Der Geist der Christen.
Die heilige Stadt — welcher Wortmißbrauch. Man tadelt allgemein den Geist der Christen zu Jerusalem. Hier, wo man zum reinsten Christussinne aufgefordert werden sollte, wächst so viel Unkraut unter so wenig Waizen. Schlaffheit vertritt lebendiges Streben nach Wahrheit, Formenwesen geläuterte Begriffe, Pharisäismus religiöse Wärme. Man räumt dem Mohammetaner den Vorzug ein, ich glaube, mit Recht. Viele der verschiedenen christlichen Glaubensbekenner benehmen sich so unwürdig, daß man sich beinahe schämen möchte, ein Christ zu heißen. Eine weite Kluft unauslöschlichen Hasses gähnt zwischen den vielfarbigen Bekennern des Christenthums.
Die Griechen verdienen zuerst den Tadel. Um zu einem Zwecke zu gelangen, lassen sie keine Mittel unversucht. Manweiß kaum, wie man von Leuten denken soll, welche, wie die griechischen Priester, ausdrücklich berufen sind, Heiligthümer zu verehren, und an ihrem eigenen Heile zu arbeiten, und welche gleichwohl so viele Heillosigkeiten begehen. Daß sie vom Glauben an einen vergeltenden Gott durchdrungen sind, hält zu begreifen schwer, und wenn sie diesen Glauben noch hegen, so ist er ein schlechter, weil er mit der Annahme gepaart sein muß, daßder Glaube ohne Tugend selig mache. Ich will zwar nicht behaupten, daß es unter den griechischen Priestern nicht auch wackere Männer gebe; nur sind diese, nach übereinstimmenden Aeußerungen, nicht häufig.
Die lateinischen Priester sehen im Allgemeinen ziemlich alltäglich aus. Wenige liebten das lateinische Gespräche, und doch lesen alle dieMesse in lateinischer Zunge. Freilich begnügen sich manche Menschen dieses Schlages,in majorem Dei gloriamauf der Oberfläche herumzuschwimmen, ohne daß ihnen der Gedanke beifällt, in der Taucherglocke vom Grunde die Schätze heraufzuholen. Ich darf kaum bemerken, daß die lateinischen Mönche gemeiniglich alle Andersgläubige bemitleiden, weswegen man mir wohlmeinend rieth, ja nirgends den Protestantismus durchblicken zu lassen. Der rothbäckige Verwalter rühmte eines Abends die Gastfreundschaft des Klosters mit den Worten,daß es alle Franken beherberge, klopfe ein Katholik oder ein — — — an. Ich verzeihe dem guten Pater eine solche wenig würdige Sprache, für die ich Gedankenstriche, als die geeignetesten Schriftzeichen in unserer Zeit, wählte. Vom Pater Superior, unter dem TitelReverendissimus, spricht Jedermann mit Achtung.
Es befinden sich jetzt, wie man mich versicherte, zwei protestantische Missionarien, ein englischer und amerikanischer, in Jerusalem. Man lobt sie, und die protestantischen Fremden, wenigstens die Engländer, ziehen größtentheils ins Missionariat. Ich besuchte weder den einen, noch den andern. Hätte ich mich aber in der Stadt länger aufgehalten, so würde ich ihre Bekanntschaft gerne gemacht haben. Sie stehen, meines Wissens, mit den übrigen Christen in kaltem, jedoch in keinem feindlichen Verhältnisse.