Die Brautwerbung und die Hochzeit.

Die Brautwerbung und die Hochzeit.

Will der Jüngling oder Mann heirathen, so geht sein Vater, seine Mutter, sein Bruder, seine Schwester oder ein anderer Verwandter oder ein Freund zum Pfarrer, diesem das Vorhaben zu offenbaren, unter Bezeichnung des Mädchens, welches zuheirathen gewünscht wird.

Darauf begibt sich der Pfarrer zu den Aeltern des Mädchens, den Heirathsantrag zu hinterbringen, und Auskunft zu verlangen, ob man ihn annehmen wolle oder nicht, und sucht dann den Brautwerber in seinem Hause auf, um demselben die Antwort zu vermelden. Im bejahenden Falle schickt die Familie desjenigen, welcher den Heirathsantrag stellte, sich jetzt an, einen Gesichtsschleier (zu 30 bis 35Piaster) oder auch zwei Schleier nebst einem goldenen Fingerringe zu kaufen. Die weiblichen Mitglieder der Familie des Brautwerbers gehen, in Begleitung vieler Frauen, mit den eingekauften Kostbarkeiten zu der Familie des Mädchens, um sie diesem als Geschenk einzuhändigen. Bei dem Besuche benimmt sich die Holdselige ungemein schüchtern, sanftmüthig wie ein Lamm; keinen Laut läßt sie hören; sie ist rein wie ein Engel. Um so munterer sind die Frauen, welche auf Besuch kommen; sie lachen und scherzen und singen wohl auch.

Danach veranstalten die Aeltern des Mädchens einen Gegenbesuch in das Haus des Brautwerbers. Der Vater ladet Männer und die Mutter Frauen, nie aber unverheirathete Frauenzimmer ein. Im Hause des Brautwerbers treten die Männer in ein besonderes Gemach, und so die Frauen. Grüßend sagt man zu ihm: „Gesegnet,“ und diejenigen Frauen, welche sich nicht enthüllen, sagen es auch seiner Mutter. Das Mädchen bleibt eingezogen zu Hause. Die Gäste, wenigstens die Männer, vertreiben die Zeit mit Rauchen und Kaffeetrinken, mit Konfektnaschen und Plaudern.

Nach dem Gegenbesuche geschehen zwei Monate hindurch keine weitere Schritte, und zudem wartet man auf ein großes Fest, um der Braut ein Geschenk zu überbringen. Dieser Besuch, der dritte und letzte vor der Hochzeit, heißt auf arabischschỏfe(die Sicht), und ist der Vorbote baldigerVermählung. Das Geschenk hält an Werth von einigen hundert bis auf einige tausend Piaster. Es besteht aus ungeschnittenem und ungenähtem Kleidungsstoffe, so wie aus einem Kleinode zur Zierung der Stirne oder anderer Gebilde des Körpers. Die Reichsten ergreifen diesen Anlaß, um den Glanz ihrer Diamanten zu verbreiten. Es ist die Mutter des Bräutigams, welche, am erwarteten großen Feste selbst, das Geschenk der Braut überreicht und zwar so, daß sie unter spaßhaften Bemerkungen das Kleinod der Braut auf der gehörigen Stelle anlegt. Dasschỏfedauert etwa zwei Stunden.

Nun bereitet man sich zur Hochzeit vor. Die Aeltern des Bräutigams und der Braut besprechen den festlichen Tag. Vom Heirathsantrage bis zum Hochzeitstage verfließt gemeinhin ein Jahr, selten nur ein Vierteljahr. Dreimal kündigt der Pfarrer die Hochzeit ab. Am Sonnabende vor dem Vermählungstage wird die Reinigung durch die Bäder vorgenommen. Die Braut sendet, zum Zeichen der Einladung, an jede Frau ein Stück Seife. Bei Männern ist dieses Zeichen eine Kerze, umhüllt von einem Zettelchen, worauf der Karakter des Gastes (z. B. französischer Konsul, Schulmeister) geschrieben steht. Die Braut besucht mit den Frauen, der Bräutigam mit den Männern, die einen und die andern in gesönderten Schaaren, ein öffentlichesBad. An diesem glücklichen Orte bekommt die Mutter oder die Schwester des Bräutigams dieEntschleiertezu sehen, und sie mögen dann zu Hause dem Sehnsuchtsvollen die Entdeckung der Schönheit oder Häßlichkeit mittheilen. Darauf am Sonntagsabende gehen die einen Männer in das Haus des Bräutigams, die andern und die Frauen in dasjenige der Braut, wo sie sich in dasFrauenzimmerscheiden. Die Nacht wird in gespannter Erwartung hingebracht.

Um vier Uhr in der Frühe desMontag eröffnen Bräutigam und Braut, jener ein wenig voran, den großen hochzeitlichen Zug nach der Kirche unter dem Jubel von Schalmeien und Tambur und Pauken, selten von Geigen. Der Bräutigam sieht sich in dem Tempel zum ersten Male neben der künftigen Lebensgefährtin; noch aber ist ihr Antlitz dem forschenden Blicke ebenso unzugänglich, als von Anfang der Bekanntschaft oder, besser gesagt, der Unbekanntschaft an. Das ganze Gepränge der römisch-morgenländischen Kirche mag das Seinige beitragen, das Gefühl des Geheimnißvollen und des Ehrwürdigen zu steigern. Fragt der Priester am Altare die Braut um ihren Willen, so verbietet ihr die Schamhaftigkeit, ihn zu benicken. Wie gut ist, daß es in Fällen der Verzweiflung eine Erbarmung auf Erden gibt. Die Gevatterin, deren Wohlthätigkeit erst jetzt sich auf dasglänzendste bewährt, leiht den unentbehrlichen Arm der Hilfe; sie steht hinter der Braut und stößt das bräutlich geschmückte Haupt nach vorne, — — nur ja, weil einmal genickt werden muß, sei es aus freien Stücken oder aus Zwang. Williger entschließt sich der Bräutigam zum Jaworte, aber für kein ordentliches Weib, sondern für eine vermummte Gestalt, für ein Larvengesicht. Er erschaut vor sich einen mit einem rothen Schleier bedeckten Kopf und einen in ein weißes Gewand gehüllten Leib; der Reichthum an Gold mag etwa sein Auge blenden: aber kein Auge der Liebe strahlt ihm entgegen, kein Mund der Freude lächelt ihm zu. Ich möchte indessen den bescheidenen Zweifel äußern, daß eine solche beharrliche Strenge der Vermummungoftbeobachtet werde. Ich weiß selbst zu erzählen, daß ich, als ich ohne Anmeldung in das Haus des KonsulsDamianitrat, seine Tochter unverschleiert antraf, die sich dann freilich schnell entfernte. Wie ich einmal durch ein Gäßchen spazierte, begegnete ich einem verschleierten Frauenzimmer, welches im Augenblicke, da sie sich von Niemanden bemerkt glaubte, den Schleier auf die Seite schwenkte, um ihr schönes Gesichtchen zu zeigen.

Nach empfangenem Priestersegen ziehen die Neuverlobten ins Haus des Bräutigams, dieser zuerst. Sie und das Gefolge von Gästen genießen dort das Frühstück; reichwird das Hochzeitpaar von den Zeugen der Hochzeitlichkeit mit Worten gesegnet. Schon aber verläßt ein Theil der Gäste die Gesellschaft, es bleiben bloß noch die Verwandten, endlich nur die Frauen. Nun sitzt die Braut auf einem thronartigen Polster in einem besondern Zimmer, in welches die neugierigen Frauen treten. Derlei Dinge schmecken für sie viel zu süß, als daß sie nicht davon kosten sollten. Bis zum Throne der Unsichtbaren machen die Frauen eine Gasse. Schwere Augenblicke harren des Bräutigams. Man muß sich an ihm abmühen, daß er allen Muth zusammenfasse[10]. Da schreitet er mit kochendem Herzen durch die Gasse, und gleichsam in der Wuth streift er den Schleier von einer unschuldigen Jungfrau hinweg. Zum ersten Male erblickt derEhemanndas Antlitz eines jungfräulichen Weibes, dem er für die guten und bösen Tage des Lebens Treue geschworen hat. Mag ihn jetzt die Erwartung betrogen haben, es ist zu spät, er bekümmert sich nur umsonst; wurde seine Hoffnung erfüllt, desto glücklicher für ihn der Wurf des Spiels.

Wie der Schleier der Braut sich lüftet, fliegen alleSchleier der Zuschauerinnen auf die Seite. Es erhebt sich die enthüllte Braut, sie küßt eine Hand des Gemahls, beide lassen sich neben einander auf den Polster nieder und beobachten einige Minuten ein tiefes Stillschweigen, indeß der Bräutigam die Verheißene gleichsam ins Auge verschlingt. Damit endet das Fest für die neugierigen Frauen, welche sofort das Zimmer räumen. Die Verwandten dagegen bleiben bis Mittag, und erst nach dem Mittagsmahle kehren sie in ihre Wohnungen zurück. Jedermann gönnt dem Bräutigam und der Braut, daß sie sich von der schlaflosen Nacht erholen.

Nachdem der Mann seine Frau erkennt hat, thut er sich mit einem weißen und sie mit einem rosenrothen Gewande an.

Auf den siebenten Tag nach der Hochzeit wird der Schlußbesuch in das Haus des Ehegemahls veranstaltet. Die Frauen werden vom älterlichen Hause des neuverlobten Weibes eingeladen; die Männer gehen diesmal uneingeladen. Der Besuch ist den Geschenken für das neue Ehepaar gewidmet. Wenn z. B. die Frau A der Frau B das Geschenk P verehrt hat, und heirathet dann C, die Tochter der A, so gibt B das P zurück. Und kann man nicht mehr das Gleiche zurückerstatten, so zielt man auf ein solches Geschenk ab, welches dem Werthe eines der Familie früher verliehenen möglichst nahe kommt.

Die Schilderung trifft eigentlich die hiesigen eingebornen Christen, in den meisten Theilen aber überhaupt die christlichen Palästiner, in manchen sogar die Mohammetaner.

Das geheimnißreiche Vorgehen in der Heirath kann schwerlich auf den Beifall des Abendländers hoffen. Die Sitte der Verhüllung reihe ich unter die sonderbarsten Dinge, so fest sie eingewurzelt und so alt sie sein mag.Rebekkaverhüllte sich zwar vorIsaak(1. BuchMoses24, 65), doch nicht vor dem Liebhaber. Wenn der strengen Verhüllung, welcher das Mädchen vom reifern Alter bis zur Verheirathung wie einem Gesetze sich unterwirft, ein Lobesspruch gespendet werden soll, so kann man ihr oder doch der Vereinzelung der genau beaufsichtigten Jungfrau nachrühmen, daß Fehltritte beinahe bis zur Unmöglichkeit erschwert werden.

Noch besitzen die Aeltern in Palästina die erzväterliche Gewalt über ihre Kinder bei der Verlobung, wobei letztern der Athem des freien Willens fast gänzlich gehemmt ist. Doch mangelt es aus den Zeiten der Erzväter nicht an Beispielen, welche für eine gelindere Gesinnung sprechen. So fragten die Aeltern derRebekkain milder Weise, ob sie mit dem KnechteAbrahamsziehen wolle (1. BuchMoses24, 57 und 58). Zur Schließung des Ehevertrages gehört vor Allen dem Bräutigam und der Braut entscheidende Stimme.


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