerung täuschte mich nicht mehr, nein, sie täuschte mich nicht mehr; auch verkündigte sie von Kairo her der Donner der Kanonen; ich begrüßte sie mit kindlich freudigem Herzen. Sobald der Tag heller war, verließ ich mit den fünf Männern den Pyramidenstumpf. Ich kam an einer Stelle vorüber, wo Nachgrabungen veranstaltet wurden. Es lagen auf der Oberfläche viel Menschenknochen, so wie Einbalsamirungsmaterie, wovon ich zum Andenken aufhob. Im Augenblicke, da ich hart an der mittäglichen Seite der großen Pyramide stand, empfing ich den demüthigenden Eindruck einer hohen Majestät; sie strebte gewaltig empor, wie auf den Bergen die letzte erhabene Zacke.
Bald befand ich mich wieder da, wo gestern, nämlich am Eingange der großen Pyramide. Am Lichte einer Kerze stieg ich hinunter, ging fort und hinauf. Ich beschreibe nicht die Gänge und Höhlen. Der Grabstichel des Künstlers stellt anderwärts deutlich vor Augen, was die Feder nur undeutlich vermöchte. Meine Bemerkungen beschränken sich auf Weniges. Der Besuch der Heiligthümer kostet wenig Schwierigkeiten. Ueberall guter Stand oder Halt oder beides. Der Saal des Königs ist sehr hoch, und einzig ein Sarg aus Granit unterbricht in demselben die Einförmigkeit.
Nach den französischen Gelehrten ergeben sich für die große Pyramide folgende Maße, die Verkleidung inbegriffen:
Der Flächeninhalt der Basis beträgt:
57,804′ 8″ 3‴ Wiener-Maß.
An den Pyramiden bewundert man mehr die Masse und Ausdauer der menschlichen Leibeskräfte, als die Feinheit und den Geschmack der menschlichen Geisteskräfte. Wenn man die ungeheuern Granitblöcke auf einander geschichtet sieht, so drängt sich zuerst die Frage auf: Wie war es möglich, dergleichen Lasten herbeizuschaffen? Darüber zu erstaunen, hat man nicht das größte Recht. Sobaldman über viel Menschenkräfte und Hilfsmittel verfügen kann, läßt sich Großes vollenden. Vielleicht hält es nirgends leichter, mehr Menschenkräfte für Anderes, als für Brot und Hülle und Obdach zu verwenden, wie in Egypten. Denn der Boden gibt leicht und üppig; die Sonne übernimmt so viel Tagewerke, daß zur Erwärmung des Körpers, in und außer der Wohnung, wenig benöthiget wird u. dgl. Es kann nicht fehlen, daß, bei solcher Bewandtniß der Dinge, viel Hände, oder doch die Hände viel Zeit müßig bleiben. Wem entschwebt nicht die Muthmaßung, daß die Pharaonen den Müßiggang der Unterthanen als Quelle von Nachtheilen für den Einzelnen und als Träger von Gefährden für den, Staat ansahen, und daß sie darum auf Mittel sannen, um den Müßiggang nützlich abzuleiten? Ein Machtwort ohne Grund würde wahrscheinlich Murren unter dem Volke erzeugt haben; sie warfen den Mantel der Religion über die tief liegenden Plane, und es entstanden die größten, massivsten, wenn gleich nicht die kunstreichsten Grabmäler unsers Erdkreises.Die Pyramiden sind Grabhügel.Und so sagte ich treu, was ich einmal meine.
Jede der vier äußern Flächen der großen Pyramide läuft in Stufen bis auf die Spitze. Diese kann von außen leicht bestiegen werden; allein weil sie eben vom Nebel umschlichenwar, leistete ich auf das Besteigen, als ein eiteles Geschäft, Verzicht. Hier wollte ich ebenso wenig die Rolle eines Engländers spielen, was ich gerne und offen gestehe.
Man wollte schon an dem Vorabende Bagschisch (Geschenk), darauf in, dann außer der Pyramide, und später, als ich gegen eine ihrer Schwestern fortritt. Hier konnte ich die Leute nicht mehr mit dem Versprechen beschwichtigen, daß ich am Ende ausbezahlen wolle. Ich hatte in Kairo nur so viel Geld eingesteckt, um den Eseltreiber und etwa zwei Führer aus dem letzten Dorfe befriedigen zu können, von der Ansicht geleitet, daß, bei meiner Unbekanntschaft mit der arabischen Sprache, alles Geld mir aus der Tasche geschwatzt werden könnte. Für die Milch bezahlte ich über Maßen. Jetzt schon war meine ganze Baarschaft auf vier Piaster heruntergeschmolzen. Einer der Führer fiel meinem Esel in den Zügel. Ich zeigte all’ mein Geld, und bezeugte, daß ich nicht mehr bei mir habe, daß ich aber das einzige Vierpiasterstück glatterdings nicht entübrigen könne, weil ich an einigen Orten für das Fahren über das Nilwasser bezahlen müsse, welche Kosten nicht vorangeschlagen waren, und weil ich ohne Geld nicht einmal zurückkehren könnte; es solle einer der drei Männer mich nach Kairo begleiten, wo ichdanndenselben und zu seinen Händen auch die Uebrigen gehörig zufrieden stellenwerde. Ich kann nicht glauben, daß ich verstanden wurde; denn man gab dem Anerbieten kein Gehör, und schwatzte mir das Goldstück und meinen Zucker aus der Tasche. Man ließ zu guter Letzte den Zügel los.Sechste Stazion des Elendes.
Ich ritt weiter, sah indessen keine Pyramide mehr an; selbst thäte ich den ungeheuern Androsphinx mit schelen Blicken regaliren, als ich, seinen Hügel von Kopf zur Linken, über den Rücken ritt, den tiefer Sand begräbt[28]. Ich seufzte unter dem Joche des Mißmuthes. Meine Beschützer gingen sämmtlich hinweg, und, allein mit dem Eseltreiber, sollte ich nach Kairo ohne Geld, durch Nebel, über Wüste und durch Wasser. Von meiner Unpäßlichkeit ohnedieß gereizt, hörte ich schon einige Krankheiten an der Pforte meiner Gesundheit pochen; ich rechnete hin und her, wie ich meine Peitsche zum Kaufe weggeben werde, um über das größere Wasser zu setzen u. s. f. Kurz, es warNacht in meinem Gemüthe. Je fester Jemanden die gewöhnlichen Auswege versperrt werden, desto gewisser rafft er seine Kräfte zusammen, um ungewöhnliche ausfindig zu machen.
Plötzlich ging ein Stern der Hoffnung auf. Ich hatte die Gewohnheit, in einer Geheimtasche in Papier gepacktes Gold mitzunehmen. Ich wußte, daß das Päckchen fehlte; indeß dachte ich, daß ein Stück herausgefallen sein könnte. Ich spürte nach und, o holdes Glück, richtig glitt mir ein Goldstück in die Finger. Ich fühlte mich nun reicher, als hätte ich über Millionen zu gebieten, weil ich die Mittel besaß, fortan in pekuniärer Beziehung sorgenfrei nach Kairo zu ziehen. Daß der Begriff von Reichthum sehr relativ sei, mag einen Theil der Reichen verdrießen, aber doch die minder Begüterten trösten.
Zudem wählte der Eseltreiber einen andern und bessern Weg. Er richtete sich mehr gegen Mittag, und die Pyramiden von Sakâra rückten ziemlich nahe. Es war angenehm, über die vielen Dämme zu reiten; Wasser rechts und links; bald Feld, das aus dem Wasser eben auftauchte, noch naß, doch vom Fellachen betreten, bald Früchte tragendes Land. Ich konnte mich nie lebhafter als heute überzeugen, wie vielfach die Verbindungen zwischen den Dörfern von der Nilüberschwemmung erschwert werden. DerWeg führte über mehrere Brücken, unter welchen das Wasser rauschte, als wäre es fließend.
Die Ueberschwemmungszeit ist der Winter Egyptens und das Ueberschwemmungswasser der Winterschnee. Der Schnee ist auch Wasser, bloß gefrorenes. Wenn das Wasser abgeflossen, kommt der Frühling; so wenn der Schnee geschmolzen. Beide, Wasser und Schnee, decken das Erdreich.
Auf dem Rückwege wurde ich nur über drei kurze Strecken getragen, einmal vom Esel, dann aber vom Eseltreiber, weil jener das zweite Mal, gleich Anfangs, sammt dem Reiter, in den Schlamm stürzte.Siebente Stazion des Elendes.
Der Anblick Kairos und des Mokatam stimmten mein Herz zur innigsten Freude. Nach vierundzwanzigstündiger Abwesenheit war ich wieder in der Hauptstadt, die mich wie eine zweite Heimath ansprach. Die vierundzwanzig Stunden machen mir das Pyramidenland unvergeßlich. Diese Schilderung belehrt, daß zur Ueberschwemmungszeit an den Besuch der Pyramiden von Memphis (Gizeh) sich ungewöhnliche Mühseligkeiten knüpfen.
Es gibt nichts angenehmeres, als nach großen Anstrengungen wieder auszuruhen, und nichts Süßeres, als den Widerwärtigkeiten des Lebens aufrichtig zu zürnen. Es war mir ein Labsal, den ganzen Zorn auf die Wasser, die Führer und die Pyramiden zu entladen. Ich wollte über trockenes Land, da denn die mannigfaltigen Hindernisse der ausgetretenen Wasser; ich wollte zu rechter Zeit mich mit Speise und Trank erquicken, da denn die geschäftige Folter des Hungers und Durstes; ich wollte eine Wohnung unter Lebendigen, da denn das harte Ruhekissen der Pyramide in der wüsten Todtenstadt. Wie ein Kind, dem man einen Spiegel vorhält, nach seinem Bilde greift, so langte ich nach einer Reihe von Truggestalten. Wer kennt nicht die Gespenster, die unablässig sich bemühen, die arme Seele des Menschen irre zu leiten?