Die Rekruten oder die Konskribirten.
Eines Abends überraschte mich nicht wenig ein Schauspiel. Einem Vortrabe zu Pferde folgte eine geschlossene Menge Männer. Es waren für den Kriegsdienst eingeschriebene Leute, schwarze, halbschwarze und weiße, paarweise so an einander gebunden, daß allemal die Rechte des Einen und die Linke des Andern in einer Art Hamen staken. Eine hölzerne Spange nahm in Kerben die Handwurzeln auf und, so viel ich erblicken konnte, war jene seitlich mit eisernen Schrauben versehen, wodurch zwei Spangen, als Handklemmen, festgeschlossen wurden. Ueberdies war mit einem Stricke ein Mann hinter den andern, wie ein Kameel hinter das andere, gebunden. Einmal führte ein Soldat einen Bauer am Gürtel des Bauches in die Stadt. Hinter ihm ging ein wehklagend Weib. In einem Hause von Jaffa war ein anderes Mal eine bedeutende Anzahl Ausgehobener einquartirt, und etwa fünfzig Weiber heulten und schluchzten vor demselben, die einen mit dem Säugling an der Brust. Noch nie drangen so viel und so trübe Wehklagen in mein Ohr.
Die Regierung machte mir einen langen Strich durch die Rechnung. Um größere Schiffe hier zu laden, muß man, wegen des unsichern Hafens, Meeresstille oder leisen Wind abwarten, wodann sie auf offener See von Kähnen aus befrachtet werden. Eben trat günstige Witterung zum Laden ein. Da hieß es, daß die Regierung zwei Schiffe befrachte, und alle Kähne in Anspruch nehme. Mein Schiffshauptmann mochte sich verwenden, wie er wollte, er durfte am Ende nur müßig zuschauen, wie nach Alexandrette Rekruten eingeschifft wurden. Unvergeßlich bleibt mir dabei ein rührender Auftritt. Ein Weib, in einem blauen Hemde voll Löcher und Lappen, kauerte am Hafen in einem Winkel; es weinte bitterlich und schluchzte bitterlich; es deutete, daß ein ihr Theurer, vielleicht ihr Sohn, zu Wasser weggeschleppt werde. Und andere Weiber standen da und weinten bitterlich über das Schicksal einiger Eingeschifften, bis die Polizei sie unschonlich verjagte. Ich konnte bei diesem Auftritte den Gedanken nicht daniederhalten: Es muß unter den häßlichen Lumpen auch noch zartes Gefühl sich regen; ein Mutterherz bleibt Mutterherz — bei einer Christin oder Mohammetanerin; unter den unscheinbarsten Lumpen pocht manchmal ein wärmeres Mutterherz, als unter Atlas und Sammet. Diese Wahrnehmung freute mich um so mehr, da ich bei den arabischen Mannsleuten eine ungemeine Gefühllosigkeit, zumal gegen die Thiere, zu bemerken glaubte.
Ich möchte das Gesagte durch Thatsachen erhärten. Als ich auf meinem Ausfluge nach den Pyramiden am Wasser lange warten mußte, hatte der Esel mit angelegtem Zaume unter den Hufen gutes Gras, das, wie mir däuchte, keinem Einzelnen, sondern aller Welt gehörte. Dem Treiber fiel es nicht ein, das Gebiß abzunehmen, bis ich ihn dazu ermunterte. Als ich ein Kameel ritt, welches von einem Insekte am Bauche gequält wurde, wollte ich dem Führer zu verstehen geben, daß er jenes von der Plage befreie; allein ich konnte ihn glatterdings nicht dahin bewegen. Wie ich von Ramle nach Jerusalem wanderte, überließ ich am Fuße des Juda dem Treiber das Maulthier sammt dem belästigenden Felleisen, und ich ritt den Esel, welcher keine Ladung weiter trug. Theils um dem Thiere Erleichterung zu verschaffen, ging ich sehr oft zu Fuß, und kam schneller davon. Ich dachte immer, der Führer werde mein Beispiel nachahmen. Es mochte der Weg noch so steil sein, der Stumpfsinnige saß auf dem langsamen Läufer, und ließ mich eher aus den Augen. So gefühllos können Araber sein, während die gemüthreichen Türken mit der herzlichsten Freude einen Vogel in seinem Käfich kaufen, um ihn von der Gefangenschaft zu erlösen.