Jerusalem.

Jerusalem.

Jerusalem oder Soliman, bei den Arabern El-Kots (die Heilige), liegt an einem ziemlich steilen Bergabhange. Der Berg beginnt eben sich schroffer zu senken, und es erheben sich die Mauern der Stadt, auf drei Seiten von einem tiefen und schmalen Thale, wie von einem Festungsgraben, umgeben. Die Natur war so zuvorkommend, um die Stadt zu befestigen, daß die Kunst aus Dankbarkeit ihren Theil beitragen sollte. Beinahe in der Mitte der Abendseite der Stadtmauern steht das Jaffathor (Bab-el-Kalil). Hier beginnt das Thal Gihon, streicht, den Berg Gihon zur Rechten, eine kurze Strecke gegen Mittag, und läßt kaum einen zum Theil verschütteten, zur Zeit wasserleeren Teich, den Teich Berseba (nachJonas Korte) oder Bethsabe (nach einem andern Schriftsteller), zurück, als es sich gegen Morgen wendet, unter dem Namen Gehinnon etwa eine halbe Viertelstunde weit, um links mitdem Thale Kidron oder Josaphat zusammenzustoßen. Das letztere Thal, von der Brücke an keine Viertelstunde lang, geht von Mitternacht gegen Mittag. In dem Thale Gihon fließt der Bach Gihon, und in dem Thale Kidron der Bach Kidron. Der Wasserüberfluß ergießt sich in den Lothssee (todte Meer). Also auf drei Seiten ist Jerusalem von einer Thalschlucht umfangen: auf der Bethlehem nähern Abendseite vom Gihon, auf der Mittagsseite vom Gehinnon und auf der Morgenseite vom Kidron. Indeß ist vom Jaffathor an gegen Mitternacht, wo die Stadtmauer gegen Sonnenaufgang umlenkt, gegen Emaus und vor dem Damaskusthore kein Thal, sondern ziemlich ebenes, aber rauhes Land.

Der Boden der Stadt ist uneben; im Allgemeinen neigt er sich nach der aufgehenden Sonne. Eine Felsanhöhe und zwei Hügel sind deutlich zu unterscheiden. Der Zion steigt von Mitternacht sehr sanft an. Desto schroffer stürzt er gegen die Bergthäler Gihon und Gehinnon. Zion nennen die heutigen Schriftsteller die Felsanhöhe im Winkel dieser Thäler. Das Thor, welches auf den Zion sich öffnet, heißt Zions- oder Davidsthor (Bab-el-Nabi-Daud), und man gelangt nicht geradenweges über die Schlucht Gehinnon zu der gegenüberstehenden Schluchtlehne Hinnon, über welche der Weg nach Bethlehem weiset, sondern man geht durchdas Zionsthor und das Jaffathor, bis man auf langem Umwege dem Zion gegenüber sich befindet. — Das Franziskanerkloster liegt im Nordwest der Stadt. Beim Neuhause geht es steil hügelan. Wenn man durch die Thüre von Mitternacht her zu ebener Erde eingeht, so muß man mehrere Treppenstufen hinuntersteigen, bis man auf der Südseite zu ebener Erde herauskommt. Selbst die Gasse südlich am Kloster fällt gähe gegen Morgen. Ich will den Liebhabern alter Namen die Freude nicht mißgönnen, diesen Hügel im Nordwest der StadtAkrazu benennen, ob er gleich, darf ich meinen Augen trauen, an Höhe den Zion übertrifft, welcher, wenn ich recht deute, einst die Oberstadt hieß. — Unter dem Akra, dem Josaphatsthale näher, im Nordwest der Stadt erhebt sich ein anderer Hügel. Der Bequemlichkeit willen in der Beschreibung und des geschichtlichen Anklanges wegen belege ich ihn mit dem NamenBezetha. Der Anfang der sogenannten Schmerzensgasse (via dolorosa) richtet sich in ziemlicher Neigung von Morgen gegen Abend, und von dort zieht eine andere Gasse auf der entgegengesetzten Seite und in entgegengesetzter Neigung von Abend gegen Morgen, nämlich gegen das Josaphatsthal. Unter den Stadtmauern durchgängig hat dieses Thal besonders gähe Wände. — Die MoscheeOmarssoll auf der FelsnadelMoriahstehen, wo der weise KönigSalomodie Baustelle für den Tempel kaum groß genug fand, weil sie, „überall gähe, gegen das Thal hing (Flavius Josephus)“. Die Felsnadel war längst abgetragen. Moriah steht von Mittag dem Bezetha gegenüber, wie der Zion dem Akra. Und die vier Anhöhen oder Hügel in Jerusalem heißen, nach den alten Urkunden, Moriah und Bezetha, Zion und Akra. Ich aber unterschied mehr nicht, als zwei Hügel; denn Zion ist eine Felsanhöhe, und der Name Berg verwirrt in der Sprache der Deutschen den Sinn.

Ich ermangelte nicht,Flavius Josephus, welcher nicht lange nachChristuslebte, so genau, als möglich zu vergleichen. Aufrichtiges Geständniß der Unzulänglichkeit im Verstehen fördert das Gedeihen der Wahrheit mehr, als unklare, anmaßende Vielwisserei. Wie man mich auch immer beurtheilen mag, ich gestehe frischweg, daß ich nicht im Stande war, das Dunkel völlig zu verdrängen, welches einige Stellen in der Lagebeschreibung des JerusalemersJosephusumschwebt. Mich spornt keine Lust an, gesehen zu haben, was ich nicht gesehen hatte. Denjenigen, welche sich mit der Erklärung behelfen, daß durch gewaltige Naturereignisse der Boden Jerusalems eine andere Gestalt angenommen habe, erwiedere ich mit den Worten: Warum ragen noch so merkwürdige Ueberbleibsel des hohen Alterthums in unser Zeitalter herein, hier der Brunnenin der Tiefe zwischen Moriah und Zion, jenseits am Kidron die Grabmale, dort außer der Stadt gegen Mitternacht die Grabhöhlen? Ich will allerdings die außerordentliche Zerstörung und Umwandlung Jerusalems gerne zugeben, und in Kraft dessen selbst bemerken, daß ich keinen einzigen von jenenganzenSteinen antraf, welche, nach der Geschichte, zwanzig Ellen lang und zehn breit waren. Man fragt mit Erstaunen: Wohin sind sie denn verschwunden? Wer hat sogar diese schweren Massen entführt oder zerstört? So wenig oder schwer ichFlavius Josephusverstehe, so treu und faßlich finde ich dagegen die Ortszeichnung des PilgersHans Jakob Ammann, welcher ihr mit den Schweizer-Wörtern „Halden“ und, dem „Tobel“ Josaphat gleichsam eine vaterländische Farbe auftrug.

Zur Zeit meines Aufenthaltes flossen in Jerusalem keine Bäche, weder der Kidron, noch der Gihon. Jener ist ein wildes Wasser bei stärkerem und anhaltenderem Regen.

Die Grundlage ist etwas röthlicher und so harter Kalkfelsen, daß er die Politur nicht versagt. An vielen Orten tritt er nackt hervor, und an andern überkleidet ihn eine dünne Schichte von Erde und vielen kleinen Geröllen. Der Boden ist demnach weder gut zur Weide, noch zum Anbaue. Mit Mühe sucht das Auge die Palmen, gleich wären sie aus Egypten hieher verbannt. Oel- und Feigenbäume, fastdie einzigen Stammgewächse, verdichten sich nicht zu Wäldern wie bei Gaza und Ramle, sondern stehen ziemlich einzeln. Von unausdauernden, wildwachsenden Pflanzen verbreiten mehrere einen gar angenehmen Geruch. An wenigen Stellen wird das Grün der Wiesen von den Steinen nicht unterbrochen. Wo man es erblickt, wirkt seine Lebhaftigkeit wohlthuend, und wenn man die Kühe darauf grasen sieht, möchte man in patriarchalischem Entzücken die Steine und Gerölle der Wüste vergessen. Langsam gleitet der Pflug an den Abhängen des Kidrons und Gehinnons. Derselbe ist einfach genug, daß er die Steingeschiebe oder die Schuttsteine nicht scheuen darf. Ein Eisen, das in die Erde wühlt, ein dünner Baum, welcher dieses Eisen hält und den Zugstrick aufnimmt, noch eine Handhabe hinten für den Ackermann, — das ist der Pflug unter dem Moriah, auf welchem ehemals der reiche Tempel des israelitischen Volkes stolz emporstrebte. In den Thälern, worin einst so heilige Stimmen hinauf zum Throne Jehovas erhallten, zittert jetzt die Luft von dem rohen Geschrei des Pflügers. Nicht allein der Strich gegen Ramle, wohl aber die ganze Umgegend trägt überhaupt das Gepräge der Unebenheit, der Zerrissenheit, der Kahlheit, der Unergibigkeit. Was ist nachsichtiger, als die Vaterlandsliebem welche die Häßlichkeit einer Gegend läugnen kann?

Der Himmel ist weit minder heiß, als in Kairo. Der Ostwind wehte kalt. Während des Sommers regnet es äußerst selten, und die strengern Wintermonate sind die eigentliche Regenzeit. In der regenreichern Zeit herrscht nasse Kälte und fällt manchmal Schnee[1]. Mir dünkt, daß die Einwohner, vorzüglich die Weiber, zu wenig gegen die Kälte sich schützen. Auch sind die Fensterscheiben eine Seltenheit, während sie doch zu Kairo in Menge vorgefunden werden.


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