Die Kirche des Christusgrabes.
Der Geist, in dem man die gefeierten Stellen besucht, darf weder zu zweiflerisch, noch allzu gläubig sein. Es unterliegt keiner Frage, daß mehrere große Ereignisse, deren die Schrift erwähnt, in Jerusalem und seinem Weichbilde sich aufgerollt haben; aber: Wo? — ob nun denn beim Fuß und Zoll hier und nicht dort, hüben und nicht drüben, oben und nicht unten, — das stelle man doch, bei der Fülle allwissender Ueberlieferungen und bei der Dürftigkeit an rein geschichtlichen Haltpunkten, in den heiligen Zufluchtsort der Menschenseele, ohne zu verunglimpfen oder — zu verketzern. Zur Annahme der Wunder selbst sich zu bekennen, gehört nicht einmal zur Recht- und Strenggläubigkeit im engernVerstande, damit auch nicht zur Ketzerei, so man anders dieses Wort hier gebrauchen darf.
Wenn der Anblick der Häuser für die Anstrengungen der Reise wenig Entschädigung verspricht, so überrascht hingegen aufs angenehmste die Kirche des Christusgrabes durch ihre Größe und den Adel ihres Baustyls. Der majestätische Dom rührt den Christen, zieht ihn an, ladet ihn ein. Die Kirche liegt unter dem Kloster des Erlösers und über der Omarsmoschee, ungefähr in der Mitte des Dreiecks, wenn man eine Linie vom Zion zum Bezetha, vom Bezetha zum Akra und vom Akra zum Zion zieht.
Es war an einem Montage, als ich den Tempel besuchen wollte. Ich ging mehr, denn einmal vergeblich zur Thüre. Indeß öffneten die Griechen dieselbe ebenso wenig ihren glaubensverwandten Pilgern, welche sich vor der Kirche in ziemlicher Anzahl versammelten. Tages darauf hatte ich die Freude, die Grabeskirche offen zu sehen. Ich trat hinein, und siehe, da hockten zur Linken zwei Türken in aller Bequemlichkeit auf dem Diwane, indem sie eine Pfeife rauchten und ihre lebhaften, schwarzen Augen sehr weltlich herumdrehten. Ehemals galt es als eine Art Begünstigung, wenn man gegen Erlegung eines Kopfgeldes das Christusgrab besuchen durfte. Ohne Anstand wird jetzt der Zutritt zu den Heiligthümern gestattet. Die Christen verdanken dieAbschaffung der mannigfachen Scherereien dem Bezwinger Syriens,Ibrahim-Pascha.
Hier bin ich nun im Tempel, der, nach der Behauptung der Gläubigen, sich über Golgatha und das GrabChristiwölbt. Wer zählt die Andächtigen, welche in dem Gotteshause schon Labsal tranken? Wer möchte aber auch die abscheulichen Auftritte des Parteihasses unter den verschiedenen Bekennern der christlichen Religion schildern? Gleich beim Eintritt in die Kirche fallen marmorne Steinplatten, nahe in der Mitte zwischen Golgatha und dem Grabe, auf. Dort sollChristusgesalbet worden sein. Wendet man sich links, d. h., gegen Abend, so sieht man eine über den Boden der Kirche und des Kirchenplatzes sich erhebende kleine Kapelle, welcher die Merkzeichen des Felsens oder der Felsenhöhle abgehen. Sie heißt Grabeskapelle. Wenn sie äußerlich nicht dem Künstler genügt, so mag sie doch den Freund irdischen Glanzes befriedigen. Der Eingang in das Innere ist so enge, daß nicht zwei Menschen neben einander durchkommen könnten. Darin wirddas heilige Graboder das GrabJesu Christiverehrt. Dem Eintretenden steht zur Rechten, als das Grabmal, ein platt gedeckter, etwa einen halben Fuß hoher, von Morgen gegen Abend gerichteter Sarg, aus weißem Marmor, worüber eine schwere Menge blendend funkelnder Goldleuchter hängt. Auf der andern Seite der Kirche, gegen Morgen, führt, wie es heißt,unter dem Kalvarienfelseneine Treppe in einen Keller, die KapelleAdams. Was ich aber von Golgatha und dem Grabe im wahren Grunde halte, werde ich später mit Umständlichkeit erörtern.
An der Wandung der Kirche wechseln viele Altäre. Die Lateiner besitzen eine besondere Kapelle. Lateinische Pilger weilen wohl auch drei Tage und drei Nächte in dem Tempel. Man bringt dannzumal die Speisen aus dem Kloster in die Küche der Kirche, um sie hier aufzuwärmen und zu vertheilen.
Die Griechen können unmöglich verbergen, daß sie über das Christusgrab den Meister spielen. Sie betragen sich sehr hochmüthig, und schauen mit Verachtung auf die andersdenkenden Christen herab. Es ist in der That eine wohlthätige Maßregel, daß dieMohammetaner in der ersten Kirche der Christenheit Polizei halten. Unzweifelhaft wären sonst die Zänkereien und Balgereien unter den Nazarenern des verschiedenen Kirchengebrauches weit häufiger und ernster. — Einige Gläubige konnten sich nicht oft genug niederwerfen und bekreuzen.
Vor und in der Kirche schwärmen zudringliche Bettler herum, die wahrhaft Aergerniß erregen. Neben denselben werden von Andern an der Kirchenpforte Kreuze und anderesante cose(Heiligthümer), z. B. der ausgeschnitzteChristusam Kreuze, feil geboten. Die Christen in Jerusalem sorgen gar wohl dafür, daß der Pilger, ehe er die Schwelle der Grabeskirche überschreitet, das Einmaleins wiederhole, und sich der vergänglichen Güter, des Geldes, erinnere. Es verdient doch wohl die Beherzigung eines Jeglichen, daß um den Baum eines zwar unerschütterlichen, aber nicht verdauten Glaubens an die Lehren aus dem Munde der Priester und Gesetzkenner — die Wucherpflanzen der Weltbegierde gerne ihre Netze stricken, wenn diese Priester und diese Gesetzkenner in ihrem Eifer vergessen, auf den Stamm des Glaubens die Zweige der Tugend zu pfropfen.
Ich kann mich vom GrabeChristinicht entfernen, ohne einer schaudervollen Begebenheit zu gedenken. Als um das Neujahr 1834 der FeldherrIbrahimdasselbe besuchte, entstand ein solches Gedränge, daß in der Kirche zweihundert Menschen vom Leben abgerufen wurden, ohne diejenigen in Rechnung zu bringen, welche an der Pforte im Gedränge sogleich oder später in Folge desselben starben. Ein Pater erzählte mir, wie er über die Todten wandeln mußte, und einen andern erschütterte das gräuelvolle Schauspiel so tief, daß er seither an Schwermuth leidet.
Und nun halte ich stille, um auf die Schädel- und Grabstätte zurückzublicken. Habe ich denn viel Lohnendeswahrgenommen? Wurden meine Erwartungen erfüllt? Ich will meiner Antwort einige Worte vorausschicken, in Erinnerung der Menge, von welcher die Jetztzeit unbedenklich des Unglaubens beschuldiget wird. Ich will zuerst Männer reden lassen, welche, nach der Volksmeinung, in der guten Vorzeit des Glaubens lebten. NachdemSalomo Schweigger, der Pilger des sechszehnten Jahrhunderts, die Heiligthümer Jerusalems angeführt, bricht er in das unumwundene Geständniß aus: Ich für meine Person habe all’ dergleichen Heiligthümer anders nicht gesehen, sind mir auch weniger zu Herzen gegangen, als das geringste Ding. Ich kann auchweniger davon sagen, als wenn ich nie wäre daselbst gewesen, ausgenommen das heilig Grab. So weitSchweigger, dem ich die Unparteilichkeit schuldig bin, seine Worte über dieses Heiligthum anzuführen. Das heilig Grab, spricht er, bedünkt mich aber kein erdichtet Heilthum, sondern in Wahrheit das GrabChristizu sein, in Ansehung, daß dasselbige ohne Schrecken undohn’ Entsetzen von Niemand, es seien Christen oder Türken,mag gesehen werden. Denn als ich’s gesehen, ging ich nicht dergestalt hinein, als hielt’ ich’s für das GrabChristi, sondern, wie alle anderen Heilthümer mir verdächtig waren, als wenn es nur erdichtete Heilthümer wären oder Geldnetze, also auch dies.Als ich aber hineinkam in das Gewölb, kam mich und auch die Herren aus der Gesellschaft solche Furcht und Schrecken an, daß uns alle Härlein gen Berg standen, und uns bedünkte, wir schwebten zwischen Himmel und Erden, ja als wären wir von der Erden verzuckt. Es erweckt auch eine solche herzliche Andacht und Eifer in uns gegenChristozum Gebet und christlicher Danksagung, daß’s über alle Maßen ist. Wie man eben vonSchweiggervernimmt, unterlag er am Christusgrabe einem so außerordentlichen Eindrucke, daß man seine Worte zwar nicht in Abrede stellt, aber doch kaum begreift, weil so Manche heutzutage dahin wallen, ohne über die Maßen ergriffen zu werden.Hans Jakob Ammann, der im Jahre 1613 das Christusgrab besuchte, drückt sich so aus: Auf jetzt beschriebene Weise wird dasheilig Grabgezeigt, undsiehet, der dahin reiset, von dem Orte des Felses, da Christus begraben, ebenso viel, als der, so gar nicht dahin kommt........ Ob man schon die Leute also bereden will, es sei das rechte in Felsen gehauene Grab, so hab ich doch das Widerspiel augenscheinlich gefunden, da ich mit einem Messer den Kalk zwischen den Fugen, da die marmelsteinernen Tafeln zusammengestoßen, herausgestochen, und keinen Felsen, sondern nur Mauern gefunden habe.
So sprachen vor JahrhundertenSchweiggerundAmmann, der eine gegen die Echtheit von Golgatha, der andere gegen die des Christusgrabes. Jetzt werde ich mich selbst bestreben, eine der wichtigsten Fragen aus der Ortsbeschreibung Jerusalems zu lösen.